Donnerstag, 21. Juli 2016

Great Women # 68: Grete Schütte-Lihotzky


Architektur und Bauingenieurwesen sind bis heute eine Männerdomäne. Zwar studieren inzwischen mehr Frauen als Männer Architektur, ( im Bauingenieurwesen sieht es umgekehrt aus ), im Berufsalltag jedoch dominieren Frauen nicht die Baustellen und Plätze in den Architekturbüros. 
Auch im öffentlichen Bewusstsein stehen sie immer noch hinter ihren männlichen Kollegen zurück. In der Liga der sogenannten Star-Architekten kennt frau einzig die kürzlich verstorbene Irakerin Zaha Hadid und vielleicht noch die Japanerin Kazuyo Sejima, das war's aber auch schon. ( Eine Freundin meines verstorbenen Schwagers, bei einem namhaften Kölner Architekten im Büro, hat mir da immer ein Lied gesungen - hier ist ein aufschlussreicher Artikel über das Problem ). Neugierig geworden, machte ich mich auf die Suche und stieß dabei auf die erste Österreicherin ihrer Zunft: Grete Schütte - Lihotzky. 
Die ist weltweit berühmt als "Mutter der Einbauküche", war aber auch eine österreichische Widerstandskämpferin. Ihr Grundsatz: "Architektur hat mit Gesinnung und Weltanschauung zu tun".

Grrete (links) mit Eltern & älterer Schwester Adele (1903)
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Grete Schütte - Lihotzky kommt am 23. Januar 1897 in Wien Margareten als Margarete Lihotzky zur Welt. Der Vater Erwin Lihotzky ist ein österreichischer Staatsbeamter, der eigentlich lieber Musiker geworden wäre, aus einer angesehenen Czernowitzer Familie stammend. Die Familie der Mutter, Julie Bode, verwandt mit der deutschen Kunsthistorikerfamilie Bode, war einst ins k.k. Österreich, nach Preßburg, eingewandert. Der Großvater war Direktor der Ersten Wiener Baugesellschaft. 

Grete wächst mit ihrer um vier Jahre älteren Schwester Adele in dem schönen Alt-Wiener Haus mit einem großen Garten im fünften Wiener Gemeindebezirk auf, das genau diesem Großvater gehört. Die beiden Schwestern besuchen die öffentliche Volksschule, danach vier Jahre die Bürgerschule. Anschließend erhält Grete ein Jahr zu Hause Privatunterricht bei einem Maler und besucht zwei Jahre Lang die k.k. Graphische Lehr- und Versuchsanstalt. 

Der Ausbruch des Krieges bringt einschneidende Veränderungen mit sich: Der Großvater verkauft das Haus, die Familie muss in eine Wohnung umziehen, und die Mutter meldet sich beim Roten Kreuz. Im Herbst 1915 besteht Grete die Aufnahmeprüfung an der k. k. Kunstgewerbeschule in Wien, das Institut, welches im nachsecessionistischen Wien mit Josef Hoffmann, Koloman Moser, Heinrich Tessenow, Oskar Strnad und Josef Frank die modernste Ausbildungsstätte der Donaumonarchie ist. Von Josef Hoffmann anfangs wegen ihres Geschlechts abgelehnt, startet sie im Wintersemester 1915/16  in der Vorbereitungsklasse "Allgemeine Formenlehre" bei Oskar Strnad, einem Pionier des sozialen Wohnbaus. 

"Ich war ahnungslos, welch großem Lehrer ich da in die Hände geraten war. (...) Im Zimmer neben der Vorbereitungsklasse lag der Raum der Strnadschen Klasse für Architektur. Vom ersten Tag steckte ich da meinen Kopf hinein und sah fasziniert Baupläne an", schreibt sie in ihrer Autobiografie später. Sie hat kein Interesse an der kunstgewerblichen Vielfalt des bürgerlichen Wohnens jener Zeit, sondern am gewöhnlichen "Wohnbau mit allem, was dazugehört: Kinderanstalten, Schulen, Ambulatorien, Bibliotheken, was man eben soziales Bauen nennt".  

