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Mittwoch, 22. Mai 2024

Fünfundsiebzig Jahre Grundgesetz

"Der Weg zu diesem Grundgesetz führt durch Abgründe, 
er führt durch die Hölle. 
Am Wegrand stehen Gestapo 
und der Volksgerichtshof. 
Am Wegrand liegen sechs Millionen Menschen, 
die von den Nationalsozialisten ermordet wurden."
Heribert Prantl, Jurist & Journalist

Dieses Zitat hatte ich vor fünf Jahren schon meinem Blogpost zum siebzigsten Jubiläum vorangestellt, finde ich es doch nach wie vor wert, daran zu erinnern, auf welcher Basis der parlamentarische Rat damals nach dem grauenvollen Krieg die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland formuliert hat. 

In den fünf Jahren, die seitdem ins Land gegangen sind, hat sich viel getan, viel verändert, sowohl auf politischer Ebene - und das nicht nur auf unser kleines Land beschränkt - als auch im sozialen Miteinander. 




Es ist alles nicht einfacher geworden, reißen doch Minderheiten durch ihr lautstarkes Auftreten bzw. eine emsige und geschickte Nutzung der Möglichkeiten, die die sozialen Medien geschaffen haben, durch Lüge und Manipulation ( auch mithilfe feindlicher Mächte, die solche Desinformation finanzieren ) die Deutungshoheit über die Stimmung & Verfasstheit der Menschen in diesem Land an sich, greifen opportunistische Politiker immer mehr populistische Meinungen auf, schon mal haarscharf an der Präambel und mehr vorbei.  Letzteres ist reine Ablenkung, finde ich, um eine Wählerschaft zu befriedigen, die sie bei anderen Themen nicht befriedigen können. 

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden. (Artikel 1, Absatz 3 GrundG )

Erfreulicherweise hat das Oberverwaltungsgericht Münster im Rahmen seines Prozesses aufgrund der Klage der Blaunen gegen die Beobachtung durch das Bundesamt für den Verfassungsschutz auch noch einmal ein Spotlight auf den Artikel 116, Einzelnorm des Grundgesetzes, gerichtet, der vielleicht gerne außer acht gelassen wird, aber klar macht, warum zu Beginn des Jahres so viele Menschen wie nie seit Bestehen der Bundesrepublik auf die Straße gegangen sind wegen der ruchbar gewordenen Absichten  ihrer Akteure:

Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31.Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.

 

Klar gemacht hat das Gericht auch, dass die Blaunen bzw. "maßgebliche Teile" der Partei deutschen Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund nur einen juristisch abgewerteten Status zugestehen. Das ist allerdings eine nach dem Grundgesetz-Artikel 3 unzulässige Diskriminierung aufgrund von Abstammung, die auch mit der Menschenwürdegarantie nicht im Einklang ist. Verfassungswidrig und mit der Menschenwürde unvereinbar ist laut Auffassung des OVG nicht die deskriptive Verwendung eines "ethnisch-kulturellen Volksbegriffs“, sondern dessen Verknüpfung mit einer politischen Zielsetzung, mit der Staatsangehörigen mit Migrationshintergrund der Status als gleichberechtigtes Mitglied der rechtlich verfassten Gemeinschaft aberkannt wird.

So viel dazu, obwohl noch mehr zu sagen bliebe... Wen's noch interessiert: Hier ist eine juristische Einschätzung zu finden zu den Einwänden der Blaunen gegen das Urteil & den Verfassungsschutz.

Erneute Aktualität haben in den letzten Wochen auch weitere Grundgesetzartikel bekommen, denn der Begriff der Meinungsfreiheit ( Artikel 5 ) wird immer wieder verfälscht und inzwischen droht eine Zerstörung derselben, weil Gewalt gegen Leib und Leben als Mittel der politischen Einflussnahme immer gerechtfertigter, normaler zu werden scheint und eine Atmosphäre geradezu lustvoller Daueraggression geschaffen worden ist. Man führt zudem einen "geistigen Bürgerkrieg", so der rechte Vordenker Götz K*bitschek.

Ich greife als Historikerin nicht gerne zu Vergleichen mit der Weimarer Republik. Dennoch erinnern mich  die Vorkommnisse zuletzt daran, dass die SA damals die Hoheit über die Straße mittels der Gewalt ihrer Schlägertruppen peu à peu durchgesetzt hat. Gruppen wie die "Elblandr*volte" unlängst in Leipzig z.B. scheinen sich das als Vorbild zu nehmen. Im vergangenen Jahr ist im Schnitt alle 18 Minuten eine rechtsextrem motivierte Straftat begangen worden - das nur mal am Rande...

