Als ich vor vielen, vielen Jahren Marguerite Yourcenars "Chenonceaux, Schloss der Frauen" gelesen hatte, war mein Plan, dieses Schloss an der Loire einmal zu besuchen. Daraus wird wohl nichts mehr, aber immerhin übrig geblieben ist der Impuls, mich mit einer der legendären Schlossherrinnen näher zu befassen. Und so kam ich zu Diane de Poitiers...
"Les hommes, à tout âge, ne grandissent vraiment jamais.
Tous, quelle que soit l'importance
qu'ils aient pu acquérir,
ne sont jamais rien d'autre que de petits garçons."*
Diane de Poitiers erblickt am 3. September 1499 ( da fängt Verwirrung schon an ) bzw. am 31. Dezember 1499 kurz vor Mitternacht oder am 9. Januar 1500 als Tochter des Jean de Poitiers, Vicomte de L'Estoile, Herr von Saint-Vallier, der Einfachheit halber auch nur de Poitiers-Valentinois genannt, und seiner Frau Jeanne de Batarnay das Licht der Welt.
Wo? Da haben wir zur Auswahl einmal Saint-Vallier, eine Gemeinde im heutigen Département Drôme im Rhônetal zwischen Lyon und Marseille gelegen. Dann noch Étoile-sur-Rhône oder Poitiers, heute die Hauptstadt des Départements Vienne in Neu-Aquitanien. Saint-Vallier nimmt aber ganz offiziell in Anspruch, ihr Geburtsort zu sein. Das ist auch das Wahrscheinlichste, denn dieser Ort liegt in der ehemaligen Dauphiné, jener historischen Landschaft im Südosten Frankreichs zwischen Rhône und italienischer Grenze. Im 14. Jahrhundert ist diese per Vertrag zum Herrschaftsgebiet des jeweiligen französischen Thronfolgers ( "Dauphin" ) geworden und damit faktisch ein Teil des französischen Königreichs. Die Vorfahren des Vaters sind Grafen von Valence & Die in der Dauphiné gewesen und haben wegen Schulden unter Louis de Poitiers im frühen 15. Jahrhundert Titel und Lehensgüter an die französische Krone verkaufen müssen. Dianes Großvater Aymar de Poitiers hat Marie de Valois, die uneheliche Tochter König Louis XI. geheiratet und ist Gouverneur und Grand-Sénéchal de Provence geworden. Dianes Vater wird dieses Hofamt des Sénéchals später auch übertragen.
Die Batarnays mütterlicherseits sind ebenfalls fest in den höfischen Strukturen des Königreichs Frankreich verwurzelt. Ymbert de Batarnay, Dianes Großvater mütterlicherseits, ebenfalls ein Dauphiné-Adliger aus einer alten, aber verarmten Familie, ist allerdings mit großem Ehrgeiz & der nötigen Zielstrebigkeit ebenso wie Sensibilität, Selbstständigkeit, Loyalität, Integrität ausgestattet gewesen. Und das macht ihn zu einem engen Berater französischer Könige wie Louis XI., Charles VIII., Louis XII. und François I.
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| Jean de Poitiers |
Doch zurück zu den Eltern: Dieser Jean de Poitiers ist bereits in sehr jungen Jahren - mit vierzehn - mit der ebenfalls blutjungen Jeanne de Batarnay verehelicht worden, die mit ihm fünf Kinder, zwei Söhne - Guillaume & ein namentlich Ungenannter - und drei Töchter - Anne, Diane und Françoise - haben wird. Diane ist die Mittlere.
Das Mädchen Diane wird mit sechs Jahren Halbwaise, als die Mutter stirbt, und kommt mit zehn Jahren als demoiselle d’honneur an den Hof Anne de Beaujeus, auch bekannt als Anne de France, Schwester des König Charles VIII l'Affable, in Moulins. Während der künftige König noch minderjährig ist, übt diese Anne geschickt die Regentschaft über Frankreich aus. Diane genießt bei ihr eine sorgfältige Erziehung nach den Prinzipien des Renaissance-Humanismus, die sie auf das Leben als weibliches Mitglied der französischen Hocharistokratie vorbereiten soll. Neben höfischem Benehmen lernt sie Latein und wird in diplomatischer Strategie wie in der praktischen Tugend der Charakterstärke unterwiesen. Anne de France gilt als eine große Förderin der Kultur ihrer Zeit.