Schon nach einem halben Jahr beschließt sie, Architektin zu werden. Ihr Lehrer hält das für mädchenhafte Überspanntheit, denn seiner Ansicht nach, würde niemand eine Frau ein Haus bauen lassen. Doch als er spürt, dass Grete unerbittlich dieses Ziel weiter verfolgt, stellt er ihr entsprechende Aufgaben und schlägt ihr vor sich anzusehen, wie die Arbeiter in Wien wirklich wohnen. „Das war furchtbar. In Favoriten, in Ottakring war es ja keine Seltenheit, dass sieben oder neun Menschen in einem Zimmer gehaust haben, und kaum ein Kind hat ein Bett für sich gehabt.“ Ein Erlebnis, das die damals bürgerlich-liberale Studentin ihren Lebtag nicht vergessen hat. Die Einsicht, dass das Elend der Menschen maßgeblich mit den ungelösten Wohnungsfragen zusammenhängt, wird ihr gesamtes Lebenswerk prägen.

Das Wohnungselend in Wien wird damals  also zum ersten Mal Thema in einer Architektur - Schule. 1917 gewinnt Grete den Wettbewerb zum Thema „Arbeiterwohnungen“ und wird mit dem Max-Mauthner-Preis ausgezeichnet. Nach einem drei Jahren Studium erhält sie im Juni 1918 ihren Abschluss und ist damit die erste Frau, die diese Klasse abschließt, und die erste Architektin Österreichs.

Das Ende des 1. Weltkrieges bringt Umwälzungen, auch für die Lihotzkys: Der Vater, ohnehin Kriegsgegner, verliert seinen Posten beim kaiserlichen Wiener Stadterweiterungsfond und wird in die Frühpension geschickt, die Mutter verdient jetzt den Lebensunterhalt beim Jugendgericht. Mit der Tochter zieht der Vater begeistert vor das Wiener Parlamentsgebäude, als die Republik ausgerufen wird. Die Schwester arbeitet für ein Hilfskomitee, das Kindern einen Erholungsaufenthalt in Holland ermöglicht - die sozialpolitische Haltung in der Familie wird da überdeutlich...

1921
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Das erste Jahr nach dem Abschluss bleibt sie noch ein weiteres Jahr als Hospitantin in der Fachklasse für Architektur von Oskar Strnad und sie gewinnt den Lobmeyer-Preis der Gesellschaft zur Förderung der Kunstgewerbeschule für ihre architektonischen Entwürfe und Studien. Nach einer Büropraxis in Holland geht Grete 1921 als Architektin in die Siedlungsgenossenschaft der Kriegsblinden und erhält den 4. Preis bei einem Wettbewerb für eine Schrebergartenanlage auf dem Schafsberg ( gemeinsam mit dem Gartenarchitekten Alois Berger ). 

Für die aus der Nachkriegshungers- und Wohnungsnot entstandene spontane Selbsthilfeaktion von Schrebergärtnern, die „Siedlungsbewegung“, entwirft sie "Zerlegbare Holzhäuser" und zusammen mit dem Avantgarde-Architekten Adolf Loos  Modell-Kernhäuser, die von den Siedlern etappenweise selbst ausgebaut werden können und preiswerte Mustermöbel und Standardeinrichtungen wie Kochnischen und Spüleinrichtungen aus Beton.  1921 entstehen ( auch mit Loos ) die Entwürfe & Arbeitspläne für die Kriegsinvalidensiedlung Lainzer Tiergarten, einem Projekt, bei dem die 24jährige die Bauleitung inne hat.

Winarskyhof
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Grete setzt sich intensiv mit dem Thema "Einheitsmöbel" auseinander, denn durch einheitliche Produktion will sie die Kosten für Möbel reduzieren. Es folgen Tätigkeiten in verschiedenen Büros,  z. B. im Baubüro des "Österreichischen Verbands für Siedlungs- und Kleingartenwesen" (Otto Neurath) bzw. dem Siedlungsamt der Stadt Wien (Adolf Loos) und 1923 gibt es schon wieder eine Auszeichnung: die silberne Ehrenmedaille der Stadt Wien. "Bei meinen ersten Preisen und Auszeichnungen wurde immer die Rationalität meiner Entwürfe gelobt. Auch das hat man einer Frau nicht zugetraut", erinnert sie sich später.

