Donnerstag, 4. Juli 2024

Great Women #382: Nadine Gordimer

Heute wieder einmal ein Ausflug auf einen anderen Kontinent: Afrika. Als Ende Mai in Südafrika Wahlen anstanden - die siebten seit dem Ende der Apartheid -, die dem seit 1994 herrschenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) empfindliche Einbußen bescherten, war der ehemalige Apartheidsstaat wieder etwas mehr ins Blickfeld der Medien gerückt ( und ist auch wieder schnell aus dem Fokus verschwunden ). Darüber geriet sie wieder in MEIN Blickfeld, die ich vor Jahrzehnten gerne gelesen habe: Nadine Gordimer. Und so ist sie bei mir im Blog heute zu einem Porträt gekommen...


"Man kommt auf die Welt, man ist ein Baby, 
dann wächst man zu einem Kind, 
erlebt die stürmische Jugend, reift zu einem Erwachsenen. 
Dann wird man älter, bis man endgültig alt ist. 
Und dann stirbt man. Das war's."

Zur Welt gekommen ist Nadine Gordimer allerdings im November, und zwar am 20. des Monats im Jahr 1923. Ihr Geburtsort ist die 1904 gegründete ehemalige Bergwerks- und nun Goldgräberstadt Springs, damals in Transvaal, heute Gauteng, in Südafrika gelegen. 50 Kilometer östlich von Johannesburg ist Springs einer der Orte entlang des Höhenzugs Witwatersrand, der Ende des 19. Jahrhunderts durch den Goldbergbau entstanden ist - ein eher trostloses Nest von zwanzigtausend Einwohnern!

Ihr Vater Isaac "Isidore" Gordimer ist als Dreizehnjähriger aus dem lettischen Riga nach Südafrika emigriert, Uhrmacher und zum Zeitpunkt von Nadines Geburt 35 Jahre alt. Ihre Mutter Hannah "Nan" Myers hingegen ist in London geboren, mit sechs ins Land gekommen, eine Freidenkerin, und zehn Jahre jünger als ihr Ehemann. Beide sind also Teil der gesamten damaligen kolonialen Expansion. Und beide sind jüdischer Herkunft. Der Vater hat im zaristischen Russland religiöse Diskriminierung & Pogrome erfahren, ist aber nicht besonders fromm und geht nur an Jom Kippur in die Synagoge, um Kerzen für seine verstorbenen Eltern anzuzünden. "Was ich übers Judentum lernte, entsprang lediglich meinem allgemeinen Interesse", so Nadine als Erwachsene.

Die soziale Hierarchie in der kleinen Stadt Springs ist sowohl komplex als auch starr: Neue Einwanderer aus Osteuropa wie Vater Isidore befinden sich in einer Schicht unter den früheren englischen Siedlern und den weißen Afrikaanern, die meist Nachkommen niederländischer, französischer und deutscher Kolonisten sind. Die Schwarzafrikaner, die in den Goldminen der Stadt arbeiten, sind am meisten benachteiligt und haben keinen Zugang zu allen öffentlichen Einrichtungen. 

Der Vater akzeptiert das System, wie er es vorgefunden hat, ihre Mutter fühlt sich unwohl, wenn ihr Mann die schwarzen Bediensteten anherrscht. Isidore Gordimer, schüchtern & verklemmt, hat aufgrund mangelnder Schulbildung Minderwertigkeitsgefühle gegenüber seiner Frau und wagt auch nicht, ihren spöttischen Bemerkungen über die Heuchelei aller organisierten Religionen zu widersprechen. Die Eltern sind in einer unglücklichen Ehe gefangen. Der Vater rackert sich ab - später hat er auch einen kleinen Juwelierladen -, um seine neun Schwestern aus Lettland nach Südafrika zu holen.

Nadine beschreibt die Umgebung ihrer Kindheit so:

"Auf der anderen Seite gab es direkt vor dem Tor unseres Vorstadthauses mit seinen rotgetünchten Haustürstufen und seinen Erkerfenstern das große Auf und Ab des Lebens, Laute von Sprachen, die ich nicht verstand, die mir aber unendlich vertraut waren, weil ich sie von frühester Kindheit im Ohr hatte. Aber das alles, wurde mir gesagt, hatte nichts mit mir zu tun."

