Donnerstag, 9. September 2021

Great Women #272: Elsa Schiaparelli

Auf meine heutige Great Woman bin ich gestoßen, als ich mich im Kunstunterricht mit den Schülern um surrealistische Einflüsse in Werbung und Alltag befasst habe. Besonders begeistert war ich von der Mode der Elsa Schiaparelli, die sich ganz viele Anregungen dieser Kunstrichtung zu eigen gemacht hat. Morgen wäre ihr 131. Geburtstag, deshalb ist sie endlich dran, in meinem Blog vorgestellt zu werden.

 


"In schwierigen Zeiten ist Mode immer unverschämt." 

Elsa Schiaparelli erblickt also am 10. September 1890 als Elsa Luisa Maria Schiaparelli im Palazzo Corsini in Rom das Licht der Welt. Sie ist die zweite Tochter von Maria-Luisa de Dominicis, einer neapolitanischen Aristokratin mit Wurzeln im Hause Medici, Urenkelin des englischen Konsuls von Malta. Ihr Vater ist Celestino Schiaparelli, ein versierter Gelehrter auf vielen Gebieten, aber auch ein Misanthrop & Einzelgänger. Besonders konzentriert er sich bei seinen Studien auf die islamische Welt und die Ära des Mittelalters, ist eine Autorität in Sanskrit, Kurator mittelalterlicher Manuskripte sowie Dekan der Universität Rom, wo das Mädchen später selbst Philosophie studieren wird. Der Astronom, nach dem der Asteroid Schiaparelli getauft worden ist, ist hingegen sein Bruder Giovanni, der seinerzeit die Mars-Kanäle entdeckt hat.

Elsa oben rechts
(1892)

Es existiert ein Gerücht, dass die kleine Elsa geboren worden ist, gerade als die Schießpulverfabrik von Sao Paolo explodiert ist und ganz Rom erschüttert hat, aber das ist ebenso unterhaltsam erfunden wie die Fama, dass Elsa ihren Namen der Wagner-Liebe ihrer Amme verdankt, denn die Eltern hatten keinen Namen, weil sie sich einen Sohn gewünscht haben. 

Die Beziehung ihrer Eltern, so Elsa, habe sie nie verstanden, noch weniger, wie diese in zehn Jahren zwei Kinder zeugen konnten. So hat Maria-Luisa auch nie an Feierlichkeiten des Königshofs teilnehmen können, weil ihr ihr Ehemann kein tief dekolletiertes Kleid erlaubt hat, was bei solchen Gelegenheiten verpflichtend gewesen ist. 

Das Zulu-Kindermädchen, das die dreijährige Elsa eines Tages bekommt, stellt der Vater nur ein, um deren Sprache studieren zu können. Aber kann frau das alles glauben? Elsa, kurz Schiap genannt, gewinnt schon in sehr jungen Jahren eine Lust daran zu lügen und Geschichten zu erfinden. So bindet sie ihrer deutschen Kinderfrau auf, ein bedauernswertes Findelkind zu sein, was den Vater gewalttätig werden lässt, denn dem geht nichts über die reine Wahrheit. 

Die Mutter wiederum traktiert das kleine Mädchen damit, dass es so häßlich sei wie die größere Schwester schön. Deshalb luchst das Kind dem Gärtner Samen ab, appliziert diesen in Rachen, Mund und Ohren und hofft, dass über Nacht ihr Gesicht mit lauter schönen Blumen bedeckt sein wird. Als das Kind fast erstickt, holt die Mutter den Arzt. Als Schulkind beobachtet sie Unruhen & Kämpfe zwischen den unterschiedlichen politischen Gruppierungen und zieht mit den tobenden & tosenden revolutionierenden Gestalten auf zum Königspalast und kehrt erst im Morgengrauen mit einer Droschke heim. Im Sommerurlaub probiert sie aus, wie Jesus über Wasser zu gehen, sucht sich dafür aber eine Grube mit ungelöschtem Kalk aus, und ein zufälliger Beobachter kann sie gerade noch retten. 

