Donnerstag, 11. Juli 2024

Great Women #383: Ida B. Wells

Schon länger habe ich mich nicht mehr mit Frauen beschäftigt, die eine Rolle in der Emanzipationsbewegung der Afroamerikaner gespielt haben. Ein Zeitzeichen-Beitrag im Radio hat an sie erinnert: Ida B. Wells, die 1884 aus einem Zugabteil für Damen geworfen werden soll, weil sie nicht weiß ist. Da Rassismus ein hochaktuelles Thema geblieben ist, möchte ich euch mit dieser Frau besser bekannt machen...

"The way to right wrongs is to turn the light of truth upon them."
.....
"The white man's victory soon became complete by fraud, 
violence, intimidation, and murder."

Ida Bell Wells wird am 16. Juli 1862, in Holly Springs, Mississippi, geboren, we­­ni­­ge Mo­­na­­te be­­vor der US-ameri­kani­sche Prä­­si­­dent Abra­­ham Lin­­coln in der Eman­­zi­­pa­­tions­­proklamation zum 1. Ja­nu­ar 1863 das En­­de der Skla­­ver­ei in den Süd­­staa­ten er­klär­t hat. 

Ihre Eltern sind Elizabeth "Lizzie" Warrenton, eine Köchin, die auf einer Plantage in Virginia geboren und  von dort entführt worden ist, und James "Jim" Wells, ein Zimmermann, Sohn einer schwarzen Sklavin und ihres weißen Sklavenhalters, sind also zum Zeitpunkt ihrer Geburt ebenfalls noch Sklaven, und zwar beide auf dem Anwesen von Spires Bolling, einem Baumeister, späteren Architekten & Besitzer einer Brennerei in Holly Springs. Jim Wells hat einen Großteil des Bolling-Gatewood-Hauses gebaut, das heute ein Museum ist.

Das Baby wird nach damaligen Umständen auch in die Sklaverei hineingeboren. Ida hat allerdings keine persönliche Erinnerung daran, was es heißt, versklavt zu sein. Aber sie hört die Geschichten ihrer Eltern und sie kann die Narben auf dem Rücken ihrer Mutter betrachten, die von den Schlägen, die sie erlitten hat, herrühren. 

Haus von Spires Boling
hinter dem die Sklavenunterkünfte lagen

Nach der Veröffentlichung der Emanzipationsproklamation und der endgültigen Kapitulation Mississippis drei Jahre später beginnen ihre Eltern sofort, einige ihrer neu gewonnenen Freiheiten in Anspruch zu nehmen, etwa die Legalisierung ihrer Ehe & die Sicherung einer Ausbildung für ihre Kinder und im Verlaufe der folgenden Rekonstruktionszeit die Möglichkeit der politischen Betätigung. Schwarze Amerikaner erlangen in diesen Jahren Freiheit, Staatsbürgerschaft und das Wahlrecht.

Die Eltern Wells sind selbstbewusste Mitglieder der Black Community, und Jim Wells ist aktiv in der "Freedman Aid Society", die freigelassene Sklaven und Sklavinnen mit Bildungsangeboten unterstützt. Er selbst setzt seine Ausbildung im Baugewerbe fort und wird ein geschickter und erfolgreicher Handwerker & Kleinunternehmer und kann seine Familie ernähren, ohne Pächter zu werden, das Schicksal, das so viele Schwarze unter Bedingungen hält, die der Sklaverei ähneln.

Das Geld, dass die Eltern verdienen, stecken sie in die Ausbildung ihrer Kinder. Ida ist die Älteste. Sie liest den Eltern täglich die Zeitung vor - ihre erste Berührung mit der Presse! In ihrer Autobiographie "Crusade for Justice" wird sie später schreiben, dass sie schon vom Ku-Klux-Klan gelesen hat, bevor sie überhaupt verstanden hat, was das ist. Sie wird sich auch erinnern, wie ihre Mutter abends angstvoll auf- und abgelaufen ist, wenn der Vater bei politischen Treffen gewesen ist. 

