Donnerstag, 17. September 2020

Great Women #234: Ruth Andreas - Friedrich

Von der heutigen Frau habe ich erfahren, als ich mich mit dem zivilen Widerstand in Hitler-Deutschland beschäftigt habe. Über Frauen, die der Roten Kapelle zugeordnet wurden, habe ich schon hier und hier geschrieben, über die Schwester von  Sophie Scholl an dieser Stelle. Dann habe ich meinen Fokus auf eine Gruppe namens "Onkel Emil" gerichtet und bin auf eine zentrale Figur gestoßen, der mein heutiger Post gewidmet ist: Ruth Andreas-Friedrich.

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"Sie brauchte nur zu erscheinen,
und alles hatte sich geaendert, 
die Hungernden hatten zu essen,
die  Obdachlosen ein Bett,
die Hoffnungslosen wieder Hoffnung."
Hanna Angel, jüdische  Emigrantin, über Ruth Andreas-Friedrich


Ruth Andreas-Friedrich kommt als Ruth Behrens am 23. September 1901 in ihrem Elternhaus in der Hauptstrasse 149 in Berlin-Schöneberg zur Welt. Ihre Eltern sind die 25jährige Marguerite von Drewitz und der 41jährige Dr. jur. Max-Adolph Behrens, Königlicher Militär-Intendanturrat. Seit 1896 verheiratet, haben sie zu diesem Zeitpunkt schon zwei Töchter, Edith vier und Ilse zwei Jahre älter als Ruth. Knapp vier Jahre nach Ruths Geburt werden sie noch einen Sohn, Wolfgang, bekommen.

Familie  Behrens an der Ostsee
(1904)
Zwei Monate nach Ruths  Geburt wird der Vater zum Oberintendanturrat befördert und nach Stettin versetzt. Der erste Umzug für das Mädchen! Dort in Stettin übernimmt ein Kinderfräulein namens Ella Zauter - übrigens 16 Jahre lang - die Mutterrolle und stellt sich als Feldwebel in Elfengestalt heraus, die den militärischen Umgangsstil des dominanten Vaters unterstützt. Die Mutter ist ganz "Dame von Stand" und geht, gemeinsam mit ihrem Mann, "gesellschaftlichen Verpflichtungen" nach, ist von zarter Konstitution und im Verlaufe der Kindheit & Jugend Ruths zunehmend kränkelnd.

1908 erfolgt eine weitere Beförderung des Vaters, diesmal zum "Geheimen Kriegsrat", mit einer gleichzeitigen Versetzung nach Metz in Lothringen, 1871 vom Deutschen Reich annektiert. Mit diesem Umzug und einem neuen Zuhause in einem Gründerzeit- Prachtbau mit 16 Zimmern beginnt die glücklichste Zeit ihrer Kindheit, so wird sich Ruth später äußern. Zum Haus gehört ein Garten, Hühner- und Pferdestall, Beete für die Kinder und alles, was sonst noch so bei einem Anwesen dieser Grüße in jenen Tagen angesagt ist.

Ruth ist unzertrennlich mit dem vier Jahre jüngeren Bruder verbunden, der gerne unter ihrem Kommando steht. Ihr müssen auch die Zinnsoldaten gehorchen, und Ruth ist in den Augen ihres Vaters eher ein Junge, während der Sohn es ihm nicht recht machen kann. Mit dem "Holländer" rast denn auch sie den Abhang zur Mosel hinunter, der Bruder sitzt hinten auf. Ruth macht in der Badeanstalt gleich 'nen Kopfsprung, der Bruder klammert sich an die Mutter. Ruth reitet auf des Vaters Pferd über den Hof, während Wolfgang Angst vor dem großen Tier hat.

Im  Hause Behrens geht es preußisch-spartanisch zu: Süßigkeiten für die Kinder gibt es nur zu Ostern und Weihnachten, und die Mahlzeiten sind - außer am Sonntag - bescheiden, immer wieder aufgewärmt, und manche Rezepte sind bei den Kindern recht unbeliebt.

1912 lässt sich der Vater nach Magdeburg versetzen, denn er sieht den Krieg heraufziehen und will dann nicht gezwungen sein, auf die französischen Verwandten seiner Frau zu schießen. Also wieder ein Umzug, diesmal in nicht ganz so glanzvolle Umstände: Das neue Haus ist nur eine Etage, allerdings mit vierzehn Zimmern, genau gegenüber des Gebäudes des Generalkommandos,  und mit einem viel kleineren Garten. Der Umzug findet unter Tränen statt.

Ruth besucht in  Magdeburg das private Rosenthal - Lyzeum mit einer liberalen Direktorin, der sie ihr Leben lang verbunden bleiben wird. Der gesundheitliche Zustand ihrer Mutter wird immer desolater und "zuletzt verweigert (sie) sich auf der ganzen Linie", wird Enkelin Karin in ihrem Buch schreiben. Überliefert sind aber auch Suizidversuche, die auf existenzielle Nöte schließen lassen. Die Enkelin spricht von einer "Strindberg - Ehe". Es bedeutet aber auch: Nun muss alles auf Ellas Kommando hören.

Den Sommer 1914 verbringen die Kinder im schlesischen Obernick bei den Großeltern mütterlicherseits, bis der Vater sie per Telegramm nach Hause beordert: Er muss an die Front. Er werde spätestens wiederkommen, wenn der Krieg in ein paar Wochen vorüber sei, so bei seiner Verabschiedung. Daraus wird erst einmal ein Dreivierteljahr, und auch dann ist ein Kriegsende noch nicht in Sicht.

Für Ruth ist es ein Glücksfall, dass die Großeltern aus Breslau zu ihnen ziehen, denn ihre Großmutter Hélène wird ihre wichtigste Bezugsperson: "Sie kannte keine Tabus."

Ruth ist diejenige, die auch auf die Idee kommt, Geld einzunehmen, um die Pakete an die Front mit üppigeren Liebesgaben ausstatten zu können, indem sie eine Kriegszeitung herausbringt mit Frontberichten und  Fortsetzungsromanen. Schwester Edith, die mit der besten Handschrift, schreibt die Texte ab, Wolfgang steuert Rätsel bei und trägt die per Matrize vervielfältigten Blätter zu den zahlenden Lesern. Später wird die "Liebesgabenkasse" auch noch durch Theateraufführungen aufgestockt, alles wieder von Ruth inszeniert.

