Donnerstag, 17. September 2026

Great Women # 470: Maria Clementine Martin

94 Prozent aller Deutschen kennen "Klosterfrau Melissengeist" und das klassische Emblem mit den drei Nonnen im gotischen Spitzbogen, mit dem das Kölner Unternehmen  für sein Heilmittel wirbt. Ich war lange noch keine Kölnerin, da kannte ich die heute Porträtierte quasi schon, denn sie stand ja in jedem Haushalt meiner dörflichen Umgebung: Maria Clementine Martin. Und ich entdeckte eine ganz schön abenteuerliche Geschichte, als ich mich näher mit ihr beschäftigt habe.

"Nie war er so wertvoll wie heute"

Am 5. Mai 1775 wird Maria Clementine Martin unter dem bürgerlichen Namen Wilhelmine Martin in Brüssel geboren. Ihr Vater ist der königlich-kaiserliche Leutnant Johann Heinrich (de) Martin, aus Österreich stammend - unklar ob aus Linz oder Lienz in Tirol -, 36 Jahre alt, die Mutter die gleichaltrige Christine Wilhelmine von Mergenthal. Das Paar hat schon eine um einiges ältere Tochter namens Anna.

Johann Heinrich Martin ist im Alter von 20 Jahren in die Armee des damaligen Kaisers Franz I. von Österreich eingetreten, in der er bis zu seiner Entlassung 18 Jahre später dienen wird. Höchstwahrscheinlich ist er auch zu diesem Zeitpunkt die Ehe mit Christine eingegangen. Zu seiner Ehefrau gibt es einen allersten urkundlichen Nachweis erst 1775, der besagt, dass sie sich ab spätem Frühjahr des Jahres in Brüssel aufgehalten und dort eben ihre zweite Tochter bekommen hat. 

Das Infanterieregiment Nr. 3 Carl Alexander von Lothringen, dem ihr Mann angehört, ist zu dieser Zeit allerdings schon nach Stationen in Günzburg, Mähren, Niederschlesien, Brünn wieder in Österreich stationiert. Hat der Vater Frau und Kinder also in Brüssel allein zurückgelassen? Möglich ist aber auch, dass er in Brüssel verblieben ist, wo Carl Alexander von Lothringen bis zu seinem Tode im Jahre 1780 als Gouverneur der Österreichischen Niederlande residiert. In dieser Zeit mag auch der Kontakt zum Fürstenhaus von Anhalt-Zerbst entstanden sein, denn Friedrich August von Anhalt-Zerbst ist zeitweise Inhaber des österreichischen Kürassierregiments, das in Brüssel liegt.

Urkundlich nachweisbar taucht Johann Heinrich Martin erstmals im Range eines Leutnants 1778 in Zerbst, der Residenzstadt des Fürsten Friedrich August, auf, und zwar kurz vor Abmarsch eines anhalt-zerbstischen Regimentes nach England. Die englische Krone benötigt zu diesem Zeitpunkt für den amerikanischen Befreiungskrieg dringend Rekruten. Der Leutnant Martin wird einmal als Werber eingesetzt, dann aber auch selbst über den Atlantik verfrachtet und in Quebec stationiert.

Vorher reicht der zweifache Vater in Zerbst im Februar 1778 ein Gesuch an den Fürsten ein, in dem er ihn bittet, seine zurückbleibende Frau und seine Kinder, die bist dato in Hildesheim gelebt hätten, zu versorgen. Der "Serenissimus", Bruder der späteren Kaiserin Katharina II. von Russland, gehört allerdings zu den Landesfürsten, die keine Skrupel haben, ihre Soldaten als Kanonenfutter an die englische Krone zu verkaufen und es nicht allzu ernst zu nehmen mit der Bezahlung ihrer Soldaten. 

Die "Martinin" sieht sich nämlich am 24. September 1778 gezwungen, an das "Anhaltzerbstsche Kriegs=Departement" zu schreiben und den zugesagten Unterhalt anzumahnen. "Gern wollte ich mir durch anständige weibliche Arbeit etwas verdienen: aber ich bin hier fremd und unbekannt. Wo soll ich Gelegenheit dazu finden? Erbarmt sich ein Collegium meiner nicht geschwind; so sehe ich meines Elendes kein Ende", schreibt sie. Man gewährt ihr tatsächlich einen Vorschuss "gegen Quittung", fordert gleichzeitig aber das Geld  bei dem Agenten bzw. Werber in England ein. Doch der entlarvt sich als Betrüger, und die Regimentskasse ist verloren...

