Donnerstag, 21. Oktober 2021

Great Women #277: Judith Auer

Den Frauen im deutschen Widerstand gegen das Naziregime habe ich mich ja schon öfter gewidmet. Heute ist es wieder mal an der Zeit gegen das Vergessen zu löcken und eine weitere junge Frau vorzustellen, die eher denjenigen unter euch ein Begriff ist, die in der DDR gelebt haben: Judith Auer.

Verschwundener Gedenkstein
aus Berlin-Oberschöneweide

"Ich bin keine Heldin 
Was so vielen heute fehlt,
 ist Mut und Vertrauen zu sich selbst und zu den anderen. 
Ich habe diese Parolen jetzt 
für mich in den Vordergrund gestellt"

Judith Auer wird als Judith Vallentin am 19. September 1905 in Zürich in eine deutsch-jüdische Künstlerfamilie hineingeboren. Ihre Mutter Margarete Hoffmeister stammt aus einer Beamtenfamilie in Stettin, ist zur Lehrerin ausgebildet, darf ihren Beruf als verheiratete Mutter jedoch nicht mehr ausüben.  Ihren Mann hat sie während eines gemeinsamen Engagements als Schauspieler am Stadttheater Zürich kennengelernt. Sie verdient den Lebensunterhalt für die Familie mit dem Gestalten von Kinderbüchern und Spielheften mit Ausschneidebögen, dem Schreiben von Märchen & Kinderopern, die in Schulen und kleinen Theatern aufgeführt werden. 

Der Vater Franz Albert Vallentin, 1881 in Luzern geboren, stammt aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die ursprünglich aus Polen nach Berlin gekommen, wegen des herrschenden Antisemitismus aber in die Schweiz ausgewichen ist. Er ist das Jüngste von sieben Kindern, Schauspieler und Schriftsteller. Sein älterer Bruder Richard macht sich ebenfalls einen Namen als Schauspieler & Regisseur in Wien und Berlin und dessen Sohn Maxim wird dermaleinst Leiter des Maxim-Gorki-Theaters in Ost-Berlin werden. Margaretes Mutter steht dem Schwiegersohn mehr als kritisch gegenüber, ist er doch Jude & Künstler, dazu herrscht in der Familie oft bittere Armut. Die 1910 geborenen Zwillinge werden deshalb zu Verwandten gegeben oder in Pflegefamilien. Margarete leidet darunter. Sie unternimmt allerdings auch viel, um ihrem Mann die Entfaltung seiner Talente zu ermöglichen.

Judith ist das erste Kind des Paares, es folgt im Jahr darauf Franziska-Margarete, später Ruth genannt, - da lebt die Familie schon in Berlin - Halensee. Noch ein Jahr später kommt der Bruder Lucas auf die Welt und 1910 besagte Zwillinge, Andreas und Gabriele. Ab 1912 ist die Familie dann in Wilmersdorf in der Wilhelmsaue 131 gemeldet. 

Von den künstlerisch ambitionierten Eltern erhält Judith von kleinauf Impulse für ihre Entwicklung. Sie ist sehr musikalisch und spielt schon früh Klavier. Vater Franz Vallentin ist oft auf Wanderschaft, schreibt für die "Schaubühne" sowie für die literarische und politische Zeitschrift "Die Aktion" des Franz Pfemfert ( siehe auch dieser Post ) und hat dadurch Kontakt zu zahlreichen modernen Autoren wie Else Lasker-Schüler, Künstlern und Intellektuellen, die in Opposition zum wilhelminischen Kaiserreich stehen, darunter auch Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, aber auch Russen im Exil. Das Ehepaar Vallentin ist sehr beliebt und hat viele Freunde.

Zusammen sind die beiden älteren Vallentin - Mädchen ab 1914 Schülerinnen des privaten Kollmorgenschen Lyceums in der Berliner Keithstraße unweit des Tiergartens ( das übrigens auch Hitlers Regisseurin Leni Riefenstahl bis 1918 besucht hat ). Von der Schulgeldzahlung werden sie befreit. Besonders mag Judith Mathematik & Sprachen.