Ein anderes Mal ahmt sie einen Fallschirmsprung nach und landet auf einem Misthaufen. Der kulturelle Hintergrund der Familie voller Bibel- und anderer Geschichten alter Kulturen scheint die fantasievollen Fähigkeiten in Elsas beeindruckenden Kindheitsjahren angefeuert zu haben, so dass sich ihre Autobiografie wie die einer italienischen Pippi Langstrumpf liest. Dazu kommt die geheimnisumwitterte  religiöse Unterweisung in einer Klosterschule, die Elsas Hang zum Mystizismus befördert, aber auch eine große Angst vor der Sünde. So beichtet sie einmal den Kuss eines Jungen, allerdings so schwammig formuliert, dass ihr der Priester "verwirrende Details, von denen sie keine Ahnung hatte, und Schiap, hypersensibel, war in ihren allergeheimsten und edelsten Gefühlen verletzt." ( So nachvollziehbar, hat mich doch der Beichtspiegel damals mit acht Jahren mit Dingen konfrontiert, von denen ich sonst lange noch null Ahnung besessen hätte! )

Als sie in dem Alter gewesen ist, dass wir heute mit dem Begriff Teenager verbinden, entdeckt Elsa die Lust am Schreiben und schafft sich ein klitzekleines Refugium hinter einem Wandschirm im Korridor. "Das Leben hinter dem Wandschirm und das Leben in der Wohnung hatten nichts mehr miteinander zu tun. Vollständig entfloh ich der Realität." Und außerdem: "Nie wieder habe ich eine solch vollkommene Freude erfahren." Und sie schlüpft in eine Welt voll Trauer, Liebe, leidenschaftliche Sinnlichkeit und Mystizismus, was sie, wie sie später sagt, damals selbst doch noch nicht real erfahren haben konnte. Die Gedichte vertraut sie dem geschätzten Cousin Attilio an, der sie zu einem Verleger in Mailand bringt. Der will sie tatsächlich veröffentlichen und die Autorin kennenlernen.

Wie verblüfft ist der, als ihm eine Minderjährige gegenüber sitzt! Dennoch bringt er es unter dem Titel " Arethusa" heraus, und das Buch schlägt in der Familie wie eine Bombe ein. Der Vater betrachtet es als eine Schande, die in ganz Italien publik ist. 

Um das Mädchen wieder unter Kontrolle zu bekommen, so der Familienrat, wird sie in ein Kloster in der Schweiz verbannt, in der kein Kontakt mit der Außenwelt erlaubt ist. Mit rigiden Verhaltensregeln, der Zensur der Briefpost usw. soll der Wille des Mädchens gebrochen werden. Doch Elsa ist auf einmal alle Religiosität mit ihren Normen fremd, fühlt sie sich doch anständig & aufrecht von Natur aus und sie lässt sich in einen Machtkampf mit der Obernonne ein. Die zärtliche Avance einer Mitschülerin lässt bei Elsa dann aber den ganzen Puritanismus ihrer Herkunftsfamilie hervorbrechen, und sie schildert das Vorkommnis den Nonnen, worauf sie für mehrere Tage in strengste Klausur geschickt wird, auf die sie mit einem Hungerstreik reagiert. Es gelingt ihr schließlich, einer Mitschülerin, der Tochter des italienischen Premiers, einen Brief an ihren Vater nach Rom mitzugeben. Der, sobald er die Nachricht gelesen hat, holt sie schweigend nach Hause. 99 Tage hat sie insgesamt im Kloster verbracht...

Es folgt eine Zeit mit vielen Verliebtheiten - "meine Jugend, mein Überschwang und ein ungeheures Bedürfnis nach Zuneigung" - , denen die Familie immer wieder schnell Grenzen setzt. Befreiung findet sie im Schreiben. Gleichzeitig wird sie heimlich in die Universität geschleust und findet großen Gefallen an philosophischen Verlautbarungen. Doch als sich über eine Freundin der Schwester eine Gelegenheit ergibt, über Paris nach London zu gelangen, um dort die adoptierten Kinder der Freundin zu betreuen, ergreift Elsa 1914 diese Gelegenheit, um dem Druck der Eltern auf eine Verheiratung mit einem ihnen genehmen Kandidaten zu entfliehen.

"Eines Tages ging ich zu einem Vortrag über Theosophie, der von einem relativ unbekannten Mann gehalten wurde. Er war teils bretonischer, teils polnischer Abstammung. Und seine Mutter kam aus der Schweiz. Schiap fand ihn auf eine verquere Art gut aussehend. Er sprach von der Macht der Seele über den Körper, von Magie und ewiger Jugend."

Elsa mit ihrem Ehemann
(1914)

Wilhelm de Wendt de Kerlor, so heißt der Referent, 1883 in Genf geboren, der sich ihr zuwendet und mit dem sie sich im Gespräch bald in völliger geistiger Übereinstimmung findet. Am nächsten Morgen sind sie verlobt. Die Familie macht sich sofort auf den Weg, um eine Heirat zu verhindern, kommt aber zu spät, denn die hat ganz unspektakulär auf dem Standesamt stattgefunden.

