Schon wieder eine Emilie, könnte man jetzt sagen ( na klar doch, ist der Name meiner geliebten, unvergessenen Oma! ). Ist heute aber eher Zufall, denn diese Frau war einfach mal dran, hatte mich doch Post von Swig mit einer entsprechenden Briefmarke schon im letzten Jahr daran erinnert, dass ich unbedingt mal herausfinden müsste, was hinter dem Namen der großen Metrostation im 1. Pariser Arrondissement steckt ( um jetzt zu wissen, dass es nur der Platzname ist, der übersetzt "Kastell" bedeutet ). Die Dame hat damit erst einmal nichts zu tun, obwohl sie eines Platzes würdig wäre: Émilie du Châtelet.
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| Die Eltern Émilies |
So spricht sie mit zwölf Jahren fließend Latein, Italienisch, Griechisch, Englisch und Deutsch, aber beschäftigt sich auch - getrieben von ihrem unbändigem Wissensdurst - mit Mathematik, Physik, Philosophie, liest Tasso, Vergil, Milton und andere große Dichter. Außerdem erhält sie Fecht- und Reitunterricht, lernt auf dem Spinett zu spielen, Opernarien zu singen sowie das Tanzen und Theaterspielen - insgesamt eine ganz klassische Bildung, wie sie Mädchen ihrer Tage allerdings kaum widerfährt. Aber es ist auch nicht weiter verwunderlich, gehört ihr Vater zu denen, die fortschrittlichen Ideen gegenüber aufgeschlossen sind.
In der Wohnung der Eltern verkehrt - donnerstags hält der Baron seinen wöchentlichen Salon ab - zum Beispiel der Frühaufklärer Bernard le Bovier de Fontenelle, der eine wichtige Rolle im Pariser geistigen und gesellschaftlichen Leben - und in Maßen auch in der Politik - spielt und dessen Werke die katholische Kirche auf den Index gesetzt hat, weil er seine Leser zum Bezweifeln biblischer Weissagungen und Wunder animiert. Mit ihm führt Émilie im Alter von zehn Jahren eine Diskussion über Astronomie.
Es ist also eine sehr offene, freidenkerische Atmosphäre, in der das Mädchen heranwächst, und sie zieht es vor, den gebildeten Besuchern zuzuhören, anstatt mit anderen Kindern zu spielen. Sich selbst traut sie viel zu. So übersetzt sie mit zwölf Jahren die "Aeneis" von Vergil und von Aristoteles "Politik" und "De anima" ( "Über die Seele" auf Deutsch ). Ihre Energie scheint grenzenlos, benötigt sie doch auch angeblich des Nachts nur wenige Stunden Schlaf.
Mit extremer Hingabe widmet sie sich ihrer wissenschaftlichen Weiterbildung, nutzt ihre mathematischen Fähigkeiten, um äußerst erfolgreiche Glücksspielstrategien zu entwickeln, und kauft sich von ihren Gewinnen Bücher und Gerät für naturwissenschaftliche Versuche. Sie ist aber auch verschwenderischem Luxus in Kleidung & Schmuck, Geselligkeit und Flirts mit zahlreichen Verehrern nicht abgeneigt. Émilie verfügt einfach über viele Eigenschaften über den akademischen Bereich hinaus.
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| Nicholas de Largillière "Émilie du Châtelet" (Jahr unbekannt) |
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| Florent-Claude du Châtelet-Lomont |
Florent-Claude ist Soldat, quasi ein Fünf-Sterne-General, der oft als dumm oder langsam charakterisiert wird. Doch im Zeitalter der Briefe und der Salons, in denen schneller Witz in hohem Ansehen steht und kontinuierlich demonstriert wird, kommt man schnell in den Ruf der Dummheit, wenn man da nicht gleich parieren kann. Der junge Ehemann legt jedenfalls eine bemerkenswerte militärische Karriere hin, unterstützt seine extravagante junge Frau und verhält sich ihr gegenüber freundlich und in seinen Briefen scheint durch, dass er Émilie geliebt und er ihr deshalb viele Freiheiten gewährt hat.
Sie leben zusammen in Semur-en-Auxois, wo er das Amt eines königlichen Gouverneurs innehat. In den nächsten beiden Jahren schenkt Émilie einer Tochter ( Marie Gabrielle Pauline *1726 ) und einem Sohn ( Louis Marie Florent *1727 ) das Leben. Ein drittes Kind, der Sohn Victor - Esprit, 1733 geboren, stirbt schon als Kleinkind.
