Donnerstag, 10. September 2026

Great Women # 469: Mary Wollstonecraft


Und wieder ist ne Kachel voll...

Es ist verdammt lange her, dass ich während meines Englandaufenthaltes ihr Werk "A Vindication of the Rights of Woman" in die Finger bekam, gelesen habe und überrascht & fasziniert war, hatte ich Feminismus bis dahin in jener Zeit nicht vermutet. Mary Wollstonecraft ist ein "Kind" der Französischen Revolution und hat zu dieser Zeit auch in Paris gelebt. In mir entwickelte sich schon damals eine Hochachtung. Auch gegenüber ihren Widersprüchen, die ja nur ein Abbild der ideologischen und gesellschaftlichen ihrer Zeit und ihres Milieus gewesen sind. Nach dem Schreiben dieses Posts stieg diese noch mehr.

"Ehemänner ebenso wie ihre Artgenossen 
sind oft nur zu groß geratene Kinder."
.....
"Das Gottesgnadentum der Ehemänner 
kann hoffentlich, wie das Gottesgnadentum der Könige, 
in diesem aufgeklärten Zeitalter ohne Gefahr infrage gestellt werden."

St. Botolph without Bishopsgate
Mary Wollstonecraft kommt am 27. April 1759 in Spitalfields im Haus ihres Großvaters in der Primrose Street zur Welt. Sie ist das zweite von sieben Kindern der Elizabeth Dixon, 30 Jahre alt, Tochter eines irischen Weinhändlers, und des 36jährigen Edward John Wollstonecraft, mit dem Elizabeth sich in Irland im April 1755 verheiratet hat und wo auch ihr erster gemeinsamer Sohn geboren worden ist. Am 20. Mai 1759 wird das Mädchen in der Gemeinde St. Botolph without Bishopsgate getauft, in der die großväterliche Familie zu Hause ist. 

Spitalfields ist damals das größte Manufakturenviertel Europas, in dem übrigens 1769 Frauen von besser bezahlter Arbeit von der Seidenwebergilde ausgeschlossen werden. Das ist in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Fortschritt bezüglich der Frauen einen empfindlichen backlash erfährt. Auch auf diesem Hintergrund muss man Mary Wollstonecraft sehen & würdigen.

Marys Vater ist Sohn eines solchen wohlhabenden Seidenwebers in Spitalfields, der sich in seinem Testament als "Weber und Bürger von London" bezeichnen darf und der ihm 1765 ein Vermögen in Höhe von 10.000 Pfund Sterling vermacht. Dazu noch das Privileg, ein Wappen zu führen, so dass sich Edward John Wollstonecraft mit Fug und Recht als Gentlemen bezeichnen darf. 

Die schlechten Lebensbedingungen in London - zwischen 1756 und 1776 hat es enorme Preisschwankungen beim Getreide gegeben mit Bürgerunruhen und Hungerrevolten als ständiger Folge - und die durch das rasante Wachstum der Stadt bedingte Entwurzelung führen auch in der Familie Wollstonecraft zu moralischem Verfall & Trunksucht. Das, sowie der Tod von Marys jüngerem Bruder Henry, geboren 1761, mögen den Umzug der Familie nach Osten in die ländliche Idylle von Essex befördert haben, auf einen Gutshof am Rande des Epping Forest, den bereits Großvater Edward Wollstonecraft für die Familie gekauft hat, um seinem Sohn den Traum von einem Leben als Gutsbesitzer zu ermöglichen.  Epping ist damals eine Marktstadt in der Grafschaft Essex, die heute ein Stadtteil im Osten Londons ist.

Doch Marys Vater ist ein übellauniger, fauler und unzuverlässiger Mensch, der nichts von Landwirtschaft versteht und auch kaum Anstrengungen unternimmt, es zu lernen. Ein schwacher Charakter, der das mit Autoritätsgehabe und Gewaltausbrüchen zu kompensieren versucht. 