Willem de Wendt gibt sich als Detektiv, Kriminalpsychologe, Arzt und Dozent aus, der darüberhinaus behauptet, übersinnliche Kräfte zu haben Er lebt ab sofort von Elsas Mitgift, und sie unterstützt ihn bei seiner Tätigkeit als "Heilpraktiker" und anderen betrügerischen Unternehmungen. Als er nach einer Verurteilung wegen Wahrsagerei - in England damals verboten - abgeschoben wird, führt Elsa anschließend mit ihm ein Nomadenleben in Paris, Cannes, Nizza und Monte Carlo, bevor sie sich 1916 in New York niederlassen. 

Dort gerät Wilhelm de Wendt ins Visier des "Bureau of Investigation" (BOI) der Bundesregierung, einem Vorläufer des FBI, und wird in diesen Kriegszeiten anti-britischer und pro-deutscher Loyalität verdächtigt, als bolschewistischer Sympathisant und kommunistischer Revolutionär. Deshalb weicht das Paar 1918 vorläufig nach Boston aus. Am 15. Juni 1920 bringt Elsa eine Tochter, Maria Luisa Yvonne Radha, Gogo genannt, zur Welt. Zehn Tage später steht sie mit dem Kind alleine da, denn von Wendt verlässt sie. Sie wird ihm noch einmal zufällig begegnen, 1924 von ihm geschieden werden und 1928 erfahren, dass er in Mexiko unter dubiosen Umständen umgekommen ist. Unterhalt für das gemeinsame Kind hat er eh nie gezahlt, und Elsa erreicht bei den Behörden vor der Abreise aus den Staaten, dass ihre Tochter den Nachnamen Schiaparelli erhält.

Doch noch einmal zurück ins Jahr 1920: Zu ihrem Glück kennt Elsa Gabriella Picabia, die Frau des französischen Surrealisten Francis Picabia, die sie 1916 während der transatlantischen Überfahrt nach Amerika an Bord kennengelernt hat. Die ist bereit, auf die Kleine aufzupassen, während sie sich Arbeit sucht. Doch alles will nicht so recht glücken und das bisschen Geld, was Elsa aus Italien erhält, geht für die Bezahlung einer Kinderschwester drauf, die das Baby betreut. Zu allem Unglück erkrankt Gogo mit fünfzehn Monaten an Kinderlähmung. Eine in Amerika gewonnene Freundin schlägt vor, zusammen mit Elsa und dem Kind per Schiff nach Paris zu reisen, dort mit ihr eine Wohnung zu nehmen, während das Kind einer ärztlichen Behandlung inklusive Aufenthalt in der Eisernen Lunge unterzogen wird. 

Zwar könnte Elsa auch wieder zu ihrer inzwischen verwitweten Mutter übersiedeln, doch die inzwischen 32jährige fühlt sich "wie die Schwalbe, die die Freuden des Fliegens gekostet hatte". Sie zieht lieber mit einem Antiquitätenhändler durch Paris & die Provinz, um schöne Dinge für ihn auszusuchen. Schließlich kann sie sogar eine eigene winzige Wohnung mieten.

Als sie eine weitere amerikanische Freundin in das Couture-Haus von Paul Poiret begleiten kann, probiert sie dort ebenfalls Kleidung an und wird von dem Meister angesprochen, als sie einen hinreißenden Mantel trägt, der ihr ausgezeichnet steht: Das Treffen zweier verwandter Seelen! Elsa bekommt nicht nur den Mantel, sondern im Laufe der Zeit auch weitere Kleidung vom Modepapst der damaligen Epoche zur Verfügung gestellt.

Sie selbst macht Entwürfe für ein kleines Modehaus, Maison Lambal. Obwohl ihre Arbeit von "Women’s Wear Daily" gelobt wird, muss das Haus aufgrund finanzieller Probleme innerhalb eines Jahres aufgeben.

1926 schickt Elsa die Tochter nach Lausanne in die Schweiz zu einem Spezialisten, um eine Verbesserung für ihr gelähmtes Beines zu erreichen. Anschließend bleibt das Mädchen dort für Jahre in einer Schule. Elsa findet ihr Pariser Leben nun eher eintönig und fragt sich, "wozu das Leben gut sein könnte.

