Donnerstag, 19. Mai 2016

Great Women # 61: Petra Kelly


Die Frau, die ich heute porträtiere, gehört meiner Generation an und ist, wie ich, geprägt gewesen durch die christliche Tradition der Nächstenliebe. Mitgefühl und Solidarität waren die Motive ihres Handelns. Durch die uneingeschränkte Überzeugung von der Richtigkeit ihres Denkens wirkte sie idealistisch und radikal. Ihre Themen - Gewaltfreiheit, Feminismus, Ökologie - waren auch meine Themen in dieser Zeit meiner Jugend, und auch ich teilte damals die Ansicht, dass man dem bisher Selbstverständlichen seine Grenzen aufzeigen müsse. Diese Rigorosität hat nicht bei jedem Anklang gefunden - auch das eine Erfahrung, die ich machen musste. 
Hierzulande scheint sie fast vergessen. Im Ausland hingegen hat sie bis heute ein hohes Renommee. Die Rede ist von Petra Kelly.

Am 29. November 1947 kommt Petra Kelly als Petra Karin Lehmann, Tochter von Siegfried Lehmann und Marianne Birle, in Günzburg/Donau zur Welt. Der Vater verlässt die Familie jedoch, als Petra sieben Jahre alt ist. "Der Verlust des Vaters, der ein sanfter, zärtlicher Vater gewesen war, schmerzte das Mädchen tief", schreibt Monika Sperr später in ihrer Biografie.

Weil die Mutter den Lebensunterhalt als Verkäuferin in einem Geschäft für US-Militärs in Leipheim verdienen muss, wird die Tochter von der Großmutter Kunigunde Birle ( die später als "grüne Omi" auf mancher Demonstration & Blockade dabei sein wird ), einer ehemaligen OP - Schwester, aufgezogen. Diese Oma prägt ihre Enkelin in ihrer persönlichen Entwicklung, denn sie ist  - typisch für viele Kriegerwitwen jener Zeit - unabhängig und selbstbewusst genug, um sich schon zur damaligen Zeit gegen die restriktiven Vorstellungen von der Rolle der Frau in Gesellschaft zu stellen. 

Die zierliche Petra ist oft krank - sie leidet an einer Nierenerkrankung und wird später mit nur noch einer Niere leben - hat in der starken Oma aber ein erstes Vorbild. Sie lernt, ihre eigenen Ziele zu verfolgen, auch wenn sie damit nicht immer auf Gegenliebe stößt. Während ihrer Schulzeit von 1957 - 1959 bei den "Englischen Fräulein" im Kloster Herz Jesu in Günzburg - über deren Eingangstor der Satz "Wie die Zucht, so die Frucht" steht!!! - zeigt sie sich lernwillig & fleißig, wird allerdings auch durch Schläge auf die Hand von der Links- zur Rechtshänderin umerzogen.

Nonne will sie trotzdem werden, allerdings eine "weltliche Nonne in der Dritten Welt". Sie ist erfüllt von dem glühenden Wunsch, die Welt besser und gerechter zu machen und sie ist fest davon überzeugt, dass das gelingt, wenn man sich nur genug anstrengt. Ein fast kindlicher Glaube an die Machbarkeit des Guten ist typisch für Petra. ( Oh, wie ich das kenne! Ist das die Folge christlicher Mädchenerziehung der Zeit? Meine eigenen Erfahrungen scheinen das zu bestätigen... )

1958 heiratet die Mutter den in Deutschland stationierten amerikanischen Captain John E. Kelly, und Petra wechselt vom Institut der Englischen Fräulein auf die Elementary School der US Base. Als der neue "Vater" - Petra übernimmt seinen Namen, wird aber nicht adoptiert - ein Jahr später versetzt wird, begleitet ihn die Familie in die USA. Ihre Schwester Grace Patricia ist zu diesem Zeitpunkt schon auf der Welt, 1960 kommt der Bruder John Lee Kelly dazu.

1964
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In den Staaten geht sie zuerst auf die Junior High School in Columbus, nach einem weiteren Umzug auf die die Hampton High School in Virginia. Sie macht Erfahrungen mit dem Rassismus und der Diskriminierung in den USA & Martin Luther King mit seinen gewaltfreien Aktionen wird ein weiteres Leitbild.