Langsam zeigen sich in der Familie Auflösungserscheinungen: Ella geht, nicht ganz freiwillig - der Arzt der Mutter meint, sie täte dieser nicht gut -, die sanftere große Schwester Edith übernimmt die Haushaltsführung und lässt die jüngeren Geschwister von der Leine. Und nach dem berühmt-berüchtigten Kohlrübenwinter geht Ruth aus dem Haus ( auch wenn das zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar ist ). Zunächst betätigt sie sich aber gemeinsam mit Wolfgang bei der Erntehilfe im Raum Halle.

Dort, bei der Heuernte, lernt sie einen jungen Polen kennen, mit dem sie sich, verliebt wie sie ist, küsst. So berichtet sie es dann auch zu Hause. Die Mutter findet es höchst verwerflich und meint, sie könne die Verantwortung  für die Tochter nicht länger tragen. Es wird entschieden, dass Ruth in Breslau bei den Großeltern ein Haushaltsjahr ableisten muss. Vorher darf sie aber noch ihren Lyzeumsabschluss machen. Ostern 1918 ist es dann so weit, dass die Großmutter sie begrüßt: "Komm an mein Herz, erzähl!"

In Breslau besucht Ruth die "Pawel'sche Frauenschule", wo sie mit all dem vertraut gemacht wird, was eine höhere Tochter halt so braucht. Wichtiger für das junge Mädchen ist aber die Tatsache, dass sie bei der Großmutter das "savoir vivre" und bei deren Köchin die feine Küche kennenlernt. Nur widerwillig kehrt sie 1919 nach Magdeburg zurück, um dort dem aus dem Militärdienst entlassenen und mit 59 Jahren zur Ruhe gesetzten Vater den Haushalt zu führen. 1920 darf sie wieder nach Breslau.

Dort schreibt sie sich in der Sozialen Frauenschule ein, um Wohlfahrtspflegerin zu werden, absolviert Praktika in einer Stahlfabrik und beim Berufsamt der Stadt und legt schließlich 1922 mit großem Erfolg ihr Staatsexamen ab. Ihre Stelle beim Wohlfahrtsamt behält sie nicht lange, da sie sich mit dem Direktor darüber auseinandersetzt, dass auch arbeitslose Frauen ein Recht auf das Tragen von Seidenstrümpfen haben, was der als direkten Weg in die Prostitution ansieht.

Sie beginnt nun eine Lehre als Buchhändlerin und interessiert sich, orientiert an ihrer Großmutter, für Politik, speziell für den Pazifismus. Diese Zeit in Breslau wird die ihrer "wilden Jahre": Natürlich muss der "alte Zopf weg" und ein Bubikopf her. Sie schließt sich der Wandervogelbewegung an, entdeckt für sich die Freuden der Liebe und hat zahlreiche Verehrer. Und mit all dem kann sie sich auch noch der Großmutter anvertrauen. Für Ruth ist das Glück. Weniger, dass die Eltern dann bald auch in eine  Wohnung, die der der Großeltern gegenüberliegt, ziehen...

Im Frühjahr 1923 hat Ruth einen Nervenzusammenbruch mit einem Aufenthalt in einer entsprechenden Klinik, nachdem sie durch einen verantwortungslosen Arzt ein opiumhaltiges Schmerzmittel verschrieben bekommen hat und in die Abhängigkeit geraten ist. Danach löst sie sich von den Eltern, nachdem der Vater ihr untersagt hat, ihre Buchhändlerlehre abzubrechen, um nach Berlin zu gehen. Auch für den Vater ist das - das ist wohl DAS Argument jener Tage, wenn Männern das weibliche Verhalten nicht passt - der direkte Weg in die Prostitution. Die Mutter ist da versöhnlicher.

Ruth & Otto Friedrich
(1924)
Berlin! Das heißt für die 22jährige Ruth ein neues Beschäftigungsfeld beim kleinen Index - Verlag der Brüder Otto und Achim Friedrich, zwei Studenten mit Elan und hochfliegenden Plänen. Vermittelt hat den Kontakt Schwester Edith. Und die beiden jungen Männer sind dann auch recht sympathisch und attraktiv. Der Verlag hingegen eher eine Luftnummer...

Berlin, das ist auch "wie von Aladins Wunderlampe erhellt. Berauschend, verführerisch, elektrisierend." Ruth schreibt an Großmutter Hélène: "Das ist meine Stadt." Das Weihnachtsfest des gleichen Jahres verbringt Ruth aber dann bei der Familie Friedrich in Marburg, auch dort von der Mutter der Brüder mit offenen Armen empfangen, einer geborenen Reichsfreiin von Bülow, Witwe des Sauerbruch - Lehrers Prof. Paul Leopold Friedrich, die sich mit Büroarbeit über Wasser halten muss.

Als Ruth mit Otto nach Weihnachten Marburg verlässt, gelten sie als verlobt. Und schon im Januar 1924 hält Otto in Breslau um Ruths Hand an und Hochzeit ist dann ganz unromantisch auf dem Standesamt in Berlin-Wilmersdorf Mitte Februar. Da es mit dem Verlag nichts geworden ist, zieht Otto einen Fachhandel für technischen Bedarf auf, und Ruth bringt ein Jahr nach der Hochzeit in Marburg die gemeinsame Tochter Charlotte Margarete, Rufname Karin, zur Welt.

Auch sonst ist im Jahr 1925 einiges los: Otto Friedrich beginnt endlich eine Lehre zum Kaufmann, Ruths Vater stirbt, sie selbst nimmt eine Stelle als Aushilfsverkäuferin in einem Schokoladengeschäft an und ihr Ehemann beginnt, seinen Traum von einer Zeit in Amerika, wo der Bruder schon in Harvard ist, voranzutreiben. Ende 1926 ist es für ihn dann so weit, und Ruth zieht nach Breslau, wo ein Leben "auf Sparflamme" eher möglich ist und ihr ihre ehemalige Buchhandlung eine Beschäftigung bietet. Die Pläne, dass Ruth mit dem Kind ebenfalls in die Staaten auswandert, zerschlagen sich dann aber, als Otto von seiner amerikanischen Firma als Repräsentant in Europa ausersehen ist.