Sklaverei ist für Ida schon eine Realität, aber ihre eigene Kindheit verbringt sie in den Jahren der Rekonstruktion: Von 1865 bis 1877 legt die US-Bundesregierung die Grundregeln für die Wiederaufnahme der Südstaaten in die Union fest, und Bundestruppen sorgen für Ordnung im Süden. Mit der manchmal heftigen Feindseligkeit vieler Weißer kommt sie dennoch in Kontakt.

1865



Auch ihre Eltern lernen nach der Sklaverei lesen. Als schwarze Männer 1867 in Mississippi zum ersten Mal wählen dürfen, fordert Jim Wells ehemaliger weißer Besitzer ihn auf, für die Demokraten ( die damals für den Erhalt der Sklaverei eintreten und Gegner der Politik Abraham Lincolns sind ) zu stimmen. Doch er weigert sich.

Ida besucht das Rust College, eine Schule für Freigelassene der "Freedmen's Aid Society" in ihrer Heimatstadt Holly Springs, Mississippi. Aber als sie sechzehn ist, erlebt sie eine schreckliche Tragödie: 

Als 1878 eine Gelbfieberepidemie in Mississippi wütet, sterben auch Idas Eltern und ihr kleiner Bruder daran. Die verbleibenden Wells-Kinder sind urplötzlich Waisen, und Ida, die sich nur nicht angesteckt hat, weil sie zu diesem Zeitpunkt bei der Großmutter gewesen ist, findet sich in der Rolle des Familienoberhaupts & -ernährerin wieder. Sie macht sich einfach zwei Jahre älter und verdingt sich für $25 im Monat an einer ländlichen Schule für Schwarze als Lehrerin. Daneben besucht sie die Sommerkurse eines Colleges für Schwarzamerikaner, setzt also ihr eigenes Lernen fort, kümmert sich dennoch um Kochen, Waschen und Bügeln für ihre Familie. Unterstützt wird sie von ihrer Großmutter, die die kleineren Geschwister betreut, damit Ida unterrichten kann. Nur so kann die restliche Familie zusammenbleiben.

Drei Jahre später, im Jahr 1881, zieht Ida nach dem Tod der Großmutter mit ihren beiden jüngsten Schwestern in das fünfzig Meilen entfernte Memphis in Tennessee, um bei ihrer Tante Fanny Butler zu leben. Dort erhält sie auch ein besseres Gehalt als Lehrerin. Der Job ist für eine so junge Frau nicht unbedingt einfach, denn einige ihrer Schüler machen ihr Schwierigkeiten. Aber sie ist keine Person, die nachgibt. Und: sie ist selbstbewusst, hat ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Wahrheit und Gerechtigkeit und starke politische Anschauungen. Ihr wird die folgende, durchaus feministische Aussage in jungen Jahren zugeschrieben: 
"Ich werde heute nicht damit beginnen, das zu tun, was meine Seele verabscheut: Männer, schwache, betrügerische Geschöpfe, mit Schmeicheleien zu besänftigen, um sie als Begleiter zu behalten oder um eine Rache zu befriedigen."
Der Süden Amerikas erleidet unterdessen wieder einen Roll-back nach den Jahren der Rekonstruktion. Ein strenges neues System mittels der "Jim Crow"- Gesetze in einzelnen Südstaaten schränkt Schritt für Schritt in den 1880er & 1890er Jahren die Rechte und Freiheiten der Afroamerikaner wieder ein und erzwingt eine rassistische Segregation, oft durch Einschüchterung und Gewalt. Doch ein Großteil davon basiert auch nur auf gesellschaftlichen Gepflogenheiten und den Launen einzelner Personen, wie es Ida schließlich auch erlebt:

Chesapeake & Ohio Railroad
(1879)
Während einer ihrer Zugfahrten von Holly Springs nach Memphis mit der "Chesapeake & Ohio Railroad" fordert am 4. Mai 1884 der Schaffner sie auf, in einen anderen Wagen, ein Abteil für Schwarze, in dem sich auch die Raucher aufhalten, umzusteigen, obwohl sie eine Fahrkarte für den Damenwagen der 1. Klasse gelöst hat. Später schildert sie den Vorfall so:
Er "versuchte mich aus dem Sitz zu zerren, aber ich biss meine Zähne in seinen Handrücken, der meinen Arm gepackt hatte. Dann ging er nach vorn und ließ sich vom Gepäckträger helfen, da er es nicht schaffte, mich aus dem Weg zu räumen. Sie brachten einen dritten Mann und es gelang ihnen, mich herauszuziehen. Ermutigt wurden sie dazu durch die Haltung der weißen Damen und Herren im Wagen, von denen einige sogar auf den Sitzen standen, um dem Schaffner zu applaudieren."

