Nein, heute ist nicht Donnerstag, der Tag, an dem ich euch sonst beeindruckende Frauen vorstelle. Aber heute ist Weltfrauentag, da passt das schon. Denn am vergangenen Donnerstag war der Post wegen meiner Hardware-Probleme nicht fertig. Das Problem ist inzwischen behoben, und ich habe mich gleich an die Vervollständigung meines Beitrags zu der heutigen Frau gesetzt. Die wirkte einst in meiner unmittelbaren Umgebung, dem Rheinland, und auch auf dem Gefilde, auf dem ich mich selbst seit über fünfzig Jahren gerne bewege: Der Kunst. Hierzulande umgibt sie ein Nimbus wie er die beiden Frauen meiner letzten Porträts weltweit umgibt. Dabei hat sie weder gemalt, geschrieben, musiziert, geforscht, aber dennoch einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander in der Kultur geleistet: Johanna Ey.
| 1900 |
Zurück in Düsseldorf stolpert sie Robert Ey eher zufällig wieder über die Füße. Der gibt sich zunächst fürsorglich, und Johanna glaubt sich angekommen an einem Ort ohne Angst. Alsbald ist sie erneut schwanger.
1880 heiraten sie "ohne Gepränge" und starten ins Familienleben in einem möblierten Zimmer mit Küchenbenutzung. Johanna kommt allerdings mit ihm als Ehemann vom Regen in die Traufe, denn Robert, unzufrieden mit seiner Arbeit in der Brauerei, entpuppt sich als unangenehmer, gewalttätiger Zeitgenosse und ebenfalls als Trinker wie der Vater. Bis kurz vor der Geburt des Kindes arbeitet sie bei "ihrem" Kommerzienrat. Ihrem Wunsch, die Erstgeborene zu sich zu holen, widersetzt der Ehemann sich. Was soll er mit gleich zwei "Bälgern"?
Aber insgesamt zwölf Mal wird er Johanna schwängern, nur vier Kinder werden überleben. Der nun geborene kleine Junge gehört nicht dazu, erst Maria, das nächste Kind, bleibt ihr. Da ist sie sechsundzwanzig. Auf Maria folgt Paul, dann Herrmann, Anna Elisabeth "Lisbeth" und schließlich Robert, der nur zwei Jahre alt wird. Es folgen Fehl- & Totgeburten, während die Eys aufgrund der Wechsel seines Arbeitsplatzes bei diversen Brauereien am Niederrhein hin und her ziehen, bis sie wieder in Düsseldorf in der Kaiserswerther Straße landen. Seine Wut auf sein verpfuschtes Leben lässt Robert an Frau & Kindern aus. Doch Johanna, anders als die duldsame Mutter, wehrt sich, besonders wenn die Kinder von seinen Gewalttaten betroffen sind.
Schließlich schlägt Robert Ey 1904 die Tür endgültig hinter sich zu, wie er es immer angedroht hat, geht nach Berlin und lässt die Vierzigjährige mit den vier Kindern mittellos zurück.
1908 erfolgt die Scheidung, die zwei Jahre später rechtskräftig wird. Das ist ein entscheidender Schritt für ihren weiteren Lebensweg, denn damit erlangt sie nach dem damaligen Recht ihre Selbstständigkeit und Handlungsfreiheit. Johanna hat bereits vor der Trennung als Bäckereiverkäuferin gearbeitet, Geld zurückgelegt und kann mit 43 Jahren 1907 eine eigene Backstube mit Kaffeeausschank an der Ratinger Straße eröffnen, aus der sich die legendäre "Kaffeestube" entwickeln wird, die nicht weit entfernt - "öm de Eck" - von der Düsseldorfer Kunstakademie liegt. Niemand hat ihr das zugetraut, ihr Ehemann schon gar nicht. Die beiden Töchter unterstützen sie dabei, die inzwischen siebzehnjährige Maria schmeißt dabei den Haushalt der Familie, die Jungen tragen Brot & Brötchen aus, am Wochenende Zeitungen und lernen zudem in einer Maschinenfabrik Dreher bzw. Schlosser.
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| Von links nach rechts: Walter Ophey, Hans Thuar, August Deusser, Heinz Wever |
Es handelt sich gleichzeitig um ein Café, einen Imbiss mit Mittagessen wie um eine Tischgemeinschaft mit Abendbrot und dort finden sich alsbald Dozenten wie Studierende der Kunstakademie & Theaterleute ein. Der Maler Walter Ophey von der Gruppe "Sonderbund" ist der Erste, der alsbald die Reklametrommel für Johannas Geschäft rühren wird. Aus eigenem Erleben kennt diese Hunger & Armut und versteht die Nöte & Sorgen der jungen minderbemittelten Maler & Bildhauer. Sie bietet ihr Essen und Trinken preiswert an, lässt, wenn nötig, in ihrem "Pumpbuch" anschreiben oder sich mit kleinen Zeichnungen bezahlen. Das Schaufenster der Kaffeestube wird öfter zur ersten öffentlichen Bühne für die jungen Künstler. Und so macht auch Johanna Ey die Bekanntschaft mit der Kunst und den Künstlern, darunter Hans Thuar, der Freund August Mackes, der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und der Ansicht ist, dass man sich das Leben nicht vermiesen lassen dürfe. August Deusser ist einer der Ersten, der eine Zeichnung von der drallen Bäckerin anfertigt, wie sie mit den Broten jongliert. Die Zeichnung schmückt eine Wand in der Stube. Der Sauerländer Maler Heinz Wever wiederum ist derjenige, der seinen Kaffee mit einem Bild bezahlen will, eingewickelt in Zeitungspapier. Johanna nimmt es in "Kommission". Auch das also ein allererster Anfang.