Als Claude de France im Jahre 1514 ihren Cousin François von Angoulême, den späteren König François I., heiratet, wird Diane Hofdame der jungen Königin. "Sie war fast wie ein Mitglied der königlichen Familie", heißt es oft in Historiengeschichten. Als "die Schönste der Schönen" erregt sie die Aufmerksamkeit der Höflinge.
Am 29. März 1515 ( ein Ehevertrag ist allerdings auf den 29. März 1514 datiert ) wird Diane mit dem über vierzig Jahre älteren und von Zeitgenossen als unattraktiv beschriebenen Louis de Brézé, Seneschall der Normandie, verheiratet. Aufgrund seiner Mutter Charlotte, einer legitimen Tochter König Charles VII. von Frankreich und dessen berühmter Mätresse Agnès Sorel, ist Louis de Brézé von königlicher Abstammung. Die Hochzeit findet in Paris im Hôtel de Bourbon, dem prunkvollen Stadtpalast der Herzöge von Bourbon nahe der Seine, statt. Das Königspaar und "toute la seigneurie" sind dabei zugegen.
Nun steigt die junge Frau endgültig dauerhaft in die obersten Ränge der Frauen am Hof des Königs auf: 1515 wird sie auch Hofdame der Königinmutter Louise de Savoie neben ihrer Funktion für die Königin Claude, ab 1531 dann auch dame d’honneur der neuen Königin Eleonore von Österreich, der zweiten Ehefrau von François I.
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| François Clouet: "Diane de Poitiers", "Louis de Brézé" |
1518 bringt Diane die gemeinsame Tochter Françoise, später - 1528 - noch Louise zur Welt. Neben ihren Pflichten am königlichen Hof übernimmt sie auch repräsentative Aufgaben an der Seite ihres Mannes.
In die Anfangszeit ihrer Ehe fällt die Teilnahme ihres Vaters an einer Verschwörung gegen den König unter dem Herzog von Bourbon, Oberbefehlshaber der königlichen Armee. Jean de Poitiers wird in Paris vom Parlament wegen Majestätsbeleidigung zur Enthauptung verurteilt. Bevor er im Januar 1524 auf das Schafott steigt, begnadigt ihn der König auf Initiative des Ehemannes von Diane. Das Image ihrer Herkunftsfamilie ist allerdings ab diesem Zeitpunkt beschädigt, während das der Brézé in ihrer privilegierten Position durch das erfolgreiche Gnadengesuch eine weitere Steigerung erfährt. Wie angesehen die Brézès sind, zeigt sich auch an der Wahl der Paten für die zweite Tochter Louise: die Königinmutter, eine Schwester des Königs - Königin von Navarra - sowie der Kardinal von Lothringen.
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| Schloss Anet; Zeichnung aus dem 18. Jahrhundert |
Als Louis de Brézé am 23. Juli 1531 in
Anet stirbt, wählt die dreißigjährige Witwe ab da für ihre Kleidung die Farben schwarz-weiß gestreift mit Gold, die später auch Henri II. als Vorbild für seine reguläre Livree dienen wird. Sie ist nicht nur über ihre Vergütung als Hofdame materiell abgesichert, sondern sie hat
auch Anspruch auf die von ihr in die Ehe eingebrachte Mitgift und dazu noch auf ausstehende Vergütungen für die von ihrem Ehemann ausgeübten Ämter. Sie nimmt sogar seinen Titel als Seneschall der Normandie an. Schließlich steht ihr auch noch die nutznießerische Verwaltung des gemeinsamen Eigentums und der Familienbesitztümer der Brézés vornehmlich in der Normandie, im Anjou, Périgord und Quercy stellvertretend für die beiden minderjährigen Töchter zu. Der König lässt ihr bei dieser Vermögensverwaltung freie Hand und entbindet sie per Erlass von jeglicher Rechenschaftspflicht.
