Donnerstag, 8. September 2022

Great Women #312: Lucy von Jacobi


Dreizehn solcher Collagen habe ich inzwischen einem Great-Women-Post vorangestellt, dreizehnmal vierundzwanzig Frauen habe ich hier in meinem Blog porträtiert, seit ich die Anregung von Barbara Bee Anfang Oktober 2014 aufgegriffen habe. Ich hab ja ein Faible für die Frauen der Weimarer Republik, die sich in den Printmedien durchsetzen konnten. Dazu gab es schon etliche Posts in dieser Reihe. Heute ist Lucy von Jacobi dran.

 

"Ich gehöre nicht in die eine noch in die andre (Welt). 
Ich bin, was ich im(m)er war: ein Ausländer des Daseins."  

Lucy von Jacobi kommt als Lucia Goldberg am 8. September 1887 in Wien in einer sehr wohlhabenden jüdischen Familie zur Welt, über die sonst nicht viel in Erfahrung zu bringen ist. Die Mutter, Irene Frankl, ist wohl sehr ehrgeizig und wird später von der Tochter zur Ikone gemacht und idealisiert, der Vater hingegen beruflich erfolglos, cholerisch bis zur Gewalttätigkeit. Zu Hause wird wohl alles strengstens durch die Eltern geregelt, was das Mädchen fast zu ersticken droht. Die Atmosphäre schwankt "zwischen aufgesetzter Heiterkeit und tief empfundener Traurigkeit", was Lucia prägen wird und ihr Gefühl, nicht dazu zu gehören, fördert. Entsprechend äußert sie sich mit achtzehn Jahren. Lucia hat noch einen drei Jahre jüngeren Bruder, Jonel Victor.

Mit siebzehn hat Lucy bereits eine zweijährige Ausbildung als Schauspielerin abgeschlossen und sich den Künstlerinnen-Namen Lucy Geldern zugelegt. Es ist anzunehmen, dass sie damit ihren jüdisch klingenden Namen als Reaktion auf den damals in Wien zusehends eskalierenden Antisemitismus unter Bürgermeister Karl Lueger kaschieren will.

Deutsches Theater
(1903)
Im September 1905 tritt sie auch schon ihr erstes Engagement am Deutschen Theater in Berlin an, dessen Leitung gerade Max Reinhardt übernommen hat. Dort fühlt sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben akzeptiert. "Ich habe nun endlich eine Rol(l)e bekom(m)en", notiert sie in ihrem Tagebuch, was man zwiefach verstehen kann. "Und al(l)e sind so viel leichtblütiger, so viel gutherziger und liebevol(l)er als es in der anderen Welt der Fall ist."

Am Deutschen Theater verliebt sie sich in ihren Kollegen Bernhard von Jacobi. Im Februar 1907 heiratet Lucy den sieben Jahre älteren Schauspielkollegen & promovierten Germanisten. Sie gibt ihr eigenes Engagement auf und zieht mit ihrem Mann nach München, wo er an die Hofbühne verpflichtet worden ist. Noch im gleichen Jahr bringt die Zwanzigjährige ihren gemeinsamen Sohn Hans-Jürgen zur Welt. Während ihr Mann seinen Ruhm als Schauspieler & Rezitator mehrt und 1910 Hofschauspieler wird, bleibt Lucy ans Haus gefesselt. Sie verzweifelt bald an ihrer Rolle als Hausfrau & Mutter. "Ich leide zu Zeiten so sehr, dass ich zu ersticken glaube". Und an anderer Stelle: "Kein Dank, keine Anerkennung, keine Aufmunterung."

1913 bezieht die Familie von Jacobi eine mondäne Jugendstilwohnung in der Ismaningerstraße 102 und Lucy bekommt Unterstützung durch entsprechendes Personal. Um sich einbilden zu können, "einen Lebenszweck zu haben", beginnt sie 1913 feuilletonistische Texte zu Papier zu bringen. Einen ersten Artikel verfasst sie zu einer Picasso-Ausstellung. Je mehr sie publiziert, umso mehr steigt Lucys Selbstbewusstsein, für sie wird das Schreiben ein "bewusster Befreiungsakt". Inspiration findet sie bei Felix Salten, einem der bekannten, skandalträchtigen Autoren seiner Zeit.

Das nächste Jahr ist dann aber eine einzige Tragödie: Ihr knapp siebenjähriger Sohn stirbt im Februar an einer Lungenentzündung, ihr Mann im Oktober dann als Vizefeldwebel bei Douai (Frankreich ) im Ersten Weltkrieg an seinen Verletzungen. "... ich lebe so auf Abbruch"- das ist die Lebensbilanz der knapp 28jährigen.

