Donnerstag, 4. April 2019

Great Women # 176: Bettina von Arnim

Ich tauche inzwischen bei meinen Porträts gerne mal tiefer in die Geschichte ein, denn wenn frau genauer hinschaut, entdeckt sie, dass es auch da schon immer Frauen gab, die ein erinnerungswertes Leben geführt haben. Die von mir heute Porträtierte kam in den 1980er Jahren wieder zurück ins Blickfeld durch die Frauenbewegung und war Gegenstand von Semesterarbeiten bzw. einer Promotion im Familienkreis, weshalb ich damals Einiges über sie mitbekommen habe. Heute vor 234 Jahren kam sie zur Welt: Bettina von Arnim.


"Ich selber zu bleiben, 
das sei meines Lebens Gewinn,
und sonst gar nichts will ich 
von allen irdischen Glücksgütern."

"Ich weiß, was ich bedarf! 
Ich bedarf, 
daß ich meine Freiheit behalte. 
Zu was?  
Dazu, daß ich das ausrichte und vollende, 
was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun."


Bettina von Arnim kommt also am 4. April 1785 als Elisabeth Catharina Ludovica Magdalena Brentano in Frankfurt am Main zur Welt.

Ihre Mutter ist Maximiliane von La Roche, Tochter der Schriftstellerin Sophie von La Roche, und ein Schwarm Goethes, Inspiration für die Charlotte Buff im "Werther". Sie wird mit 17 Jahren auf Wunsch der Mutter, die als Schwiegersohn keinen Dichter haben will, die zweite Ehefrau des verwitweten, 37 Jahre alten italienischen Kaufmannes und Kurtrierischen Geheimrats Pietro Antonio Brentano, bereits Vater von fünf Kindern - eine nicht unbedingt glückliche Verbindung. Brentano, ursprünglich vom Comer See stammend und Zeit seines Lebens mit der deutschen Sprache wenig vertraut, ist aber einer der erfolgreichsten Kaufleute Frankfurts, zunächst im Nürnberger Hof ansässig, ab 1777 im "Haus zum Goldenen Kopf" in der Großen Sandgasse. Im Jahr von Bettinas Geburt wird er Generaleinnehmer der Finanzen des Kurrheinischen Kreises und lebt deshalb die meiste Zeit am Hofe des Kurfürsten in Koblenz.
Maximiliane & Pietro Antonio Brentano

Bettina ist das siebte der zwölf Kinder, die ihr Vater und ihre Mutter gemeinsam haben. Die Mutter ist bei ihrer Geburt 28 Jahre alt und stirbt 1793 einige Monate nach der Geburt ihres zwölften Kindes mit siebenunddreißig. Die 9jährige Bettina kommt daraufhin 1794 mit ihrer älteren Schwester Gunda und den beiden jüngeren Lulu und Meline nach Fritzlar in das 1711 gegründete Ursulinenkonvent und bleibt dort bis 1798. Zu ihrer Zeit leben dort 20 Töchter aus gutem Hause.

Nach dem Tode seiner Frau übergibt Pietro Antonio Brentano seine Geschäfte seinen ältesten Söhnen und zieht sich nun völlig auf den Hof in Koblenz zurück, wo er ein drittes Mal heiratet.

Bettina, oft Bettine genannt, wird von ihren Geschwistern als "Kobold" beschrieben, von "turbulentem Wesen", das schwer zu beeinflussen ist, und gilt als "wetterwendisch": Sie ist ebenso schnell entflammbar wie sie auf Distanz gehen kann, feurig, aber auch spröde und kühl, wenn andere ihr nahe sein wollen.

Aber dieses Mädchen muss auch allerhand Verluste in frühen Jahren verarbeiten. Nach der Mutter verliert sie vier Jahre später den Vater und kommt schließlich in die Obhut ihres älteren Bruders Franz in Frankfurt, bis dann die Großmutter Sophie als Vormund der Kinder ihrer Tochter sie zur weiteren Erziehung nach Offenbach holt.