Durch Zufall kommt sie über eine Freundin, die einen ganz besonderen Pullover trägt, an eine armenische Strickerin mit einer kleinen Manufaktur. Der präsentiert sie einen Entwurf für einen Pullover:

Rechts der legendäre "sweater with bowknot" von 1927












Erst der dritte Versuch der Manufaktur stellt Elsa zufrieden, und sie trägt ihr Exemplar zu einem eleganten Lunch und dort sorgt er für Furore. Eine New Yorker Einkäuferin für Strauss ordert gleich vierzig Stück, dazu noch vierzig Röcke. Die große armenische Gemeinde in Paris stemmt den Auftrag tatsächlich in vierzehn Tagen, und innerhalb von drei Wochen bekommt Elsa das Geld und macht - nun wagemutig geworden - weiter. Anita Loos, die Hollywood-Drehbuchautorin von "Gentlemen Prefer Blondes" von 1925, wird ihre erste private Kundin und trägt zu Elsas Ruhm bei, ebenso eine Veröffentlichung in der "Vogue".

Die Kollektion "pour le Sport" im Folgejahr wird dann schon um Badeanzüge - mit eingearbeitetem BH  und rückenfrei für die perfekte Bräune, das ist Elsas Erfindung! - , Skibekleidung und Leinenkleider erweitert. Sie geht mit "grenzenlosem, blinden Mut ans Werk. Denn was riskiert sie schon?" Sie kann nicht schneidern, hat aber das Gefühl, dass Kleidung architektonisch sein sollte. Also drapiert sie Stoffe direkt auf den Körper und folgt mit dieser Technik Poiret. 1928 lanciert sie auch ein Eau de Toilette sowie ein erstes Parfum.

Tennis-Outfit aus Seide für Lili de Alvarez 
Ab 1929 führt sie weitere Innovationen bei Stoffen, Schnitten und Details ein: Sie erschafft den Regenmantel aus gummierter Wolle und Seide, das Wickelkleid ( nein, es war nicht Diane von Furstenbergs Erfindung! ), das Kostüm mit Schulterpolstern ( "pagoda - shoulder" ), den Jumpsuit bzw. Overall. 

Sie bringt die Brust und die Taille wieder zur Geltung und verlängert die Röcke. Sie entwirft Fliegerkostüme - Amelia Earhart ist eine Freundin und die Pilotin Amy Mollison wird von ihr eingekleidet. Sie entwirft Tenniskostüme - 1931 wird ihr Tennisdress für Lili de Alvarez in Wimbledon schockieren. Ihre neuen Pullover versieht mit durchbohrten Herzen und Schlangen wie bei Seemanns-Tätowierungen oder mit Rippen, wie bei Röntgenaufnahmen. Sie liebt es, Überraschungsmomente in ihre Designs einfließen zu lassen, die gerade bei den New Yorkern beliebt sind. Trotz des Börsencrashs von 1929 kann sie ihre Modelle immer noch an exklusive Geschäfte wie Saks Fifth Avenue verkaufen.

Sie selbst hat inzwischen eine Dachwohnung in der Rue de la Paix inklusive Arbeits- und Verkaufsraum gefunden und als Türschild "Schiaparelli - POUR LE SPORT" installiert. 

1931 erweitert Elsa ihre Kollektionen um Abendgarderobe unter Verwendung der Luxusseide von Robert Perrier. Ihr schwarzes Abendkleid mit einer weißen Jacke aus Crêpe de Chine mit langen Schärpen, die sich hinten kreuzen und vorne geschlossen werden, erzeugt "ein Erdbeben in der Modewelt", wird ihr erfolgreichstes Modell und in der ganzen Welt kopiert. 

Eine neue Wohnung am Boulevard Saint- Germain lässt sie sich von Jean-Michel Frank neu & ungewöhnlich einrichten. Zu ihrer ersten Dinnerparty dort erscheint auch ihre Konkurrentin Coco Chanel. Die begutachtet die Einrichtung, als ginge sie auf einem Friedhof umher, so Elsa.

Schiaparellis Geschäft läuft immer besser, was zunächst einmal in einem Umzug vom Dachgeschoss in den 1. Stock der Rue de la Paix bedingt. Kunstlederne schwarze Vorhänge, schwarze Holzmöbel, eine Karte der baskischen Küste und Seile, an denen die Schals, Gürtel & Pullover "ein farbenprächtiges Durcheinander" ergeben, treffen den Nerv der Zeit.

Katherine Hepburn
mit Schiaparellis "Mad Cap"
von 1930
In den frühen 30er Jahren werden Tweedanzüge und Hosenröcke Markenzeichen des Modehauses und erregen die Gemüter: Es gibt in  England wütende Leserbriefe und es wird sogar gefordert, das Tragen unter Strafe zu stellen, vor allem in London, wo Elsa eine Dependance eingerichtet hat, nachdem ein englischer Verehrer sie dazu überredet hat.