"Ich kann das gelähmte Herz u. Blut nur bewegen durch die Sensation 'Angst'... ich (kenne) keine Freude mehr", hält sie noch vier Jahre nach dem Verlust ihrer Familie fest. Erstaunlich, dass sie trotz all der suizidalen Gedanken, Panikattacken und Entwurzelungsgefühlen 1915 zur Schauspielerei zurückkehrt - 1918 gar mit einem Fünfjahresvertrag an der Berliner Volksbühne! Doch dann erfährt sie eine erneute Einschränkung: Ihre Mutter bedarf der Pflege und das fesselt Lucy bis zum Tod der Mutter 1919 wieder ans Haus ( der Bruder kommt dafür natürlich nicht in Frage ). Zur gleichen Zeit verliert sie ihre wichtigen Freunde Liesl Steinrück, einer Schwester der Frau Arthur Schnitzlers, und Viktor Tausk. Lucy bekommt abermals eine neue Theater- Chance, nämlich einen Fünfjahresvertrag am Münchner Nationaltheater, wo sie für ihr Spiel durchaus wohlwollende Kritiken erhält. Sie verkehrt jetzt in den "Spätausläufern" der Münchner Bohème, im Kreis um Rainer Maria Rilke, der vorübergehend um Lucy geworben zu haben scheint, Olga und Arthur Schnitzler, Gustaf Gründgens. 

Ihre journalistische Arbeit für verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, darunter der "Vossischen Zeitung" und der "Weltbühne", unter Pseudonymen wie Lot, Miraflor, Kittie oder Billie, betreibt sie seit 1917 nebenher weiter. Ab 1920 schreibt Lucy für etliche expressionistische Publikationen wie die "Neue Erde", "Der Mensch", "Der Wagenlenker" oder "Das Reich". Außerdem ist sie in der wohl wichtigsten Zeitschrift des radikalen Flügels der Frauenbewegung - "Die Frau im Staat" - vertreten. In dieser von Anita Augspurg ( siehe auch dieser Post ) ins Leben gerufenen Zeitschrift, die sowohl feministische wie pazifistische Anschauungen vertritt, veröffentlicht sie bis 1923 regelmäßig Essays und Buchrezensionen. Auch für den Rundfunk wird sie tätig. 1924 wird ihre erste Radiosendung ausgestrahlt unter dem Titel "Die märchenhaften Frauen in Hauptmanns Werken". Bei der Hamburger "Nordischen Rundfunk AG" (NORAG) wird Lucy als "literarische Mitarbeiterin und Vortragende" geführt.

Ein weiteres Standbein Lucys  ist die Literaturübersetzung. Sie übersetzt französische Literatur ins Deutsche, darunter Romain Rollands "Danton", Théophile Gautiers "Die 1002. Nacht" und - von der Kritik wertgeschätzt – Emile Zolas "Nana".

Erstaunlich, dass sie noch Zeit für die Bühne hat, inzwischen die der Hamburger Kammerspiele. "Ich habe meine Wünsche im Leben erreicht (…) ich spiele Theater, ich werde gedruckt, ich werde geliebt", schreibt sie. Der neue Mann an ihrer Seite ist der 14 Jahre jüngere, in Dresden ansässige Schauspielkollege William Malten. In Dresden wird die 39jährige dann auch zur "erste(n) deutsche(n) Dramaturgin" berufen, wenn auch nur für wenige Monate. "Immer heruntergeschraubt. (…) Ich bin ja nur eine Frau". In der Theater-Zeitschrift "Der neue Weg" prangert Lucy den Ausschluss von Frauen aus künstlerischen Leitungspositionen an deutschen Bühnen an. Der Herausgeber kontert prompt und veröffentlicht umgehend einen Gegenkommentar: "Regieführen" sei eine "männliche Beschäftigung". Alle Frauen, die dennoch Erfolg haben, seien keine richtigen Frauen...

Auch gegen die Dominanz der Männer in der Kinowelt rebelliert Lucy als eine der ersten Feuilleton-Redakteurinnen im Berliner Ullstein-Verlag. Sie schreibt vor allem Film- und Theaterrezensionen. Heroische Kriegsdarstellungen, wie sie zu Beginn der 1930er Jahre beliebt sind, kommentiert sie einmal so: 

"Jungens, Jungens, die ihr diesen Film seht: Es ist nicht immer so im Krieg!" Und weiter: "Nicht in allen Dorfwirtshäusern unter Blütenwolken erwarten euch verliebte Prinzessinnen. In Gaskriegen kann es auch manchmal ein bisschen anders kommen. Jungens, die ihr diesen Film seht: Schaut vorwärts, um Gottes willen! Seht, was auf euch zukommt."

