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Dienstag, 7. Juli 2026

Bauhaus - Chromophobia? Nein danke!

Anlass für diesen Post hat mir gegeben einmal ein Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" ( "Ein Land ergraut" ), zum anderen mein Besuch im Kolumba Museum und ein Text im aktuellen Museumsführer desselben...


Im Zeitungsartikel wie im Museumsführer wird auf ein großes Missverständnis der Bauhaus - Kultur aufmerksam gemacht:

"Das typische „Bauhaus-Weiß“ der Moderne, auf das viel zu oft rekurriert wird, ist übrigens ein ideologischer Irrtum: Gropius, Taut und Le Corbusier waren in Wahrheit Farbfantasten – wie heute nur noch Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch als Heroen einer endlich wieder farbigeren Architektur", heißt es da. 



Und im Museumsführer zum Raum 11:

"Es widerlegt das Klischee des 'White Cube', da es ausgerechnet Bauhaus - Künstler waren, die dazu beitrugen, dass Farbe das beherrschende Thema der Malerei des 20. Jahrhunderts wurde. Laszlo Moholy - Nagy schrieb 1925 "dass das 'Thema ' farbiger Gestaltung die Farbe selbst ist, dass man damit, ohne gegenständliche Beziehung zu einem reinen, primären, einem gestalteten Ausdruck gelangen kann'."

Im Museum geht dieser Raum von einem Bild des Bauhaus - Meisters Josef Albers aus und fokussiert sich bei den ausgestellten Bildern & Objekten auf Gelb und Orange, die sich im Fundus des Museums finden ließen. Die Kuratoren empfinden den Raum als eine ästhetische Werkstatt und zeigen, dass Fragen der Gestaltung jeglicher Dinge auch immer mit Farbe verbunden sind.


Besucher*innen der Bauhaus-Siedlungen in Dessau machen die Erfahrung, dass die Häuser der bekannten "Namen", also die sogenannten Meisterhäuser, ganz schön farbig sind: Von Weiß und Schwarz bis zu Rosa, Gelb oder auch Gold und Silber. Im Haus Feininger wurden sogar über 40 verschiedene Farbtöne eingesetzt! Haus Anton in der Bauhaussiedlung Dessau - Törten zeigt den Originalszustand und ist auch von den Farben her eine Überraschung. Ein weiteres Beispiel ist das Haus Auerbach ( auch W33 genannt ) in Jena, von Walter Gropius, dem Bauhausgründer, geplant. Dort wurden keine Primärfarben, sondern sog. verhüllte Farben und Pastelltöne eingesetzt, womit ein weicherer Farbklang entstand, dem kräftige Töne entgegengesetzt wurden.


Mein heutiges Plädoyer für die Farbe greift mal wieder thematisch ähnliche Posts hier im Blog auf, weil ich irgendwie einen Zusammenhang sehe zwischen dem gedanklichen Mehltau, der sich über unsere Gesellschaft zu legen droht, und dem äußeren Farbbild unserer Städte in Stahlgrau, Zementgrau, Asphaltgrau. Farblose Wände, versehen mit Schießscharten als Fensterformen, wie es die aktuelle Architektur bevorzugt. Ein bisschen Farbpsychologie tut not. Bleibt die Hoffnung, dass die Politiker im Neubau "Luisenblock West", geplant von Louisa Hutton und Matthias Sauerbruch, von der Farbe stimuliert werden und endlich den mentalen Grauschleier durchdringen.

Die Fotos sind bei meinem Besuch im Museum vor einer Woche entstanden.

                                                                   
Verlinkt mit dem Creativsalat

 

Samstag, 6. Juni 2026

Meine 23. Kalenderwoche 2026

 "Selbst objektiv ausgewogene Berichterstattung 
wird von Menschen, 
die eine starke Meinung zu einem Thema vertreten, 
als einseitig, da gegen die eigene Meinung 
gerichtet wahrgenommen."
Gutachten der Ludwig-Maximilians-Universität München 
und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
"Vertrau mir, 
bleibt eine erstaunlich schwache Beweiskette.
.....
Das ist ungefähr die Beweiskraft von 
'Man sieht Rauch, also muss irgendwo ein Drache wohnen'".
Tom Wannenmacher
"Dafür, wie die Menschen die Politik bewerten, 
ist die subjektive Zufriedenheit oder Unzufriedenheit
 ausschlaggebender als die tatsächliche Situation vor Ort."
Melinda Fremerey, Ökonomin
"Einmal im Leben das Selbstbewusstsein 
eines durchschnittlichen Mannes haben - ein Traum!"
caro.ausdiemaus


Wenn es so warm ist wie zuletzt am vergangenen Samstag ( 27°C ), dann bevorzuge ich den Aufenthalt in meinem Gehäuse und mache mir die Salate, die schon vor dreißig Jahren in der Hitze der Provence geschmeckt haben. ( Am Abend vorher hatte ich schon mit Freunden in der Schwüle genug auf dem Plätzchen geschwitzt. )

So ein kühles Wässerchen direkt am Haus wäre mir am liebsten gewesen


Da der Taupunkt sehr hoch war (17°C) wurde es klimatisch auch am Sonntag nicht besser, und ich hab mich weiter nach drinnen verdünnisiert und gelesen. Jane Austens "Mansfield Park" war letztendlich so spannend, dass ich bis drei Uhr nachts drangeblieben bin. Lukullische Genüsse bietet diese Jahreszeit allerdings mehr als genug ( abends auch zwei Mal in dieser Woche Spargel. Noch sind es elf Tage bis Johanni ).


Mit meinem Bruder hatte ich am Pfingstwochenende ein sehr langes Gespräch. U.a. ging es auch darum, wie unterschiedlich wir uns entschieden haben zu leben. Ihm ist die Großstadt ein Gräuel & am liebsten würde er auf dem Lande ganz in der Natur wohnen. Ich hingegen liebe meine Stadt und würde nie wieder woanders sein wollen. Erstaunlich, kommen wir doch aus dem gleichen Nest!



Klar, mag ich auch mein Grün in meinem Garten oder inmitten meines Veedels, aber ich mag auch das Häusermeer, die Schaufenster, die unterschiedlichsten Menschen. Und darüber weiß-blauen Himmel. -


Blau - die Monatsfarbe bei niwibo - ist auch das hübsche Tablett mit einem Motiv von Hilma af Klint, welches mir Sieglinde/da sempre geschenkt hat. Meinen herzlichsten Dank! Passt!


Und während ich die Kölner Gotik betrachtete, wandelten meine Enkelinnen auf barocken Pfaden - äh: Treppen - nämlich der von Balthasar Neumann in der Würzburger Residenz. Sie überbrachten meine Grüße an meinen venezianischen Lieblingsmaler des Rokoko.