Nan's Einstellung gegenüber der Ungerechtigkeit des südafrikanischen Systems zeigt sich, als sie eine Kindertagesstätte für die Kinder schwarzer Arbeiter gründet.

Ihre Tochter ist eine genaue, außergewöhnliche Beobachterin, der dann bald auch die Widersprüche im Alltagsleben auffallen. Die brutale Realität des südafrikanischen Gesellschaftssystems wird ihr beispielsweise bewusst, als die örtliche Polizei das Haus der Familie durchsucht, weil sie die schwarze Haushälterin der Familie verdächtigen, illegal Bier zu brauen. Der Vorfall wird später die Grundlage für eine von Nadines ersten veröffentlichten Geschichten bilden. 

"Ich habe gesehen, wie die Männer durch eine Art dicken Maschendrahtzaun im Laden auf die Dinge deuten mussten, die sie haben wollten. Daraufhin nahm der Verkäufer die Decke oder das Radio, was auch immer es sein sollte, aus dem Regal. Anfassen war nicht erlaubt. Auch Kleider durften nicht anprobiert werden. Sie mussten ihr Geld unter dem Maschendraht durchschieben, dann erst erhielten sie ihren Einkauf", schildert sie später andere Beobachtungen rassistischer Schikanen.

Doch zurück zu den allerersten Anfängen: Nadine ist das zweite Kind ihrer Eltern. Fast vier Jahre zuvor ist schon ihre Schwester Adelaide Betty zur Welt gekommen. 

"... ich war das Baby, die Verwöhnte, der Liebling. Ich war furchtbar – frech, ein Angeber, ein furchtbares Kind. Aber vielleicht lag es daran, dass ich jede Menge Energie hatte, für die ich kein Ventil fand."

Ihre Kindheit und Ausbildung verläuft ungewöhnlich. Nadine besucht eine katholische Klosterschule und bekommt Tanzunterricht, eine Leidenschaft seit ihrem vierten Lebensjahr. Es ist nicht einfach für die dort katholisch erzogene Anglophone in einem Afrikaans sprechenden burisch-calvinistischen Umfeld zurechtzukommen.

Mehrere Ohnmachtsanfälle mit elf Jahren und die Diagnosen, ihr Herz schlage viel zu schnell & die Schilddrüse sei vergrößert, erschrecken ihre Mutter sehr, befürchtet sie doch, dass Nadines Herz zu schwach ist. Folglich nimmt sie sie aus dem Tanzunterricht, dann auch noch aus der Schule. Ab da unterrichtet sie die Mutter selbst zu Hause. Mit zwanzig wird Nadine ihr gegenüber einen großen Groll empfinden, weil sie so rigoros & überbehütend gehandelt hat. "Die Person, zu der sie sich am meisten hingezogen fühlte, war unser Hausarzt. Das steht außer Frage", so Nadine in einem Interview über ihre Mutter.

Isoliert von anderen Kinder, beginnt das Mädchen viel zu lesen und zu schreiben. In ihrem abgekapselten Dasein findet sie in der Literatur eine Welt voller Abenteuer und Ideen, auch eine Welt weitab vom "Clubleben der Kolonisten". Ihre erste eigene Geschichte veröffentlicht sie auf der Kinderseite der Lokalzeitung, mit 15 Jahren dann in der liberalen Johannesburger Wochenzeitung "The Forum" für erwachsene Leser. Die Eltern fördern das Talent ihrer Tochter nicht, sie wird weder ermutigt, noch behindert: Man lässt sie einfach. Bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr verbringt sie ihre Zeit mit älteren Menschen aus der Generation ihrer Mutter: "Ich war eine kleine, alte Frau." 