Dass die in Zerbst zurückgelassene Familie Martin Not leidet, machen weitere von Christine Martin an die Beamten des Hofes gerichtete Schreiben aus den Jahren 1779 und 1780 deutlich. Darin bittet sie um Zuteilung ausreichender Mengen an Brennholz, dem man stattgibt. Erst im Jahr 1782 oder 1783 zieht die "Martinin" mit ihren Töchtern nach Jever in Ostfriesland, denn dort weilt ihr Mann nach Beendigung der amerikanischen Befreiungskriege,  nun zum Capitain ( Hauptmann ) befördert wegen seiner Verdienste für das Haus Habsburg, aber auch für das Fürstentum Anhalt-Zerbst. Hier zähl­t die Fa­mi­lie Mar­tin zu­nächst zur ge­sell­schaft­li­chen Ober­schicht, wo­für mehr­fach über­nom­me­ne Ver­pflich­tun­gen als Tauf­pa­ten und Trau­zeu­gen bei hoch­ran­gi­gen Of­fi­zie­ren und de­ren Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen spre­chen.

Burg Jever; umkringelt die vermutliche Wohnung der Martins




In Jever können die  Eheleute Martin die Geburt eines weiteren Kindes anzeigen, das am 21. März 1783 dort auf den Namen Friderica Sophia Margaretha Carolina getauft wird. Und am 26. Dezember 1784 heiratet Anna, die älteste Tochter der Martins, einen Leutnant namens Ludovicus Vollhard. Das katholische Kirchenbuch vermerkt nur wenige Monate nach der Eheschließung am 9. März 1785 die Taufe ihrer Tochter Christina Friderica Antonetta Carolina und als Taufpatin ihre Großmutter Christina Martin. 

Aus seiner Funktion als Schlosshauptmann, also als Oberaufseher für alle Gebäude, Möbel und Hausrat der Zerbster Hofhaltung in Jever wird der Vater, ebenso sein Schwiegersohn, warum auch immer, 1785 entlassen, da ist er 46 Jahre alt, Maria Clementine gerade mal zehn. Die "jammervolle Dürftigkeit" der "brodlosen" Familie findet einen Fürsprecher in einem Diplomaten namens von Binder sowie weiteren ranghöheren Persönlichkeiten, und der Vater wird nun mit einer reduzierten Bezahlung auf einem Posten behalten, für den er eigentlich nicht geeignet ist. Die materielle Situation der Familie ist und bleibt desolat.

 Jean-Baptiste-Camille Corot
"Annuntiantin in ihrem Habit"

Da ist es nicht verwunderlich, dass der Eintritt der Maria Clementine ( den Namen wird sie erst zu diesem Zeitpunkt annehmen ) am 2. Oktober 1792 mit 17 Jahren in ein Kloster als Sicherung der künftigen Lebensgrundlage des Mädchens nach seiner entbehrungsreichen Kindheit betrachtet wird. Doch diese Perspektive sollte ein Traum bleiben...

Schon 1779 hat sich im protestantischen Jever nach dem Toleranzedikt des Zerbster Fürsten in einem Nebengebäude des Schlosses eine katholische Gemeinde etabliert, zu der auch die Martins gehören. Höchstwahrscheinlich ist von dort auch der Impuls gekommen, sich einem Orden anzuschliessen, in welchem die franziskanische Spiritualität in ihrer strengsten Fassung gelebt wird, den Annuntiantinnen. Der Orden, einst gegründet von der Tochter des französischen Königs Louis XI., Jeanne de Valois, nach der Aufhebung ihrer Ehe mit Louis XII., unterhält ein Kloster in Westfalen, in Coesfeld im "St. Annenhus". 

Die aus­führ­li­che Klos­ter­chro­nik von St. An­na be­rich­tet übrigens nichts darüber, dass im Kloster Wissen über das Arcanum - bei Paracelsus ein spezifisches, geheimnisvolles und innerlich wirksames Heilmittel, das eine Krankheit an ihrer Wurzel bekämpft - vermittelt worden ist. Auch dem Ar­ti­kel über das Coes­fel­der Ann­un­tia­tin­nen­klos­ter im "West­fä­li­schen Klos­ter­buch" ist nicht zu ent­neh­men, dass das Klos­ter über ein der­ar­ti­ges Mit­tel ver­fügt hat. Das wird später noch eine Rolle spielen.