Der Artikel 21 umreisst, welche Rolle die Parteien in unserem Staatswesen spielen sollen. Doch: vox populi - die öffentliche Meinung - hat ein großes Gewicht. Das besagt dieser Artikel. Mir erscheint in diesem Zusammenhang allerdings das letzte Wörtchen MIT schon mal gerne ausgeblendet zu werden. 

Unsere Probleme sind vielfältiger & mehr geworden: Pandemie, Klimawandel, Kriege. Da hilft es allerdings nicht, "denen da oben" irgendwelche "Denkzettel" zu verpassen und den öffentlichen Raum mit Verbitterung und Hass zu fluten. Nach dem Krieg hieß es mal "Ärmel aufkrempeln - zupacken - aufbauen". Unter dieser Devise bin ich aufgewachsen und habe mich entsprechend in meinem produktiven Leben in unser Gemeinwesen eingebracht. Missmutige Eckensteher, die nur erwarten, dass das von ihnen bei der Wahl bei ihrer Partei Bestellte anschließend geliefert wird, scheinen den Artikel nicht so ganz verstanden zu haben. An der Gestaltung einer Gesellschaft sind ALLE nach ihren Möglichkeiten gefordert & hoffentlich beteiligt. Und Kompromisse sind da zwangsläufig. Schaffung autokratischer Strukturen, weil  manche sich allein als das Maß aller Dinge betrachten, sind zum Glück von einer Mehrheit nicht gewollt. Wir wissen, warum.

Was mir im Magen liegt, wenn ich an unsere Verfassung denke, das ist die Verwirklichung des 2. Absatzes des 3. Artikels. In meinem nunmehr über siebzigjährigen Leben hat sich da einiges getan, zum Glück. Perfekt umgesetzt ist das nicht, wenn ich die Lebenswirklichkeiten der Generation meiner Töchter anschaue.

Wenn dann auch noch die Teilzeitarbeit verketzert, ja gar deren Abschaffung proklamiert wird, krieg ich so 'nen Hals! Garniert auch noch mit solchen Parolen wie "Lust auf Überstunden machen"! Wo sollen denn die Kinder hin, die kranken und/oder pflegebedürftigen Angehörigen, wie sollen die Karriere durch Überstunden machenden Ehemänner durch den ganz gemeinen Alltag kommen, wenn die Frauen die alltägliche Sorgearbeit hinschmeißen und ihre komplette Arbeitskraft der Wirtschaft zur Verfügung stellen? 

Wer mit beiden Füßen im Alltagsleben steckt, auch als Großmutter, kriegt mit, wie die Kinderbetreuung in Kita & Schule ständig ausfällt. Als über nun ein Jahrzehnt pflegende Angehörige hab ich erfahren, wie es immer schwieriger wird, einen Pflegeplatz zu bekommen ( und kann man seine Angehörigen einem Heim anvertrauen, wenn die schon mal den Notdienst rufen müssen, weil ein Mensch 150 alte, hinfällige Menschen versorgen muss? ). Da schiebt momentan die eine Ebene in Politik & Verwaltung die Probleme auf die nächstgelegene darunter, und die Individuen auf der alleruntersten Ebene, an der "Front", müssen es ausbaden und scheitern. Die Vorstellung von Gleichberechtigung, die zur Zeit favorisiert wird, nämlich dass beide Teile eines Paares Vollzeit arbeiten und die Sorgearbeit in die Randstunden des Tages verlegen, die ist unter den derzeit herrschenden Bedingungen eine Frechheit.

Zum Glück bekomme ich in den social media auch mit, dass da eine Menge junger Frauen ( und ja: auch Männer ) aktiv & engagiert unterwegs sind, die für eine weitere Umsetzung des Gleichheitsgrundsatzes einstehen und für eine gerechtere Verteilung der Lasten des Miteinanders in Familien und anderen Lebensgemeinschaften. Trotz ( oder jetzt erst recht ) wegen eines Kulturkampfes auf diesem Gebiet, den nicht nur "alte weiße Männer" in den sozialen Medien wie Instagram, Tiktok, Facebook, X ausgerufen haben.