Kein Tag ohne Schauer und/oder Gewitter und Temperaturen rund um 20 Grad.


Freude machten mir die Ferienfotos aus Mainfranken und das üppige Grün in der Köln-Bonner-Bucht.



( Ich blieb in dieser Woche draußen immer gerne in Wohnhausnähe bei der täglichen Neigung zu Regenschauern. )



Einen größeren, angedachten Monatsspaziergang zu Fronleichnam habe ich mir wegen der Wetterprognosen letztendlich verkniffen und mir es zu Hause mit meinem Buch gemütlich gemacht, nachdem ich am Morgen eine kleine Spazierrunde eingelegt hatte. War dann aber (un-)wettermäßig alles halb so wild. Beachtlich, dass die Frau, die alles besser weiß, 270 km weiter südlich von hier, übers hiesige Wettergeschehen postet.

Angesehen habe ich mir abends noch den Film "Sinn und Sinnlichkeit" von 1995 - memories are made of this.

In dieser Woche besonders virulent war in der Stadtgemeinde die Ankündigung des Domkapitels, ab Juli zwölf Euro Eintritt beim Besuch des Kölner Doms zu erheben. Anfangs habe ich das Thema so ganz salopp genommen und verkündet, ich schenke meinen Kindern eine Mitgliedschaft im Dombauverein, dann können sie umsonst rein, und ich unterstütze noch was Gutes. Dieses, mein Vorhaben ist nicht vom Tisch. Aber die Sache ging mir weiter im Kopf herum und lag auch schließlich im Magen. Dann las ich einen Beitrag des operativen Geschäftsführers bei DuMont, Oliver Eckert. Und der traf für mich am Freitag in meiner Tageszeitung genau den passenden Ton:


"Selbst diejenigen, die seit Jahren keine Kirche mehr von innen gesehen haben, würden niemals sagen: "Der Dom geht mich nichts an." Weil er eben nicht nur der Kirche gehört. Er gehört zur Identität der Stadt. Der Dom ist Eigentum des Domkapitels. Aber Heimat der Kölner. Jeder Kölner weiß: Der Dom ist mehr als die Zeit zwischen zwei Messen. Man geht hinein, um für einen Moment zur Ruhe zu kommen. Man zündet eine Kerze an. Man setzt sich auf eine Bank. Man schaut nach oben. Man erinnert sich daran, dass es Dinge gibt, die größer sind als man selbst. (... ) Für eine Sehenswürdigkeit kauft man ein Ticket. Für Heimat nicht."
Täglich kommen 20.000 Besucher in den Dom, sechs Millionen pro Jahr derzeit. Da ist viel Trubel, die Leute flanieren, sich lautstark unterhaltend, und - wie woanders auch üblich - machen Selfies und Gruppenfotos. Schön finde ich das auch schon länger nicht mehr. Auch unglaublich, was da an Dreck jeglicher Art hinterlassen wird. 




Ich habe in den fast fünfzig Jahren, die ich in der Domstadt zu Hause bin, den Dom auch immer als spirituellen Ort für mich wahrgenommen. Da hat mich dieser Tumult dort zusehends gestört, zugegebenermaßen, und ich kann verstehen, wie es die Menschen in Amsterdam, Barcelona oder Venedig nicht mehr auszuhalten vermögen. Tourismus wird schon zu einer Plage... Ich hab natürlich gut reden, ich spiele da ja kaum noch mit. Aber wie sagt Eckert: Der Dom ist Heimat.





Verlinkt mit dem Samstagsplausch, mit "Niwibo sucht...", den Glücksmomenten bei Annette/ Augensternwelt, dem Mosaic Monday, den "Sonntags Top Sieben" bei Anni und mit Nicoles/Frau Frieda "Plausch am Gartenzaun"  


Sonntag, 17. Mai 2026

Monatsspaziergang Mai 2026

Im November des vergangenen Jahres hatte ich meinen Beitrag zum Monatsspaziergang mit einem Foto auf die Siedlung, die ich diesmal aufgesucht habe, eingeleitet. Es geht also wieder auf die Schäl Sick, genauer nach Köln-Buchforst. Und diesmal ist mein Ziel die Siedlung "Weiße Stadt" auf der anderen Seite, also südlich der Heidelberger Straße, gewesen.

1926 erwarb die Gemeinnützige Aktiengesellschaft für Wohnungsbau (GAG) große Flächen im "Kalkerfeld" zwischen Buchheim und Kalk. Nach dem "Blauen Hof", den ich in besagtem November vorgestellt hatte,  entstand nun südlich der Heidelberger Straße ab 1929 bis 1932 die Siedlung "Weiße Stadt". Geplant wurde sie wieder von den Kölner Architekten Wilhelm Riphahn ( der bei mir schon Kultstatus hat ) und Caspar Maria Grod. 

Die Beiden setzten nun in Köln ihre Erfahrungen mit der sogenannten Zeilenbausiedlung um, die sie bei einem Projekt in Karlsruhe-Dammerstock gemacht hatten. Dieses gilt bis heute als Schrittmacher des modernen Siedlungsbaus in Deutschland und wurde damals von Architekten und Kritikern überregional beachtet & diskutiert. 

Die fünfgeschossigen Häuser  in Buchforst wurden nicht in Reihen entlang einer größeren Straße errichtet, wie es damals noch üblich gewesen ist, sondern waren - daher der Name "Zeilenbauten"- frei im Gelände aufgestellt und nur durch kleine Sträßchen miteinander verbunden. Der Verkehr sollte weitgehend außerhalb des Wohngebietes bleiben.

Die Siedlung umfasst in Nord-Südrichtung annähernd rechtwinklig zur Hauptstraße gelegene fünfgeschossige Mehrfamilienhäuser, flach gedeckt und weiß verputzt sowie im rechten Winkel dazu Reihen von ein- und zweigeschossigen Einfamilienhäusern. Zur Heidelberger und Waldecker Straße schließen sich noch heute eingeschossige Ladenlokale an. Ein großer Platz am Kreuzungspunkt von Waldecker und Heidelberger Straße nahm Gemeinschaftseinrichtungen auf, darunter das 1932 erbaute - und 1945 zerstörte - Gemeinschaftshaus, mit Gaststätte, Kindergarten, Mütterberatungsstelle und Bücherei. Am anderen Ende des Platzes wurde, 1930 die katholische Kirche St. Petrus Canisius errichtet. Eine Aufnahme  vom historischen Zustand ist hier zu finden.

Durch die sägezahnartig gestaffelte Anlage der Häuserzeilen treten die Balkone als plastisches Element der Fassadengliederung besonders hervor und verleihen den Zeilen eine skulpturale Qualität, wie es meine Fotos auch festhalten. Gerade diese Art der Architektur reizt mich immer wieder beim Fotografieren. Riphahn/Grod reagierten mit diesem Konzept schon auf die verbreitete Kritik an der monotonen Gestaltung im Zeilenbau, die damals gerne geäußert wurde. 