Sie engagiert anschließend einen afroamerikanischen Anwalt, um gegen die Eisenbahngesellschaft zu prozessieren. Doch die Sache kommt nicht in Gang. Ida findet schließlich heraus, dass ihr Anwalt bestochen worden ist. Und da dieser der einzige farbige Anwalt in der Stadt ist, muss sie sich an einen weißen Kollegen wenden. Der erreicht immerhin, dass ihr 500 Dollar Schadenersatz zugesprochen wird. 

1893
Ein Berufungsverfahren beim Tennessee Supreme Court bringt ihr allerdings dann 200 Dollar Gerichtskosten ein, da sie einem Vergleich nicht zustimmen mag. Ida wird in Memphis und darüberhinaus bekannt, denn ihr Fall erregt beispiellose Aufmerksamkeit, da es der erste Fall ist, in dem eine afroamerikanische Klägerin nach der Aufhebung des Civil Rights Act von 1875 durch den Obersten Gerichtshof der USA Berufung vor einem staatlichen Gericht eingelegt hat. 

Parallel zu ihrer Tätigkeit als Lehrerin beginnt die sprachlich versierte Ida für Zeitungen zu schreiben. Sie nimmt auf diese Art & Weise ihren Kampf gegen den Rassismus auf. Sie traut sich beispielsweise über die Benachteiligungen im Bildungssystem zu schreiben. Sie schreibt über die Ungerechtigkeit,  über die Hoffnung der Schwarzen auf Gleichberechtigung nach dem Ende des Bürgerkrieges, über den Gipfel des Rassismus in der Lynchjustiz, durch die viele Menschen willkürlich getötet werden. Das kostet sie 1886 schließlich auch ihren Job als Lehrerin, und der Journalismus muss zwangsläufig zu ihrem Hauptberuf werden.

Es gelingt ihr, einen Geschäftsanteil an der "Memphis Free Speech and Headlight" zu erhalten, für die sie investgative Beiträge verfasst, und wird zu deren Herausgeberin ernannt. Ida ist damit die erste weibliche Miteigentümerin und Herausgeberin einer afroamerikanischen Zeitung in den USA. Ihre Artikel & Leitartikel veröffentlicht sie unter dem Namen "Iola".

"The People's Grocery" in der Nähe von Memphis ist eine erfolgreiche afroamerikanische Genossenschaft, als sich Folgendes ereignet:

Die Betreiber des Lebensmittelhandels haben einen Angriff - ausgelöst durch einen vorherigen Streit unter Jugendlichen - durch einen weißen, bewaffneten Mob auf ihr Geschäft zunächst abwehren können, sind daraufhin allerdings festgenommen & ins Gefängnis gesteckt worden. In der Nacht haben dann empörte weiße Bürger dieses gestürmt, Thomas Moss, Will Stewart und Calvin McDowell ergriffen und sie über die Stadtgrenzen hinausgetrieben, geschlagen und dann erschossen. Ein Zeitungsartikel  berichtet hinterher, dass "Tom Moss um sein Leben für seine Frau, sein Kind und sein ungeborenes Baby bettelte."  
Die schreckliche Tötung der drei Männer sind repräsentativ für das Muster weißer Lynchaktionen, die gegen afroamerikanische Männer und Frauen im gesamten Süden in jenen Zeiten aufkommen. In "The Memphis Free Speech" äußert Ida ihre Skepsis gegenüber den öffentlichen Rechtfertigungen für diese Taten.

Thomas Moss, Briefträger & Lebensmittelhändler in der "People's Grocery", der mit seinem Geschäft weißen Händler Konkurrenz gemacht hatist ein Freund von Ida gewesen, und die junge Journalistin beginnt nun mit einer systematischen Untersuchung der Praxis der Lynchmorde. Ihre Erkenntnisse veröffentlicht  sie 1892 in einer Broschüre mit dem Titel "Southern Horrors: Lynch Law in All Its Phases". 

