Donnerstag, 16. Januar 2020

Great Women # 207: Marta Worringer

Heute habe ich mal wieder eine echte Kölnerin "ausgegraben" für euch, vorher allerdings auch für mich, denn ich kannte sie auch nicht. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine zu ihren Lebzeiten bekannte und geschätzte Künstlerin völlig von der Bildfläche verschwinden kann. Welch ein Glück, dass die Gedenktage - Seite von Fembio so toll bestückt ist! Da habe ich sie nämlich entdeckt, meine "Great Woman", die heute vor 139 Jahren geboren wurde. Es ist die expressionistische Künstlerin Marta Worringer.
Mar­ta Worrin­ger kommt also am 16. Januar 1881 zur Welt, als Martha Ma­ria Emi­lie Schmitz, viertes Kind der Else Schmitz, geborene Esser, und des Rechts­an­waltes am Kölner Oberlandesgericht Philipp Emil Schmitz. Ihre Schwestern Else und Emma sind 1875 bzw. 79 geboren. Ein Bruder ist mit 13 Jahren an Diphtherie gestorben.

Der Gereonsdriesch vor dem 2. Weltkrieg
Die Familie gilt als wohlhabend, wovon auch das Haus am Gereonsdriesch zeugt, südöstlich vor der ehrwürdigen romanischen Kirche St. Gereon an einem kleinen, lindenbestandenem Platz gelegen ( heute tummeln sich dort Versicherungen und deren Protzbauten, die gerade wieder in teuren Wohnraum umgewandelt werden ). Dieses bezieht die Familie kurz nach Martas Geburt, dort wächst das  Mädchen auf. 

Darüberhinaus besitzt die Familie in Kreuzberg an der Ahr ein großes Haus, Holtersbühl, das der Familie als Ferien-, dem Vater als Jagdsitz dient.  

Der Vater selbst ist Sohn eines Gerichtsvollziehers aus dem saarländischen Tholey, und es ist nicht bekannt, wie und wo er sein Studium & seine Zeit als Assessor absolviert hat, bevor er um 1872 nach Köln kommt und dort eine echte Gründerzeit - Karriere hinlegt: einmal als geheimer Justizrat, namhafter Anwalt für Handels-, Firmen und Musterrecht  - so ist er auch Justitiar des Kölnisch - Wasser - Unternehmens Johann Maria Farina ( siehe auch dieser Post ) -, zum anderen als Stadtverordneter, Mitglied der Liberalen Fraktion und zuständig für Finanzen und Steuern, in der Verfassungskommission später verantwortlich für die Ernennung von Konrad Adenauer zum 1. Beigeordneten der Stadt Köln, i.e. der erste Vertreter des Oberbürgermeisters ( Adenauer ist wohl als Referendar in der Worringerschen Kanzelei teilweise ausgebildet worden ). Die Familie zählt auf jeden Fall zu "den" Kölner Familien wie die Neven - Dumonts, vom Raths, von Schnitzlers.

1890
Zum Vater hat Marta, die Jüngste der Familie,  ein gutes Verhältnis, und auch er scheint ihr besonders zugeneigt. Der Mutter steht das Mädchen ablehnend bis mitleidig gegenüber. Die Ehe der Eltern ist problembeladen und wird von Marta als Grund für die freudlosen Aspekte ihrer Kindheit angesehen. Eine melancholische Verstimmung - die sie die "Driesch - Geister" nennen wird - wird sie zeitlebens immer wieder befallen, obwohl sie auch ein lebensfroher Mensch ist und "karnevals - lustig" sein kann, auf dem Klavier fröhliche Lieder bevorzugt. Gerne buddelt sie auch nach antiken Tonscherben im elterlichen Garten ( um St. Gereon befindet sich unter der Erde eine römische Nekropole ).

Der Vater - Anhänger der Aufklärung und der Französischen wie der März - Revolution - achtet auf eine gute Ausbildung seiner Tochter und schickt sie nach dem für Mädchen üblichen Lyzeum für zwei Jahre in ein Pensionat in Belgien, wo die 16jährige perfekt Französisch und außerdem Englisch wie etwas Italienisch lernt.

Anschließend beginnt Marta eine künstlerische Ausbildung bei Wilhelm Spatz, Pro­fes­sor der Ele­ment­ar­klas­se an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie ( bei dem auch Gabriele Münter ihre Ausbildung zwei Jahre zuvor aufgenommen hat ), der sie privat unterrichtet, denn der Zugang zur Kunstakademie ist Frauen noch versperrt, wie ich es ja schon in diversen Posts über Künstlerinnen schreiben musste.

Warum, wieso, weshalb sich die junge Frau der Kunst zuwendet, ist nirgendwo herauszubekommen. Auch von einem in der Jugend entdecktem künstlerischen Talent ist nirgendwo die Rede. Aber bekannt ist, dass Marta einem Kreis junger Frauen angehört, darunter Emmy Worringer, Agnes Oster und Olga Oppenheimer, die  die Kunst als Weg zu ihrer Eigenständigkeit auserkoren haben.

1905 zieht Marta zusammen mit Freundin Agnes nach München, der Stadt, die zu diesem Zeitpunkt leuchtet wie keine zweite, zumindest was ihre Anziehungskraft auf "Malweiber" und andere Frauen anbelangt. Dort beziehen die Beiden zuerst ein Quartier in der Akademiestraße und später ein Parterre im Epizentrum der Münchner Bohème in der Kaulbachstraße, dem Domizil der berühmt - berüchtigten Franziska von Reventlow vis-à-vis. Studieren tun sie bei Angelo Jank, Lehrer an der Damenakademie, und an der Kunstgewerbeschule des Wilhelm von Debschitz ( siehe auch diese Künstlerin ), wo Marta ihre Fertigkeiten in Seidenstickerei, Holzschnitzerei, Malerei, Druckgraphik, Zeichnen, Buchillustration vervollkommnet.

Alsbald suchen zwei junge Herren die jungen Damen in München zu einem konventionellen Antrittsbesuch auf "familiäres Geheiß" hin auf: Wilhelm Worringer, Bruder von Emmy, und sein Freund Alfred Forell. "... wenn das schon vorbei wäre", stöhnen die anfangs.