Die Chronik von St. Anna erwähnt Schwester Maria Clementine Martin nur ein einziges Mal, und das 1803, also im Jahr der Aufhebung des Klosters, als sie eine kranke Mitschwester auf der Reise nach Venlo begleitet.

Coesfeld  1647, das Kloster ist umkringelt
Das Ende des Klosters ist 1803 besiegelt, denn da wird am 25. Februar  der  Reichsdeputationshauptschluss erlassen, seinem rechtlichen Charakter nach Staatsgrundgesetz, mit dem geregelt wird, mit was die weltlichen Fürsten für ihre linksrheinischen Gebietsverluste an Frankreich abgefunden werden. Die Abfindungen werden nämlich monetarisiert durch die Säkularisation kirchlicher  Einrichtungen & Herrschaftsgebiete.

Von den Ordensfrauen in Coesfeld wird gefordert, in das Kloster der Tertiarinnen nach Glane bei Gronau umzuziehen, weil der Fürst zu Salm-Grum­bach das Coes­fel­der Klos­ter für den Bau sei­ner Re­si­denz be­an­spruch­t ( was aber nie realisiert werden wird ). Das Kloster in Glane, auch "Maria auf der Flucht nach Ägypten" genannt, liegt an der Grenze zu den Niederlanden. Am 14. Oktober ziehen die Nonnen ohne ihre von einem Schlaganfall beeinträchtigte Äbtissin dorthin. Ob Maria Clementine unter ihnen ist oder aus Venlo dazu stößt, ist nicht amtlich, ihre Zugehörigkeit allerdings belegt. Nur einmal erfährt man von ihr, als sie sich 1808 in die Angelegenheiten eines Ordens einmischt, dem sie selbst eigentlich nicht angehört, nämlich bei der Wahl der Oberin der Tertiarinnen im gleichen Haus. Da ist ihre Unzufriedenheit schriftlich festgehalten.

Ein weiteres Dekret von Napoleon verfügt im Jahr 1811 die Auflösung aller Franziskanerklöster und besiegelt damit auch das Schicksal des Klosters der Tertiarinnen in Glane, denn diese sind Franziskanerinnen der 3. Regel. Und es betrifft auch die Annuntiatinnen, die sich ja mit ihnen das Kloster teilen. Die Kirche und größeren Gebäude werden abgebrochen, nur ein kleines zweistöckiges Gebäude aus dem Jahre 1757 ist bis heute übrig geblieben. Die bei Auflösung aufgestellten Inventar- und Vermögensverzeichnisse sind von der Oberin, ihren beiden Vertreterinnen und schließlich auch von Maria Clementine Martin unterzeichnet. Ihre Ruhe & Sicherheit, die ihr das Klosterdasein sichern sollte, ist aber nunmehr dahin. Ab da ist sie auf sich allein gestellt und muss sich im weltlichen Leben behaupten. Sie ist 36 Jahre alt.

Auch wenn die Annuntiatinnen wegen des von ihnen streng einzuhaltenden Armutsgelübdes ein entbehrungsreiches Leben kennen, ist für den eiteren Lebensunterhalt  der Maria Clementine nur sehr dürftig gesorgt durch Pensionen, die die Landesherren, die sich im Wege der Säkularisation in beachtlichem Umfang Güter und Einkünfte zahlreicher Klöster und Stifte angeeignet haben, nach dem Gesetz zu entrichten haben. Es reicht kaum zum Leben, und die Zahlungen erfolgen sehr unregelmäßig. Ein "Deja-vu", denn das kennt Maria Clementine von ihrer Mutter. Sie selbst muss die rückständigen Zahlungen ihrer Rente bei der Rheingräfin Wilhelmine Fürstin Friederike zu Salm in Erinnerung bringen. 