"Tapfere Männer versammeln sich nicht zu Tausenden, um einen einzigen Menschen zu foltern und zu ermorden", wird sie später sagen, "der so geknebelt und gefesselt ist, dass er nicht einmal schwachen Widerstand oder Verteidigung leisten kann."

Ida kann 728 Fälle von Lynchjustiz zwischen den Jahren 1884 und 1892 dokumentieren bzw. belegen.

Ihre Erkenntnisse werden auch in mehreren Kolumnen lokaler Zeitungen veröffentlicht. Ihre Worte stoßen auf Empörung, und die Drohungen ihr gegenüber nehmen einen so gefährlichen Charakter an, dass Ida schließlich aus Memphis nach New York flieht. Dort hat sie ein Angebot erhalten, für "The New York Age", eine bekannte schwarze Zeitung, zu schreiben und auch deren Teilhaberin zu werden. Während sie in New York ist, werden ihre Freunde und Familie im Memphis bedroht, die Redaktion ihrer Zeitung wird niedergebrannt. Schließlich kehrt die junge Frau nach drei Jahren in Harlem auch New York den Rücken und zieht weiter nach Chicago.

In den 1890er Jahren hat sich in den Vereinigten Staaten also eine regelrechte terroristische Kampagne entwickelt, um wieder die Kontrolle der Weißen über den Süden und seine schwarze Bevölkerung zu erlangen, die inzwischen große wirtschaftliche Erfolge vorzuweisen hat. Bei den Opfern handelt es sich häufig um afroamerikanische Männer, denen vorgeworfen wird, weiße Frauen vergewaltigt zu haben.
Ida stellt diese Anschuldigungen in Frage, stellt sie doch fest, dass eine Anklage oft erst erhoben wird, nachdem ein Mann gehängt, verbrannt, erschossen oder geschlagen worden ist. Nach weiteren Recherchen wird Ida 1895 "The Red Record" veröffentlichen, eine hundertseitige Broschüre, in der die Praxis der Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten seit der Emanzipationsproklamation von 1863 mit mehr Details beschrieben wird, ebenso die Kämpfe der Schwarzen im Süden seit dem Bürgerkrieg. Zehntausend Exemplare ihrer Broschüre verbreiten sich im ganzen Land. 

Zuvor schon, nach ihrer Ankunft in Chicago, hat Ida ihren Kampf für Gerechtigkeit auch fortgesetzt, indem sie sich anderen afroamerikanischen Aktivisten zuzsammenschließt, um die "World's Columbian Exposition" zu boykottieren, die weltberühmte Weltausstellung, die dort zum 400. Jahrestag der Ankunft von Christoph Kolumbus in der Neuen Welt abgehalten wird. Die Aktivisten werfen dem Ausstellungskomitee vor, Afroamerikaner absichtlich auszuschließen und die afroamerikanische Gemeinschaft in einem negativen Licht darzustellen. Frederick Douglass, ein bekannter Abolitionist und Bürgerrechtsaktivist, vertritt die haitianische Regierung, die stellvertretend als Zentrum der schwarzen Gemeinschaft fungiert, auf der Ausstellung. Der veröffentlicht zusammen mit Ida und ihrem zukünftigen Ehemann Ferdinand L. Barnett u.a. eine Broschüre zum Thema, warum farbige Amerikaner nicht auf der "World's Columbian Exposition" zu sehen sind. Immerhin wird daraufhin von der Messeleitung ein besonderer Tag für afroamerikanische Besucher eingerichtet. Ida sieht diesen "Negro Day" eher kritisch.