Sie orientierten sich also weiterhin an den Prinzipien des "Internationalen Stils" und konzipierten würfelförmige Grundformen mit guter Belichtung und Belüftung für alle Wohnungen. Da sie sich auf wenige Haustypen beschränkt haben, war eine kostengünstige serielle Planung möglich. Hinzu kam, dass die Baustellenorganisation optimiert wurde, weil beim traditionellen Steinbau mit Ziegelsteinen sehr viel Material in die Brüche ging, durch ein neu entwickeltes Verfahren der "Rapidschalung" mit Lavabeton. Deshalb konnten die Häuser auch zügig errichtet und die Wände aufgrund der vergleichsweise guten Dämmeigenschaften des Materials dünn bleiben, was sich günstig auf Baukosten, Wohnraum und Mieten ausgewirkt hat.


Die "Weiße Stadt" bildete den Höhepunkt des avantgardistischen Siedlungsbaus in Köln. Zu dieser Zeit war es die modernste Siedlung in der Stadt und zog natürlich die Aufmerksamkeit der Kölner auf sich. Konservativen Kreisen gefiel sie gar nicht. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Architekturrichtung durch ein völkisch begründetes Siedlungsideal ersetzt. 

Eine Vielzahl der Gebäude der "Weißen Stadt" sind seit 2006 eingetragene Baudenkmäler im Denkmalverzeichnis der Stadt Köln. Zwischen 2006 und 2010 wurde die Siedlung komplett saniert und heutigen Anforderungen angepasst.

Zwischen den Gebäuderiegeln, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet waren, wurden Grünflächen und Vorgärten angelegt - große Flächen mit Rasen, Anlagen zum Wäschetrocknen und wunderbar großen Bäumen.

Aber anders als in den Siedlungen, die ich bis dato besucht habe, war es nicht möglich, die Gartenanlagen zu betreten.


Diese hier wirkte allerdings wenig einladend.


Das war hier schon etwas anders.


Die rund 580 Wohneinheiten waren damals schon bis zu 80 m² groß, ganz anders als beim gegenüberliegenden "Blauen Hof". Vermutlich waren die größeren Wohnungen vor allem für Beamte und Angestellte vorgesehen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Mieter sehr moderne Berufe hatten und für die Zeit sehr fortschrittlich waren. Sie arbeiteten beim Rundfunk oder am Flughafen, waren Bankbeamte, Studienräte oder Kriminalsekretäre. Auch allein lebende Frauen mit eigenem Beruf lebten in der Siedlung.









Die Geschäfte an der Heidelberger Straße sind heute verschwunden, die Pavillions sind teilweise leer. Ebenso fehlt der Buchforster Hof, der - zunächst im Zweiten Weltkrieg zerstört - später in das Erdgeschoss eines siebenstöckigen Hochhauses einzog, welches in den 1950er Jahren an der Hauptstraße neu errichtet worden ist. Übrigens wurde das Veedel erst nach der Fertigstellung dieser Siedlung im August 1932 in Buchforst umbenannt. 





Auch heute ist manchen zu viel Klarheit à la Bauhaus zuwider und dem wird Buntheit entgegengesetzt.


Am stärksten betrifft das die ein- bis zweistöckigen Einfamilien - Reihenhäuser, rechtwinklig zu den Wohnblöcken am südlichen Rand der Siedlung gebaut, die nicht im Besitz der Genossenschaft, sondern Privateigentum sind.


Da wird schon mal Bauhaus in Toskana umgewandelt.


Erfrischend empfand ich da die stupende Klarheit der ehemaligen Auferstehungskirche, ein 1968 eingeweihter, moderner evangelischer Kirchenbau mit Gemeindezentrum, gestaltet von den Architekten Georg Rasch und Winfried Wolsky. Die Kirche gilt als herausragendes Beispiel evangelischer Kirchenarchitektur der Nachkriegszeit und wurde im Jahre 1992 unter Einbeziehung der Hofbepflasterung unter Denkmalschutz gestellt. 

Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft GAG Immobilien übernahm 2012 die Trägerschaft und heute finden dort kulturelle Veranstaltungen statt ( "Kulturkirche Ost" ).

An der Stelle des ehemaligen Gemeindezentrums gibt es eine neue Bebauung mit stationären Heimplätzen, einer ambulanten Wohngemeinschaft für Demenzkranke und fünf behindertengerechte Wohnungen.


Die Katholische Pfarrkirche St. Petrus Canisius an der Ecke Cusanusstraße/Voltastraße wurde 1930/31 ebenfalls von den Architekten Wilhelm Riphahn und Carl Maria Grod erbaut. Das konsequent Moderne an der Kirche ist ihre städtebauliche Anbindung an die Siedlung, sie ist aber als Kirche stets erkennbar, die einzige übrigens in Köln im Bauhausstil. In den Jahren 1942 bis 1944 wurde sie zerstört. Den Wiederaufbau leiteten 1948 die Architekten Dominikus und Gottfried Böhm. Die Freifläche zwischen Kirche und Hochhaus an der Straßenkreuzung sieht inzwischen ziemlich verwahrlost aus.




Und damit man es ja nicht vergisst: M'r sein he en Kölle!

Diesen Monatsspaziergang bringe ich wieder nach Graz zu Heike...

                                                                             

Donnerstag, 22. Januar 2026

Great Women #444: Karola Bloch

Heute in meiner Serie eine Frau, die an diesem Tag ihren 121. Geburtstag feiern könnte und mit der zuletzt porträtierten Frau zeitweilig den Wohnplatz in der Weimarer Republik gemeinsam hatte. Erst mit ihrer Übersiedlung nach Tübingen 1961 tritt sie in den Schatten ihres Mannes. Vorher war dieser nur der Mann von Karola Bloch.
Łódź
(1900)
"Ich gehe zu jenen, die mich brauchen, 
nicht zu denen, die ich brauche."

Karola Bloch kommt also am 22. Januar 1905 als Karola Piotrkowska im russisch - polnischen Łódź zur Welt. Ihr Geburtstag ist der "blutige Sonntag", der als Fanal für die russische Revolution von 1905 angesehen wird. Ihre Familie ist jüdisch-polnisch, die während des Ersten Weltkrieges nach Moskau flüchten muss. Karola ist das dritte Kind des wohlhabenden Maurycy Piotrkowski, der eine Textilfabrik betreibt, und seiner Ehefrau Helena Engelmann. 1899 haben sie schon die Tochter Maryla bekommen, den Sohn Izio 1902 und einen weiteren Jungen, Dadek, 1907.