Die junge Frau kehrt in "ihre Stadt" zurück, zieht in Erwartung ihres Ehemannes in eine Wohnung in einem prachtvollen Haus in der Mommsenstraße 10 in Charlottenburg, und jetzt könnte man meinen -  frei nach Tucholsky - "es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt". Doch so happy geht es nicht weiter, da Otto nicht so schnell nach Europa zurückkehrt, und Ruths "Ansichten von Liebe und Treue zumindest mit Otto nicht übereinstimmte(n)." Ihre Seitensprünge, ihm brühwarm gebeichtet, bekümmern ihn wohl sehr.

Berlin ist ja spätestens seit der Serie "Berlin Babylon" heutzutage allen bekannt als Hotspot des Vergnügens, und das sucht auch die 26jährige:  Sie gehört bald zur Berliner Schickeria und mit dem Freund Fritz Landshoff auch bald zu den Stammgästen des berühmten Literatentreffs "Romanisches Café" und beginnt schließlich selbst Zeitungsartikel und Buchbesprechungen zu schreiben, z. B. für die "Neue Badische Landeszeitung" oder die  "Königsberger  Allgemeine".

Als Otto Friedrich endlich in Berlin ankommt, folgt eine Zeit des gemeinsamen Herumreisens in Deutschland, denn als Repräsentant seiner Firma verfügt er über eine Oldsmobile- Limousine und hat einer entsprechenden Arbeitsplatzbeschreibung  nachzukommen. Tochter Karin wird in der Obhut von Ella Zauter, dem einstigen Kindermädchen der Behrens - Kinder, in Berlin zurückgelassen. Die Weltwirtschaftskrise geht für die Friedrichs dank der US-Dollars, in denen Otto entlohnt wird, glimpflich aus, nicht aber eine neue Liebe Ottos, die ziemlich überraschend und schnell zu einer Scheidung im Frühsommer 1930 führt. ( Eine Verbindung wird aber lebenslang bestehen bleiben, auch als Otto A. Friedrich nach dem Krieg Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sein wird. ) Ruth führt den Namen Friedrich weiter und fügt ihm fortan noch den zweiten Vornamen ihres Ex-Mannes, Andreas, hinzu.

Mit der Tochter zieht  sie in eine kleinere Wohnung in der Fritschestraße. Bruder Wolfgang komplettiert dort die Wohngemeinschaft.

Als sie im Jahr darauf die Sommerfrische in Bad Landeck in Schlesien verbringt, wo sich alljährlich junge Angehörige der Berliner Bourgeoisie treffen, Jazz hören, Tennis spielen, Picknicks veranstalten und es sich gut sein lassen, lernt sie den aus Russland  gebürtigen Leo Borchard kennen. Der wird von seinem Freund Herbert Sandberg, Musiker und Dirigent in Stockholm, Sohn des Nervenarztes, der in Landeck das Sanatorium unterhält, in den Kreis eingeführt. Der 32jährige Borchard hat als russischer Emigrant in Berlin seine Ausbildung gemacht und arbeitet nun als deutscher Staatsbürger in Königsberg.

Zwischen der lebenslustigen Ruth - immer auf der Jagd nach "Sommerfliegen", wie die wechselnden Amouren heißen - und dem gutaussehende Borchard entwickelt sich dann aber eine nachhaltigere Beziehung. Und schon im Herbst wohnt er bei ihr in der Fritschestraße.

Dagegen hat Karins Vater Einwände, der nicht will, dass seine Tochter in einer "wilden Ehe" groß wird. Deshalb wird ein anderes Arrangement gefunden und in einem Neubau in Steglitz, im Hünensteig 6, zwei übereinander liegende Wohnungen bezogen. "Die Diskretion bleibt in jeder Beziehung gewahrt", schreibt Wolfgang Benz in seinem Buch.

Leo Borchard
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Ab 1931 absolviert Ruth auch eine Ausbildung im Ullstein - Verlag und schreibt ab 1933 als freie Journalistin für "Mode und Heim", "Berliner Hausfrau", "Kölnische Illustrierte", "Koralle", aber auch den etwas anspruchsvolleren "Uhu". Thematisch bewegt sie sich in den Rubriken "Küche, Kinder, Haus&Garten". Außerdem arbeitet sie für Ullstein als Übersetzerin.

Doch zurück in der Historie, die ja durch die Machtübernahme der Nazis 1933 eine ganz besondere geworden ist:

Für Leo Borchard hat das Jahr 1933 im Januar noch vielversprechend begonnen, denn er dirigiert erstmals die Berliner Philharmoniker. Doch schon im April weigern sich die Musiker des Berliner Funkorchesters unter ihm zu spielen, da er in Königsberg freundschaftliche Beziehungen zu "Ostjuden" unterhalten habe.  Ruth & Leo werden sich auch der Tatsache gewahr, dass sie sich in Steglitz mitten in einer Nazi - Hochburg befinden, mit einem der strammsten Blockwarte in der Nachbarschaft.
Die NSDAP hatte hier besonders viele Anhänger und Mitläufer und bei den Wahlen in den 30er-Jahren mit über 40 Prozent der Stimmen die höchsten Wahlergebnisse ganz Berlins. Folgerichtig platzierten die Nazis wichtige Einrichtungen ihrer Machterhaltung in diesem Bezirk. Die Lichterfelder Kadettenanstalt wurde zur Kaserne der „Leibstandarte Adolf Hitler“, Unter den Eichen saß das Wirtschafts- und Verwaltungsamt der SS mit Hunderten Mitarbeitern, die das gesamte System der Konzentrationslager steuerten. Am heutigen Ortlerweg entstand eine Siedlung für Familien von SS-Angehörigen, in unmittelbarer Nähe zum KZ-Außenlager an der Wismarer Straße. ( Quelle hier )
Als die gerade mal neunjährige Karin Ostern 1934 aus der Schule heimkehrt und der Mutter berichtet, man habe auf dem Schulhof mit den anderen Kindern beim Hissen der Flagge "Heil Hitler" rufen müssen und "Judas streck dich" ( so hat das Kind den Ruf "Juda verrecke" in der ganzen Brüllerei verstanden ), nimmt sie die Mutter beiseite, weil sie erkennen muss, dass ihre Tochter zum Antisemitismus erzogen werden soll.
"Ich muss dir jetzt etwas verraten. Darüber darfst du mit niemandem reden. Das ist unser Geheimnis. Wir können den Hitler nicht leiden. Er ist gemein zu unseren Freunden. Aber behalt das für dich."
Karin Friedrich
(1946)
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Dennoch, so wird Karin später schreiben, vergehen die Jahre 1935/36 ohne große Aufregungen:

Ruth schreibt für die "Koralle" ihre Serie unter dem Titel "Heldinnen ohne Lorbeer" über große Frauen oder "Ihr letzter Gang", zum Beispiel über Maria Stuart. Sie kocht beeindruckende Drei-Gänge-Menüs, geht nach wie vor abends viel aus, erzählt ihrer Tochter aber auch gerne Geschichten aus dem Leben ihrer französischen Vorfahren. Leo dirigiert als "begnadeter Tschaikowsky- Interpret" Aufnahmen für Telefunken oder Konzerte. Und jedes Jahr bis zum Kriegsausbruch verbringt das Paar acht Wochen Sommerurlaub in Finnland, ohne Karin, die in dieser Zeit von Ella und dem einstigen Journalistenkollegen Ruths, Heinrich Mühsam, einem Juden, betreut wird.

Es ist tatsächlich nicht so, dass das Paar und seine Freunde in jener Zeit Trübsal blasen, im Gegenteil: Wenn sie zusammensitzen und trinken, plaudern sie über neue Filme und Bücher, tanzen, haben Spaß. Sie wollen leben. ( Ich muss bei dieser Beschreibung immer an den Film "Der Tanz auf dem Vulkan" denken... ) Das häufige Kommen und Gehen im Haus wird von den Nachbarn hingenommen, und die Bewohner werden weder bespitzelt noch denunziert.

Doch 1936 wird Leo dann bei den Berliner Philharmonikern als "persona ingrata" eingestuft, weil er sich bei einem Konzert in Frankreich mit dem berühmten Mahler - Dirigenten Bruno Walter öffentlich gezeigt hat. Es folgt das Auftrittsverbot. Als Aushängeschild einer liberalen Kulturpolitik der Nazis hat er ausgedient. Auslandskonzerte sind aber weiter möglich. Und die wird Ruth nun verstärkt dazu nutzen, um Wertsachen ihrer jüdischen Freunde wie Schmuck und Pelze, Dollarnoten & Goldmünzen außer Landes zu schmuggeln.

Doch bald wird ganz anderes Handeln notwendig:
"Am 9. November 1938 brachen Zivilisation und Kultur, bürgerlicher Anstand und gesellschaftliche Ordnung in Deutschland zusammen. Das nationalsozialistische Regime, im sechsten Jahr an der Macht, hatte nicht die Judenfeindschaft zur Staatsdokrin erhoben, sondern  auch ein 'Recht des Stärkeren' zur Unterdrückung anderer Nationen propagiert... Am 9. November begann die Ära der offenen Gewalt mit der Inszenierung der 'Reichskristallnacht'. Juden wurden zur Jagd freigegeben, deutsche Bürger wurden aufgrund ihrer Herkunft und ihres Glaubens öffentlich gedemütigt und misshandelt, ihr Eigentum wurde geplündert und ihre Exisenz zerstört", so Wolfgang Benz in besagtem  Buch. 
Ein erster jüdischer Freund sucht noch am gleichen Tag bei Ruth Andreas-Friedrich Zuflucht. Auch als sie am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause kommt, sitzen weitere jüdische Freunde auf der Couch, in Sessel gekauert, unaufhörlich rauchend, manche Karten spielend. In Borchards Wohnung sind andere untergekommen. Und  unablässig geht das Telefon, weil noch einer einen Platz zum Untertauchen braucht. Nicht alle Freunde schaffen das rechtzeitig.
"Wir dachten immer, alles verstünde sich von selbst. Alle wären wie wir. Dass wir nicht sahen, wie anders andere Menschen sind, das ist unsere Schuld. Dass wir von uns auf andere schlossen. Von uns auf die Nazis! So haben wir sie großgemacht.
Jetzt wird ihr richtig bewusst, wie naiv sie die ganze Zeit gewesen ist. "Die Juden sind nur die Ersten, doch warte mal ab, wir kommen auch noch dran", äußert sie jetzt gegenüber einer Freundin. Den Freund Heinrich Mühsam beschwört sie, endlich auszuwandern "Unglücklich sein in Kanada? Entwurzelt in den Vereinigten Staaten?", seine Reaktion. Er wird 1944 in Auschwitz- Birkenau umkommen.

Im Spätherbst des Jahres treffen sich erstmals Freunde in der nur 50 Quadratmeter großen Wohnung am Hünensteig 6, um über Hilfe für die Verfolgten zu beraten. Zwei Ärzte sind dabei, Fritz & Christiane von Bergmann, Journalistinnen wie die Bildredakteurin Charlotte Kamm & Susanne Simonis, der Konditor Walter Reimann, der Juraprofessor Hans Peters, der Landgerichtsrat Dr. Günther Brandt und Ruths Arbeiterfreund Erich, Mitglied der KPD, sowie bald auch die vierzehnjährige Karin. Der innere Zirkel besteht aus sechs Leuten, der äußere aus elf. Als Widerstandszelle verstehen sie sich nicht, sie bezeichnen sich selbst als Clique, mal als "Ringverein" und später als "Gruppe Onkel Emil" nach dem Spitznamen des Arztes Walter Seitz, der zu ihnen stoßen wird.

