Donnerstag, 22. Juli 2021

Great Women #267: Angelika Schrobsdorff

Ihr Buch "Du bist nicht so wie andre Mütter" habe ich seinerzeit zu Beginn der 1990er Jahre verschlungen, hat es mir doch einen weiteren, ganz neuen Aspekt des jüdischen Lebens in jenen nervaufreibenden Jahren der deutschen Geschichte vermittelt. Ihr eigenes Leben war nicht minder aufregend. Die Rede ist heute von Angelika Schrobsdorff.


"Es geht mir einzig und allein um Gerechtigkeit. 
Ich würde jedem unterdrückten Volk 
als Stimme zur Verfügung stehen, 
wenn ich noch die Kraft hätte."
( zum Thema Palästinenser )

"Es gibt kurze Momente des Glücks 
zwischen den langen, langen Durststrecken. 
Dafür lohnt es sich zu leben"

Angelika Schrobsdorff erblickt am 24. Dezember 1927 in Freiburg im Breisgau das Licht der Welt. Ihre Mutter Else Schwiefert, geborene Kirschner, 34 Jahre alt, Jüdin, verheiratet, von bürgerlichen Fesseln befreit und das Leben einer Bohemienne im Berlin der Weimarer Republik führend, Mutter zweier Kinder - Peter, geboren 1917, und Bettina, geboren 1922 - ist schwanger gewesen von Erich Schrobsdorff, dem Spross einer Berliner Großbürgersfamilie. Erichs Vater Alfred hat damals den Ruf eines "Baukönigs von Charlottenburg". 

Da seine Eltern zunächst nichts davon erfahren sollen, hat er seine Geliebte nach Lugano abgeschoben, wo sie die Geburt abwarten soll. Else ist von seinem Verhalten enttäuscht und entsinnt sich ihrer Prinzipien: Sie entscheidet selbst. So macht sie sich auf den Weg nach Berlin über Freiburg, als dort unerwartet die Wehen einsetzen. Daher der südbadische Geburtsort bei einer eigentlich waschechten Berlinerin!

Die ersten Lebensjahre verbringt Angelika mit ihrer Mutter und Geschwistern in Berlin-Wannsee, oft betreut von den zärtlichen Großeltern Kirschner, wenn Mutter Else mit Erich Schrobsdorff auf Reisen geht. 

Else Schrobsdorff mit ihren Kindern
Peter & Bettina Schwiefert und Angelika
(ca.1930)
Als das kleine Mädchen drei Jahre alt ist, heiraten die Eltern endlich und vom Wannsee zieht es in den Grunewald, wo es nun den Vater besser kennenlernt, den sie nicht mit der "wilden Klammeräffchenliebe lieben [konnte] wie die Mutter oder sich tief geborgen fühlen wie bei den Großeltern Kirschner...", denn Erich Schrobsdorff wahrt gern Form & Distanz, verhält sich betont vornehm, und wird von der Tochter später charakterisiert als einer "der am liebsten in seiner Bibliothek mit seinem deutschen Dichtern und Denkern saß." Seine kleine Tochter behandelt er wie eine Erwachsene und 
verwöhnt sie gerne mit materiellen Dingen.

Die Mutter hingegen ist lebenslustig, voller Wärme und Zärtlichkeit, "bei der ungestümer Jubel und verzweifeltes Weinen ganz nah beieinander lagen." ( Quelle hier ) Angelika wird sie später als "echt" charakterisieren, jemand der weder Selbstbetrug, noch Heuchelei oder Verstellung kennt. Auf jeden Fall ist sie als Frau ihrer Zeit voraus, gesteht sie sich doch alle Freiheiten, die sonst den Männer vorbehalten gewesen sind, zu.

Die Mutter scheint auf Dauer aber das Leben in der in ihren Ritualen und Traditionen festgefahrenen bürgerlichen Familie Schrobsdorff als zu einengend und belastend zu empfinden. Angelika fürchtet dann ihre Unausgeglichenheit, ihre cholerischen Anfälle und Zornesausbrüche. Und dennoch gibt ihr das Zusammenleben mit beiden Eltern den Halt, den sie als etwas "neurotisches Kind" ( O-Ton Schrobsdorff ) braucht.

Als sie mit fünf den Wunsch äußert, Gutsbesitzerin werden zu wollen, gibt das dem Vater den Anstoß, 1935 ein Landhaus in Pätz, südlich von  Berlin zu kaufen. Dort ist sie glücklich, hat sie doch Ponys und Hunde und alles, was sie je gewollt hat, und fühlt sich eins mit der Natur. Auch der Mutter tut die Freiheit von den preußischen Familienzwängen gut. Doch auf Dauer entfernt sie sich dennoch von ihrem Ehemann, und der ist enttäuscht von ihr, weil sie trotz geistiger Potenz immer ihren Gefühlen und Trieben verhaftet bleibt.

Angelika hingegen lebt ihr "kindliches, ahnungsloses Glück". Sie weiß nicht, dass ihre geliebten Großeltern Kirschner, ihre Mutter, Juden sind. "Die politischen und sozialen Veränderungen, die sich in Deutschland nach 1933 ergeben, bezieht die Familie einfach nicht auf sich und auch später hält "man dieses Wissen von mir fern, wie eine gefährliche ansteckende Krankheit.'" ( Quelle hier ) Erst später erkennt das Mädchen, dass ihre Eltern "Meister in der Kunst des Verschleierns" gewesen sind.

Erich Schrobsdorff nimmt den Nationalsozialismus nicht ernst und versichert seiner Frau noch nach der Machtergreifung: "Man lässt sich nicht auf die widerwärtige Denkweise des Pöbels ein."