Doch in der eher freizügigen Schwabinger Atmosphäre kommt man sich schnell nahe, verbringt eine Woche zu viert in Garmisch, und Marta & Will, wie sie ihn fortan nennt, verkünden um Weihnachten 1905 ihre Verlobung.
Wilhelm Worringer, am 13. Januar 1881 in Aachen geboren, hat als einziges der fünf Kinder seiner früh verwitweten Mutter, die - damals noch eher ungewöhnlich - die Restauration am Kölner Zoo erfolgreich betreibt, das Gymnasium besucht und anschließend Literaturwissenschaft zu studieren  begonnen - Ziel: freier Schriftsteller -, entschließt sich aber, nachdem er Marta kennengelernt hat, eine Promotion in Kunstgeschichte voranzutreiben. "Abstraktion und Einfühlung" ist der Titel der Dissertation, die 1908 vom Piper Verlag als Buch veröffentlicht und ein großer Erfolg sein wird ( übersetzt in 18 Sprachen und lange ein Bestseller im Bereich der wissenschaftlichen Kunstliteratur ). Worringer entwickelt darin ein umfassendes psychologisches Erklärungsmodell für die diversen Strömungen der abendländischen Kultur. Es gilt als Programmschrift für die neu aufkommende Kunstrichtung des Expressionismus & der Abstraktion und hat solche Maler wie August Macke oder Franz Marc beeinflusst. Noch ist der "Blaue Reiter" aber nicht in Sicht, obwohl seine späteren Protagonisten schon in München weilen, teilweise ganz in der Nähe von Marta & Will...
Doch zurück zur Chronologie: 1907 übersiedelt Marta mit Agnes, Emmy Worringer und Olga Oppenheimer nach Dach­au, das da­mals für sei­ne Künst­ler­ko­lo­nie be­kannt ist. Und am Pfingstsamstag, dem 11. Mai 1907, feiern Marta und Wilhelm Worringer im "Restaurant am Zoo" der Mutter Worringer nach der standesamtlichen Trauung bei "Spargel satt" ihren Start ins Eheleben, das der Bräutigam in der ihm eigenen Ironie als "Ehe zwischen einem Holzschnitt und einem Aquarell" beschreibt. Mit dem Holzschnitt ist Marta gemeint.

Dachauer "Malweiber"
Die hätte sonst in jenen Zeiten das Los einer konventionellen Ehe wie ihre beiden ältesten Schwestern getroffen ( oder der einer unverheirateten "alten Jungfer"). So aber hat sie ein Gegenüber gefunden, das sie in ihrer künstlerischen Arbeit akzeptiert und motiviert. Und so verwundert es auch nicht, dass sich Marta erst unter dem Namen Worringer als Künstlerin einen Ruf verschaffen wird.

Zunächst macht man auf der Hochzeitsreise drei Tage nach der Trauung für eine Weile Station in der Dachauer Künstlerkolonie, um noch einmal mit den Künstlerfreunden zu feiern, um dann Anfang Juli nach Italien weiter zu reisen, wie es bei vielen gut situierten (Künstler-) Paaren damals so Sitte ist ( siehe auch dieser Post ). Erst im Dezember 1907 kommt das Paar nach München zurück, Marta inzwischen schwanger, und eine Wohnung in der Georgenstraße 30 zwischen Schwabing und Maxvorstadt beziehen.

Der Einrichtung des gemeinsamen Hausstandes widmet sich Marta, da entspricht das Paar ganz dem bürgerlichen Muster. Dank ihrer guten Mitgift gelingt es ihr auch, die Vierzimmerwohnung recht gediegen einzurichten - Herrenzimmer in Eiche, Esszimmer in dunklem, Schlafzimmer in hellem Mahagoni, Biedermeier - Wohnzimmer und Küche im damaligen Standard. Dafür kann sie 10 500 Goldmark ausgeben ( der durchschnittliche Jahresverdienst eines Arbeitnehmers beträgt zu dieser Zeit 900 Mark ).

Weniger typisch ist, dass Marta den Part einer "Supervisorin" in dieser Ehe übernimmt, die nicht nur das Praktische, sondern auch alles Finanzielle regelt und ihrem  "Lebensdilettanten" immer wieder auf die Sprünge hilft. Gerne scheint sie das nicht zu machen, aber ihr bleibt bei seinem Naturell wohl nichts anderes übrig. Während der Münchner Zeit versteht sich Wilhelm als freier Schriftsteller.

Cuno Amiet "Selbstbildnis in Rosa"
(1907)
In München wird noch im September 1908 die erste Tochter geboren, Brigitte, inspiriert von Adalbert Stifter. Und dann steht auch schon der erste von etlichen Umzügen an, nach Bern, weil sein Doktorvater Wilhelm dort die Möglichkeit zur Habilitation eröffnet hat.

Es gelingt dem Paar 1909 offensichtlich schnell, sich ins Berner Kulturleben einzubringen, und Marta hat Kontakt zu Cuno Amiet, mit dem sie sich künstlerisch ergänzt und der ihr auch zu ihrer ersten öffentlichen künstlerischen Präsentation verhilft, 1910 während der Weihnachtsausstellung Berner Künstler.

In der "Berner Tagwacht" findet "das ruhige, eine wohltuende eFarbenwirkung auslösende Stilleben von Marta Worringer" als "beachtenswert" Erwähnung - einer der raren Belege, dass Marta in der Schweizer Hauptstadt zur künstlerischen Betätigung kommt. Knapp ein Jahr später wird sogar eine "Composition grotesque" von ihr beim "Salon d'automne" in Paris gezeigt, wiederum nur durch eine Zeitschriftennotiz dokumentiert. Wo die Künstlerin Marta Worringer ihren eigenen Stil gefunden hat, wissen wir nicht ( bei Cuno Amiet kann es nicht gewesen sein, wenn man sich dessen Art zu malen  anschaut ).

Es scheint ein eher turbulentes Jahr für die 30jährige zu sein, denn sie muss auch eine neue Wohnung in Bern suchen und ihre zweite Tochter Renate - diesmal ist Theodor Storm der Anreger - zur Welt bringen, zur Abwechslung in ihrer Heimatstadt Köln.

In Köln schließt sie sich auch dem "Gereonsclub" ihrer Freundin & Schwägerin Emmy und gleichzeitig der "Kölner Sezession" an, in deren erster Ausstellung sie neben August Macke, Carlo Mense und Olga Oppenheimer auch selbst vertreten ist. Die Sommerferien verbringen die Worringers eh immer im Rheinland, im Haus an der Ahr. Doch scheint das Paar auch Bern als zu Hause zu empfinden, hat man sich doch dort einen Kreis geschaffen, mit dem man sich - ganz im Sinne des Bildungsbürgertums - über Literatur, Philosophie, Theater und Kunst, weniger über das politische Tagesgeschehen, austauscht und Geselligkeit auch in Form des Briefwechsels pflegt.

