Sonntag, 8. März 2026

Great Women #448: Johanna Ey

Nein, heute ist nicht Donnerstag, der Tag, an dem ich euch sonst beeindruckende Frauen vorstelle. Aber heute ist Weltfrauentag, da passt das schon. Denn am vergangenen Donnerstag war der Post wegen meiner Hardware-Probleme nicht fertig. Das Problem ist inzwischen behoben, und ich habe mich gleich an die Vervollständigung meines Beitrags zu der heutigen Frau gesetzt. Die wirkte einst in meiner unmittelbaren Umgebung, dem Rheinland, und auch auf dem Gefilde, auf dem ich mich selbst seit über fünfzig Jahren gerne bewege: Der Kunst. Hierzulande umgibt sie ein Nimbus wie er die beiden Frauen meiner letzten Porträts weltweit umgibt. Dabei hat sie weder gemalt, geschrieben, musiziert, geforscht, aber dennoch einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander in der Kultur geleistet: Johanna Ey.

"Am 4. März 1864 in Wick­rath Kreis Gre­ven­broich bin ich ge­bo­ren als Kind ar­mer El­tern. 
Mein Va­ter war Trin­ker, mei­ne Mut­ter ei­ne ge­dul­di­ge treue, bra­ve Frau. 
Wir Kin­der zu 5, ich war die jüngs­te, leb­ten je­den Tag in Angst, was da kam."
 
So be­ginnt Jo­han­na Ey ih­re 1936 ent­stan­de­ne Le­bens­be­schrei­bung mit dem Tag ihrer Geburt fast auf den Tag genau vor 162 Jahren, damals noch unter dem Namen Johanna Stocken. Besagter Vater ist Peter Stocken, 40 Jahre alt und von Beruf Weber, ihre duldsame Mutter die 44 Jahre alte Johanna Engels. Es ist das typische länd­li­che ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­mi­lieu des Nie­der­rheins, dem sie entstammt. Ihr Vater ist ein stolzer, intelligenter Mann, der es immerhin vom Tagelöhnersohn zu etwas gebracht hat, dazu ausgesprochen fähig in seinem Beruf, aber eben auch dem Alkohol verfallen. Johanna ist, wie oben zitiert das "Nesthäkchen" der Familie, besucht die Volksschule und - wie es damals auch in meiner bäuerlichen Vaterfamilie Usus gewesen ist - muss sich, obwohl eine gute Schülerin, mit vierzehn Jahren als Dienstmädchen verdingen, um den ohnehin schlecht alimentierten Eltern nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

Wie es auch bei meinen Tanten üblich gewesen ist, geht die junge Frau auf der Suche nach einem besseren Auskommen in die große Stadt, in Johannas Fall ist das das 33 Kilometer entfernte Düsseldorf, das um 1880 im Rahmen der Industrialisierung boomt. Mit der Pferdebahn reist sie dorthin, den Pappkoffer in der Hand. Stellen als Dienstmädchen in bürgerlich-wohlbestellten Haushaltungen findet sie immer wieder und wohnen kann sie in elenden Massenunterkünften mit jungen Frauen in der gleichen ausgebeuteten Situation.

Dort in Düsseldorf lernt sie den aus Schle­si­en stam­men­den gleichaltrigen Bier­brau­er Ro­bert Ey kennen und - auch da ist sie kein Einzelfall, sondern teilt das Schicksal vieler junger Mädchen dieser Zeit - wird bald schwanger von ihm. Auch da reagiert ihre Familie wieder typisch für die Gepflogenheit jener scheinheillig-betulichen Epoche: Um den eigenen Ruf nicht zu schädigen, schmeißt der Vater sie aus der elterlichen Wohnung. Johanna  flüchtet sich zu Ver­wand­ten nach Bel­gi­en, wo sie mit 21 Jah­ren ihr ers­tes Kind , Klara, zur Welt bringt. Das gibt sie anschließend zu ihrer Schwester.
1900

Zurück in Düsseldorf stolpert sie Robert Ey eher zufällig wieder über die Füße. Der gibt sich zunächst fürsorglich, und Johanna glaubt sich angekommen an einem Ort ohne Angst. Alsbald ist sie erneut schwanger.