Schon 1935 ist die Ehe der Schrobsdorffs eigentlich am Ende, und die Mutter zieht mit den Kindern wieder nach Wannsee. Die Tragik der Geschichte erfasst Angelika nicht wirklich, wird sie doch durch ein Geschenk des Vaters - ein Hund -  und einen Wellensittich von der Mutter abgelenkt. In der Wannseer Schule freundet sie sich dann auch noch ausgerechnet mit einem BDM-Mädel an.
Der einzige, der immer wieder Eltern wie Großeltern aus ihren Illusionen bezüglich der politischen Entwicklung und der Diskriminierung der Juden reißt, ist der inzwischen zwanzigjährige Peter Schwiefert, Angelikas großer Halbbruder. Von den Nazis als "Halbjude" klassifiziert, erklärt er sich schließlich 1938 als Jude und geht, in der Hoffnung nach Lateinamerika emigrieren zu können, zunächst nach Portugal. Das Land wird nur die erste Station einer Odyssee, die ihn in den Kriegsjahren über Griechenland, Ägypten, Syrien, Libyen, Tunesien und Italien schließlich nach Frankreich führen wird. Dort wird er sich als "fremder Volontär" in der französischen Freiheitsbewegung General de Gaulles verpflichten und wenige Monate vor der Kapitulation, zwei Tage nach seinem siebenundzwanzigsten Geburtstag, 1945 im Elsass umkommen. 
Doch so nach und nach dringt die tatsächliche Lage auch ins Bewusstsein von Erich & Else Schrobsdorff, spätestens als die Großeltern Schrobsdorff mit Parteiabzeichen auftreten und durchblicken lassen, dass man mit den Nazis im Geschäft bleiben will. Die Jüdin stört da.

Else verzieht sich mit den Kindern erst nach Pätz, sucht dann in der französischen Schweiz mit den beiden nach einer Zuflucht vor der doch immer deutlicher werdenden Gefahr. Es ist ein erster Versuch, im Ausland, fern von Berlin, zu leben. Weihnachten und Angelikas Geburtstag feiern sie dort gemeinsam mit dem Vater, bevor sie im März 1938 wieder nach Berlin zurückkehren.

Schließlich gibt Erich den Wünschen seiner Eltern nach und willigt in eine Scheidung ein. Weihnachten 1938 feiert man noch einmal  gemeinsam, im Januar wird aus Else Schrobsdorff Else Lingorska, denn sie hat den jungen Bulgaren Dimiter Lingorsky geheiratet, "den man zu diesem Zweck erst auftreiben und nach Berlin transportieren musste." ( Quelle hier ) Mit dem reist sie nach Bulgarien, um den Aufenthalt dort vorzubereiten, die beiden Mädchen bleiben zurück bei Erich. Der arrangiert eine Beteiligung an einer Import-Export-Firma dort, um Else und die Töchter vor Ort finanziell weiter versorgen zu können.

Angelika mit ihrem Vater Erich
(1939)
An die Zeit alleine mit dem Vater wird Angelika sich später an eine Zeit voller Ahnungen und dunkler Schatten erinnern, obwohl sie verwöhnt wird und die zwischen den beiden sorgfältig austarierte Distanz schwindet.

"Schlafwandlerisch" nimmt Angelika den Abschied aus Berlin und dem Haus ihres Vaters war, als sie sich schließlich gemeinsam auf "eine schöne, kleine Ferienreise" nach Bulgarien begeben. Reinen Wein schenkt ihr der Vater auch im Zug immer noch nicht ein. Erst nach gemeinsamen glücklichen Tagen am Schwarzen Meer erklärt er der Elfjährigen, dass sie so schnell nicht mehr nach Deutschland zurückkehren kann. Begreifen kann sie es nicht wirklich. 

Angelika mit Paul
(1940)
Sie isst jetzt kaum noch - nachvollziehbar, hat sie doch ein ganzes Leben verloren! Schließlich wiegt sie nur noch 28kg, bekommt Tuberkulose, und die Mutter, selbst entwurzelt und mit dem Aufbau einer neuen Existenz beschäftigt, sucht die Schuld bei sich und "verstört mit der eigenen Verzweiflung das Kind immer mehr." Als sich die Sorgen der Mutter dann wieder mehr um den Sohn Peter drehen und die Aufmerksamkeit von Angelika abgezogen wird, geht es mit dem Mädchen aufwärts. Eine eigene kleine Katze, Paul, trägt zur Gesundung bei. Er wird zum Ersatz für alles, was Angelika verloren hat. Eine Schule wird Angelika bald nicht mehr regelmäßig besuchen - auf insgesamt fünf Schulbesuchsjahre kommt sie in der Erinnerung - und sie wird später eine Autodidaktin erster Güte sein. Doch sie findet ihre erste beste Freundin, "die genauso verrückt, wenn nicht verrückter als ich [gewesen ist]. Und das hat mir auch sehr, sehr geholfen."

Diese gute Phase in Sofia dauert leider nicht sehr lange, denn durch den Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Bulgarien im März 1941 ändert sich die Situation erneut. Aus Berlin erfährt man, dass die Großmutter Kirschner deportiert worden ist ( sie wird 1943 in Theresienstadt ermordet ). Schließlich erfährt Angelika durch die Mutter Genaueres über die Judenverfolgung in Deutschland und den Hintergründen, von den Nazis und den anderen Deutschen wie ihr Vater. Dass sie nun auf der Seite der Verfolgten stehen muss, lässt sie schließlich die jüdische Seite wählen. Sie macht der Mutter deshalb Vorwürfe:

"Wenn du ein Mensch wie alle anderen wärst, wäre nicht passiert, was passiert ist. Also ist es schade, dass du Jüdin bist. Und weil du Jüdin bist und das alles passieren musste, bin ich ein armes Kind."