"Man konnte sich nur anpassen oder sich durch soziales Engagement dagegen auflehnen", sagt sie später in einem Interview. Petra wählt die zweite Möglichkeit, denn ihr Interesse an Politik ist geweckt. Nach dem Abschluss der High School 1966 studiert sie an der American University in Washington, D.C., Politologie und Weltpolitik. 1968 arbeitet sie als Freiwillige im Wahlkampf - Team von Robert Kennedy, später für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Hubert Humphrey. 1970 schließt sie das Studium mit Auszeichnung ab und wird von ihren Kommilitonen zur "Besten ausländischen Studentin des Jahres" gewählt. 

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Es ist das Jahr, in dem auch ihre Schwester Grace Patricia im Alter von 10 Jahren an einem bösartigen Tumor, der operativ nicht vollständig entfernt werden konnte, stirbt. Durch eine Strahlentherapie hatte sie vorher ein Auge verloren. Petra ( die für die todkranke Schwester mit einem Brief sogar noch eine Privataudienz beim Papst hat erwirken können ) stellt dieses medizinische Verfahren für immer in Frage und bezeichnet noch Jahre später ihre Schwester als Opfer des Atomzeitalters. Sie beginnt, sich mit der Wirkung von Strahlen zu beschäftigen, die in den modernen Gesellschaften zur Energieerzeugung, in der Medizin oder militärisch genutzt werden.

"Ich habe von ihr (i.e. Grace) gelernt, Wünsche und Forderungen anzumelden, sich mit dem Bestehenden nicht zufrieden zu geben, und ich habe durch sie gelernt, dass man einfach nicht aufgeben darf", bewertet sie später dieses einschneidende Ereignis in ihrem Leben.

Nach dem Abschluss des Studiums kehrt Petra Kelly den Vereinigten Staaten den Rücken. "Als sie 1970 nach Europa zurückkehrte, hob sie sich durch ihr 'amerikanisches' Selbstbewusstsein ebenso von anderen Altersgenossen ab wie durch den intellektuellen Bezug zur US-Bürgerrechtsbewegung - und nicht zuletzt auch durch das Nicht-Erleben des für viele Deutsche dieser Generation prägende '1968' ", schreibt Saskia Richter an dieser Stelle.

Sie studiert in Amsterdam Politische Wissenschaft, schließt das Studium 1971 ab, wird zuerst Forschungsassistentin am Europa-Institut und bewirbt sich dann um ein Praktikum bei der Europäischen Kommission, was ihr schließlich gelingt.

Im Sommer 1972 lernt sie Sicco L. Mansholt kennen, den Präsidenten der Europäischen Kommission. Mit dem 39 Jahre älteren, verheirateten Niederländer beginnt sie eine Liebesbeziehung. Diese Affäre dauert knapp drei Jahre. Der alte Mann beendet in dieser Zeit seine Karriere,  die junge Frau tritt zur gleichen Zeit ins Rampenlicht als Verwaltungsrätin im Wirtschafts- und Sozialausschuss der EG, bei der sie schon im November 1972 als Verwaltungsreferendarin im Sekretariat angefangen hat.

Petra Kelly & Sicco L. Mansholt Anfang der Siebziger Jahre
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Petra hat ihre ganz eigenen Vorstellungen von einer Partnerschaft: Das wichtigste sind ihr gemeinsame politische Positionen, ansonsten braucht sie jemanden, der ihr die Alltagsangelegenheiten abnimmt. Dafür ist Mansholt nicht geeignet, und er kehrt wieder zu seiner Ehefrau zurück. ( Trotzdem scheint Petra Kelly eine nachhaltige Faszination auf den Protagonisten einer EG-Agrarpolitik, die nur auf Wachstum, Massenproduktion, Subventionen & Preisbindung setzt und damit kleine bäuerliche Betriebe zerstört, ausgeübt zu haben, denn im Alter hat er einen Öko-Hof betrieben! )

In die Zeit mit Mansholt fällt die Gründung der "Grace P. Kelly Vereinigung zur Unterstützung der Krebsforschung für Kinder e. V." - zum damaligen Zeitpunkt eine Pioniertat auf dem Feld des zivilgesellschaftlichen Engagements in Deutschland -, ihre Mitgliedschaft im Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU), der die ökologische Bewegung als Friedensbewegung versteht und fördert, und ihr Eintritt in die SPD ( alles 1973 ).