1924 wird sie zusammen mit Peter Behrens, Josef Frank, Josef Hoffmann, Adolf Loos, Oskar Strnad & Franz Schuster von der Stadt mit der Planung des Winarsky-Hofes beauftragt - einem Renommierbau der sozialdemokratischen Stadtverwaltung und eine große Auszeichnung für die junge Architektin, in dieser "Prominenten- und Professorenriege" dabei zu sein!

In dem Jahr erkrankt sie allerdings auch an Tuberkulose, an der schon der Vater im Jahr zuvor, die Mutter im selben Jahr verstirbt. Bis August 1925 ist deshalb ein Aufenthalt in der Lungenheilstätte Grimmenstein notwendig. Dort entwickelt sie ein Projekt für eine "Tuberkuloseheilstättte", welches auf der Wiener Hygieneausstellung gezeigt wird.

Ernst May hatte Grete als Mitarbeiterin von Loos kennengelernt. Als er das Projekt "Neues Frankfurt" als Baustadtrat der Stadt ins Leben ruft, holt er sie in sein Hochbauamt, Abteilung für Typisierung. Es folgen wohl ihre kreativsten und interessantesten Jahre: Entwürfe für Reihenhäuser, Kindergärten, Kleingartenhäuser, Zentralwäschereien für die Siedlungen Praunheim, Römerstadt, Bruchfeldstraße u.a. Und nicht zuletzt die legendäre Frankfurter Küche!


In dieser Küche finden ihre schon 1921 entwickelten Vorstellungen von der Rationalisierung der Hausarbeit ihre Realisierung. Ihr Ziele: Verringerung von Wegzeiten bei gleichzeitiger Verbindung von wirtschaftlicher und ästhetischer Architektur. Mit der Küche wird Grete Lihotzky richtungsweisend ( und ihr Name bleibt bis heute damit verbunden ):

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Diese Küche wird zudem zum wichtige Symbol des sozialen Fortschritts in der Weimarer Zeit, setzt sie doch das Leben in der neuen Republik mit dem Leben der neuen, unabhängigen Frau gleich.

Auffallend an Gretes Konzept: der krasse Mangel an Dekoration und die Betonung der Funktionalität. Acht Überlegungen liegen der Küche zugrunde:

1. Der Abstand vom Herd, Arbeitsplatte & Essbereich beträgt nicht mehr als 2,75 bis 3 Meter.
2. Der Grundriss ist so gestaltet, dass die Hausfrau und Mutter die Kinder im Wohnzimmer im Auge behalten kann, während sie in der Küche beschäftigt ist; die Türöffnung zwischen Küche und Wohnzimmer beträgt mindestens neunzig Zentimeter und ist mit einer Schiebetür versehen.
3. Die Küche hat einen direkten Zugang zum Eingangsbereich.
4. Tageslicht - Beleuchtung durch ein Fenster, künstliche Beleuchtung so positioniert, dass keine Schatten auf den Arbeitsbereich (Herd, Vorbereitungsfläche, Spüle) fallen.
5. Kochdämpfe werden mit Abzugshaube & Lüftungsrohr durch das Dach abgeleitet.
6. Die Küche soll so klein sein, dass alle Wege kurz sind, aber so groß, dass zwei Personen nebeneinander arbeiten können, ohne sich in die Quere zu kommen - sechseinhalb Quadratmeter Fläche sind die Norm.
7. Die Arbeitsersparnis in der Küche ist nur gewährleistet, wenn sie mit allen notwendigen Geräten ausgestattet ist.
8. Die Forderung der Zeit ist, aus der Not mit den geringsten Mitteln den bestmöglichen Standard für viele zu schaffen. Die Kosten der gesamten Einrichtung werden den Baukosten zugeschlagen und auf die Miete umgelegt.