Das Leben in Sofia wird immer deutscher, und nun ist es noch wichtiger, die jüdische Identität völlig zu verbergen. So gerne würde die 14jährige sich mit den deutschen Soldaten an ihr vergangenes Leben in Deutschland erinnern! Doch sie weiß, was auf dem Spiel steht. Die 19jährige Halbschwester Bettina wiederum stellt demonstrativ ihre Verbundenheit mit den deutschen Besatzern zur Schau. Ihr um einiges älterer faschistischer Freund "Mizo" Stanichev bestärkt sie darin. Es entsteht eine etwas schizophrene Situation, weil dieser Mizo das Jüdischsein der drei mit dem Antisemitismus der Nazis nicht in Verbindung bringt. Das kann nicht gut gehen, und die Schwester fliegt nach einer üblen Szene mit der Mutter aus der Wohnung.

1942 treten auch in Bulgarien Judengesetze in Kraft. Doch es gibt einflussreiche Kräfte im Land wie den orthodoxen Metropoliten, den Zaren Boris III. und den stellvertretenden Parlamentspräsidenten, die den Abtransport der Juden nach Auschwitz stoppen. Die Folgen einer Denunziation der Geliebten des Scheinehemannes von Else kann dieser noch abwenden. Auch der Abtransport von Bettina in ein Arbeitslager in Deutschland kann durch eine übereilte Heirat mit Mizo 1943 noch einmal verhindert werden. Angelika selbst ist in dieser unruhigen Zeit eine noch unruhigere Pubertierende, die gegen die Mutter und die Realität rebelliert. Das undiplomatische, geradlinige im Wesen der Angelika Schrobsdorff, das sie ihr Leben lang unter Beweis stellen wird, zeichnet sich schon damals ab, auch ihre Beziehungsunfähigkeit, zu der sie sich später bekennen wird.

Als der Krieg mit seinen Bomben & Zerstörungen auch immer mehr auf Sofia übergreift, lässt sich Else mit Angelika am 24. Dezember 1943 von Dimiter Lingorsky mit vielen anderen Flüchtigen nach Buhovo bringen, einem ärmlichen Bauerndorf in Bulgariens Westen. Angelika, sechzehn Jahre alt, reagiert auf diesen erneuten totalen Umbruch mit einer völligen Lossagung von ihrer Mutter: "Denn sie lieben hieß leiden."

Die beiden Frauen finden Aufnahme bei einer achtköpfigen Bauernfamile, die ihnen das größere ihrer beiden Zimmer zur Verfügung stellt, denn sie sind ja ihre Gäste, und ihnen ohne Vorbehalte begegnet - für Angelika eine Offenbarung:

"Dort lernt sie, wie frei man leben kann, wenn man nicht an materiellen Dingen hängt. Wie nah man an der Natur lebt, und 'was Leben in seiner Ursprungsform ist, was Menschen, die aus dem Herzen leben, sein können. Nie zuvor und nie wieder danach habe ich so uneigennützige Großzügigkeit erfahren wie von diesen besitzlosen Bauern, nie eine so noble Haltung Fremden gegenüber, von denen sie nichts anderes wussten, als dass sie in Not waren, nie so eine echte und tiefe Anteilnahme.'"

1944, als Bulgarien Frieden mit der Sowjetunion schließt, kehren sie wieder nach Sofia zurück. Doch die Hoffnungen, die sie genährt haben, erweisen sich als illusorisch. Stattdessen müssen sie in einem abbruchreifen Dachgeschoss hausen mit entsprechenden sanitären Einrichtungen, zu essen gibt es noch weniger als in Buhovo ( dort wenigstens gutes Brot ). Als der Krieg endgültig vorbei ist, sind sie als Opfer des Nationalsozialismus dem Unrecht eines neuen Regimes ausgesetzt, Schwester Bettina wird als Deutsche für mehrere Wochen in ein Arbeitslager verschleppt, woraufhin Angelika immer woanders schlafen muss, was einmal auch zu einer Vergewaltigung führt. Als sie eine Stelle bei den amerikanischen Streitkräften erhält, wähnt die Mutter sie endlich in Sicherheit.

Dort lernt sie Engländer & Amerikaner kennen, geht mit ihnen tanzen, lässt es sich mit ihnen im "Grandhotel Bulgaria" gut gehen und geht fast zwanghaft eine Beziehung nach der anderen ein. 1946 heiratet sie den amerikanischen Offizier Ed Psurny und verlässt mit ihm, da er nach Deutschland versetzt wird, Bulgarien. Da ist sie keine zwanzig Jahre alt. 

Einher geht das wieder mit einigen Verlusten, die ihre Familie zu ertragen hat: Der Bruder ist in den letzten Kriegstagen gefallen, die Schwester fällt dem kommunistischen Bulgarien anheim, die Mutter verliert ihre Lebenslust und erkrankt an Multipler Sklerose. In Berlin ist das Imperium der Schrobsdorffs zerschlagen. Die junge Frau geht aus all dem hervor mit einer Identität als Jüdin und Frau eines amerikanischen Offiziers.

Es sind durchaus widerstreitende Gefühle in ihr vorhanden, als sie als Staatenlose am Frankfurter Flughafen landet. Auf den Anblick der Zerstörungen ist sie nicht vorbereitet, sie schwankt zwischen Mitleid mit den Menschen und dem Gefühl, dass das alles eine gerechte Strafe ist. Auch unter den amerikanischen Ehefrauen fühlt sie sich wie ein Fremdkörper. Mit dem Vater nimmt sie keinen Kontakt auf, weil sie ihm nicht verzeihen kann, eine neue Frau geheiratet zu haben. Es ist schließlich Erich Schrobsdorff selbst, der in Garmisch lebt, der ihr wieder die Hand reicht. In ihrem Buch "Die Herren" beschreibt sie später ihre Empfindungen beim ersten Wiedersehen: "Es hatte nie eine Trennung gegeben. Ich hatte mich nie von einem kleinen Mädchen zu einer jungen Frau entwickelt. Ich war nichts anderes mehr als sein Kind." 