Als Mary etwa fünf Jahre alt ist, zieht die Familie schon weiter auf einen anderen Bauernhof in der Nähe, wo die Schwester Elizabeth 1763 zur Welt kommt. Schon zwei Jahre später steht erneut ein Wohnortwechsel an, diesmal ein abgelegenes Haus in der Nähe der Gemeinde Barking ( heute ebenfalls ein Stadtteil von London ), wo der Vater dank guter Verbindungen zu Freunden des Großvaters die Position eines Armenpflegers bis 1768 innehat. Die erwachsene Mary wird sich gerne voller Liebe an ihre Kindheit dort erinnern, an den Garten ihrer Familie und die umliegende Landschaft, deren natürliche Schönheit ihr Trost spendet, wenn der jähzornige Vater ihr Schmerzen bereitet.

Doch der Anspruch der Wollstonecrafts auf ländliche Vornehmheit ist nur von kurzer Dauer. Edward Johns verschwenderischer Lebensstil und sein mangelndes Können lassen sein Vermögen rasch schwinden. 1768 zieht er mit seiner Familie schon wieder um, diesmal auf einen Bauernhof nahe Beverley in Yorkshire, wo ein weiterer Sohn, Charles, 1770 geboren wird. In Barking hat schon eine dritte Tochter, Everine (*1765) sowie ein dritter Sohn, James (*1768), die Familie vergrößert. Bei diesem Hin und Her erfährt nur der älteste Sohn Edward "Ned" eine kontinuierliche schulische Unterweisung. Mary, ein intelligentes Mädchen leider nicht. Schon früh festigt sich in ihr der Gedanke, dass es keinen einzigen naturgegebenen Grund für die Benachteiligung ihres Geschlechts gibt und geben kann. 

Sie wird als liebevoll und idealistisch erlebt, einerseits überschwänglich und energiegeladen, andererseits introvertiert, fast mystisch veranlagt, das sich gerne in der Natur aufhält und dort zu Gott spricht. Ihre Mutter, aufgrund der Erniedrigungen und der Gewalt, die sie von ihrem trunksüchtigen und mürrischen Ehemann erfährt, zunehmend apathisch & emotional erschöpft, vernachlässigt ihre Kinder, und ihre älteste Tochter übernimmt die Rolle der "kleinen Mutter" für ihre Geschwister. Die sensible Mary erlebt Elizabeth als dienende, weinende Sklavin des Vaters, was sie nachhaltig prägen wird. Sie empfindet neben Mitleid allerdings auch Groll der Mutter gegenüber, weil diese selbst nichts zur Verbesserung ihrer Situation beiträgt. Im Teenageralter legt sie sich oft vor die Schlafzimmertür, um die Mutter vor dem Vater zu beschützen. 
"Die Schläge ihres Vaters stimmten sie keineswegs demütig, sondern empörten sie vielmehr. Bei solchen Gelegenheiten fühlte sie ihre Überlegenheit und neigte dazu, ihre Verachtung auch zu zeigen", wird Marys späterer Ehemann in seinen Erinnerungen anmerken. 
Beschrieben wird Mary ansonsten als ein "unordentlich wirkendes Mädchen in schwarzen Strümpfen, mit üppigem, kastanienbraunem Haar und wenig anderen Vorzügen, umgeben von einer Schar jüngerer Geschwister", "geschäftig und herrisch".

Die finanzielle Lage der Familie verschlimmert sich unterdessen weiter. Der Vater zwingt Mary, das Geld, das ihr aus einem Erbe mit Erreichen der Volljährigkeit zustehen wird, ihm zu übereignen.