1880 heiraten sie "ohne Gepränge" und starten ins Familienleben in einem möblierten Zimmer mit Küchenbenutzung. Johanna kommt allerdings mit ihm als Ehemann vom Regen in die Traufe, denn Robert, unzufrieden mit seiner Arbeit in der Brauerei, entpuppt sich als unangenehmer, gewalttätiger Zeitgenosse und ebenfalls als Trinker wie der Vater. Bis kurz vor der Geburt des Kindes arbeitet sie bei "ihrem" Kommerzienrat. Ihrem Wunsch, die Erstgeborene zu sich zu holen, widersetzt der Ehemann sich. Was soll er mit gleich zwei "Bälgern"

Aber insgesamt zwölf Mal wird er Johanna schwängern, nur vier Kinder werden überleben. Der nun geborene kleine Junge gehört nicht dazu, erst Maria, das nächste Kind, bleibt ihr. Da ist sie sechsundzwanzig. Auf Maria folgt Paul, dann Herrmann, Anna Elisabeth "Lisbeth" und schließlich Robert, der nur zwei Jahre alt wird. Es folgen Fehl- & Totgeburten, während die Eys aufgrund der Wechsel seines Arbeitsplatzes bei diversen Brauereien am Niederrhein hin und her ziehen, bis sie wieder in Düsseldorf  in der Kaiserswerther Straße landen. Seine Wut auf sein verpfuschtes Leben lässt Robert an Frau & Kindern aus. Doch Johanna, anders als die duldsame Mutter, wehrt sich, besonders wenn die Kinder von seinen Gewalttaten betroffen sind.

Schließlich schlägt Robert Ey 1904  die Tür endgültig hinter sich zu, wie er es immer angedroht hat, geht nach Berlin und lässt die Vierzigjährige mit den vier Kindern mittellos zurück. 

1908 er­folg­t die Schei­dung, die zwei Jahre später rechts­kräf­tig wird. Das ist ein ent­schei­den­der Schritt für ih­ren wei­te­ren Le­bens­weg, denn da­mit er­lang­t sie nach dem da­ma­li­gen Recht ih­re Selbst­stän­dig­keit und Hand­lungs­frei­heit. Johanna hat bereits vor der Trennung als Bäckereiverkäuferin gearbeitet, Geld zurückgelegt und kann mit 43 Jahren 1907 eine eigene Backstube mit Kaffeeausschank an der Ratinger Straße eröffnen, aus der sich die legendäre "Kaffeestube" entwickeln wird, die nicht weit entfernt - "öm de Eck" - von der Düsseldorfer Kunstakademie liegt. Niemand hat ihr das zugetraut, ihr Ehemann schon gar nicht. Die beiden Töchter unterstützen sie dabei, die inzwischen siebzehnjährige Maria schmeißt dabei den Haushalt der Familie, die Jungen tragen Brot & Brötchen aus, am Wochenende Zeitungen und lernen zudem in einer Maschinenfabrik Dreher bzw. Schlosser.