1975 wird sie von der Anti-Atomkraft-Bewegung nach Kalkar eingeladen, später im Jahr auch von der Anti-Atomkraft-Bewegung nach Wyhl. Petra Kelly, die sich als Feministin und Pazifistin versteht, verbindet in ihrem Engagement die Themen Frauen und Frieden mit der Anti-Atomkraft-Bewegung.

Durch einen Briefwechsel lernt sie im gleichen Jahr den 22 Jahre älteren Gewerkschaftsführer John Carroll, den Vorsitzenden der Irish Transport & General Workers' Union, kennen und lieben, auch er verheiratet und als katholischer Ire nicht zu einer Scheidung zu bewegen, auch als Petra schwanger wird. Wegen ihrer ohnehin labilen körperlichen Konstitution wird ihr aus medizinischen Gründen eine Abtreibung erlaubt. Die Beziehung zerbricht Ende 1978.

Vorher organisiert sie mit ihm noch das ITGWU Energy Symposium in Dublin, auf dem es um Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken geht, besucht mit ihm Hiroshima und nimmt 1978 erstmals an einer Mitgliederversammlung des BBU teil ( als Vertreterin ihrer Stiftung ). Sie initiiert mit der Frauenzeitung "Courage" eine Petition gegen Atomkraft, die von über 40.000 Frauen unterschrieben & dem Bundestag übergeben wird. Von ihrer Tätigkeit bei der EG lässt sie sich zeitweilig beurlauben.

1979
Das Jahr 1979 wird ein besonders wichtiges für Petra: Sie wird in den BBU-Bundesvorstand gewählt, bei dem sie für internationale Kontakte zuständig ist, und führt die Liste der "Sonstige Politische Vereinigung" (SPV) – Die Grünen" für die Europawahl im Juni 1979 zusammen mit Herbert Gruhl ("Grüne Aktion Zukunft") an. Die SPV erzielt mit 3,2 Prozent der Stimmen einen Achtungserfolg, jedoch keine Mandate. Petra kehrt an ihren Arbeitsplatz in Brüssel zurück.

Aus der SPD tritt sie aus, weil sie mit der Politik Helmut Schmidts nicht einverstanden ist. Die Regierung Schmidt unterstützt einen Nato-Plan zur Stationierung einer neuen Generation von nuklearen Mittelstreckenwaffen ( amerikanische Pershing-II-Raketen ).


Diese Entscheidung löst einen nie da gewesenen Widerstand in Deutschland aus ( der auch mich & den Herrn K. und die meisten unserer Freunde & Kollegen auf die Beine bringt ).

Gegen diesen "Nato - Doppelbeschluss" richtet sich das Gründungsdokument der Friedensbewegung, der "Krefelder Appell", der die Regierung auffordert, ihre Entscheidung über die Einführung einer neuen Generation von Atomraketen zu verzichten. Petra Kelly beteiligt sich daran auf Initiative des Generalmajors Gert Bastian, den sie im November 1980 bei einer Podiumsdiskussion in München  kennengelernt hat.

Mit Gert Bastian
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Zuvor hat sie die Partei der Grünen mit begründet, in deren Vorstand sie gewählt wird, und die bei der Bundestagswahl 1980 antritt ( sie erhalten  dabei 1,5 Prozent der Zweitstimmen ). Joschka Fischer wird sie später als “die herausragende Persönlichkeit bei der Gründung der Grünen Partei in Westdeutschland” bezeichnen. Weltweit steht ihre Person für diese neue deutsche Partei.

Doch ihr unermüdlicher Einsatz neben ihrer beruflichen Tätigkeit in Brüssel zwingt sie wiederholt, auch in den folgenden Jahren, physisch in die Knie, ohne dass sie eine Änderung an ihrer beruflichen Situation vornehmen, geschweige denn ihr Engagement schmälern kann.

1983 in Mutlangen
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Auf Gert Bastian scheint das Aufeinandertreffen mit Petra eine überwältigende Wirkung gehabt zu haben. Der Mann, der einmal in den wichtigsten militärischen Gremien der Nato saß, sitzt jetzt mit ihr bei Protesten vor amerikanischen Militärbasen, um verhaftet zu werden. Der Mann, der ein Leben lang von militärischer Disziplin und Ordnung bestimmt war, nimmt Teil an der chaotischen Welt einer Partei in der Gründungsphase. Mit 57 Jahren entsagt er seiner Welt, während seine 33 Jahre junge Partnerin sich immer leidenschaftlicher in der Politik engagiert. Auch er wird wieder ihr politischer Begleiter, aber auch der gewünschte Beschützer und Liebhaber. Mitte 1980 wird er auf eigenen Wunsch vom Verteidigungsminister in den Ruhestand versetzt.

Gemeinsam treten sie bei den großen Massendemonstrationen gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen auf. Gemeinsam werben sie bei den Bundestagswahlen im März 1983 um Stimmen.



Diese Wahl bringt den Grünen ihren Durchbruch: 5,6 Prozent der Stimmen und 27 Sitze. Die widerspenstigere politische Alternative in der Bundesrepublik ist endlich im Parlament angekommen:

Die Grünen Gert Bastian, Petra Kelly, Otto Schily &Marieluise Beck-Oberdorf 
auf dem Weg zum Bundestag (1983)
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Die Bild - Zeitung betitelt Petra als die "Lady Di der Grünen", um die charismatische Ausstrahlung der Politikerin zu erklären.

Im Bundestag wird sie Mitglied des Auswärtigen Ausschusses und hält ihre erste Rede dort am 4. Mai 1983. Doch im Plenarsaal reagieren die Politiker auf ihr Bekenntnis zur Gewaltfreiheit ablehnend: 18 mal wird sie durch Abgeordnete der CDU/CSU Fraktion unterbrochen. Sie erwähnt die Waffenexporte an Militärdiktaturen, an die Türkei, fordert das Selbstbestimmungsrecht der Völker, äußert genau die Dinge, die wir heute, 33 Jahre später, in genau der gleichen Weise vorhalten könnten, wären wir im Bundestag vertreten...

Ihre Stärke in der Aktion zeigt sie ein paar Tage später in Ost - Berlin, als sie mit Gert Bastian und anderen grünen Politikern vor der Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz Transparente u.a. mit der Aufschrift "Die Grünen – Schwerter zu Pflugscharen" enthüllt. Schnell greift die Ost - Berliner Polizei ein und führt die Demonstranten ab.

1983 im Bonner Hofgarten
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Im Sommer des Jahres demonstriert sie mit Schily, Beck-Oberdorf, Bastian u.a. in Washington, D. C., gegen die Aufstellung amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa. Unter anderem lassen sie zwanzig weiße Tauben fliegen. Am 22. Oktober 1983 nehmen sie an der zweiten Großdemonstration gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper im Bonner Hofgarten teil. Eine halbe Million Menschen protestiert alleine dort gegen den Nato-Doppelbeschluss ( 1,3 Million Menschen sind es insgesamt an diesem Tag in Hamburg, West-Berlin, Bonn und Süddeutschland ). “Nur wenn man auf die Wunde drückt oder schreit, wird sich etwas verändern”, ist ihre Devise.

So trägt sie auch bei ihrem Besuch im Oktober 1983 als Bundestagsabgeordnete bei Erich Honecker ein T-Shirt mit der in der DDR trotz Verbots weit verbreiteten Losung "Schwerter zu Pflugscharen". Sie trifft sich mit Bürgerrechtlern & unterstützt die Dissidenten im deutschen Osten, indem sie Honecker einen Brief von Bärbel Bohley überreicht und Schriften in beide Richtungen über die Grenze schmuggelt:

1984 verlässt sie mit Bastian die Krefelder Initiative, weil diese sich weigert, eine kritische Haltung gegenüber der Sowjetunion einzunehmen und die unabhängige Friedensbewegung in der DDR zu unterstützen.

Konsequent geht sie ihre ganz eigenen Wege, weist auf Menschenrechtsverletzungen im Ostblock und in China hin, engagiert sich für Tibet & gegen die Ausbeutung der Lakota-Indianer. Sie weigert sich aber auch, einen Teil ihrer Diäten als Grünen-Abgeordnete an Ökofonds abzuführen. Ihr Stern innerhalb der Partei beginnt langsam zu sinken. So verliert sie ihren Fraktionsvorsitz, und als sie sich dem Rotationsprinzip verweigert, sinkt ihre Beliebtheit in der Partei weiter.

Da bildet sie zusammen mit Bastian bereits ein ganz eigenes politisches Team mit ganz eigenen Themenschwerpunkten. So reisen sie beispielsweise auf Einladung der Sowjetunion zu einem internationalen Abrüstungskongress nach Moskau, setzen sich auf einem Tibet-Forum ein oder reagieren auf einen Kredit der Dresdener Bank für die südafrikanischen Apartheids-Regierung mit Konten - Kündigung. Mit ihm ist sie unterwegs, um ihre persönlichen Utopie von einer gewalt- und herrschaftsfreien Gemeinschaft aller Erdenbürger unter die Menschen zu bringen.

Bei der Bundestagswahl 1987 erhalten die Grünen 8,3 Prozent der Zweitstimmen, und Petra erhält über die bayrische Landesliste wieder ein Bundestagsmandat.

Mit Bastian, Helmut Kohl & Erich Honecker 1987
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Im Rahmen ihres Einsatzes für Tibet veröffentlicht Petra ein Buch über die Situation des Landes, trifft den Dalai Lama und wendet sich dem Buddhismus zu. Ihre Liebe zu Tibet geht so weit, dass sie eine Affäre mit dem tibetischen Arzt Palden Tawo, der in einem Krankenhaus in Lüdenscheid arbeitet, beginnt. Dieser begleitet Petra & Gert Bastian auch auf Reisen nach Tokio und Washington. Für Bastian wird das Verhältnis zu Petra eine immer größere Belastung, er scheint aber im jungen Liebhaber eine Entlastung für sich in seiner Verantwortung für das Wohl seiner Gefährtin zu sehen.

Bei der Bundestagswahl 1990 - bei der die Grünen ohnehin nicht genug Stimmen für den Bundestag bekommen - ist Petra nicht als Kandidatin aufgestellt worden. Trotzdem kandidiert sie im April 1991 für den Parteivorsitz und erhält von 660 abgegebenen Stimmen gerade einmal 32. Da hat sie sich schon entfernt vom stärker werdenden realpolitischen Kurs ihrer Partei, offen die dort herrschenden Grabenkämpfe kritisiert und eine Rückbesinnung der Grünen zu ihren Ursprüngen als "Anti-Parteien-Partei" eingefordert. Das ist für viele ihrer Parteigenossen anscheinend nicht mehr akzeptabel. Auch ihre große politische Prominenz stört viele Grüne, die ihr wegen der starken Medienpräsenz Profilsucht und Starallüren vorwerfen.

"Mit der Professionalisierung der Grünen verblasste die Strahlkraft von Petra Kelly. Die Unbedingtheit, die zu Beginn der achtziger Jahre noch ihre große Stärke gewesen war, beschleunigte nun ihren Abstieg", so Saskia Richter.

Denn Petra Kelly hat bis dahin politisch wie persönlich viel erreicht: Sie hat den Alternativen Nobelpreis bekommen (1982), ist in den USA zur "Frau des Jahres" gewählt worden (1983), hat Menschen wie den Dalai Lama, Erich Honecker, Michael Gorbatschow, Vaclav Havel - oder auch Jane Fonda - getroffen und, wenn nötig, herausgefordert. Auch der Lebensgefährte Gert Bastian - so vermutet Alice Schwarzer in ihrem Buch - kommt von Petra nicht los, weil er den Polittourismus an ihrer Seite nicht missen mag. Gravierender dürfte aber seine Überzeugung gewesen sein, dass sie ohne ihn nicht mehr lebensfähig sei.

1992
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Das ganz persönliche Drama der Petra Kelly beginnt sich schon zu Frühlingsbeginn 1992 abzuzeichnen:

Nach einer Geburtstagsfeier für Hans-Dietrich Genscher in Halle und einem Besuch bei der Oma in Nürnberg fahren sie mit dem Auto weiter nach München in ein Hotel. Der völlig übermüdete Bastian lässt sich überreden, Obst im Bahnhof zu kaufen & läuft vor ein Taxi. Noch während er mit einem zertrümmerten Schienbein ins Krankenhaus gebracht wird, ordert Petra Kelly ihre beste Freundin in Calw zu ihrer Unterstützung nach München, denn alleine kommt sie mit ihrem Alltag nicht zurecht.

Ende August trifft das Paar nach Krankenhausaufenthalt und Reha wieder in Bonn ein. Im September haben sie auf der Weltkonferenz der Strahlenopfer ihren letzten gemeinsamen Auftritt in der Öffentlichkeit. Am 30. September kehren sie von einem Berlinaufenthalt ins Bonner Reihenhaus zurück. Petras letztes Lebenszeichen: Sie lässt der Oma Birle eine Blumenschale zum Geburtstag schicken. Von Bastian gibt es einen Brief an seine Noch - Ehefrau und einen unvollendeten an einen Rechtsanwalt, datiert: 1. Oktober 1992.

Nach Angaben der Polizei wird Petra an diesem Tag im Schlaf von ihrem Lebensgefährten erschossen, der sich anschließend selbst das Leben nimmt. Ein Abschiedsbrief, der einen Hinweis auf die Motive geben könnte, wird nicht gefunden. Es bleibt auch ungeklärt, ob Kelly diesem Ende zugestimmt hat.

Achtzehn Tage liegen die Leichen nach ihrem Tod in ihrer Wohnung unentdeckt. Erst als die Ehefrau Bastians sich darüber wundert, dass sie weder ihren Mann noch dessen Geliebte telefonisch erreichen kann, werden ehemalige Nachbarn gebeten, nachzusehen.

In einer Presseerklärung der zuständigen Staatsanwaltschaft heißt es anschließend, es habe sich um einen erweiterten Suizid gehandelt.

Was im Privatleben der Beiden geschah, bleibt weitgehend Spekulation, auch wenn Alice Schwarzer im Jahr darauf in ihrem Buch "Eine tödliche Liebe" ein Urteil fällt: "Ich sage, es ist Mord." Sie spricht von der "gnädigen Lüge vom Doppelselbstmord" & kommt zu dem Schluss: "Die Verbindung, die am Anfang so glamourös und so spannend für beide war, gleitet mehr und mehr in die Isolation, den Krampf und die Neurose."

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Auf der Trauerfeier für Petra versammeln sich mehr als 1500 Menschen, politische Weggefährten, Freunde aus aller Welt, solche aus Tibet oder Indianer aus Nordamerika, ehemalige DDR-Oppositionelle und der russische Schriftsteller Lew Kopelew, der wiederum nicht an einen Selbstmord glaubt: "Sie wären nicht freiwillig von uns gegangen, ohne es zu erklären. Es geschah etwas Schreckliches, Grausiges, vielleicht wird es einmal aufgeklärt."

Ein Offener Brief von Mitbürgern, die auch glauben, dass der gewaltsame Tod weder ein Mord noch ein Doppelselbstmord sind, sondern ein Werk der Geheimdienste, möglicherweise der Atom-Mafia, fordert im November die Einsetzung eines unabhängigen Untersuchungsausschusses.


Wer kann Lügen entlarven, wenn niemand die Wahrheit kennt?


Der letzte Fakt ist: Am 26. Oktober 1992 um 15.02 Uhr wird der Sarg Petra Kellys auf dem Waldfriedhof von Würzburg in der 20. Reihe ins Grab Nr. 7 gesenkt. Durch den wolkenverhangenen Himmel bricht damals gerade die Sonne...










Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    ja, es wird immer ungeklärt bleiben. Es weiß Niemand, meine Meinung ist aber, dass Petra Kelly immer mehr in etwas hineingleitete, was sie nicht mehr selbst bestimmen konnte. Ich habe das Buch von Alice Schwarzer gelesen. Bastian konnte hier ebenso nicht mehr heraus und vieleicht wurde ihm alles zuviel.
    Es weiß kein Mensch und vielleicht ist es auch gut so, dass vieles unerklärt bleibt.
    Irgendwie schwebt aber immer noch ein wenig der Hauch des Unergeklärtem über allem.

    Schönen Tag heute lieben Gruß eva

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  2. Liebe Astrid,
    ein ganz wunderbar geschriebener Post von dir, der mir eine Menge geschichtliches Wissen nahe gebracht hat. Ich kann mich nur erinnern, dass ich den Wahlergebnisse der Grünen in den Anfangszeiten auch entgegengefiebert habe. Auch wenn das nicht im Interesse unseres Systems war. Der Moment, endlich in den Bundestag einziehen zu dürfen, ist mir noch in Erinnerung. Das damit so eine großartige Frau in Zusammenhang steht, ist mir jetzt erst durch dich klar geworden...damals war ich erst 15. Und wenn sie mit dem T-Shirt bei Honecker war...das haben wir nie in den Medien erfahren...:-(
    Great Post....
    LG Sigrun

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  3. Liebe Astrid,
    ich finde deine Rubrik über Große Frauen großartig! Überhaupt finde ich deinen Blog großartig und wichtig! Friede-Freude-DIY-Eierkuchen-Blogs gibt es viele. Dein Blog sticht heraus, indem du mit viel Rückrat Stellung beziehst. Bravo!
    Ich werde dich hier (https://editionf.com/25-Frauen-Edition-F-2016) nominieren.
    Liebe Grüße aus dem Ländle Heike

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  4. Mutige Frauen, die offen Stellung beziehen, faszinieren mich immer. Manchmal würde ich mir allerdings wünschen, dass bei diesen Aktivisten vor lauter Enthusiasmus für eine Sache der objektive Blick nicht ganz verloren geht. Gerade die "Grünen" schießen manchmal über das Ziel hinaus und verkehren die gute Sache ins Gegenteil. Es gibt nicht nur Schwarz/Weiß (siehe Energiedämmungsgesetz für Häuser...gerade im Moment ein Thema, was mich persönlich sehr aufwühlt...). LG Lotta.

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    1. Gegen Kleingeisterei ist gerade in unseren Tagen niemand gefeit. Da fehlen einfach Menschen mit Blick über das Tageskleinklein hinaus. Der gerade verstorbene Fritz Stern stellte zuletzt gerade in Bezug auf uns in Europa fest, dass uns hier solche Menschen fehlen.
      LG

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  5. Was für eine Lebensgeschichte.....danke, dass Du Dir immer wieder so viel Mühe machst. Ich lese es gerne!
    Lieben Gruß
    Gisi

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  6. Liebe Astrid,
    jaja, die katholische Mädchenerziehung. Obwohl ich meine Nonnen-Lehrerinnen ganz und gar nicht als charismatisch in Erinnerung habe, haben doch viele der Lyzeumsschülerinnen grad in ihren jungen Jahren etwas Unbedingtes, Idealistisches, oft Radikales in ihrem Denken und Tun. Auch die, die sich für ein Leben im Kloster entschieden haben, handeln ja sehr radikal.
    Petra Kelly hat mich als junge Frau sehr angezogen Ich konnte mit dem, was sie vertrat- sowieso- aber auch grad wie sie es vertrat viel anfangen. Ihr und Bastians rätselhaft einsamer Tod sind bis heute tieftraurig.
    Danke für diesen wieder großartigen Beitrag gegen das Vergessen
    Lieben Lisagruß!

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  7. Liebe Astrid,

    ich wurde im Dezember 1981 volljährig, ich erinnere mich sehr gut an meine ersten Wahlen, an die Gründung der Grünen, an Petra Kelly und Joschka Fischer. Der ungeklärte Tod von Petra Kelly hat mich 1992 sehr berührt.
    herzlich Margot

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  8. Ich habe es jetzt gar nicht gelesen. Ich weiss ja, dass es hier ist.
    Ich merke gerade, dass mir da sehr sehr sehr traurige Gefühle wieder hochkommen. Es war eine sehr bewegte und bewegende Zeit. Manche haben emotional überreagiert!
    Was hätte das noch eine Bereicherung sein können, die beiden länger zu haben im politischen Deutschland!
    Herzlich Pippa

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  9. Die Zeit, in der die Grünen geründet wurden, ist mir gut in Erinnerung. Ich bin etwa zeitgleich Volljährig geworden. Niemals hätte ich mir damals vorstellen können, das die Grünen sich so entwickeln würden. 1983 auf der Hofwiese waren mein Mann und ich dabei. Wenn ich heute nicht mehr weiss, was ich noch wählen soll, denke ich oft an diese Zeit des Aufbruchs zurück.

    Dein Blog ist eine Bereicherung. Danke dafür.
    Gruß Bronte

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  10. Liebe Astrid,
    die Gründung der "Grünen" steht mir vor Augen wie heute. Damals
    hat man ihnen keine Zukunft vorausgesagt. Aber sie haben sich durchgesetzt. Heute haben wir einen Ministerpräsidenten der allseits geachtet und beliebt ist.
    Die Lebensgeschichte von Petra Kelly hat mich damals sehr berührt. So ein Ende hätte ich ihr nicht gewünscht.
    Einen schönen Tag wünscht dir
    Irmi

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  11. Ja, das trifft auch meine Jugendzeit, die Aufbruchsstimmung, die Hoffnungen...
    Danke für diese Biographie!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  12. Es ist sehr schade, dass die Grünen nun im Großen und Ganzen so etabliert sind, mit den entsprechenden Begleiterscheinungen. Wie Petra Kelly wohl darüber denken und sprechen würde?! Eine sehr engagierte, aber auch ruhelose Frau, die anscheinend einen Vaterersatz suchte.
    LG, Ingrid

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  13. Petra Kelly, wie lange habe ich den Namen schon nicht mehr gehört bzw. gelesen.
    Liebe Astrid,
    schön das du mit diesem tollen Post an eine starke Frau,
    die die Politik in Deutschland mit geprägt hat,
    erinnerst.
    Liebe Grüße, Kerstin

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  14. auch meine zeit...
    vor längerem sah ich den film von wolfgang menge mit dagmar manzel als petra kelly. ehrlich, ich hab rotz und wasser geheult - so beeindruckend gespielt.
    liebe grüße, mano

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  15. Eine sehr interessante, bewegende, faszinierende und auch schillernde Persönlichkeit. Kennengelernt habe ich sie erst nach der Wende. Ich hatte ab 1989 einen großen Nachholebedarf an westdeutscher Geschichte und mich damit dann auch intensiv beschäftigt. Für mich persönlich ist sie so besonders, weil sie es - im Gegensatz zu vielen ihren politischen Brüdern und Schwestern - vermieden hat, sich vor lauter Wut auf das Establishment mit linken Diktaturen gemein zu machen.
    Lieben Gruß und Danke für die Erinnerung

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  16. Ich habe sie verehrt und seitdem sie die Grünen mit gründete, schlägt mein Herz grün... Jetzt hätte ich Lust doch auch noch mal eine Biografie zu lesen. Danke für dieses Porträt! Lieben Gruß Ghislana

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  17. Wow, liebe Astrid,
    ein toller Post über eine beeindruckende Frau!
    Liebe Grüße von Urte

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  18. Hallo. Ich fiebere dem Donnerstag entgegen und freue mich auf Deine Frauenporträts. So interessant. Da ich 1973 geboren, kenne ich viele nicht näher. Petra Kelly ist mir ein Begriff, aber Du hast Licht ins Dunkel gebracht. Wunderbar. Was für ein interessanter Lebenslauf. Interessant Ihre Ausstrahlung, der Einfluss. Ich bin begeistert über Dein Zusammentragen. Habe Deinen Blog auch bereits weiterempfohlen. Tollen Freitag! Schönes Wochenende. Bin so gespannt, was in noch 6x schlafen folgt.

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    1. liebe Ani, leider ist der nächste Donnerstag der Monatscollagen - Donnerstag. Aber die nächsten vier Porträts für den Juni sind bereits fertig. Und ich muss sagen, ich war bei der Arbeit daran wieder jedes Mal aufs Neue "verliebt"....
      Ich freue mich, wenn dir die Reihe auch so gut gefällt!
      Bon week-end!

      Löschen
  19. Hallo Astrid,

    dieses Portrait hast Du wirklich ganz toll geschrieben, so konnte ich mich mit dieser beeindruckenden Persönlichkeit einmal ganz in Ruhe beschäftigen.

    Vielen Dank dafür.

    Man sollte auch in den Medien viel mehr Fläche für solche Lebensläufe einräumen, ich denke das kommt etwas zu kurz in unserer TV-Landschaft.

    Liebe Grüße und Dir ein schönes Wochenende
    Björn :)

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  20. liebe astrid,
    und wieder ein tolles und einfühlsames porträt, vielen dank dafür. auch habe ich über den tod von petra kelly hinaus endlich mehr über diese interessante frau erfahren, deren tod gerade in die kurzen 7 jahre fiel, als ich mehr als gemeindewahlen mitwählen durfte (was 2 tage vor der bundespräsidentenwahl umso saurer aufstösst, nichtmitzubestimmen und v.a. verhindern zu können).
    freue mich schon auf weitere porträts lg heike

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  21. Ich konnte mich an einiges erinnern, an vieles aber auch nicht...
    ich wünschte, eine Frau wie sie würde es schaffen, die UN in eine handlungsfähige Organisation umzubauen.
    Interessant dieses Widersprüche, auf der einen Seite die charismatische, machtvolle Frau, auf der anderen Seite nicht existenzfähig ohne einen Mann an ihrer Seite....
    Wie immer, sehr interessant und inspirierend. Danke!

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Der Kommentar ist für den Blogger wie der Applaus im Theater - also: worauf wartest du?

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