Polnisches Schtetl
Die Piotrkowskis sind keine orthodoxen Juden, pflegen aber jüdische Traditionen wie das festliche Essen am Freitagabend wie Sonnabendmittag und stellen den Leuchter mit brennenden Kerzen auf. 

Der Unterschied zwischen ihrer reichen Familie und den armen Juden macht dem Kind nachhaltig Eindruck: die Mutter im Winter im Pelzmantel, die Arbeiterinnen in der väterlichen Fabrik nur mit dunklen, wollenen Tüchern, die schlotternd schnell nach der Arbeit nach Hause laufen. Diese Wirklichkeit weiß sie mehr zu faszinieren als die Märchen, die ihr erzählt werden.

Der Wohlstand der Familie hat für Karola manchen Vorteil: So erhält sie Privatunterricht, auch im Zeichnen & am Klavier. Von den Gouvernanten lernt sie Französisch & Deutsch. In diesen Sprachen redet sie auch mit ihren Puppen, denen sie Gewänder näht. Die Familie reist im Sommer ins Ausland, besonders gerne nach Deutschland. Anschließend fällt ihr die Armut in Łódź jedoch noch mehr auf. Auch Aufenthalte bei den mütterlichen Großeltern auf einem Gut bei Warschau gibt es, die Karola liebt. Ihr Großvater wird immer ein polnischer Patriot bleiben, und das Mädchen Polnisch als ihre Muttersprache ansehen. Polnisch werden sie in der Familie auch während ihrer Zeit in Russland (1914-18) sprechen.

Dort in Russland besuchen Karola & ihre Geschwister russische Gymnasien, und sie erwirbt auch entsprechende Sprachkenntnisse, allerdings spricht sie immer mit polnischem Akzent. 1917 wird sie wegen einer Erkrankung aus der Schule genommen. Nun hat sie viel Zeit für die Kunst, besucht eine Musikschule, schreibt Gedichte, liest leidenschaftlich. Hunger muss die Familie nicht leiden und kann sogar im Sommer Urlaub im Kaukasus machen.

Der Ausbruch der russischen Revolution & die bolschewistische Machtergreifung fasziniert sie und ihre Brüder, und sie scheuen sich nicht, sich mitten ins Kampfgetümel zu begeben. Ihre Begeisterung, heimgekehrt nach Łódź, wird in der dortigen Schule gar nicht gut geheißen. Nach einem Pogrom in Lemberg 1919 fassen Karolas Eltern den Besuch des einzigen jüdischen Gymnasiums in ihrer Stadt ins Auge. Karola büffelt nun auch noch Hebräisch und erinnert sich später wohlwollend an ihre Zeit in dieser Schule, in deren Gemeinschaft sich der lebenslustige Teenager sehr aufgehoben gefühlt hat, obwohl sie die dort vertretenen zionistischen Ansichten nicht teilt.

Hochschule für bildende Künste Berlin
(1928)
1921 entscheidet der Vater, dass die Familie nach Berlin ziehen soll, warum auch immer, vermutlich aus Bildungsgründen. Karola & ihre Geschwister freuen sich, das arme Łódź hinter sich  lassen zu können. Die Fabrik mit 600 Arbeitern behält der Vater und pendelt ab da zwischen den Städten hin und her. 

Die Atmosphäre der Stadt, vor allem die künstlerischen Strömungen der roaring twenties, nehmen alle gefangen. Doch Karolas Deutsch ist nicht gut genug für ein Abitur. Da sie eh einen künstlerischen Beruf für sich anstrebt, geht sie zunächst auf die Kunstgewerbeschule, von der sie schließlich später auf die Hochschule für bildende Künste wechseln wird.

Zuvor nimmt sie Zeichenunterricht bei Ludwig Meidner, einem strenggläubigen Juden. Von ihm nimmt sie mehr als Zeichenkünste die Gespräche & deren Inhalte mit und macht die Bekanntschaft mit Johannes R. Becher, Alfred Wolfenstein und Hermann Stehr, alles Schriftsteller und alle politisch interessiert.


Die Siebzehnjährige stellt fest, dass sie mehr über die Philosophie wissen will und nimmt Unterricht bei einem deutschnationalen Juden, Kurt Sternberg. Verglichen mit diesen Bekanntschaften und den Gesprächen in Meidners Kreis findet sie den Unterricht an ihrer Schule fade, wo sich alles nur um Kunstgewerbe dreht. Lieber würde sie Architektur studieren, macht sie doch auch Bekanntschaft mit den Vorstellungen des Bauhauses.

In den Berliner Bohémien-Kreisen verliebt sie sich in Alfred Kantorowicz, Jurist, Schriftsteller, Publizist, jüdisch wie sie und fast sechs Jahre älter. "Meine Eltern waren mit meinem Auserwählten keineswegs einverstanden." Um sie nach einem veritablen Krach abzulenken, nimmt sie die Mutter mit zu ihrer Kur in Vichy und sie lernt Paris kennen. Nachdem ihr jüngster Bruder Dadek währenddessen in der Normandie unerwartet an einer Herzattacke stirbt, wird Karola lungenkrank. Die Ärzte empfehlen einen Klimawechsel, und sie nimmt diesen vor, indem sie zu einem Onkel von Kantorowicz in Berchtesgaden aufbricht. 

Der Aufenthalt dort bringt keine Heilung, und so reist sie zunächst in ein Sanatorium in Lugano, dann nach Menton an der Riviera, wo sie ihren 22. Geburtstag feiert. Der ältere Bruder begleitet sie auf dem Rückweg, auf dem sie Kantorowicz in Mannheim besuchen. Aus diesem Anlass trifft sie auch in einem Heidelberger Kaffeehaus auf den mit ihm befreundeten Ernst Bloch. 