1932 schreibt Janet Flanner, die Paris-Korrespondentin des New Yorker: "Eine der Erklärungen für ihren phänomenalen Erfolg hier war sicherlich die uneuropäische Modernität ihrer Silhouetten." Zu ihren Kunden gehören die Hollywoodstars Katharine Hepburn, der sie durch ihre geschickte Beratung zu der ihr eigenen Schönheit verhilft, Mae West und nach dem Krieg Zsa Zsa Gabor sowie Daisy Fellowes, ein It-Girl in jenen Tagen, Pariser Redakteurin des "Harper’s Bazaar" & Erbin des Vermögens der Nähmaschinendynastie Singer. Eine Reise in die Staaten macht sie auf einer Party in Hollywood mit den vielen Stars bekannt, die ihre Kleider mit den gepolsterten Schultern ( und die deshalb die Taillen schmaler erscheinen lassen ) vorführen.

"La cage" von Jean-Michel Frank
1935 kann "Schiap" ihr Geschäft enorm vergrößern, indem sie in das heute berühmte Gebäude, im Stile des 17. Jahrhunderts am Place Vendôme erbaut, umziehen und dort einen Salon mit 98 Zimmern und Platz für den ersten Konfektions-Showroom eines Couture-Labels einrichtet. Gleichzeitig richtet sie eine Boutique ein, bei der "alles sofort zum Mitnehmen" angeboten wird. In deren Mitte steht der bekannte, von Jean-Michel Frank geschaffene Käfig für das Parfümgeschäft. 

In jener Zeit bis zum Beginn des 2. Weltkrieges stellt Elsa Schiaparelli sicherlich alle Couturiers in den Schatten, einschließlich Coco Chanel.

Sehr viel Inspiration erlangt sie durch ihre Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit Künstlern: Alberto Giacometti entwirft Broschen und Knöpfe ( und die Lampenständer in ihrem Salon ), Meret Oppenheim ( siehe auch dieser Post ) kreiert Pelzschmuckstücke für sie. Das facettenreiche Genie Jean Cocteau zeichnet 1937 für sie und gemeinsam entwerfen sie exquisite Abendmäntel. Mit Salvador Dalí schafft sie einige ihrer unverschämtesten, originellsten Designs, darunter drei ihrer berühmtesten Stücke wie der Schuhhut, das Tränenkleid, ein Abendkleid, das in Trompe-l'oeil-Manier bemalt ist, und das weiße Hummerkleid aus Seide mit einem handgemalten Hummer von Dalí selbst. 

Von links nach rechts:
Tränenkleid, Gala Dalí mit dem Schuhhut, Wallis Simpson mit dem Hummerkleid








Sensationell ist auch ihr Halsschmuck aus dem transparenten Rhodoid ( ein neu entwickelter Kunststoff ) von 1938, der von Jean Clément, der für sie auch ihre extraordinären Knöpfe fertigt, mit farbigen metallischen Insekten besetzt worden ist und die Illusion erweckt, dass die Käfer direkt auf der Haut der Trägerin herumkrabbeln.

Schiaparellis Stil wird häufig als flamboyant und exzentrisch beschrieben und viel kopiert, was die Entwerferin als Anerkennung interpretiert. Die politischen Entwicklungen in der Welt treiben sie zu immer aufwändigeren, majestätischeren Kreationen. Doch die Presse erregt sich am meisten über ihren Einsatz des farbigen Reißverschlusses an den unerwartetsten Stellen und bei der Abendkleidung. Verrückterweise dürfen diese Kleidungsstücke nicht in die USA importiert werden, weil ein Handelsabkommen zwischen Frankreich und den Staaten das verbietet.

1937 zieht Elsa Schiaparelli  auch privat wieder einmal um und zwar in die Rue de Berri 22 im 8. Pariser Arrondissement. Es ist ihr dritter Wohnsitz, den sie gemeinsam mit Jean-Michel Frank ausstattet, diesmal weniger modern und schlicht als ihre früheren Wohnungen. Das Hotel particulier mit achtzehn Zimmern spiegelt die weitere Entwicklung ihres Stils wieder. ( Das Haus ist inzwischen ein Hotel. )



1938 legt Elsa ihr Parfüm "Shocking" in einem Flakon, der einem Körper - Torso nachgebildet ist, auf, entworfen von der Surrealistin Leonor Fini. Als Inspiration für den Namen dient ihr eine Farbe, die von ihr so beschrieben wird:

"Leuchtend, unmöglich, unverschämt, kleidsam, vital, als würde man alles Licht und die Vögel und die Fische der Welt zusammenpacken, eine Farbe wie China und Peru, aber nicht des Westens - eine schockierende Farbe, rein und unverdünnt."