Da sie demzufolge nur über eine geringe Schulbildung verfügt, bildet Nadine sich selbst weiter, indem sie die Meister der europäischen Belletristik studiert. Marcel Proust ( den sie mit zwölf schon ganz gelesen hat, so ihre Tochter ), Anton Tschechow und Fjodor Dostojewski sind für sie starke Vorbilder, und sie erforscht deren Werke eingehend. Sie besucht auch kurz die Universität Witwatersrand, um eine etwas formellere Ausbildung zu erhalten, studiert Literatur und macht dort zum ersten Mal die Bekanntschaft gebildeter junger Schwarzafrikaner, die mit den tieferen Fragen des Lebens ringen. Sie trifft auf junge schwarze Künstler und Schriftsteller, die sich in dem als Sophiatown bekannten Johannesburger Viertel treffen, nachdem sie der schwarzafrikanische Journalist und Autor Ezekiel Mphahlele dort eingeführt hat. 

Das College verlässt sie letztendlich ohne irgendwelche Abschlüsse und lässt sich 1948 endgültig in Johannesburg nieder, da ist sie fünfundzwanzig.

Es ist das Jahr, indem die von den weißen Afrikaanern dominierte "National Party" eine nationale Wahl gewinnt, an der nur Weiße teilnehmen dürfen. 

Der neue burische Präsident Daniel Malan setzt mit Gesetzen und Verfassungsänderungen die Rassentheorie seiner Partei umgehend & vehement in die Praxis um. Sophiatown und andere Stadtteile werden später abgerissen, um die Schwarzafrikaner zu vertreiben und durch weiße Bewohner zu ersetzen. Nadine schließt Freundschaft mit der über zehn jahre älteren Arbeiteraktivistin Bettie du Toit, die einen starken Einfluss auf ihr politisches Denken und ihre wachsende Opposition gegen die rassistische Regierung haben wird.

Sophiatown
(1950)


Ihre erste Kurzgeschichtensammlung "Face to Face" erscheint 1949. Ihr folgen rasch zwei weitere Sammlungen -  "Town and Country Lovers" und "The Soft Voice of the Serpent". 1951 erregt ihr Schreiben außerhalb ihres Heimatlandes Aufmerksamkeit, als ihre Geschichten erstmals in einem New Yorker Magazin erscheinen.

Da ist sie längst mit dem aus Litauen stammenden jüdischen Zahnarzt Gerald Gavronsky verheiratet, dem Bruder der berühmten Helen Suzman, die 36 Jahre lang mit der liberalen "Progressive Federal Party" die Opposition im südafrikanischen Parlament darstellen wird. 1950 bringt Nadine die gemeinsame Tochter Oriane Phoebe auf die Welt, lässt sich aber schon 1952 wieder von Gavronsky scheiden.

1953 wird ihr Debütroman "The Lying Days" ( auf deutsch: "Entzauberung", 1956) in London herausgegeben. Im Roman schildert sie, wie ein Mädchen, Helen, aus der weißen Mittelschicht die Welt der Schwarzen kennenlernt, sich der Probleme ihres Landes bewusst wird und die Welt, die ihr ihre Eltern vorgelebt haben, entzaubert. Es ist vielleicht ihr autobiografischstes Werk. Mit gerade einmal dreißig Jahren betritt Nadine Gordimer mit diesem Buch ein für allemal die Bühne der Weltliteratur.

Kritiker sehen in "Lying Days" den Geist des liberalen Humanismus und die idealistische Hoffnung auf eine multirassische Zukunft, die in den 1950er Jahren, in den frühen Tagen der Herrschaft der "National Party" noch nicht völlig auf der Müllhalde der Geschichte gelandet ist. 

Da hat sie gerade auch neu geheiratet, Reinhold Cassirer, einen Geschäftsmann und Kunstliebhaber, Mitglied der wohlhabenden deutsch-jüdischen Familie Cassirer.

Reinhold Hans Cassirer1908 in Berlin geboren, Spross einer Familie, die eine Rolle in der Weimarer Republik spielen wird ( Vater Hugo Cassirer, der früh Verstorbene, hat einst die "Cassirer Kabelwerke" aufgebaut, der Onkel Ernst ist ein weltbekannter Geschichtsphilosoph, die Onkel Bruno und Paul ( siehe auch dieser Post ) seit der Jahrhundertwende bekannte Kunst- und Buchverleger in Berlin ), hat in Heidelberg in Politik und Soziologie promoviert und anschließend in Genf mit Golo Mann studiert, als er schließlich 1935, mit 27 Jahren, als junger Mann aus bestem Hause, nun aber fast mittellos, aus seiner Heimat Deutschland fliehen muss. Im Krieg hilft er den Briten in Ägypten, deutsche Funksprüche abzuhören und zu übersetzen. Dass es ihn nach dem Krieg ausgerechnet nach Südafrika verschlagen hat, sieht er später mit einer gewissen Ironie: 'Ich wurde von einem Rassistenregime vertrieben und fand Zuflucht bei einem anderen.'"