Ihre marginale Schulbildung - in Beverly hat sie immerhin noch in der Tagesschule Lesen & Schreiben gelernt - führt bei ihr zu einem unermüdlichen Eifer, ihre Lücken in Selbststudium zu füllen. Und sie wird ihr ganzes Leben bestrebt bleiben dazuzulernen. Sie nutzt jede Gelegenheit zum Austausch mit älteren, interessierten & interessanten Menschen und ist selbst eine eifrige Leserin. In Beverly findet sie in  Jane Arden eine gleichgesinnte Freundin. Die Beiden lesen oft gemeinsam und besuchen Vorlesungen von Ardens Vater, einem selbsternannten Philosophen und Wissenschaftler. An Jane wird sie auch nach ihrem Wegzug von Beverly nach Hoxton weiter schreiben: "Ich habe romantische Vorstellungen von Freundschaft entwickelt  … Ich bin etwas eigenartig in meinen Gedanken über Liebe und Freundschaft; für mich muss beides an erster Stelle stehen", teilt Mary der Freundin einmal mit. 

In Hoxton, heute ein Teil des Londoner East End, findet Mary im Nachbarn Reverend Clare, der eine Leidenschaft für Poesie hegt, einen Förderer. Sie leidet in dieser Zeit unter schweren Depressionen, einem wiederkehrenden Leiden, das sie ihr Leben lang begleiten wird. Der pensionierte Kirchenmann und seine Frau nehmen die Jugendliche unter ihre Fittiche. Sie besucht sie oft für längere Zeit, um die von ihm empfohlene Literatur aus seiner Bibliothek zu studieren, darunter Werke von Jonathan Swift und John Locke. Es zeigt sich, dass Mary über einen außergewöhnlichen Intellekt verfügt.

Reverend Clare stellte Mary auch Francis "Fanny" Blood vor, die eine weitere ihrer engsten Freundinnen wird. Die um ein Jahr Ältere wird für sie zu einer Art Elternfigur, die Marys Horizont zu erweitern vermag und ebenfalls maßgeblich zu ihrer intellektuellen Entwicklung beiträgt. Die Familie Blood lebt allerdings in Newington Butts, heute zum Londoner Bezirk Southwark gehörend.

Walworth 1779
Als die Wollstonecrafts mal wieder weiterziehen, diesmal nach Walworth, weil der Vater sich nun als Gärtner versuchen will, will sich Mary wie ihr Bruder Ned von der dysfunktionalen Familie lösen. 

Walworth, traditionell ein Bauerndorf, dass die Feldfrüchte für den Londoner Markt geliefert und  Reisenden auf ihrer Fahrt in die und aus der Hauptstadt Gasthäuser geboten hat, unterliegt zu dieser Zeit einem rasanten Wandel, auch geprägt von ideellen Umwälzungen. Alles Veränderungen, die auch für die Entwicklung Marys eine Rolle spielen.

Um ihr zu helfen, findet ihre Mutter für sie eine Unterkunft beim Philosophen und Übersetzer Thomas Taylor in Manor Place. Taylor unterrichtet seine neue Untermieterin und wird sie zweifellos  hinsichtlich ihren eigenen späteren philosophischen Werke beeinflussen. Ungefähr drei Monate wird sie dort bleiben. Mit 19 Jahren verlässt Mary gegen den Willen der Mutter das Elternhaus endgültig und arbeitet bis 1779 als Gesellschafterin einer Witwe, Sarah Dawson, in Bath. Dort lernt sie Reverend Joshua Waterhouse, einen charmanten Theologiestudenten aus Cambridge, kennen, der wohl romantische Gefühle in der jungen Frau weckt ( leidenschaftliche Briefe an ihn werden bei seinem gewaltsamen Tod später gefunden werden und von Marys Tochter vernichtet ). 1780 muss sie heimkehren, um die erkrankte Mutter zu pflegen. Die stirbt im April 1782. Edward John Wollstonecraft heiratet bald darauf erneut - ein Schock für seine Kinder und ein Ärgernis! 

Mary, nunmehr 23 Jahre alt, lebt danach bei der Familie Blood. Während der zwei Jahre dort muss sie erkennen, dass sie Fanny idealisiert hat, die einfach stärker traditionelle weibliche Werte vertritt als sie. Sie selbst hat eigentlich eine weibliche Utopie entwickelt, mit Fanny in einer Wohngemeinschaft mit gegenseitiger emotionaler und finanzieller Unterstützung zu leben. Aber Fanny, die schon damals erste Anzeichen einer Tuberkulose zeigt, ist von eher schwachem, zögerlichem Charakter.