Da ihr Mann leidenschaftlicher Militär und deshalb oft nicht zu Hause ist, kann Émilie weiterhin ihren Leidenschaften Mathematik und Naturphilosophie frönen. Zwischen 1726 und 1731 lernt sie in Semur-en-Auxois Muguet de Mézières und Marie-Victoire Eléonore de Sayvre de Thil kennen, 36 Jahre älter als sie, mathematisch bewandert und alsbald Émilies lebenslange Freundin. Obwohl immer wieder de Mézières als ihr erster Mentor gilt - er leiht ihr Geometriebücher - ist wohl Madame de Thil der wichtigere Kontakt, denn mit ihr kann sie sich identifizieren, eignet sie sich doch besser als weibliches Vorbild.
Nachdem Émilie ihren wichtigsten Auftrag erfüllt hat, ihrem Mann einen Erben zu sichern, möchte sie wieder ihr eigenes Leben führen. Sie geht 1730 nach Paris, wo ihr ihr Mann eine Wohnung im Hôtel Lambert auf der Île St. Louis einrichtet, und sie sich zunächst dem mondänen Leben widmet, Oper, Theater, Salons und andere Geselligkeiten besucht. Später wird sie das alles als "Nichtigkeiten" bezeichnen:
"Ich habe das große Glück, auf leichtfertige Dinge verzichtet zu haben, die die meisten Frauen ihr ganzes Leben lang beschäftigen, und ich möchte die verbleibende Zeit nutzen, um meine Seele zu kultivieren."In dieser Zeit gelingt es ihr aber auch, die Bekanntschaft vieler gebildeter Männer und Frauen zu machen. Und sie ist erstaunt, dass diese sie als denkendes Wesen wahrnehmen und schätzen...
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| "Académie des sciences" (1671) |
Zu dieser Zeit sind die Orte der Wissenschaft in Frankreich nicht die Universitäten, sondern die Akademien, die im vorausgehenden Jahrhundert wie die Pilze aus dem Boden geschossen sind. In ihrem Umfeld entwickelten sich die analytische Geometrie, die Algebra, die Infinitesimalrechnung sowie die moderne Naturwissenschaft. Sie sind keine Lehrinstitute, sondern fördern den Austausch der Gelehrten untereinander in Diskussionen, Debatten und Konfrontationen über aktuelle wissenschaftliche Themen. Verbreitet werden die Erkenntnisse über Korrespondenzen, Zeitschriften und Akademieberichte. Die königliche "Académie des sciences" in Paris steuert und legitimiert die wissenschaftliche Forschung durch Gutachten und Erteilen wissenschaftlicher Aufträge. Das akademische Leben wird durch genaue Wochenpläne strukturiert.Ein reger Austausch über wissenschaftliche Themen findet auch in den Cafés statt, deren Zutritt Frauen aber nicht erlaubt ist. Dennoch hält sich das Gerücht, vor allem dank des WorldWideWeb, dass sich Émilie de Châtelet dort in Männerkleidung unter die diskutierenden Männer gemischt habe. Verbürgt ist nur, dass sie im Café Gradot nach den offiziellen Akademietreffen nach dem Mathematiker Mapertuis gesucht hat. Den hat sie im Salon der de Brancas kennengelernt. Salons sind damals die einzigen Orte, wo es einer Frau möglich ist, intellektuellen Austausch zu pflegen. Wissenschaftlicher Diskurs findet dort aber nicht statt. Da sie mehrere Salons besuchen muss, um auf ihre Kosten zu kommen, muss sie mehr Zeit aufwenden für bloße Konversation und gesellschaftliche Verpflichtungen, als ihr lieb ist. Als Teilnehmerin eines Salons enttäuscht, ja brüskiert sie die Gastgeber manches Mal, weil ihr Drang zu studieren größer ist und sie sich gerne zurückzieht.
1733, im Alter von 26 Jahren, nimmt Émilie ihre mathematischen Studien mit Pierre-Louis Moreau de Maupertuis wieder auf, Mitglied der Akademie, der sie in Algebra und Analysis unterrichtet. Obwohl Mathematik nicht seine Stärke ist, verfügt er dennoch über eine solide Ausbildung durch Johann Bernoulli. Mit Maupertuis, Entdecker, Astronom, homme à femmes, brillanter Tutor und selbstbewusst, leicht sarkastisch mit manchmal explosivem Temperament hat Émilie eine Affäre, wie sie adeligen Damen unter Einhaltung bestimmter Grenzen damals zugebilligt werden, und wie sie es auch mit dem sieben Jahre jüngeren Alexis - Claude Clairaut, einem Wunderkind der Mathematik und ihrem anschließenden Lehrer, hält. Diese "Arrangements" bieten ihren Biographen bis lange nach ihrem Tod den Stoff & Schwerpunkt ihres Interesses für ihre Schriften über diese doch in ganz anderer Hinsicht bemerkenswerte Frau...