1893 bzw. 1894 reist Ida auch nach Großbritannien, um vor großen Menschenmengen über die Lynchjustiz in ihrem Land zu sprechen und prominente Persönlichkeiten zu treffen. In Großbritannien ist man schockiert. Die engagierte, junge Frau inspiriert die Gründung eines Anti-Lynching Komitees mit Niederlassungen in ganz England und den Vereinigten Staaten. Dort fordert sie die Afroamerikaner in den Südstaaten auf, Unternehmen zu boykottieren, die die Lynchmorde gutheißen bzw. tolerieren, und rät ihnen, eine Umsiedlung in die US-Staaten des Nordens und Mittleren Westens in Betracht zu ziehen. In Chicago gelingt es ihr, William Penn Nixon, den Herausgeber des "Daily Inter Ocean", einer republikanischen Zeitung, auf ihre Seite zu ziehen. Seine Zeitung ist das einzige große weiße Blatt, das Lynchmorde beharrlich verurteilt.

Idas Kampagne führt in einigen Teilen des Südens zur Verabschiedung von Anti-Lynch-Gesetzen und zu einem starken Rückgang der Zahl der dokumentierten Lynchmorde von 235 im Jahr 1892 auf 107 im Jahr 1899. 

Am 27. Juni 1895, mit 33 Jahren, heiratet Ida in der "Bethel African Methodist Episcopal Church" in Chicago den Rechtsanwalt Ferdinand Lee Barnett, seit 1890 Witwer & Vater von zwei Söhnen. Ihre Hochzeit macht Schlagzeilen, und über das Ereignis wird in mehreren Zeitungen für schwarze wie weiße Leser berichtet.

Ferdinand Lee Barnett
(1900)

Barnett, 1852 in Nashville/Tennessee geboren, ist mit seiner afroamerikanischen Familie, die bereits ihre Freiheit erkauft hatte, vor dem Bürgerkrieg zunächst nach Ontario in Kanada geflohen, um dem "Fugitive Slave Act" von 1850 zu entgehen, dem Gesetz, welches wesentlich zur zunehmenden Polarisierung des Landes in der Frage der Sklaverei beigetragen hat. Es hat Sklavenfängern einen Anreiz  geboten, freie Schwarze zu kidnappen und wieder in die Sklaverei zu verkaufen. Nach dem Bürgerkrieg ist die Familie Barnett nach Chicago gezogen. Dort hat der Junior die High School besucht und anschließend einen Abschluss in Rechtswissenschaften an der heutigen Northwestern University School of Law erworben. 1878 hat er zu den Gründern des radikalen, afroamerikanisch ausgerichteten Monatsmagazins "The Chicago Conservator" gehört. Er ist erst der dritte Afroamerikaner gewesen, der 1883 in Illinois als Anwalt zugelassen wird. Wie Ida hat er gegen die Lynchjustiz protestiert und sich für die Bürgerrechte der Afroamerikaner eingesetzt. 1893 lernt er sie im Rahmen der Aktionen rund um die Weltausstellung kennen. 

Mit ihrem Sohn
(1896)
Schon im Jahr darauf schenkt Ida ihrem ersten Kind, Charles Aked, das Leben ( der seltsame Name ist der Nachname eines progressiven protestantischen Geistlichen, den Ida in Liverpool getroffen & der ihr während ihres Aufenthalts in England Quartier geboten hat ). 

Nach Charles Geburt bleibt Ida weiter politisch aktiv und nimmt das Baby auf ihre Reisen mit. Obwohl sie ihre Rollen als Mutter und Aktivistin in Einklang bringt, wird ihr das vorgeworfen. Eine namhafte weiße Vertreterin der American Anti-Slavery Society meint, sie sei zu sehr "abgelenkt". Während ihrer zweiten Schwangerschaft stellt sie für sich fest, dass "Mutterschaft ein Beruf für sich ist" und zweifelt daran, ob sie weiter politisch aktiv sein kann. Letzten Endes entscheidet sie sich für letzteres.

Ihre Ehe ist für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich.  Ihr Mann reduziert seine Arbeitszeit und versorgt die vier Kinder - Hermann Kohlsaat (*1897), Ida Bell Jr. (*1901) und Alfreda Marguerita (*1904) kommen später noch dazu -, damit Ida sich weiterhin in puncto Lynchjustiz engagieren kann. Wie sehr ihr öffentliches Engagement und ihr Privatleben miteinander verbunden gewesen ist, zeigt die Tatsache, dass Ida 1897 den ersten Kindergarten für Schwarze in Chicago einrichtet. Zuvor hat sie eine Bürgerorganisation für schwarze Frauen gegründet - der spätere "Ida B. Wells Club" . Mit diesem Club bezweckt sie, den Zugang zu Bildung in ihrer Gemeinde zu verbessern. Kindergärten sind besonders wichtig, denn in den afroamerikanischen Familien ist ein höherer Anteil berufstätiger Mütter festzustellen. 