In diesem Sinne werde ich morgen Abend mein Glas erheben in Dankbarkeit auf eine Verfassung, die mir ein ganzes Leben nach meinen Werten & Vorstellungen ermöglicht hat.



Donnerstag, 11. Januar 2024

Great Women #363: Corita Kent

Über meine heutige Great Woman habe ich in einer Kunstzeitschrift gelesen, war verblüfft, aber gleichzeitig an die Tatsache erinnert, dass ich viel von dem kreativen Input in meiner Jugend ebenfalls einer Nonne ( vom Orden "Unserer lieben Frau" ) zu verdanken habe. Da habe ich angebissen und beschlossen, so schnell wie möglich über Corita Kent zu posten, zumal die Art ihrer Kunst mich in  jenen jungen Jahren selbst sehr angesprochen hat.


"Circus Alphabet"
(1968)

„Das Leben ist eine Abfolge von Momenten.
Jeden einzelnen zu leben bedeutet,
erfolgreich zu sein.“

Corita Kent wird am 20. November 1918 als Frances Elizabeth Kent in Fort Dodge, Iowa, in eine katholische Familie hineingeboren. Sie ist das fünfte von insgesamt sechs Kindern der Edith Genevieve Sanders und ihres Mannes Robert Vincent Kent. Die Sanders-Familie - der Großvater ursprünglich aus den Niederlanden stammend - ist in Iowa ansässig. Deshalb die Geburt dort: Robert Kent arbeitet für seinen Schwiegervater, der einen Bauernhof, aber auch ein Geschäft besitzt. Die Kents, aus Irland stammend, wiederum leben in Minnesota.
Als Kind ( links )

Als das Mädchen achtzehn Monate alt ist, zieht die Familie nach Vancouver in Kanada, um dort im Gastronomiebetrieb des Bruders des Vaters mitzuarbeiten. 1923 kehren sie in die Vereinigten Staaten zurück, nachdem der mütterliche Großvater, ein sehr umtriebiger Mann, Immobilien in Hollywood/ Kalifornien erworben hat. In einer davon, in der 6616 De Longpre Avenue,  mitten im Herzen Hollywoods, wächst Corita auf.

In Coritas Kindheit ist Hollywood noch ein unscheinbarer Stadtteil von Los Angeles, aufstrebend, aber noch recht ruhig. Im Verlaufe ihres Aufwachsens wird sie eine mehr oder weniger drastische Veränderung zum Zentrum des Filmschaffens  erleben.

Das Mädchen entwirft schon früh Papierpuppen und Kleidung für diese, zeichnet, schneidet und skizziert immer wieder, schafft Plakate für die Schule. Die Eltern, vor allem der Vater, ermutigen sie dabei. Robert Kent wäre selbst lieber ein Dichter geworden, spielt Klavier und ist ein lustiger Kerl, so die Tochter später. Er sieht in dem Mädchen wohl die Chance, die er selbst nie bekommen hat. Robert Kent stirbt bereits mit sechsundfünfzig Jahren. Auch von der Mutter behält Corita den Eindruck zurück, die hätte wohl auch gerne ihr eigenes Ding gemacht. Aber sie ist katholisch, und strenggläubige Menschen haben zu dieser Zeit halt viele Kinder. Diese, ihre sechs Kinder, lassen ihr keine Chance für eine Art von Selbstverwirklichung.

Nach dem Besuch der katholischen Grundschule und der Mittelstufe der "Blessed Sacrament School", wechselt Corita nach neun Jahren auf die "Los Angeles Catholic Girls' High School", wo verschiedene Orden unterrichten, darunter auch welche des Ordens der "Sisters of the Immaculate Heart of Mary, Mother of Christ" - kurz: IHM. Die älteren Nonnen bevorzugen in ihrem Kunstunterricht das Kopieren alter  byzantinischer Meister, doch die jüngeren Lehrerinnen, darunter eine, die selbst Kurse an der UCLA belegt hat, erkennen Coritas echtes, kreatives Potenzial und bestärken sie später darin, eine künstlerische Ausbildung auch nach dem Abschluss der Highschool anzustreben. "Frances Kent, der Kunst ergeben" steht unter ihrem Foto im Highschool-Jahrbuch. Bei ihren Eltern zu Hause hängen viele ihrer Werke gerahmt an der Wand.