Von links nach rechts: Alfred Kantorowicz, Ludwig Meidner ( Selbstbildnis 1920 ), Ernst Bloch
Ernst Simon Bloch  ist am 8. Juli 1885 in Ludwigshafen am Rhein in einer jüdischen Familie zur Welt gekommen. Der Vater arbeitet bei der Eisenbahn und hat kein Verständnis für die geistigen Interessen seines einzigen Kindes. Die Mutter ist da aufgeschlossener - wie ungewöhnlich ihr Sohn ist, nimmt sie allerdings auch nicht wahr. Ernst ist ein schlechter Schüler und findet erst Anschluss zu seinen Mitschülern, als er eine Klasse wiederholen muss. Das Abitur schafft er mit Ach & Krach, erdreistet sich aber, dennoch Philosophie studieren zu wollen. Ab 1905 tut er das an der Universität München im Hauptfach, in den Nebenfächern belegt er Physik, Germanistik und Musik. Anschließend wechselt er an die Universität Würzburg, wo er 1908 promoviert, um anschließend nach Berlin zu gehen. 1911 kehrt er in seine pfälzische Heimat zurück und lebt mit seiner Frau alternierend in Heidelberg und Garmisch. Als engagierter Gegner des Krieges schreibt er über pazifistische Utopien in der Schweiz und zieht 1917 mit seiner Frau in die Nähe der Siedlung Monte Verità von Ascona. Dort beendet er sein Werk "Geist der Utopie". Mit dem Kriegsende kehrt er nach München zurück, um in den 1920er Jahren wiederum in Berlin als freier Journalist ohne feste Anstellung  zu leben. Zu seinem Freundeskreis gehören Bertolt Brecht, Kurt Weill ( siehe auch dieser Post ), Theodor W. Adorno und Walter Benjamin ( siehe auch dieser Post ) sowie Fritz Sternberg ( siehe dieser Post ).
Fasziniert lauscht Karola Blochs Erzählungen, bei schönstem Frühlingswetter oben auf dem Berg überm Neckartal auf einer Terrasse sitzend. Beeindruckt ist sie auch von seinen Berichten über seine große Liebe Else, eine Bildhauerin & seine erste Frau, die nach acht Jahren Ehe 1921 bei einer Operation gestorben ist. Von seiner zweiten Ehefrau, einer Malerin in Berlin, lebt er nun getrennt in seiner Geburtsstadt Ludwigshafen.

Ab da trifft sich Karola täglich mit dem zwanzig Jahre Älteren, sie erzählen sich ihr Leben, sie lernt seine Freunde kennen, und sie stellen fest, dass sie sich lieben. Karola trennt sich von Kantorowicz, der nach Paris geht; Bloch geht nach Positano, und Karola muss nach der Rückkehr nach Berlin feststellen, dass ihr elterliches Zuhause wieder in Łódź ist: "Ich wurde aus allem herausgerissen, was für mein Leben bedeutungsvoll geworden war." Immerhin pochen die Eltern nicht auf einer arrangierten Ehe wie bei der älteren Schwester, sondern ermöglichen ihr, den Sommer mit Bloch in Positano zu verbringen. Vorher hat sie - wieder einmal - eine neue Sprache erlernt, diesmal Italienisch.

Im Herbst kehrt sie wie geplant aus Italien nach Berlin zurück. Sie wohnt bei einer Freundin, Bloch nimmt sich ein möbliertes Zimmer. Sie lernt nun seinen oben erwähnten Berliner Freundeskreis kennen. Das nun folgende Jahr wird spannungsreich, schließlich erfährt Karola eher beiläufig, dass ihr Herzensmensch Vater einer Tochter aus einer Affäre vor ihrer Kennenlernzeit geworden sei. Sie selbst ist unzufrieden mit ihrer Situation ohne Beruf und beschließt letztendlich, in Wien Architektur zu studieren. Also trennt sie sich von Bloch und holt das Abitur am Döblinger Realgymnasium nach. Nachhilfe in Mathematik erhält sie von einem jungen Mann, mit dem sie bald "ein reizendes Liebesverhältnis" verbindet. "Ernst hatte ich darüber nahezu verdrängt." Im Herbst 1929 kann sie sich mit der Matura in der Tasche an der Technischen Hochschule einschreiben. Sie ist jetzt bald 25 Jahre alt.

Anfang Dezember des Jahres taucht Ernst Bloch überraschend in Wien auf. Karola will die alte Beziehung nicht wieder aufnehmen, aber "er bezauberte mich aufs neue, so daß ich glücklich war, ihn in Wien zu haben." Ihr Studium kommt ihr etwas altmodisch vor, obwohl die moderne Architektur in Österreich eigentlich hervorragend vertreten ist. Nach einem schönen gemeinsamen Sommer im Land, in dem sie beide schwimmen lernen und zusammen wohnen, gehen sie dann doch aus Studiengründen gemeinsam nach Berlin zurück. Dort beginnt Karola sich auch zunehmend politisch zu engagieren, zunächst vor allem an der Technischen Hochschule. Bald zieht das Paar nach Wilmersdorf in die dortige Künstlerkolonie ( siehe auch der Post zu Dinah Nelken ), wo sie im "Roten Block" am Laubenheimer Platz ein Quartier gefunden haben - "eine erfreuliche Gemeinschaft", so Karola.

Nachdem ihr früherer Geliebter Kantorowicz der kommunistischen Partei beigetreten ist, unternimmt Karola 1932 einen ebensolchen Schritt. Sie sieht in der kommunistischen Bewegung die einzig starke Kraft, die vielleicht den Nationalsozialismus aufhalten kann. Studium & politische Arbeit kosten sie viel Energie, zumal sie auch dazu noch mit Bloch über seine Arbeiten - er arbeitet u.a. für Ossietzkys "Weltbühne" - diskutiert und ihn bekocht. Ein Italienurlaub soll Erholung & Inspiration für ihr Studium bringen. Im Mai 1932 wieder in Berlin fordern die politischen Entwicklungen von Karola noch mehr Einsatz in sogenannten Agit-Prop-Gruppen, die immer wieder gefährlichen Attacken durch die Nazis ausgesetzt sind. Auch theoretisch bildet sie sich in den sogenannten Masch-Schulungen weiter. Dabei lernt sie George Lukács, den marxistischen ungarischen Philosophen kennen, mit dem Ernst Bloch einst in Heidelberg guten Kontakt gehabt hat, in Bezug auf Literatur vertreten sie nun aber gegensätzliche Ansichten.

Von links nach rechts: Bruno Taut, Hans Poelzig, George Lukács


Was das Studium anbelangt, ist Karola sehr zufrieden, lernt sie doch bei Hans Poelzig & Bruno Taut, beide politisch fortschrittliche Menschen, die von den Nazis als "Kulturbolschewisten" verunglimpft werden.

Nach dem Brand des Reichstages findet die schon im letzten Frauenporträt beschriebene Großrazzia in den frühen Morgenstunden des 15. März 1933 in der Künstlerkolonie statt. Karola hat zuvor verdächtige Bücher aussortiert und die Manuskripte ihres Lebensgefährten in zwei Koffern untergebracht, die ein Arbeiterfreund auf dem Speicher versteckt hat. Doch auch dort wollen die Vertreter von SA & Polizei nachschauen. Geistesgegenwärtig schließt Karola den Speicher von Peter Huchel, dem befreundeten Lyriker, auf, auf dem sie eine mittelalterliche Holzskulptur einer Madonna mit Kind abgestellt haben - die Manuskripte sind vorerst gerettet.