Mit ihrer Sicht hält sie also nicht hinterm Berg...

(1928)



Seit 1928 hat Lucy von Jacobi eine Festanstellung als Feuilletonredakteurin bei der Tageszeitung "Tempo" des Ullsteinverlages. Dem Gros damaliger Journalistinnen bleibt eine Solche Position damals versagt: Nur etwa fünfzig Frauen schaffen das in der Weimarer Republik. 

"Trotz des Privilegs einer Festanstellung arrangierte sich Lucy von Jacobi anfangs eher schleppend mit dem zwangsverordnet amüsanten Stil. Dass sie die Stelle überhaupt annahm, fußte primär auf einer monatelang mauen Auftragslage; phasenweise musste sie sich als Sekretärin durchschlagen", schreibt Annette Bußmann an dieser Stelle.

Sekretärin ist sie übrigens bei Mechtilde von Lichnowsky gewesen ( siehe dieser Post ), mit der sie aber nicht gut zurechtgekommen ist. 

"Spritzig, spritzig, spritzig" soll sie für den "Tempo" schreiben, was ihr auch schon mal eine Last ist, was  sie aber mit großer Selbstverständlichkeit beherrscht. Ein Beispiel:

"Die Kinder schicken sie ins Theater, um sich den Kopf über des weisen Nathans Ethik und über Torquato Tassos Problematik zu zerbrechen – selbst aber gehen sie mit Vorliebe zum ‚Schwarzwaldmädel‘ oder zu solch herrlichen Drei-Groschen-Abenteuern. Offenbar haben sie als Gymnasiasten schon alle Probleme Hebbels und Kleists zufrieden stellend gelöst und müssen jetzt ihre überanstrengten Köpfe bei diesen Pièces de résistance des Lebens ausruhen."
Lucy von Jacobi gehört also zu den Frauen, die das kulturelle Leben in Deutschland vor 1933 wesentlich geprägt haben. Das nationalsozialistische Regime treibt sie, die Jüdin und Vorreiterin weiblicher Berufstätigkeit und Emanzipation, nach der Entlassung bei Ullstein in die Emigration über Prag, Meran und Ascona - sie hält sich auf dem Monte Verità auf, den sie bereits aus früheren Jahren kennt -  schließlich bis nach Florenz, wo sie ab 1936 zusammen mit Susanne Müller- Bruck die Villa Primavera in Fiesole, paradiesisch gelegen im Florentiner Hügelland, mietet, zur Frühstückspension ummodelt und bald darauf beginnt, Gäste aufzunehmen - ein lang gehegter Traum! Für kurze Zeit nimmt sie immer wieder deutsche Flüchtlinge, vor allem Kunst- und Kulturinteressierte auf, zur Erholung und zum Gespräch mit anderen Emigranten & Einheimischen, in denen über florentinische Kunst, toskanische Küche, die Landschaft, Architektur von nah und fern und mehr diskutiert wird. 

In Fiesole
(1938)

Zuvor hat sie ihr ( zeitlebens einziges veröffentlichtes ) Buch vollendet, das Heilkräuterbuch "Die Apotheke auf der Wiese", was so gar nicht in ihr übriges Œuvre passt. 

Als nach einer dreimonatigen Reise nach Palästina 1938 in Italien die sog. "Provvedimenti per la difesa della razza Italiana" ( "Verordnungen zur Verteidigung der italienischen Rasse" ) erlassen werden, die u.a. die Ausweisung aller nicht-italienischen Jüd*innen vorsieht, flüchtet Lucy wieder zurück in die Schweiz, alles zurücklassend, einschließlich ihrer persönlichen Papiere. Dort veröffentlicht sie unter Decknamen Übersetzungen, aber auch Zeitungsartikel. In Cureglia nahe Lugano im Tessin überlebt sie, ihrer deutschen Staatsangehörigkeit beraubt, den Krieg.

"... auf welchem Misthaufen wird man mich verrecken lassen, wenn ich einmal nicht mehr verdienen kann?", fragt sich die knapp 58-jährige nach überstandenem Krieg.  

Die Nazis haben ihre gesamte, in Paris lebende Familie ausgerottet. Deren beträchtliches Vermögen steht ihr und ihrem im amerikanischen Exil lebenden Bruder rechtmäßig zu, aber jahrelange juristische Querelen verhindern den Zugriff, so dass Lucy auf Almosen Dritter angewiesen ist und von der Hand in den Mund leben muss. Auch verzweifelt sie an der mangelhaften Aufarbeitung der NS-Verbrechen, am Wegsehen, Schweigen, Leugnen und Herunterspielen ihrer Zeitgenoss*innen. Sie kämpft mit Depressionen und wieder einmal dem Gefühl, nicht dazuzugehören.

Auf dem Trottoir gehend, wird sie im Frühjahr 1954 von einem Motorradfahrer gegen eine Mauer gedrängt, erleidet mehrere Knochenbrüche und - mögliche Spätfolge- mehrere Schlaganfälle. Zwei Jahre später stirbt sie mit 68 Jahren am 24. April 1956 in Locarno-Minusio in der Schweiz. Drei Jahre später wird ihrem Bruder die finanzielle Hinterlassenschaft ihrer ermordeten Familie zugesprochen.

Da ist sie auch schon längst aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht. 1964 entdeckt die Deutsche Dr. Irene Below Teile der schriftlichen Hinterlassenschaften der einstmals so renommierten Journalistin in einem Antiquariat in Florenz. Zusammen mit den Archivalien der Fremdenpolizei gelingt ihr eine Rekonstruktion des Alltags der Lucy von Jacobi als politischer Flüchtling und als beeindruckende, vielseitig interessierte und politisch wache Frau. Vor allem ihre Briefe legen Zeugnis ab von ihrem weltweiten Netzwerk.





7 Kommentare:

  1. Schon lange wollte ich schreiben, dass ich diese Porträts von dir sehr gerne les.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Astrid, da ist dir wieder ein besonderes Portrait gelungen. Welch ein Leben, von dem man ohne deine Hinweise wohl nie gehört hätte. Ich plädiere ja immer wieder für ein Buch mit deinen Portraits! Und was mich sonst noch beschäftigt, sind Aussagen als Kommentar ohne Namen. Steht man so wenig zur eigenen Meinung, egal ob positiv oder negativ, dass man sie nicht einmal mit dem Namen des Urhebers versieht? Unverständlich. Aber die Welt ist groß...und der Zoo nicht minder. (Ausspruch meiner Großmutter) Herzliche Grüße, Sunni

    AntwortenLöschen
  3. Es ist wundervoll, dass ich hier auf Portraits treffe, die ich aufgrund ihrer auffälligen Qualität sehr genießen kann. Stets eine tolle und aussagekräftige Zusammenfassung von Frauen, die sich mutig und entschlossen ihren Aufgaben stellen; von Lebenswegen, die nicht ohne Brüche, Enttäuschungen und Dramatik verlaufen.
    Herzliche Grüße, C Stern

    AntwortenLöschen
  4. Wieder so ein Frauenleben, das wirklich erstaunlich ist. Ich kannte sie nicht und bin einfach nur beeindruckt von der Vielfältigkeit ihrer Talente und wie sie sich damit durchschlug. Auch die vielen Ortswechsel finde ich immer gewaltig. Muss frau sich doch überall auch erstmal zurechtfinden und Arbeitsmöglichkeiten auch. Ein tolles Portrait, liebe Astrid!
    Ich bin dann mal weg, wie Du ja weißt...
    Herzlichst, Sieglinde

    AntwortenLöschen
  5. Danke, dass du ihren Namen wieder ins allgemeine Bewusstsein rufst. Was hat diese Frau für Schicksalsschläge erleben müssen und sich doch immer wieder aufgerafft.
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  6. Danke wieder, Astrid. Ich habe es ja schon mal geschrieben: Ich lerne hier noch dazu, und diese gut recherchierten Frauenportraits erweitern mir noch so manches Mal den Horizont. Ganz liebe Grüße Gabi

    AntwortenLöschen
  7. Was für ein immer wieder trauriges Leben. Und immer wieder aufgestanden. Wie schade, das manches einfach verschwindet, oder besser fast verschwindet.
    Danke wieder einmal für ein interessantes Portrait

    Dein Blumenstrauß vom Freitag ist übrigens auch wieder so schön und ich stimme Dir zu, vor allem die Kombination vor der Wand.
    Liebe Grüße
    Nina

    AntwortenLöschen

Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass dieser und die personenbezogenen Daten, die mit ihm verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Auch wenn Google es nun begünstigt, anonym zu kommentieren, wünsche ich persönlich mir nach wie vor, dass ein Name am Ende des Kommentars steht. Eine Kommentarmoderation behalte ich mir, auch aus diesen Gründen, vor.