"... ich wollte die belastende Existenz gewisser Dinge vergessen", deshalb erwirkt sie, dass ihr Mann sich nach München versetzen lässt, um in der Nähe des Vaters zu sein. 1948 kommt sie in den "trostlosen Schutthaufen" an und muss ausgerechnet in der Dachauer Straße leben. Drei Monate später kommt die von einer Gesichtslähmung geplagte Mutter aus Sofia dazu, wird alsbald von Erich Schrobsdorff aufgenommen und bis zu ihrem Tod von ihm betreut & versorgt werden. Angelika selbst kann sich der Situation nicht wirklich stellen und ist der Mutter kein Trost, die im Juni 1949 schließlich stirbt. Der Vater übrigens folgt ihr schon 1952.

Die Gegend um Garmisch sucht sie hingegen gerne auf, während der Ehemann im 220 Kilometer entfernten Grafenwöhr Dienst tut, was schließlich zur Entfremdung der Eheleute führt. Angelika nimmt Schauspielunterricht, gerät in die Münchner Filmszene und ebenso in eine Affäre mit einem österreichischen Schauspieler und Regisseur, der anderweitig liiert ist. Die Aussicht auf den Verlust eines doch recht angenehmen Lebens unter Amerikanern hält sie nicht ab, die Scheidung einzureichen. "Ich war aus den Armen meiner Befreier in die Arme meiner Verfolger zurückgekehrt."

"Ich habe mich sehr schnell verliebt und wieder entliebt. Also nach ein bis zwei Jahren war somit das Ziel erreicht..." Der nächste Kandidat ist Carl Hermann Ebbinghaus, ein zwar kluger, interessanter Mann, Journalist und Arztromanschreiber, aber unzuverlässig, ein Lügner, seelisch & körperlich grausam, unberechenbar - so erlebt ihn Angelika. Als die Beziehung schon fast vorbei ist, wird sie von ihm schwanger. Die Schwangerschaft empfindet sie als "den Zustand eines in sich geschlossenen Glücks." 1954 kommt Sohn Peter als Wunschkind zur Welt. Doch auf die Dauer bekommt die junge Mutter ihr Leben als alleinerziehende Schriftstellerin nicht wirklich auf die Reihe.

Neben zerstörerischen Männerbeziehungen trifft Angelika in jenen Tagen aber auch auf ihr wohlgesonnene Unterstützer, und so entwickelt sich durch den Kontakt zu Johannes Mario Simmel, für den sie Manuskripte mit zwei Fingern abtippt, der Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere am Ende der 1950er Jahre. Als sie über hundert Seiten Text zusammen hat, liest Simmel ihn und bringt sie bei einem Verlag unter.

Ihr Erstlingswerk "Die Herren" erscheint als Vorabdruck im "Stern", dann 1961 bei LangenMüller in der F.A.Herbigsverlagsbuchhandlung in München. Das Buch wird in Bayern als jugendgefährdend und antisemitisch verboten. "Der Spiegel" hat zum Buch in seinem leicht herablassendem Ton, der damals sein Stil gewesen ist, eine Kritik veröffentlicht:

"In dem autobiographisch anmutenden Erstlingsroman berichtet die Ich-Heldin Evelyn, gleich der Autorin etwa dreißigjährig, von den nicht wenigen Herren, die ihr seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs leidenschaftlich zugetan waren. Ein amerikanischer Offizier, der die deutsche Emigrantin in Bulgarien heiratet, ein Filmregisseur, der die naturalisierte Amerikanerin in München verführt, und ein Journalist, der die lustige Geschiedene zur Mutter macht, halten sich bei der unsteten Geliebten am längsten, müssen aber schließlich doch nachfolgenden Verehrern Platz machen. Der in lässigem und farblosem Stil verfaßte Schlüsselroman ist weniger ein Zeugnis moderner Prosakunst als ein Zeitdokument: Er bietet die intime Reportage von den ersten Besatzungsjahren im westlichen Teil Deutschlands."

Eine Frau mit Eigenleben, die sich sexuelle Freiheiten nimmt wie die Männer damals - das geht in der Adenauerrepublik eben nicht! 

Johannes Mario Simmel hat sich einmal dahingehend geäußert, dass Angelika Schrobsdorff ihr Leben lang "nur wahre Sätze" geschrieben hätte. Er trifft mit diesem kurzen Statement unbedingt den Kern der Schrobsdorffschen Prosa: Sie reißt die Leser*in mit jedem ihrer Texte in einen wahren Sog von leichtfüßigen und gleichzeitig tiefsinnigen Aussagen.

Weitere "leichtfüßige" Werke folgen: 1964 das nicht minder skandalöse Werk namens "Der Geliebte" mit weiteren Männergeschichten, 1966 "Diese Männer" ( später unter dem Titel "Der schöne Mann und andere Erzählungen") und 1968 "Spuren", dessen Protagonistin eine alleinerziehende Mutter eines sechsjährigen Jungen ist, Autorin mit Schreibblockade und frustriert vom Leben - das bedrückende Resümee einer Frau, die in den 1960er Jahren versucht ein unabhängiges Leben zu führen und dabei über ihre eigenen Erwartungen stolpert. Es folgt eine zehnjährige Pause, bis sie wieder etwas veröffentlichen wird.