Von links nach rechts: Walter Ophey, Hans Thuar, August Deusser, Heinz Wever


Es handelt sich gleichzeitig um ein Café, einen Imbiss mit Mittagessen wie um eine Tischgemeinschaft mit Abendbrot und dort finden sich alsbald Dozenten wie Studierende der Kunstakademie & Theaterleute ein. Der Maler Walter Ophey von der Gruppe "Sonderbundist der Erste, der alsbald die Reklametrommel für Johannas Geschäft rühren wird. Aus eigenem Erleben kennt diese Hunger & Armut und versteht die Nöte & Sorgen der jungen minderbemittelten Maler & Bildhauer. Sie bietet ihr Essen und Trinken preiswert an, lässt, wenn nötig, in ihrem "Pumpbuch" anschreiben oder sich mit kleinen Zeichnungen bezahlen. Das Schaufenster der Kaffeestube wird öfter zur ersten öffentlichen Bühne für die jungen Künstler. Und so macht auch Johanna Ey die Bekanntschaft mit der Kunst und den Künstlern, darunter Hans Thuar, der Freund August Mackes, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und der Ansicht ist, dass man sich das Leben nicht vermiesen lassen dürfe. August Deusser ist einer der Ersten, der eine Zeichnung von der drallen Bäckerin anfertigt, wie sie mit den Broten jongliert. Die Zeichnung schmückt eine Wand in der Stube. Der Sauerländer Maler Heinz Wever wiederum ist derjenige, der seinen Kaffee mit einem Bild bezahlen will, eingewickelt in Zeitungspapier. Johanna nimmt es in "Kommission". Auch das also ein allererster Anfang.

In Folge des 1. Weltkrieges muss Johanna den Treffpunkt schließen, denn die Kundschaft - zum Kriegsdienst eingezogen - bleibt immer mehr aus. Sie findet anschließend ihr Auskommen in einer Fabrik, die Militärkleidung von Verwundeten & Gefallenen repariert, was ihr immer mehr Übelkeit verursacht. 1916 traut sie sich einen auf den ersten Blick gewagten Schritt zu: Überzeugt von ihrer Geschäftstüchtigkeit - "wer Brötchen verkaufen kann, kann auch Kunst verkaufen" - und wohl auch von ihrem frisch erworbenen Sinn für Kunst und Künstler, eröffnet sie eine Galerie auf dem Hindenburgwall 11, der heutigen Heinrich-Heine-Allee. In der werden die Produkte der immer noch tonangebenden, traditionsreichen Düsseldorfer Malerschule präsentiert.

Das Kriegsende und die Revolution verändern auch in Düsseldorf die Kunstszene: Frühere Studenten kehren aus dem Krieg zurück, darunter auch ­Otto Pankok aus Mülheim an der Ruhr, der Johanna noch aus der Kaffeestubenzeit kennt.­ Im Ge­fol­ge hat­ er den aus Dres­den stam­men­den Gert H. Wollheim. Beide sind ent­schie­den dem neuen Stil des Expressionismus ver­pflich­tet. 

Von links nach rechts: Otto Pankok, Gert H. Wollheim, Otto Dix, Max Ernst

So kommt neuer Schwung in die Düsseldorfer Szene: 1919 wird die Künst­ler­ver­ei­ni­gung „Das Jun­ge Rhein­lan­d“ ge­grün­det, die sich als Platt­form für mo­der­ne Kunst ver­steht und west­deut­schen Künst­lern ei­ne grö­ße­re Be­ach­tung ver­schaf­fen will. Die ers­te Aus­stel­lung der Grup­pe findet in der Düsseldorfer Kunst­hal­le statt, die nur ei­nen Stein­wurf von Jo­han­na Eys Ga­le­rie ent­fernt ist.

Pankok & Wollheim bringen ihre ei­ge­nen Wer­ke zu Johanna mit, und die stell­t ih­nen ei­nes ih­rer zwei Schau­fens­ter zur Ver­fü­gung. Im Nu bil­de­t sich ei­ne Men­schen­trau­be vor ih­rem La­den, und des Volkes Stimme ertönt & missbilligt ­die un­ge­wohn­ten Bil­der: "Morgens erwachte ich von Johlen und Schimpfen."