In Folge des 1. Weltkrieges muss Johanna den Treffpunkt schließen, denn die Kundschaft - zum Kriegsdienst eingezogen - bleibt immer mehr aus. Sie findet anschließend ihr Auskommen in einer Fabrik, die Militärkleidung von Verwundeten & Gefallenen repariert, was ihr immer mehr Übelkeit verursacht. 1916 traut sie sich einen auf den ersten Blick gewagten Schritt zu: Überzeugt von ihrer Geschäftstüchtigkeit - "wer Brötchen verkaufen kann, kann auch Kunst verkaufen" - und wohl auch von ihrem frisch erworbenen Sinn für Kunst und Künstler, eröffnet sie eine Galerie auf dem Hindenburgwall 11, der heutigen Heinrich-Heine-Allee. In der werden die Produkte der immer noch tonangebenden, traditionsreichen Düsseldorfer Malerschule präsentiert.
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| Von links nach rechts: Otto Pankok, Gert H. Wollheim, Otto Dix, Max Ernst |
"Ich bat Dix er möchte mir sein Foto schicken und da er mir auch gefiel, ein offenes, freches Gesicht hatte, lud ich ihn ein zu uns 14 Tage zu besuchen und unser Gast zu sein."
"In dem Hause Ey, in dem sie bisher ihre Werke zur Schau stellten, hätten die Wollheim, Schwesig und Pankok, um einige der peinlichsten Vertreter dieser jüngsten Manier zu nennen, bleiben sollen. Sie gehören nicht in die Gemeinschaft von Künstlern, die Verantwortungsgefühl haben."
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| Mit dem Kölner Sammler Josef Haubrich (1928) |
Künstlerinnen, die in den 1920er Jahre auch im Rheinland vermehrt zu finden sind ( Marta Worringer, Marta Hegemann, Lotte B. Prechner z.B. habe ich schon im Blog porträtiert ), finden sich so gut wie gar nicht im Kreis Johannas - Ausnahme ist die Lebensgefährtin Wollheims, die Tänzerin Tatjana Barbakoff. Es heißt, "Mutter Ey" ist nur den Söhnen Mutter gewesen. Die Fünfzigjährige fühlt sich halt nur wohl inmitten adretter junger Männer. Schon ganz am Anfang ihres Geschäftes sorgt sie dafür, dass die auf Pump an die jungen Künstler ausgegebenen Esswaren nicht an die jungen Modelle der Studenten gelangen.
Ob sie nun tatsächlich die "armen hungernden" Künstler selbstlos oder aus alltagstauglichem, robustem Geschäftssinn, um den eigenen Unterhalt zu sichern, fördert oder ob die Künstler sie aus ebensolchem Kalkül zu einer Art Heiligenfigur der Düsseldorfer Kunstszene aufbauen - das ist die offene Frage. Der Kunstbetrieb ist ja schon damals wie auch heute ein berechnendes Metier...
1923 kommt es unter der Führung Uzarskis, der sich gegenüber Max Ernst und Gert Wollheim zurückgesetzt fühlt, zu Auseinandersetzungen unter den Künstlern und zu einer Spaltung der Gruppe. Otto Dix ist im Vorjahr Meisterschüler von Heinrich Nauen geworden und zieht der Mitgliedschaft im "Jungen Rheinland" eine Akademieprofessur vor, was im Kreis um Johanna Ey zumindest vorübergehend als Verrat ausgelegt wird, obwohl ein gemäßigter Expressionist an der Kunstakademie eigentlich ein Beleg für deren Erneuerung ist.
Fünf Jahre später werden sie sich alle wieder unter dem Dach der "Rheinische Sezession" zusammenfinden, ausgestellt wird aber weiterhin getrennt. Wollheim und Dix, die Vertrauten Johannas verlassen 1925 Düsseldorf. Doch mit dem neuen Direktor der Düsseldorfer Akademie, Walter Kaesbach, erlangen die modernen Künstler - und damit auch Johannas Galerie - eine größere gesellschaftliche Akzeptanz.
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| Vor ihrer Galerie (1929) |
Als sie 1929 ihren 65. Geburtstag feiern kann, telegrafiert ihr ihr "Mäxchen" ( Max Ernst ) aus Paris humorvolle Verse, animiert von dem allseits bekannten Kirchenlied:








Liebe Astrid,
AntwortenLöschenwas für eine bemerkenswerte, außergewöhnliche, kämpferische, starke Frau.
Sie am Weltfrauentag vorzustellen, passt wunderbar.
Doch - wenn wir im Jahr einen 1 Frauentag haben, haben wir dann automatisch 364 Männertage? Das wäre keine schöne Vorstellung.
Wir geben den Frauen einen Tag, dann sind sie zufrieden. Garniert mit ein paar Blumen und brauchen dann den Rest des Jahres sie nicht mehr zu ehren?
Allein, dass wir einen Frauentag brauchen, ist irgendwie bisschen traurig, oder?
Liebe Grüße,
Claudia