Maria Clementine hält sich zu dieser Zeit in der nahe Brüssel gelegenen Kleinstadt Tirlemont in Brabant auf. Darüber, wie sie dort lebt, welcher Tätigkeit sie nachgeht und wie ihr Zuhause aussieht, ist nichts Näheres bekannt. In einem Brief an das preußische Königshaus vom Juli 1821 begründet sie den Aufenthaltsort damit, sie habe die Weisung erhalten, an ihren Geburtsort - Brüssel - zurückzukehren. Sie er­wähn­t in ihren Briefen auch, dass ein Pa­ter mit Na­men Sin­ta­xi­us für sie sor­ge. Ob die ehe­ma­li­ge Or­dens­schwes­ter und der Pa­ter in Tir­le­mont zu­sam­men­leb­en oder sie durch ihn nur ge­le­gent­li­che Hil­fe er­hält, ist nicht be­kannt. 

Habit einer Karmelitin
Bis 1815 wird sie dort bleiben, nun alimentiert durch das Kaiserreich Frankreich. Dann rückt ihr Name im Juni 1815 im Zusammenhang mit der Schlacht von Waterloo ins Blickfeld, da sie sich bei der Versorgung der verwundeten "vaterländischen Krieger" Verdienste erworben habe. "Feststellungen dieser Art gehören eher zu den über Maria Clementine Martin kursierenden Legenden, die es nicht wenige gibt", meint dazu Helmut Heckelmann, der Quellenforschung zur Klosterfrau im Rahmen seiner Dissertation an der Universität Regensburg betrieben hat.

Erst im Juli 1821 leitet Maria Clementine ei­n Ge­such an den preu­ßi­schen Kö­nig, in dem sie betont, sie ha­be sich in den La­za­ret­ten  in Waterloo der tap­fe­ren preu­ßischen Kämpfer an­ge­nom­men, was so­wohl der Bür­ger­meis­ter von Tir­le­mont als auch der preu­ßi­sche Ge­ne­ral­feld­mar­schall Blü­cher be­stä­tig­en könnten. Daraufhin wird sie für ih­re be­son­de­ren Ver­diens­te um die Ver­sor­gung ver­wun­de­ter preu­ßi­scher Sol­da­ten von Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. mit ei­ner Leib­ren­te von jähr­lich 160 Ta­lern bedacht. Inzwischen ist sie auch wieder in Westfalen, in Münster, ansässig. Wenn sie ab et­wa 1826 be­haup­te­t, sie ha­be sich acht Jah­re im Klos­ter der Kar­me­litin­nen in Brüs­sel auf­ge­hal­ten, feh­len da­für bis heute jeg­li­che Be­wei­se. Ei­ne Klos­ter­an­ge­hö­ri­ge ih­res Na­mens ist im Brüs­se­ler Kar­mel nicht ver­zeich­net.

1821 ist für die durch die po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Zeit­um­stän­de auf sich ge­stell­te ehe­ma­li­ge Or­dens­frau auch aus einem anderen Grund von be­son­de­rer Be­deu­tung, denn im Som­mer des Jah­res wird gegen sie ein Ver­fah­ren we­gen Quack­sal­be­rei angestrengt. Müns­te­ra­ner Ärz­te und Wund­ärz­te verklagen sie we­gen Heil­be­hand­lun­gen, die die in der Me­di­zin­kun­de nicht aus­ge­bil­de­te Nonne an "Fis­tel- und Krebs­schä­den" er­krank­ten Pa­ti­en­ten durchführt. Auch aus diesem Grund wendet sie sich an den Kö­nig und bittet darum, die ge­gen sie ein­ge­lei­te­te fis­ka­li­sche Un­ter­su­chung niederzuschlagen und  gleichzeitig um die Er­laub­nis, Fis­tel- und Krebs­schä­den be­han­deln zu dür­fen. Sie schreibt:
"Un­be­kannt mit dem Ge­set­ze, wel­ches das Ver­both ent­hält, daß kei­ner oh­ne vor­he­ri­ge Er­laub­niß des Staats aus der Kur der Wun­den ein Ge­wer­be ma­chen dür­fe, leis­te­te ich man­chen am Fis­tel- und Krebs-Scha­den hart da­nie­der lie­gen­den Pa­ti­en­ten, an de­ren Auf­kom­men schon meh­re­re hie­si­ge Wund­ärz­te ge­zwei­felt hat­ten, den thä­tigs­ten Bey­stand und war durch mei­ne er­wor­be­nen Kennt­nis­se, und mit Bey­hül­fe der Ar­ca­ni so glück­lich, beyna­he al­le Pa­ti­en­ten, die ich, la­bor­i­rend an den ge­dach­ten Krank­hei­ten be­han­del­te, die so lan­ge ent­behr­te Ge­sund­heit wie­der zu ver­schaf­fen." (Quelle hier)
Wie schon ih­re Be­haup­tun­g über ih­ren an­geb­li­chen Karmel-Aufenthalt in Brüs­sel, sind auch den Aus­füh­run­gen über ihr Wissen zum Ar­ca­num bzw. Krebs­mit­tel, das sie angeblich damals in St. Anna in Coesfeld erworben hat, mit Vorsicht zu genießen, denn auch da­für gibt es kei­ne Be­wei­se. Mit ihren Gesuchen hat Maria Clementine keinen Erfolg: Die preu­ßi­schen Be­am­ten stell­en we­der das ge­gen sie eingeleitete Ver­fah­ren ein, ge­schwei­ge denn erlauben sie ihr, ih­re Heiltä­tig­keit fort­zu­set­zen. Wovon sie anschließend in Münster ihren Lebensunterhalt bestreitet - ob sie aus­schlie­ß­lich von ih­rer Pen­si­on leb­t oder andere zu­sätz­li­che Ein­künf­te er­ziel­t - weiß man nicht. 1825 zieht sie dann nach Köln um­.