Seitz, Facharzt für Innere Medizin an der Charité, überzeugter Antifaschist, mit einer Halbjüdin verheiratet, muss ab 1943 dann selbst untertauchen, um einer Verhaftung zu entgehen, weil er an der Ostfront mehrfach Zwangsarbeiter krank geschrieben hat. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 taucht er als "holländischer Binnenschiffer" wieder in Berlin auf und kommt schließlich in  der Wohnung einer evakuierten Witwe eines SS-Offiziers unter.
"Die Gruppe, der am Ende etwa 20 Frauen und Männer angehörten, agierte nicht mit den Ritualen von Verschwörern, eher mit jugendbewegter Lust am Abenteuer. Die Hilfe für Juden wurde auf freundschaftlicher Augenhöhe geleistet, das unterscheidet sie von anderen „unbesungenen Helden“, deren Attitüde oft herablassend und patriarchalisch blieb. Das gleichberechtigte Miteinander von Juden und Nichtjuden macht die Gruppe beispiellos in der Geschichte des Widerstands gegen Hitler. Als bürgerliche Intellektuelle lebten sie in früher Erkenntnis des Unheils im Gleichklang mit bedrohten Juden und gefährdeten Deserteuren ihre Abneigung gegen den Nationalsozialismus. Sie hatten keine weltanschaulichen Prämissen und daraus folgende Abgrenzungen, ihnen fehlte die Berührungsangst", schreibt Wolfgang Benz in einem  "Hauptstadtbrief
ca. 1938
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Ruth ist der Dreh- & Angelpunkt der Gruppe und wird zur Chronistin der Judenverfolgung, weil sie alles in einem "Tagebuch" protokolliert. Diese Aufzeichnungen gelten heute als die ersten literarischen Zeugnisse des Nazialltags unter dem Blickwinkel des Widerstandes. Die Namen ihrer Mitstreiter wie die Namen der Geretteten sind allerdings verschlüsselt und heute nicht immer zu enträtseln, so dass es auch nicht nachvollziehbar ist, ob die Betreffenden überlebt haben.
"In aller Herren Länder haben sich die Freunde verstreut. Wohl denen, die noch mit einem blauen Auge davongekommen sind, die nicht mehr einbüßten als einen fünfundsiebzigprozentigen Verlust ihres Vermögens! […] Vermögensverlust läßt sich verschmerzen. Menschliche Kränkung nie."
Ihre Tätigkeit ab 1939 als feste Mitarbeiterin bei "Die junge Dame" bringt Ruth die Rolle einer Beraterin in Lebensfragen  für die weibliche Leserschaft ein. Als "Frau Ilse" verkündet sie beispielsweise "Es kann nett sein im Bett" und schreibt eine Serie über "Lebenskrisen", in der sie freudsche  Erkenntnisse den Nazissen unterjubelt.

Um ihren Beruf überhaupt ausüben zu dürfen, ist sie Mitglied der Reichsschriftumskammer - ein Kompromiss, den sie wohl eingehen muss. Später ab 1943, als Verantwortliche für die Nachfolgerin der "Jungen Dame" - "Kamerad Frau" -, sieht sie sich zur Einhaltung der nationalsozialistischen Presseanweisungen gezwungen, die eine verstärkte antisemitische Propaganda in deutschen Publikationen fordern. So publiziert die neue Zeitschrift während ihrer Zeit als Herausgeberin durchaus hetzerische Artikel gegen Juden. Ruth Andreas-Friedrich verliert also "im alltäglichen Kompromiss zwischen persönlicher Haltung und den Erfordernissen des Broterwerbs ihr politische Unschuld", so Wolfgang Benz.

Sie nutzt aber auch diese, ihre Möglichkeiten als Mitglied der Kammer, um unter ihrem Namen Texte des jüdischen Schriftstellers  & Bühnenautors Otto Zoff zu veröffentlichen, um ihm das Honorar im Prager Exil zukommen zu lassen. Ähnlich hält sie es mit der Halbjüdin Eva Simoni, einst Kollegin bei Ullstein.

Leo Borchard befindet sich hingegen inzwischen in der inneren Emigration. Karin - seit Mitte März 1942 als Schauspielschülerin Heike Burghoff im Tagebuch ihrer Mutter eingeführt - macht ein Jahr danach Abitur und wird zum Kriegsdienst bei Rheinmetall und Borsig verpflichtet. Ende August 1943 wird sie dann tatsächlich Schauspielschülerin ( und sehr viel später Mitglied des Ensembles des Hebbel - Theaters ).

Als die ersten Hilferufe aus den Judensammellagern nach Nahrung ab Beginn 1942 Ruth erreichen, steht bereits das illegale "Bezugssystem" der Gruppe: 


Schulfreundinnen werden von Karin Lebensmittelkarten für Ausgebombte abgeschwatzt, der Konditor Reimann vom Kurfürstendamm und Charlotte Kamm, mit  der er  inzwischen verheiratet ist, werden zuverlässige Lieferanten für selbige, aber auch fettfreies Kriegsgebäck, ebenso der Feueranzünderfabrikant Walter Zeunert. Und auch Otto A. Friedrich, nun Sachverständiger der "Reichsstelle Kautschuk" und viel unterwegs, "liefert". Notwendige Medikamente beschaffen die Ärzte in der Gruppe, die auch die Untergetauchten medizinisch versorgen.

"Die letzte Möglichkeit der deutschen Juden, dem Verderben zu entrinnen, war ab Anfang 1942 die Flucht in den Untergrund", so Wolfgang Benz, denn im Herbst 1941 hat die Entrechtung der deutschen Juden ihr Endstadium mit dem Beschluss der "Endlösung" erreicht gehabt, die mit der Deportierung in Ghettos, Vernichtungslager und auf die Mordplätze in Polen, Weissrussland und ins Baltikum einhergehen.

Walter Seitz wird später beschreiben, was die größten Schwierigkeiten vor dem Untertauchen sind: der Besitz von genügend Lebensmittelkarten, ein (gefälschter ) Pass und Geld. Anschließend müssen Quartiere gefunden werden. Dabei tut sich der Komponist Gottfried von Einem hervor und Günther Brandt, der Landgerichtsrat. Über den erhält die Gruppe auch Kenntnis davon, was mit den jüdischen Freunden im französischen Exil passiert, und von den erschütternden Vernichtungsmethoden der Nazis. Ein wichtiger Informant aus den "Gefilden der Macht" ist auch der Gesandtschaftsrat Erich Kordt, bevor er nach Tokio entsendet wird.

Seitz gelingt 1945 zusammen mit dem ersten Freund Karins, Fred Denger, das Husarenstück der "Gruppe Onkel Emil": "... aus einer Kartenstelle so viele Papiere herbeizuschaffen, daß eine großzügige Unterstützung zahlreicher politischer Flüchtlinge möglich wurde." Mit derart erschlichenen Identitäten reihen sich auch  Ruth und Karin in eine Schlange "Ausgebombter" ein und beschaffen sich neun Monatssätze Lebensmittelkarten, Haushaltsausweis, Gemüsekarten, Bezugsausweise für Sonderzuteilungen, Raucherkarte und Milchkarte, mit denen untergetauchte Mitglieder der Gruppe, aber auch eine jüdische Familie versorgt werden können.