Jo­han­na reagiert trotzig - selbstbewusst und beschließt, von nun an nur noch mo­der­ne Künst­ler aus­zu­stel­len. Ab 1920 fir­mier­t ih­re Ga­le­rie un­ter dem stolzen Na­men „Neue Kunst Frau Ey“ und ist gleichzeitig die Geschäftsstelle des „Jungen Rheinlands", gegründet am 24. Februar 1919 von Adolf Uzarski, einem kommunistischen Maler & Schriftsteller, zusammen mit Arthur Kaufmann und Herbert Eulenberg. Pankok & Wollheim unterhalten auch kurzzeitig eine Zeitschrift mit dem Titel „Das Ey“. 1921 zeigt „das Ey“ in ihrer Galerie die erste Einzelausstellung des Brühler Malers Max Ernst. Ihm finanziert sie 1924 sogar eine Reise nach Saigon. Er überlässt ihr dafür freilich sämtliche Werke aus seiner Pariser Zeit. Mit beharrlicher Akquise gelingt es Johanna, den Dresdner Maler Otto Dix aus seiner Heimatstadt nach Düsseldorf zu locken:
"Ich bat Dix er möchte mir sein Foto schicken und da er mir auch gefiel, ein offenes, freches Gesicht hatte, lud ich ihn ein zu uns 14 Tage zu besuchen und unser Gast zu sein."
Zu einer Ausstellung in der Düsseldorfer Kunsthalle, an der die von ihr geförderten Künstler auch beteiligt sind, schreiben die "Düsseldorfer Nachrichten" 1921:
"In dem Hause Ey, in dem sie bisher ihre Werke zur Schau stellten, hätten die Wollheim, Schwesig und Pankok, um einige der peinlichsten Vertreter dieser jüngsten Manier zu nennen, bleiben sollen. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft von Künstlern, die Verantwortungsgefühl haben."
In kürzester Zeit ist Düsseldorf zur Speerspitze der Avantgarde  in der deutschen Nachkriegsmalerei geworden, und Johanna bietet den Stürmern & Drängern einen Zirkel, dessen kurioser Mittelpunkt sie, die wenig formal Gebildete, aber Mutige, Eigensinnige ist. Auf unzähligen Fo­tos, Zeich­nun­gen und Skiz­zen wird diese Ge­mein­schaft der Künst­ler rund um die Ga­le­ristin fest­ge­hal­ten. Jo­han­na selbst wird viele Ma­le por­trä­tiert, und das bringt ihr den Ruf ein, die meist gemalte Frau Deutschlands zu sein, wie es die "Berliner Illustrirte Zeitung" 1930 verkünden wird. Allein hundert Porträts befinden sich  heute in der Sammlung des Düsseldorfer Stadtmuseums. Das "Staats­por­trät" von Ot­to Dix hängt heu­te allerdings in der Kunst­samm­lung Nord­rhein-West­fa­len, mitten in Düsseldorf. 
Mit dem Kölner Sammler Josef Haubrich
(1928)

Künst­le­rin­nen, die in den 1920er Jah­re auch im Rhein­land ver­mehrt zu finden sind ( Marta Worringer, Marta Hegemann, Lotte B. Prechner z.B. habe ich schon im Blog porträtiert ), finden sich so gut wie gar nicht im Kreis Johannas - Aus­nah­me ist die Lebensgefährtin Wollheims, die Tän­ze­rin Tat­ja­na Bar­ba­koff. Es heißt, "Mut­ter Ey" ist nur den Söh­nen Mut­ter gewesen. Die Fünfzigjährige fühlt sich halt nur wohl inmitten adretter junger Männer. Schon ganz am Anfang ihres Geschäftes sorgt sie dafür, dass  die auf  Pump an die jungen Künstler ausgegebenen Esswaren nicht an die jungen Modelle der Studenten gelangen.

Ob sie nun tatsächlich die "armen hungernden" Künstler selbstlos oder aus alltagstauglichem, robustem Geschäftssinn, um den eigenen Unterhalt zu sichern, fördert oder ob die Künstler sie aus ebensolchem Kalkül zu einer Art Heiligenfigur der Düsseldorfer Kunstszene aufbauen - das ist die offene Frage. Der Kunstbetrieb ist ja schon damals wie auch heute ein berechnendes Metier... 