In Münster hat die ehemalige Nonne - sie trägt wohl ein selbst kreiertes Habit aus Wollkleid, Schürze und einer Art Schleier über den Haaren - in Häu­sern des Dom­ka­pi­tels ge­wohnt und in Kon­takt zum Dom­de­chan­ten Spie­gel ge­stan­den. Jener Graf Fer­di­nand Au­gust von Spie­gel wird 1825 zum Erz­bi­schof von Köln berufen. In Köln lebt Maria Clementine wie­der­ in ei­nem Haus des Dom­ka­pi­tels. 1829 schreibt sie, sie stän­de un­ter Spiegels aus­drück­li­chem Schutz.

Erzbischof Spiegel, Domhof im 1. Viertel des 19. Jahrhunderts
Fünfzig Jahre ist Maria Clementine mittlerweile und sie scheint mit frischem Mut eine neue Perspektive zu verfolgen: 

Am 6.11.1825 inseriert sie in der Köl­ni­schen Zei­tung ein von ihr her­ge­stell­tes Eau de Co­lo­gne, welches im Haus des Dom­vi­kars Gum­pertz, Auf der Litsch 1, für 6 Silbergroschen & 3 Pfennige die Gro­ße Fla­sche zu ha­ben sei. Die Re­zep­tur dafür habe sie durch Ver­mitt­lung gu­ter Men­schen er­hal­ten. Das Haus des kranken 86-jährigen Domvikars, den sie pflegt, liegt im unmittelbaren Schatten des noch unvollendeten Domes. 1826 eröffnet sie dort ihr Unternehmen, die Destillerie "Maria Clementine Martin, Klosterfrau". Nach dem Tod des Domvikars 1827 zieht sie dann um in das Haus Domhof 19, welches Maria Clementine für jähr­lich 60 Ta­ler Preu­ßisch Cou­rant anmietet. 1829 nimmt sie den 14-jäh­ri­gen Pe­ter Scha­eben, Sohn ei­ner viel­köp­fi­gen Fa­mi­lie aus dem Köl­ner Vier­tel Un­ter Krah­nen­bäu­men, bei sich auf­ und baut ihn zu ihrem Nach­fol­ger auf.

Me­lis­sen­geist ist nach den da­ma­li­gen ge­setz­li­chen Be­stim­mun­gen ein Kos­me­ti­kum, also Par­füm­ware. Daher die Bezeichnung als Kölnisch Wasser. Es als Arz­nei oder Ge­heim­mit­tel anzupreisen, unterliegt ei­nem ge­setz­li­chen Ver­bot - die Her­stel­lung und  der Ver­kauf von Arz­nei­en ist al­lein Apo­the­kern vor­be­hal­ten. Maria Clementine bewirbt daher das Produkt auch als "Wasch- und Riechmittel".

Angesichts von dreizehn duftenden Kräutern plus hochprozentigem Alkohol in ihrem Melissengeist hat Maria Clementine offensichtlich den richtigen Riecher: Die stürmische Entwicklung des preußischen Kölns zu einer Wirtschaftsmetropole geht mit einem entsprechendem Bevölkerungswachstum einher. Und damit steigt auch der Bedarf nach mehr medizinischer Versorgung und Beruhigungsmitteln verschiedenster Art. 

Gebrauchszettel
Der schillernden Geschäftsfrau gelingt ein erster bedeutender propagandistischer Schachzug zuungunsten ihrer Konkurrenten, als sie Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. mit Schrei­ben vom 7.11. 1829 um die Er­laub­nis bittet, ih­re Wa­ren mit dem Preu­ßen-Ad­ler aus­stat­ten zu dür­fen. Mit einer Ka­bi­netts­ord­er vom 28.11. 1829 wird dem stattgegeben. 

In ei­nem nächs­ten Schritt 1831 hin­ter­leg­t sie ih­r Fa­brik­zei­chen, zu de­nen das Preu­ßen-Wap­pen und das Or­dens­zei­chen der Kar­me­li­ter ge­hör­en, beim Rat der Ge­wer­be­ver­stän­di­gen in Köln. Dieses Signum wird auf ih­ren Wa­ren und Ge­brauchs­zet­teln an­ge­brach­t, weicht allerdings mar­kant von dem Ori­gi­nal­wap­pen der Kar­me­li­ten - zwei Ster­ne sind bei diesem links und rechts ne­ben dem zu ei­nem Kreuz sti­li­sier­ten Berg Kar­mel an­ge­ord­net, der drit­te Stern be­fin­det sich im un­te­ren Teil des Wap­pens. Bei der Klosterfrau fehlt dieser dritte Stern.

Sicherlich re­sul­tier­t Ma­ria Cle­men­ti­nes ge­schäft­li­cher Er­folg aber we­ni­ger aus der Hin­ter­le­gung ih­rer Mar­ken­zei­chen, zu­mal die Schutz­funk­ti­on zu dieser Zeit noch nicht sehr aus­ge­prägt ist, als viel­mehr auf der Tatsache, dass sie ih­ren Me­lis­sen­geist weit­ge­hend kon­kur­renz­los an­bie­ten kann, wäh­rend un­ter den Köl­nisch-Was­ser-Pro­du­zen­ten ei­n hef­ti­ger Kon­kur­renzkampf tobt. Mitte der 1830er Jahre hat sie nur noch eine Mitbewerberin, The­re­se Sturm, die den aus dem Kö­nig­reich Bay­ern im­por­tier­ten Re­gens­bur­ger Kar­me­li­ten­geist in Köln vertreibt.

The­re­se Sturm ist ur­sprüng­lich Haus­häl­te­rin des ehe­ma­li­gen Pro­ku­ra­tors des Köl­ner Kar­me­li­ter­or­dens gewesen, der nach Auf­he­bung des Kölner Karmels von sei­nen ehe­ma­li­gen Or­dens­brü­dern aus Bay­ern diesen Re­gens­bur­ger Kar­me­li­ten­geist be­zogen, in Köln ver­kauf­t und vor seinem Tod mit einer ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung mit den Ver­ant­wort­li­chen in Re­gens­burg die Wei­ter­be­lie­fe­rung an The­re­se Sturm ge­si­chert hat. Maria Clementine zeigt Ellenbogen, als besagter Ex-Mönch, Jo­hann Schmitz mit Namen, nicht mehr seine schützenden Hände über die Sturm hält. Sie bringt die Behörden dazu, meh­re­re Ver­fah­ren we­gen il­le­ga­len Ver­kaufs von Ge­heim­mit­teln gegen die Mitbewerberin anzustrengen. Dagegen wehrt sich ein Nef­fe der The­re­se Sturm vehement ( seine Stellungnahme ist heute noch in den Unterlagen der Regierung Köln zu finden ). Darin schont er Maria Clementine nicht, indem er von der
"Ver­fol­gungs­sucht ei­ner Klos­ter­geist­li­chen" spricht, "wel­che lei­der schon zu lan­ge im Ge­wan­de der Schein­hei­lig­keit, Ar­muth bei nicht un­be­deu­ten­dem Reicht­hum heu­chelnd, un­verdin­te Gunst und Mit­leid viel­sei­tig sich er­schli­chen hat ."
Das Geschäftshaus der Firma am Domkloster 3, 
 ca. 1880. Heute ist hier das Dom-Forum.
©Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv Köln
"Von ei­ner glei­ßer­ri­schen ge­winn­süch­ti­gen Die­ne­rin des Herrn" ist bei ihm auch die Rede. Die Tatsache, dass Maria Clementine in jenen Tagen das Gebäude Am Domhof 19 als Eigentum erwerben kann, spricht für ihr ausgefuchstes, erfolgreiches Geschäftsgebaren. Brisant ist, dass Maria Clementine, wäh­rend sie The­re­se Sturm we­gen ver­bots­wid­ri­ger Be­nut­zung ih­rer Ge­brauchs­zet­tel po­li­zei­lich und ge­richt­lich ver­fol­gen lässt, sich selbst ge­nau sol­cher Bei­pack­zet­tel bedient. Die Po­li­zei­be­hör­de belässt es le­dig­lich bei einer An­dro­hung, im Fal­le der Zu­wi­der­hand­lung de­n Vor­rat an Me­lis­sen­geist der Klosterfrau zu kon­fis­zie­ren und ge­gen sie ge­richt­lich vor­zu­ge­hen, ahn­de­t da­ge­gen ihren Ge­set­zes­ver­stoß, der durch die Vor­la­ge der von ihr aus­ge­ge­be­nen Ge­brauchs­zet­tel nach­ge­wie­sen ist, nicht.

Noch wäh­rend dieser Aus­ein­an­der­set­zun­gen wendet sich die Mar­tin im Fe­bru­ar 1835 wieder einmal an den König Fried­rich Wil­helm III. mit der Bitte, ihr das Al­lein­ver­triebs­recht für ih­ren Me­lis­sen­geist ein­zu­räu­men. Doch jetzt ist sie wohl zu weit gegangen: Nicht zu­letzt un­ter Be­ru­fung auf die ein­ge­führ­te Ge­wer­be­frei­heit lehn­t das zu­stän­di­ge Mi­nis­te­ri­um am 2.5.1835 das Ge­such ab, eben­so einen wei­te­ren An­trag, ih­ren Me­lis­sen­geist als Arz­nei an­zu­er­ken­nen. Die Konkurrentin hat zwar gerichtlich letzten Endes nach fünf Jahren Erfolg, doch "dat arme Nönnche" hat in der Zwischenzeit oh­ne je­de Kon­kur­renz er­folg­reich ihr Ge­schäft aus­bau­en kön­nen. Und es kehrt einmal etwas Ruhe ein rund um die "Klosterfrau"...

Doch zunächst eher im Untergrund widmet sie sich der katholischen Sache im protestantischen Preußen. Als dies nämlich im Rahmen ihrer Stadtverwaltung den recht unbeliebten, katholisch-frömmelnden Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering 1837 unter Hausarrest stellen, wird sie ver­däch­tigt, al­len vor­an von dem Köl­ner Po­li­zei­di­rek­tor Ar­nold Mat­thi­as Heis­ter, Ver­fas­se­rin von Schmäh­schrif­ten ge­gen den Staat, aber auch ge­gen das Köl­ner Dom­ka­pi­tel zu sein. Das ist jedoch nicht mehr endgültig zu klären. Liest man jedoch ihre Briefe an Jo­seph Gör­res, dem einflussreichsten Publizisten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bleiben keine Zwei­fel mehr zurück an dem von der preu­ßi­schen Re­gie­rung ge­gen sie ge­äu­ßer­ten Ver­dacht. 

Maria Clementines Ruf als "kö­nigs­treue Un­ter­ta­nin" ist also hinüber: Ob­wohl sie ih­ren Ge­schäfts­er­folg zu ei­nem gro­ßen Teil der Pro­tek­ti­on des preu­ßi­schen Staa­tes aufgrund ihres schmeichlerischen Benehmens ver­dank­t ( was auch die jah­re­lan­ge Scho­nung durch die Köl­ner Be­zirks­re­gie­rung bei der Aus­übung ih­res Ge­schäf­tes umfasst ), erweist sich die Pro­te­gier­te nun al­les an­de­re als dank­bar und zieht oh­ne je­de Zu­rück­hal­tung ge­gen den Staat und sei­ne Re­prä­sen­tan­ten zu Fel­de. Insgesamt wird der Geschäfts- und Klosterfrau ohnehin eher wenig Warmherzigkeit attestiert. 

Am Ende ihres Lebens hat ihr Unternehmen Filialen in Bonn, Aachen und Berlin. We­ni­ge Mo­na­te vor ih­rem Tod, im April 1843 bestimmt Ma­ria Cle­men­ti­ne Mar­tin ih­ren Ge­hil­fen Pe­ter Gus­tav Schaeben tes­ta­men­ta­risch zu ih­rem Uni­ver­sal­er­ben. In ihrem Testament gibt sie ihm den Rat auf den Weg, sich nicht "mit einem Compagnon in Theilung des Geschäftes" einzulassen. Schaeben wird das Un­ter­neh­men un­ter der von der Erb­las­se­rin vor­ge­ge­be­nen Fir­ma Ma­ria Cle­men­ti­ne Mar­tin Klos­ter fortführen und zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen für sei­ne Pro­duk­te auf meh­re­ren Welt­aus­stel­lun­gen er­ringen.

Skulptur für den Kölner Rathausturm
Grab auf Melaten
Ma­ria Cle­men­ti­ne Mar­tin stirbt am 9. August 1843 als wohl­ha­ben­de Frau mit 68 Jahren. Sie wir­d in un­mit­tel­ba­rer Nä­he einer Ka­pel­le auf dem Köl­ner Fried­hof Me­la­ten bei­ge­setzt, wo ihr Grab bis heu­te er­hal­ten ist.

Es hat mich nicht über­rascht, dass das über Ma­ria Cle­men­ti­ne Mar­tin Ge­schrie­be­ne mit wenigen Ausnahmen mehr auf Le­gen­den und ro­man­haf­ten Dar­stel­lun­gen als auf nach­weis­ba­ren Tat­sa­chen be­ruht hat, denn das gehört auch zur gewieften Firmendarstellung. 

Neu­ere Er­kennt­nis­se aus sorgfältigem Quellenstudium haben mich veranlasst, die berühmte Klosterfrau in dieser Blogserie vorzustellen. Maria Clementine Martin war eine Zeitzeugin eines sehr großen europäischen Umbruchs. Kommt daher ihre "aktive Anpassungsfähigkeit" ( Tanja Schurkus )? Oder ist sie dem Aufwachsen unter prekären materiellen Verhältnissen mit einer Mutter, die für ihre Familie gekämpft hat, geschuldet? Wie erfolgreich darf eine Frau sein, vor allem, wo sie doch in jugendlichen Jahren ein Armutsgelübde abgelegt hat? Leider gibt es nichts, das Antworten auf diese Fragen geben könnte, denn Maria Clementine Martin hat so gut wie kein Selbstzeugnisse hinterlassen. Das Gebäude ihres Unternehmens samt möglicher Schrifttümer ist in den Bombennächten des 2. Weltkrieges völlig zerstört worden.
 
Bis 1929 bleibt das von ihr gegründete Unternehmen unter der Führung der Schaebens in Familienhand. 1933 gelingt es Wilhelm Doerenkamp, ein pharmazeutischer Unternehmer und Kommandist bei "Klosterfrau", die Schaeben-Brüder - infolge der Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise in Bedrängnis geraten - im Rahmen eines Zwangsvergleichs als Hauptgläubiger in der Insolvenz aus der Firma hinauszudrängen. Der Vorgang wird "Klosterfrau" prägen – wann immer der Markt eine Chance bietet, ist das Kölner Unternehmen zur Stelle. Erst als Partner, dann als Käufer. Ein wenig erinnert das auch an das Gebaren seiner Begründerin, oder? Auch nach dem 2. Weltkrieg fährt Klosterfrau geschickt im Windschatten der Pharmakonzerne und kauft einige "Juwelen" der Branche wie Taxofit und kapert die Kölner Firma Nattermann.

Heute wird Klosterfrau Melissengeist von einem Zürcher Unternehmen, der healthcare group ( die als Familienunternehmen etikettiert wird ), produziert. Im Rahmen des 200jährigen Unternehmensjubiläums wird in diesem Jahr zum ersten Mal der Maria Clementine Martin-Award verliehen an Gründerinnen, die mit ihren Ideen und Projekten "einen ebenso positiven Einfluss auf die Gesellschaft und die Gesundheitsbranche ausüben" wie die Namensgeberin des Preises.
                    
                                                                           

Und wie immer mein Hinweis auf weitere Frauenposts!

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