Der um fünfzehn Jahre Ältere wird der erste, der ihre Romane zu lesen bekommt, und der im März 1955 Vater ihres zweiten Kindes, des späteren Filmemachers Hugo Cassirer, wird. Über die Familie ihres Mannes schreibt Nadine 1956 die Erzählung "Face from Atlantis", die sie ihm widmet.

Mit Hugo
"Als Schriftstellerin kann ich ihm nicht dankbar genug dafür sein, dass er meine Arbeit mit größter Sensibilität beobachtete und mir absolute Freiräume ließ", wird sie später über Reinhold, zeitweilig Südafrika-Repräsentant des Auktionshauses Sotheby's, sagen.

Mit Cassirer, ihren Kindern und seiner Tochter aus erster Ehe, lebt sie in Parktown West, einem Viertel gleich hinter der Universität Witswatersrand im Norden Johannesburgs in einer Wohnung mit wunderbaren Originalgemälden berühmter Impressionisten und Skulpturen von Ernst Barlach & Käthe Kollwitz ( ihr Mann hat einen Teil der Kunstsammlung seines Vaters vor den Nazis nach Holland retten können ) und einem Garten, der einen weiten Blick über Johannesburg gewährt. Die Familie führt ein großbürgerliches und liberales Leben, haben oft schwarze und weiße Gäste. Tatsache ist: Sie leben in einem Ghetto der gebildeten Weißen, hinter hohen Mauern und Stacheldraht versteckt. Auf die Frage, wie sie ihr Dasein als Schriftstellerin und Mutter vereinbart habe, antwortet die Autorin: "Indem ich meine Kinder ins Internat schickte."

Doch die Zeit des "Feierns" ist bald vorbei: 1960 kommen 69 Schwarzafrikaner bei einer gewaltfreien Demonstration im Township Sharpeville durch schießende Polizisten ums Leben, 180 weitere werden verletzt. Die Empörung der Schwarzafrikaner ist landesweit so groß, dass es zu Streiks und Unruhen kommt. Die südafrikanische Regierung ruft am 30. März 1960 den Ausnahmezustand aus. In der Folge werden 18.000 Streikende verhaftet. Auch Nadines Freundin Bettie du Toit ist darunter. Der "African National Congress" (ANC) und der PAC werden am 8. April 1960 durch den "Unlawful Organisations Act" für illegal erklärt.

"Der Liberalismus", schreibt Nadine, "ist bedeutungslos geworden. Wir müssen uns damit abfinden, daß wir in einer morschen Gesellschaft nicht anständig leben können." 

Die Gepflogenheiten der südafrikanischen Gesellschaft bilden den Hintergrund ihres dritten Buches, an dem sie nach dem Massaker von Sharpeville zu arbeiten beginnt. "Occasion for Loving"(1963; deutsch "Anlaß zu lieben" ) handelt von den multikulturellen Partys und endlos komplizierten Liebesgeschichten am Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre rund um ein Professoren-Ehepaar und ein englisches Paar, welches bei ihnen zu Gast ist. Die junge Frau aus London verliebt sich in einen schwarzen Maler und lebt diese Beziehung für ein paar Monate, indem sie die Rassenschranken einfach ignoriert. Am Ende bleibt von dieser Liebe nichts übrig.

Der Roman wird Gegenstand heftiger Debatten.