Jerusalem 1962
Im gleichen Jahr, in dem ihr erstes Buch erscheint, reist Angelika auch zum ersten Mal nach Jerusalem und besucht dort eine zionistische Freundin ihrer Mutter, die 1936 mit ihrer Familie ausgewandert ist. Vom Auto, mit dem sie vom Flughafen abgeholt wird, sieht sie Jerusalem zum ersten Mal, und es ist Liebe auf den ersten Blick: "Und da wusste ich, dass ich unter meinesgleichen war." 

Sie fühlt sich heimisch in der Wohnung Ilse Yallons mit ihrer Mischung "aus importierten Abend- und geduldetem Morgenland" und in der familiären Herzlichkeit, die sie an ihre Kindheit erinnert. Doch selbst im jüdischen Staat zweifelt sie an ihrer eigenen Herkunft: "Was sollte ich denn sagen, als ich gefragt wurde? Dass ich ein deutscher Mischling ersten Grades bin? Das klingt doch abscheulich. Also sagte ich, ich sei Halbjüdin. Nein, schrien sie alle in Israel, das gibt es nicht. Also, wer bin ich?"  ( Quelle hier )

Ab da beginnt sie jährlich nach Jerusalem zu fahren, kommt von der Stadt nicht los, will aber auch ihren Sohn nicht aus seiner gewohnten Umgebung herausreißen ( er ist bei einer anderen Frau untergebracht ). Nach neun Jahren lässt sie ihn dann in der Obhut ihrer Schwester Bettina, die 1968 nach einem Besuch in Deutschland nicht mehr nach Bulgarien zurückgekehrt ist, und zieht in die Wohnung der Yallons, die zwei Jahre in den USA verbringen werden.

Kurz vor ihrem Umzug nach Jerusalem hat sie in München noch ihre mehrjährige "Beziehung" geheiratet, den Architekten Jürgen von Gagern. Doch schon bald lernt sie den Franzosen Claude Lanzmann kennen, Enkel osteuropäischer Juden. In ihrem Roman "Die kurze Stunde zwischen Tag und Nacht" ( 1978 ) beschreibt sie ihre erste Begegnung so: 
Claude Lanzmann (1985)
"Das, was mich an diesem Mann fesselte, war seine bemerkenswerte Unfreundlichkeit, mit der er jeder Konvention ins Gesicht schlug, und ein totaler Mangel an Schliff, der umso mehr auffiel, als man sofort erkannte, dass es sich hier um alles andere als einen groben Klotz handelte. Ich dachte mit eigentümlicher Ruhe und Klarheit: Das wäre der Mann gewesen."

Obwohl sie immer wieder betonen wird, dass sie nie geliebt hat, kann frau davon ausgehen, dass Lanzmann ihre einzige wirkliche Liebe sein wird, wie sie es im späteren Dokumentarfilm "Ein Leben lang Koffer" spontan bejaht. Die Beiden, fast gleichaltrig, beginnen eine heiße Affäre, und Angelika, nachdem sie merkt, dass sie nicht mehr "vielgleisig" leben will, bittet ihren Ehemann nach nur acht Monaten Ehe um die Scheidung.

Lanzmann ist in Jerusalem, um den Film "Warum Israel?" ( "Pourquoi Israel" ) zu drehen. Angelika unterstützt ihn nun dabei und vermittelt ihm viele Interviewpartner. Nach Beendigung der Dreharbeiten gehen sie gemeinsam nach Paris, wo der Film ein Vierteljahr nachbearbeitet werden soll. Daraus wird ein zwölfjähriger Aufenthalt. .

Doch heimisch wird Angelika in Paris nie. Sie fühlt sich als Außenseiterin, weil sie kein Französisch spricht und sich in seinem illustren Freundeskreis nicht angemessen an der Unterhaltung beteiligen kann, einsam, weil ihr Partner Tag und Nacht an seinem Film arbeitet, und von den Franzosen nicht angenommen, die ihr "kontakt- und herzlos, und außerdem schrecklich antisemitisch" vorkommen. 

Ihre Schriftstellerei liegt brach, und die in München doch so Selbstbestimmte, Unabhängige fühlt sich in die Rolle der Hausfrau gedrängt, muss doch abends ein mehrgängiges Menü auf dem Tisch stehen, dann braucht Lanzmann seinen Whisky, seine Ruhe seinen Schlaf, um Kraft für seine Arbeit zu schöpfen. Angelika leidet hingegen bald unter Schlaflosigkeit & Depressionen. "Dafür hat sie ihren Traum von einem Leben in Jerusalem nicht aufgegeben. Für Touristen mag Paris schön sein, meint sie, aber dort zu leben ist für Nicht-Einheimische sehr schwer." ( Etwas ähnliches habe ich in der Familie auch schon gehört. )

Mit Simone de Beauvoir
Sie verkehrt mit Lanzmann in den Kreisen um Sartre und Simone de Beauvoir ( auf letztere ist sie eifersüchtig, da Lanzmann eine Affäre mit ihr gehabt hat ), findet aber keine Berührungspunkte in dieser Intellektuellenclique, die ihr unflexibel und berechenbar vorkommt. "Ich habe nie so ein infames Lügennetz erlebt und wollte unter keinen Umständen dazugehören", sagt sie einmal später.

Immerhin wird die Beauvoir das Vorwort zum nächsten Schrobsdorffschen Werk "Die Reise nach Sofia" (1983) schreiben, eine beißende Ost-West-Satire, die in Sartres Zeitung "Les temps Modernes" veröffentlicht wird und nur deshalb wohl auch auf Deutsch herauskommt.

Zufällige Kontakte mit anderen Juden in Paris liegen Angelika mehr, und sie schätzt das alte Marais - Viertel, in dem sie ein Stück Heimat findet.