In jenen Tagen hat die Gruppe auch Kontakt zu anderen Widerstandsorganisation wie den Kreisauer Kreis, zur "Roten Kapelle" und zu Kommunisten wie Wolfgang Harich:
"Stärker als ideologische Positionen war das emotionale, ja auch sentimentale Bekenntnis zu bürgerlichen, liberalen und demokratischen Werten und Verhaltensweisen. Das demonstrierten sie zuletzt auch in offener Auflehnung, als sie die Parole „Nein“ der NS-Durchhaltepropaganda entgegensetzten, die sie in nächtlicher Aktion an Berliner Häuser schrieben", so Wolfgang Benz.
Dieser letzte Einsatz sämtlicher Mitglieder der "Gruppe Onkel Emil" bei der "Nein"-Aktion der Gruppe um Wolfgang Harich in der Nacht vom 18. zum 19. 4. 1945 wird von Ruth weniger euphorisch betrachtet als von anderen Teilnehmern. Vorher hat sie zusammen mit ihrer Tochter, deren Freund, Walter Seitz u.a. die Hakenkreuzfahne am der Heldengedenkstätte für die "Gefallenen des 1. Weltkriegs und der Bewegung", dem einstigen Wasserturm auf dem Steglitzer Friedhof, abgeschnitten und durch ein Hitlerbild mit Strang um den Hals ersetzt.

Dann beginnt die Zeit, die sie dauerhaft in Luftschutzkellern verbringen müssen. Am 27. April entdecken Ruth und Borchard Soldaten der Roten Armee, die oben im Treppenflur stehen und ihre Taschenlampen auf die beiden Gestalten im Keller richten. Borchard spricht sie auf Russisch an, das ist ihr Glück.

Doch am 8. Mai kommt bei Ruth wenig Freude auf, obwohl sie doch zu den wenigen deutschen Sieger an diesem Tag gehört. Sie muss keine Juden mehr verstecken, kein Widerständler wird mehr gehängt. Aber sie empfindet eher eine Leere, nachdem sie so vielen Menschen emotionale Wärme, Zuspruch, Zeit neben all der konkreten Hilfe gegeben hat:
"Niemand bedarf mehr der Betreuung. Die Aufgabe haben wir verloren und eine neue noch nicht gefunden. Es fällt  auch schwer an, an neue Aufgaben  zu denken, wenn Strom und Wasser mangeln und jede Verbindung mit der Außenwelt durch mühsame Fußmärsche erkauft werden muß", schreibt Ruth in ihrem "Tagebuch".
Nach Schießereien in der Siedlung am Steglitzer Bergfriedhof wird diese durch die Rote Armee geräumt, und Ruth, Karin und Borchard müssen in einem halb zerstörten Gebäude in der Nachbarschaft unterkriechen. Als sie in ihre Wohnungen zurück können, sind auch diese verwüstet. Die Clique zerfällt quasi, weil jeder jetzt sehen muss, wie er oder sie wieder Fuß fasst. Ruth nimmt  Kontakt zu ihrem Verlag auf, doch der braucht eine Lizenz der Besatzungsmacht. Die Ärzte bekommen am schnellsten eine Stelle: So wird Walter Seitz Amtsarzt in Steglitz. Und Leo Borchard ist geradezu euphorisch, denn die russische Kommandantur ernennt ihn zum Chefdirigenten der Philharmoniker.

Er sucht Musiker zusammen, findet eine Spielstätte im Titania - Palast, in die die großen Instrumente auf abenteuerliche Weise transportiert werden können, so dass am 24. Mai 1945 ein Konzert stattfinden kann. Mendelssohns Musik zum Sommernachtstraum erklingt zum ersten Mal nach der nationalsozialistischen Verfemung, dazu Mozart und Tschaikowski. Hundert  Tage wird sein Leben als erfüllter Orchesterchef andauern, dann geschieht das Unfassbare, von Ruth notiert:
"Borchard und seine Lebensgefährtin sind in die Grunewald-Villa eines britischen Colonels eingeladen. Ein beschwingter Abend mit Whisky, Sandwichs und anregenden Gesprächen. Es wird spät, die Sperrstunde naht, der Offizier bietet an, das Paar nach Hause zu fahren... "Unter der Bahnunterführung stehen drei Schatten." Borchard und der Colonel achten nicht darauf, unterhalten sich gerade über Bachs Drittes Brandenburgisches Konzert. "Ein merkwürdiges Geräusch. Als würfe jemand eine Handvoll Kies gegen den Wagen. Kies oder ... grundgütiger Vater! (...) Jetzt knallt es. Etwas spritzt um mein Gesicht, schlägt mir mit hackenden Stößen gegen Schultern und Arme. Pulvergeruch. Beißend und schweflig. Und noch ein Geruch. Was riecht hier nur so fremd ... Tack-tack-tack ... tack-tack-tack ... Der Wagen steht.“Sechs Schüsse aus einer Maschinenpistole haben den Wagen getroffen, und der fremde Geruch, das ist der Geruch des Blutes von Leo Borchard, der noch im Wagen stirbt." ( Quelle hier)
Borchard hinterlässt eine junge Witwe: Maria von Hartlieb, seit April Frau Borchard und Mutter seines Sohnes Leo. Für Ruth ist eine Welt zusammengebrochen, als sie davon erfahren hat. Sie stilisiert sich in den letzten Eintragungen in ihrem Tagebuch zu seiner geistigen Alleinerbin und schafft ein Epitaph für den Verstorbenen, indem sie die ganze "Gruppe Onkel Emil" um ihn kreisen lässt. Ihr gelingt es, die junge Frau völlig aus der Erinnerung zu tilgen und die Deutungshoheit über die Geschichte der Clique zu erhalten. Dann wendet sie sich, nunmehr 44 Jahre alt, neuen Zielen zu.