Die Mutter ist da schon sehr schwer krank. Der Vater, ebenfalls von angegriffener Gesundheit,  wird 1916 zum Ausgraben von Schützengräben an die Front berufen, bricht alsbald aber körperlich & psychisch zusammen und kehrt heim. Da liegt seine Frau schon im Krankenhaus. Im Februar 1917 stirbt Margarete Vallentin in Berlin, im September des gleichen Jahres der Vater in Dresden - ein harter Schlag für die Kinder!

Die 12jährige Judith, ihre Schwester Ruth und der Bruder Lucas werden nach dem Tod der Eltern von einer 24jährigen Freundin, Dagmar Lobe, betreut, ein Onkel wird Vormund. Judith wird "Daggi" später ihre Dankbarkeit bezeugen. Der Zwillinge nimmt sich eine Schwester des Vaters bzw. eine andere Freundin als Mündel an. Die Kinder sind allerdings immer wieder bei verschiedenen Freunden & Verwandten und halten sich nur einmal im Sommer 1920 einige Wochen alle gemeinsam in Worpswede auf. Judith freundet sich auch mit der Pfarrersfamilie auf Hiddensee an, wo sie mit Lucas 1919 eine schöne Ferienzeit verbringt.

Ab 1920 besucht Judith zusammen mit Ruth das Luther-Lyzeum. Die Schwester geht allerdings sehr schnell ans Bauhaus, um eine Lehre zur Teppichweberin zu absolvieren. Nach dem Abitur 1922 geht Judith zunächst als Haustochter zu der Pfarrersfamilie nach Hiddensee. In der Familie erinnert man sich an sie als jemand, den alle Menschen gern hatten. Bekannte der Familie ermöglichen der Vollwaise ein Musikstudium ( zunächst in Berlin, dann in Leipzig ).

1923 erkrankt Judith schwer. Während eines Kuraufenthalts in der Rhön lernt sie neben anderen Kommunisten Erich Auer kennen, einen drei Jahre älteren führenden Funktionär des KJVD, und freundet sich mit ihm an. Der Sohn eines Tischlers aus Hessen hat nach der Volksschule eine Druckerlehre gemacht und ist schon seit 1916 Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend, aus der zunächst die Freie Sozialistische Jugend, 1920 der KJVD entstanden ist. Judith ist sehr beeindruckt von den Ideen der auch damals schon verfolgten jungen Männer, gilt aber in ihren Augen als linksbürgerlich.

Noch während des Studiums wird Judith im Oktober 1924 Mitglied des Kommunistischen Jugendverbandes. In Leipzig lebt sie in einer Mansarde im Haus der reichen jüdischen Kaufmannsfamilie Ury, die sie auch finanziell unterstützt, von ihrer politischen Entwicklung aber nichts erfahren darf.

Je näher das Studienende rückt, umso mehr befallen Judith Zweifel, ob sie wirklich zur Pianistin geeignet sei. Erich Auer bestärkt sie und macht ihr Mut, dennoch hat Judith einen Nervenzusammenbruch, den sie 1925 in Karlsbad auskuriert.

In Berlin lebt sie mit ihrer Schwester Ruth in Wedding zusammen bis zu deren Heirat. Im Juli 1926 heiraten auch Judith und Erich, obwohl es zuvor immer wieder Unstimmigkeiten gegeben hat, ist die Zwanzigjährige doch in seinen Augen eher eine ästhetisch-sensible Bürgerliche, die durch ihren Gerechtigkeitssinn, ihr soziales Empfinden sowie durch bemerkenswerte Vorbilder zum Kommunismus gefunden hat.

