Die Frau, um die es mir heute geht, ist mir eigentlich in früheren Jahren, als ich noch Fernsehen - u.a. auch das damals wegweisende, gesellschaftspolitische Fernsehmagazin "Frauenforum" - geguckt habe, aufgefallen und hat Eindruck hinterlassen: Lea Rosh. Ihr heutiger neunzigster Geburtstag war mir Anlass, sie in meine Blogreihe aufzunehmen wie die Tatsache, dass ihr immer gerne angehängt worden ist, sie verkörpere zwei hassenswerte Komponenten: Frau sein und links. Dieses Urteil scheint ja inzwischen bei etlichen Nutzern der social media Norm gegenüber Frauen zu sein, die selbstbewusst sind und sich nicht zum Schweigen bringen lassen.
"Ein großer Baum fängt viel Wind"
Lea Rosh erblickt also am 1. Oktober 1936 in Berlin als Edith Renate Ursula Rosh das Licht der Welt. Sie ist das dritte von vier Kindern - drei Mädchen und als Jüngster ein Junge - der gebürtigen Grazerin Priska Wojtech und eines kaufmännischen Angestellten ( manchmal heißt es auch "Eisenbahnbeamter" ), über den nicht mehr in Erfahrung zu bringen ist, als dass er mit 46 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen worden ist. Seine Einheit ist in den letzten Kriegstagen in der Nähe von Krakau aufgerieben worden, und er gilt deshalb lediglich als vermisst. 1944 hat das Mädchen ihn ein letztes Mal auf Heimaturlaub gesehen, da ist sie acht Jahre alt.
Mütterlicherseits ist in der Familie der Großvater Max Garrison, u.a Hofsänger der Wiener Oper, Jude gewesen, Leas Mutter also im Nazi-Jargon eine so genannte Halbjüdin. Darüber hat die Mutter, der Lea immer sehr nahe gewesen ist, nie viel & gerne geredet. Dieser Großvater ist ein Angehöriger der seinerzeit berühmten Berliner Familie von Großkonfektionären, den Gersons ( siehe auch dieser Post über Yva ), gewesen und hatte schon früh nach der Lektüre von "Mein Kampf" erkannt, was auf Juden in Deutschland zukommt. Leas Mutter, gerade frisch verheiratet, lehnt sein Ansinnen auszuwandern wie so viele Juden im Land ab, weil sie der Meinung ist, die geäußerten Vorhaben beträfen nur Ostjuden. Lea selbst wird protestantisch getauft und ist nie zum Judentum übergetreten, wie ihr unterstellt werden wird.
Später erinnert sich Lea allerdings doch einmal an einen verbalen Angriff auf die Mutter, als die auf dem Markt als "Judensau" beschimpft wird. Doch die Antwort auf die Rückfrage des Mädchens bleibt die Mutter schuldig. Dass die Lage im Nazireich nicht wirklich entspannt ist für die fünfköpfige Familie, ist daran zu erkennen, dass sie in Schmargendorf, wo sie wohnen, von einer Frau, die in der NSDAP ist, gewarnt werden, weil etwas gegen sie im Gange sei. Die verhilft ihnen auch zu einer Evakuierung nach Königsberg. Später kommen sie auch noch nach Hoyerswerda, nach der Lausitz und schließlich nach Genthin. Als sie von dort nach Kriegsende zu ihrer alten Wohnung zurückkehren, ist die von einer NS-Parteigenossin belegt. Nur hat sich der Wind jetzt gedreht: Die Mutter geht zur nächstgelegenen Behörde, verweist auf ihre jüdische Abstammung und der Familie wird zu ihrer Wohnung zurück verholfen.
Die Nachkriegszeit erinnert Lea vor allem als vaterlos: Immer wieder habe sie geträumt, sie sitze mit dem Vater in der Straßenbahn und der bezahle ihr eine Fahrkarte. Damit teilt sie das Massenschicksal ihrer Generation: Familie ohne Vater ( der trotz seiner pazifistischen Grundhaltung im Krieg umgekommen ist ), Mutter anschließend alleinerziehend und überfordert vom Kampf ums tägliche Brot. Dazu dann eine jüdische Verwandtschaft, die im Holocaust umgebracht worden ist - welchen Grund sollte jemand mit dieser Familiengeschichte haben, auch wenn gar nichts dran wäre an dem jüdischen Großvater ( wie es ihr auch immer wieder unterstellt wird ) und sich auf die Seite der Täter stellen?