Sie kämpft auch gegen eine Zeitungskampagne der "Chicago Tribune", die die Vorteile eines getrennten Schulsystems für die Rassen in der Stadt, also einer Segregation weißer & schwarzer Schüler, propagiert. Mit Erfolg: Die Zeitung stellt ihre Artikelserie ein.

Schon 1895 ist Idas Mentor Frederick Douglass gestorben. Daraufhin - sie ist auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit & ihres Einflusses - wird die junge Aktivistin als neue Führungskraft der Bewegung ins Auge gefasst. Und das in einer Zeit, in der Frauen von der Gesellschaft nicht als Führungspersönlichkeiten angesehen werden und dies oft auch nicht dürfen! 

Neue führende Stimmen der Bürgerrechtsbewegung wie Booker T. Washington oder sein Rivale W.E.B. Du Bois und eher traditionell gesinnte Aktivistinnen halten Ida jedoch für zu radikal und ihr Ansatz, durch Beschreitung des Rechtswegs gegen die Verletzungen des Bürgerrechtes der Schwarzen zu kämpfen, für nicht zielführend. 

Mit ihren Kindern
(1909)

Ida befindet sich zunehmend auf einsamem Posten. Es gibt beispielsweise auch unterschiedliche Erklärungen dafür, warum ihr Name von der ursprünglichen Liste der Gründer der "National Association for the Advancement of Colored People" (NAACP), die 1909 ins Leben gerufen wird, weggelassen worden ist: 

In seiner Autobiografie "Dusk of Dawn" deutet W.E.B. Du Bois an, dass Ida selbst sich entschieden habe, nicht aufgenommen zu werden. Die hingegen schreibt in ihrer Autobiografie, dass Du Bois sie absichtlich in der Liste ausgelassen habe. 

Schon 1908 hat Ida zusammen mit ihrem Mann und weiteren Mitgliedern ihres Bibelkreises die "Negro Fellowship League" (NFL), das erste soziale Zentrum für Schwarze in Chicago installiert. Die Organisation bietet in gemieteten Räumen Lesesaal, Bibliothek, Aktivitätszentrum und Unterkunft für junge Schwarze aus der örtlichen Gemeinde zu einer Zeit, als die örtliche "Young Men's Christian Association" (YMCA) schwarzen Männern keine Mitgliedschaft gestattet. 

Dort trifft sich auch der "Alpha Suffrage Club", den Ida 1913 zusammen mit Belle Squire and Virginia Brooks gründet, eine Organisation, die sich für das Frauenwahlrecht einsetzt, nachdem vorher eine Zusammenarbeit mit weißen Frauen für das Wahlrecht gescheitert ist, weil Ida sich für deren Geschmack zu militant auf die Situation schwarzer Frauen bezogen hat. Als prominente schwarze Suffragistin hat sie entschiedene Positionen gegen Rassismus, Gewalt und Lynchjustiz bezogen. Von der großen Suffragistenparade in Washington am Tag vor der Amtseinführung von Woodrow Wilson als amerikanischer Präsident wird Idas Gruppierung von der "National American Woman Suffrage Association" (NAWSA) ausgeschlossen, weil man nur weiße Repräsentantinnen dabei haben will. Ida wäre nicht Ida, wenn sie sich das gefallen lassen würde:

Sie stellt sich mit ihren Frauen an den Straßenrand und integriert sich schließlich in die weißen Delegation aus Illinois, als diese vorbeizieht. Demonstrativ hakt sie sich bei Bell Squire & Virgina Brooks unter und bekundet damit die Universalität der Frauenbürgerrechtsbewegung.

Im Jahr 1914 wird sie Präsidentin des Chicagoer Büros der "National Equal Rights League" (NERL) und fordert als deren Vertreterin den Präsidenten auf, die Diskriminierung farbiger US-Bürger in Regierungsjobs zu beenden. 