Das "Shocking Pink" - ein ultrahelles Magenta - ist 1937 ein Farbton, der Elsas kühnem Stil ein wesentliches, neues Element hinzufügt. Vor Schiaparelli ist Rosa jahrhundertelang sparsam und meist in weniger gesättigtem Ton verwendet worden. Zarte Rosatöne sind im 18. Jahrhundert bei Mitgliedern des französischen Hofes sowohl in der Kunst als auch in der Mode populär gewesen. Im 19. Jahrhundert hat Rosa dann eine maskulinere Konnotation gehabt. Schon vorher hat Elsa allerdings in jeder ihrer Kollektionen gekonnt Farben kombiniert, die bis dahin noch niemand zuvor zu kombinieren gewagt hat. Ihr gelingt es immer wieder, eine mutige, einzigartige Kleidung zu kreieren, die sich von ihren Mitbewerber*innen abhebt.

Mit dem Parfum begründet Elsa auch einen neuen Geschäftszweig, der bis heute für die Modehäuser überlebensnotwendig ist und sie selbst über die heraufziehenden düsteren Zeiten hinwegretten wird. 1939 bringt sie auch ihren ersten Männerduft heraus.



Jetzt, mit ihren fast fünfzig Jahren, ist sie Mittelpunkt des Pariser, Londoner und New Yorker Boheme-Lebens, als Frankreich 1939 Deutschland den Krieg erklärt. Schiaparellis neue Frühjahrskollektion 1940 setzt nun auf gedeckte Farben wie das helle Braun der Trenchcoats und auf Tarnmuster. Kurz nach dem Fall von Paris am 14. Juni 1940 reist sie per Schiff zu Vortragsreisen & Wohltätigkeitsveranstaltungen nach New York. Dort betreut inzwischen auch ihre Tochter Gogo die Parfümlinie. Im Jahr darauf wird diese sich mit dem Geschäftsmann Robert L. Berenson verheiraten. Abgesehen von einigen Monaten in Paris Anfang 1941 bleibt sie bis Kriegsende in New York City. Mode entwerfen mag sie in dieser Zeit nicht, das überlässt sie ihren Angestellten. Aber sie bekommt als erste Europäerin den "Neiman Marcus Award" für Verdienste um die Mode verliehe

Bei ihrer Rückkehr nach Paris stellt sie fest, dass die Mode nicht mehr die Gleiche ist: Christian Diors "New Look" mit seiner Ablehnung der Vorkriegsmode tritt seinen Siegeszug an. 

"Ich knüpfte nicht daran an, was zwischenzeitlich passiert war, sondern an mich selbst im Jahr 1940. Ich versuchte, sowohl Frauen schmal als auch elegant aussehen zu lassen, und für die neue Lebensart zu wappnen. Ich habe nicht sofort erkannt, dass jene Art Eleganz, die wir vor dem Krieg kannten, gestorben war."

Das Haus Schiaparelli kämpft in einer vom Krieg verwüsteten Stadt mit Sparmaßnahmen gegen die Einbußen an. Elsa kreiert noch die erste capsule wardrobe für die reisende Frau, die weniger als 12 Pfund wiegt, darunter sechs Kleider, drei Klapphüte und ein Wendemantel. 1947 stellt sie Hubert de Givenchy als Geschäftsführer ihrer Boutique ein, und ein letztes Parfum - "Le Roi Soleil" - in einem prachtvollen Flakon von Baccarat, designed von Dalí, wird in die Öffentlichkeit gebracht. Auch noch einige Lizenzverträge kann Elsa mit amerikanischen Unternehmen abschließen.

1951 ist dann aber mit dem Couture-Geschäft Schluss. Im Dezember 1954 gibt Elsa schließlich das gesamte, hoch verschuldete Modehaus auf & meldet Konkurs an, zu einem Zeitpunkt, als ihre große Rivalin Coco Chanel mit ihrer Mode auf den Laufsteg zurückkehrt. Für Elsa ist nun aber ein langer Lebensabschnitt unwiederbringlich zu Ende. 