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| Von links nach rechts: Pierre-Louis Moreau de Maupertuis, Alexis - Claude Clairaut und François Marie Arouet de Voltaire |
Es ist das Jahr 1733, nach der Geburt ihres letzten Kindes, als Émilie wieder in die Gesellschaft zurückkehrt, dass sie bei einem Souper im Haus der de Brancas auf François Marie Arouet, genannt Voltaire, trifft und der coup de foudre zuschlägt. Erzählt wird zwar auch, dass sie sich schon in ihrer Kindheit im väterlichen Salon begegnet seien bzw. Voltaire gibt später 1729 als Jahr ihres Kennenlernens an. Auch haben sie gemeinsame Bekannte & Freunde wie den Herzog von Richelieu, mit dem Émilie ebenfalls eine 18monatige Liaison gehabt hat und eine lebenslange Freundschaft haben wird ( sie schreibt ihm später: "Warum haben Sie mir niemals erzählt, dass Voltaire der ideale Mann ist?" ), sie hat seine Werke gelesen und kennt als begeisterte Theaterbesucherin seine Stücke - aber was soll's: In diesem Jahr beginnt die Zusammenarbeit zweier großer Geister, die sich viel zu sagen haben. "Alles an ihr ist vornehm, ihre Haltung, Ihr Geschmack, der Stil ihrer Briefe, ihre Gespräche, ihre Höflichkeit ..... ihre Konversation ist angenehm und interessant", schreibt Voltaire an einen Freund.
Der 39jährige François-Marie Arouet, am 21. November 1694 in Paris als Sohn eines Notars geboren, ab 1718 Voltaire genannt, ist zu diesem Zeitpunkt einer der meistgelesenen und einflussreichsten Autoren der Aufklärung, vor allem in seinem Heimatland nennt man im Rückblick das 18. Jahrhundert auch "das Jahrhundert Voltaires", so beherrscht er die französische Kultur. Seine Schriften umfassen eine große Anzahl von Werken in beinahe allen Literaturgattungen: 56 Theaterstücke, Erzählungen und Romane, Gedichte und Epen, Abhandlungen, wissenschaftliche und gelehrte Aufsätze, Flugblätter, Buchbesprechungen und mehr als 20.000 Briefe. Und er ist ein gemachter Mann, der über ein beeindruckendes Vermögen verfügt, als Vorkämpfer gegen die Zensur, das französische Rechtssystem, Ungerechtigkeit, Grausamkeit und Krieg und wegen seiner spitzen Zunge gegenüber den Herrschenden aber auch öfter seine Zeit in Haft bzw. im Exil verbracht hat.
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| Das Schloss in Cirey mit dem neu angebauten, von Voltaire finanzierten Flügel |
Voltaire leiht dem Marquis 40.000 Franken zu günstigen Zinsen, um das Schloss renovieren zu lassen. Und so entsteht ein Arrangement zu aller Wohlgefallen: Der Marquis kommt zu einem Stützpunkt für seine Jagdausflüge, Émilie findet dort in der Abgeschiedenheit endlich mehr Zeit für ihre intensiven Studien und Voltaire einen ländlichen Platz, weitab von polizeilicher Nachstellung, zum Schreiben.
Nach den Renovierungen entsteht also ein komfortabler Wohnsitz und in einem neuen Flügel findet ein naturwissenschaftliches Laboratorium und eine rasch wachsende Bibliothek Platz. Hier experimentieren die beiden auf dem Gebiet der Optik, des Feuers, der Schwerkraft sowie zum Phänomen des Vakuums. In einem im Dachstuhl eingerichteten kleinen Theater führen sie Voltaires Theaterstücke auf. Die engagierte, zielstrebige Forscherin kann sich nun endlich ungehemmt von gesellschaftlichen Verpflichtungen der modernen Mathematik und der experimentellen wie spekulativen Naturphilosophie widmen. Mögen manche den Ort, so weit ab von Paris, als "öde Wüste" ( Voltaires spätere Geliebte ) empfinden, Intellektuelle der Zeit wie Maupertuis bezeichnen ihn "als universelle Akademie der Wissenschaften und des Schöngeistes" und freuen sich über eine Einladung aufs Schloss.