Zum bürgerlichen Lebensstil, wie man ihn in jenen Tagenpflegt, gehören auch Reisen, großzügiges Wohnen, aber eine bescheidene, doch stets stilsichere Kleidung. Über die Finanzierung einer solchen  Lebensführung bei den Worringers gibt es keine Unterlagen. Gewiss ist, dass Wilhelm zu dieser Zeit als Privatdozent keine Bezüge hat. Allerdings erhält er Kolleggelder, wird für Vorträge und für seine Bücher bezahlt. 1913/14 gönnt man sich sogar ein Urlaubssemester in Berlin, von dem er sich bessere Arbeitsmöglichkeiten verspricht, von dem allerdings Marta eher profitiert, die mit Freuden eine Berliner Malschule besucht. Das gesellschaftliche Leben in der Hauptstadt beschreibt das Ehepaar als nüchtern und öde, obwohl sie dort regelrecht "herumgereicht und besichtigt" werden. Besonders unangenehm empfinden sie in Berlin "die Krisenstimmung, die über den Tageszank weit hinausgeht".

Als sie im April 1914 die Hauptstadt in Richtung Bern verlassen, wissen sie auch schon, dass ein erneuter Umzug bevorsteht: Wilhelm ist an die Philosophische Fakultät der Bonner Universität berufen worden. Der Wechsel in die Beethoven - Stadt erfolgt dann im Juli. Und als man sich in einer Wohnung "in dem friedlichen stillen Bonn schon ganz eingelebt" hat, bricht der Erste Weltkrieg aus.

Auf Marta trifft die Aussage vom friedlichen Bonn auch weniger zu als auf den Rest der Familie, wird doch ihr neues Atelier alsbald von zwei einquartierten Rekruten vereinnahmt und auch ihr Seelenleben lässt der Kriegsausbruch so gar nicht kalt. Ob sie ihre Arbeit, die Kunst, in der Folgezeit weiter betreiben kann, ist wieder nicht zu klären. Ihr Mann meldet sich zum 1. April 1915 freiwillig zum Kriegsdienst. Was seine Haltung zum Krieg betrifft, gibt es durchaus widersprüchliche Verlautbarungen. Wie Marta die Zeit übersteht - dafür finden sich keine Zeugnisse.

Das letzte Kriegsjahr beschert der Familie dann noch einmal eine Familienerweiterung: Ende März 1918 wird Lucinde geboren, ein "Urlaubskind", dessen Namen nun von Friedrich Schlegel inspiriert ist und wegen seines französischen Ursprungs vom preußischen Standesbeamten nur akzeptiert wird, als der Zweitnahme Friederike angeboten wird. In dieser Zeit steuert Marta Stickbilder zur XV. Sonderausstellung "Handtextilarbeiten" der Kestner- Gesellschaft in Hannover bei. Jene Wer­ke gehören übrigens zu den ältesten Werken, die von der Künst­le­rin Marta Worringer erhalten geblieben sind ( aus ihrer Aus­bil­dungs­zeit so­wie den Jah­ren bis 1918 gibt es nur ein Ex Libris für Wilhelm von 1906 ).

"Stadtpark" ( um 1920)
Ende Dezember kehrt Wilhelm zur Familie zurück und wird zum außerplanmäßigen Professor in Bonn ernannt.

In der sich nun neu konstituierenden Republik verorten sich die Worringers, vor allem aber Marta, eher  im linken, sozialistischen Spektrum. An den zahlreichen gesellschaftspolitisch motivierten Kunst - Aktivitäten in der benachbarten Heimatstadt nimmt Marta erstaunlicherweise aber nicht teil.

Erst ab 1920 tritt sie und ihr Mann in Verbindung mit dem "Jungen Rheinland", mit dem sie mit eigenen Arbeiten an der "Großen Kunstausstellung" in Düsseldorf teilnimmt, auch 1922 an der "1. Internationalen Kunstausstellung Düsseldorf". An dem parallel zur Ausstellung veranstalteten Kongress mit kunstpolitischer Ausrichtung ist sie hingegen wieder nicht beteiligt.

Was sie mit ihrem Mann pflegt, ist ein großer Freundeskreis im "Bonner gelehrten Soziotop"und darüberhinaus, bestehend aus Juden, Katholiken, Protestanten und Freigeistern. Auch der Brühler Dadaist Max Ernst gehört dazu und die Prinzipalin des Düsseldorfer Schauspielhauses, Louise Dumont, die bald eine sehr wichtige Rolle in Martas Leben spielen wird. Auch die Korrespondenz mit den Freunden in Bern wird aufrechterhalten. So erfahren wir aus einem Brief an Samuel Singer, dass Marta gut im Geschäft ist: "Dabei verdiene doch auch ich ein Heidengeld. In Düsseldorf verkaufte ich auf einer Ausstellung in (der) Zeit von 14 Tagen für 2000 Mark."

Marta scheint künstlerisch also sehr produktiv zu sein trotz Haushaltsführung für einen lebensuntüchtigen Gelehrten mit Kindern im Alter von14, 11 und 4 Jahren, da ist die Zeit für andere Aktivitäten doch eher rar. Wahrscheinlich ist es aber die Krise in ihrer Ehe, die sie von kunstpolitischen Aktivitäten abhält, die Marta sehr aufwühlt & absorbiert:

Auch Wilhelm ist einer, der wie seine Frau von Melancholie & Selbstzweifeln immer wieder mal überfallen wird. Äußere Gründe hat es dafür auch genug, wird er doch immer wieder bei Neubesetzungen von Lehrstühlen an anderen Universitäten übergangen, teilweise auch, weil man ihn als Juden & Kommunisten verunglimpft. Doch so schnell wie seine düsteren Stimmungen kommen, gehen sie auch. Und dann steckt meist  - das Muster wird auch in Zukunft so bleiben - eine Frau dahinter. Jetzt ist es die Ehefrau seines Bonner Mentors Paul Clemen, die die Rolle der Muse übernimmt, nach der Marta so gar nicht trachtet.

Die suchen als Folge der "Affaire" wieder die  "Driesch - Geister" heim, und sie grübelt über die Aussage ihres Vaters, vier Tage vor seinem Tod 1919: "Du wirst an diesem Mann, der nur sein eigenes Leben lebt, der keine 'praktische' Liebe kennt, zu Grunde gehen". Die Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten führen dazu, dass sich Marta klein & minderwertig fühlt, und Wilhelm im Nachhinein gerne mal zugibt, er bringe sie noch ins Irrenhaus. Die beiden größeren Töchter nehmen den Anteil beider Elternteile an den Konflikten wahr. Marta verhält sich allerdings auch widersprüchlich: So sitzt sie lange am Krankenbett der Nebenbuhlerin, nachdem die einen Suizidversuch unternommen hat. Sie zieht sich von Wilhelm zurück ins Eifel - Haus der Schwiegermutter oder flüchtet mit ihrem Schwager nach München, Salzburg, Wien, und doch kommt sie immer wieder mit ihm zusammen.