1923 kommt es unter der Führung Uzarskis, der sich gegenüber Max Ernst und Gert Wollheim zurückgesetzt fühlt, zu Auseinandersetzungen unter den Künstlern und zu einer Spaltung der Gruppe. Otto Dix ist im Vorjahr Meisterschüler von Heinrich Nauen geworden und zieht der Mitgliedschaft im "Jungen Rheinland" eine Akademieprofessur vor, was im Kreis um Johanna Ey zumindest vorübergehend als Verrat ausgelegt wird, obwohl ein gemäßigter Expres­sionist an der Kunstakademie eigentlich ein Beleg für deren Erneuerung ist. 

Fünf Jahre später werden sie sich alle wieder unter dem Dach der "Rhei­ni­sche Se­zes­si­on" zusammenfinden, ausgestellt wird aber weiterhin getrennt. Wollheim und Dix, die Vertrauten Johannas verlassen 1925 Düsseldorf. Doch mit dem neuen Direktor der Düsseldorfer Akademie, Walter Kaesbach, erlangen die modernen Künstler - und damit auch Johannas Galerie - eine größere gesellschaftliche Akzeptanz.

Vor ihrer Galerie
(1929)
1926 lernt die inzwischen 62jährige Jo­han­na den mal­l­or­qui­ni­schen Ma­ler und Dich­ter Ja­co­bo Su­re­da ( hier ein gemeinsames Foto ) kenn­en, der ihr seinen ersten Gedichtband widmet. Sie be­such­t ihn im fol­gen­den Jahr mit Gert H. Woll­heim und an­de­ren. Die­se Rei­se wird sie in spä­te­ren Jah­ren mehr­fach als schöns­te Zeit ih­res Le­bens be­zeich­nen. Nach dieser Reise schmückt Johanna sich mit einem Schleier, der Mantilla, oder dem spanischen Kamm und tanzt auf unterschiedlichen Festen mit Kastagnetten. Das hat Otto Dix in seinem oben erwähnten Gemälde aufgegriffen. 1933 reist sie ein zweites Mal, nun alleine, zu dem unterdessen schwer lungen­krank­en Freund.

Als sie 1929 ihren 65. Geburtstag feiern kann, telegrafiert ihr ihr "Mäxchen" ( Max Ernst ) aus Paris humorvolle Verse, animiert von dem allseits bekannten Kirchenlied:

Großes Ey, wir loben dich!
Ey, wir preisen deine Stärke!
Vor dir neigt das Rheinland sich
und kauft gern und billig deine Werke!

Mittlerweile ist Johanna ei­ne po­pu­lä­re Per­sön­lich­keit ihrer Zeit. Ihre Ge­schich­te vom Auf­stieg aus ein­fa­chstem Mi­lieu in die Welt der Kunst und ihr Wesen, ei­ne Mi­schung aus rhei­ni­schem Ori­gi­nal, mütterlicher Fürsorglichkeit und pa­ten­ter Ge­schäfts­frau fas­zi­nier­t die Zeit­ge­nos­sen. Doch die Jahre der Wirtschaftskrise stürzen auch Johanna wie abertausende Mitmenschen in den finanziellen Ruin. Sie kann ihre Miete nicht mehr aufbringen und ein Sparkassendarlehn nicht abbezahlen. Ihr La­den­lo­kal auf dem Hin­den­burg­wall muss sie auf­ge­ben. Die Stadt verzichtet zwar auf eine Räumungsklage und überlässt ihr zunächst die Immobilie mietfrei, später bietet sie neue Räume, in die sie mit Unterstützung "ihrer" Künstler umzieht.