Andere Besucher, wie die Madame de Graffigny, die bekannteste Schriftstellerin Frankreichs in jenen Tagen, die drei Monate auf Schloss Cirey zu Gast ist, versorgt Interessenten an der romantischen Beziehung der Schlossbewohner wie eine neuzeitliche Paparazza mit entsprechendem Klatsch und Tratsch:
Ist anfangs noch alles wunderbar, das Schloss ein verzauberter Palast, Émilie eine Fee - "Ah, was für eine Frau!... Es ist ganz richtig, dass Frauen, wenn sie sich auf das Schreiben einlassen, Männer übertreffen. Was für ein erstaunlicher Unterschied!" - ist der Tonfall aber schnell verdorben. Jetzt sind die Abendessen "geometrisch", der Kopf wird mit Newton traktiert, die Appartements strotzen vor degoutanter Salopperie, und sie schwingt sich auf zur Ethnologin, die das Paar beobachtet, um Schlussfolgerungen über den menschlichen Geist zu ziehen.
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| Quentin de la Tour "Portrait de Madame du Châtelet à sa table de travail" ( keine Jahresangabe auffindbar ) |
"Seit ich anfing, mit mir selbst zu leben und auf den Preis der Zeit, auf die Kürze des Lebens, auf die Nutzlosigkeit der Dinge zu achten, mit denen man seine Zeit in der Welt verbringt, habe ich mich über mein früheres Verhalten gewundert: über die extreme Pflege meiner Zähne, meiner Haare und Vernachlässigung meines Geistes und meines Verstandes. Ich habe beobachtet, dass der Geist leichter rostet als Eisen, und dass es noch schwieriger ist, ihn in seiner ersten Politur wiederherzustellen."Immerhin wollen auch zwanzigtausend Bücher in der Bibliothek gelesen werden! Und dann noch analysiert und diskutiert, um herauszufinden, was diese anderen Autoren über diverse Themen denken.
Émilie du Châtelet und Voltaire arbeiten zusammen und konkurrieren dennoch bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit. Oft sind sie sich überhaupt nicht einig ( und streiten dann gerne auf Englisch ). 1737 melden sich beide - anonym - zu einem Wettbewerb an der "Académie des Sciences" zum Thema "Feuer". Émilies Arbeit, eine Erörterung über die Natur und die Ausbreitung des Feuers, enthält Aussagen zur Infrarotstrahlung, die erst 1800 entdeckt werden wird. Beide gewinnen nicht, erhalten aber ehrenvolle Erwähnungen und werden veröffentlicht, was Émilie zur ersten Frau macht, die jemals von der Akademie publiziert worden ist.
"Ich spüre das volle Gewicht der Vorurteile, die uns (Frauen) so universell von den Wissenschaften ausschließen. Dies ist einer der Widersprüche dieser Welt, der mich immer wieder erstaunt hat, da es große Länder gibt, deren Gesetze es uns erlauben, über ihr Schicksal zu entscheiden, aber keine, wo wir zum Nachdenken erzogen werden."
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| Frontispiz zu den "Éléments": Voltaire: "Minerva diktierte und ich schrieb." |
"Wie amüsant, dass die ersten drei Tage (der Schöpfungsgeschichte) durch Abend und Morgen begrenzt wurden, bevor am 4. Tag die Sonne erschaffen wurde.“
"Wenn ich König wäre, würde ich einen Missbrauch wiedergutmachen, der sozusagen die Hälfte der Menschheit einschränkt. Ich würde Frauen dazu bringen, an allen Menschenrechten Anteil zu haben, insbesondere an denen des Geistes."
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| "Institutions de Physique" von Émilie du Châtelet, veröffentlicht 1741 in Holland ohne ihren Namen |
Ab 1744 verbringt Émilie du Châtelet zum Teil ihre Zeit in Versailles, gemeinsam mit Voltaire, der dank Madame de Pompadour wieder Zutritt zum Hof und im Jahr darauf auch das begehrte Amt eines Königlichen Kammerherrn zweiter Klasse erhält. Da ist der schon mit einer verwitweten Nichte liiert, die Liebesbeziehung mit Émilie vorbei. Nach seinen Briefen an Freunde und ihren Kommentaren zur Arbeit des anderen zu urteilen, sind sie mit großer gegenseitiger Sympathie und Respekt weiterhin zusammen. Die Briefe, die Voltaire ihr in all den Jahren geschickt hat, hat sie in acht Büchern, die in rotes Leder gebunden sind, gesammelt. Doch dieser Briefwechsel wird nie gefunden werden.