Selbstporträt
Bei der Großmutter, die sich der weiblichen Aufklärung im eigentlichen Sinne verschrieben hat, lernt Bettina Künstler, Gelehrte, deutsche Jakobiner und französische Emigranten kennen und erhält dadurch vielfältige Anregungen und entwickelt ihr Selbstbewusstsein. Bei der Großmutter stößt sie auch auf die Briefe Goethes an ihre Mutter Maximiliane und macht erste Bekanntschaft mit seiner Dichtung. In Frankfurt sucht sie dann auch häufig Goethes Mutter, Frau Aja, lässt sich alles aus der Kindheit des prominenten Sohnes  erzählen und steigert sich in eine übergroße Verehrung hinein. 1809 wird sie an Goethe schreiben: "... und was hast Du dagegen? – Dich zu lieben?"

1799 lernt Bettina die fünf Jahre ältere Karoline von Günderode kennen, die in Frankfurt in einem adeligen Damenstift lebt und gewinnt sie als Freundin. Mit ihr spielt sie Rollenspiele, in denen Karoline immer die Männerrolle übernimmt. Die Günderode ist der Meinung: "Die Männlichkeit und die Weiblichkeit, wie sie gewöhnlich genommen werden, sind Hindernisse der Menschlichkeit." Wegen einer komplizierten Beziehung zum Heidelberger Altertumsforscher Friedrich Creuzer bricht Caroline den Kontakt zu Bettina ab und nimmt sich bald darauf 1806 das Leben - erneut ein Verlust! 1807 stirbt dann auch noch die Großmutter und im Jahr darauf Goethes Mutter. Binnen kurzer Zeit verliert das junge Mädchen lauter für sie wichtige weibliche Bezugspersonen, kein Wunder, dass sie zur Einstellung gelangt: "Hinten und vorne steht der Tod, da muß man sich freilich das Leben herbeiziehen, um ihm zu trotzen." Eventuell eine Erklärung für Bettinas unerhörte Lebensintensität...

Um die Jahrhundertwende entwickelt Bettina dann einen innigen Kontakt zu ihrem sieben Jahre älteren Bruder Clemens, den sie in ihrer Kindheit so gut wie nie gesehen hat und der nun zum Objekt ihrer Schwärmerei wird. Sie treten in einen umfangreichen Briefwechsel, denn Clemens studiert in jener Zeit in Göttingen Philosophie. Bettina hingegen lebt überwiegend bei ihren Geschwistern in Frankfurt, wo sie Privatunterricht, u.a. in Kompositionslehre und Zeichnen, bekommt. Bruder Clemens gibt Impulse, stellt ihr Aufgaben, korrigiert sie und erprobt seine pädagogischen Ambitionen an der Schwester.

Clemens Brentano & Achim von Arnim
Es ist auch Clemens, der seinen Freund Achim von Arnim 1802 ins Frankfurter Haus einlädt, dem er von seiner Schwester vorgeschwärmt hat - nicht ohne Hintergedanken. ( So hat er - ein leidenschaftlicher Fädenzieher - schon den Freund Friedrich von Savigny in Frankfurt eingeführt. Doch der hat sich in die ruhigere gemeinsame Schwester Gunda verliebt und wird diese 1804  heiraten. )

Die so unterschiedlichen Temperamente  –  Bettina, extrovertiert, Achim eher introvertiert - lassen die Beiden sich nicht so nahe kommen, wie es sich der Bruder erhofft hat. Für von Arnim ist zu diesem Zeitpunkt die Rheinreise wichtiger, die er mit Clemens unternehmen wird. Anschließend bereist er die Schweiz, Oberitalien, lebt in Paris und London, reist nach Wales und Schottland. Seine weise Großmutter, die ihn und seinen Bruder Karl Otto nach dem Tod der Mutter aufgezogen hat, hat den Enkeln nach Abschluss des Studiums eine dreijährige "Kavaliersreise" zugestanden. Über Clemens werden Grüße an Bettina ausgerichtet und geheimnisvoll Briefe angekündigt, die aber nie geschrieben werden...