Obwohl sie wirtschaftlich klamm ist, gelingt es ihr in den Jah­ren 1931/32 ei­ne Wan­der­aus­stel­lung ih­rer ei­ge­nen be­deu­ten­den Samm­lung zu organisieren, zu der sie auch ei­nen Extra- Ka­ta­log her­aus­bringt, und die sie im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein und weiter in Königsberg, Mannheim und Wiesbaden zeigt. Für das Jahr 1933 fasst sie so­gar ei­ne Prä­sen­ta­ti­on ihrer Sammlung auf der Welt­aus­stel­lung in Chi­ca­go ins Auge.

Doch mit der Übernahme der Regierungsgewalt durch die Nazis wenig später ändern sich die Bedingungen radikal. 1933 verliert Johanna einen Prozess gegen die nun NS-konforme Stadtverwaltung und die zuvor so gefeierte Kunsthändlerin muss Wohnung und Galerie räumen. Die Sammlung mit Werken von Jankel Adler, Otto Dix, Max Ernst, Otto Pankok, Karl Schwesig, Gert H. Wollheim und Adalbert Trillhaase, dem "deutschen Henri Rousseau", werden zwecks Be­glei­chung ih­rer angelaufenen Mietschul­den  beschlagnahmt. 

Zermürbt durch Boykotte und Schikanen gibt Johanna schließlich auf. Wieder einmal kämpft sie am Rande der Existenz. Ei­ne wei­ter­reichende Ver­fol­gung durch das NS-Re­gime ist nicht be­kannt, Johannas Kin­der werden aber 1959 nach dem Bun­des­ent­schä­di­gungs­ge­setz we­gen Scha­dens ih­rer Mut­ter im be­ruf­li­chen Fort­kom­men durch Ver­drän­gung aus ei­ner selbst­stän­di­gen Er­werbs­tä­tig­keit ent­schä­digt wer­den. Die Reichskammer der bildenden Künste verfügt im März 1938 auch die Auflösung der "Rheinischen Sezession", da in ihr der Geist "...jener Kreise der Vergangenheit, die sich um Flechtheim, Frau Ey u.a. scharten" noch immer vorhanden sei.

Es gelingt Johanna aber nach Einstellung ihrer offiziellen Galeristentätigkeit noch, einen Hort für Geschundene, einen Treffpunkt für Kommunisten, Exilanten und Verfolgte aufrechtzuerhalten. Kein Schicksalsschlag scheint sie völlig zu Boden zu werfen. Auch scheint sie noch in be­grenz­tem Um­fang mit Kunst zu handeln und be­sitzt nach wie vor ei­nen gewissen Be­stand an Kunst­wer­ken, teils ein­ge­la­gert, teils in ih­rer neu­en, beengten Woh­nung in einem Atelierhaus in der Stockkampstraße im Düs­sel­dor­fer Stadt­teil Pem­pel­fort. Auch dort verfolgen sie noch die Gerichtsvollzieher. 1936 ver­fass­t sie ih­re Er­in­ne­run­gen, doch fällt es schwer zu glau­ben, dass sie ernst­haft an die Mög­lich­keit ei­ner Ver­öf­fent­li­chung ge­dacht hat. 

Wie sie den Zweiten Weltkrieg überstanden hat, liegt allerdings weitgehend im Dunkeln. Es scheint, dass sie zwischen Niedergeschlagenheit und der Fä­hig­keit zur Selbst­be­haup­tung  schwankt. 1943 überlebt sie einen Bombenangriff im Keller ihres Wohnhauses. Ihr Sohn Paul verschafft ihr die Möglichkeit, nach Hamburg zu reisen, wo sie zeitweise bei ihrer Tochter Maria bzw. deren Tochter Irene in Reinbek unterkommt. Dort erlebt sie das Kriegsinferno, das die Hafenstadt überzieht, dort leidet sie nach Kriegsende unter Hunger und Not. 