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| Marianne Loir "Portrait de Gabrielle Émilie Le Tonnelier de Breteuil, marquise du Châtelet" ( ca. 1748 ) |
Hier beginnt sie, 42jährig, auch ihre letzte Affäre mit dem Höfling, Offizier und Dichter Jean François de Saint-Lambert und nimmt ihr bislang ehrgeizigstes Projekt in Angriff, eine Übersetzung von Newtons "Principia" ins Französische, die bald zu einem Kernstück der wissenschaftlichen Revolution in Europa werden und bis heute der französische Standardtext bleiben wird.
Was die Châtelet besonders außergewöhnlich macht, ist, dass ihr strenger wissenschaftlicher Verstand mit einem äußerst sensiblen Einblick in die Funktionsweise des menschlichen Herzens einhergeht. ( "Ihr Geist ist der eines Philosophen", schreibt Voltaire. "Aber ihr Herz liebt Pompons." ) Das zeigt sich in ihrer "Rede vom Glück"( "Discours sur le bonheur" ), die sie unter dem Eindruck der Treulosigkeit ihres zehn Jahre jüngeren Geliebten schreibt:
"Es gibt einen großen Unterschied zwischen Eifersucht und der Angst, nicht genug geliebt zu werden: Man kann dem einen trotzen, wenn man das Gefühl hat, dass man es nicht verdient, aber man kann nicht anders, als vom anderen berührt und verzweifelt zu werden. Eifersucht ist ein nerviges Gefühl und die Angst davor eine zarte Angst, gegen die es weniger Waffen und weniger Heilmittel gibt, als glücklich zu sein ... In Wahrheit gibt es die Metaphysik der Liebe, und hier liegt der Überschuss zu dem diese Leidenschaft führt. All dies erscheint mir als das klarste und natürlichste Ding der Welt."
Zusammen mit Saint-Lambert und Voltaire kann Émilie ihren Ehemann noch überzeugen, dass das erwartete Kind von ihm sei. Die Geburt geht wider Erwarten am 4. September 1749 in der Burg von Lunéville völlig problemlos vonstatten. Voltaire vermerkt, dass das Neugeborene - Stanislas Adélaïde du Châtelet - auf einem Geometriebuch abgelegt wird und sich die Mutter danach schlafen legt. Sechs Tage später, am 10. September 1749, ist Émilie du Châtelet tot, gestorben an Kindbettfieber oder einer Embolie. An ihrem Totenbett stehen gleich drei zutiefst erschütterte Männer.
Obwohl Émilie du Châtelet in erheblichem Maße Anteil an der Entwicklung der wissenschaftlichen Denkweise in Frankreich hat, alldieweil ihr mehr als jeder anderen Person ihrer Zeit die Einführung und Popularisierung der Philosophien von Newton und Leibniz in Frankreich gelungen ist, wird dieser Verdienst bis heute meist immer noch Voltaire zugeschrieben. Im besonders mysogynen 19. Jahrhundert wird die unter ihren gebildeten Zeitgenossen doch sehr bekannte Denkerin weitgehend ignoriert und fast ausschließlich als Geliebte Voltaires betrachtet, denn als aufgeklärte Wissenschaftlerin, die ihrerseits Voltaire beeinflusst hat.
"Die Ungerechtigkeit der Männer, uns Frauen von den Wissenschaften auszuschließen, sollte zumindest dazu beitragen, dass wir keine schlechten Bücher schreiben. Versuchen wir, diesen Vorteil gegenüber ihnen zu genießen, damit diese Tyrannei für uns eine glückliche Notwendigkeit wird und sie in unseren Werken nichts als unsere Namen verurteilen können." ( Quelle hier )Lassen wir es zum Schluss bei diesen, ihren Worten! Ich hätte noch zu so vielen anderen Aspekten im Leben dieser bemerkenswerten Frau schreiben mögen & können...