1809
gezeichnet von
Ludwig Emil Grimm
Nach der Heirat Clemens mit Sophie Mereau 1804 zieht Bettina zu ihrer Schwester Gunda und ihrem Mann nach Marburg, bei denen sie bis 1806 bleibt. Dann folgt sie ihrem Bruder Clemens, der inzwischen verwitwet und neu verheiratet ist, nach Kassel, von wo aus sie im Frühjahr 1807 Goethe zum ersten Mal besucht. Bettina ist begeistert von dem Literatur-Papst, und der von dem 22jährigen "Kinde". 1835 wird sie diese Erlebnisse in einem Briefroman verarbeiten.

1808 folgt sie Clemens und den Savignys dann nach München und Landshut, wo sie Musik studiert, sie lernt Geistesgrößen ihrer Zeit kennen, darunter  Ludwig Tieck und der jüngste Bruder der Gebrüder Grimm, Ludwig Emil, der sie auch zum Zeichnen ermuntert.

Doch wie geht es weiter mit Bettina und Achim von Arnim? Letzterer sieht die Unterschiede in beider Wesen und auch im Anspruch an die Liebe: "Was anderen Mädchen schon hohe Liebe wäre, ist für Bettinen Freundschaft, ihre Liebe aber muß etwas werden, wovon kein andres Mädchen etwas ahndet. Ich war ein freundlicher Ruf in ihre Einsamkeit..." ( Quelle hier )

1805 hält er sich wegen der gemeinsamen Arbeit mit Clemens an "Des Knaben Wunderhorn" in Frankfurt auf, und man nähert sich wieder an und schreibt sich ab da Briefe, freundschaftliche Mitteilungen, damit jeder Anteil am Leben des anderen haben kann. Der früheste Liebesbrief, der von Bettina erhalten ist, richtet sich denn auch nicht an von Arnim, sondern an Ludwig Tieck. Von Arnim selbst verliebt sich bei einem Aufenthalt in Königsberg in die Tochter seines Gastgebers...

Das Jahr 1810 bringt eine Zäsur, sowohl in Bettinas wie in Achim von Arnims Leben: Nachdem seine Großmutter verstorben ist, muss aus dem romantischen, umherreisenden Dichter ein Gutsherr und Landwirt werden, der ein großes Erbe anzutreten hat. Allerdings steht dieses Erbe unter einer Fideikommiss-Lösung, was eine Heirat notwendig macht. Und Bettina fühlt sich wieder einmal mehr bemüssigt umzuziehen und folgt ihrer Schwester und dem Schwager, den ein Ruf an die Universität in Berlin ereilt hat. "Ich bin wie eine Billardkugel immer dahin gelaufen, wohin ich den Stoß erhielt."

Nach ihrer Ankunft in Berlin widmet sie sich vor allem der Musik: Von 1810 bis 1812 ist sie Mitglied der Berliner Singakademie, einem angesehenen Chor unter der Leitung Carl Friedrich Zelters, sie nimmt Kompositionsunterricht bei Vincenzo Righini und betreibt erste Versuche, Goethes Texte zu vertonen. Zuvor hat sie in Wien schon Ludwig van Beethoven kennengelernt. Im Frühsommer macht sie dann mit den Savignys Urlaub in Bukowan/Böhmen, von wo sie auf der Rückreise Goethe wieder einmal aufsucht.

Achim von Arnim ist ebenfalls nach Bukowan gekommen. Es kommt zu einer Aussprache, und ein gemeinsames Leben wird in Aussicht genommen. Im Dezember 1810 verloben sie sich dann auch und werden am 11. März 1811 heimlich in der Wohnung des Berliner Hofpredigers getraut. Nach der Trauung tun beide so, als seien sie nicht verheiratet. Die Hochzeitsnacht verbringen sie - ganz romantischen Vorstellungen entsprechend - ebenso heimlich in Bettinas blumengeschmücktem Zimmer. Freund Clemens, mit dem von Arnim wohnt, erklärt der die nicht erfolgte nächtliche Heimkehr damit, dass ihm auf dem Heimweg schlecht geworden sei, so dass er in ein Wirtshaus habe einkehren müssen.