Den Traum einer Musikerkarriere gibt die junge Frau, obwohl hochbegabt, auf, denn mit der Eheschließung erlischt ihr Stipendium. Um Geld verdienen zu können, lernt sie Maschineschreiben und Stenografie und nimmt eine Stelle in einer Einrichtung der KJI an. Ihre Tochter wird später vermuten, dass das "für sie ein nicht leicht zu bewältigender Einschnitt in ihrem Leben" gewesen ist, denn die Musik hat bis dahin alles bestimmt.

Erich Auer arbeitet inzwischen in zentralen Gremien der KPD sowie vorübergehend in der Kommunistischen Jugendinternationale (KJI). Judith ist daher oft ohne ihren Mann in Berlin. 1928 tritt auch sie der KPD bei und widmet sich zunehmend der politischen Arbeit. Ab dem Sommer des Jahres hält sie sich für einige Monate mit ihrem Mann in Moskau auf. Ein prägendes politisches Ereignis sind für Judith später dann auch die blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei am 1. Mai 1929 anlässlich der Maidemonstration, an der sie trotz ihrer Schwangerschaft und gegen den ausdrücklichen Rat von Freunden teilnimmt.

Im November 1929 kommt ihre Tochter Ruth auf die Welt. Dieses Kind ist ihr ein und alles: Zwei Jahre lang führt sie ein "Diarium" über Ruths Entwicklung. Das Kind motiviert sie zusätzlich, sich für Frieden & soziale Sicherheit zu engagieren. Bei den Einsätzen im Wahlkampf zu den Reichstagswahlen 1930 ist "Ruthchen" im Kinderwagen dabei.

Hitlers Machtergreifung 1933 und das Verbot der KPD durch das neue Regime ist für die junge Familie  ein tiefer Einschnitt: Sie müssen nun stets mit Verfolgung & Verhaftung rechnen ( Erich wird vorsorglich ins Ruhrgebiet "versetzt" ).Ende 1933 ziehen sie ins idyllische Berlin-Bohnsdorf, Gehrenweg 63, einem Stadtteil, in dem etliche Regimekritiker leben, in eine Laube, die sie vom Ersparten gekauft haben. Ein fast 900 Quadratmeter großer Pachtgarten kommt dazu. 

Im März 1934 wird Erich Auer in Berlin verhaftet und am 31. Juli 1934 zu einer eineinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ihre überlieferte Korrespondenz mit dem Inhaftierten legt Zeugnis ab von ihren Nöten. Mühsam muss Judith um ihren Lebensunterhalt ringen, bekommt sie doch nur eine geringe Wohlfahrtsunterstützung von 10,40 Mark pro Woche. In ihrem Pachtgarten baut sie Gemüse an und kümmert sich um Kleinvieh. Im Mai 1935 findet sie zeitweilig wieder Arbeit als Stenotypistin.

Die gute Nachbarschaft in der Laubenkolonie - "Wir alle dort lebten wie in einer großen Familie miteinander."- macht ihr dieses Leben erträglich. Von Nervenzusammenbrüchen & Depressionen bleibt Judith dennoch nicht verschont und konstatiert als 31jährige, dass sie wenig Hoffnung habe. Vielleicht legt sie deshalb all ihre restlichen Kräfte in den Kampf um bessere politische Verhältnisse.

AEG im Kabelwerk Oberspree in Oberschönweide
Nach seiner Haftentlassung im Oktober 1935 wird Erich Auer nach längerer Arbeitslosigkeit als Drucker in der Deutschen Zentraldruckerei beschäftigt. Judith findet als verheiratete Frau und ohne Ariernachweis immer nur Beschäftigungen für eine begrenzte Zeit. 

1937 ergattert sie eine Stelle bei der AEG im Kabelwerk Oberspree, zunächst als Stenotypistin, später als Einkäuferin, die sie nur erhält, weil sie angibt, arischer Herkunft zu sein. Ihr zurückhaltendes Benehmen & ihr Können verschaffen ihr viele Sympathien unter den Kollegen.