Sie ist jetzt 63 und freut sich darauf, endlich in Ruhe und Abgeschiedenheit in ihrem Haus in Hammamet ( Tunesien ) zu leben, das sie 1950 gekauft und  gewohnt eklektizistisch eingerichtet hat. Sie schreibt ihre Autobiografie "Shocking Life", freut sich bei Amerikabesuchen über ihren 1947 & 1948 geborenen Enkelinnen in New York Marisa & Berynthia Berenson und kümmert sich nur noch um Lizenzgeschäfte. 

1972 erleidet Elsa einen ersten Schlaganfall, kann sich aber zur Überraschung aller gut davon erholen. Doch ein zweiter im Jahr darauf fesselt sie ans Bett. Aber sie empfängt dort weiterhin ihre Freunde, wohl frisiert und in einer seidenen Bettjacke.

Im September 1973 dann ein dritter Schlag, der Elsa ins Koma fallen lässt. Sieben Wochen später, am 13. November, stirbt sie im Beisein ihrer Tochter.

Elsa Schiaparelli wird in einem Anzug in "Shocking Pink" auf einem kleinen Provinzfriedhof - "Saint Eloi" in Frucourt, Departement de la Somme, Picardie - bestattet. Sie hat sich diesen Platz in der Nähe eines Hauses von Freunden schon in früheren Jahren ausgewählt, weil ihr die Ruhe und das ganze Ambiente mit den alten Bäumen und Steinen zugesagt haben. Ihre letzte Kreation ist ihr Grabstein: Ihre kühne Signatur ist in die graue Kalksteinplatte gemeißelt und mit Gold ausgelegt. 

Im Jahr 2003 veranstaltet das Philadelphia Museum of Art eine Retrospektive mit Originalstücken, die es in seiner Sammlung beherbergt sowie solchen aus dem Pariser Musée de la Mode ( auf vier Seiten sind hier Ausstellungsstücke online zu bestaunen! ). Aus diesem Anlass zollt auch die "Vogue" in einem Artikel noch einmal Tribut.

Lady Gaga in Schiaparelli
Drei Jahre später kauft Diego Della Valle, Vorsitzender des italienischen Lederwarenunternehmens Tod's, die Modemarke "Maison Schiaparelli", die er wiederbelebt und zunächst mit fünfzehn Entwürfen des Modemachers Christian Lacroix bei den Haute- Couture-Schauen ins Rennen schicken will, was aber nicht klappt. Im Jahr darauf übernimmt Marco Zanini den Posten des Kreativdirektors, gibt den aber schon nach einem Jahr an Bertrand Guyon ab. 2019 wird der von dem in Texas geborenen Designer Daniel Roseberry abgelöst - der erste Amerikaner, der ein französisches Couture-Haus leitet. 

Ins Gespräch ist "Maison Schiaparelli" wieder zu Beginn des Jahres gekommen, als Lady Gaga zur Inaugurationsfeier von Joe Biden ein Kleid der Marke getragen hat. Gaga hat schon zwei Jahre zuvor in einer Show in Las Vegas mit einer Schiaparelli - Robe begeistert.

2012 gibt es im Metropolitan Museum of Art's Costume eine Ausstellung "Schiaparelli and Prada: Impossible Conversations". Beide Frauen sind unkonventionell, aber Schiaparelli geradezu fabelhaft. Sie kombinierte mit wilder Fantasie und traumähnlichen Visionen und widersetzte sich bewusst den gängigen Vorstellungen von Schönheit und der traditionellen Rolle der Frau. Wer Lust auf mehr Bilder ihrer einzigartigen Mode hat, dem sei auch diese Internetseite empfohlen. Und wird verstehen, dass ich die Mode der heute viel berühmteren Coco Chanel noch nie als originell oder abenteuerlustig empfunden habe. Elsa Schiaparelli hingegen ist nicht nur eine Kleiderdesignerin gewesen. Ihre Entwürfe gehen über die Mode hinaus in die Kunst selbst hinein. 



11 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    danke für die Vorstellung dieser außergewöhnlichen Frau. Der Name sagte mir etwas, aber sonst nichts.

    Bemerkenswert auf welche Ideen die kleine Elsa kam, sich Blumensamen in die Ohren und Mund zu stecken, um schöner zu sein (und wie traurig, welcher Grund dahinter steckte).

    Die Tochter, die an Kinderlähmung erkrankt - wie traurig. Und wie gut, dass es heute Impfstoffe gegen so viele Virenerkrankungen gibt !

    Eine interessante Frau, den Beitrag von dir über sie werde ich später noch ausführlicher lesen.