Mit ihren knapp sechsundzwanzig beziehungsweise dreißig Jahren sind die Beiden für die damalige Zeit recht alt für eine Eheschließung. Bettina hat sich lange gegen die Bindung an Arnim und die Lebensform der Ehe gewehrt. Es scheint, als haben sich nun alle Bedenken aufgelöst, und sie sieht nicht mehr ihre Bestimmung in der Rolle einer selbständigen Frau im kulturellen Leben ihrer Zeit ( sie hatte  sich zuletzt als Sängerin gesehen ).

Die Savignys erfahren das für sie zunächst Unglaubliche erst fünf Tage später. An Goethe schreibt Bettina dann im Mai:
"Es ist billig, daß man Menschen, die man liebt, in jeden Wechsel des Leben mit einführt, und doch wars so natürlich, daß ich so lange schwieg, mein Glück ist, daß ich nicht glücklicher werden konnte, als ich geboren war. - Ich wohne hier in einem Paradies! Die Nachtigallen schmettern in den Kastanienbäumen vor meinem Schlafzimmerfenster, und der Mond, der nimmer so hell geschienen, weckt mich mit seinen vollen Strahlen... und alles reihet sich glücklich aneinander." ( Quelle hier )
Herrenhaus Wiepersdorf heute
Im August 1811 machen die Frischvermählten Goethe in Weimar ihre Aufwartung. Dort nennt Bettina Goethes Frau Christiane in einer Auseinandersetzung eine "tolle Blutwurst". So kommt es zum Bruch, und der Dichterfürst kommentiert hinterher, dass er for sei , die "Tollhäusler" los zu sein.

Wohnsitz des Paares ist fortan meist Berlin, allerdings kann man von einem echten Zusammenleben nur während der ersten sechs Jahre der Ehe sprechen.

Im Mai 1812 bringt Bettina ihren ersten Sohn Freimund Johann zur Welt, im Oktober des darauf folgenden Jahres Siegmund Lucas. Drei Jahre nach ihrer Hochzeit übersiedelt die junge Familie nach Wiepersdorf, dem Arnimschen Gut, um dort von der Landwirtschaft zu leben. Doch im Gegensatz zu ihrem Einsamkeit gewohnten Mann hält es Bettina nur drei Jahre auf dem Lande aus. Sie zieht 1817 mit den Kindern - 1815 ist noch Friedmund, 1817 Kühnemund dazu gekommen - gänzlich nach Berlin zurück, eine durchaus ungemütliche Tagesfahrt mit der Kutsche von Wiepersdorf entfernt. 

Das ist ein für die damalige Zeit höchst unüblicher Schritt der nunmehr 33jährigen. Bettina begründet ihre Entscheidung ihrem Mann gegenüber u.a. mit den besseren Ausbildungsmöglichkeiten für die Kinder, doch der wahre Grund scheint ein anderer zu sein, wie es in einem Brief an die Savignys anklingt:
"Das Schreiben vergeht einem hier, wo den ganzen Tag, das ganze Jahr, das ganze liebe Leben nichts vorfällt, weswegen man ein Bein oder einen Arm aufheben möchte. Ich kenne kein Geschäft, was den Kopf mehr angreift als gar nichts tun und nichts erfahren; jeder Gedanke strebt aus der Lage heraus, in der man sich befindet, man fliegt und erhebt sich weit und mit Anstrengung über die Gegenwart und fällt um so tiefer, um so gefährlicher wieder zurück, daß es einem ist, als ob man alle Knochen zerschlagen habe." 
Drei weitere Kinder vergrößern in den nächsten Jahren noch die Familie: Maximiliane kommt 1818 auf dem Lande, Armgard 1820 in Berlin zur Welt, ebenso das Nesthäkchen Gisela sieben Jahre später. Die häufige räumliche Trennung bedingt den ausgedehnten Briefwechsel des Paares, aus dem der jeweilige Stand der Befindlichkeiten zwischen den Beiden gut abzulesen ist:

Noch vier Jahre nach der Eheschließung wird Bettina ihren Mann als "Lieber seidner Leib" ansprechen, es wird aber auch über die Erziehung der Kinder gestritten, übers Geld und immer wieder über den Wohnsitz. Bettina belastet das Gefühl, Mutter zu sein und bleiben zu müssen, denn ihr wird bewusst, dass sie nie im Leben mehr von dieser Verantwortung loskommen wird. Achim von Arnim plagt zusehends der "Gram unserer unglücklichen Hauswirtschaft". Bettina bewundert ihren Mann aber nach wie vor als Schriftsteller - ganz im Gegensatz zur Literaturkritik jener Tage, der sich der Dichterfürst in Weimar oder die - eigentlich eng befreundeten - Brüdern Grimm anschließen. 

1823 hat sich das vermeintliche "Traumpaar der Romantik" auch seelisch immer mehr auseinandergelebt. Von Arnim reist wieder viel, durchaus auch auf Initiative seiner Frau, und Bettina pflegt derweil intensiven Umgang mit jüngeren Männern, darunter Philipp Hössli, ihr "Hirtenknabe" aus Graubünden, Student bei ihrem Schwager Savigny, mit dem sie einen Briefwechsel über Malerei, Musik und Literatur und die Liebe, wie sie sie begreift, führt.

Während ihrer Ehe hat Bettina in erster Linie als Herausgeberin seiner Werke gewirkt: Als ihr Mann am 21. Januar 1831 in Wiepersdorf an einem Gehirnschlag stirbt, hinterlässt er eine Fülle von Dramen, Novellen, Erzählungen, Romanen, Gedichten und anderen Arbeiten. Der Witwe stellt sich eine enorme Aufgabe, der sie sich aber wohl gerne unterzieht, ist sie doch der Meinung, von Arnim würde die Menschheit "verschönern".

"Nach dem großen Entsetzen und dem Tränenstrom und der Erschütterung – das dauert drei, vier Wochen – er stirbt im Januar, im Februar ist sie bereits soweit, sagen zu können, dass sie jetzt ihr eigenes Leben beginnt.“ Als "drittes Leben" wird es Christa Wolff später bezeichnen:

Palais Raczynski (1876)
In ihrer Wohnung im Obergeschoss des Raczynskischen Palais Unter den Linden, die sie mit ihren drei Töchtern und dem jüngsten Sohn bezogen hat, unterhält Bettina einen Salon, den so intellektuelle Größen jener Zeit wie Dorothea und Caroline Schlegel, die Brüder Grimm, Alexander von Humboldt, das Ehepaar Varnhagen von Ense  oder Friedrich Schleiermacher, dem sie freundschaftlich verbunden ist, besuchen und durch den sie an Einfluss in der preußischen Hauptstadt gewinnt.

Erst jetzt tritt sie als Schriftstellerin und eigenständige geistige Kraft in Erscheinung: "Ich bin sehr glücklich, gibt es etwas Beseligenderes, als aus der Einfalt der früher gelebten Jahre wie aus dem Zentrum der Glut in neu geweckte Flammen aufzuschlagen", schreibt sie an Fürst Pückler. In den nächsten dreizehn Jahren wird sie fünf Bücher veröffentlichen. "Sie hatte immer zu schreiben,“ wird sich später Hermann Grimm an diese Jahre im Leben der Bettina von Arnim erinnern.

1833
Der Witwenstand ermöglicht ihr auch, ihr öffentliches Wirken zu verstärken: So engagiert sie sich beim Ausbruch einer Choleraepidemie in Berlin, ermöglicht Hilfsmaßnahmen und pflegt Kranke - keine Selbstverständlichkeit für eine Baronin!

Im Frühsommer 1835 kommt ihr jüngster Sohn Kühnemund bei einem Badeunfall in der Spree ums Leben. Im selben Jahr debütiert Bettina, nun fünfzig Jahre alt, als Schriftstellerin mit dem Band "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" - ein Verkaufserfolg, der das Goethe-Bild der nächsten Jahre, besonders unter den Romantikern, stark prägen wird.