Mit Kollegen im Hochbauamt
(1928)
Zwischen 1926 und 1930 referiert Grete allerorten zum Thema "Küche": in Hausfrauenvereinen, in anderen kommunalen Gremien und Stadtverwaltungen in den meisten Städten Deutschlands. Sie unterrichtet Wohnungsbau an der "Wohlfahrtsschule der Provinz Hessen-Nassau und des Freistaates Hessen", publiziert intensiv zu ihren Entwürfen ( z.B. hier ).

Eine Musterküche wird im Frankfurter Rathaus aufgestellt, während die ersten typisierten Küchen in den Siedlungen Bruchfeldstraße, Praunheim und Ginnheim in Frankfurt eingebaut werden.

Neben dieser regen Vortrags- und Ausstellungstätigkeit entstehen aber auch weitere Projekte und Bauten, etwa in Wien, Amsterdam, Luxemburg, Warschau. Ja, sie entwickelt sogar eine Schlafwageneinrichtung für Wagon-Lits (Paris).

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Im Frühjahr 1927 heiratet Grete Lihotzky Wilhelm Schütte, einen Architektenkollegen, der am Hochbauamt in der Abteilung für Schulbau arbeitet. Sie ziehen gemeinsam in eine Atelierwohnung, die vom Hochbauamt errichtet worden ist und die sich Grete noch als Junggesellin als ideale Wohnung für sich selbst ausgesucht hat ( die existiert heute noch und liegt in der Kranichsteinerstraße 26 in Frankfurt/Main ).

Im gleichen Jahr übernimmt sie für die Werkbundausstellung in Stuttgart die Bauleitung für das vom Hochbauamt präsentierte Fertighaus. Auch eine Küche von ihr wird dort ausgestellt. Desweiteren nimmt sie mit dem Projekt "Wohnung für die berufstätige Frau" an einer Ausstellung in Essen teil.

Die Frankfurter Küche wird 1928 auch auf der Ausstellung "Heim und Technik" in München gezeigt. Weitere Einrichtungen für Räume, in denen Frauen tätig sind, werden von Grete entwickelt und zum Teil verwirklicht, unter anderem Schul- und Lehrküchen sowie Zentralwäschereien. Die von ihr entwickelten Kindergärten für die Siedlungen Ginnheim und Praunheim  hingegen werden nie realisiert.

Gartenfassade der Häuser in der Werkbundsiedlung
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1929 arbeitet sie an der Ausstellung "Die Wohnung für das Existenzminimum" mit und ist auch durch ein gemeinsames Projekt mit ihrem Mann daran beteiligt.

Wegen der beginnenden Wirtschaftskrise in Deutschland werden Personaleinsparungsmaßnahmen bei Doppelverdienern vorgenommen, so dass Gretes Vertrag als Architektin nicht mehr verlängert wird. In Wien entwirft sie für die dortige Werkbundsiedlung (1930–1932) zwei Reihenhäuser mit je 35 m² Grundfläche ( Woinovichgasse 2 & 4 ). Unter den 32 Architekten der Siedlung ist sie wieder die einzige Frau.

Als die Lage in der Weimarer Republik immer schwieriger, auch politisch gesehen, wird, tritt Grete zusammen mit ihrem Ehemann einer Gruppe von Architekten bei, die Ernst May 1930 nach Moskau folgen. ( Die deutschen Architekten gelten als parteilose Spezialisten, die nicht in der KP sind, aber sympathisieren. Grete selbst ist von 1923 bis 1927 Mitglied der Sozialistischen Partei in Wien gewesen. )

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In der Sowjetunion sollen sie an der Umsetzung des ersten Fünfjahresplanes von Josef Stalin mitwirken und im südlichen Ural die Industriestadt Magnitogorsk errichten. Als Leiterin der Abteilung für Kinderanstalten plant sie die Individual- und Typenprojekte für Kinderkrippen, Kindergärten, Klubs etc. und hält wieder Kurse ab, um ihre Mitarbeiter (Konstrukteure und Zeichner) zu qualifizieren. Ihre Arbeiten stellt sie 1933 bei der Weltausstellung in Chicago aus. Mit Ausnahme kurzer Geschäfts- und Vortragsreisen nach Japan und China bleibt Grete in der Sowjetunion, bis ihr Pass 1937 abläuft. Dann zieht sie mit ihrem Ehemann nach Paris.