Corita belegt also Kurse am privaten "Otis College of Art and Design" und am "Chouinard Art Institute", wo auch Walt Disneys Animatoren ausgebildet werden.

Zur Überraschung ihrer besten Freundin tritt die 18jährige im September 1936 - wie schon ihre sieben Jahre ältere Schwester Ruth vor ihr - in die römisch-katholische Kongregation der IHM-Schwestern ein und nimmt den Namen Schwester Mary Corita an. Die Mitglieder des Ordens legen die Gelübde des Gehorsams, der Armut und der Keuschheit ab und gehen weltlichen Berufen nach, insbesondere in der Betreuung von Frauen, Kindern und Bedürftigen, in der Schulbildung, in der Pflege von Kranken und Alten und überall da, wo die Kirche sie am dringendsten benötigt. 

Corita hat sich nie vorgestellt, Grundschullehrerin zu werden, weil sie sich nicht für intelligent genug hält. Doch ihr Orden - obwohl sie noch in der "Lernphase" ist - schickt sie als Lehrerin nach British Columbia/Kanada, als dort eine Schwester in der neu gegründeten Schule in einem Indianerreservat ausfällt. Dreieinhalb Jahre unterrichtet sie dort. Obwohl sie die Versetzung zunächst "gehasst" hat, mag sie sich am Ende nicht trennen. Doch der Orden verlangt der jungen Frau einige Flexibilität ab.

"Immaculate Heart College"
1907

1941 legt sie ihren Bachelor of Arts an der "University of Southern California" (USC) ab, während sie gleichzeitig in Teilzeit am "Immaculate Heart College", einer privaten High School mit College in Los Angeles mit Kursangeboten in Kunst- & Religionspädagogik, unterrichtet. Die zehn Jahre ältere Schwester Magdalene Mary, eine ausgezeichneten Lehrerin & Leiterin in der Kunstabteilung des Colleges, wird ihre wichtigste Mentorin & Freundin.

Zehn Jahre später erwirbt sie noch einen Master of Arts in Kunstgeschichte an der USC und macht zur gleichen Zeit ihre ersten Erfahrungen mit dem Drucken im Siebdruckverfahren durch die Witwe eines mexikanischen Muralisten. Ihre Bilder sind in dieser Phase noch sehr beeinflusst von der byzantinischen und mittelalterlichen Kunst, die sie am College studiert hat, sie unterliegen aber auch - wie die sichtbaren Pinselstriche und Farbtropfen beweisen -  eindeutig den Inspirationen des Abstrakten Expressionismus, der zu dieser Zeit aktuellen Kunstströmung in den Staaten. Dem konservativen katholischen Geschmack der 1950er Jahre entsprechen solche Bilder keinesfalls.

1952, nur ein Jahr nach Abschluss ihres Studiums, gelingt Corita ein künstlerischer Durchbruch: 

"At cana of galilee" 
(1952)

Sie gewinnt den ersten Preis sowohl beim Druckwettbewerb des "Los Angeles County" als auch bei der "California State Fair" für "The Lord Is With Thee". In dem Jahr nimmt sie auch eine Vollzeit-Lehrstelle an der Kunstabteilung des Colleges an, als eine von zwei festen Mitarbeiterinnen. Ihr Ruf als Lehrerin und Künstlerin wächst schnell.

1954 beginnt sie, in ihre Drucke Text einzubauen. Die Kunsthistorikerin Donna Steele schreibt dazu: "Ihre Arbeit entwickelt sich von abstrakten, figurativen, religiösen Stücken bis zu einem Punkt, an dem sie vollständig zu typografischem Text wird. Das Wort wird zum Bild." 

Mitte der 1950er Jahre und während ihrer Experimente wird Coritas "Klassenzimmer" zu einem Anziehungspunkt für Avantgarde-Künstler wie u.a. dem Komponisten John Cage, der architektonischen Koryphäe Buckminster Fuller, die Regisseure Alfred Hitchcock & Josef von Sternberg, dem Typografen Saul Bass & dem Designer Charles Eames ( siehe auch dieser Post ), den Corita als einen ihrer größten Lehrer betrachtet. Sie erinnert sich: 

"From Eames or any of his works we learn to form outworn distinctions and separations and to see new relationships - to see that there is no line where art stops and life begins. He talked a lot about connections."

Für Corita geht es in der Kunst nicht um richtig oder falsch, das Warten auf die große Idee oder das richtige Motiv, sondern um das "einfach Machen". 