Um die Besitztümer Nogent-le-Roi, Anet, Bréval und Montchauvet im Westen der Ile-de-France beziehungsweise in der südöstlichen Normandie, die eigentlich wieder an die Krone fallen müssten, prozessiert Diane, durchaus versiert im Rechtswesen. Erst unter der Regentschaft von Henri II. werden die ihr per Gerichtsbeschluss 1553 zugesprochen. Sie versteht es also, ihre materielles Vermögen zu halten bzw. rechtlich abzusichern, verfügt also schon über einen ansehnlichen Reichtum, bevor sie zur zentralen Figur am Hof aufsteigt.
Auch ihren politischen Einfluss weiß sie zu mehren: Frühzeitig und konsequent unterstützt sie die Partei des 1536 zum dauphin aufgestiegenen Königssohns Henri.
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| Heinrich als Kind |
Henri II. aus der Dynastie der Valois-Angoulême kommt 31. März 1519 auf Schloss Saint-Germain-en-Laye auf die Welt als zweiter Sohn von König François I. und Königin Claude. Nachdem sein Vater 1525 in spanische Kriegsgefangenschaft geraten ist, werden Henri und sein ein Jahr älterer Bruder laut Friedensvertrag von Madrid als Geisel des spanischen Königs in kastilische Festungen in Haft gegeben, damit der König in Freiheit in sein Land zurückkehren kann. Um Fluchtversuche der französischen Thronfolger zu verhindern, werden die Königssöhne unwürdigen Bedingungen in diversen kastilischen Festungen ausgesetzt. Die mit dieser Gefangenschaft verbundene Demütigung wird Henri niemals vergessen. Über die psychischen Auswirkungen dieser Situation auf die Entwicklung der beiden Kinder wird später viel spekuliert, gerade im Hinblick auf seine Beziehung zu Diane de Poitiers.
Schon mit elf Jahren soll der junge Königssohn bei einem Turnier im Rahmen der Krönungsfeierlichkeiten für Eleonore von Österreich Diane de Poitiers zur "Schönsten des Hofes" und seiner Dame gewählt haben, was allerdings eher dem Reich der Legenden zuzuordnen ist. Aus heiratspolitischen Gründen wird er 1533 mit vierzehn von seinem Vater mit der gleichaltrigen Catherine de Medici, einer Verwandten von Papst Clemens VI, verheiratet. Letzterer stirbt jedoch und das französisch-päpstliche Bündnis kommt nicht zustande. So verliert Katharina ihren eigentlich politischen Wert für Frankreich. Da ihr Rang nicht dem eines französischen Thronprinzen - der ältere Bruder Henris stirbt 1536 - angemessen ist, verschlechtert sich das Verhältnis zwischen den Eheleuten. Bei Hof nennt man Catherine die "Die Krämerstochter".
Gleichzeitig betreibt Diane de Poitiers eine strategisch vorteilhafte Heiratspolitik hinsichtlich ihrer beiden Töchter: Die Ältere heiratet 1538 einen Mann aus einem alten Adelsgeschlecht, der, da loyal dem König gegenüber in seinen Auseinandersetzungen mit den Habsburgern, anschließend bei Hofe Karriere macht. 1546 wird Louise mit einem erfolgreichen Heerführer aus der Familie des Herzogs von Guise vermählt.
Im Juli 1538 kommt
Diane de France als uneheliche Tochter des
dauphin mit der Italienerin Filippa Ducis auf die Welt. Diane sorgt als ihre Patin in Zukunft für eine sehr umfassende Ausbildung des Mädchens in Spanisch, Italienisch, Latein, Tanz und Musik. Dass das Mädchen ihren Vornamen bekommen hat, und sie als Patin auserkoren worden ist, lässt auf das besondere Verhältnis zwischen ihr und dem Thronfolger schließen. Wie bei den Turnierszenen - angeblich sollen sich die beiden auch bei einer anderen Hochzeit in die gleichen Farben, nämlich Schwarz & Weiß, gekleidet haben als Zeichen ihrer Verbundenheit - steht auch in diesem Fall der Patenschaft die Ehrerbietung im Vordergrund, eine symbolische Verneigung Henris vor der fast zwanzig Jahre älteren Diane. Das ist ein typisches Merkmal der Beziehung zwischen den beiden, welche auch immer dem höfischen Liebesideal verpflichtet ist.