Im März 1946 kehrt sie in Begleitung von Maria nach Düsseldorf, mittlerweile unter britischer Besatzung, zurück, trifft dort ihre anderen Kinder wieder und gründet die "Mutter Ey GmbH", um nochmals ein Café plus Galerie zu etablieren. Gegen den Begriff "Mutter" wehrt sie sich erfolglos. In der Flingerstraße 2-6 in der Düsseldorfer Altstadt erhält sie eine Wohnung und Räume für das Projekt. Ih­re Rück­kehr ist ein öf­fent­li­ches Er­eig­nis, das in der Lo­kal­po­li­tik und den lo­ka­len Zei­tun­gen ih­ren Wi­der­hall findet. Die Stadt­ver­ord­ne­ten er­nennen Johanna im Ok­to­ber 1946 zur Eh­ren­bür­ge­rin.  

Ihren 83. Geburtstag feiert sie noch mit Malerfreunden wie Otto Pankok und Robert Pudlich. Doch den Trubel um sie mag sie immer weniger, das ganze "Gedrisse" wird ihr zu viel. Im August 1947 zieht sie sich wohl eine heftige Erkältung zu und stirbt am 27. August. Drei Tage später wird sie in einem Ehrengrab auf dem Düsseldorfer Nordfriedhof beigesetzt.

Nun gerät sie zunächst einmal fast in Vergessenheit. Erst nach Interventionen - u.a. durch Heinrich Böll - setzt erneut der Rummel um die unkonven­tionelle Frau ein. Danach wird 1966 die Mutter-Ey-Straße und 2017 der Mutter-Ey-Platz benannt, wo ihr zu Ehren ein Denkmal, entworfen von Bert Ger­res­heim, aufgestellt wird. Im Spee’schen Park be­fin­det sich die Skulp­tur "Mut­ter Ey" von Han­ne­lo­re Köh­ler (1978), im Mal­kas­ten­park ei­ne gleich­na­mi­ge Plas­tik der Künst­le­rin Ger­da Katz (1985). In der Neubrückstraße am Mutter-Ey-Platz etabliert sich das Mutter-Ey-Kunst-Café, mit einem 2 × 3 Meter großen leuchtenden Spruch "Mutter EY lebt!" und dem ebenfalls 2017 als Hommage entstandenen Leuchtbild des Künstlers HA Schult. In ih­rem Hei­mat­ort Wick­rath er­in­nern ei­ne nach ihr be­nann­te Stra­ße und ei­ne Skulp­tur von Pe­ter Rüb­sam (1989) an Jo­hann Ey.

Sie wird  jetzt endgültig zur Legende, allerdings als "Mutter Ey", ein Bezeichnung, die sie nie gemocht und gegen die sie sich ein halbes Leben lang vergeblich gewehrt hat, wie Peter Barth 1984 im Katalog anlässlich der ersten Ey-Ausstellung in der Düsseldorfer Galerie Remmert und Barth geschrieben hat. "Nennt mich nicht Mutter!", habe sie immer wieder gebeten. 

Beeindruckend aber, wie bis heute ihr Einfluss, ihre Lebensgeschichte und ihr Engagement für die Kunst gefeiert und geehrt werden!
                                                                   

Weitere bemerkenswerte Frauen wie Johanna Ey 
haben in dieser Wochen einen Gedenktag -
schaut mal im Blog vorbei!

1 Kommentar:

  1. Liebe Astrid,

    was für eine bemerkenswerte, außergewöhnliche, kämpferische, starke Frau.

    Sie am Weltfrauentag vorzustellen, passt wunderbar.

    Doch - wenn wir im Jahr einen 1 Frauentag haben, haben wir dann automatisch 364 Männertage? Das wäre keine schöne Vorstellung.
    Wir geben den Frauen einen Tag, dann sind sie zufrieden. Garniert mit ein paar Blumen und brauchen dann den Rest des Jahres sie nicht mehr zu ehren?

    Allein, dass wir einen Frauentag brauchen, ist irgendwie bisschen traurig, oder?

    Liebe Grüße,
    Claudia

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