Was Marta hilft, ein vorläufiges Ende dieser unschönen "Szenen einer Ehe" herbeizuführen, ist die ganz besondere Beziehung zu Louise Dumont, der sie im August 1921 schreibt:
"Sieh, Louise, ich habe ja bis vor kurzem geglaubt, ein anderes Maß von Liebe, eine andere Liebe als die, die ich für Will empfand, gäbe meine Natur gar nicht her. Ich mußte älter, reifer werden, ehe mir dieses Gnadengeschenk zufiel. Vielleicht kommt bei den meisten Frauen um die Vierzig herum dieser Durchbruch. Daß nun aber nicht Will - sondern Du, Du allein 'Objekt' dieser Liebe wurdest - das war mir in den 14 Tagen Einsamkeit hier oben in fast erschreckender Weise deutlich geworden. (...) Will weiß nun in etwa, wie es in mir aussieht. Er weiß es wohl, aber er glaubt es nicht ganz." *
Marta (1928) und Wilhelm Worringer (1925), Louise Dumont


Louise, um die Jahrhundertwende ei­ne der grö­ß­ten deut­schen Schau­spie­le­rin­nen, verheiratet mit Gustav Lindemann, mit dem sie 1904 das Düsseldorfer Schauspielhaus  begründet hat, Lehrmeisterin von Gustaf Gründgens und - ganz in der bildungsbürgerlichen Tradition - über Kontakte zu wesentlichen Vertretern des geistigen Deutschlands verfügend, findet wiederum in der vierzigjährigen Mutter dreier Kinder jemanden, der Verständnis für ihre eigenen Existenzkrisen in Bezug auf das Theater und die eigene Ehe hat. Marta ist für sie "der von Gott gesandte Cherub des Trostes in schweren Lebensstunden."

Aufgrund der jeweiligen Lebensumstände sehen sich die beiden Frauen zwar eher selten, versichern sich der Bedeutung ihrer Freundschaft aber in vielen, intensiven & emotionalen Briefen. Und der "Mutter aller Dinge" (Wilhelm Worringer über Louise ) gelingt es sogar bei diesem Eisheiligen "Pankratius" ( Marta über Wilhelm ), die Beziehungshindernisse bzw. die Trennung auf Zeit aus der Welt zu schaffen und zu einem Gleichgewicht im Verhältnis der beiden Worringers und damit zur Wiederherstellung ihrer Schaffenskraft beizutragen. Bei Marta drückt sich das in der Teilnahme an Ausstellungen, bei ihrem Mann in zwei neuen Büchern aus.

"Fastnacht" ( 1925-29 )
1924 ist Marta so in der Aus­stel­lung "Köl­ner Künst­ler" im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein vertreten, ihre Arbeiten sind also endlich auch einmal in ih­rer Hei­mat­stadt zu se­hen. Im Ju­ni 1925 ist sie in der Vil­la Ober­nier in Bonn in der Aus­stel­lung der "Bon­ner Künst­ler­ver­ei­ni­gung 1914" dabei, an de­ren Schau im Jahr darauf sie auch wieder teil­nehmen wird. 1926 wir­d sie auch wieder Mit­glied der wie­der­be­lebten Köl­ner Se­zes­si­on.
"Besprechungen dieser Ausstellungen in lokalen Zeitungen und in überrationalen Kunstzeitschriften betonen immer wieder Marta Worringers starke Künstlerpersönlichkeit sowie die Eigenständigkeit und oftmals die Eigenartigkeit ihrer künstlerischen Position", schreibt Birgit Eusterschulte hier.
Oft wird sie auch mit Käthe Kollwitz verglichen, weil Marta sich inhaltlich mit dem menschlichen Elend, der Armut, Müdigkeit und Krankheit u.ä. beschäftigt. Ihre Papierarbeiten werden als melancholisch charakterisiert, als schwer oder gar monoton. Und ein Kritiker schreibt sogar: "... es dürfte trotz der technisch außerordentlich feinen Radierungen nicht jedermanns Wunsch sein, sich diese Blätter seiner Sammlung einzureihen." ( Quelle hier )

Ich habe mich beim Lesen & Schreiben immer wieder gefragt, wann diese Frau die Zeit gefunden hat, ihre fein ziselierten Werke zu erschaffen, denn die Liste desjenigen, womit sie sich sonst so beschäftigt, ist enorm: Das reicht von der immer wieder betonten Unterstützung ihres "lebensdilettantischen" Mannes, mit dessen schriftlichen Arbeiten sie sich auch kritisch auseinandersetzt, über die Ansprüche von Kindern verschiedener Entwicklungsstufen, dem Haushalt inklusive Einmacherei, dem Nähen von Kleidung, möglichst für alle, bis zum Produzieren von Kunstgewerblichem für den Verkauf. Und alle Jahre dann auch noch ausgiebiger "Weihnachtsspuk": Marta liebt es, das Fest nach wochenlanger Vorbereitung als Gesamtkunstwerk zu gestalten.

Und schließlich & endlich hat sie auch noch den Anspruch an sich selbst, geistig auf der Höhe zu bleiben. Auf diesem Gebiet reicht Martas Spektrum beispielsweise in jenen Tagen vom Meister Eckhart, den Briefen der Rosa Luxemburg, den "geistigen Seiltänzer-Kunststücke(n)" des Philosophen Max Scheler bis zu Franz Werfel und seinem  Drama "Spiegelmensch". Das "Eigentliche", das betont sie immer wieder, ist in dieser Zeit aber der Briefwechsel mit Louise, die seit dem Sommer 1922 mit ihrem Mann in Rosenheim in Bayern lebt.

Ein Zusammenbruch bei einem solchen Pensum kann auf Dauer nicht ausbleiben, zumal die politischen Entwicklungen mit Inflation und Ruhrbesetzung Gemüt und Magen zusetzen:

Bei Marta wird 1923 ein Zwölffingerdarmgeschwür diagnostiziert, was auch beim Besuch bei Louise an Pfingsten offensichtlich die Freundschaft arg strapaziert, und zu einem Sanatoriumsaufenthalt im Sommer mit anschließendem Rückfall im September reichlich lange ihr Leben beeinträchtigt.

Die finanzielle Klemme, in die die Familie deshalb gerät, wird nur durch ein Stipendium für Wilhelm etwas abgemildert. Trotz katastrophaler Finanzlage wird aber viel gereist, dabei Freunde besucht und überhaupt überlegt, ob nicht darin der Sinn des Lebens zu suchen sei. Die großzügige Spende eines Worringer - Bewunderers ermöglicht 1926 sogar eine Reise zu zweit nach Paris.

Irgendwann kann auch Marta, z. B. durch Illustrationen wie die für Dostojewskis "Die Sanfte", wieder etwas zum Unterhalt beitragen. Noch wichtiger ist ihr aber der "Selbst - Genuß" , den  ihr ihr selbstbestimmtes künstlerisches Schaffen bereitet. Dennoch fragt man sich, wie die Familie sich 1927 ein freistehendes Traumhaus in der Bonner Gronau leisten kann.