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Meister der Schule von Fontainebleau "Diane de Poitiers" ( um 1550 ) |
In der Mitte des 17. Jahrhunderts kommt die bis heute lebendige Erzählung auf, der junge Prinz Henri, der eine lieblose und mutterlose Kindheit gehabt habe, sei von der geheimnisvollen Hofdame auf Geheiß seines Vater ihrer education sentimentale unterzogen und von ihr unter ihre Fittiche genommen worden. Allerdings findet sich erst 1540 ein erster schriftlicher Hinweis auf das besondere Verhältnis zwischen Diane de Poitiers & Henri in einem Brief eines Vatikanbotschafters an einen Kardinalskollegen. Dieser schreibt auch später noch einmal, dass Henri außer mit seiner Gemahlin nur noch mit einer weiteren Frau, eben Diane, viel Zeit verbringt. "Manche glauben jedoch, dass diese überaus große Liebe nicht sinnlicher Natur sei, sondern eher einer mütterlich-kindlichen Beziehung gleiche; denn besagte Dame hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Dauphin zu unterweisen, zu korrigieren, zu ermahnen und zu Gedanken sowie Taten anzuspornen, die eines solchen Fürsten würdig sind. Und tatsächlich ist ihr dies vortrefflich gelungen: War er zuvor noch ein leichtfertiger, eitler Mensch, der seiner Frau kaum Zuneigung entgegenbrachte und sich auch sonst jugendlicher Verfehlungen schuldig machte, so ist er nun das genaue Gegenteil dessen, was er einst war."
Es soll Diane gewesen sein, die Henri eindringlich an seine dynastischen Pflichten im Ehebett gemahnt hat, nachdem seine Ehe neun Jahre kinderlos geblieben ist. Ab 1544 bringt Catherine in einer raschen Folge von Schwangerschaften dann jedoch zehn Kinder zur Welt. Diane ist bei der Geburt des ersten Sohnes, des späteren François II. und Ehemann der Maria Stuart, dabei und ist persönlich verantwortlich für die Erziehung der überlebenden sieben Kinder des Königspaares. Sie wird Catherine ungeachtet der Ansteckungsgefahr sogar pflegen, als diese 1552 an Scharlach erkrankt. Diane bemüht sich, gute Beziehungen zur königlichen Rivalin zu pflegen. Zwanzig Jahre lang verbirgt auch Catherine ihren Groll und akzeptiert die Anwesenheit ihrer Nebenbuhlerin. Beide arrangieren sich also...
Am 25. Juli 1547 wird Henri in der Kathedrale Notre-Dame de Reims schließlich zum König gesalbt. Dabei trägt
"... der neue König als Zeichen seiner Verbundenheit mit seiner Geliebten auf seinem blauen, mit goldenen Lilien bestickten Wams ein besonderes Zeichen. Von links nach rechts gelesen ergibt es zwei Rücken an Rücken stehende „D“, die in ein „H“ eingeschrieben sind. Während der Krönung sitzt Diana auf einem der vordersten Plätze, während die schwangere Katharina auf eine hintere Tribüne gesetzt wurde." ( Wikipedia )
Damit dürfte deutlich sein, wie stark Dianes Position am Hof nun ist. "Es ist mehr wert klug, denn Königin zu sein", schreibt sie einmal in selbst verfassten Versen für Henri.