liebe Astrid
AntwortenLöschenwelch eine Recherche und Biographie......unglaublich...ausdrucksstark
faszinierend und morgenfüllend zu lesen, doch ich liebe ja Biographien aus jeder Zeit obwohl die damalige Zeit noch lebendiger, aufregender und lebens -aus/ füllender als die von heutigen Verstorbenen oder noch lebenden Personen sind.
sie verraten ja bedeutend mehr so wie du sie recherchierst und beschreibst als das dagegen heutige erlebnisärmere Leben einer Person mit bedeutend weniger Inhalten was die Geschichte an sich angeht..
die Bilder rahmen IHRE Geschichte geschickt deutlich ein, sodass man sich die damalige Zeit in der Rückschau und Phantasie gut vorstellen kann.
eine überaus interessante Studie einer hochinteressanten Frau der damaligen geschichte, ich danke dir
sie lesen zu können macht Mut was Frauen alles errechen können wenn man sie lässt.
herzliche Grüße angelface
Wie spannend! Ich wusste bislang gar nichts von dieser ebenbürtigen Begleiterin Voltaires. Eine höchst talentierte Frau, die sehr selbstbewusst ihr Leben lebte. Dass sie am Ende doch noch dieses böse Frauenschicksal ereilte, ist wirklich tragisch.
AntwortenLöschenUnd, ja, meine geliebte Oma hieß auch Emilie. Ihr Kosename findet sich jetzt bei einer ihrer Ururenkelinnen wieder. ;-)
Liebe Grüße
Andrea
Wieder mal erzählst Du von einer mir unbekannten und doch so bedeutenden Frau, die aufzeigte, wozu Frauen fähig waren, wenn sie sich Möglichkeiten nahmen. Dass sie im Kindbett starb, finde ich total tragisch und auch ungerecht.
AntwortenLöschenGut, dass Du sie uns vorgestellt hast. Danke.
GLG Sieglinde (deren technische Probleme beim PC wieder behoben sind)
Wow... Was für eine Frau.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
wow
AntwortenLöscheneine geballte Ladung Geist
vielleicht ahnte ihr Unterbewußtsein ihren frühen Tad und ließ sie so exessiv arbeiten
in ihrer Zeit war sie aber wohl mehr anerkannt als später
da kann einem fast schwindelig werden wenn man die Namen liest mit wem sie alles bekannt war
tragisch ihr Ende
ein großartiges Portrait
liebe Grüße
Rosi
von Helga:
AntwortenLöschenLiebe Astrid,
ja, da kann man sehen wie schnell die Zeit vergeht, die Zeiten sich verändern und die Welt sich dreht und dreht und keiner kann sie stoppen. Das Gute nehmen wir gerne daraus mit, das Böse müßen wir leider dazu nehmen.
Schirm , Charm und Melone gerne noch am Schwarzweiß Gerät geschaut, heute sind die Komiker zu Gange, obwohl es garnix zu lachen gibt. Alles wird hergenommen um die Menschen zu erheitern, vieles ist wirklich nicht zum Lachen.
Die Emilie war eine tolle Frau, leider bin ich nicht so ausgebildet worden in meiner Schulzeit. Nun tue ich mich mit den frz. Namen etwas schwer. Aussprechen und merken, bei der Vielzahl der Namen, ist wirklich Training fürs Gehirn. Ich muß das immer sogar zweimal wenn nicht dreimal lesen. Ich möchte nicht mal ahnen, wieviele Stunden Du am Schreiben und Zusammensuchen für diesen Post wieder gearbeitet hast. Es macht Dir Spaß und wir profitieren davon, das ist allemal ein großes Dankeschön wert.
Mit lieben Grüßen Helga und Kerstin
Wunderbar, liebe Astrid, kurzweilig, spannend, erkenntnisreich. Vielen Dank für all diese interessanten Informationen, bei dir lese ich immer besonders gern. Liebe Grüße. Heike
AntwortenLöschenLiebe Astrid, bis hierher habe ich jetzt im Zug auf meiner Heimreise aus Speyer zurückgelesen, mit viel Gewinn, wie immer bei dir, viel Freude und ähnlichen Nachdenklichkeiten wie deinen... Ich bin froh, dass es euch gut geht, du den Schritt zum Grau wunderbar gemeistert hast und auch in Coronazeiten die bleibst, die du bist. Ich hoffe sehr, irgendwann sitzen auch wir mal wieder auf ein Stündchen beisammen zum Austausch über unsere Zeiten. Danke für das so lesenswerte Porträt. Und meine Erinnerung wird noch ein wenig dem Livekonzert im "Geheimen Garten" nachspüren... Herzlich grüßend euch beide - Ghislana (PS, kann hier auf dem Handy im Zug nicht vollständig nachlesen, sorry für Re/Gr-Ungenauigkeiten)
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