Vorneweg: Ich bin absolut keine Krimi-Leserin. Der Name der Frau, die ich heute vorstelle, ist aber in meinem Gedächtnis hängen geblieben, seit Kollegen in meinen Anfangsjahren als Lehrerin von ihren Büchern geschwärmt haben: Maj Sjöwall, die heute als Patin der modernen skandinavischen Kriminalliteratur angesehen wird.
Maj Sjöwall kommt am 25. September 1935 in Stockholm als Tochter von Margit Trobäck und Will Sjöwall, dem Manager einer Hotelkette, zur Welt. Sie wächst deshalb auch in einer Wohnung über dem Hotel auf, welches ihr Vater leitet, im Klarakvarteren im ( damals noch ) zentralen Teil der schwedischen Hauptstadt rund um die Kirche gleichen Namens.
Maj wird sich später als eigenwilliges, nicht leicht zu bändigendes Kind beschreiben, das auf dem damals noch steilen Hamngatsbacken Schlitten gefahren und sich im ganzen Viertel herumgetrieben hat.
"Ich glaube, ich war ziemlich hart," so später einmal in einem Interview. "Man wird hart, wenn man ungeliebt aufwächst. Die Leute beschrieben mich als jungenhaftes Mädchen – ziemlich schüchtern, aber ich zeigte es nicht. Ich hatte eine Meinung. Ich war ziemlich wild. Ich habe viel gelogen, weil ich wusste, dass die Alternative eine Bestrafung war. Als ich älter wurde, wurde mir klar, dass ich nicht mehr lügen musste und es war ein schönes Gefühl. Ich konnte ich selbst sein."
Das Klara- Viertel um 1930, das in Nachkriegsjahren stark modernisiert worden ist |
"Mit 11 Jahren wurde mir klar, dass ich nicht das Leben meiner Mutter führen wollte: Schule, Ehe, Kinder, Wohnung, Sommerhaus."
Zu einer Zeit, als junge Mädchen so etwas noch nicht tun, sucht sie allein Kneipen und Restaurants auf und schließt sich einer Gruppe von Künstlern und Musikern an. Nach dem Besuch einer Mädchenschule, gerade auf dem Weg, Journalistin & Grafikerin zu werden, muss die 20jährige feststellen, von einem ehemaligen Freund schwanger zu sein.
Der Vater drängt zu einem Abbruch. Maj heiratet stattdessen 1955 den 20 Jahre älteren Zeitschriftenredakteur Gunnar Isaksson, der Mitleid mit ihr & ihrer misslichen Lage hat und ihr eine Ehe vorschlägt. Verliebt ist Maj nicht besonders in ihn, und die Ehe hält auch nicht lange und eine zweite, 1959 geschlossen mit dem Fotografen Hans J. Flodquist, ebenso wenig, denn der stellt sich vor, mit ihr in einer Vorstadt zu leben und ein entsprechend ruhiges Familienleben mit vielen Kindern zu haben. Maj zieht aber auf Dauer den Status einer alleinerziehenden Mutter ihrer Tochter Lena vor.
Nach ihrer Ausbildung hat sie als Lektorin und Übersetzerin für mehrere Wochenzeitungen angefangen, so bis 1959 für den Zeitschriftenverlag Åhlén & Åkerlunds, danach bei Wahlström & Widstrands, einem Entdecker namhafter nationaler & internationaler Schriftsteller, und zwischen 1961 und 1963 dann bei Esselte ( bei uns eher bekannt als Büroartikelhersteller ). 1961 lernt sie Per Wahlöö kennen:
"Wir haben uns zuerst über die Arbeit kennengelernt. Es gab einen Ort in der Stadt, ähnlich der Fleet Street, wo sich früher alle Journalisten trafen. Wir sind alle in die gleichen Kneipen gegangen. Dann fingen Per und ich an, uns sehr zu mögen, also fingen wir an, in andere Pubs zu gehen, um unseren Freunden aus dem Weg zu gehen und alleine zu sein. Es war kompliziert: Ich mochte es nicht, seine Frau zu betrügen, und er hatte ein Kind."Maj Sjöwall schreibt damals für "Idun" und Per für "Folket i bild", einem illustrierten Nachrichtenmagazin im Besitz der Schwedischen Sozialdemokratischen Partei.
Der 1926 geborene Per Wahlöö stammt ursprünglich aus einer Gegend südlich von Göteborg, hat an der Universität in Lund studiert und ab 1946 als Polizeireporter gearbeitet. Dabei hat er sich zunehmend politisiert und schreibt anschließend viel über soziale Themen. 1957, als Korrespondent in Spanien tätig, wird er aufgrund seines politischen Engagements im Land Francos abgeschoben. Er reist anschließend eine Weile durch die Welt, kehrt dann nach Schweden zurück und wird wieder als Journalist tätig. Ende der Fünfziger Jahre sind erste literarische Arbeiten, zunächst Fernseh- und Radiospiele, von ihm bekannt. 1959 erscheint sein erster Roman "Himmelsgeten". Es folgen mehrere Polit-Thriller, die in der nahen Zukunft, unter Diktaturen oder den Militärjuntas in Lateinamerika spielen ( der bekannteste dieser Romane im deutschsprachigen Raum wird 1989 unter dem Titel "Kamikaze 1989" mit Rainer Werner Fassbinder in der Hauptrolle verfilmt ). Er ist bereits ein anerkannter politischer Journalist, als er auf Maj trifft.Die Beiden teilen eine Vorliebe für linke Politik und Kriminalgeschichten und tauschen Texte aus: Per verfasst zu dieser Zeit ein Buch und lässt Maj nun die Lücken in seinem Manuskript füllen und eine weibliche Figur erfinden. Es ist eine Liebesaffäre in Worten, ein Werben umeinander mit Sätzen.
Das Autorenpaar mit seinen Söhnen |
"Kleine alte Damen brachten die Bücher zurück in den Laden und beschwerten sich, dass sie schrecklich, zu realistisch seien. Kriminalgeschichten haben damals keine nackte tote Frau beschrieben, wie wir es taten. Oder einen Polizisten, der mit seiner Frau ins Bett geht. Aber auf der anderen Seite liebten die Studenten sie."
In "Roseanna" wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt, von der nichts bekannt ist. Schließlich bringt man sie mit Roseanna McGraw in Verbindung, einer Amerikanerin, die von ihrer Europareise nie heimgekehrt ist. Martin Beck, 1. Kriminalassistent bei der Stockholmer Reichsmordkommission, und seine Kollegen finden ein Foto, auf dem Roseanna von einem Mann begleitet wird. Beck ist überzeugt, dass das der Mörder ist. Ohne die Hilfsmittel moderner Ermittler von heute machen sich die Polizisten an die Arbeit. Im Verlauf der Geschichte sind sie oft der Verzweiflung nahe, da sich kein Hinweis auf den Mörder finden lässt.
Diese Kriminalisten sind Menschen wie du und ich: So leidet unter Becks beruflichem Einsatz sein Familienleben. Er ist introvertiert bis schwermütig, redet nicht viel und wird während eines Großteils des Buchs von einem heftigen grippalen Infekt und wiederholten Magenschmerzen heimgesucht. Sein Kollege Kollberg ist dick, ironisch und belesen, während Gunvald Larsson ein begabter Ermittler ist, der - einmal in Fahrt - nicht mehr zu bremsen ist.
Keve Hjelm ( rechts ) als Kommissar Beck (1967) |
Auf "Roseanna" folgen die Romane "Mannen som gick upp i rök" (1966, dt. "Der Mann, der sich in Luft auflöste" ) und "Mannen på balkongen" (1967, dt. "Der Mann auf dem Balkon" ), die jeweils nach demselben 12-Monats-Zeitplan geschrieben sind. In dem Jahr kommt es auch schon zu einer ersten Verfilmung des Stoffes, in der Hauptrolle Keve Hjelm.
Es folgt 1968 "Den skrattande polisen" (dt. "Endstation für neun" (BRD), "Der lachende Polizist" (DDR)), 1973 von Stuart Rosenberg verfilmt, ( mit Walter Matthau in der Hauptrolle ), ebenso das nächste - "Brandbilen som försvann" (1969, dt. "Alarm in Sköldgatan" ). Rosenbergs Film spielte in San Francisco statt in Stockholm und Malmö. Die späteren Romane, und besonders der letzte, "Terroristerna" von 1975, ( dt. "Der Terrorist" ), ist eine bittere Analyse des schwedischen Wohlfahrtsstaates und stellt sich auf die Seite der Kriminellen als revolutionäre Kräfte. Die zehn Bände liefern tatsächlich ein präzises Bild Schwedens zwischen 1965 und 1975 und zerstören die Bullerbü - Vorstellungen vom idyllischen Volksheim, dem warmen Nest für alle Einwohner des Landes.
Schließlich können Sjöwall/Wahlöö ihre täglichen Jobs aufgeben, aber nie allein von den Büchern leben. "Damals hatte niemand einen Agenten. Heutzutage bekommen Krimiautoren Millionen und Abermillionen, sie können es sich leisten, im Ausland zu leben." Der phänomenale Erfolg von Henning Mankell, dessen Hauptfigur Kurt Wallander Martin Beck so viel zu verdanken hat, liegt da noch in weiter Ferne. "Manchmal lag ich nachts wach und fragte mich, wie ich die Miete bezahlen sollte", erinnert sich Maj. Es gibt unvorhergesehene Einnahmen aus Auslandsgeschäften, aber der Vertrag mit ihrem schwedischen Verlag bleibt ( bis zu ihrem Tod übrigens ) unverändert.
Dann wird Per 1971 krank, zuerst eine Schwellung, dann meinen die Ärzte, seine Lungen seien voller Wasser. Schließlich stellen sie fest, dass die Bauchspeicheldrüse geplatzt ist.
"Anfangs dachten wir, das sei heilbar. Wir gingen zu allen möglichen Ärzten, aber wir vertrauten keinem von ihnen. Einige sagten, mache eine spezielle Diät, andere wollten ihn aufschneiden. Im und aus dem Krankenhaus und die ganze Zeit wurde er immer dünner und dünner."
Doch Per bleibt sehr krank. "Er wusste, dass er sterben würde, weil er sich in das Zimmer des Professors geschlichen und seine Notizen angesehen hatte." Sie mieten einen Bungalow in Màlaga, und Pers Text-Anteil an dem folgenden, letzen Roman der Serie beträgt 70 Prozent, weiß er doch um seine begrenzte Lebenszeit. Maj übernimmt jetzt mehr die Rolle der Herausgeberin. "Manchmal fiel er einfach vom Stuhl, weil er nicht mehr schreiben konnte. Am Morgen waren die Worte unleserlich."
Kaum vorstellbar: eine relativ junge Frau - Maj ist noch nicht vierzig -, ihr sterbender Seelenverwandter, drei Kinder - die Söhne gerade mal zwölf und neun - und der Druck, das letzte Buch ihres gemeinsamen Projektes fertigzustellen. "Ich bin nicht Florence Nightingale. Ich war verzweifelt. Es hat mich so isoliert. Trotzdem wollte ich bei ihm sein und er wollte bei mir sein. Also haben wir uns versteckt. Es gab nur Per, die Kinder und die Bücher." Gewaltfrei bleibt das Verhältnis unter diesen Umständen nicht, wie Maj später zugeben wird.
"Er hat sehr starke Morphintabletten genommen. Entweder absichtlich oder weil [...] es nicht funktioniert hat, hat er noch eine genommen, wenn das nicht funktioniert hat, hat er eine andere genommen. Er fiel ins Koma und kam nie wieder zu sich. Sein Gehirn war nicht mehr da. Es war schrecklich. Ich betete irgendwie, dass er sterben würde. Nach drei Wochen tat er es."
"Per und ich wussten natürlich, dass wir mit unseren Büchern die Welt nicht würden verändern können. Aber wir wollten die Leser zumindest davor warnen, dass die Gesellschaft inhumaner werden und dass der Kapitalismus überhandnehmen würde. Heute muss ich leider sagen, dass wir Recht behalten haben – nur, dass die Entwicklung noch viel schneller vonstatten ging, als wir ursprünglich befürchtet hatten. Heutzutage leben wir in einer reinen Konsumgesellschaft, und das finde ich schrecklich."
Was sie wohl von der aktuellen Entwicklung in ihrem Heimatland halten würde?
Ich selbst bin neugierig geworden auf ihre Bücher. Jetzt, wo ich wieder über mehr Zeit verfüge, durchaus machbar...
Natürlich erinnere ich mich an diese dünnen rororo Krimis, die schon ganz anders aussahen, als all die anderen. Eine treue Leserschaft gab es damals in der Ausbildungsbuchhandlung, wo es mir natürlich als erstes auffiel, auch. Ich gestehe, dass ich nur einen Krimi gelesen habe, es war nicht nur der Inhalt, der harter Toback war, auch den Stiel fand ich sehr hart. Nun weiß ich mehr, warum die Krimis (welche für mich eher in Richtung Sozialstudien gingen) so waren. ...Und natürlich mehr über die Autorin des Gespanns
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Nina
(Danke auch für Deine liebe Rückmeldung)
Liebe Astrid, für mich, die ich generell keine Krimis lese, eine interessante Entdeckung. Trotz allem bleibe ich dabei, dass uns im realen Leben mehr als ausreichend Kriminalität jeder Art umgibt, das muss ich nicht noch lesen. Aber es ist eine ganz persönliche Entscheidung der "Seelenhygiene". Jeder mag es halten, wie er will. Mut zur Lücke, nenne ich das auch :-)) Liebe Grüße, Sunni
AntwortenLöschenLiebe Astrid,
AntwortenLöschendas Autorenduo Sjöwall/Wahlöö war mir durch meinen Mann bekannt, der vor einigen Jahren viele dieser Krimis gelesen hatte.
Näheres wusste ich aber nicht und so bin ich froh, dies heute durch deine Vorstellung gelernt zu haben. Das letzte Foto, dass du von ihr zeigst, gefällt mir. Eine an Jahren alte Frau, die freundlich, neugierig und offen in die Kamera schaut.
Viele Grüße
Claudia
Luitgard M.
AntwortenLöschenHallo Astrid,
wie schon so oft, hast Du mich mit Deinen Frauendarstellungen sehr beeindruckt! So auch bei dieserm Portrait! Ich werde mir einen Krimi besorgen.
Ich bin neugierig geworden, wie schon so oft!
Viele Grüße Luitgard
Liebe Astrid, jetzt habe ich Maj in deinem Portrait endlich mal näher kennengelernt. Ihre Krimis begegneten mir zum ersten Mal im Germanistik-Semniar über Kriminalromane. Ich fand sie damals total toll. Sie stehen auch noch immer in meinem Bücherregal.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Ich liebe Krimis, aber keine skandinavischen. Meine Richtung sind die von den Krimi-Ladies Elizabeth George, Deborah Crombie & Co.
AntwortenLöschen"Beck" habe ich eine Folge im TV geschaut, aber mir ist das zu maskulin-schwermütig für Unterhaltung. Und nun weiß ich auch warum. Die Lebensgeschichte von Maj Sjöwall zeigt viel davon auf, von derartiger Verzwicktheit des Lebens. Aber ich finde es großartig, wie sie zusammen die Krimis geschrieben haben und wie sie genau ihr Ding damit machten.
Der große Schatten, der über oder unter Schweden liegt, zeigt sich ja nun politisch. Ich hoffe, es wird nicht allzu schlimm.
Herzlichst, Sieglinde
Ich liebe ja Krimis, aber die schwedischen nicht so. Sie machen mich manchmal ganz schön fertig und ich schaffe einfach nicht damit klar zu kommen. Aber eine berührende Biographie und sehr interessante Frau. Sie hat es sich nicht einfach gemacht. Das bewundere ich.
AntwortenLöschenLiebe Grüße Urte
Wie sehr ich diese wunderbaren Frauenportraits genieße!
AntwortenLöschenWieder sehr wissenswerte biografische Daten und auch Lebenskreuzungen sind beschrieben, die nicht an Dramatik entbehren. Offensichtlich gehört solches zu einem intellektuellen Leben dazu!
Immer wieder hochinteressant, wie sich Menschen entwickeln und diese Entwicklungen eben auch oft mit Schmerzen verbunden sind. Doch am Ende steht häufig ein erfülltes Leben!
Ich freue mich stets, hier so Reichhaltiges und ganz Unterschiedliches zu finden. Wie auch die heutigen, ausnehmend schönen Freitagsblumen, wieder ganz exquisit arrangiert!
Herzliche Grüße, C Stern