    Viele Grüße
    Claudia

    PS.
    Kennst du das Buch von Victoria Mas 'Die Tanzenden' ?
    Eine interessante Lektüre.

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  2. Welche Mode! Ich hatte es gar nicht mehr so in Erinnerung, was sie alles geschaffen hatte und mit wem.
    Das ist ja eine wahre Explosion an Fantasie, Kreativität und Luxus.
    Wahrscheinlich braucht es dazu ein Leben wie ihres. Besonders in der Kindheit und Jugend, wo die Gegensätze zwischen Lüge und Wahrheit, Freiheit und Zwang und Mann und Frau solch eine Rolle gespielt haben.
    Auf jeden Fall höchst beeindruckend und von Dir toll in Szene gesetzt.
    Mich hat das beschwingt...
    Herzlichst, Sieglinde

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  3. Ohh sehr interessant. Ich habe ein Buch über ihre Mode, aber Dein Beitrag erzählt viel mehr über ihr Leben als in meinem Buch steht. ☺️ Ein toller Post und so interessant.
    Herzlichen Dank Astrid.
    Liebe Grüße Tina

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    welch bewundernswerten Post hast Du wieder zusammengestellt. Ich bin angetan von diesen Frauen in dieser Zeit. Heute hat man ja mit dem Jogginghosen out fit neue Dimensionen geschaffen in der Modewelt, auch Loch-Jeans sind ja nicht zu verachten. Mir ist Schönes, Buntes und was meinem Auge gut tut, lieber. Mode, das Wort alleine sagt schon etwas aus. Heute wird eben alles zerlegt, weil das Rad schon erfunden ist. Das gilt für Kunst und Musik ebenso. Tolles hat sie kreiirt, gefällt mir, würde ich auch tragen wollen wenn ich noch müßte und die Gelegenheit dazu hätte. Hab ich aber nicht und so zehren wir eben von früheren Zeiten, ist auch richtig so, sonst wäre die Welt ja noch ein Stückchen trauriger, wie sie eh schon gemacht wurde.
    Meine Großmutter war Damenschneiderin und auf Kinderbildern sind ihre Werke für mich festgehalten. Ich schaue das Kinderalbum das meine Mama durch die Kriegswirren geschleust hat, oft und gerne an und entdecke immer wieder Neues. Oma war Jahrgang 1878.
    Danke für den interessanten Post und liebe Grüße von Helga

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  5. Beim Lesen des Namens klingelt es zwar in meinen Ohren, aber über ihr Leben wusste ich bislang nichts. Bei ihr sprudelte die Fantasie, Kreativität und der Eigensinn ja von Kindesbeinen. Was für eine Frau!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Was für wunderschöne Designs sie geschaffen hat. Wiedererkannt hab ich das ein oder andere (K. Hepburns Hut!) aber von der interessanten Frau dahinter wusste ich nicht.
    Danke und liebe Grüße
    Nina

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  7. Ich liebe Menschen mit Phantasie. Über diesen Bericht habe ich mich richtig gefreut. Dieser Mut die eigenen Ideen zu leben - einfach großartig.
    LG
    Magdalena

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  8. Liebe Astrid,
    das ist eine total interessante Dokumentation über eine Frau, die in ihrer Zeit sicher einmalig war. Ich glaube, den Namen kannte ich tatsächlich nur über das Parfum, denke sogar, dass meine Mutter es besaß. Du hast das toll geschrieben. Danke dafür.
    Herzliche Grüße – Elke

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  9. was für ein interssantes von Phantasie geprägtes Leben..
    ein nicht zu bändigender Charakter..
    sie geht ihren Weg
    ein sehr interessantes Frauenbild wieder

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. Ein feiner Beitrag, der genau für mich ist! Gerade las ich die Schiaparelli in einem Buch 20er-Jahre-Frauen.Als modefachfrau kennt man sie, aber ich würde nicht so streng mit Coco sein, bei ihr ist ein ganz anderer Background in ihrer Kindheit da, der mich schon den Hut ziehen läßt vor dem, was sie geleistet hat.Auch wenn sie Konkurrentinnen irgendwann waren, der Weg war sehr verschieden und in einem Zeitalter, als die Herkunft noch weit bedeutender war.
    Viele Grüße, karen

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    1. Da hast du natürlich recht: welch ein kultureller Input bei der Schiaparelli im Vergleich zu Coco Chanel! Da hat sie sehr viel aufgeholt! Sie ist halt sehr viel Bekannter und weniger schräg.
      Gute Nacht!

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Eine Kommentarmoderation behalte ich mir weiterhin vor.