Goethe urteilt, indem er über die Schriftstellerin schreibt: "Sie ist das wunderlichste Wesen von der Welt, unglücklich zwischen dem Italienischen und Deutschen hin und her schwebend, ohne Boden fassen zu können; sie habe eiserne Beharrlichkeit in dem, was sie einmal nach ihrer Art ergriffen habe, und dann mittendrin wieder die unsichersten Launenblitze, von denen sie selbst nicht wisse, wo sie hinfahren."

Durch das Goethe-Buch wird Bettina von Arnim nun richtig berühmt bis über die deutschen Grenzen hinaus und entfesselt einen wahren Strom von Besuchern, der ihren Salon flutet. Bald schart sie auch eine Reihe junger Menschen um sich.

Sie nutzt ihr Renommee, um noch stärker politisch wirksam zu werden. So setzt sie sich für die Wiedereinstellung der in Göttingen entlassenen Brüder Grimm ein. Durch ihre geschickte Informationspolitik bringt sie das Umfeld des Königs derart unter Druck und in Bewegung, dass Friedrich Wilhelm IV. schließlich nach seiner Inthronisation 1840 die beiden Grimms als Universitätsprofessoren nach Berlin holt. Es ist das Jahr, in dem sie - 34 Jahre nach dem Suizid der Freundin - einen Briefroman mit dem Titel "Die Günderode" in zwei Bänden veröffentlicht.  

Die drei Töchter Bettina von Arnims: Maximiliane, Armgard und Gisela


1843 gibt sie die fiktiven Gespräche zwischen der Mutter Goethes, Frau Aja, und der Mutter des Königs, Königin Luise, heraus ( "Dies Buch gehört dem König" ), adressiert an Friedrich Wilhelm IV., den Bettina ja noch als liberalen Kronprinzen kennengelernt hat, als sie sich für die Menschen in den Berliner Elendsquartieren bei ihm eingesetzt hat. Da der Text erhebliche sozialkritische Ansätze enthält, sie eine Verfassung, Pressefreiheit und soziale Reformen fordert, wird das Buch in Bayern, eine gekürzte Fassung auch in Preußen, verboten. 

1844 plant Bettina eine große Dokumentation zur Armut - "Das Armenbuch" - hat sie doch dazu schon viel empirisches Material vorher gesammelt, indem sie deutschlandweit in Zeitungen dazu aufgerufen hat, ihr Berichte über die soziale Situation zu schicken. Die Veröffentlichung unterbleibt wegen des Weberaufstandes in Schlesien, den man auch ihr in die Schuhe zu schieben versucht. Sie wird auch als "Communistin" verunglimpft, weil sie den Frühsozialisten nahesteht ( 1842 soll sie sich mit Karl Marx getroffen haben ), ist jedoch zugleich eine Anhängerin der Idee eines "Volkskönigs". Nunmehr Zielscheibe der Zensur, gründet Bettina ihren eigenen Verlag, die Arnimsche Verlagsexpedition, denn "nur in der Freiheit, in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben."

Die Briefe an den Bruder Clemens, der 1842 verstorben ist, und die ihre intensive Beziehung widerspiegeln, werden unter dem Titel "Clemens Brentano's Frühlingskranz, aus Jugendbriefen ihm geflochten" ebenfalls 1844 publiziert. Wie in all ihren Briefromanen ist auch hier die Grenze zwischen Dichtung & Wahrheit fließend, aber vieles darin scheint wahrscheinlich. 

Bettinas letzte Wohnung in Berlin, Unter den Zelten 5
Welch unbeugsamer Geist Bettina ist, zeigt sich an einer Episode von 1847: Im Rahmen ihrer Verlagsgründung wird sie vom Magistrat der Stadt Berlin aufgefordert, als Gewerbetreibende das Bürgerrecht der Stadt zu erwerben. In ihrer Antwort betont sie, dass sie weder Buchhändlerin noch Gewerbetreibende sei, das Bürgerrecht jedoch gerne als ein freiwilliges Ehrengeschenk der Stadt annehme. Ein halbes Jahr später teilt man ihr mit, der Magistrat sehe keine Veranlassung zu einer Ehrenbezeugung wie der Verleihung des Ehrenbürgerrechts. Daraufhin ein Antwortbrief ihrerseits, der betont, dass sie doch die Angelegenheit klüger und weiser beurteile, als der Magistrat. Das wird nun als grobe Beleidigung aufgefasst und ein Prozess veranlasst, in dem Bettina zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt wird, der Höchststrafe, die eine Adelige erhalten kann. Die Sache macht dermaßen viel Wind, selbst im Ausland, dass das Urteil eingestellt wird. Schwager Savigny, immerhin inzwischen Großkanzler und preußischer "Minister für Revision der Gesetzgebung", der sich ebenfalls in die Sache eingemischt hat, bekommt als "Herr von Leisetritt"  auch sein Fett weg...

Die Ereignisse von 1848 erlebt Bettina in Berlin. Als Befürworterin und Anhängerin der Revolution ist sie enttäuscht über deren Scheitern. Im gleichen Jahr gibt sie anonym eine Polen-Denkschrift ( "An die aufgelöste Preußische National-Versammlung" ) heraus. Zuvor hat sie sich schon für den polnischen Freiheitskämpfer Ludwik Mieroslawski eingesetzt, der 1847 zum Tode verurteilt und schließlich zu lebenslänglich begnadigt worden ist. Auch für die Freilassung des Revolutionärs Gottfried Kinkel ( siehe auch dieser Post ) verwendet sich Bettina. 

1859
In der 1852 erschienenen Fortsetzung von "Dieses Buch gehört dem König" - "Gespräche mit Dämonen" - fordert Bettina schließlich die Gleichstellung der Frau sowie der Juden auf politischer Ebene, setzt sie sich für die Abschaffung der Todesstrafe ein und macht dem König den Vorschlag, er solle die freiheitlich-demokratischen Tendenzen fördern und endlich ein Volkskönig werden, statt sein Volk, weiterhin in bitterer Armut darben zu lassen. Damit begibt sie sich ohne Angst und Zweifel in die gefährliche Rolle der Staatsfeindin, die überwacht und angefeindet wird. Auch dieses Buch wird in Bayern verboten, eine verkürzte Fassung auch in Österreich. 

Bei einem Besuch der seit einem Jahr dort verheirateten Tochter Maximiliane in Bonn erleidet Bettina 1854 einen Schlaganfall, von dem sie sich nicht mehr wirklich erholt. Am 20. Januar 1859 stirbt sie im Kreise ihrer Familie in Berlin. Sie wird in Gut Wiepersdorf/Bärwalde begraben.

"Ihr Herz ist noch besser als sie sich anstellt, und ihr Geist ist einer, wie ihn Gott nicht häufig auf die Welt schickt", schreibt Wilhelm Grimm über sie, die schon bei der Großmutter gelernt hat, keine weibliche Bescheidenheit im Umgang mit den Großkopfeten an den Tag zu legen, die Rückgrat hat, die die allererste Regel für die Weiblichkeit ignoriert und den Herren auf Augenhöhe begegnet. Ihre Zeitgenossen bewunderten oder belächelten sie als exzentrische Baronin, die emotional hoch aufgeladen und vom Tatendrang beherrscht war und die - ihrer Zeit voraus - die Idee von sozialer Gerechtigkeit verfolgt hat.

Zu ihrem 200. Geburtstag im Jahre 1985 wird die Bettina-von-Arnim-Gesellschaft gegründet, die sich zum Ziel setzt, Leben und Werk der Autorin bekannter zu machen. In Folge wird mal die eine Seite der Dichterin  - "Sybille der Romantik", "Dichtermuse" -, mal die andere - "Vorrednerin", "politische Publizistin", "Verfechterin der Menschenwürde" -  stärker hervorgehoben, mal ist sie bekannter als Brentanos Schwester und Arnims Frau, mal aufgrund ihrer eigenen Laufbahn. Eine komplexe Persönlichkeit halt, wie mir meine Beschäftigung mit ihr, fünfunddreißig Jahre nach dem ersten Mal, deutlich gemacht hat.