Zeichnung aus einer damaligen Zeitung zum "St.Louis Riot"
Während des Ersten Weltkriegs wird Ida B. Wells von der US-Regierung überwacht und als gefährliche "Rassenhetzerin" bezeichnet. 

Sie publiziert in jenen Jahren weiterhin investigative Berichte, u.a. über die Rassenunruhen in East St. Louis, Illinois, die zur Vertreibung von 6000 Afroamerikanern führen ( in dieser Zeit kommt es in den Industriestädten der USA häufig zu Arbeitskämpfen ). Ida schreibt auch von 40–150 getöteten Afroamerikanern. Sie kritisiert die Darstellung der Rolle der Nationalgarde, nachdem sie die Aussagen schwarzer Frauen gehört hat, die in die Stadt zurückgekehrt sind, um ihre Häuser zurückzufordern oder das, was von ihrem Besitz übrig geblieben ist, zu holen. Auch verfasst sie wieder eine Broschüre, in der sie feststellt, Polizei und Staatsgarde haben bei den Angriffen auf Schwarze weggesehen oder dem Mob geholfen. Damit löst sie eine Untersuchung des Kongresses aus, die jedoch vom US-Kriegsministerium einkassiert wird, weil man befürchtet, das Ergebnis könne den Rassenkonflikt anheizen, während sich das Land im Krieg befindet. Doch die rassistische Gewalt hat sich da bereits im ganzen Land ausgebreitet... 

Links: 1920, rechts mit ihrer Großfamilie 1917


In den 1920er Jahren hört man den Namen Ida Wells-Barnett seltener in der Presse. 1921 reist sie zum ersten mal wieder in den Süden, um das Elaine-Massaker in Arkansas zu untersuchen und 1922 einen Bericht darüber zu verfassen. 1928 - da ist sie mittlerweile 66 Jahre alt - versucht sie, Delegierte des Parteitages der Republikaner zu werden, unterliegt jedoch ihrem Gegenspieler. Auch ihre Kandidatur als Unabhängige für einen Sitz im Senat von Illinois misslingt. Sie zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und widmet den Großteil ihrer verbleibenden Energie dem Entwurf ihrer Autobiografie.

Zu Beginn des Jahres 1931 bricht Ida nach kurzer Krankheit zusammen und fällt ins Koma. Sie stirbt am 25. März 1931 im Alter von 68 Jahren an Nierenversagen und wird auf dem Oak Woods Cemetery in Chicago beigesetzt. Ihr Ehemann wird sie noch fünf Jahre überleben.

Das Manuskript für Idas Memoiren "Crusade for Justice" wird nach ihrem Tod von ihrer Tochter Alfreda M. Duster redigiert und erst 1970 von der University of Chicago Press der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Statue in Memphis
1974 dann wird das Haus von Ida B. Wells und Ferdinand Barnett in Chicago auf dem S. Martin Luther King Drive in das "National Register of Historic Places" aufgenommen und zum "National Historic Landmark" ernannt. 

Seit 1983 wird der Ida B. Wells Award von der "National Association of Black Journalists" und der Northwestern University an diejenigen verliehen, die den Zugang und die Chancen für farbige Menschen im Journalismus verbessert  bzw. die Berichterstattung über farbige Gemeinschaften in den amerikanischen Medien gefördert haben.

2018  würdigt die "York Times", die Ida einstmals als "slanderous and nasty-nasty-minded Mulattress" beschimpft hat, als Pionierin der Berichterstattungstechniken, die nach wie vor die Grundsätze des modernen Journalismus darstellen. 2018 wird auch das "National Memorial for Peace and Justice" in Montgomery, Alabama als erstes Denkmal des Landes den über viertausend Opfern der Lynchjustiz gewidmet. Das Denkmal ehrt darüberhinaus Ida B. Wells und andere afroamerikanische Frauen, die im Kampf gegen den Rassenterror ihr Leben riskiert haben. 

Im Jahr 2021 schließlich weiht Memphis den ( neuen ) Ida B. Wells-Platz ein mit einer lebensgroßen Statue der namhaften Journalistin & Bürgerrechtlerin in der Platzmitte. Im Oktober 2021 wird auch in Chicago "Ida B. Wells National Monument"  enthüllt. Und last but not least wird ihr der Pulitzer-Preis verliehen "For her outstanding and courageous reporting on the horrific and vicious violence against African Americans during the era of lynching".