Im Oktober 1945 tritt Ruth in die SPD ein und engagiert sich heftig gegen eine Fusion von KPD und SED und entwickelt eine Gegnerschaft, die sie immer weiter von den einstigen Freunden entfernt. Sie versucht noch zu retten, was zu retten ist und  - erfolglos - einen "Bund aktiver Kämpfer gegen den Faschismus" zu gründen. Dann erhält sie die Lizenz der Besatzungsmächte, um eine Frauenzeitschrift herauszugeben - "Sie" - mit den alten Partnern Helmut Kindler & Heinz Ullstein. Doch hat sie scheinbar andere Vorstellungen von einer Frauenzeitschrift und gibt im Herbst 1946 ihre Herausgeberschaft zurück und nutzt die Lizenz für eine neue: "Lilith. Die Zeitschrift für jungen Mädchen und Frauen", die im November 1947 zum ersten Mal zum Verkauf angeboten wird und sich als demokratisch und politisch versteht. Doch ohne "weibliche Themen" verkauft sie sich schlecht. Und durch die Berlin-Blockade wird auch das Papier Mangelware. Ein Jahr später steht in Ruths Tagebuch: "Aus und vorbei!"

Neben den Herausforderungen, denen sie als Herausgeberin & Journalistin gegenübersteht, wird sie dank der englischsprachigen Veröffentlichung ihres Buches "Berlin Underground 1938–1945" zu einer wichtigen und bekannten Autorin in den Nachkriegsdiskursen über die nationalsozialistische Vergangenheit Deutschlands.

Sie selbst verbindet mit dem Buch die Hoffnung, dazu beitragen zu können, die Ansichten im Ausland über die Deutschen zu ändern, indem sie den Blick auf  das "gute Deutschland" lenkt. Dazu nutzt sie ihre transatlantischen Verbindungen, um ihre Botschaft über Deutschland hinaus einem größeren Publikum zu vermitteln und veröffentlicht zuerst im Ausland. Schon Ende 1945 hat sie ihr Manuskript, basierend auf ihrem Tagebuch, über einen amerikanischen Pressesprecher an einen Freund in den Vereinigten Staaten geschickt.  Der hat es wiederum an den deutsch-jüdischen Emigranten Carl Zuckmayer weitergeleitet, und der an den US-Verlag Henry Holt. Es wird das erste Nachkriegsbuch, das dieser Verlag von einem Deutschen veröffentlicht, der nicht aus Nazideutschland ausgewandert ist. Auf Deutsch heißt das Buch "Der Schattenmann. Tagebuchaufzeichnungen 1938–1945" und kommt ebenfalls 1947 bei Suhrkamp in Berlin heraus.

Ob mit Absicht oder nicht: Ruth Andreas - Friedrich trägt damit im Nachkriegsdeutschland allerdings  auch dazu bei, dass Nazis sich damit herausreden können, sie seien ja keine "echten Nazis" gewesen, sie seien der Partei doch nur aus edlen oder selbstlosen Gründen beigetreten. Sie spielt auch die Unterstützung herunter, die die Nazis von einem Großteil der deutschen Bevölkerung erhalten haben. Gleichzeitig kritisiert sie die Neigung der deutschen Nachkriegsbevölkerung, sich selbst nun zu bemitleiden und ihre mangelnde Bereitschaft, einen Zusammenhang zwischen der Unterstützung des Regimes und ihrem gegenwärtigen Leiden zu erkennen. Damit schafft sie ein scheinbar objektives Gleichgewicht, das ihrer Arbeit Glaubwürdigkeit verleiht, was in den Augen der US-Besatzungsbehörden über ihren Status als Frau und Mitglied einer Widerstandsgruppe weit hinausgeht. Letzteren kommt das auf Dauer zupass, als der "Kalte Krieg" heraufzieht und sie den Daheimgebliebenen schmackhaft machen müssen, dass der einstige Gegner nun ein Verbündeter sein soll.

Das Buch erscheint etwa zur gleichen Zeit, als US-Präsident Harry Truman die gleichnamige Doktrin zur Bekämpfung des sowjetischen Expansionismus ankündigt, der Marshall-Plan, ein umfangreiches Hilfsprogramm, um die wirtschaftliche Erholung Europas zu unterstützen, startet und die "Luftbrücke" die Blockade Berlins abfedert. Da wird das Buch dann auch in England publiziert.

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Im "Luftbrückenjahr", im Dezember 1948, verlässt Ruth allerdings "ihre Stadt", zuerst gen Stuttgart, dann nach München.

Dort ist Walter Seitz inzwischen Direktor der Universitätspoliklinik, seit 1950 geschieden und wird dann ab 1952 Ruths neuer Ehemann. Die führt anschließend den Nachnamen Seitz und schreibt für viele Jahre als freie Mitarbeiterin für die "Constanze", Rubrik  "Trost und Rat". Daneben bringt sie jede Menge unpolitischer Ratgeber wie "So benimmt sich die junge Dame", "ABC für Verliebte" oder  die Gastgeberfibel "Ein reizender Abend". In schneller Folge wird sie bis 1969 Buch um Buch herausbringen.

1967 wird sie zusammen mit Tochter Karin nach Israel eingeladen, weil dort die Übersetzung ihrer Tagebücher ( 2. Teil von 1945-48 unter dem Titel "Schauplatz  Berlin" )  ins Hebräische herauskommt - eine beeindruckende Erfahrung!

In der kleinen Dachwohnung im Gebäude der Poliklinik betreibt sie über die  Jahre eine Art Salon und lässt sich von den jungen Ärzten umschwärmen,  gibt  aber auch Ratschläge und bringt in das katholisch-konservative München den Duft der Weimarer Liberalität. So liberal führt sie auch ihre Beziehung, bis bei Walter Seitz aus einer seiner "Arabesken" eine feste Bindung wird, was Ruth zu schaffen macht. 1976, nach einer gemeinsamen Reise mit Walter nach Lateinamerika fällt Tochter Karin auf, dass das "Leidenschaftlich-ins-Leben-Verliebtsein" aus dem Gesicht ihrer Mutter geschwunden ist, dass sie immer seltener lacht. Ihr fehlt die Liebe, denn sie gesteht der Tochter im gleichen Jahr: "Es  ist vorbei mit den schönen Arabesken." Ihr fällt das Laufen immer schwerer und sie kann die Tatsache einer Nebenfrau ihres Mannes immer weniger ertragen.