10 Kommentare:

  1. So viel Ereignisse dieses interessanten und aufregenden Lebens hast Du wieder in Deinen wunderbaren Beitrag gebracht über eine so interessante Frau. Viele Namen, die man aus dieser Zeit kennt und doch nicht genug kennt. Immer wieder, wenn ich einen neuen Beitrag über eine besondere Frau bei Dir lese, denke ich, wie langweilig doch das eigene Leben ist...
    Liebe Grüsse
    Nina

    AntwortenLöschen
  2. Eine beeindruckende Frau, die freilich viel anecken musste. Auf jeden Fall ein Vorbild dafür wie Frauen auch sein konnten zu dieser Zeit. Aber finanziell leisten musste frau es sich können. Nicht selbstverständlich, dass sie es sich nicht in einem goldenen Käfig bequem gemacht hat als Baronin. Sie war sicher eine geborene Salonière.
    Da wäre ich gern mal eingeladen gewesen.
    Du hast sie wunderbar plastisch vorgestellt und ihre vielen Seiten mit hoher Wertschätzung beschrieben. Ein feines Geburtstaggeschenk für Bettinen.
    Danke sagt Sieglinde.

    AntwortenLöschen
  3. ein weitergeleiteter Kommentar von meiner Mama:

    Liebe Astrid,

    die 176.te, wieder ein ganz besonderes Leben das Du uns da aufgezeichnet hast. Mir fehlen dazu einfach die Worte. Danke dafür, was würden wir alles nicht durch Dich lernen und erfahren dürfen, wenn Du Dir nicht diese Mühe machtest uns zu unterrichten.

    Liebe Grüße von der Helga

    AntwortenLöschen
  4. Wieder eine interessante Biographie. Ich war zwar schon öfter in Wiepersdorf - ist ja gleich um die Ecke -, aber dass sie dort begraben liegt, wusste ich nicht. Beim nächsten Besuch werde ich mal danach schauen.
    Lieben Gruß und einen schönen April
    Katala

    AntwortenLöschen
  5. Eine tolle Frau mit einem bemerkenswerten Leben. Das war wieder ein ganz kurzweiliges Lesen. Vielen Dank für das mühsame Zusammenstellen. Und nun weiß ich sogar, was eine Fideikommiss- Lösung ist, den Begriff hatte ich noch nie vorher gehört. Beste Grüße von Rela

    AntwortenLöschen
  6. Als Berlin-Brandenburgerin eine mir natürlich ganz Vertraute. Schön sie bei dir hier so umfassend gewürdigt zu finden. Die Salons haben mich immer fasziniert... Und Wiepersdorf... Herzlich danke und liebe Grüße, auch dem von dir wieder so toll Behemdeten! Ghislana

    AntwortenLöschen
  7. Da hab ich in Marburg studiert und oft das Schild an ihrem Wohnhaus gelesen, aber so richtig viel gewusst habe ich nicht über sie (wie ich jetzt erst richtig merke). Vielen Danke für die Mühe, lg Maren

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Astrid,
    wieder ein sehr schönes und gutes Porträt, das mich sehr beeindruckt. Danke dafür! Und wieder habe ich auch etwas gelernt.
    Ich wünsche Dir nochmals ein schönes Wochenende.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    AntwortenLöschen
  9. Ich habe bis jetzt nur Ausschnitte ihres Lebens gekannt. Interessant, wie immer, liebe Astrid .

    AntwortenLöschen
  10. Wie wunderbar Du wieder die Bruchstücke, die mir bekannt waren, zu einem spannenden Ganzen zusammengefügt hast. Da schaut man gleich danach weiter zum Leben ihrer Mutter und Großmutter...
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen

Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass dieser und die personenbezogenen Daten, die mit ihm verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Auch wenn Google es nun begünstigt, anonym zu kommentieren, wünsche ich persönlich mir nach wie vor, dass ein Name am Ende des Kommentars steht. Eine Kommentarmoderation behalte ich mir, auch aus diesen Gründen, vor.