In Paris bleiben sie ein Jahr, finden auch kurzfristig Arbeit, doch ist die Stadt von Emigranten überfüllt. Auch in London, ihrer nächsten Station,  ist die Situation auf dem  Arbeitsmarkt aussichtslos. Auf Vorschlag Bruno Tauts reist das Ehepaar im August 1938 nach Istanbul, um dort an der "Academie des Beaux Arts", die dem Erziehungsministerium untersteht, zu arbeiten. Grete beschäftigt sich hauptsächlich mit Bauten für Bildungseinrichtungen:

Entwurf für eine Erweiterung einer Schule für Mädchen in Ankara (1938)
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In Istanbul lernt sie auch den Grazer Architekten Herbert Eichholzer kennen, der sich um den Aufbau einer österreichischen antifaschistischen Widerstandsgruppe in der Türkei bemüht. 1939 tritt sie in Istanbul in die KPÖ-Auslandorganisation ein. Weihnachten 1940 fährt sie im Auftrag des Widerstandes zu illegaler Kuriertätigkeit nach Österreich ( offiziell zu einem Besuch der Schwester ), auch, um das 1939 zerschlagene Widerstandsnetz gegen die Nazis wieder mit aufbauen zu helfen. „Was haben wir zu tun, damit wir nach dem Sturz Hitlers mit gutem Gewissen wieder in der Heimat leben können?“ Und: "Wir waren überzeugt, mein Mann genauso, dass der Nationalsozialismus ein Unglück ist für die Welt und Europa, nicht nur für Österreich. Wie die Nazis hierein marschiert sind, am 13. März 1938, waren wir in Paris und das war für uns dort schon ein Trauertag. Alle Nationalisten treiben zum Krieg."

Ihre illegale Arbeit dauert allerdings nur 25 Tage: Am 22. Januar 1941 wird sie zusammen mit Erwin Puschmann, dem Leiter des kommunistischen Widerstandes in Österreich, bei einem Treffen verhaftet.

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Beim Prozess vor dem 2. Senat des Volksgerichtshofes 1943 werden Puschmann, Eichholzer und die anderen Widerständler zum Tode verurteilt und hingerichtet. Gretes Todesurteil wird mit Hilfe ihres Mannes Wilhelm durch eine geschickte Fälschung eines offiziellen Briefes aus der Türkei in 15 Jahre Gefängnis und Ehrverlust umgewandelt. Sie kommt in ein „Frauenzuchthaus“ in das bayrische Aichach, wo sie bis zum Ende des Krieges überlebt und sie die Amerikaner befreien.

Nach dem Krieg hat Grete Lihotzky die Teilnahme am Widerstand persönlich nur geschadet:  Nach der Befreiung muss sie ihre erneut ausgebrochene Tuberkulose ausheilen. Nach einem Aufenthalt in Bulgarien, wo sie auch beim Stadtbauamt in Sofia arbeitet und eine Abteilung für Kindereinrichtungen aufbaut & mehrere Kindergärten und Kinderkrippen plant, kehrt sie mit ihrem Mann, der die Kriegszeit in der Türkei verbracht hat & dem endlich die Ausreise nach Sofia gelungen ist, am 1. Januar 1947 nach Wien zurück. Doch als Kommunistin erhält sie in den Zeiten des Kalten Krieges keine öffentlichen Bauaufträge in der Stadt mehr, so dass sie gezwungen ist, als selbständige Architektin zu arbeiten.

Kindergarten Kapaunplatz 1952
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Als solche konzipiert sie 1948 für die große Ausstellung zum Frauentag des Weltbundes demokratischer Frauen in Paris die österreichische Abteilung. Sie wird zur ersten Präsidentin des Bundes Demokratischer Frauen Österreichs gewählt & nimmt als  deren Vertreterin an zahlreichen Kongressen der Internationalen Demokratischen Frauenföderation teil. Sie gestaltet drei Denkmäler für Widerstandskämpfer und entwirft & baut mit ihrem Mann ein Wohnhaus der Gemeinde Wien in der Barthgasse.

Auch ein Kindergarten am Kapaunplatz in Wien wird nach ihrem Entwurf ausgeführt.

Ihrer Ehe ist die lange Trennung in der Zeit des Krieges jedoch nicht gut bekommen: 1951 trennt sie sich endgültig von Wilhelm Schütte.

Von 1954 bis 1956 entwirft sie für die Kommunistische Partei Österreichs deren Druckerei-, Redaktions- und Verlagsgebäude auf dem Höchstädtplatz in Wien Brigittenau. Ein weiteres von ihr entworfenes Gebäude ist das unter Denkmalschutz stehende Volkshaus in Klagenfurt.

Ab dieser Zeit unternimmt sie Studienreisen & - aufenthalte,  z. B. nach China 1956, Kuba 1961 & Ost - Berlin 1966, und nimmt an internationalen Kongressen teil.  Von 1964 bis 1968 erarbeitet sie ein "Baukastensystem für Kindertagesheime" für Österreich, das  aber trotz mehrmaligem Vorschlag an öffentliche Stellen nicht angenommen wird.

Ihr letztes architektonisches Projekt 1969 ist ihre eigene Wohnung in der Franzensgasse in Wien, in die sie - nach einem erneuten Aufenthalt in der Lungenheilstätte Schwarzach -  1970 einzieht und die sie bis zu ihrem Lebensende bewohnen wird.

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Erst spät wird ihr die Anerkennung von offizieller Seite zuteil: 1980 erhält sie den großen Architekturpreis der Stadt Wien, 1985 die Prechtl-Medaille der TU Wien, 1985 das Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst ( das sie zunächst verweigert, weil sie es vom Bundespräsidenten Waldheim wegen dessen zweifelhafter Vergangenheit in der Nazizeit nicht entgegennehmen will ). Zu ihrem 100. Geburtstag findet im MAK in Wien eine überwältigende Geburtstagsfeier statt und sie wird unter anderem mit dem Goldenen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich geehrt. "Als leidenschaftliche Architektin würde ich auch heute noch sehr gerne bauen. Doch die Rolle eines Puffers zwischen Bauherr und Unternehmer, die man dabei stets einnehmen muss, ist mir inzwischen zu anstrengend - schließlich werde ich hundert Jahre alt", äußert sie sich auf der Feier. 1989 widmet ihr das MAK eine große Gesamtausstellung, durch die sie die Honoratioren persönlich führt.

Im November 1999 kommt ein Film über ihre „Erinnerungen aus dem Widerstand“ von der Regisseurin Susanne Zanke heraus. Die Erlebnisse im Gefängnis, die große Solidarität unter den Frauen und die mutige Haltung ihrer Genossinnen, die zum Tode verurteilt und hingerichtet worden waren, hat Grete Lihotzky niemals vergessen. 

Am 18. Januar 2000 stirbt Grete Schütte - Lihotzky an Herzversagen in Folge einer Grippeinfektion im Wiener AKH, knapp 103 jährig. Sie erhält ein Ehrengrab der Stadt Wien auf dem Zentralfriedhof:

Es kam den damaligen bürgerlichen und kleinbürgerlichen Vorstellungen entgegen, dass die Frau im Wesentlichen am häuslichen Herd arbeitet. Deshalb wisse auch eine Frau als Architekt am besten, was für das Kochen wichtig ist. Das machte sich eben damals propagandistisch gut. Aber, um der Wahrheit die Ehre zu sagen, ich habe bis zur Schaffung der Frankfurter Küche nie einen Haushalt geführt, nie gekocht und keinerlei Erfahrung im Kochen gehabt”, so bekennt Margarete Schütte-Lihotzky in ihren Memoiren. Dieser Mangel an Erfahrung hat fraglos dazu beigetragen, die Frankfurter Küche so minimalistisch zu konzipieren, wie sie ist.