Die "Wirechairs" von Charles & Ray Eames - schon damals Design-Ikonen - finden sich auch auf ihrem religiösen Druck "At cana of galilee" ( Zum Vergrößern anklicken! ) 

Mit Studierenden
(1955)


Ende 1959 unternimmt Corita für drei Monate mit Schwester Magdalene Mary eine Reise in die "Alte Welt", um die Volkskunstsammlung des Colleges zu erweitern. Da Mary Magdalene eine geschickte Geschäftsfrau ist, können sie "LKW- Ladungen voll mit Dingen nach Hause bringen". Nachdem sie mehr von der Welt und verschiedenen künstlerischen Traditionen gesehen hat, erfährt ihre eigene Kunst eine Auffrischung. 

"Wonderbread"
(1962)

Einen schicksalhaften Tag erfährt sie im Jahr 1962: Sie besucht mit ihren Schülerinnen Andy Warhols bahnbrechende Ausstellung mit den Siebdrucken der "Campbell's Soup Can" in der Ferus Gallery in Los Angeles. Sie sagt zu dieser Inspiration: "Als du nach Hause kamst, hast du alles wie Andy Warhol gesehen." Sie sieht in dem zehn Jahre Jüngeren einen Seelenverwandten. Ihr künstlerisches Schaffen verändert sich schlagartig. Resultat dieses Impulses: Ihr erstes Werk der Pop-Art "Wonderbread".

"Wonderbread" besteht aus zwölf leicht unregelmäßigen ovalen Formen in überwiegend leuchtenden Primärfarben vor einem weißen Hintergrund. Vorbei sind die Farbschichten, die abstrakt-expressionistischen Tropfen und Pinselstriche. Das ist jetzt ein reiner Pop-Druck mit klaren Linien, kräftigen Farben und vereinfachten Formen. Nur der Titel gibt einen Hinweis darauf, was diese ovalen Formen sein könnten: Das wundersame Brot des katholischen Abendmahlsgottesdienstes, die Hostie, die den Leib Christi verkörpern soll.

"Solw"
81967)
Ebenso wundersam beginnen sich nun die Ideen im Werk der Corita Kent in Richtung alltägliches Bildmaterial zu verbreitern: Werbelogos, Verpackungsästhetik, Beatles-Texte, Zitate von Albert Camus und Samuel Beckett bis hin zu Bibelversen finden jetzt Eingang in ihr Druckwerk. So wie alles Kunst sein kann, kann aber auch alles religiös sein, so Sister Corita. Die Energie ihrer Bilder springt einen geradezu an! 

Sie beginnt auch, viel und billig zu drucken. Ihre Arbeit bringt nun die kommerzielle und spirituelle Welt miteinander in Einklang mit dem Ziel, eine Botschaft der Hoffnung und Freude zu vermitteln. Dem kranken Materialismus setzt sie christliche Werte gegenüber. Sie schätzt das Drucken als Technik auch deshalb, da es Bilder für ein breites Spektrum von Menschen zugänglich macht, und erklärt: "Kunst bereichert das Leben der Menschen und die Menschen müssen in der Lage sein, sie zu sehen und zu besitzen."

Die Nonne hat nun regelmäßigen Kontakt mit einflussreichen Persönlichkeiten aus L.A., darunter Filmemacher, Schriftsteller, Lehrer, Akademiker und Künstler. Sie besucht regelmäßig die Dinnerpartys  im Eames-Haushalt und begrüßt den visionären Architekten und Designer der geodätischen Kuppel Buckminster Fuller oftmals in ihrem Atelier. Buckminster Fuller beschreibt den Besuch ihres Klassenzimmers als "eine der grundlegendsten inspirierenden Erfahrungen meines Lebens."

Nun, mit Mitte vierzig, hat sich Corita zu einer absolut wichtigen und bahnbrechenden Künstlerin und Kunstvermittlerin gemausert. 1964 übernimmt sie auch die Leitung der Kunstabteilung des "Immaculate Heart College", nachdem Magdalene Mary eine Veränderung in ihrem Leben braucht und nach England geht.

1964 gestaltet Corita auch ein Wandgemälde für den Pavillon des Vatikans auf der New Yorker Weltausstellung.