1937 wird Erich Auer erneut verhaftet, aber nach drei Monaten wieder entlassen. Ab 1938 leben er & Judith nicht mehr zusammen, denn "die Gegensätze zwischen den Partnern waren zu groß geworden." 1939 lässt sich das Paar scheiden. 

Im Kabelwerk kommt Judith in Kontakt zur Widerstandsgruppe um den Schweißer Fritz Plön. Sie sammelt vor allem Nachrichten und hilft verfolgten Kommunisten. Nach Kriegsbeginn schließt sie sich der Widerstandsgruppe um Anton Saefkow an und nimmt an deren illegaler Arbeit teil.

Diese letzte große kommunistische Widerstandsgruppe ( im Raum Berlin - Brandenburg ) wird im Herbst 1943 von mehreren politisch vorbestraften KPD-Anhängern gegründet und von Anton Saefkow, Franz Jacob und Bernhard Bästlein geleitet. Sie entwickelt sich als illegale Organisation innerhalb der Arbeiterschaft, die auf lokalen Betriebsgruppen aufgebaut ist.

Die Sozialdemokraten Adolf Reichwein und Julius Leber, Mitglieder der Verschwörungsgruppe um Graf Stauffenberg (20. Juli 1944), führen mit Jacob und Saefkow ein Kontaktgespräch, das von einem anwesenden Gestapo-Agenten ( Saefkows vermeintlichen "Sicherheitsbeauftragten") verraten wird. Am 4. Juli 1944 werden Saefkow, Jacob, Leber und Reichwein verhaftet und schließlich zum Tode verurteilt." ( Quelle hier )

In der Widerstandsorganisation ist Judith Auer unter dem Decknamen "Suse" von zentraler Bedeutung.  Niemand vermutet in der kleinen, bescheidenen & zurückhaltenden Frau eine illegale Parteiarbeiterin. Sie verwaltet Geld und Lebensmittelmarken für untergetauchte Regimegegner und gibt ihnen Quartier in ihrem Häuschen, so auch Franz Jacob, mehrere Monate lang nach seiner Flucht aus Hamburg. Außerdem stellt sie ihr Häuschen - sie wohnt nun in Oberspree, nähe Bahnhof Spindlersfeld -  für Leitungssitzungen ihrer Gruppe und andere Beratungen zur Verfügung und zur Herstellung von Flugschriften. 

Ende 1942 ist Judith Auer körperlich und psychisch erschöpft und ersucht bei der Pfarrersfamilie auf Hiddensee um Hilfe. Trotz ihrer Depressionen nimmt sie ihre berufliche Tätigkeit wie ihre illegale Arbeit bald wieder auf. Im Frühjahr des folgenden Jahres geht es wieder besser, und die Schwester Gabriele zieht zu ihr. Die wird später erzählen, dass Judith, wann und von wo immer sie todmüde heimkehrt, sie sich als Erstes an ihr Klavier setzt und spielt und so "dieses verhetzte, traurige Leben" vergisst.

Das Kabelwerk  wird im Januar 1944 bei einem Bombenangriff zu einem Drittel zerstört. Judith nutzt ihre Dienstreisen für die AEG, aber auch die Besuche bei ihrer Tochter in Jena zu Kurierfahrten, übergibt Flugblätter an dortige Regimegegner, stellt Verbindungen zu Widerstandskreisen in Sachsen und Thüringen her und trifft u.a. Theodor Neubauer, Leiter der illegalen Widerstandsorganisation der KPD in Thüringen, wo unter anderem über den Anschluss an die Bewegung "Freies Deutschland" schon im Jahr zuvor beraten worden ist, und Magnus Poser, wie sich später Lydia Poser erinnern wird. Verbindungen zu Hitler-Gegnern anderer weltanschaulicher Richtungen nimmt sie ebenfalls auf.