Sie, die immer die Reißleine gezogen hat, ehe eine Beziehung zu ernst wird, hat sich inzwischen in eine Abhängigkeit zu einem Mann begeben, der ihr gar nicht die Nähe geben kann, von der sie träumt. Ob Claude Lanzmann das alles wahrnimmt, ist nicht mit Gewissheit zu sagen. Aber er wird sie 2009 in seinen Memoiren "Der patagonische Hase" beschreiben als "die wohl schönste Frau ihrer Zeit".

1973 verbringen sie gemeinsam den Sommer in Jerusalem, und Lanzmann sammelt Material für einen neuen Film. Während der Premiere des ersten Filmes in New York, an der sie teilnehmen, bricht der Jom-Kippur-Krieg aus und Angelika drängt, nach Israel zurückzukehren, um an der Seite ihrer Landsleute zu sein, auch wenn sie eigentlich nichts zu den Kriegsanstrengungen beitragen kann. Am Ende des Krieges, im Oktober 1974, heiraten sie in Jerusalem, um dann wieder mit Lanzmann nach Paris zu gehen. Es sei ihm nicht zuzumuten, dass er ewig hin und her pendelt. 

Dort arbeitet Lanzmann wieder wie ein Besessener, nun an seinem neuen Film "Shoah", und die Spannungen zwischen den Beiden lassen Angelika nicht uneingeschränkt glücklich sein. Immerhin nimmt sie ihre Schriftstellerei wieder auf. Doch elf Jahre durchlebt sie wieder an der Seite ihres Mannes die "Endlösung der Judenfrage", die Shoah,  ein zweites Mal, nachdem sie diese hinter sich gebracht zu haben geglaubt hat. Und elf Jahre erträgt sie das intellektuelle Regime der Mandarine von Paris. Das kostet sie zu viel Kraft. Sie nimmt deshalb ihre jährlichen Auszeiten in Jerusalem wieder in Anspruch und führt ein nomadenhaftes Leben. Darüber beginnt sie jetzt zu schreiben. Das einzige, was sie immer begleitet, ist ihre Katze Bonni, ihre Schreibmaschine, eine Menora, ein Koffer mit Briefen, Manuskripten, Lieblingsbüchern, Fotos ihrer Familie. Das ist ihr eigentliches Zuhause in jener Zeit.

Dieses Herumwandern hält sie bis 1983 durch, dann ist ihre Ehe am Ende. Sie verlässt Paris in Richtung Jerusalem ohne Bedauern, ohne Zweifel. Diese Stadt empfindet die Schriftstellerin als 

"ein Sammelsurium an Weltanschauungen, Kulturen, Sitten, Sprachen, der Schauplatz jahrtausendealter jüdischer, christlicher, mohammedanischer Geschichten, Zankapfel dreier Religionen, so oft zerstört und immer wieder neu erstanden, so fragil und gleichzeitig unverwüstlich, eine Stadt der Hügel, der Wüste und des Lichts, eine Stadt der Furcht, der Hoffnung und der Melancholie."... "Wenn etwas in meinem Leben von Dauer war, dann war es meine Liebe zu Jerusalem."

Diese Liebe ist nicht ohne zwiespältige Empfindungen, sie ist nostalgisch, ja, zutiefst anti - modernistisch. Nach den großen Einwanderungswellen schwindet der zionistische, mitteleuropäische Einfluss in der Jerusalemer Kultur, womit in ihren Augen "eine Epoche des Geistes" zu Ende geht. Das erlebt sie besonders im Viertel Yemin Moshe, wo sie zuerst wohnt, das aber nach und nach der Gentrifizierung anheimfällt. Es entstehen Künstlerhäuschen dort, die man aber nur für ein Jahr mieten kann. Und dieser Mangel behindert, dass Angelika sich heimisch fühlen kann. Schließlich findet sie 1987 in Abu Tor, einem gemischt jüdisch- arabischen Viertel auf einer Anhöhe südlich der Altstadt, "ihr" Haus, in dem sie die nächsten 23 Jahre bleiben wird. Es dauert nur zwei Wochen, bis der Kaufvertrag aufgesetzt ist.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  

Sie ist begeistert vom Blick dieses Hauses übers Kidron-Tal in die Judäische Wüste, den hohen lichtdurchfluteten Räumen, den Blick von der Dachterrasse auf Felsendom, den Ölberg, arabische Dörfer, auf Täler und Höhen bis hin zu den Bergen Moabs, von deren Höhen einstens Moses und die Kinder Israels nach vierzig Jahren Marsch durch die Wüste auf das Gelobte Land heruntergeblickt haben sollen: "Der Inbegriff des Friedens" und: "Mein erstes wahrhaftiges Zuhause, seit ich als Kind Berlin hatte verlassen müssen."

1989 kommt "Das Haus im Niemandsland oder Jerusalem war immer eine schwere Adresse" ( später unter dem Titel "Jerusalem war immer eine schwere Adresse") heraus, in dem sie ihr Leben auf der grünen Grenze in Jerusalem reflektiert. Sie hat Freund*innen auf beiden Seiten und versucht mit ihrem Buch gegen den Konflikt zwischen Araber*innen und Juden und Jüdinnen und für Versöhnung und Toleranz anzuschreiben, der mit der Intifada zwischen den Israeli und den Palästinenser*innen 1987 ausgebrochen ist.

"Eines Tages, es war ein Sabbatvormittag, kam die Intifada als Geräusch in Angelika Schrobsdorffs Wohnzimmer Kriegsgeschrei, Polizeisirenen, Lautsprecherbefehle und ein langgezogenes Pfeifen, das in einer Explosion mündete. Qualm stieg auf, Tränengasbomben flogen, Autoreifen brannten, Jugendliche wurden verhaftet. Angelika Schrobsdorff begann aufzuzeichnen, was sie erlebten. Seit dem Golfkrieg, als sich die Bewohner von jüdisch Abu Tor vor den Scud-Raketen fürchteten und sich die Bewohner von arabisch Abu Tor klammheimlich freuten, ist auch den Friedfertigen im Ort das Verständnis für ihre palästinensischen Nachbarn abhanden gekommen." ( Quelle hier )
Ihre Illusion wie die ihrer Nachbarn ist geplatzt, mit wechselseitigem Kontakt und gegenseitiger Unterstützung gegen die Fliehkräfte entlang des großen nationalen und religiösen Grabens mitten in der Stadt ankommen zu können. Ist Jerusalem bislang die schönste Stadt der Welt gewesen, kommt Angelika jetzt auch die hässliche Seite Israels ins Blickfeld.