Ihr Einfluss betrifft aber nicht nur die Kunstabteilung des Colleges, sondern den gesamten Konvent. Corita übernimmt nun auch die Planung der jährlichen Marientagsfeier der Institution. In den Vorjahren ist die Zeremonie immer dieselbe gewesen: Die Frauen haben weiße Gewänder getragen und sind in einer Prozession zur Messe geschritten. "Es war eine sehr dustere Angelegenheit", so Corita. 

Doch unter ihrer Führung & nach einem Brainstorming mit den Schülerinnen ähnelt das Fest eher einem Hippie-Happening mit leuchtenden Sommerkleidern, Blumen, Tamburinen und Gitarren. Es passiert so ziemlich gleichzeitig mit den Be-Ins und ähnlichen Events auf studentischer Ebene. Vorausgegangen ist diesem Fest übrigens schon eine "Frühlingsorgie" ( O-Ton Corita Kent ). Kritik bleibt da nicht aus.

"Marys Day"
(1964)

1964 entsteht auch das Werk, dass den Zorn des ortsansässigen Bischofs und konservativer Katholiken heraufbeschwört: 

Sie verwendet den Schriftzug für Del Monte-Tomaten ( Slogan der Marke: "Die saftigsten Tomaten von allen" ) als Grundlage für einen Siebdruck. Das Wort "Tomate" ist in fetter, supermarktähnlicher Schrift, die an eine Plakatwerbung oder ein Logo erinnert, gedruckt. In die Komposition hinein setzt sie sogenannte Fußnoten in kleinerer, kursiver Schrift, u.a. den Satz: "Mutter Maria ist die saftigste Tomate von allen." Das hat eine sexuelle Konnotation und geht für viele zu weit. Für Corita ist das Alltagswelt, die das Spirituelle durchscheinen lässt. Mit dem ihr eigenen Humor knüpft sie damit auch an das Ziel des Zweiten Vatikanischen Konzils an - Bekämpfung des Hungers in der Welt - und verwendet die kapitalistischen Werbestrategie, um dieses Ziel auf ihre Art zu fördern. Darüberhinaus verdeutlicht der Satz die Großzügigkeit, Freundlichkeit und Fülle der Mutter Maria und ihres Sohnes. 

Übrigens wird ihre Schrift, mit der sie ihre "Fußnoten" schreibt, aufgegriffen und in einen allgemein zugänglichen Font überführt- so weit der Einfluss der Nonne!

Der Erzbischof von Los Angeles, Kardinal James Francis McIntyre, "is not amused", betrachtet Coritas Bild als frivol, ja gar blasphemisch, und schreibt an die Generalmutter des Klosters, klagend, dass er "viele negative Kommentare und Kritik an dieser Art künstlerischer Darstellung erhalten" habe. Er stellt auch klar, wer das Sagen hat: "Was die Liturgie und die sakrale Kunst betrifft, fällt in meinen Zuständigkeitsbereich. Wir fordern hiermit erneut, dass die Aktivitäten von Schwester Corita auf ihren Klassenraum beschränkt werden."

"Let The Sunshine In"
(1968)

McIntyre - sonst ein bewundernswerter Organisator des wachsenden Bedarfs an Schulen für die Stadt - betrachtet die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils allerdings als Angriff auf die ewigen Wahrheiten der katholischen Kirche, während die Ordensfrauen unter dem Einfluss dieses Konzils & seines Dekrets über die zeitgemäße Erneuerung des Ordenslebens nachzudenken beginnen, was das für ihre Lebensweise heißen könnte. Sie wollen Selbstbestimmung in kleinen Dingen, etwa selbst über ihre Lektüre, Schlafenszeiten oder Gebetszeiten entscheiden, ja sogar über ihren Habit ( kurz, lang oder sogar gar keinen ). Corita Kent hatder Kardinal besonders auf dem Kieker, die bei einem Gespräch mit ihm darüber, wie sie sich in Zukunft im Unterricht kleiden wolle, keine zufriedenstellende Antwort gibt. Wandel liegt in jenen Jahren in der Luft, der auch mich in meiner Nonnenschule damals erreicht und uns "aufmüpfig" werden lässt...

Trotz der Unterschiede in ihrer Arbeit, ist der Popkünstler Andy Warhol von Coritas Arbeit fasziniert, vielleicht aufgrund seiner eigenen komplizierten Beziehung zum Katholizismus. Im Jahr 1965 schreibt eine Mitschwester  über die jährliche Winterausstellung von Schwester Corita: "Die Eröffnung ist voller Fans. Andy Warhol ist da. Er ist fasziniert von der Idee einer Künstlernonne, insbesondere einer, die die Wonderbread-Verpackung als Symbol für die Eucharistie verwendet."