Ernst Bloch befindet sich zu diesem Zeitpunkt in Ludwigshafen, und es gelingt ihm, obwohl steckbrieflich gesucht, sich in die Schweiz abzusetzen, pikanterweise mit Hilfe einer nationalsozialistischen Philosophiestudentin, in die sich Ernst Bloch verliebt hat. Karola selbst, als Jüdin & Polin durchaus gefährdet, kann, mit einem Empfehlungsschreiben von Poelzig an die ETH Zürich ausgestattet, unbehelligt mit dem Zug in die Schweiz einreisen. Doch dort wird sie mit dem Schweizer Nationalismus & Antisemitismus konfrontiert und der empfohlene Professor entpuppt sich als Goebbels-Verehrer und der Vermieter der Wohnung in Küssnacht als Anhänger der Nationalen Front. 

Sie selbst muss noch einmal ihr Vordiplom - neben dem angestrebten Hauptdiplom - nachholen, muss also für beide Prüfungen hart arbeiten, betätigt sich aber auch wieder in einer marxistischen Studentengruppe. Einmal, nachdem sie ihre Handtasche in einem Obstladen in Ascona vergessen hat, werden sie und Ernst Bloch auf dem Bahnsteig verhaftet, verhört und nach Bellinzona ins Gefängnis gebracht, treffen ebenda allerdings auf einen sozialdemokratischen Beamten, der sie nach Zürich heimkehren lässt. Aber auch dort werden sie immer wieder von der Polizei kontrolliert.

Mitte Juli 1934 besteht Karola die Prüfung als Diplom-Architektin. Gleichzeitig erhält das Paar die Ausweisung aus der Schweiz zum 15. September. Ein Aufschub wird nicht eingeräumt, weil sie angeblich nicht genügend Gewähr für die Toleranzbedingungen bieten. Sie verleben zunächst noch einmal schöne Tage in den Bergen, dann reist sie zu ihren Eltern nach Łódź. Bloch überschreitet die italienische Grenze und lebt eine zeitlang am Comer See. Im Oktober des Jahres kommen sie wieder in Wien zusammen. Dort heiraten sie am 12. November vor einem Rabbi. Karola ist jetzt fast dreißig Jahre alt, Ernst Bloch fast fünfzig.

"Politisch gesehen war eine Emigration nach Österreich nicht sehr vernünftig. [...] Aber es war für uns nicht unangenehm dort. Niemand belästigte uns. Juden wurden nicht verfolgt, man gewöhnte sich an die illegalen Nazi -Demonstrationen. Wir fanden bald einen ungewöhnlich sympathischen Freundeskreis."

Dazu gehörte u.a. Elias Canetti ( siehe auch dieser Post ), Anna Mahler ( dieser Post ) und der Komponist Ernst Krenek & der Bildhauer Fritz Wotruba. Auch verkehren sie mit Franz Werfel & seiner Frau Alma Mahler - Werfel. Karola selbst arbeitet für einen Architekten an einem Entwurf für ein Wohnhaus für das Schauspielerpaar Attila Hörbiger & Paula Wessely. Letztere meint allerdings zu Karolas Chef, die sei doch wohl nur eine Attrappe im Büro, die doch nicht wirklich richtig arbeiten würde...

Auch sucht Karola wieder politisch Gleichgesinnte, und so kommt es, dass sie für Kurierdienste nach Polen angeworben wird, wo sie für die Sowjetunion nützliche Informationen über militärische Truppenbewegungen an polnische Offiziere weitergeben soll. Ihr frisch gebackener Ehemann respektiert ihre prosowjetische Einstellung samt Praxis, ist aber beunruhigt. Schließlich greift das Paar den Vorschlag von Freunden auf, nach Paris zu emigrieren. Vorher wird aber noch Europa bereist, Dubrovnik ( wo sie am Strand auf ein Foto mit Hermann Göring gelangen ) und Venedig. Dort empfangen sie schließlich das Geld von Blochs Verleger, so dass sie nach Paris aufbrechen können.

Dort sind sie wieder im Hotel "Helvetia" mit den Freunden & Genossen aus der Wilmersdorfer Künstlerkolonie vereint, was Karola gut gefällt. Bloch kann Vorträge halten, und sie für den Architekten Auguste Perret arbeiten ( Le Corbusier wäre ihr allerdings lieber ). Sie, die immer Sozialen Wohnungsbau studiert hat, muss ein großes Wohnhaus für einen reichen Ägypter in Kairo planen. Politisch arbeitet sie für die "Rote Hilfe", saarländische Linke betreuend, die nach der Volksabstimmung 1935 das Land verlassen müssen. 

Während ihr Ehemann im Sommer 1936 in Sanary-sur-Mer bei den anderen deutschen Exilanten wie den Brüdern Mann weilt, nimmt ihr Parteikollege vom Nachrichtendienst wieder Kontakt mit ihr auf, und sie geht mit einem gefälschten Pass auf die Reise durch Nazideutschland nach Polen mit neuen Informationen auf Mikrofilm. Schließlich meint dieser Genosse, der Partei sei sie nützlicher, wenn sie nach Prag umzöge. Nach eingehenden Beratungen übersiedelt das Paar trotz etlicher Bedenken in die tschechische Hauptstadt. Der Aufenthalt dort entpuppt sich glücklicherweise als weniger bürokratisch & entspannter als in Frankreich. Außerdem: "Die Schönheiten in Prag waren auf kleinem Raum konzentriert", so Karola. Und sie können sogar ihre eigenen Möbel aus Berlin speditieren lassen, Flügel, Barockschrank & Perserteppiche...

Links: Friedl Dicker-Brandeis, rechts das Ehepaar Bloch mit Sohn Jan
(1937)
Karola lernt Friedl Dicker-Brandeis, eine Wiener Malerin & Architektin, ebenfalls Mitglied der kommunistischen Partei & Jüdin, kennen, und beide eröffnen gemeinsam ein kleines Büro und erledigen Umbauten oder Inneneinrichtungen. Natürlich sind ihre nachrichtendienstlichen Aktivitäten von Prag nach Polen leichter zu bewerkstelligen. 

Aber die unselige politische Entwicklung in Europa schreitet voran. Und: Karola wird schwanger, zu beider Freude, erleidet dann aber eine Fehlgeburt. Eine weitere Schwangerschaft kann die inzwischen 32-jährige nur liegend durchstehen. Architektonische Zeichnungen kann sie allerdings im Bett erstellen. Ihre Kollegin geht dafür auf die Baustellen. 

Am 10. September 1937 kommt Sohn Jan Robert zur Welt. "Daß Ernst eine so starke Beziehung zu dem Kind haben würde, hatte ich nicht erwartet." Ihr selbst erscheint der Junge - "Herr Meier" genannt - wie ein Wunder, und sie beginnt Tagebuch zu führen - über viele Jahre hinweg ( dieses Buch muss sie später in Leipzig zurücklassen ). Der Freund Hanns Eisler, bereits auf dem Weg in die Emigration in die Staaten, wird dem Baby dort eine Kantate schreiben.