Es ist dennoch ein Phase großer Schaffenskraft: Angelika Schrobsdorffs kommerziell erfolgreichstes Buch, das allein als Taschenbuch fast 500 000 Mal verkauft und 1999 mit Katja Riemann in der Hauptrolle verfilmt werden wird, entsteht in dieser Zeit und kommt 1992 heraus: "Du bist nicht so wie andere Mütter" - ihre Liebeserklärung an ihre Mutter, diese außergewöhnliche Frau. 

Es folgen: "Jericho: eine Liebesgeschichte" (1995), "Grandhotel Bulgaria: Heimkehr in die Vergangenheit" ( 1997; zehn Jahre später wird der bulgarische Filmemacher Christo Bakalski in Anlehnung an dieses Buch den Dokumentarfilm "Ausgerechnet Bulgarien" drehen, der Angelika und ihre Familie porträtiert ) und 1999 "Von der Erinnerung geweckt" mit fünfzehn Erzählungen. Alle ihre Bücher werden lange nicht ins Hebräische übersetzt, doch in Deutschland erreicht die Autorin mittlerweile ein Millionenpublikum. Thomas Knauf schreibt hier, was ihre Bücher auszeichnet:
"Sentimentalität war nie Schrobsdorffs Stärke. Eitle Selbstbespiegelung und Indiskretion ebenso wenig. Mit brutaler Offenheit und beißendem Humor schreibt sie über sich und andere, wie es nur tief melancholische Menschen vermögen, die keine Illusionen über die Welt haben und deshalb nicht enttäuscht werden können." 
Die Schrobsdorff besteht allerdings darauf, nur für sich selbst zu schreiben und nie eine anonyme Leser*innenschaft vor sich zu sehen. Einen Teil ihrer Buchtantiemen verfüttert sie übrigens an eine gefräßige Meute von achtzehn Stadtkatzen, die vor ihrem Haus lungern, jede von ihnen hat einen Namen: Olga, Puschkin, Bella, Molly, Zillekind, Jelzin....


"... richtig mit Karacho" stürzt ihre Jerusalem - Liebe mit der zweiten Intifada  im Jahr 2000 vom Sockel:
"Ich bin politisch geworden. Ich bin ein Spätentwickler in allem, ein entsetzlicher Spätentwickler. Und mein Gefühl für Politik wachte eigentlich mit der ersten Intifada auf. Hielt sich aber in Grenzen, weil da kriegten die, die Araber genannt wurden, plötzlich einen Namen. Sie wurden die Palästinenser. Und sie wurden dies und das. Und ich dachte, ich war so wahnsinnig, ich dachte, es geht gut. Jetzt kriegen wir eine neue Politik. Denkste!... Und als ich dann merkte, wie die Sache lief und laufen würde,...  habe [ich], das ergab sich so, Stellung für die Palästinenser genommen, obgleich das in keinster Weise mein Volk ist. Und ich bin keine große Liebhaberin von Arabern oder irgendetwas, so etwas. Es ging mir nicht darum. Es ging mir um die Gerechtigkeit. Und ich wollte auch nicht Privilegierte sein, vom Mischling ersten Grades zur Privilegierten gleich aufsteigen. Und das war wieder ganz umgekehrt, hat es mich wieder furchtbar gestört. Na, und das wurde immer schlimmer bei mir, bis ich dann wirklich sehr extrem wurde." ( Quelle hier )

In "Wenn ich dich je vergesse, oh Jerusalem" ( 2004 ) verarbeitet sie als Autorin ihre Trauer und Betroffenheit über die Ungerechtigkeiten in Israel, aber auch ihre Liebe zum israelischen Volk und vor allem zur Stadt. Dennoch gilt sie im Land als Nestbeschmutzerin und Querulantin, mit einer jüdischen Mutter, die ihr Judentum verraten hat. Aber ausgerechnet das Buch über die Mutter ist das einzige, was ins Hebräische übersetzt wird. 

Konsequent und frei heraus, das ist ein Wesensmerkmal von Angelika Schrobsdorff, und das macht ihr das Leben in Jerusalem zusehends schwer. "Es stirbt sich bequemer in Berlin und leichter in der eigenen Sprache, wenn man schreibt", sagt sie sich schließlich 79jährig und kommt 2006 mit dreien ihrer Katzen in die Stadt, die sie vor 67 Jahren gezwungenermaßen verlassen hat. Vorher hat sie jährlich maximal zwei Wochen wegen der Verlage in Deutschland verbracht und zum Land ein gespaltenes Verhältnis.

Kulturell wie klimatisch fällt ihr das Einleben schwer. Eine ihrer Katzen läuft gleich weg, als sie ( zufällig ) eine neue Wohnung in der Nähe des Johanna-Platzes bezieht, wo sie nach etlichen Umzügen zuletzt mit dem Vater allein gelebt hat. Mit der Rückkehr nach Berlin schließe sich kein Kreis, betont sie. "Ich hatte immer Angst, hierher zu kommen. Es ist ja alles weg."... "Die alten Juden, die ich aus meiner Kindheit und Jugend kannte, das ist das Schönste, was es gibt für mich. Ich habe sie immer am meisten geliebt. Das ist alles kaputt gemacht worden." ( Quelle hier )

Freundschaften schließt sie mit Menschen, die zumeist aus Deutschlands Osten kommen, denn die zeigen Interesse, Offenheit und Wärme. Im Westen kommen ihr die Menschen vor wie Schaufensterpuppen und die Anglizismen stören sie mächtig.