Mit Tochter Ruth

Ihre Tochter, im antifaschistischen Geist erzogen, darf aber in den "Jungmädchenbund" eintreten mit der Warnung: "Du darfst hingehen, aber nicht glauben, was sie Dir dort sagen." Sie weiht sie in ihre Tätigkeiten ein, so weit es ihr notwendig erscheint. Ruth kennt die Namen und Decknamen fast aller, die mit ihrer Mutter Kontakt haben und hat davon Kenntnis, dass Flugblätter in der Wohnung aufbewahrt werden und nicht in falsche Hände fallen dürfen. "Ein anderer Weg war bei dem engen Zusammenleben nicht möglich. Und dieses Verfahren bewährte sich. Durch Ruth erfuhr die Gestapo nichts."

Judiths Kontakte nach Jena spielen auch bei der Vorbereitung des oben erwähnten Treffens zwischen SPD- & KPD Führungsleuten am 22. Juni 1944 eine Rolle. Nachdem der Gestapo-Spitzel Ernst Rambow Mitglieder der Gruppe verraten hat, hört sie knapp zwei Wochen später von Festnahmen. Gewarnt von Julius Leber, kann Judith sich nicht entscheiden unterzutauchen - aus Sorge um die vierzehnjährige Tochter. Auch möchte sie nicht, dass die jüdische Abstammung ihres Vaters aktenkundig wird - was sie bis dahin nicht gewesen ist -, falls sich die ganze Sache als Irrtum herausstellen sollte.

Am 7. Juli 1944 gegen 8.00 Uhr fängt die Gestapo Judith in ihrem Büro ab. Tochter Ruth erfährt abends durch eine Freundin davon, als sie von ihrer Pflichtjahr-Tätigkeit nach Hause kommt. Ihr Vater, der zwischendurch zum Strafbataillon 999 einberufen gewesen, nun aber wieder in Berlin ist, sucht mit ihr zwei Wochen lang nach Judith. 

Derweil wird in stundenlangen Verhören durch körperliche Misshandlungen von den Gestapobeamten versucht, Judith zu kompromittierenden Aussagen zu bewegen. Doch die bekennt sich zu ihren Überzeugungen und Handlungen. "Ich war der Ansicht, dass ich an der Beseitigung des derzeitigen Regimes in Deutschland mitarbeiten musste ...", steht im Vernehmungsprotokoll und im Schlussbericht vom 23. Juli: "Bei der Auer handelt es sich um eine gefährliche, unbelehrbare Kommunistin.

In der im Bundesarchiv aufbewahrten "Kartei zu Hinrichtungen von Gefangenen im Gefängnis Barnimstraße" findet sich über sie, vermutlich von der Gefängnisfürsorgerin oder dem Pfarrer an der Hinrichtungsstätte Plötzensee, der Vermerk: 

"Zart von Natur, dabei tapfer und reif in seltenem Ausmaße. Voll überströmender Liebe zur 15j. Tochter, der sie in der Abschiedssprechstunde das Urteil verheimlichte. Voll Güte. Überzeugungstreu. Tapfer und beherrscht bis z. Ende." 

Letztes Foto
nach den Folterungen
(Juli 1944)
Am 6. September 1944 wird Judith Auer vom Volksgerichtshof gemeinsam mit Bruno Hämmerling und Franz Schmidt zum Tode verurteilt. Sie werden schuldig gesprochen 

"ihre Kräfte zur Mitarbeit in der genannten Organisation zur Verfügung gestellt und sich insbesondere an der Schaffung von bewaffneten Dreiergruppen, der Einrichtung eines Werbe- und Nachrichtenwesens, der Aufrechterhaltung der Verbindung zu auswärts wohnenden Funktionären sowie der Verbreitung und Aufbewahrung von kommunistischen Hetzschriften und Flugblättern beteiligt" zu haben."Zur Erörterung und Vorbereitung haben sie mit anderen kommunistischen Funktionären zahlreiche geheime Zusammenkünfte abgehalten."