"Die Gründungsideale unserer Demokratie waren falsch, als sie geschrieben wurden. Schwarze Amerikaner haben dafür gekämpft, sie wahr zu machen", schreibt Nikole Hannah-Jones, Journalistin des "New York Times Magazine", die sich für die Ideale der Ida B. Wells einsetzt. Wirkliche Anerkennung erfährt sie nur posthum. Auch durch Präsident Joe Biden, der 2022 ihr und ihrer Familie für ihren Einsatz dankt.

                                                                                    

Seit bald zehn Jahren - inzwischen sind es fast vierhundert Posts - veröffentliche auf meinem Blog immer donnerstags ein Porträt einer Frau, die es wert ist, nicht vergessen zu werden. Jetzt habe ich mir überlegt, dass ich unter dem jeweiligen Donnerstagpost auch noch einmal die Frauen aufführe, die in der betreffenden Woche geboren bzw. gestorben sind und über die ich schon geschrieben habe. Heute sind das also...




5 Kommentare:

  1. ein beeindruckendes und konsequentes Leben
    für die Gerechtigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen
    ich werde nie verstehen warum sich Leute herausnehmen
    sich über andere zu stellen und sie zu unterjochen und zu quälen
    wir sind alle gleich geboren
    der Rassismus in den Köpfen wird erst später eingepflanzt :(
    liebe Grüße
    Rosi

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  2. Über I. B. Wells wußte ich leider noch viel zu wenig. Sie war in den letzten Jahren etwas präsenter wieder in den Medien, (wie Du am Ende auch schreibst) wodurch ich sie auch kennen gelernt habe.
    Danke Dir und liebe Grüße
    Nina

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  3. Wieder ein großes Dankeschön für dieses tolle Portrait einer faszinierenden und tatkräftigen Frau. Was für ein Durchhaltevermögen, Tatkraft und innere Stärke! Gut, dass man den Namen und ihr Wirken noch kennt und schätzt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Liebe Astrid,

    danke für's näher bringen dieser mutigen Frau. Wie mutig muss sie gewesen sein, in der damaligen Zeit sich so für ihre Ideale einzusetzen. Wohl immer der Gefahr bewusst, was ihr zustoßen könnte. Allein die "Bißattacke" im Zug von ihr. Drei Männer waren nötig, um sie aus dem Abteil zu bekommen. Die Zuschauer, anstatt ihr zu helfen, applaudieren...

    So früh ihre Eltern verloren, für ihre Geschwister gesorgt und sich durchgekämpft , eine erstaunliche starke Frau.

    Die Welt braucht noch viel mehr davon.

    Viele Grüße,
    Claudia

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  5. Die tausende Lynchmorde, die hatte ich schon ganz vergessen. Was sich sog. Menschen einfach erlauben, weil sie glauben etwas Besseres zu sein. Es könnte einem schlecht werden.
    Und dann kommt eine schwarze Ida B. Wells daher und deckt das alles auf, zählt die Ungeheuerlichkeiten und publiziert darüber. Was für ein Mut, was für ein Gerechtigkeitssinn und was für eine Stärke!
    Gut, dass sie nicht vergessen ist und ihr doch noch die Ehren zuteil wurden, die sie verdient. Und schön, dass Du sie hier vorgestellt hast. Sie ist ein Beispiel dafür, dass Unmögliches und Gutes doch möglich ist, selbst im höchsten Unguten. Solche Vorbilder brauchen wir.
    Herzlichst,
    Sieglinde

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Danke, dass du dir für ein paar liebe Worte Zeit nimmst!

Ich wünsche mir allerdings nach wie vor, dass ein Name am Ende des Kommentars steht.
Da die anonymen namenlosen Kommentare zuletzt wieder zugenommen haben, hier der ausdrückliche Hinweis:

Ich werde sie weiterhin konsequent NICHT freischalten. ( Ausnahme: die amerikanische Gepflogenheit, nicht zu unterschreiben )

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