Als Angelika Schrobsdorff aus Jerusalem nach Berlin zurückkehrt, nimmt Rengha Rodewill sehr schnell Kontakt zu der von ihr verehrten deutsch-jüdischen Schriftstellerin auf. Sie will der viel Gereisten eine Installation aus alten Koffern mit Bezügen zu ihrem kosmopolitischen Leben im Haus der Wannsee-Konferenz widmen. Doch daraus wird aus Platz-und Sicherheitsbedenken nichts, und Rengha Rodewill schreibt dafür eine Biografie.

Bis 2009 kann man Angelika Schrobsdorff noch oft auf Lesungen erleben, so auch bei der Eröffnung des 12. "Jewish Film Festivals Berlin Potsdam". "Bei ihren letzten Medienauftritten wirkt sie verbittert und unzugänglich. Mehrfach spricht sie vom Tod, dass sie sich ein schnelles Ende wünsche, aber von ihrer schrecklichen Vitalität daran gehindert werde, einfach zu sterben.

CC BY-SA 3.0 DE
Sie will keine "rückemigrierte" Literatin sein, die als jüdisches Opfer in Erscheinung treten muss, um gehört bzw. gelesen zu werden. Eigentlich will sie ihre Ruhe, gibt aber dennoch zahlreichen Journalisten Interviews, weil die doch "auch irgendwie leben müssen".

"Ich habe keine Worte mehr, ich bin einsam, leer, einsam, einsam, einsam", gesteht sie gegen Ende einem von ihnen. Und auch, dass sie sich ihre lange so freizügig gelebte Lust "abgeschnitten" hat, mit dem Alter hadert und unter Schreibblockade leidet. "Der Vogel hat keine Flügel mehr" heißt bezeichnenderweise ihr letztes Buch mit Briefen des Halbbruders Peter an die gemeinsame Mutter, das 2012 herauskommt.

Am 30. Juli 2016 stirbt Angelika Schrobsdorff nach langer Krankheit mit 88 Jahren in Berlin und wird neun Tage später auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee zu Grabe getragen, begleitet von ihrem letzten Ehemann und ihrem Sohn. Dort in Weißensee befinden sich die Grabstätten ihres Großvaters Daniel Kirschner und ihres Onkels Siegfried, der 1918 in Berlin an der Spanischen Grippe gestorben ist.

Eine "beharrliche Pessimistin" sei sie nach eigener Aussage gewesen, eine Frau mit zahlreichen Facetten, denn sie ist in vielen Dingen immer ambivalent. Dabei ist sie in ihrer Sprache ehrlich, ironisch ( und manchmal benutzt sie sie wie eine Waffe ) und macht ihre Bücher lesenswert, um sich in die Geschichte Europas, Israels und des vergangenen Jahrhunderts hineinzuversetzen, indem frau Angelikas Gefühle und Erfahrungen miterlebt. Ein Lesetipp!



6 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    wieder einmal ein beeindruckendes Frauenporträt...wieviel Recherche abermals darin steckt - danke dir dafür.
    Lieben Gruß, Marita

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  2. Dem Namen nach kannte ich Angelika Schrobsdorff. Ich finde es wunderbar, dass du die Namen mit gelebtem Leben füllst. Wieder eine spannende Biographie. Ein unstetes Leben einer interessanten Frau. Danke!
    Liebe Grüße
    andrea

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  3. Nur ihren Namen kannte ich, gelesen habe ich noch nichts von ihr.
    Ein wahres Durcheinander - emotional und örtlich - in diesem Leben, das sie hatte. Wie soll frau da einen Kompass bekommen?
    Sie war schön, das hat sicher einiges erleichtert und manches verschlimmert.
    Auf jeden Fall eine Biografie, die Du wieder einmal grandios aufbereitet hast. Danke.
    GLG Sieglinde

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  4. Natürlich kannte ich schon einiges über A Schrobsdorff, jetzt noch einiges mehr
    Meine Güte, was für ein Leben, welches Du wieder meisterlich zusammengefasst hast, was sich nicht ganz einfach war.
    Einen schönen wochenausklingenden Freitag und ganz liebe Grüße
    Nina

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  5. Ich lernte sie erst kennen, als sich der NABU nach der Wende eine zeitlang um das Anwesen in Pätz gekümmert hat... Bei einer sehr schönen Abendveranstaltung im beleuchteten Garten wurde aus ihren Texten gelesen. Ich bin mir nicht sicher, glaube aber, dass sie noch einmal on Pätz war. Was da inzwischen heute auf dem Grundstück los ist, weiß ich gar nicht... Pätz liegt 10 km von Prieros entfernt... Ein schöner Post wieder, liebe Astrid. Herzliche Grüße, über uns fliegen gerade die Freiberger Mauersegler ihre Runden, mit ihren typischen Rufen. Deshalb dachte ich an dich und bin mal wieder längs gekommen... P. kam spät, nun sitzen wir noch im Garten... Liebe Grüße zu euch nach Köln Ghislana

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  6. Höchsten Dank dafür! Mdme Schrobsdorff kommt auf die Leseliste! Ein nomadisches Leben mit vielen Facetten. Hier ging grad ein kleiner Wolkenbruch runter, nun scheint die Sonne wieder und vom Schulhof klingt das tack tack der Tischtennisbälle. Herzliche Grüße den Rhein runter! Eva

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, auch, wenn im Kommentar das Thema verfehlt wird...

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