Die Zeit zwischen der Verhandlung und der Verkündung des Urteils hat höchstens zehn Minuten betragen. Die Anschuldigungen bestreitet Judith Auer nicht, sie ist überzeugt von der Richtigkeit ihres Tuns, ihrem Kampf für das Ende des 2. Weltkrieges und der Errichtung einer sozialistischen Demokratie. Ein Gnadengesuch von Ruth und ihrer Tante Susanne Auer wird, trotz Befürwortung der Gefängnisleitung, abgelehnt.

Ihrer Tochter erzählt sie also im Abschiedsgespräch im Gefängnis nichts vom Urteil. Sie schreibt ihr am Tag ihres gewaltsamen Todes aber einen letzten Brief:

Meine geliebte kleine Tochter!Meine liebe, beste, kleine Kameradin!
Ich habe den Wunsch, Dir noch einiges besonders ans Herz zu legen. Zunächst Dein Beruf.Du möchtest Kindergärtnerin werden.Ich billige deinen Wunsch von ganzem Herzen.Aber denke dabei stets an Deine eigenen Erfahrungen, mein Liebes, und vergiss manchmal, was du gelernt hast, was dir beigebracht wurde.Vor allem lass Dich stets von der Liebe leiten. Die Fehler, die man aus wahrer Liebe begeht, sind niemals Sünden, sondern immer wiedergutzumachende Irrtümer. 
Du musst nun einen großen Schmerz tragen. Vergrab dich nicht darin. All die Freude, die ich dir nicht mehr bereiten kann, mein Liebling, versuche anderen, z.B. deinen kleinen Schützlingen zukommen zu lassen.Die Freude, die man anderen bereitet, strahlt stets auf einen selbst zurück. Sie wird dir helfen, all das Schwere zu tragen, und dich trösten.
"Freude schöner Götterfunken" ist Beethovens schönstes Werk. Und doch schrieb er es in einer Zeit, da er sehr elend war. Lies einmal über sein Leben nach. Ich muss jetzt Schluss machen. Bleib stark und tapfer, mein Geliebtes. Ich weiß, Du wirst niemals verlassen sein. Grüß alle Lieben. Ich selbst werde alles mit innerer Ruhe und Gefasstheit ertragen. 
Lebe wohl und sei noch mal in Gedanken geküsst und umarmt von 
Deiner Mutti 

Am 27. Oktober 1944 wird sie in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee hingerichtet, mit einem Foto ihrer Tochter in der Hand. Notiz des Henkers: "Die Vollstreckung dauerte von der Vorführung bis zur Vollzugsmeldung 7 Sekunden". Judith Auer ist nur 39 Jahre alt geworden.

Ruth Auer, erfährt erst am Vorabend ihres 15. Geburtstages von ihrem Vater die Wahrheit. Sie wird sich noch Jahrzehnte später äußern, dass sie sich niemals von dem Schock erholen konnte, den sie nach der Nachricht vom Tod der Mutter erlitten hat.

Ruth wird von  ihrer Tante Gabriele in einem Sommerhaus im Osten Berlins versteckt. Ruth, Gabriele sowie der Bruder Lucas überleben den Holocaust. Gabrieles Zwillingsbruder Andreas ist schon Mitte der Dreißiger Jahre in einem sowjetischen Arbeitslager an Erschöpfung gestorben, nachdem er als Kommunist nach Russland geflohen ist. Erich Auer wird wegen einer schweren Erkrankung bald wieder von der Tätigkeit bei der Organisation Todt demobilisiert und überlebt das Naziregime ebenfalls.

In der DDR wird Judith Auer durch die Benennung mehrerer Straßen, u.a. in Berlin und Jena, und öffentlicher Einrichtungen geehrt, darunter ein Kinderheim in Barth. In der Berliner Judith-Auer-Straße trägt das dort ansässige Seniorenheim ebenfalls ihren Namen. In der Bundesrepublik tat man sich schwer, kommunistischen und weiteren Opfern des antifaschistischen Widerstandes den Platz einzuräumen, der ihnen neben den Vertretern des 20. Juli eigentlich gebührt. Nach positiven Würdigungen der unmittelbaren Nachkriegszeit hat das antikommunistische Selbstverständnis der jungen Bundesrepublik zu Geschichtsverzerrungen bis Lügen ( siehe auch dieser Post über Cato Bontjes van Beek und die "Rote Kapelle" ) geführt, die teilweise noch bis in die heutige Zeit unseren Blick verstellen.