Doch bald stehen die Zeichen wieder auf Veränderung, und Marta schreibt an Louise Dumont: "Einmal möchte ich Dich doch vor diesem Lebensabschnitt noch ruhig sprechen können."

Dieser neue Lebensabschnitt heißt Königsberg in Ostpreußen, wohin Wilhelm einen Ruf auf einen Lehrstuhl erhält, eine "Stadt, in der bald die Nazis lärmten" ( weshalb Wilhelm schon nach dem zweiten Semester bekunden wird, seine "Ehe mit Königsberg ist geschieden" ) und der bekannte nationalkonservative Historiker Hans Rothfels, zwar Jude, aber unverkennbar von nationalsozialistischen Anschauungen infiltriert, einer seiner nächsten Kollegen sein wird.

Nidden mit Blick auf das Haff
Für Marta birgt die Stadt des Immanuel Kants  einiges:

Das Leben in finanzieller Unsicherheit hat ein Ende ( wird nur zunächst allerdings mit einem atmosphärischen Frieren am Anderssein der Menschen und der amusischen Art der Bewohner bezahlt ). Anfangs wird auch jede Gelegenheit genutzt, ihr gen Westen zu entkommen ( z. B. nach dem Tod der Mutter 1929 nach Köln, um den Haushalt am Gereonsdriesch aufzulösen ), doch bald hält Marta die besondere Atmosphäre der  Kurische Nehrung gefangen:
"... Strahlende Sonnentage mit jener zauberhaften Schönheit, die ich von keinem Landstrich her kenne.  ( Einschub meinerseits:  Schwiegermutter, ich hör dir trapsen! )... traumhafte Menschen, die vor lauter Arbeit und Kampf um die paar Fische, die ihre einzige Nahrung sind, alles Sorgen aufgegeben haben. Nitschewo - sie sind schon beinah Russen, und darum liebe ich sie."  
Und bald schon kann Frau Ma ( Wilhelm Worringer über Marta ) regelmäßig zu Frau Thomas Mann in Nidden zur "Thee- Stunde" gehen, denn die Manns haben seit 1929 ein Haus in der Künstlerkolonie Nidden, wo sich auch die Worringers regelmäßig einmieten. Auch andere "Lebensfreundschaften" werden nun geschlossen, und darunter befindet sich die Crème de la Crème der Königsberger Intelligenz vor dem 2. Weltkrieg.

Zudem fühlt sich Marta in Königsberg auch dem "Wesentlichen" immer näher kommend, seit sie an der Kunstakademie mit Fritz Burmann arbeitet und sich erstmals an großformatige Öl - Bilder heranwagt. Sie bekommt sogar ein eigenes Atelier an der Akademie, das ihr das erste Mal in ihrem Leben "ein permanentes ungestörtes Arbeiten in adäquater Umgebung" ermöglicht ( immerhin ist sie schon achtundvierzig ). Wider Erwarten ist von dieser reichen Produktion nur wenig erhalten geblieben. Doch von den Kriegsereignissen und seinen Folgen wird später noch die Rede sein.

Weitere einschneidende Veränderungen sind erst einmal familiär bedingt: Die älteste Tochter Brigitte, schon in Bonn Studentin der Medizin, setzt das Studium dort im Sommer nach dem Umzug fort. Renate, Martas "Sorgenkind", fängt nach dem Abitur in Königsberg ein Literaturstudium an und wird im Jahr darauf als Dramaturgin am Schauspielhaus Königsberg verpflichtet. Lucinde scheint den Umzug am wenigsten verkraftet zu haben, denn ihre Entwicklung kommt evident zum Stillstand. Schließlich stellt sich heraus, dass sie Tbc hat. Ein viermonatiger Aufenthalt in einem Sanatorium an der Ostsee und ein Zurückstellung vom Schulbesuch, wieder zu Hause bei der Familie, hilft dem Mädchen, gesund zu werden.

Den 30. Januar 1933, der für viele, viele Menschen gewaltige Veränderungen in Gang setzen wird, kommentiert Marta, die von einer Venenentzündung außer Gefecht gesetzt ist, in ihrem Tagebuch: Sie habe das Hitler - Deutschland "noch nicht gesehen".

Ihr Mann befindet sich zu diesem Zeitpunkt zu einer Gastprofessur in Prag. Aber bald dringen die Nachrichten von Ermordungen und Entlassungen, so auch in Königsberg, an Martas Ohr. Die Zwangsbeurlaubungen an der Universität, vor allem jüdischer Kollegen wie besagtem Historiker Rothfels, machen die Frontlinien auch im Freundeskreis öfter mehr als deutlich. Mancher fällt um und verrät die gemeinsamen bildungsbürgerlichen Ideale an die Ideologie der Nationalsozialisten. Wilhelm Worringer selbst wird als "in Königsberg nicht richtig am Platze" eingestuft und entscheidet sich darum für "Kaltes Abwarten".

Marta, der "nationalen Revolution" gegenüber eigentlich kritisch bis aggressiv eingestellt, schwankt aber auch immer mal wieder in ihrer Haltung. Mal befürchtet sie die "Infektionsgefahr" und bildet sich "eine leise Ernüchterung" bei ihren Mitmenschen ein, mal blendet sie alles aus, nutzt die Möglichkeit,  die das Auswärtige Amt ihrem Mann eröffnet, mit ihm zu einem Kongress nach Stockholm zu reisen. Ansonsten malt  sie weiter fleißig in ihrem Atelier, und man kann sagen, dass die Worringers ihr altes Leben unter neuen Machthabern weiterzuleben versuchen. Dazu gehört auch wieder eine neue Liebschaft Wilhelms, diesmal zu Lucie Jessner, der Frau des Königsberger Schauspielhausintendanten. Als diese, Jüdin wie ihr Mann, in die Schweiz emigriert, scheint er mit der Möglichkeit zu spielen, ihr zu folgen. Marta reagiert mit Trennungsabsichten.

"Selbstbildnis"
(1935; verschollen )
Das persönliche Drama erfährt allerdings eine Steigerung, als am 15. Mai 1934 die älteste Tochter Brigitte - inzwischen mit  dem Theatermann Heinz Litten verlobt und in Berlin als Hilfsärztin tätig - an einer Scharlachinfektion stirbt.

Immerhin bleibt unter diesen Umständen die Lebensgemeinschaft der beiden Worringers bestehen. Doch Marta gerät "an den Rand ihrer psychisch - physischen Existenz". Halt findet sie allerdings nicht bei ihrem Ehemann, sondern beim zehn Jahre jüngeren Paul Hankamer, Literaturhistoriker an der Königsberger Universität & gläubiger Katholik. Dessen Vorstellungen eines  christlichen Humanismus sprechen Marta an, und Wilhelm spricht nun von "geistigem Ehebruch", als Marta sich wieder der Religion der Kinderzeit annähert ( er selbst ist überzeugter Atheist ).