1938 kommen immer mehr deutsche Emigranten aus der Sowjetunion zurück und flüchten vor dem sicheren Tod im deutschen KZ in die Tschechoslowakei. Die vorangegangenen Moskauer Prozesse ( siehe z.B. diesen Post ) gegen Emigranten entsetzen das Paar und sie können sich das Ganze nicht erklären. Ernst Bloch versucht anhand des Buches "Moskau 1937" von Lion Feuchtwanger das Geschehen nachzuvollziehen. Seine anschließend verständnisvolle Haltung zu diesen Prozessen unter Stalin belastet einige seiner Freundschaften schwer, so auch das Vertrauensverhältnis zu Theodor W. Adorno. Immerhin kann Karola ihren Mann davon abbringen, selbst nach Moskau ins Exil zu gehen.

Nach dem "Anschluss" Österreichs ist dem Paar klar, dass die Tschechoslowakei das nächste Opfer Hitlerdeutschlands sein wird. Doch ist ihnen auch klar, dass eine Flucht mit einem Säugling von einem halben Jahr schwierig sein dürfte. Dennoch spricht Karola beim amerikanischen Konsul vor & erfährt, dass sie ein sogenanntes Affidavit brauchen. Sie versucht, das benötigte Geld von ihrem Vater zu erlangen, was aber in Polen nicht mehr genehmigt wird. Aber er kann eine Überfahrt auf einem polnischen Schiff bezahlen. Ernsts Verleger Walter Feilchenfeldt, im Exil in den Niederlanden, stellt  schließlich die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung. Über das polnische Gdynia können die Blochs am 3. Juli 1938 ausreisen. Karola wird ihrer Familie am Pier das letzte Mal zuwinken: Alle werden 1943  im Ghetto bzw. im KZ Treblinka ermordet werden.

25 Tage später kommt die "Piłsudski", ein frisch in Dienst gestelltes Transatlantik-Passagierschiff  einer polnischen Reederei, in New York an und bleibt feierlich vor der Freiheitsstatue liegen. Ernst Bloch wird erst viel später vollständig begreifen, was seine junge Frau vollbracht hat. In der Widmung zu "Tendenz – Latenz – Utopie" von 1978 heißt es: "Für meine Frau Karola, Mann und Werk vor den Nazis rettend"

Sie müssen nicht ins Aufnahmelager und werden stattdessen von Freunden, darunter Hanns Eisler, direkt in Empfang genommen. Die haben sogar schon ein kleines Ferienhaus am Hudson River für sie, ganz in ihrer Nähe, angemietet  - die Blochs landen also nicht in der absoluten Fremde! Nach dem 1. Geburtstag von Jan übersiedeln sie allerdings nach Riverdale im New Yorker Stadtbezirk Bronx. Nun muss nur die finanzielle Lage auf sichere Beine gestellt werden. Doch Ernst Bloch bekommt im Wissenschaftsbereich keine Stelle, ist er doch als Kommunist bekannt. 

Mit ihrem Sohn in Riverdale
Sommerhaus in Andover/New Jersey
(1940)
Karola betätigt sich zunächst als Versicherungsagentin, arbeitet dann schlecht bezahlt in einem Architekturbüro, bevor die Planung und Bauleitung eines Sommerhauses in Andover/New Jersey in ihre Hände gelegt werden. 1940 ziehen sie nach Cambridge/ Massachusetts. Dort arbeitet sie auch als Kellnerin, Katalogillustratorin für eine Holzfabrik und erst ab 1942 bis 1949  kontinuierlich als Architektin. Mit ihrer Tätigkeit sichert sie der Familie das materielle Auskommen, denn Ernst Bloch beherrscht nicht einmal die englische Sprache, um dazu beitragen zu können.

Während der elf Jahre in den Vereinigten Staaten lebt er überaus zurückgezogen, betreut den gemeinsamen Sohn sowie den Haushalt und schafft an seinem dreibändigen Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung", in dem der Philosoph seine Erwartung auf eine Welt formuliert, in der die Entfremdung des Menschen von Gesellschaft und Natur überwunden sein wird. Das Werk wird 1949 in der DDR, 1959 in der Bundesrepublik Deutschland erstmals erscheinen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1949, erhält Ernst Bloch dann einen Ruf als Professor an der Universität Leipzig. Erwartungsvoll geht Karola in der Hoffnung auf ein besseres Deutschland mit ihm & dem Sohn nach Leipzig, die Erfahrungen ihrer Familie mit der Shoah im seelischen Gepäck.

Bei der Deutschen Bauakademie
(1950-55)


Sie selbst kann als Architektin an der Deutschen Bauakademie arbeiten. Dort entwirft sie Standardpläne für Kindergärten und Kindertagesstätten. In diesen Jahren des Aufbaus entstehen in der DDR rund 8.000 Kindertagesstätten, viele davon nach Karolas Entwürfen. Sie ist beispielsweise 1953 Beraterin für das Vorzeigeprojekt des Kinderwochenheims "Zukunft der Nation", zwei Gebäude der Leipziger Baumwollspinnerei, die heute unter Denkmalschutz stehen. Ganz im Sinne der Architekturmoderne, den Ideen des Bauhauses, versucht Karola bei ihren Typen-Entwürfen das Ziel, kindgerechte Welten zu planen. Sie will die Grundrisse der Einrichtungen zum Wohl der Kinder, aber auch zum Wohl des Betreuungspersonals optimieren. Dazu nutzt sie den interdisziplinären Planungsansatz, den sie einstens bei Bruno Taut kennengelernt hat und den sie sehr schätzt.

Doch mit ihrem Festhalten daran macht sie sich nicht immer beliebt: Sie versteht die Kultur des Neuen Bauens auch als Grundpfeiler bei der Schaffung des neuen Menschen. Die DDR-Führung bevorzugt hingegen eher traditionelle, repräsentative Bauten. Ihrem Schweizer Architektenfreund Hannes Meyer, einst Meisterarchitekt am Bauhaus Dessau, rät Karola aufgrund dieses Widerspruchs ab,  auch in die DDR zu ziehen. 

1956 erhält sie ein teilweises Berufsverbot und muss die SED ( Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ) verlassen - ausgerechnet in ihrem Jubiläumsjahr nach 25jähriger Parteizugehörigkeit! Auch aus der Deutschen Bauakademie wird sie ausgeschlossen, weil sie die Frau Ernst Blochs ist. Damit ist ihre Tätigkeit als Architektin endgültig Geschichte. Selbstredend wird sie mit ihrem Mann auch von der Stasi überwacht.