Ruth Hortzschansky hat mit ihrem Mann, einem Geschichtsprofessor, 2004 ein Buch über ihre Mutter mit dem Titel "Möge alles Schmerzliche nicht umsonst gewesen sein" verfasst, aus dem meine Zitate stammen. Ich habe dieses Buch zwei Tage nach der Veröffentlichung dieses Posts erhalten und diesen seitdem ergänzt, weil es mir wichtig erschien, den Menschen Judith Auer sichtbar zu machen. In den mir sonst bekannten Publikationen ist sie mir immer zu sehr reduziert auf ihre politische Tätigkeit erschienen. Es ist mir ein Anliegen, dass deutlich wird, dass der Widerstand gegen das Terrorregime der Nazis auch von Menschen wie du und ich geleistet worden ist, auch und gerade in Zeiten, in denen der Begriff "Kommunist" wieder pauschal & verunglimpfend gebraucht wird. Mit Judiths Zielvorstellungen kann auch ich mich heutzutage identifizieren.






7 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    wie traurig und wie traurig der Brief an die Tochter.

    Und ich werde wütend, wenn ich an die jetzige Zeit denke, in der wir leben. Und wie manche bzgl. der Impfung den Vergleich an die damalige Zeit ziehen.
    Es ist ja auch wahres Heldentum, sich nicht impfen zu lassen in einer Zeit, in der einem jedwede Krankenhausversorgung und ärztliche Hilfe zur Verfügung steht. Das ist wirklich heldenhaft.

    Liebe Grüße
    Claudia

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  2. PS.
    es ist natürlich kein Heldentum. Es ist deprimierend. Der Impfstoff steht zur Verfügung, man könnte was tun und viele machen es doch nicht.

    Deprimierte Grüße
    Claudia

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  3. Ein viel zu kurzes Leben! Und diese Stärke, diese Liebe, die vor allem aus dem Brief an die Tochter spricht.
    Danke Dir und liebe Grüße
    Nina

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  4. Ihr Abschiedsbrief spricht ja für sich und vor allem für sie. Da ist nichts Knöchernes mehr und weitere Fakten fehlen mir auch nicht mehr.
    Du hast dieses kurze, tapfere Leben sehr anrührend dargestellt.
    Große Hochachtung habe ich vor solchen Menschen, die sich so in Gefahr begeben für zutiefst humane Anliegen.
    Derzeit ist ja ein wahrscheinlich letzter Prozess wegen Verbrechens in der Nazi-Zeit. Eine alte Frau steht vor Gericht. Damals als junge Frau stand sie auf der ganz anderen Seite als Judith Auer. Welch ein Gegensatz.
    Gut, dass Du wieder einmal gegen das Vergessen gelöckt hast.
    Herzlichst, Sieglinde

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  5. So berührend hast du das Schicksal dieser tapferen und gütigen Frau geschrieben. Wie kurz ihr Leben nur war! Wieder eine Biographie, die nicht vergessen werden sollte!
    Danke, dass wir sie kennenlernen durften.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Liebe Astrid,
    danke dir für dieses berührende Porträt einer starken und tapferen Frau, die sich nicht beirren ließ. Auch in der vermeintlichen Kürze hast du sie so detailliert vorgestellt, dass sie im Gedächtnis bleibt.
    Lieben Gruß, Marita

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  7. Eine mutige Frau! Mit dem Wort Kommunist, wird allzu leicht um sich geworfen.
    Danke für dein Post!
    Liebe Grüße
    Andrea

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