1964


Auch Nadines Opposition gegen das Regime wird immer heftiger. Sie freundet sich eng mit den Dissidentenanwälten Bram Fischer und George Bizos an, die Nelson Mandela 1962 bei seinem Hochverratsprozess verteidigen

In diesen Jahren nimmt Nadine regelmäßig an Anti-Apartheid-Demonstrationen teil. In den 1960er und 1970er Jahren lebt sie weiterhin in Johannesburg und verlässt die Stadt gelegentlich, um an Universitäten in den Vereinigten Staaten von Amerika Vorlesungen zu halten, nutzt diese Reisen auch, um sich gegen Apartheid und politische Tyrannei auszusprechen. Es gelingt ihr, ihre nervöse Angst zu überwinden, öffentlich aufzustehen und zu reden ( obwohl sie privat immer recht gesprächig gewesen ist, so ihre Selbsteinschätzung ). Großzügige Einladungen, sich dauerhaft außerhalb ihres eigenen Landes niederzulassen, folgen - sie lehnt ab.

Jahrzehntelang wird sie von nun an der restlichen Welt Einblick in die Strukturen der südafrikanischen Gesellschaft geben, die politischen Strömungen im Land klar legen und zeigen, wie rau, schwierig und unbehaglich die Realitäten dieses Landes sind. "Ich bin eine weiße südafrikanische Radikale – nennen Sie mich nicht Liberale" - diese definitive Ansage macht die Autorin 1974 in einem Interview mit der "Times".

In diesen Jahren erlangt sie auch internationale literarische Anerkennung und bekommt 1961 ihre erste wichtige Auszeichnung, den "WH Smith Commonwealth Literary Award". Mehrere ihrer Werke werden in dieser Zeit in Südafrika verboten, und zwar ihr vierter Roman "The Late Bourgeois World" (deutsch: "Die spätbürgerliche Welt" ) von 1966, der über zehn Jahre, "Lying Days", ihr Erstling, der über zwölf Jahre "verbannt" ist. Das  Werk "Burger's Daughter", 1979 publiziert, wird gleich einen Monat danach verboten.

"Burger's Daughter", das auf dem Leben des afrikanischen Anwalts und verurteilten Saboteurs Bram Fischer basiert, wird von einem Kritiker als einer der "wenigen wirklich großen politischen Romane, die jemals geschrieben wurden" eingestuft. Nadine erzählt darin die dramatische Geschichte einer weißen Südafrikanerin aus bürgerlichem Haus, die sich zur Kämpferin gegen die Apartheid entwickelt. In Folge werden ihre Eltern inhaftiert. Sie selbst sieht sich genötigt, das Land zu verlassen. Der Roman endet mit den Aufständen von Soweto im Juni 1976. 
Von den Behörden wird das regimekritische Werk wegen angeblicher kommunistischer Tendenzen verboten und erst nach weltweiten Protesten - unter anderem von Heinrich Böll - freigegeben. Sie selbst schmuggelt ein Exemplar zu Nelson Mandela auf die Gefangeneninsel Robben Island. Kurz darauf erreicht sie klandestin ein handgeschriebener Zettel des Freundes: "Well done, Nadine."

Ende der 1970er Jahre erreichen die politischen Verhältnisse im Land ihren Tiefpunkt, ein Bürgerkrieg scheint unausweichlich und Nadine befürchtet, dass ihr Land in einen solchen schlittert.

1974

Die Schriftstellerin malt in ihrem Roman "July's People" von 1981 eine düstere Zukunft: 

Unterstützt von Truppen der angrenzenden Staaten Mozambique und Zimbabwe erreichen Rebellen die Städte der Weißen. Deren Fabriken und Verwaltungszentralen werden in die Luft gesprengt, ihre Villen gehen in Flammen auf. Mit Hilfe seines Hausboys July kann sich das weiße Ehepaar Bam und Maureen mit seinen drei Kindern in den Busch in Sicherheit bringen. Von nun an findet eine Umkehrung der Verhältnisse statt. Dem Ehepaar, zwar Apartheidsgegner,  wird jetzt bewusst: Sie sind weiße Parias, geboren auf einem schwarzen Kontinent.

Das Buch gilt als ihr radikalstes Werk. 

Nadines Literatur ist nie offensichtlich, sie liest sich nie wie Propaganda, sie existiert einfach in ihrer krassen Ehrlichkeit. Vielleicht drückt die Autorin es selbst am besten aus, als sie 1990 in einem Interview sagt: 

"Ich nutzte das Leben um mich herum, und das Leben um mich herum war rassistisch. Ich wäre überall Schriftsteller geworden, aber in meinem Land bedeutete das Schreiben, sich dem Rassismus entgegenzustellen."