Anders, als später oft dargestellt, ist es die Architektin Bloch gewesen, die die SED kritisiert, die sich für Flüchtlinge einsetzt, die vor Stalin geflohen sind, der SED "roten Faschismus" vorwirft und nach Denkmälern für diese Stalinopfer ruft, während ihr Mann Stalin noch publizistisch eine Verbeugung zollt und 1955 den DDR-Nationalpreis entgegennimmt. Er scheint zum Staatsphilosophen der DDR avanciert zu sein. Erst als er seine Wertung Stalins korrigiert, seinen Irrtum eingesteht und seine humanistische Freiheitsidee weiter lehrt, wird er 1957 aus politischen Gründen - "Revisionist", "Pirat unter falscher Flagge" - keineswegs wegen seines Alters von 72 Jahren emeritiert. Diese Sanktion bildet den Höhepunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Blochs und der Staatsführung über die Richtung der politischen Entwicklung in der DDR.

Mehrere Jahre lang schreibt Karola nun anonym Artikel für Frauen, in denen es unter anderem um die effizientere Gestaltung von Küchen und das Verständnis von Bauplänen geht. Der Philosoph kann ab 1958 Vorträge in Frankfurt/Main, Paris, Tübingen, Heidelberg und Stuttgart halten. In Leipzig hingegen leben sie jetzt sehr isoliert.

Als in Berlin am 13. August 1961 mit der Errichtung der Mauer begonnen wird, befindet sich das Ehepaar Bloch auf einer Reise in Westdeutschland. Sie beschließen, nicht mehr in die DDR zurückzukehren und all ihre Habseligkeiten dort zurückzulassen. Karola ist jetzt 56, Ernst 76 Jahre alt und wieder einmal sind sie Emigranten. 

Man geht gemeinsam nach Tübingen, wo er eine Gastprofessur an der Eberhard-Karls-Universität erhält. In einem Brief an den Präsidenten der Deutschen Akademie der Wissenschaften schreibt Ernst Bloch im September 1961:
"In den ersten Jahren meiner Universitätstätigkeit erfreute ich mich ungehindert der Freiheit des Wortes, der Schrift und der Lehre. In den letzten Jahren hat sich diese Situation zunehmend geändert. Ich wurde in Isolierung getrieben, hatte keine Möglichkeit zu lehren, der Kontakt mit Studenten wurde unterbrochen, meine besten Schüler wurden verfolgt und bestraft, die Möglichkeit für publizistisches Wirken wurde unterbunden, ich konnte in keiner Zeitschrift veröffentlichen, und der Aufbauverlag in Berlin kam seinen vertraglichen Verpflichtungen meinen Werken gegenüber nicht nach. So entstand die Tendenz, mich in Schweigen zu begraben." (Quelle hier)
Ihr 23jähriger Sohn Jan ist schon am Vorabend des 13. Augusts in Westberlin gewesen und von dort nach London gereist.

In Tübingen rennt man den Blochs ab sofort die Türen ein, um den abtrünnigen DDR - Philosophen zu sprechen. Karola aber, die zeitlebens die politisch Aktivere gewesen ist, wird jetzt nur noch als Hausfrau wahrgenommen:
"Ja, das Leben, das ich in der Emigration und in der DDR geführt habe, paßte schon viel besser zu mir als das Leben und meine Rolle hier in der Bundesrepublik." 

Mit Rudi Dutschke
(1968)
Auch seine Vorträge finden sehr großes Interesse und er gewinnt durch die 1968er Studentenrevolte enorm an Bekanntheit und Popularität. Karola selbst ist wieder politisch aktiv wie eh und je und beteiligt sich 1963 an der Gründung der Internationalen Union der Architektinnen (U.I.F.A) in Paris. 

In ihrer Tübinger Zeit unterstützt sie die studentische Bewegung und gründet in Tübingen einen Ableger des "Republikanischen Clubs". Sie solidarisiert sich mit dem "Prager Frühling", mit dessen Vorstellung eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" sie konform geht. Sie tritt ein für die Frauen- und  Friedensbewegung, für Solidarnosc ( siehe auch dieser Post ) und später für die Sandinistas in Nicaragua, wohin sie 1981 reist. Schon 1971 hat sie zusammen mit Freund*innen den "Verein Hilfe zur Selbsthilfe" für jugendliche Straftäter gegründet. Sie engagiert sich auch für die Frauenhaus-Bewegung und für chilenische Flüchtlinge.

Mit ihrem Mann scheint sie eine gemeinsame Arbeitsgrundlage gefunden zu haben, schreibt sie doch 1968 in einem Brief: 
"Ernst sagt, wir haben eine Architekturfirma zusammen, in der statt Architektur Philosophie gemacht wird. Und ich muss Dir sagen, dass trotz der Traurigkeit, dass Ernst nicht mehr lesen kann (…), macht mir diese ,Firma‘ viel Spass, denn es ist so schön mit ihm zusammen zu arbeiten."
Laut Bloch - Verleger Siegfried Unseld ist es Karola, die das Editionsmanagement der Ernst-Bloch-Gesamtausgabe in seinem Verlag weitgehend mitbetreut, wenn nicht gar vielfach gesteuert hat:
"Eine ungewöhnliche, eine ungewöhnlich tapfere und harte Frau. Ohne sie gäbe es Bloch nicht mehr." 
1988
So urteilt er im Sommer 1976 über Karola und ihr Verhältnis zu ihrem Mann. Da ist der Philosoph 91 Jahre alt, nahezu vollständig erblindet und hat gerade noch ein Jahr zu leben. Er stirbt am 4. August 1977.

1987 strengt die Bonner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen Karola an, weil sie einen Aufruf zur gewaltfreien Blockade des Atomwaffenstützpunktes Hasselbach unterschrieben hat. Der Vorladung aufs Polizeipräsidium entzieht sich die 82-Jährige: "Das kann ich nicht, dafür bin ich zu alt." Mit großer Freude hingegen nimmt sie die Nachrichten vom "Neuen Forum" in Leipzig wahr und von den Montagsdemonstrationen 1989 in der DDR.

Mit 89 Jahren stirbt Karola Bloch am 31. Juli 1994 in Tübingen. Dort ist sie neben ihrem Mann auf dem Tübinger Bergfriedhof begraben.

In der deutschen Medienöffentlichkeit ist Karola Bloch lange, lange auf ihre Rolle als Frau des berühmten Philosophen Ernst Bloch reduziert worden. Solche Vorurteile habe ich bei der Verschriftlichung dieses Blogposts endgültig beiseite legen können, bin ich doch auf eine selbstbewusste Frau mit turbulentem Leben gestoßen, stets höchst politisch handelnd, stets eigenständig denkend und beruflich standfest - eine Persönlichkeit mit ungewöhnlicher Bandbreite, eine Frau mit Mut und Zivilcourage, die nach jedem "Sturz" wieder aufgestanden und vorangeschritten ist. Beeindruckend!

                                                                             

Und weiter geht es mit Frauen, die ich porträtiert habe &
die in diesem Zeitraum einen Gedenktag haben: