Montag, 3. August 2026

Bücherlese Juli 2026

"Sollen andere sich ihrer geschriebenen Seiten rühmen; 
ich bin stolz auf die, die ich gelesen habe."
Jorge Luis Borges
"Werke sind schließlich klüger als die, 
die sie geschaffen haben."
Carsten Brosda 
"Dichten ist keine Tätigkeit, 
sondern ein Zustand." 
Robert Musil 
"Dies Buch ist für die Guten, nicht für die Bösen"
Bettina von Arnim,
Vorrede ihres Werkes "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" von 1835

Weil Manuel Gasser, der Literaturkritiker mit dem YouTube-Kanal "Literatur ist Alles", immer so von ihr schwärmt, habe ich mir mal Liz Moore und ihren Roman "Der andere Arthur" auf meinen Reader geladen, der schon einige Zeit auf meiner Liste steht. Dieser Roman von 2012 ist der zweite der Autorin, aber erst 14 Jahre später auf Deutsch publiziert worden, wohl anknüpfend an den Erfolg von "Der Gott des Waldes". Doch dieses Buch ist kein spannender Thriller wie letzteres, sondern ein ruhiger, stellenweise auch gleichförmiger Roman über verpasste Beziehungen, über Scham und Selbstlüge, aber auch Selbstbehauptung, über die Einsamkeit und die Rückkehr zum eigenen Selbst. 

Die Autorin fällt mit ihrem Roman-Auftakt dann auch gleich mit der Tür ins Haus und das ganze Übel ist schon mal umrissen, denn man/frau kriegt ja genug mit, was die lieben Zeitgenossen von solchen Mitmenschen halten: "Das Erste, was du über mich wissen musst: Ich bin unglaublich dick." Paff!


Den Niedergang des ersten Arthurs, der sich seit Jahr & Tag in seinem alten, schönen Brownstone-Haus in New York völlig von der Außenwelt abkapselt, sein Sinnvakuum mit übermäßigem Essensgenuss & Fernsehen füllt, darüber so unbeweglich wird, dass er nicht mehr die Treppe zu den anderen Stockwerken hinaufschafft, habe ich mit Interesse wie Verwunderung gelesen und durchaus nachvollziehbar gefunden.

Der "andere Arthur", eigentlich ein siebzehnjähriger versierter Baseballspieler mit Namen Kel, ist der Sohn von Charlene, der ehemaligen Studentin des ersten. Die ist wohl dessen große, ungelebte Liebe gewesen und der Auslöser dafür, dass er in seinem Leben falsch abgebogen ist. Charlene auf ihre Art auch: Sie ist an Lupus erkrankt, geht nicht zum Arzt, sondern behandelt sich mit Alkohol und legt ihrem ehemaligen Hochschullehrer ihren Sohn ans Herz, bevor sie Suizid begeht. Von ihm handelt also der zweite Abschnitt des Romans, in lakonischer Sprache verfasst und voll fremder, da amerikanischer Gepflogenheiten, dass es mir schwer fiel, ein emotionales Verhältnis zu dem jungen Mann aufzubauen. Ich hab es halt nicht so mit dem Ballsport. Und ein Heranwachsender bin ich auch nicht mehr.

Je kürzer die Abschnitte des jeweiligen Arthurs im Buch wurden und sich immer schneller abwechselten, kam beim Lesen das Gefühl auf, zwei Züge führen aufeinander zu. Doch der Zusammenstoß am Ende entfällt,  alles bleibt offen, als der eine Arthur den anderen zu einem Dinner eingeladen hat. Doch das ist dann auch nicht mehr wichtig, denn bei beiden Protagonisten hat einiges in ihrem Leben Fahrt aufgenommen, der eine ist reifer geworden, der andere löst seinen Kokon auf und streckt seine Fühler nach anderen Menschen aus. Dieses versöhnliche Ende ließ in mir schließlich doch noch eine zufriedene Leserin zurück.

Von Iris Wolff habe ich bereits zwei Bücher gelesen, nun das dritte, das mir Andrea, die Zitronenfalterin, geschenkt hat: "Halber Stein", ihr Debütroman. Was Andrea ausführlich zu diesem Buch geschrieben hat, kann frau/man hier nachlesen. Ich spar mir also längere Inhaltsangaben, sondern greife nur auf, was ich aus diesem Buch mitgenommen habe. Denn ein Thema, das die Autorin behandelt, hat mich in den zurückliegenden drei Monaten innerlich sehr festgehalten: Heimat, Herkunft, braucht man das Zurückkommen an jenen Ort - ob in der Erinnerung oder in Wirklichkeit -, um klar zu bekommen, wer man ist und wer man sein will? 

Für mich war das so, als ich an Pfingsten mit meinen Geschwistern das Dorf meiner Kindheit nach langer, langer Zeit besucht habe, dem ich unfreiwillig &  schmerzhaft mit neun Jahren entrissen wurde. Ich bin mit der Buchheldin durch ihr Dorf, das Land, das Haus, die Kultur in Siebenbürgen gestreift mit der ganzen Wehmut, die durch meine Erinnerungen ausgelöst & genährt wurden. Wie man ein Buch aufnimmt, es liest, seine Interpretation bestimmt immer das eigene Leben. In diesem Sinne war dieses leise, sanft und ohne Bewertungen daherkommende Buch eine passende Lektüre. Und die zurückbleibende Melancholie war auch eine Zustimmung zu dem, was ist.

Auf das nächste Buch bin ich durch eine Verwechslung gekommen, denn ich habe es dem geschätzten & oft gelesenen Benjamin Myers zugeschrieben, der aber nur eine positive Kritik dazu verfasst hat: Benjamin Wood "Der Krabbenfischer".

Ein merkwürdiger Roman im besten Sinne des Wortes, diese Geschichte des Thomas Flett, gerade mal Anfang zwanzig, mit seiner Mutter Lillian, die von den Nachbarn geschnitten wird, auf einem kleinen Anwesen lebend, der täglich der mühseligen Krabbenfischerei mit seinem Pferdekarren bei Ebbe am Strand von Longferry nachgeht –  eine Arbeit, die gleichermaßen eintönig wie gefährlich ist. 

Seinen Großvater hatte er als Dreizehnjähriger erstmals bei dieser Tätigkeit begleitet und ab da jedes Wochenende, wenn keine Schule war. Zwei Jahre später, als der Großvater einen leichten Schlaganfall hatte, muss Thomas die Schule verlassen und ihm bei der Arbeit helfen. Die Schule mochte er ohnehin nicht, mit einer Ausnahme: Er ist ein leidenschaftlicher Leser geworden. Thomas hat schon in jungen Jahren "eine halbe Bibliothek" verschlungen,

Dieser Großvater hat ihn großgezogen, denn seine Mutter war gerade erst fünfzehn, als ihr Lehrer sie geschwängert hat. "Pop nahm die Schande auf sich, machte sich nicht klein, hielt den Schaden aus, der seinen Freundschaften und seinem Ruf zugefügt wurde und zuckte mit keiner Wimper, wenn mal wieder neues Gerede aufkam." Der leibliche Vater kommt im 2. Weltkrieg um.

Thomas möchte eigentlich gern in den Kneipen der Gegend Lieder zur Gitarre vortragen und Joan, die ältere Schwester seines besten Kumpels erobern, aber ihm fehlt der Mut dazu. Mit der Krabbenfängerei ist auch kein guter Schnitt mehr zu machen, seit die neuen Motorschlepper effektiver fischen. Die Mutter trägt nur zum Unterhalt bei, indem sie in ihrem Wohnzimmer, in ihren besten Kleidern auf dem Sofa sitzend, Freier empfängt. Alles etwas deprimierend.

Doch da taucht ein spritziger amerikanischer Filmregisseur namens Edgar Acheson auf, parkt seine Oberklasse-Limousine der Marke "Humber" vorm Nachbarhaus und sucht die Mutter auf. Thomas wittert, als er zu Hause eintrifft eine Chance zur Flucht aus der Tristesse, denn er sucht "eine Brücke zwischen Longferry und der Welt da draußen.". Acheson hingegen sucht Drehorte für die Verfilmung eines Romans namens "The Outermost" und rekrutiert ihn sofort als ortskundigen Führer. Schon nach wenigen Stunden in der Anwesenheit des geschwätzigen Achesons erträgt er den Anblick seines Elends nicht mehr.

Der hat den jungen Mann überredet, mit ihm noch am Abend bei Niedrigwasser in den Nebel hinauszufahren, um einen Eindruck davon zu bekommen, ob die Landschaft für den Film geeignet ist. Thomas warnt seinen überschwänglichen neuen Arbeitgeber vor den tückischen Erdlöchern am Strand, tief genug, um ein Pferd zu verschlucken und einen mitzureißen. Was nun im Roman folgt ist eine aufregende, geradezu surreale Episode, über die ich hier nicht mehr verraten will. Am Ende seiner Ausnahmeerfahrung kann Thomas ein Lied schriftlich festhalten, bevor er in einen brandygetränkten Schlaf versinkt.

Der Protagonist steht eindeutig in der Tradition der Helden eines Thomas Hardy, jenen weltfremden jungen Männer, die das Land bestellen oder mit ihren Händen arbeiten, weil es immer so gewesen ist. Und genau das macht ihn anfällig für einen Charmeur und Glücksritter. Das muss er letztendlich wahrhaben. Aber auch erkennen, was in ihm steckt, dass es andere Perspektiven gibt, und er selbst die bewunderte Joan für sich zu interessieren vermag, wenn er die selbst gesetzten Schwellen überschreitet. Sein innerer Aufbruch lässt sich nicht mehr zurückdrehen.


Was Woods Schreibstil so lesenswert macht, ist seine Aufmerksamkeit für die ganz prosaischen Handgriffe des Alltags, die er nicht nur in der Beschreibung lebendig werden lässt, sondern sie damit auch in Poesie zu verwandeln vermag. Der Roman ist voller eindringlicher und bildhafter Beschreibungen der gleichförmigen Küstenlandschaft, Wetter und Landschaft sind nicht nur dramatischer Hintergrund, sondern spielen gleichberechtigt mit. Die Figuren sind warmherzige und glaubwürdige Charaktere ( Acheson ist vielleicht ein bisschen zu überzeichnet ), die ohne Sentimentalität über ihr unerfülltes Leben reden, wohlwissend, dass die neuen Technologien und ihren Begleiterscheinungen dem absehbar ein Ende machen werden. Übrigens kann man das Lied auf dieser Seite des Autors anhören.

Es wurde dann Zeit, meine Komfortzone zu verlassen und endlich das Buch in Angriff zu nehmen, welches auf meiner Liste der "neuen Zeit-Bibliothek der Weltliteratur" noch mit Rot markiert ist: "Anna Karenina" von Lew Tolstoi. Warum so schwer? Ich habe 1968 ( da war grade eine Schiwago - Welle über das Land gerollt ) nach entsprechender Lektüre wie "Krieg und Frieden" u.a. entschieden, dass mir die russische Seele und damit die russische Literatur nicht liegt, und mit einer Ausnahme ( "Der Meister und Margarita" von Michail Bulgakow - aber der ist ja eigentlich auch Ukrainer ) kein Buch mehr aus diesem Kulturkreis in die Hand genommen. Diese jugendliche Arroganz wollte ich so nicht stehen lassen, und bevor ich aus dieser Welt gehe, sie einer weiteren Überprüfung unterziehen.