Die Mutter schickt Lea und die Geschwister nach dem Krieg auf eine Privatschule. Als 18-Jährige tritt das rebellische Mädchen aus der Kirche aus, weil diese den Juden nicht geholfen habe, legt ihren Namen Edith ab und nennt sich von nun an Lea, was ihr Jahrzehnte später ebenfalls hämische Seitenhiebe bescheren wird. Sie ist politisch interessiert, weshalb sie sich nach dem Ende ihrer Schulzeit 1955 an der Freien Universität in Berlin für die Fächer Geschichte, Soziologie und Publizistik einschreibt, um Journalistin zu werden. Zwischendurch nimmt sie auch Schauspielunterricht wie ihre Schwester, privat bei Hilde Körber, die das auch ohne Bezahlung macht. Das Studium findet sie nicht wirklich gut: "Mitschreiben und auswendig lernen fand ich öde und langweilig." Relevant seien für ihre spätere Laufbahn vor allem die Praktika gewesen.
"Ich meinte damals etwas verwegen, ich könnte in diesem Beruf zur Aufklärung über die nationalsozialistische Vergangenheit beitragen, und ich dachte, durch diese Aufklärung könne man vielleicht eine Wiederholung der Geschichte verhindern. Das waren also meine Motive, warum ich in diesen Beruf gegangen bin." ( Quelle hier )
1961 schließt sie das Studium ab und absolviert diverse Volontariate in Verlagen und bei Zeitungen, bevor sie als Hörfunk-Reporterin beim Berliner RIAS, dem legendären "Rundfunk im amerikanischen Sektor", arbeiten kann. Dann sammelt sie erste Fernseherfahrungen bei einer Modesendung des "Sender Freies Berlin" (SFB). Noch ist Berlin wie bereits ab dem 19. Jahrhundert ein Produktionsstandort der Mode, ein ganz wichtiger Faktor im Wirtschaftsleben der geteilten Stadt, und Lea mag gerne dazu beitragen, dass das so bleibt.
1968 wird sie Mitglied der SPD, 1970 heiratet Lea den sechs Jahre älteren Architekten Jakob Schulze-Rohr, Mitglied im Planungsstab des Senatsbaudirektors beim Senator für Bau- und Wohnungswesen Berlin, dann mit einem eigenen Planungsbüro. Das Paar entscheidet sich, kinderlos zu bleiben, und Lea betätigt sich in Hannover als freie Mitarbeiterin für das NDR-Messefernsehen, bevor sie 1973 zum NDR in Hamburg wechselt, in dem in dieser Zeit ein Machtkampf tobt und wichtige Personal- und Programmentscheidungen zur Zerreißprobe werden.
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| Von links nach rechts: Lea Rosh, Luc Jochimsen, Peter Merseburger |
Ab 1979 moderiert Lea als erste Frau überhaupt ein politisches Magazin: Für die ZDF-Sendung "Kennzeichen D" recherchiert sie immer wieder über Themen der Zeitgeschichte. Mit einem Bericht über den Prozess um die Wiedergründung der NSDAP beginnt für sie eine Phase intensiver, systematischer Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Weil sie wie kaum jemand sonst Partei für verfolgte Minderheiten ergreift und unbeirrt in Dokumentationen, Filmen und Talk-Shows gegen das Vergessen ankämpft, bekommt sie ein Etikett angehängt: "Ihr Markenzeichen ist der moralisch erhobene Zeigefinger", schreibt der Publizist Rafael Seligmann einmal. Und Harald Schmidt meint, sie träte immer in Erscheinung, "wo etwas nach Betroffenheit riecht".
Im Herbst 1979 reist sie beispielsweise für das Magazin ins unterfränkische Bürgstadt, wo der im Lischka-Prozess - ein Meilenstein der juristischen NS-Aufarbeitung in der Bundesrepublik! - angeklagte NS-Verbrecher Ernst Heinrichsohn zu dieser Zeit Bürgermeister der CSU ist. Sie befragt die Einwohner des Ortes nach ihrer Haltung zu ihm und seiner Vergangenheit. Über deren Reaktionen ist sie erschrocken:
"Bis auf wenige Ausnahmen haben wir in Bürgstadt ignorante und willfährige Leute getroffen und eine Art von Unterwürfigkeit erlebt, die mich erstaunt hat", erinnert sie sich später.