Jahrzehntelang steht die Südafrikanerin auf der so genannten "Kurzliste" der Anwärter zum Literatur-Nobelpreis. Doch erst 1991, mit 67 Jahren, erhält sie als siebte Frau innerhalb von 90 Jahren die höchste Literaturauszeichnung. Sie ist gerade unterwegs auf einer Lesereise in den USA, als die Nachricht sie überrascht. "Wenn ich den Preis vor dem Zusammenbruch der Apartheid erhalten hätte, wäre er natürlich ein Schlag ins Gesicht des weißen Unterdrückerregimes gewesen."

Doch das Jahr zuvor hat sich als der lang ersehnte Wendepunkt in der Geschichte Südafrikas erwiesen:

Tatsächlich hat Willem de Klerk, von 1989 an Staatspräsident der Republik Südafrika, im Land eine Art Perestroika eingeleitet. Anfang 1990 hat er in einer beachteten Parlamentsrede weitreichende Reformen angekündigt, die auch bald umgesetzt werden. Die Regierung erkennt den "African National Congress" als legale Oppositionspartei an und beginnt bald darauf mit Verhandlungen über den Übergang zu einer multirassischen Demokratie. In Folge dessen wird Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen. Nadine Gordimer ist eine der Ersten, die er zu sprechen wünscht, als die Nation den Anbruch einer neuen Zeit erlebt.

Mit Nelson Mandela nach seiner Wahl zum Präsidenten Südafrikas
(1994)

Doch nicht  nur der Nobelpreis wird ihr verliehen: Fünfzehn weitere Ehrentitel, darunter je einer aus Oxford und Cambridge, der "Chevalier de la Légion d'Honneur", Frankreichs höchster Verdienstorden, und der Booker Price, kann Nadine ihr eigen nennen, sich mit vierzehn Ehrendoktortiteln schmücken.

In den Jahren nach der Apartheid beschäftigt sie sich weiterhin mit den schwierigen Problemen einer Gesellschaft im Übergang von einer tragischen Vergangenheit in eine ungewisse Zukunft, aber auch mit den Sorgen ihrer eigenen persönlichen Erfahrung. 

Ihr Buch "The House Gun" ( deutsch: "Die Hauswaffe", 1998 ) beschäftigt sich mit der steigenden Zahl von Gewaltverbrechen im gerade frei gewordenen Südafrika. Deutlich lässt sie darin erkennen, dass die nun befreiten Menschen ihren Platz noch nicht gefunden haben. 

Sie kämpft gegen die Ausbreitung von HIV/AIDS und gegen die geringen Geldbeträge, die in die Prävention der Erkrankung fließen - viel zu wenig in einem Land, in dem über vier Millionen Menschen infiziert sind: "Wenn die HIV-Budgets zu einer Fußnote degradiert werden, bleibt uns nur ein Friedhof."

Mit dem Ende der Rassentrennung verändert sich der Blickwinkel der Autorin. In einem Interview mit der Deutschen Welle anlässlich ihres 80. Geburtstags sagt sie: 

2003
"Viele Journalisten fragen: Worüber soll man jetzt nach der Apartheid noch schreiben. Na, fragen Sie doch mal Günther Grass, worüber man nach der Niederlage der Nazis noch schreiben kann. Der Rassismus am Kap hat 1652 angefangen. Das war der Beginn der Apartheid. Wie soll man dann erwarten, dass wir in nur 14 Jahren die sozialen Unterschiede zwischen der schwarzen Mehrheit und der weißen Minderheit abschaffen? Gebt uns eine Chance! Verdammt uns nicht nach 14 Jahren. Das ist die Basis für meinen trotzigen Optimismus."

Noch in ihrem letzten Lebensjahrzehnt bezieht Nadine Gordimer immer wieder klar und deutlich Stellung, wenn es um politische und soziale Ungerechtigkeiten geht. So setzt sie sich mit den brutalen Machenschaften des autokratischen Präsidenten von Südafrikas Nachbarland Simbabwe, Robert Mugabe, auseinander. Auch die Politik des in Südafrika regierenden ANC nimmt sie kritisch unter die Lupe, insbesondere in der Person des ANC-Vorsitzenden Jacob Zuma. Aus Interviews dieser Jahre mit ihr ist die Resignation über die Zustände Südafrikas deutlich herauszuhören. 