Die Besinnung auf die Bedürfnisse der adoleszenten Lucinde bewirkt, dass Marta sich 1936 wieder aus ihrer Starre befreien kann. Zeitlebens wird sie sich aber nur noch schwarz, weiß und grau kleiden, um Erinnerungen an ihre älteste Tochter ringen, aber auch von Schuldgefühlen gegenüber ihrer Jüngsten geplagt sein, die sie in ihrer Trauerzeit so vernachlässigt hat.

1937 macht die inzwischen mit dem Finanzberater Hans Emil Schad verheiratete Tochter Renate die Worringers zu Großeltern, eine Rolle, die Marta "angesichts des ihr gemäßen Selbstanspruchs... liebevoll erfüllt, sich aber auch nicht danach (ge)drängt". Anfang 1939 kommt ein zweites Enkelkind, und Marta unterstützt ein Vierteljahr die junge Familie, als die Tochter bedrohlich erkrankt. In der Zwischenzeit hat auch Lucinde Abitur gemacht, die Eignungsprüfung für die Kunstgattung Schauspiel abgelegt und bei Louise Dumonts Witwer in Düsseldorf eine Ausbildung begonnen.

Am Tag des Kriegsausbruchs befindet sich die Familie - Marta, Wilhelm und Lucinde - nach einer Exkursion mit Studenten nach Wien und anderen Orten in Österreich in München. Die Heimreise nach Königsberg durch den deutsch-polnischen Korridor nach Ostpreußen ist kriegsbedingt verwehrt. Die Alternative, eine Fahrt per Schiff, scheint eine rechte "Höllenfahrt" gewesen zu sein, bis man die "rettende Insel" erreicht.

Wilhelm findet für sich alsbald eine Überlebensform im Vorbereiten & Halten von Vorlesungen, und seine Regimegegnerschaft zeigt er durch seine demonstrative Bildungsbügerlichkeit. So wird er nun Mittelpunkt eines antinationalsozialistisch eingestellten kulturellen Elitezirkels in der Stadt.

Und Marta? Die fällt erst einmal in ein schwarzes Loch, beginnt dann aber ab November 1939 mit Kreidezeichnungen, die man als "Anklage gegen die Gesellschaftsordnung, die Kriege für ein notwendiges, durch nichts zu bannendes Übel hält" betrachten kann. Es entstehen aber auch kleine Ölbilder vom Strandleben, Stickereien mit Szenen aus Legenden und vor allem Porträts, darunter auch weitere Selbstporträts wie das bekannte von 1943, wo sie sich sehr selbstbewusst zeigt. Auch von diesen Werken werden nur wenige die spätere Feuersbrunst in Königsberg überleben.

Selbstporträt (1943)
Marta entwickelt sich zudem zu einer präzisen Beobachterin des Krieges, indem sie in ihrem Tagebuch alles akribisch festhält, um nach einem von ihr zu diesem Zeitpunkt schon erwarteten Zusammenbruch das Unfassbare nachvollziehbar erinnern zu können. Sie nutzt zu ihrer Information auch persönliche Beziehungen, die ihr mehr Klarheit über den wahren Stand der Kriegsereignisse verschaffen, als es die Propaganda zulässt, und sie ist sich bewusst, dass ein Frieden nur mit der absoluten Niederlage Deutschlands erkauft werden wird. Mit welchen Folgen, fragt sie sich. Und dann sind sie wieder da, die "Driesch - Geister": Gedanken an einen baldigen Tod tauchen auf.

Gleichzeitig wird das Bedürfnis überstark, die Kontrolle über ihre Töchter und deren Kinder zu behalten: Nach jedem Luftangriff muss man sich, egal, wo man ist, telegrafisch oder telefonisch bei Marta melden ( für mich verständlich bei einer Mutter, die bereits ein Kind verloren hat...).

Durch die Königsberger Freundin Gertrud Philipp, deren Mann in Berlin in der Abwehr Dienst tut, erfahren die Worringers im Sommer 1944, dass Königsberg bald in sowjetische Hände fallen wird. Wilhelm will erst einmal zusammen mit seiner Frau bleiben und den "stellvertretenden Sühnetod" sterben. Dazu ist aber Marta nicht bereit, und die Töchter verschaffen den Eltern eine "Reiseanordnung".

Am 4. August hält Wilhelm sein letztes Kolleg, vier Tage später fährt das Paar mit Rucksack und leichtem Gepäck mit dem Zug nach Berlin. Pakete & Koffer sind vorausgeschickt worden, dennoch lassen sie eine "ganz gefüllte Wohnung" zurück. Dass sie nicht mehr wiederkehren werden, kommt - ihnen selbst später unerklärlich - nicht in den Sinn.

In den Nächten vom 26./27. und 29./30. August fliegt die Royal Air Force massive Luftangriffe auf Königsberg. Martas Kunst, zu einem größeren Teil bei Freunden untergebracht, geht in Flammen auf. Ihre Wohnung bleibt verschont, wird an Menschen, die selbst ihre verloren haben, weitergegeben. Wilhelms sämtliche Unterlagen in seinem Universitätsinstitut und seine Bibliothek sind verloren. "All das muß wohl dankbar den Göttern geopfert sein", so Marta im Tagebuch.

"Flucht" ( um 1945; verschollen )
Mehr schlecht als recht überstehen sie die folgenden Monate in Berlin - Frohnau im Haus der Tochter Renate. Marta beschäftigt sich intensiv mit dem Themenkomplex "Flucht & Vertreibung" und schafft Bilder in markantem Hell - Dunkel - Kontrast, oft mit mütterlichen Figuren als unübersehbares Symbol der Hoffnung.

Ab Sonntag, dem 23. April 1945, wird die Familie dann Zeuge des beginnenden Countdowns der Eroberung Berlins, und Marta hält die nun folgenden Ereignisse ausführlich im Tagebuch fest. Als der Krieg endgültig vorbei ist, schreibt Wilhelm über seine Notizen mit blauem Stift und in Großbuchstaben das Wort "Friede!".

Nach einer ent­beh­rungs­rei­chen Zeit in Frohnau, in der Marta dennoch viele Arbeiten anfertigt und schon Ende Dezember zwölf Bilder in einer Kunstausstellung in Berlin - Reinickendorf präsentieren kann, scheinen alle materiellen Nöte zum Win­ter­se­mes­ter 1946/1947 beseitigt:

Wilhelm erhält einen Ruf an die Uni­ver­si­tät Hal­le als Leiter des Kunsthistorischen Instituts. Wieder ein neues Lebensumfeld, diesmal in der Hän­del­ - Stadt! Es gelingt ihm auch dort wieder wie in Königsberg, zum Kulturereignis für die Stadt über den Universitätsbetrieb hinaus zu werden und für "Bildungserlebnisse" der geistig Ausgehungerten zu sorgen.