Der Beitrag zieht ein weiteres 45-minütiges Fernsehfeature von Lea Rosh über den sogenannten Lischka - Prozess in Köln nach sich ( siehe auch dieser Post über Beate Klarsfeld ). Anschließend produziert sie noch eine weitere Dokumentation für das ZDF, bei der die Nachfahren der von Lischka & Heinrichsohn in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportierten französischen Juden und Leute aus Bürgstadt an einen Tisch zu Gespräch gebeten worden sind.
"... bei den Franzosen hatte sich so viel Kummer und Schmerz aufgestaut, dass es ein haariges Gespräch wurde zwischen diesen beiden Parteien. Die Bürgstädter sagten die ganze Zeit: 'Heinrichsohn ist unschuldig.' Ich werde nie vergessen, wie ein Franzose, Henry, sagte: 'Gebt mir meine Eltern zurück. Gebt mir meine Eltern zurück.' Für mich war es unglaublich, dass die Bürgstädter fortwährend sagten: 'Sie sind unschuldig.' Die waren ja nicht unschuldig: Heinrichsohn, Lischka und Hagen. In dieser aufgeregten Stimmung verlief das ganze Gespräch."
Und weiter:
"Das ist überhaupt eine Erkenntnis, die man macht, wenn man sich mit diesem Thema befasst. Die Täter bleiben Täter, ihre Unterstützer bleiben Unterstützer. Die sind ohne Reue, ohne Schuldbewusstsein.... Das ist einfach deren Meinung: 'Juden sind was Schlechtes, Juden müssen weg. Das war unser Befehl.' Ich glaube auch, dass sie wirklich nicht einsichtig sind. Und sie sind mitleidlos."
Das braucht man, gerade aus heutiger Sicht, nicht mehr kommentieren und vergleichen mit Äußerungen, die die social media überschwemmen...
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| Das "III nach Neun"-Moderatorenteam: Lea, Dagobert Lindlau & Heidi Schüller (1982) |
1982 wird Lea Gastgeberin der monatlichen Diskussionsrunde "III nach Neun" von Radio Bremen. Sie versteht sich weniger als Talkmasterin denn als Diskussionsleiterin, was wiederum nicht jeder Zuschauer versteht, und man ihr einen oberlehrerhaften Moderationsstil vorwirft. Durch diese Talkshows ( bis 1991 auch beim SFB die "Freitagnacht" ) wird Lea aber erst richtig prominent.
1985 erhält sie für ihre SFB-Dokumentation "Vernichtung durch Arbeit" den angesehenen Adolf-Grimme-Preis, kurz darauf auch die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte. Der Film "Das lustige Zigeunerleben" bekommt den Jugend-Medienpreis "Das rote Tuch" der Berliner SPD verliehen
Die Idee stammt von dem Historiker der Stuttgarter Universität, Eberhard Jäckel, mit dem sie eine aufsehenerregende TV-Dokumentation zum Holocaust gedreht hat: "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Diese wird ab dem 29. April 1990 im deutschen Fernsehen SFB/ARD in vier Folgen ausgestrahlt und löst Diskussionen darüber aus, wie man sich dem Thema filmisch zuwenden kann und steht im Mittelpunkt zahlreicher politischer Kontroversen. Die Dokumentation trägt dem Duo den Geschwister-Scholl-Preis von 1990 ein.
Jäckel, der bedächtige Professor, wird immer mit ihr in einem Boot sitzen, wenn es um das Holocaust-Mahnmal geht. Die gewiefte Journalistin hingegen steht im medienwirksamen Vordergrund. Jäckel steht für Sachlichkeit, Lea für Betroffenheit, er am Katheder und sie vor Fernsehkameras.
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| 1990er Jahre |
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| Gedenkveranstaltung zum 79. Jahrestag der Bücherverbrennungen in Hannover ( 2012 ) |
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| 2025 ©dpa |
"Sie hat mit unermüdlichem Einsatz und viel dazu beigetragen, dass Berlin und ganz Deutschland zu einer neuen, angemessenen Kultur des Erinnerns fanden", würdigt sie der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, in seiner Laudatio.
Sie ist bis heute Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas e. V., einst 1989 als Bürgerinitiative gegründet. In dieser Funktion äußert sie sich immer wieder, zuletzt auch zu Demonstrationen gegen Demokratiefeinde.







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Wenn jemand im Kommentar Menschen nach Herkunft, Religion, Liebe oder Behinderung sortiert und einen Teil davon zur Zielscheibe erklärt, ist für mich Schluss. Egal wie berechtigt der Ärger ist, den sie eingesammelt hat. Das hat nichts mit links oder rechts zu tun, das steht im Grundgesetz, in Artikel 1 und Artikel 3.
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