Inzwischen sagen uns Köche mit berühmten Namen, dass Kochen weit mehr ist als Verpflegung zu produzieren, ja, dass es eher eine Kunst ist. Die Rückkehr in die Küche ist seit Jahren erkennbar und sie wird wieder viel stärker als einen Ort der ( auch Arbeits -) Geselligkeit verstanden. Dafür ist eine ganz andere Konstellation an Arbeits- und Abstellflächen & Einrichtungen notwendig als bei der Frankfurter Küche. Doch hat diese dazu beigetragen, dass seinerzeit sozial weniger privilegierte Schichten relativ schnell zu einer gut funktionierenden Küche auf kleinstem Raum kamen. Und auch zum Selbstwertgefühl der Frau mag sie insofern etwas beigesteuert haben, als die nun in den Genuss von technischer Ausstattung kam, die bis dato eher Männern vorbehalten war. Doch fraglos hat diese Küche auch bewirkt, dass Küchenarbeit im Stellenwert hinter Arbeit im Büro, im Warenhaus oder in der Arztpraxis zurückgefallen ist.

Immer alleine zu arbeiten, führt leichter zu dem Gefühl, man sei Objekt der Arbeit, ihr Sklave, statt handelndes Subjekt. Arbeitsplatzstudien können nicht um den Sachverhalt herumkommen, dass es für das Arbeiten nicht nur rationale mechanische Kriterien gibt, sondern auch psychologische. Und ich glaube, zu dieser kritischen Einsicht wäre Grete Lihotzky - Schütte heutzutage auch gekommen, denn sie wird geschildert als Frau "mit hohem menschlichen und politischen Bewusstsein, die Selbstbewusstsein, Zuversicht, und Wärme ausstrahlte und durch ihre Anteilnahme am Leben ihrer Freunde und Mitmenschen, ihr Interesse und ihre Beteiligung an den aktuellen politischen und persönlichen Ereignissen bis zuletzt eine starke Präsenz und Lebensfreude vermittelte." So die Betreiberinnen des Margarete Schütte - Lihotzky Raumes in ihrer Heimatstadt auf ihrer Website.







Kommentare:

  1. Guten Morgen Astrid,
    jaaa, die großen Architekten hatten es nicht so mit der Deko, da war Funktionalität und sparsames Design gefragt.
    Bauingenieur für Frauen? Nun nicht ganz, bei uns auf dem Amt hatten wir einige Frauen, die das Bauingenieurwesen studiert hatten. Allerdings waren doch die Männer in der Überzahl. Ein äußerst schwieriges Studium, mein Sohn wollte es auch studieren, hat aber dann die Erziehungswissenschaften vorgezogen :-))).

    Danke für deinen wieder so guten Bericht, ich werde jetzt nochmals ganz genau lesen. Eine erstaunliche Frau.

    Lieben Gruß und einen wundervollen Tag

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  2. Liebe Astrid,

    Du solltest nicht nur bloggen, sondern Kolumnen schreiben. Ich habe es ja neulich schon mal geschrieben, Du hast einen wirklich tollen Schreibstil, der einen von der ersten bis zur letzten Zeile fesselt!

    Ganz liebe Grüße

    Sandy

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  3. Vielen Dank, liebe Astrid, für diese so interessante Biographie. Wie gut, dass du an diese tollen Frauen erinnerst!
    Und jetzt gehe ich in meine Küche.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Wieder eine interessante Gechichte einer toller Frau- und was wir heute oft als neu erfunden ! sehen, haben großartige Menschen uns in jüngster Zeit gezeigt- 1920 erJahre-. und diese Küche war schon ein Statussymbol; bei meiner Großtante sah die Küche ähnlich aus und sie hatte eine Köchin, fand ich als Kind, dass sie seeeehr reich war ::))
    Das Architektinnen so wenig Anerkennung in heutiger Zeit bekommen ist für mich immer befremdlich, ich kenne viele Beispiele im Bekanntenkreis !!
    Gruß zu dir
    heiDE