Am 16. September 1977 telefoniert sie noch mit ihrer Tochter und gibt sich entschlossen, sich doch noch einer Hüftoperation, die sie fürchtet, zu unterziehen. Am nächsten Morgen -  heute vor 43 Jahren - ruft Walter Seitz Karin an und teilt  ihr mit, ihre Mutter habe sich vergiftet. Ihre Abschiedszeilen enthalten u.a. den Satz: "... stirb zur rechten Zeit". Wie in ihrem Testament verfügt, richtet ihre Tochter an Ruths Geburtstag eine Abschiedsfeier in ihrem Haus aus, bevor im allerkleinsten Kreis ihre Urne in Gauting unter die Erde kommt.

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Sie hält auch ihr Versprechen gegenüber Walter Seitz, nicht darüber zu sprechen, dass der Tod ihrer Mutter ein Suizid gewesen ist. Damit auferlegt er ihr eine schwere Hypothek, die 1979 zu einem Zusammenbruch führt. Er selbst heiratet ein drittes Mal und stirbt erst zwanzig Jahre später, 92jährig.

1984 werden Ruths Tagebücher von 1945-48 ungekürzt veröffentlicht, 1988 eine Erinnerungstafel für sie  und Leo Borchard am Haus im Hünensteig angebracht, im April 1990 ein Park am Fichteberg in "Ruth-Andreas-Friedrich-Park" umbenannt. Bei der Feier bekennt Walter Seitz, dass  Ruth "Herz und die Flamme der Gruppe Onkel Emil" gewesen sei. 2002 wird Ruth von der Gedenkstätte Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt.

"Onkel Emil" ist eine der wenigen Widerstandsgruppen, die von den Nazis nie entdeckt worden sind, weshalb es kaum Dokumente über sie  gibt, keine Verhörprotokolle, keine Gerichtsurteile, keine Briefwechsel. So konnte diese Gemeinschaft mutiger Menschen, die mitten in Berlin unter Lebensgefahr das Leben anderer rettete, über die Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. So konnte die bundesdeutsche Nachkriegs-Lebenslüge von den Ahnungslosen, von dem "man habe nichts machen können" nicht platzen. Es möge auch die Lügen strafen, die in unseren Tagen wieder zu Verharmlosungen neigen oder sich vermessen und einbilden, man könne aktuelles  faschistisches Gedankengut einhegen.    
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        

Kommentare:

  1. Liebe Astrid,

    ein Danke mal wieder, für diesen Bericht über eine mutige Frau!

    Danke auch für Deine Zeit, die Du hier immer wieder in die Recherchen investierst! Ich möchte keinen der Berichte/Vorstellungen von großen Frauen, missen!

    LG Luitgard

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  2. man wird ja oft gefragt WARUM man /sich und andere überhaupt knipst und Bildarschive aufbewahrt.
    Wäre dem nicht so, gäbe es in den Biographien von Land und Menschen, Gebäuden und fotographischen Erinnerungen kaum Bilder bei der Recherche über berühmt-bekannte und interessierte Lebensberichte und Abläufe.
    Also gibt es sehr wohl einen Grund dies zu tun.
    Die bildstarken Erinnerungen sind auch für die Zurückblebenden Geschichte, die Enkel,Töchter und Söhne aller Menschen bekannt oder nicht, interessant und Bücher füllend in den Biographien-
    Eine schöne E
    Vielen Dank für die tolle Recherche über sie und ihr Leben..
    Erinnerung an eine mutig-starke Frau die ich sehr gerne gelesen habe...!
    herzlichst angelface

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  3. Eigentlich zeigt die Biographie dieser interessanten Frau eine Reise durch das Jahrhundert. Sie hat irgendwie alles "mitgenommen" und ihren Teil geleistet.
    DAnke!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. von Helga:

    Liebe Astrid,

    vorweg gleich mal, so schnell schießen nun auch die Preußen nicht .
    Dieser Great Women Post von Dir ist so intensiv, da ja diese Zeit die meiner Eltern war, und nun möchte ich mich damit befassen, da ich noch Unterlagen besitze und Aussagen in Briefen meines Vaters,an meine Mutter. Viele Wortfetzen haben meine Kinderohren damals aufgenommen.
    Ich muß diesen sehr langen Post auf mehrere Abende verteilen und Stück für Stück abarbeiten. Es wird dauern. Gottseidank bin ich ein Nachtgieger.
    Hinsichtlich Corona verändern sich die Menschen, die Demut ist schon gewichen, es wird wieder die alte Leier gezupft. Jedes Mal wenn ich das Haus verlaße treffe ich auf uneinsichtige Menschen, die meinen sie müßen mich belehren, denn sie sind ja Herr Söder persönlich. Jüngere Menschen haben das wenigste Verständnis für die Situation, andere wiederum nützen bei jedem zweiten Wort Corona als Waffe um ihren Vorteil zu sichern. Selbst die Ärztin die das Heim betreut und seit drei Monaten engmaschig die Blutwerte meines Mannes ( lt. Anweisung des Krankenhauses) zu überprüfen hat, nutzte Corona, daß sie nicht ins Heim durfte. Frage mich, an was die Leute nun sterben dürfen?
    Laß uns den Mantel des Schweigens, darüber legen, wenns ans Eingemachte geht, reißen sie dir noch das Clopapier aus der Hand und dazu einen Knopf deiner Jacke ab.
    Niemand wird die Welt ändern können und sich selbst einfügen und anpassen wollen.Jetzt leben wir, ist die Devise und der unvergessliche Satz meiner Mama in meinen Ohren: viel Köpf viel Sinn.
    Entschuldigung, aber Deine Posts schreien bei mir einfach nach Austausch.
    Dir und Herrn K. eine gute Zeit und bleib Dir weiterhin treu, so wie es Dir gut tut.
    (Ich hatte heute auch schon ein Frusterlebnis das mir aber zu doof war es zu diskutieren, sodaß meine Wehrhaftigkeit aus Kindertagen mit mir durchging und ich dieser Person die Zunge bleckte. So sagt der Franke das.

    Liebste Grüße Helga

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  5. da mir die angegebenen namen der staedten angesprochen haben sowie der name Behrens habe ich diese biografie gleich gelesen * sehr intessant !
    lieber gruss
    mo

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