Mar­ta steht zum Glück erneut ein ei­ge­nes Ate­lier zur Ver­fü­gung ( und ab 1947 "unbeschränkt Strom", wie sie dem Tagebuch anvertraut, und als "Kulturschaffende" die "Lebensmittelkarte Stufe I" ). Es entstehen Zeichnungen mit Tusche, Kreide, Bleistift, thematisch immer noch bestimmt von "(...) jenen Jahren", so eine Kreidezeichnung von 1948 im August-Macke-Haus in Bonn, aber auch Märchen, fantastische Geschichten und religiöse Themen nehmen immer mehr Raum ein. Ihre Selbstporträts zeigen sie dennoch müde und erschöpft und nachdenklich. Und doch verändert sich ihr Werk merklich, so dass Wilhelm feststellt, sie gäben viel eher das wieder, was sie ehedem im Schlaf gesungen habe. Besonders schätzt er, der Liebhaber der Spätgotik, ihre Seidenstickereien. 1949 kann Marta dann auch ihre Arbeiten in der "Kunst­aus­stel­lung Sach­sen-An­hal­t" der Öf­fent­lich­keit prä­sen­tie­ren.

Alles scheint sich zu normalisieren ( selbst eine "Affaire" lässt den inzwischen 68jährigen "eine mich fast erschreckende jugendliche Kurve nehmen", so Marta ). Doch der po­li­ti­sche Druck auf den Kunsthistoriker wächst immer mehr und er fühlt sich parteipolitisch missbraucht. Beide Worringers reagieren darauf mit alten Krankheitsmustern.

In Halle (1950)
Das Arbeiten fällt Wilhelm immer schwerer  - "unsere Zeit hat sich überlebt", konstatiert er - und als der Kurator der Universität erreicht, dass für Wilhelm wie für Marta von der Volkspolizei Interzonenpässe für einen Vortrag in Mainz ausgestellt werden, entschließen sich die Beiden, Halle und die DDR für immer zu verlassen. Am 4. August 1950 reisen sie mit viel Gepäck in Richtung Oberhambach, wo die Tochter Renate inzwischen mit ihrer Familie wohnt. Der Vortrag in Mainz findet natürlich nicht wirklich statt. Stattdessen reist man Ende des Monats nach München weiter, und Wilhelm teilt seiner Universität mit, dass er  alle seine Ämter niederlegt, weil ohne sein Wissen sein Name unter einen "Friedenskomitee"-Aufruf gesetzt worden ist.

In München kommen sie unter in zwei "Austragsstüble" der Freunde Agnes ( Oster ) & Alfred Forell, für Marta mit der Befreiung von der "Haushaltungstätigkeit" und damit erhöhter künstlerischer Produktivität verbunden, für Wilhelm hingegen mit der Einsicht, dass seine eigene Welt untergegangen ist.

Marta schafft in den folgenden Jahren fünfzehn Stickereien, die beweisen, wie versiert die nunmehr 70jährige ist, die über ein umfangreiches Repertoire an Stichen verfügt, mit denen sie aus der Hand, also ohne Stickrahmen, auf Seide oder Leinen ihre Bildideen zaubert. Die Stickereien sind so fein ausgeführt, dass sie auf ein immer noch gutes Auge und eine ruhige Hand schließen lassen. Thematisch legt sie eine ausgesprochene Erzählfreude an den Tag.

Auch nimmt man wie in der Vorkriegszeit das Reisen auf, und ein zweimonatiger Rom- Aufenthalt 1953 scheint Wilhelms Altersdepression zu vertreiben. Marta hingegen vermisst auf Dauer ihr künstlerisches Tun zu Hause.

Fritz & Lucinde Sternberg-Worringer (1959)
Im  August 1954 be­ziehen die Worringers dann ei­ne ei­ge­ne Woh­nung am Hei­del­ber­ger Platz nah­e bei ihrer Tochter Lucin­de, die im Jahr darauf den 23 Jahre älteren sozialistischen Theoretiker Fritz Sternberg heiraten wird.

Finanziert wird die Wohnung aus dem Verkauf des Kölner Trümmergrundstücks am Gereonsdriesch. Notwendig wird der Umzug, weil Wilhelm das Harmoniebedürfnis bei den Forells und die dadurch bestehende Notwendigkeit, seinen Widerspruchsgeist dauerhaft zu beherrschen, gründlich auf die Nerven gegangen ist.

Doch Wil­helms Ar­beits­wil­le kehrt auch nach diesem Tapetenwechsel, nicht zu­letzt wegen ei­ner Tri­ge­mi­nus-Neur­al­gie, nicht mehr zurück: Während Mar­tas Ar­beits­ei­fer un­ge­bro­chen bleibt, sitzt er "kontemplativ" vor dem großen Fenster der Wohnung.  In die­sen letz­ten Jah­ren fertigt Marta neben den Stick­ar­bei­ten weiterhin Zeich­nun­gen an, darun­ter eine Reihe von Selbstporträts, die heute als kleine Meisterwerke gelten. Wieder zeigen sich im Zusammenleben und der Arbeitsteilung im neuen Haushalt die großen Unterschiede im Naturell der Beiden, die nun schon fast fünf Jahrzehnte  in einer Partnerschaft zusammenleben.

In den finalen Lebensjahren des Paares liegen Freud und Leid oft nahe beieinander: Reisen, Ehrungen für Wilhelm zum 75sten und sein Abschied von der Kunstgeschichte, aber vor allem Krankheit und Tod beherrschen sie, auch als Thema in Martas Arbeiten. 1962 stirbt der Schwiegersohn Hans Schad, im Jahr darauf Fritz Sternberg. Trotz Lungenentzündungen und chronischen Gelenkschmerzen zeigt sich Marta tapfer und arbeitet weiter an ihren Stickereien und Zeichnungen. Die letzte entsteht nur Monate vor ihrem Tod.

Am 16. März 1965  findet sie ihren Mann nach einem Schlaganfall bewusstlos vor. Vierzehn Tage später stirbt er zu Hause. Baucis, so hat Wilhelm sie im Alter immer genannt,  folgt ihrem Philemon am 27. Oktober 1965 nach einem Herz­ver­sa­gen. Die im Schwabinger Krankenhaus erstellte Diagnose "Lungenkrebs" hat sie nicht mehr erfahren.
"Was soll mit diesen meinen Zeichnungen nach meinem Tod geschehen? Ich schlage vor, sie alle zu vernichten. Ihren Zweck haben sie erfüllt durch die Freude, die ich während der Arbeiten empfand. Die war nämlich nicht gering," hat sie zwei Jahre zuvor ihren Töchtern vorgeschlagen.
Die haben sich nicht daran gehalten, und Lucinde Sternberg - Worringer hat mit dem Einverständnis der Familie ihrer verstorbenen Schwester den künstlerischen Nachlass ihrer Mutter dem Bonner August - Macke - Haus vermacht, welches schon 1993 Arbeiten von Marta Worringer in einer Ausstellung über "Rheinische Expressionistinnen" gezeigt hat. Das Macke - Haus verfügt heute, ergänzt um einige andere Schenkungen, über das größte Konvolut der noch nachweisbaren 174 Arbeiten Marta Worringers. Mit einer umfassenderen Retrospektive 2001/02 hat das Haus versucht, die Künstlerin dem völligen Vergessen zu entreißen. Zuletzt ist eine Malerei von ihr 2019  in der Ausstellung "zu schön, um wahr zu sein. Das Junge Rheinland" im Museum Kunstpalast in Düsseldorf zu sehen gewesen.

Bei der Beschäftigung mit Marta Worringer hat mich dennoch mehr  als ihre Kunst - Zugang habe ich eher nur zu ihren Stickereien und Selbstporträts - die Art & Weise beschäftigt, wie sie mit ihrem Mann Deutschlands dunkle Jahre erlebt und überlebt hat. Verglichen habe ich das oft mit den Erfahrungen anderer, dem Bildungsbürgertum nahestehender Frauen wie Marie Kahle, Maria Caspar Filser oder Elisabeth Schumacher.






*Die Zitate sind, wenn nicht anders vermerkt, dem Buch "Die Worringers" von Helga Grebing entnommen

Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    Marta Worringer war mir auch unbekannt. Wieder ein sehr beeindruckender Lebenslauf. Mir gefallen auch die Bilder, ich finde sie sehr ausdrucksstark.
    Danke für diesen interessanten Post.
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Restwoche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

    P.S. Ich frage mich, ob das Wort "Malweiber" damals auch schon so abwertend war, wie es heute klingt. Wenn das so gewesen ist, dann ist es noch beeindruckender wie unbeirrt, diese Frauen ihren Weg gegangen sind.

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    1. Du hast recht, hinter dem Begriff steckt sehr viel Abwertung. Ich hab ihn einfach mal als historischen Begriff verwendet, ohne darauf weiter einzugehen.
      Einen guten Tag!

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    2. Die Hiddenseer Malweiber haben den Begriff für sich selbstbewusst übernommen...

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  2. Was für ein Portrai, wiedereinmal. Diese Selbstbildnisse und die Stickerei! Wunderschön. Und was für ein rastloses Leben. Immer, wenn Du Frauen aus dieser Zeit portraitiers, denke ich an meine Verwandschaft aus dieser Zeit, teilweise auch mit sehr ähnlichen Lebensläufen, (na ja, nicht so späktakulär natürlich). Und so viel mutiger, als wir.
    Danke Dir!
    Liebe Grüsse
    Nina
    (die jetzt ganz dringend wieder in s August Macke Haus muss)

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  3. Wie schön, dass Du selbst auch Neuentdeckungen machen kannst. Hier hast Du einen interessanten und spannenden Beitrag geleistet, um Marta Worringers Werk und Leben vor dem Vergessen zu bewahren.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Atemlos, unterbrochen von der überraschenden Heimkehr des Gefährten einen Tag verfrüht ins Wochenende, habe ich jetzt gelesen... Ein faszinierendes spannendes Porträt ist dir wieder gelungen und es steht für mich ganz in Beziehung zum gestrigen Besuch in der Alten Nationalgalerie in Berlin, zur Ausstellung: "Kampf um Sichtbarkeit", dem Bestand der Bildenden Kunst von Frauen in dem Museum gewidmet. War mit einer Freundin dort, so interessant und berührend... Liebe Grüße Ghislana

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  5. Das Auf und Ab einer Beziehung und der ständige Ortswechsel, wie toll, dass sie so kreativ bleiben konnte und dann noch in einer sehr schwierigen politischen Zeit.Das war nicht jedem vergönnt.Es zeigt auch wieder wie wichtig eine stabile Säule ist in der Partnerschaft.Ich finde ihre Arbeiten sehr gut und bin traurig, dass man sie so wenig kennt, erst recht, da sie jemand ist, die zu Lebzeiten auch gut verkauft hat!
    Die Berliner Ausstellung will ich auch noch sehen!
    Danke! viele Grüße, Karen

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  6. die geschichte von martha worringer habe ich verschlungen. du hast sie so an- und aufregend vermittelt, dass ich nicht aufhören konnte. schade nur, dass es so wenig arbeiten von ihr zum anschauen gibt (hab nochmal gegoo+elt). da kann man nur hoffen, dass ihr erneut eine ausstellung gewidmet wird.
    wunderbar fand ich übrigens ihren satz, der bei fembio zitiert wird: »Ich bin nie erstaunter, als wenn mich die Leute (in Gedanken an mein Alter) fragen: malen Sie auch jetzt noch? Erstaunt darum, weil ich mich trotz meiner 67 Jahre so ganz am Anfang des Eigentlichen fühle.«
    liebe grüße
    mano

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  7. irre ich mich oder werden deine frauenposts länger? dieser hier ist unglaublich ausführlich. was ein leben. was frauen immer wieder stemmen, leicht lebensuntaugliche männer, umzüge en masse, kinder bekommen und aufziehen, krieg und verluste - und dennoch, immer noch, immer wieder immer noch, das tief verankerte bedürfnis kunst zu schaffen. oder nicht "dennoch" sondern allem zum trotz? bewundernswert. liebste abendgrüße eva

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    1. Da hast recht. Ich fand es schwierig, die Lebensverläufe der beiden Partner zu trennen, die in einem Buch erzählt worden sind. Und dann hatte ich kaum Zeit zum Überarbeiten. Das nächste Porträt scheint sich auch wieder zu ziehen...
      Hoffentlich liest noch eine...
      LG

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  8. wow
    diesmal musste ich in zwei Etappen lesen
    wierder so ein "pralles" Leben
    es ist wirklich erstaunlich was diese Frauen alles unter einen "Hut " gebracht haben
    heute jammern manche Frauen schon dass sie Beruf .. Kind und Haushalt nicht bewältigen
    es wird einem fast schwindelig von den vielen Ortswechseln und damit verbundenen Gewöhnung an neue Lebensumstände

    "Was soll mit diesen meinen Zeichnungen nach meinem Tod geschehen? Ich schlage vor, sie alle zu vernichten. Ihren Zweck haben sie erfüllt durch die Freude, die ich während der Arbeiten empfand. Die war nämlich nicht gering," hat sie zwei Jahre zuvor ihren Töchtern vorgeschlagen.
    diesen Ausspruch finde ich beeindruckend
    Sie hat zwar verkaufen müssen um Geld zu verdienen
    aber sie hat zur eigenen Freude gemalt

    es erinnert mich an meine Mutter die bis zu ihrem Tod unermüdlich gemalt hat

    danke für das ausführliche Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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