Als Favoritin des neuen Königs tritt sie die Nachfolge der Herzogin von Etampes,
Anne de Pisseleu d'Heilly, an, der Mätresse des Vorgängers François I. Die wird von Diane insofern gedemütigt, als Henri nun ihr die Kronjuwelen, die sie in Händen gehabt hat, ihr Pariser Stadthaus in der Rue Saint-Antoine und schließlich das Herzogtum Étampes und das Jagdschloss in Les Clayes übereignet. Bald nach seinem Regierungsantritt vermacht er Diane auch die Herrschaftsbezirke Chenonceau und Hondes im Loire-Tal und verleiht ihr darüberhinaus den Titel einer Herzogin von Valentinois und das Nutzungsrecht an den Grafschaften von Valence und Die auf Lebenszeit. Wobei das durchaus kein Akt der Willkür gewesen sein muss, denn die Familie von Poitiers hat seit dem frühen 15. Jahrhundert Anspruch auf ihre beiden ehemaligen Grafschaften in der Dauphiné erhoben und sich um eine Rückgabe dieser Lehensgüter bemüht. Übrigens bedeutet damals der Herzoginnentitel das Privileg eines Sitzplatzes im Schlafgemach der Königin...
Ausländische Gesandte am Hof beobachten genau, wie der König zu seiner Favoritin steht, der von einigen sogar nachgesagt wird, sie habe auch den Sieg über den
Konnetabel Anne de Montmorency, den einflussreichsten Günstling am französischen Hof, davongetragen.
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Schule von Fontainebleau "Diane de Poitier als Jagdgöttin" (1550) |
Henri II. "... ist ihr sogar noch stärker zugetan, als es der verstorbene König gegenüber Madame d’Estampes war; so sehr, dass sie das entscheidende Wort hat, und sobald der Dauphin mit einem Gesandten verhandelt hat, begibt er sich sogleich zu ihr, um ihr Bericht über den Verlauf zu erstatten, wobei er sich ihr voll und ganz verbunden zeigt."
Der König sucht Diane fast ausnahmslos jeden Tag nach dem Mittagessen auf, um anderthalb Stunden mit ihr zu plaudern und ihr alles mitzuteilen, was für ihn ansteht, so dass sie über alle Vorgänge im Bilde ist und in der Lage, ihn zu bestimmten Handlungen zu bewegen. Sie gilt als ambitionierte, kühl kalkulierende und vorausblickende, kluge Frau, die Henri II. ja auch schon zu seiner Zeit als Dauphin mit gutem Rat zur Seite gestanden hat. Ihr Klientelwesen erstreckt sich über ganz Frankreich und ihre Korrespondenz beweist, wie geschickt sie Netzwerke knüpft. Stolz schmückt sie sich mit den Kronjuwelen, hat den Vorsitz bei allen offiziellen Zeremonien und ein Mitspracherecht bei allen Einsetzungen in wichtige Ämter.
Mit Rückgriff auf die antike Mythologie stilisiert sie sich zur Jagdgöttin Diana. Dadurch setzt sie ihre Beziehung so in Szene, dass diese den Anstrich eines gebildeten Spiels mit Allegorien bekommt. Und indem sie symbolische Elemente der neuplatonischen Lehre verwendet, macht sie ihre Stellung unangreifbarer. Behauptet wird durch die Darstellungen von Artemis/Diana und Phöbus Apoll ja auch die enge, komplementäre, aber eben auch geschwisterlich-keusche Verbindung, die einer erotischen Liebesbeziehung zwischen Monarch und Favoritin widerspricht, allerdings auch einem hierarchisch strukturiertem Verhältnis von Herrscher und Günstling.
Henri II. behandelt seine Amouren eigentlich diskret und vorsichtig. Dennoch wählt er die Mondsichel, das Symbol der Jagdgöttin, zu seinem Emblem und lässt es auf seinen Porträts, seinen Gebäuden, in Stein, in Buntglas, auf Keramikfliesen, auf den Einbänden seiner kostbaren Bücher und auch auf der Uniform seiner Palastwachen anbringen.
Dianes Liaison mit dem deutlich jüngeren König birgt allerdings Risiken, zumal die Zeit gegen sie arbeitet. Nach Bekundungen der zeitgenössischen Diplomaten am Hof "... genießt sie auch in ihrem fortgeschrittenen Alter – wenngleich sie, da sie niemals Schminke verwendet hat ( was in Frankreich ohnehin nicht üblich ist [...] ) und auf eine möglichst maßvolle Lebensweise achtet, jünger wirkt, als sie tatsächlich ist" einen Ruf als alterslose Schönheit. Ihre Methoden der Schönheitspflege erinnern mich fast an die der Sisi von Österreich: Diane bemüht sich mit kalten Bädern, Turnübungen, einer strengen Diät und dem völligen Verzicht auf die damals bleihaltigen Puder dem natürlichen Gang der Dinge entgegenzuwirken.
Sogar die Dichter sind verzückt: Pierre de Ronsard vergleicht Diane mit dem Mond, der das Licht der abwesenden Sonne einfängt und zurückwirft, und weist damit deutlich auf die wesentlichen Funktionen der Vermittlung und Fürsprache hin, die die Favoritin des Königs übernommen hat. Er bewundert ihre Bildung und greift in seinen Versen auch immer das von ihr geschätzte Bild der Jagdgöttin auf. Sie wird schließlich zum Inbegriff der Renaissance-Dame, die Schönheit, Intelligenz und politische Klugheit zu verbinden weiß.
"Unter den vielen Schenkungen Heinrichs an Diane sticht ein Bauwerk hervor: Schloss Chenonceau an der Loire. Ursprünglich ein eher schlichtes Anwesen, verwandelte Diane es in ein Meisterwerk der französischen Renaissance", schreibt Thomas Stiegler an dieser Stelle.
1555 beauftragt Diane den Architekten
Philibert de l'Orme, der große Meister der französischen Renaissance-Architektur, mit dem Bau der Bogenbrücke, die das Schloss Chenonceau mit dem gegenüberliegenden Ufer des Cher verbindet - eines der bekanntesten Bauwerke Frankreichs. Sie lässt ein großes Parterre im Renaissance-Stil nordöstlich des Schlosses und weitläufige Gärten mit einer Vielzahl von Obstbäumen entlang des Flusses anlegen, mit damals besonderen Raritäten wie Melonen und Artischocken sowie Rosen, Lilien, Erdbeeren, Veilchen und Maulbeerbäumen. Die Gärten werden berühmt und vielfach kopiert werden. Ursprünglich ein eher schlichtes Anwesen, verwandelt Diane de Poitiers es in ein Meisterwerk der französischen Renaissance.
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| Portal des Schlosses Anet, Bronzerelief von Cellini ( heute im Louvre ) |
Mit den großzügigen Unterhaltszahlungen des Königs ( der ihr auch immer wieder gerne Baumaterial schenkt ) kann Diane auch das Feudalschloss ihres verstorbenen Mannes, Anet, durch de l'Orme umbauen lassen. Henri schenkt ihr auch eine bekannte Bronzearbeit - die Nymphe von
Benvenuto Cellini für Fontainebleau - nach einer Intervention de l’Ormes. Diese Schenkung kann wiederum als ein Zeichen besonderer königlicher Gunst gelesen werden, weshalb die Skulptur gleich am Eingang zum Schloss von Anet präsentiert wird. Auch diese sinnfällige Inszenierung bezeugt, dass Beiden, der Favoritin wie dem Monarchen, an der Sichtbarkeit ihrer Verbindung gelegen ist.
Die stillschweigende Koexistenz zwischen Diane und Catherine funktioniert erstaunlich gut bis 1559. Wie viele große Liebesgeschichten nimmt auch die zwischen Henri & Diane ein tragisches Ende:
Zur Hochzeit von
Élisabeth de France, der ersten Tochter des Königs, mit Philipp II. von Spanien, finden Turnierfeierlichkeiten statt, an denen der vierzigjährige Herrscher entgegen den Vorahnungen seiner Ehefrau teilnehmen möchte. Bei seinem letzten Turnier trägt er auch die Bänder in den Farben Dianes und nicht die der Königin. Ein Splitter der Lanze seines Turniergegners bohrt sich beim Kampf durch sein sein goldenes Visier, dann ins Auge und weiter in sein Gehirn. Zehn Tage kämpft er unter heftigen Schmerzen um sein Leben. Eine Notoperation kann ihn nicht retten.
Im Moment seines Todes verweigert Königin Catherine Diane den Zugang zu ihrem Ehemann und demonstriert so, dass die Karten jetzt neu gemischt werden. Den Trauerzug für Henri II. kann Diane nur vom Fenster ihrer Residenz aus beobachten.
Ganz im Sinne der italienisch-französischen Leidenschaft verbannt Catherine die Favoritin dann auch vom Hof. Diese bittet in einem Schreiben, welches sie zusammen mit den Kronjuwelen an Catherine schickt, demütig um Vergebung. Die Königin fordert nur die Rückgabe von Schloss Chenonceau und bietet zum Austausch Schloss
Chaumont an. Diane de Poitiers bevorzugt, sich für den Rest ihrer Tage auf ihr Schloss Anet zurückzuziehen. Sie ist keineswegs verarmt - ein zeitgenössischer Historiker schreibt: "
Keine Frau in Frankreich in ihrer Lage hat jemals zuvor so viel Geld aufgehäuft." -, sondern verfügt nach wie vor über ein beeindruckendes Vermögen. Das Hofleben betrachtet sie allerdings nur noch aus der Ferne.
Im Alter von 64 Jahren stürzt sie bei einem Ausritt vom Pferd und bricht sich das rechte Bein, wovon sie sich nie vollständig erholen wird und stirbt ein Jahr später, am 25. April 1566, mit knapp 66 Jahren.
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| Mitte: Sarkophag, rechts: eine zeitgenössische Zeichnung von Diane de Poitiers |
Gemäß ihres Wunsches und um ihr eine letzte Ruhestätte zu schaffen, vollendet ihre Tochter die nahe dem Schloss errichtete Trauerkapelle. Ihre Grabinschrift lautet: "Priez Dieu pour Diane de Poitiers". Während der Französischen Revolution wird das Grab geöffnet, ihr Leichnam geschändet und ihre sterblichen Überreste in ein Massengrab geworfen. Im Mai 2010 sind die Relikte in ihrem ursprünglichen Grab im Château d’Anet erneut beigesetzt worden.
Als Diane geboren wurde, so ein on-dit, hat eine alte Frau geweissagt, ihr Stern werde heller leuchten als der einer Königin. Der Stern der Diane de Poitiers als Synonym für Eleganz und Einfluss, als Symbolfigur der französischen Renaissance hat wohl über die Jahrhunderte wirklich nie an Glanz wie an Interesse verloren. Sie wird immer wieder gemalt, auch weit über ihre Lebenszeit hinaus. Selbst Salvador Dali schuf noch in den 1970er Jahren eine Zeichnung der ewigen Schönen. Immer wieder taucht ihr Name auch auf, wenn diskutiert wird, wie und ob Frauen in einer männerdominierten Welt Einfluss haben können. Sie hat es gekonnt.
*"Männer werden in jedem Alter nie wirklich erwachsen.
Sie alle – ganz gleich, welche Bedeutung sie auch erlangt haben mögen –
sind im Grunde nichts anderes als kleine Jungen."
Liebe Astrid, was ist dir doch mit diesem wieder ein großartiges Bild einer Frau gelungen, die du damit dem Vergessenwerden entziehst! Der Einfluss dieser Dame scheint streckenweise geradezu unermesslich. Und da sage noch jemand, dass Frauen früher nichts bewirken konnten. Schade ist das Ende der Lebensgeschichte, aber zu erwarten. Rache ist ja das wohl am häufigsten geübte Ritual gegenüber der Nebenbuhlerin. Ich denke, das hat sich bis heute nicht geändert, lediglich die äußere Form. Herzliche Grüße, Sunni
AntwortenLöschenBeeindruckend und wunderschön sind die Schlösser. Ebenso beeindruckend und schön ihre Bauherrin und Besitzerin! Sehr interessant, wie Klugheit und Charm hier doch mal gewinnen.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Nina
Spannend und aufschlussreich zugleich. Die Erinnerungen bleiben wohl durch die Bauten erhalten beziehungsweise die zahlreichen Porträts. Danke für Deinen Hinweis und Beitrag zu
AntwortenLöschenMosaicMonday 🌷
Muntere Grüße von Heidrun