Sie kann auf ein Werk zurückblicken, das fünfzehn Romane, über zweihundert Kurzgeschichten in sechzehn einzelnen Bänden, ungezählte Essays umfasst. Ihr letztes Buch ist von 2012: "No Time Like the Present" ( deutsch  "Keine Zeit wie diese" ) - eine harte Abrechnung mit dem Land, das sie liebt. 

"Die Post-Apartheidgesellschaft, die Gordimer beschreibt, leidet unter Korruption, Bildungsmisere, Drogenproblemen, Streit über Landreformen und einem unendlichen Zustrom von Flüchtlingen aus Swasiland und Simbabwe. Am Ende des Romans verlassen die Protagonisten Steve und Jabulile Südafrika, um den Verhältnissen in der Heimat zu entfliehen. Die Kinder der Revolution wandern nach Australien aus", so Simone Frieling an dieser Stelle.

2010
Familiär gesehen, ist es zuletzt einsam um sie: Reinhold Cassirer ist schon 2001 nach langer Krankheit  gestorben. Ihre Trauer verarbeitet sie u.a. in "Get a Life" 2005. Ihre Tochter lebt in Italien, der Sohn betreibt in den Vereinigten Staaten eine Film - Firma. Mit ihm hat sie übrigens 1984 und 1999 je einen Film gedreht.

Nadine Gordimer schläft an einem Sonntag, dem 13. Juli 2014, in Johannisburg in ihrem Haus, das wieder von Mauern und Stacheldraht gesichert gewesen ist, für immer ein, umgeben von ihren Kindern und dem Pflegepersonal. 90 Jahre alt ist sie  geworden. 

"Sie hatte keinen einfachen Charakter, sie war sehr offen, aber auch autoritär. Sie hatte eine scharfe Zunge. Sie hat ihre Ideale nie verraten. Sie war nie eine 'populäre' Autorin: Ihre Literatur war zu anspruchsvoll. Aus diesem Grund ist sie heute in der breiten Öffentlichkeit ein wenig in Vergessenheit geraten", wird ihre Tochter nach ihrem Tod sagen.

Das wollte ich mit diesem Porträt ändern. 



2 Kommentare:

  1. "Kauft keine Früchte aus Südafrika!" Diesen Boykott habe ich selbst befolgt und auch dafür geworben in dieser Zeit als ich eine junge Mutter war und politisch aktiv. Nadine Gordimer war mir als politische Schriftstellerin und Frau damals bekannt, aber ich habe nie etwas von ihr gelesen.
    Jedoch hat mich das Apartheid-System und diese Form der Demütigung und Unterdrückung der Ursprungsbevölkerung sehr empört. Nelson Mandelas Freilassung war dann ein echter Lichtblick. Dass sie so mit ihm befreundet war, wusste ich nicht. Wie so vieles aus ihrem Leben.
    Danke für diese Biografie einer politischen Frau, die einen großen humanitären und kulturellen Beitrag für ihr Land geleistet hat.
    Herzlichst,
    Sieglinde

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  2. sie war mir nicht bekannt ..
    habe auch nie von ihr gehört sie hat wohl viel für ihr Land getan und das
    Denken der Menschen mit verändert
    die Apartheit wurde zwar überwunden
    aber die tiefer liegenden Probleme sind wohl immer noch so aktuell wie vorher
    das Volk leidet
    und die Oberen füllen sich die Taschen :(
    danke für das Portrait
    Rosi

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Danke, dass du dir für ein paar liebe Worte Zeit nimmst!

Ich wünsche mir allerdings nach wie vor, dass ein Name am Ende des Kommentars steht.
Da die anonymen namenlosen Kommentare zuletzt wieder zugenommen haben, hier der ausdrückliche Hinweis:

Ich werde sie weiterhin konsequent NICHT freischalten. ( Ausnahme: die amerikanische Gepflogenheit, nicht zu unterschreiben )

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