Was soll ich sagen? Die ersten hundert Seiten hatte ich in einem Rutsch gelesen und habe mich in den Bann ziehen lassen von den Umgangsformen einer Gesellschaftsklasse mit denkwürdigen Moralvorstellungen und einer laxen Einstellung zur eigenen Leistungsbereitschaft. Frappiert hat mich die atmosphärische Dichte, die Lebhaftigkeit und die Fähigkeit des Schriftstellers, auch zwischen den Zeilen  kleinste zwischenmenschliche Dynamiken aufblitzen zu lassen. Beeindruckt hat mich, wie der Schriftsteller Situationen "außerhalb aller gewöhnlichen Lebensverhältnisse" wie Tod & Geburt treffend zu beschreiben weiß. Da kann ich aus eigenem Erleben zustimmen, dass sich "die Seele zu einer Höhe (erhebt), die sie nie vorher auch nur geahnt hatte und zu der der Verstand ihr nicht zu folgen vermochte."

Die titelgebende Anna Karenina hat sofort Eindruck auf mich gemacht und stand als wahre Schönheit gleich vor meinen Augen, so wie Tolstoi sie mit Worten erschafft. Und es kommt noch besser: Er weiß ihre Seelenzustände so zu beschreiben, dass frau sie aus der eigenen Erfahrung heraus sofort innwendig spüren kann. Gerade dieser Horizont wäre in der Jugend nicht gegeben gewesen, da wäre die ganze Geschichte nur so ein hübscher "Kostümfilm" geblieben. Ich hätte damals auch nicht verstanden ( oder ertragen? ), wie sich Anna in eine solche Gemütsverfassung hinein steigert und den Suizid wählt. Da war eine weitere eigene Erfahrung schon sehr hilfreich.

Dass ich mir also so viele Jahrzehnte gegeben habe, diesen Roman erstmals zu lesen, finde ich im Nachhinein goldrichtig. Als Teenager, vermute ich, hätte mich nur das Liebesdrama interessiert. Und dabei wäre mir so vieles entgangen, was mich jetzt gedanklich beschäftigt hat. Ein bloßer "Frauenroman" ist das auf keinen Fall, auch wenn "Dolly" Darja Alexandrowna, als sie mal ganz alleine ohne ihre Kinderschar ist, das übliche Frauenleben kritisch reflektiert. Es ist ein Gesellschaftsroman ( und da finde ich die Vermarktung als "eines der großen Liebesdramen der Weltliteratur" mehr als unangebracht ).

Nehmen wir allein die Figur des Konstantin Dmitrijewitsch "Kostja" Ljewin, der sich lieber abseits seiner Klasse aufhält und die Nähe zur Bauernschaft anstrebt: Seine Suche nach einem Lebensinhalt biete so viele Facetten, so viel Philosophie, so viel Gesellschaftspolitik, so viel Sinnsuche! Sein Wunsch nach Gesprächen und damit Auseinandersetzung mit seinen Mitmenschen hat mich durchaus zu fesseln vermocht, auch & vor allem mit seinen gedanklichen Schlenkern. Ebenso seine Bereitschaft, immer aufs Neue zu handeln, die so kontrastiert mit dem Müßiggängern der städtischen Gemeinschaften und der Laviererei der Bürokraten. Auch seine Glaubenssuche ist mir nachvollziehbar, seine Radikalität ( obwohl: die hätte mich auch in jungen Jahren angesprochen ). Da bekommt man auch einen Tolstoi mit, der eben nicht nur ein gerühmter Schriftsteller gewesen ist, sondern auch ein Suchender, Fragender, Reformer, Moralist, so wie der ( heimliche ) Held des Romanes. Seine Vorstellungen der idealen Ehe haben mich allerdings bewogen, seinen Umgang mit seiner Frau Sofija genauer unter die Lupe zu nehmen, was dann desillusionierend gewesen ist...

Und dann noch diese lange Szene, in der das Mähen einer großen Wiesen mit der Sense beschrieben wird! Rhythmisch, bildhaft, menschlich anrührend ist das und großes Kino.

Die ganze Fülle des Lebens, die Tolstoi in seinem Roman in epischer Breite wiedergibt, hat mich allerdings auch immer wieder müde werden lassen, und Lesepausen  ( in meinem Falle meist Hausarbeit 😆 ) waren vonnöten. Deshalb habe ich dann auch sechs Tage gebraucht, um das ganze Buch zu "bewältigen". Ich habe es mir in Etappen aufgeteilt, denn zum "einfach Runterlesen" eignen sich die langen, philosophischen Passagen über Zusammenleben, Gesellschaft, Landwirtschaft und Religion nun mal nicht. Ein Gewinn war die Lektüre dennoch, hat sie doch eine Leerstelle in meinem Hirnkastl gefüllt und wieder einmal ein Vorurteil ad absurdum geführt.

In Russland bin ich anschließend literarisch verblieben, denn ich habe zu Christine Wunnickes "Die Nachtigall des Zaren" gegriffen, justement, als ich erfuhr, dass sie den Georg-Büchner-Preis in diesem Jahr verliehen bekommt. Das hat mich sehr gefreut. Diese biografische Erzählung dreht sich um das Leben des Kastraten Filippo Balatri, und sie hebt damit einen echten Erzählschatz: Die Lebensgeschichte des Sängers ist nämlich eine rechte Tragikomödie. Von ihr wüssten wir allerdings nichts, wenn Balatri nicht selbst ein fast 5000 Seiten starkes handschriftliches Konvolut hinterlassen hätte.

Filippo, mit einem hübschen Sopran gesegnet, wird als Elfjähriger auf Wunsch des Großherzogs der Toskana, dem überaus bigotten Cosimo III. de Medici, mit Einverständnis seines Vaters kastriert und gelangt bald über den russischen Gesandten Peter Alexejewitsch Golizyn, der für seinen Herrn, Peter den Großen, in Europa Wissen & Kultur "einkauft", als Leihgabe an den Moskowiter Zarenhof. Filippo führt auf Anweisung Cosimos ein Tagebuch, das zu einer unersetzlichen Quelle wird, sowohl was das Leben eines Sängerkastraten angeht, aber auch das Alltagsleben in Russland um 1700 ( wahrscheinlich die intimsten Aufzeichnungen eines Ausländers, die es gibt ) anbelangt. Insofern passte das gut zu meiner vorhergehenden Lektüre, denn dadurch wurde die enorme gesellschaftliche Veränderung im Land offenbar. Balatris Aufzeichnungen machen auch bekannt mit allerlei fremden, grausamen Gepflogenheiten im Zarenreich.

Über Umwege hat der junge Sänger wohl das Vertrauen des Zaren gewonnen, der ihn auch in seinem geheimsten Versteck bei seiner Mätresse Anna Mons auftreten lässt. In die verliebt sich der Siebzehnjährige und kommt in die Bredouille, auch, weil Kastraten nicht lieben bzw. heiraten dürfen, das verbietet die Kirche kategorisch, und er ist doch in dieser Diaspora besonders glaubenstreu. Dass sich da ein Drama anbahnt, wird verhindert, denn Cosimo reicht ihn weiter als singendes Gastgeschenk an den Fürsten der westmongolischen Kalmücken. Zwischen diesen Beiden entsteht eine wechselseitige Sympathie, und der Khan schenkt ihm einen Goldstoff, der später den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. vor Neid wird erblassen lassen, aber die Reiseunternehmung selbst ist einfach nur grauenvoll für den ungeübten Reiter.

Als die mit Cosimo vereinbarte Zeit in Moskau um ist, muss der Sänger sich mit Golizyn nach Wien begeben, diesmal begleitet von einem größeren Gefolge, darunter Darja Golizyn, die noch nie ihr Haus in Moskau verlassen hat. Die "schöne Barbarin" sorgt für mehr Furore am kaiserlichen Hof als der Sänger, der nun echten Gesangsunterricht bekommt und es schafft, den begleitenden Popen für das desputierliche Theater zu begeistern. Um sich einen herzzerreißenden Abschied zu ersparen, lässt ihn Darja Golizyn direkt aus dem Stephansdom mit einer Kutsche entführen, nicht ohne ihm vorher Ratschläge à la "geh mit Weibern um wie mit Panthern" mitzugeben, damit er ( unter tausend Tränen ) nach Italien heimkehrt. Cosimo behandelt ihn keinesfalls so ehrerbietig wie der Zar, und Filippo zieht es zu den Eltern nach Pisa: "Das Willkommen wird nach Vorschrift erledigt, tränenreich bei der Mutter, formell beim gichtbrüchigen Herrn Papa." Die provinzielle Stadt versetzt ihm einen Kulturschock und ihn bekommt "die schwarze Melancholie" zu packen, bis er sich in eine Nonne verliebt. Der Druck der Öffentlichkeit zwingt ihn zum Rückzug. Über sein Liebesleben wird er später schreiben: "Bellen kann ich wohl, beißen aber nicht.

Es folgt ein Zwischenspiel als Begleiter und Übersetzer eines anderen russischen Gesandten wie materielle Unsicherheit durch den Tod der Eltern. Und so folgt der mittlerweile gestandene Mann den Verlockungen eines Engländers, am englischen Königshof als Sänger zu reüssieren. Unterwegs dorthin gefallen ihm die Franzosen so gar nicht, ihr Musikgeschmack nicht, ihre Hauptstadt nicht, nur ihr König und eine kleine, feine Hofgesellschaft können geringfügig versöhnen. In London angekommen reist er in einer Kutsche mit einem gewissen Girgio Endel nach Kensington, wo sie gemeinsam vier Tage auf eine Audienz bei Queen Anne warten, die aber verstorben ist. Händel wird er übrigens nie wiedersehen. Filippo bleibt unbeschäftigt - für die Oper ist Farinelli da. Er gewöhnt sich an englische Gepflogenheiten, aber nicht an die Diskrepanz zwischen ihren guten Umgangsformen und dem Hang zu Wutanfällen. Die zahlreichen Schimpfwörter hält er gewissenhaft fest.

Noch vor Ablauf der vereinbarten drei Jahre holt ihn wieder ein Gesandter des Medicis ab, und es geht nach Düsseldorf ( ausgerechnet ) zum Namenstag der Kurfürstin Anna Maria Louisa von der Pfalz, auch eine Medici. Dort trägt er die "lebensgefährliche Nachtigallenarie" vor, bevor es weiter nach Frankfurt geht ( gefällt nicht ), Augsburg ( gefällt ), München. Dort wird er 1715  am Hof des bayerischen Kurfürsten Maximilian II. Emanuel angestellt und leistet zunehmend Frondienste auf der Opernbühne. ( Er ist immerhin der bestbezahlte Sänger am Hof. ) 

In seinen Erinnerungen spielen aber nur seine Studien der bayerischen Volksseele eine Rolle ( "Das is nicht der Prauch" ). Und dann seine "Hypochondrie"! Ein Erholungsaufenthalt in Italien wie die als Cicerone des Kurprinzen Karl Albrecht auf dessen Grand Tour nach Florenz und Rom bringen ihn immer wieder in sein Heimatland. So geht das hin und her, bis Filippo 1737 in München seinen letzten Opernauftritt hat. Mit 57 Jahren tritt er als Novize in das Zisterzienserkloster Fürstenfeld ein und wird 1741 zum Priester geweiht. Auch im Kloster hat er noch musikalische Pflichten.

Das ist alles recht sachlich, chronologisch erzählt und leider nicht ganz so vergnüglich zu lesen wie die anderen Bücher der Wunnicke. Ihr Witz blitzt immer dann hervor, wenn sie die Verse des Filippo Balatri in ihrer eigenen Übersetzung in den Prosatext einwebt.

Auf Audrey Magee, Autorin von "Die Kolonie", bin ich bei einer anderen Buchbloggerin gestoßen & neugierig geworden. Dieser Roman stand auf der Longlist für den Booker Prize 2022. 
"Ein Londoner Künstler und ein französischer Linguist landen im Sommer 1979 auf einer abgelegenen irischen Insel. Der Künstler ist angereist, um die zerklüfteten Klippen im Atlantik zu malen, der Linguist, um den Niedergang der irischen Sprache zu verfolgen. Jeder der Männer will die unberührte Insel und seine Bewohner für sich allein haben: Der eine, um sie in Ruhe zu malen und endlich ein besonderes Kunstwerk zu schaffen, der andere, um eine Sprache zu retten, die gar nicht die seine ist", so der Klappentext des Verlages.

Gleich zu Anfang ist so, dass einem dieser englische Maler in all seiner Selbstbezogenheit ( alles etikettiert er in seinem Innern mit einem Titel für ein entsprechendes Gemälde ) schon recht unsympathisch ist, wie er da dieses kleine irische Felseneiland mittels eines kleinen Curraghs "erobern" will und doch nur eine jämmerliche Figur abgibt. Aber der andere ist auch nicht viel einnehmender, kommt er mir schon leicht fanatisch in seiner Art vor, mit der er die vergehende Sprache retten will, und seinem reichlich paternalistischen Umgang gegenüber seinen Gastgeber*innen.

"Zwei Bullen auf der Weide", kommentieren die Frauen, die die beiden Sommergäste mit Essen und allem anderen versorgen. Beide sind Witwen, die ihre Männer beim Fischfang verloren haben, sowie der halbwüchsige Sohn der Jüngeren, James, für mich der eigentliche Held des Buches zusammen mit seiner Mutter. Die Aufnahme von diesen zahlenden Sommerfrischlern garantiert ein karges Einkommen. Während also der Maler - Lloyd mit Namen - mit seinen Pinseln und Farbtuben in die Intimität der Inselbewohner einzudringen beginnt und den Jungen, der eben nicht Fischer werden will, begeistert und zu eigenen - gekonnten - künstlerischen Versuchen animiert, verteidigt der Sprachwissenschaftler Masson sein Terrain: Er zeichnet nunmehr schon im fünften Jahr das bedrohte Gälisch mit Hilfe der Urgroßmutter auf. Beiden Männern geht es um Titel, Ruhm, eine bessere Stellung, also nur um sich selbst - ganz schön überheblich, das alles! Warum, das wird allmählich im Laufe der Erzählung immer offensichtlicher. 

Schwierig wird es, als James/ Séamus Mutter Mairéad, die mit dem Franzosen eigentlich eine Affäre unterhält, beginnt, für den Maler Modell zu stehen, auch als Akt. Sie erträumt sich ihre ganz eigene Chance auf einen eigenen Auf- und Ausbruch, wenn sie auf Lloyds Gemälden in bekannten Galerien in London zu sehen sein würde. Was bleibt ihr sonst? Der ohnehin auf sie lauernde Schwager als Ehemann, der sie nach seinen Vorstellungen formen will und ihr Kinder machen, die auch wieder nur Fischer werden?

Während es also bei den Inselbewohner*innen weitgehend ums materielle Überleben geht, fügt die Autorin in kurzen Zwischenkapiteln den Kampf & die Anschläge in der damaligen Zeit in Irland ein. Ganz sachlich-nüchtern erwähnt sie Namen, Alter, Familienverhältnisse der während der sogenannten "Troubles" Ermordeten, also jenen blutigen Auseinandersetzungen zwischen Nordirland und Irland, zwischen Katholiken und Protestanten. James träumt währenddessen schon von sich und seiner Kunst als Friedensstifter...

"Für euch zwei scheint die ganze Welt nicht groß genug zu sein", meint die irische Urgroßmutter beim Abschied zum Linguisten und umreißt damit, was patriarchalische, koloniale Attitüden auf dieser Welt ausrichten, Ausbeutung und Unterwerfung auch in einem eher immateriellem Sinne. Der Schluss beschreibt die bleibende explosive Stimmung unter den Menschen. Ein bemerkenswertes und vielschichtiges, auch bedrückendes Buch.

Wenn der Name Axel Spilcker irgendwo in den Medien auftaucht, bin ich immer ganz Ohr, denn er ist zu seinen Zeiten als Polizeireporter beim Stadtanzeiger mein Nachbar gewesen. Überrascht war ich dann sehr, als ich von seinem Buch "Hitlers Gefolgsmann" erfahren habe. Neugierig auf den Reader geladen, denn Spilckers Großvater war kein anderer als der hier aus dem Bergischen stammende führende & fanatische Nazi-Politiker Robert Ley

Als Reichsleiter der NSDAP und Leiter des Einheitsverbands Deutsche Arbeitsfront gehörte er zur Spitze des NS-Regimes und entzog sich einer Verurteilung beim Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher durch Suizid. Mir persönlich hat sich sein Name auch eingeprägt durch meinen Besuch der Ordensburg Vogelsang in der Eifel, einer Ausbildungsstätte für zukünftiges, ideologiefestes Führungspersonal nach seinen Ideen.

Das Buch ist noch einmal eine umfangreiche Geschichtsstunde und zusätzlich eine ganz private Geschichte, die wieder einmal illustriert, wie bis heute Familien von Tätern tief in die Traumata dieser Zeit verstrickt sind und wie schwer sich auch die dritte und vierte Generation tut, über die Auswirkungen auf ihr Leben nach dem Ende des Regimes zu reden und zu reflektieren. Das ist dann auch eine tieftraurige Erzählung über Menschen, die fast ausnahmslos schwer beladen durchs Leben gehen bzw. gingen und teilweise auch darin scheitern. Die Verdrängung in der Familie Ley/Spilcker hat System, denn Erinnerungsarbeit tut weh. Aber weil Teile des "inner circle" Robert Ley bis heute verklären oder sogar verehren, sah Spilcker sich erst recht veranlasst, das Buch zu schreiben.

Dann wieder ein krasser Zeit- wie inhaltlicher Sprung ins frühe 19. Jahrhundert zu Bettina von Arnims "Die Günderodevon meiner Liste der noch zu lesenden Meisterwerke. Die Autorin habe ich ja schon vor sieben Jahren in meinem Blog porträtiert, die Titelheldin steht auch schon lange auf meiner Liste. "Die Günderode" ist keine keineswegs einfache Lektüre, denn es ist keine romanhafte Unterhaltung im heutigen Sinne, selbst nicht in dem des frühen 19. Jahrhunderts. Das Werk wird oft als Briefroman bezeichnet, der Text hat allerdings kaum eine Handlung, die man romanhaft nennen würde, und die Briefe stammen überwiegend von Bettina an die in der Romantik verehrte Dichterin Karoline von Günderode, die mit 26 Jahren Suizid begangen hat. Eher selten sind die Antwortbriefe von jener Freundin im Frankfurter Damenstift. Gedanken zur Dichtung, wie sie immer mal wieder geäußert werden, finden sich da inmitten tausend anderer Gedanken, vom Hundertsten ins Tausendste kommend, unbeleckt von all den Geboten und Verboten, mit denen das Schreiben sich sonst Fesseln anlegt.

Damit entwirft Bettina von Arnim mit diesem Werk ein weit in die Moderne vorausweisendes Modell poetischer Selbstvergewisserung, die Günderode ist ihr dabei  nur der "lieber Widerhall". "... jeder soll neugierig sein auf sich selber und soll sich zu Tage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz" - damit vermeidet sie die Festschreibung der eigenen Identität, sucht stattdessen die Selbstwahrnehmung im Resonanzraum der anderen. Die reagiert einmal so: "Ich soll Dein faselig Wesen zur Besonnenheit bringen? Ich mache mir selber Vorwürfe und kann doch nach allem Überlegen zu keinem besseren Resultat kommen als eben Dich ganz Dir selber überlassen."

"Der Plaudergeist in meiner Brust" hört ungern auf, mit der fünf Jahre Älteren zu "schwätzen". Das konnte ich mir nur in kleinen Abschnitten, die ich Tag für Tag gelesen habe, zumuten, sonst wäre es mir zu viel gewesen,  ein solch "buntes Füllhorn fröhlicher Verschwendung". Ich habe mich  in dieser Fülle an Worten dennoch immer wieder herzlich erfreut an bildhaften Formulierungen ( "der blühende Baum der Großmut", "Angeln der Gemeinheit", "die Augen sind der Mund, den die Natur küßt", "im trüben Regenbach zusammengelaufener Alltäglichkeiten" ) und  an Wörtern ( "maulhängolisch", "schußbarteln", "lunzen", "nachgepetert", "verjackern" ).  Dazu dann diese malerischen Szenen in der Natur: "Der Mond scheint so hell in meine Stube, daß die ganz klingend aussieht – die Berge gegenüber sind prächtig, sie dampfen Nebel in den Mond."!  Und schließlich Einsichten, die mitunter auch ganz aktuell erscheinen ( "Wenn alle Pharisäer an der Regierungsmaschine auf einmal die Starrsucht bekämen, es würde der Welt nichts abgehen an ihrer Gesundheit, nicht einmal verschnupfen würde sie." ). Sprachlich immer wieder die reine Wonne! Da wollte ich mir ganz viel merken...

Ich habe eine Autorin kennengelernt, die so ganz anders schreibt, als es auch damals üblich war, die Lust am wilden Denken hat, am Mitteilen von Gefühlen, Philosophien, Eindrücken und an einer radikalen Einheit von Sehen, Denken und Fühlen, um sich selbst zu erkunden. Und damit ist sie auch eine, die - sie ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung immerhin schon 55 Jahre alt - nicht vor Altersweisheit trieft, sondern jugendfrisch bleibt ( "Mein arm jung Leben liegt mir am Herzen, ich kann ihm nichts versagen." ). Das war mitunter mitreißend, an die eigene sprühende Gedankenwelt der Jugend erinnernd.

Über die Günderode habe ich eher wenig erfahren, höchstens von ihrer Poesie, und es ist mein Eindruck, dass es Bettina in diesem Buch vor allem um eine geht, nämlich Bettina. Die Lektüre ließ mich in Betracht ziehen, noch einmal nach Christa Wolfs Erzählung "Kein Ort. Nirgends" zu greifen, in der die Karoline von Günderrode eine - fiktive - Begegnung mit Heinrich von Kleist andichtet. Die musste 1979 bei ihrem Erscheinen unbedingt gelesen werden und steht noch im Regal. Schaun mer mal.

Auf der Liste der hundert Bücher stand auch Clarice Lispector, eine bei uns kaum bekannte brasilianische Schriftstellerin mit ukrainisch-jüdischen Wurzeln und aufregender Lebensgeschichte. "Nahe dem wilden Herzen" ist das Debüt der damals 23-Jährigen im Jahr 1944. Ihr alter ego Joana wächst mutterlos an der Seite ihres Vaters auf. Als dieser stirbt, zieht das junge Mädchen zu ihrer Tante. Die Zeit, die sie dort verbringt, ist von einem tiefgreifenden Unglücklichsein geprägt. Von der Tante wird sie schließlich auf ein Internat verbannt, ein einsamer Ort für das Mädchen. In jungen Jahren heiratet Joana den Rechtsanwalt Otávio, doch die gemeinsame Ehe zerbricht an Joanas "Gefühlskälte" und dem gegenseitigen Betrug. Das Buch galt zu einer Zeit, in der die vorherrschende Strömung in der brasilianischen Literatur der Regionalismus war, als revolutionäre Neuerung und  literarische Sensation.

Diese  Selbstbezüglichkeit, diese Lust am Formulieren, am Schreiben, um damit Erinnerungen, Gefühle, Gedanken wieder obsessiv zurückzugewinnen - da kommt die Autorin einer Bettina von Arnim schon irgendwie nahe. Ein fortlaufender Bewusstseinsstrom bildet die Gefühlswelten der jungen Frau ab, die sich damit auch wenig um die Beschreibung ihrer Außenwelt bekümmert. Auf diese Weise verschafft sie sich in wechselnden Szenen aus Kindheit, Jugend und Ehe ein Leben, das ihr aber auch irgendwie - wie ihre Person - rätselhaft bleibt. "Sie würde nur das sehen, was sie schon in sich trug. Verloren also war die Lust am Phantasieren." Joana beschreitet einen literarischen Weg zu ihrem eigenen inneren Reichtum, ihrem "wilden Herzen". Das war keine Befindlichkeitsbelletristik, gleichzeitig aber auch keine "schöne Literatur". Ein weiteres Buch der Autorin ist  allerdings bestellt.

Da ich gegen Monatsende den unnachahmlichen Service der Deutschen Bahn genießen durfte ( mit etlichen Schikanen, aber funktionierender Klimaanlage bei 35 Grad, immerhin ) hatte ich in weiser Voraussicht einiges auf meinem Reader "gebunkert" und Vincenzo Latronicos "Die Perfektionenauf der Strecke bis Nürnberg "geschafft". 

Der Roman bot quasi einen Blick hinter die Instagram- Kulissen, denn seine Protagonisten, Anna & Tom, machen "irgendwas mit Computern", sind aus Südeuropa ins hippe Berlin gekommen und leben & arbeiten in einer Altbauwohnung, die einleitend genau beschrieben wird und die denen ähnelt, die Instagramer reihenweise zu sehen bekommen. Es wird also eine oberflächliche Welt aufgezeigt, ganz so, wie sie uns seit Jahr und Tag die Web Developer, Graphic Designer und  Online Brand Strategen in ihren Kampagnen suggerieren. Dabei kommt der Autor ganz ohne Dialoge aus, und als Leserin entnimmt man eher indirekt aus den Beschreibungen, was mit den beiden jungen Digitalnomaden los ist, wie sich ihre Umstände, ihr Leben, aber auch die Verhältnisse in Berlin im Laufe der Jahrzehnte ändern. 

Da ist schon ganz viel Unverbindlichkeit, Beliebigkeit, ja auch Austauschbarkeit, denn letztendlich wird später ein ähnliches Leben in Lissabon gesucht und eine Korrektur auf Sizilien versucht, nachdem Berlin sich verändert hat, auch durch die Gentrifizierung, und ihre Freunde in ihre jeweiligen Heimatländer zurückgekehrt sind oder eine Familie gegründet haben. Dieses, ihr perfektes Leben, welches zwar so ausschaut, sich aber nie wirklich perfekt anfühlt, macht deutlich, dass wir Menschen eigentlich nicht wirklich ohne Sinnhaftigkeit und Bedeutung existieren können.

Latronico ist aber keiner, der wertet. Die Entscheidung überlässt er der Leserin. Auf mich in meinem Alter trifft allerdings die Schlussbemerkung, ein Zitat von Hans Magnus Enzensberger, nicht zu: "Dass Sie, der Sie dies lesen, ist fast schon ein Beweis: ein Beweis, dass Sie dazugehören." Da bin ich raus. Ich war schlicht und einfach neugierig auf das Leben der Millenials.

Mir Henrik Szántós "Treppe aus Papier", das ich auch unterwegs auf me
inem Reader gelesen habe, bin ich weiterhin in Berlin geblieben, allerdings in einem ganz anderen Milieu, aber auch mit dem Schwerpunkt "Wohnen", diesmal in einem über hundertjährigen Haus, über Generationen und Zeiten hinweg. Dieses Haus setzt der Autor als Erzählfigur ein. Was den Roman anfangs schwieriger zu lesen machte als das Buch vorher, weil Szántos - man merkt den Slam-Poeten - lautmalerisch, stakkatohaft, nicht immer fließend schreibt. Der erste Satz geht gleich über vier Seiten. Die  Zeitebenen überlagern sich wie die Putz- oder Tapetenschichten auf den Gemäuern des alten Hauses, und auf der Treppe durchmischen sich die Stimme der diversen Jahrzehnte, was einen als Leser still und leise zum Mitdenken zwingt. Der Autor lässt das Treppenhaus davon sprechen, wie "Lärm und Stille, das, angemischt mit dem gesamten akustischen Erleben eines hektischen Jahrhunderts zu einem kakophonen Gebräu, durch unsere Mitte schießt.“ Gefühle kommen zutage - auch das ein Unterschied  zum Vorgängerbuch -, die nachhallen, da mitunter auch etwas rätselhaft.

Es entwickelt sich eine Art der Beziehung zwischen der sechzehnjährigen Nele und der neunzigjährigen Irma, was ein Fenster öffnet zu den Ereignissen unter der Nazi-Herrschaft: Irmas Eltern, fanatische Anhänger der Ideologie, werden der jüdischen Hausbesitzersfamilie des Uhrmachers Alwin Sternheim mit seiner Tochter Ruth gegenübergestellt, und langsam schält sich immer mehr aus den Flüstereien des Hauses und den Erzählungen Irmas deutlich sichtbar heraus, was da vor sich gegangen ist. Für meinen Geschmack gereichte das allerdings schon mal zu sehr zu einer Geschichtsstunde, die für mich als Fachfrau eher langatmig war. 

Mehr von Interesse war dann das verdruckste Umgehen von Neles Familie auf deren Fragen nach der Vergangenheit der Großeltern. Der Teenager deckt nämlich die Mittäterschaft ihres Großvaters auf: "Nele lernt, wie stark sie sich unterscheidet, die Welt, in der man ahnt, von der Welt, in der man weiß." Auf der anderen Seite faszinierte mich das Schicksal der Familie Sternheim und die Schuld, die Irma als Kind in diesem Zusammenhang auf sich geladen hat. Das war für mich der Kern des Buches, der allerdings mit einer Reihe von anderen, sehr heutigen Themenkomplexen aufgeladen wurde. Spannend & berührend war es auf jeden Fall.

Buch Nummer drei auf meinem Reader war dann "Die Erfindung der Flügel" von Sue Monk Kidd, das ich auch noch nicht gelesen hatte. Die eine der beiden Hauptpersonen ist eine ganz reale "Great Women", Sarah Moore Grimké, die sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegen die Sklaverei und für Frauenrechte eingesetzt hat. Ihr gegenübergestellt wird die gleichaltrige Sklavin Hetty "Handlos", die jene Sarah, Tochter einer Plantagenbesitzer- & Sklavenhalterfamilie in Charleston/South Carolina, einst Drehscheibe des Sklavenhandels der britischen Kolonien, zu ihrem elften Geburtstag mit lila Schleifen umwickelt zum Geschenk gemacht wird. Die Autorin, die selbst in Charleston gelebt hat, war völlig perplex, als sie von der realen Sarah Grimké und ihrer Schwester Nina ( einer weiteren Protagonistin im Roman ) beim Besuch der "Dinner Party" von Judy Chicago erfahren hat, an die vor Ort absolut gar nichts erinnert ( typisch! ). Übrigens spielen weibliche Kulturtechniken auch in diesem Roman eine Rolle wie das Quilten, welches den versklavten Frauen möglich gemacht hat, in einer Art bildhafter Denkschrift die Ereignisse ihres Lebens festzuhalten & weiterzugeben.

Ich habe mit den beiden Protagonistinnen mitgefiebert, die sich nicht den Traditionen und Wertvorstellungen ihrer Klasse unterwerfen wollten bzw. wurde immer wieder wütend über die Gier & Ausbeutung der weißen amerikanischen Kolonialisten, über ihre Grausamkeit, ja unsägliche Brutalität & Menschenverachtung gegenüber den von ihnen versklavten Afrikanern, die sie sich dann auch noch von den Vertretern etlicher religiöser Spielarten als gerechtfertigt durch die Bibel haben verbrämen lassen. Aber auch das paternalistische Verhalten durchaus fortschrittlicher Männer unter den Quäkern vermochte meinen Ärger zu reaktivieren. Sue Monk Kidd weiß das alles gut zu erzählen.

Ihr Roman erstreckt sich - mit verschiedenen Zeitsprüngen - über einige Jahrzehnte. Erzählt wird die Geschichte in der Ich-Perspektive wechselnd aus Sicht des Sklavenmädchens Hetty/Handful und Sarah, für die Handful arbeitet. Zu Beginn des Romans sind beide elf Jahre alt und ihre unterschiedliche Entwicklung wird von der Autorin bis ins mittlere Erwachsenenalter begleitet. Die Kapitel sind kurz und gleiche Begebenheiten werden - vor allem zu Beginn - aus Sicht beider Mädchen geschildert. Im Laufe des Erwachsenenlebens trennen sich die Wege der Beiden, dennoch bleiben sie miteinander verbunden. Jede hat ihre ganz eigene Version von Freiheit, um die sie im Rahmen ihrer Lebensumstände kämpfen. Das fand ich spannend.

Spannend, das trifft auch auf meine zurückliegende Lesereise im Juli zu, auch wenn ich von der Anzahl der Bücher her weniger geschafft habe als im Juni. Aber es war horizonterweiternd vielseitig. Und darum geht es mir in der Hauptsache.




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