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  5. liebe astrid, als du vor einigen wochen angekündigt hattest, dass dein nächsterbeitrag über eine österreicherin wäre, dachte ich sofort an margarete schütte-lihotzky. damals war sie es nicht, dafür heute umso umfangreicher, danke. übrigens ist hier in graz gerade eine diskussion um ein von eichholzer entworfenes wohnhaus entbrannt, das einer erweiterung des landeskrankenhauses weichen soll. es wird wegen der massiven überformung vom denkmalamt als nicht schutzwürdig erachtet, da es vor und während des 2. weltkrieges jedoch treffpunkt des widerstandes war, hat es aus geschichtlich-politischen gründen eigentlich sehr wohl schutzwürdigkeit.
    und als seit 20 jahren unselbständig in der architektur tätige weiss ich sehr gut, wovon margerete schütte-lihotzky spricht, wenn sie sagt: ich glaube, die gleichberechtigung in der architektur erlebe ich nicht mehr
    vielen dank für diesen mir besonders am herzen liegenden artikel!
    lg heike

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  6. kleiner nachtrag noch zur frankfurter küche: vor ein paar jahren hatten wir im londoner v&a bei einer (sehr guten und informativen) ausstellung über modernism die gelegenheit, eine frankfürter küche im original zu bestaunen. das war schon ein meilenstein in der küchenentwicklung, weg von den einzelmöbeln hin zu kompakt organisierten arbeitsbereichen. lg heike

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  7. Liebe Astrid,
    Bravo!! Bravo!!!
    Es war mir wieder ein Vergnügen. Und eine Vertiefung dessen, was ich wußte über diese erstaunliche Frau. Dass sie ein so gesegnetes Alter erreichte zum Beispiel, habe ich nicht gewußt.
    Was für eine Europäerin!
    Lieben Lisagruß!

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  8. Hallo Astrid,
    das sieht sehr interessant aus...heute bin ich zu müde zum Lesen, das hole ich sehr bald nach und freue mich schon jetzt auf die Lektüre. Liebe Grüße, Taija
    (Habe einen kleinen Link oder Wink: schau mal bei mir...hast Du diese tolle Künstlerin schon in Great Woman vorgestellt?)

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  9. Das trifft sich, ich kann mich noch an einen Besuch bei einer Freundin meiner Mutter erinnern, die eine ähnliche Küche hatte. Funktionalität ist ein spannendes Thema. Was für eine Frau. Die Würdigung hat sie wohl verdient.
    LG
    Magdalena

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  10. die „frankfurter küche“ war mir bekannt, nicht aber der name grete lihotzky. wie gut, dass du sie hier vorgestellt hast! eine äußerst beeindruckende frau, die so vieles geschaffen und menschlichkeit – nicht nur in ihrer architektur - in den mittelpunkt gestellt hat.
    herzliche grüße, mano

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  11. An der Frankfurter Küche und an Grete Schütte-Lihotzky kommt man nicht vorbei, wenn man Innenarchitektur studiert. Eine großartige Frau.
    Dein Beitrag imponier mir, sehr ausführlich. Ich sollte ihn noch einmal lesen ;) !
    Liebe Grüße
    Cora

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  12. Was für eine interessante Frau, liebe Astrid.
    Komisch so oft sind es Frauen - die einfach nur den Alltag
    verbessern wollen. Die Männer spielen oft lieber Krieg.
    Ich wünsche dir ein gutes, friedliches Wochenende

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  13. Liebe Astrid,

    als Architektin und Innenarchitektin ist Margarete Schütte-Lihotzky eine meiner Ikonen! Danke für diese vielen Informationen über ihr Leben und Werken! Ich habe vor etwa einem Jahr auch mal einen Post über sie verfasst, ich hatte im Rahmen meiner Masterarbeit mit der Frankfurter Küche zu tun, ein super Konzept und diese Glas-Aufbewahrungen sind so klasse!

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag, Kathrin

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  14. Liebe Astrid, vielen Dank für diesen informativen Artikel. Selbstverständlich kannte ich die "Frankfurter Küche", aber wer sie entwickelt hat und die spannende Geschichte dieser Frau war mir unbekannt. Wenn du nichts dagegen hast, werde ich diesen Artikel in meinen sonntäglichen Raben-Lieblingslinks auf meinem Blog verlinken.
    Grüßle
    Ursel

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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