Schon 1782 hat auch Marys jüngere Schwester Eliza geheiratet. Obwohl Mary aufgrund der elterlichen Misere gemischte Gefühle gegenüber der Ehe hat, sieht sie für ihre Schwester einen Vorteil darin. Die Neunzehnjährige ist weit weniger ehrgeizig und intellektuell als sie selbst. Nach der Geburt ihres ersten Kindes 1784 leidet Eliza unter argen Wochenbettdepressionen, und Mary bemerkt bei der Pflege von Schwester & Baby welch unrühmlichen Beitrag dazu der zehn Jahre ältere Ehemann leistet, der auf seine sexuellen Ansprüche pocht. Also Trennung! Doch so einfach ist es nicht: Frauen ist gesetzlich vorgeschrieben, ihre Pflichten als Ehefrauen zu erfüllen, es sei denn, es liegt ein schwerer Missbrauch vor. So bleibt ihrer Schwester nur eine heimliche Flucht und gemeinsam taucht man vorübergehend in Hackney unter, wo Eliza sich erholen kann.

Zum ersten Mal zeigt sich Marys Bereitschaft, gesellschaftliche Normen auch in der Tat in Frage zu stellen. Die menschlichen Kosten dafür sind für ihre Schwester jedoch hoch, denn sie wird  dafür in der Gesellschaft geächtet und - da sie nicht wieder heiraten kann - zu einem Leben in Armut und harter Arbeit verdammt. Immerhin kann Eliza in ein gemeinsames Projekt mit Mary, Fanny und einer weiteren Schwester, Everine, einsteigen, die die Newington Green School gründen, zwischen Islington und Hackney gelegen. Dort setzt sie ihre noch vagen Vorstellungen einer progressiven Pädagogik erfolgreich um, die Koedukation von Mädchen und Jungen und Verzicht auf autoritären Frontalunterricht wie Erziehung zur Mündigkeit beinhaltet.

Islington ist ein intellektuell anregendes und radikales Viertel Londons, in dem Mary schnell weiteren fortschrittlichen Ideen begegnet. Sie freundet sich mit dem Reverend Richard Price an, Pfarrer in der Newington Green Unitarian Church, der als Agitator für politische Reformen und als Philosoph bekannt ist und die Abschaffung des Oberhauses und das allgemeine Wahlrecht für Männer befürwortet. Überhaupt ist es das religiöse Milieu der Dissenter, zu denen Price zu rechnen ist, dass die Emanzipation und Gesellschaftskritik vorrangig betreibt und wo radikale Liberalität allerdings auch mit Prüderie und Moralismus bezahlt wird. In diesem stimulierenden Umfeld beginnt Mary erstmals zu schreiben. 

Frontispiz von William Blake
für 
"Original Stories from Real Life"
Fanny hingegen verlobt sich bald, verlässt die Schule nach ihrer Heirat und zieht mit ihrem Mann nach Lissabon, in der Hoffnung, ihrer angeschlagenen Gesundheit Gutes zu tun. Als sie Ende 1785 ein Kind erwartet, lässt sie nach der Freundin rufen. Fanny stirbt bei der Geburt ihres Kindes in Marys Armen. Die ist zutiefst erschüttert und wird ihre Freundin nie vergessen, trägt sie doch immer ein Medaillon mit ihrem Haar um den Hals und wird ihr erstes Kind nach ihr benennen. Auch inspiriert Fanny sie zu ihrem ersten Roman "Mary: A Fiction" von 1788. Den letztendlichen Anstoß dazu wird ihr wieder mal ein Geistlicher, Reverend John Hewlett,  geben, weil er darin einen Weg der Trauerbewältigung sieht.

Zurück in England findet Mary die Schule in einem eher desolaten Zustand vor, so dass sie sie schließt und ein erstes Pamphlet verfasst: "Thoughts on the Education of Daughters". Ihr Freund Joseph Johnson gibt es 1787 heraus. Erziehungsbücher sind eines der wenigen Genres, die für schreibende Frauen als akzeptabel gelten. 

Auf Vermittlung von Freunden kann sie dann eine Stelle als Gouvernante der Töchter der anglo-irischen Familie Kingsborough in Irland antreten. Auf der Fähre trifft sie auf einen weiteren Geistlichen, mit dem sie lebenslang korrespondieren wird: Reverend Henry Gabell. Ein Jahr verbringt sie in Irland, bis sie wegen ihrer Ansichten zur Mädchenbildung entlassen wird. In das Kinderbuch "Original Stories from Real Life" fließen Marys Erlebnisse in diesem Jahr ein.

28 Jahre alt ist Mary Wollstonecraft, als sie nach London zurückkehrt und sich nun ganz dem Schreiben widmet - für damalige Verhältnisse ein radikaler Entschluss -, und zwar für die "Analytical Review", eine provokante links-liberale Zeitung ihres Freundes Johnson, der sie als Lektorin und Rezensentin einstellt. In diesem Rahmen äußert sie sich auch über die umstrittene republikanische Denkerin Catherine Macaulay und deren "Letters on Education", in denen es deutliche Überschneidungen im Gedankengut gibt. So teilt sie Macaulays Kritik an der Art und Weise, wie von Mädchen erwartet wird, "Schwäche vorzutäuschen, um die Aufmerksamkeit der Männer zu erregen". 

Die enge Freundschaft mit Johnson ist ein Glücksfall für Mary. Sie, die fast nichts gelernt hat, sieht sich plötzlich als Teil eines interessanten und anregenden Kreises Londoner Intellektueller, die in seinem Haus verkehren. Sie knüpft auch Kontakte zur "Blue Stockings Society", einer losen, also informellen sozialen und Bildungsbewegung von Frauen. 

Von links nach rechts: Richard Price, John Johnson, Catherine Macauly, Johann Heinrich Füssli

Bei Johnson lernt sie auch den eleganten und weltgewandten Schweizer Maler und Schriftsteller Johann Heinrich Füssli kennen. Archetypisch verkörpert Füssli den bürgerlichen Bürgerschreck, dessen Schmähungen ohne Fundament sind und folgenlos bleiben. Im Gegenteil: Seine Selbstinszenierung der Verruchtheit hat ihm zu einem gut bezahlten Professorenposten an der Royal Academy of Arts verholfen. Er nennt Mary Wollstonecraft bloß abfällig die "Philosophenschlampe" und tut kund, dass er - wie beinahe alle fortschrittlichen Intellektuellen ihrer Zeit -  von einer vollständige Frauenemanzipation nichts hält.

Sie hingegen drängt sich in eine Spirale der Erniedrigung, schreibt ihm, sie sei von seinem Genie, "der Größe seiner Seele, seiner schnellen Auffassungsgabe und seinem liebenswerten Einfühlungsvermögen" hingerissen. "Ich hoffe, mich mit deinem Geist zu vereinen..." Der 18 Jahre ältere Maler erotisch aufgeladener, skandalträchtiger Bilder hat eher ein ambivalentes Verhältnis zu Frauen und ist in seinem Privatleben der unkomplizierten, unterwürfigen Weiblichkeit zugetan und erwidert Marys Zuneigung keinesfalls. Als sie ihm und seiner Frau, einem Malermodell, dann auch noch den Vorschlag einer platonischen Wohngemeinschaft unterbreitet, setzt er das Gerücht, in die Welt, sie wolle eine Dreiecksbeziehung anbahnen. Sexuelle Ausschweifungen - das geht in Dissenter - Kreisen absolut gar nicht!

Porträt von John Opie
(1790)
Nach diesem Debakel steht Marys Ruf auf dem Spiel und sie beschließt u.a. auch deshalb 1792 nach Frankreich zu reisen, um dem zu entfliehen, aber vor allem auch am zu diesem Zeitpunkt interessantesten Experimentierfeld gesellschaftlicher Veränderungen teilzunehmen, die sie in ihrer Schrift "A Vindication of the Rights of Men" gefeiert und was sie - zunächst anonym - publiziert hat. 

Diese Schrift von 1790 ist eine Replik auf auf die politisch scharfe, konservative Kritik des Whig-Abgeordneten Edmund Burke an der Französischen Revolution in dessen Werk "Reflections on the Revolution in France". Die zweite Auflage erscheint unter ihrem Namen und macht sie über Nacht schlagartig berühmt. Ihre Grundaussage, gegen das Argument des Naturrechts und der Tradition gerichtet, deckt sich in etwa mit Hegels eine Generation später formulierten Kritik: 
"Auch die Abschaffung des Menschenopfers, der Sklaverei, des Feudaldespotismus und unzähliger Infamien war immer ein Aufheben von etwas, das ein altes Recht war."

Vor ihrer Abreise kommt auch noch ihr wichtigstes Werk, "A Vindication of The Rights of Woman" heraus. Das Werk greift zentrale Debatten der Aufklärung auf, in denen Frauen häufig auf Familie und Moral beschränkt werden, während Vernunft und Öffentlichkeit Männern vorbehalten bleiben. Sie stellt die strengen Regeln der georgianischen Gesellschaft für Frauen offen in Frage. Dazu gehört übrigens auch die Lehre der Kirche.

"Jetzt werfe ich den Fehdehandschuh hin und leugne das Vorhandensein spezieller geschlechtlicher Tugenden, einschließlich der Sittsamkeit. Für Mann und Frau muß die Wahrheit dieselbe sein."

Lucy Peltz versucht an dieser Stelle eine Einordnung der Gedanken & Ideen Mary Wollstonecrafts in die Ideengeschichte und die Gesellschaftspolitik ihrer Zeit zu formulieren, die ich bemerkenswert gefunden und deshalb in diesen Post aufgenommen habe:
"Von der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 bis zum Ende der Napoleonischen Kriege 1815 befand sich Großbritannien in einer Phase wirtschaftlicher, sozialer und politischer Turbulenzen. Vor dem Hintergrund dieser Revolutionen im Ausland wurden die Beziehungen zwischen den Geschlechtern – und ihre jeweiligen Rollen – zunehmend infrage gestellt. Während das Bild der respektablen Schriftstellerin sentimentaler Romane, Gedichte oder didaktischer Literatur zum kulturellen Standard geworden war, regte sich Widerstand gegen literarisch interessierte Frauen, die ihre Ansichten in den eher 'männlichen' Genres Geschichte und Politik vertraten. Die Verschärfung der Geschlechtergrenzen lässt sich besonders an der Rezeption und dem angeschlagenen Ruf einer neuen Generation politischer Stimmen erkennen, darunter die radikale Mary Wollstonecraft." 
Porträt von John Williams
(1791/92)
In Frankreich schließt Mary sich dem Kreis der Expatriates in der Stadt an und pflegt vorwiegend Kontakte zu den gemäßigten Girondisten, weniger zu den radikaleren Jakobinern. In Paris lernt sie 1793 auch Gilbert Imlay kennen, einen amerikanischen Abenteurer, und beginnt mit ihm eine intime Beziehung, wirft also alle bisherige Vorsicht über Bord. Trotz ihrer Ablehnung der sexuellen Komponente von Beziehungen in "Die Rechte der Frau" entdeckt sie, dass Imlay ihr Interesse an Sexualität zu wecken vermag. Ob sie an einer Ehe interessiert ist oder nicht - er ist es auf jeden Fall nicht, lässt sie aber in der amerikanischen Botschaft zu ihrem Schutz als Ehefrau eintragen, als sie schwanger von ihm wird und er sich nach Le Havre auf und davon macht. Am 14. Mai 1794 bringt Mary ihre Tochter Fanny zur Welt. Sie ist jetzt 35 Jahre alt.

Die meisten der geistreichen deutschen, englischen und amerikanischen Geistesmenschen, mit denen sie in Paris Tee trinkt und diskutiert, entpuppen sich als Revolutionsgewinnler und Spekulanten, auch Imlay gehört dazu, hinter deren idealistischem Feuer sich handfeste Geschäftsinteressen verbergen. Mary ist reichlich desillusioniert. Auch von Imlay als Mensch, der immer wieder - leere - Versprechungen in seinen Briefen macht. Sie schafft es trotz all der Turbulenzen, "A Historical and Moral View of the Origin and Progress of the French Revolution" zu verfassen. Während Imlay bereits nach England zurückgekehrt ist, bleibt sie in Frankreich zurück. 

Eine ausländische Frau allein mit einem Säugling inmitten einer Revolution, in der gute Freunde inhaftiert oder hingerichtet worden sind, im kältesten Winter in Europa seit über einem Jahrhundert - das muss frau erst einmal schaffen! 

Erst 1795 kehrt sie nach London zurück, wo Imlay längst mit einer Schauspielerin lebt. Mary unternimmt einen Selbstmordversuch mit Laudanum, was er verhindern kann. In der Hoffnung, seine Zuneigung zurückzugewinnen, unternimmt sie sogar eine lange und beschwerliche Reise durch Skandinavien, um etwas aufzuklären: Imlay hat versucht, Silber aus dem revolutionären Frankreich durch die britische Blockade der Nordsee zu schmuggeln. Das Schiff ist verschollen, und sie soll versuchen, die Ladung zurückzuholen. Die kleine Fanny ist mit dabei zusammen mit ihrer französischen Amme Marguerite. Sieben Wochen lässt sie das Baby allein mit ihr in einem abgelegenen schwedischen Hotel, während sie nach Dänemark reist. Der Plan scheitert. Als Mary Kopenhagen erreicht, ist weder das Schiff da, noch kommt die erhoffte Versöhnung mit Imlay zustande. Er macht deutlich, dass er nichts mehr mit ihnen zu tun haben will. In tiefste Verzweiflung versunken, unternimmt sie, nach England heimgekehrt, im Oktober 1795 einen weiteren Selbstmordversuch und springt in die Themse. Ein Fremder rettet sie. Die Beschreibung der Reise "Letters Written During a Short Residence in Sweden, Norway, and Denmark" bringt Johnson im Jahr darauf heraus.

William Godwin (1802), Mary Wollstonecraft (1797)
Dann wendet sich das Blatt plötzlich:
 
Ein weiterer Geistlicher tritt in ihren Dunstkreis. Mary hat William Godwin, einst ein ein freikirchlicher Pfarrer, nun ein anarchistischer Theoretiker, bei ihrer ersten Begegnung vor ihrer Frankreichreise nicht besonders gemocht. Doch irgendetwas zieht sie nun an dem drei Jahre Älteren an, trotz ihrer in vielen Punkten diversen Ansichten, beispielsweise was die Rolle eines liberalen Staates als Erzieher anbelangt, dem sie mehr emanzipatorisches Potenzial zutraut als der Zivilgesellschaft. Die ungewöhnliche Romanze zwischen den Beiden beginnt zunächst zögerlich, entwickelt sich aber schließlich zu einer echten Liebesbeziehung. Aus Mary ist durch die französische Lebensart eine ironische Epikureerin  geworden, die die schönen Dinge des Lebens zu genießen weiß, wie Godwin in seinen Erinnerungen schreiben wird.

Obwohl beide nicht an die Ehe glauben, heiraten sie, als Mary schwanger wird. Fanny nimmt den Namen Fanny Godwin an, und aus "Man" wird "Dad". Sie wohnen in der neuen Siedlung "The Polygon", unweit des heutigen Bahnhofs Euston, damals ein idyllischer Ort, Häuser mit Gärten, umgeben von Feldern und Bauernhöfen. Godwin hat eine zweite Wohnung zwanzig Häuser weiter, damit beide ihre Unabhängigkeit bewahren können.

Doch es wird nur ein kurzes Happy End geben auf Marys verschlungenem, von viel Unglück gepflasterten Lebensweg. Während ihre Philosophie von einer Befreiung des weiblichen Körpers träumt, stirbt sie einen eindeutig weiblichen Tod und hinterlässt ihr Werk unvollendet und ihre Mädchen als Waisen zurück.

Historische Darstellung zum Kindbettfieber
Am 30. August 1797 kommt ihre zweite Tochter Mary zur Welt. Zunächst scheint alles gut zu verlaufen. Doch dann löst sich die Plazenta nicht, eine manuelle Entfernung ist erforderlich. In den Stunden nach diesem Eingriff, so Godwin, "war der Blutverlust beträchtlich und führte zu einer fast ununterbrochenen Reihe von Ohnmachtsanfällen." 

Zunächst scheint sich die 38jährige zu erholen, dann kommt das Fieber, der Schüttelfrost. Die Ärzte ordnen an, so viel Wein zu trinken, wie möglich. Aus Angst, dass durch das Stillen die Infektion auf das Neugeborene übertragen wird, "beschafften sie Welpen, um die Milch abzuzapfen". Mary kann bald keinem Gedankengang mehr folgen und Zusammenhänge nicht mehr erfassen. Am 10. September 1797 erliegt sie dem Kindbettfieber. Sie wird auf dem Friedhof der alten Kirche von St. Pancras beigesetzt. 

Mit seiner schonungslos - ehrlichen Autobiografie und der posthumen Veröffentlichung von Marys persönlicher Korrespondenz 1798 tut William Godwin seiner Frau, aber ganz besonders ihren Ideen, keinen Gefallen. Die Reaktionen sind geradezu verheerend. Die Gesellschaft stürzt sich auf die Enthüllungen, die ihr "liederliches Leben" dokumentieren und ihr wird "libertäre Unmoral" vorgeworfen. Für den Whig-Politiker Horace Walpole ist sie eine "Hyäne in Unterröcken". Besonders tut sich ein Reverend Richard Polwhele mit einer langen Vers-Tirade hervor. Das "European Magazine" bezeichnet sie als "philosophische Wüstlingin". Selbst weibliche Schriftstellerinnen stellen Mary an den Pranger. Jane Austen erwähnt sie nie namentlich, doch enthalten mehrere ihrer Romane positive Anspielungen auf Wollstonecrafts Werk. Für Godwin hingegen ist seine Frau ein weiblicher Werther. 

Vor ihrem Tod die meistgelesene Politikerin Europas, geraten ihre Worte, ihre Schriften, die eines Tages den Grundstein für die Gleichberechtigung der Frauen legen werden, nun völlig in Vergessenheit, bis sie über ein Jahrhundert später von Feministinnen der Frauenbewegung in England und den USA wiederentdeckt werden. Dieses Schicksal teilt Mary Wollstonecraft allerdings mit vielen bedeutenden Frauen der Geschichte, an deren Biografien männliche Historiker kein Interesse zeigten.

Und was ist mit den kleinen Mädchen passiert, die sie zurücklassen musste? Mary werden viele von uns begegnet sein, ist sie doch als Mary Shelley die Autorin von "Frankenstein". Fanny, deren einzige Rolle in der Godwinschen Patchwork-Familie die einer Vermittlerin gewesen zu sein scheint, nimmt sich am 9. Oktober 1816  in Swansea das Leben - mit 22 Jahren.

In den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts erscheinen endlich zahlreiche englischsprachige Biografien über die Vordenkerin des Feminismus, 2002 auch eine in deutscher Sprache. Schon 1979 hat sie einen Platz im Kunstwerk "The Dinner Party" von Judy Chicago bekommen. 1994 wird der Venuskrater Wollstonecraft nach ihr benannt.

                                                                                              


Auch heute biete ich euch Links an zu weiteren Frauen-Posts auf meinem Blog-
alle mit einem Gedenktag in dieser Woche:



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