Ihr Wirken als Lehrerin beschreibt Corita selbst als "Not macht erfinderisch". Langweilige Kurse fürchtet sie, weil sie selbst so viele langweilige Kurse gehabt hat. 

"Und so versuchte ich, Dinge zu tun, die anregend und aufregend waren. [... ] Deshalb habe ich viel Zeit damit verbracht, mich auf den Unterricht vorzubereiten und Materialien zu sammeln, bei denen es sich nicht unbedingt um Kunstzeitschriften oder Kunstbücher handelte, sondern einfach ... Ich glaube, ich bin von Natur aus intuitiv und Ideen kommen einfach." 

Beim Sammeln von Ideen & Anschauungsmaterial bedient sie sich auch der Fotografie von Alltagssituationen - quasi die ganze Fülle des Lebens als Inspirationsquelle! Ihre Anleitungen zur Kreativität sind so unorthodox wie ihre Kunst. Berühmt sind wohl bis heute ihre zehn Regeln, die sie für sich & ihre Studierenden aufgestellt hat ( hier nachzulesen ).

Neben dem Unterricht mit all seinen Belangen bewältigt Corita ein umfangreiches Programm aus Vortragsreisen, Ausstellungen und Druckarbeiten durch. 

1966 ernennt sie die "Los Angeles Times" zu einer der neun einflussreichsten Frauen des Jahres. Im Jahr 1967 wird sie von der "Newsweek" als "The Nun:Going Modern" auf den Weihnachtstitel gehoben. Innerhalb der katholischen Kirche häufen sich die Beschwerden über sie. Für Corita ist & bleibt die Kunst ein wichtiges Instrument zur Modernisierung und zum "Wachrütteln" in der Kirche, aber auch zur Präsentation christlicher Werte auf zeitgemäße Art & Weise. 

1968 tritt die Erschöpfung ein: Der volle Terminkalender und der ständige Druck der Kirchenoberen veranlassen sie zu einem Sabbatjahr auf Cape Cod. Dort beschließt sie, eine Befreiung von ihren Gelübden zu beantragen, und sie verlässt ihren Orden im Jahr darauf endgültig. 

Im Februar 1970 bricht gar der gesamte Orden auseinander: Die sogenannten No-nos, also eine kleine konservative, aber lautstarke Gruppe, bleibt und führt das College in Los Angeles weiter ( heute berühmteste Schülerin ist übrigens Meghan Markle, die dort ihren Abschluss gemacht hat ). Von den "Go-gos", also dem progressiven Flügel, lassen 150 Frauen das Ordensleben hinter sich. Rund 300 Schwestern gründen eine Laiengemeinschaft, die "Immaculate Heart Community". Die Gemeinschaft sieht sich als ein "Teil des Kampfes der Frauen für Gleichberechtigung". Diese dramatischen Ereignisse werden bei uns in Europa wohl nicht in dem Maße wahrgenommen.

"American Sampler"
(1969)

Corita Kent ist mittlerweile fünfzig Jahre alt und steht zum ersten Mal in ihrem Leben auf eigenen Füßen. Sie muss sich nun selbst um ihren Alltag kümmern & ihre Rechnungen bezahlen. Sie kann weder Auto fahren noch kochen, als sie an die Ostküste zieht, nach Boston, wo ihre Freundin Celia Hubard lebt, Leiterin der Botolph Group, eines katholischen, sozialen Clubs mit vielen Künstlermitgliedern. 1970 mietet sie eine eigene Wohnung. Der Traum von einer Beziehung erfüllt sich für sie nicht. Schlaflosigkeit und Depressionen sind der Preis für ihre Unabhängigkeit von einer community.

Mit dieser dramatischen Lebensveränderung wird nun auch ihre Arbeit zunächst radikaler. Von der Zensur der Kirche befreit, kann sie in den turbulenten späten 1960er Jahren ihre politischen Ansichten energischer zum Ausdruck bringen. Sie sagt: 

"Ich bewundere Menschen, die marschieren. Ich bewundere Menschen, die ins Gefängnis gehen. Ich habe nicht den Mut dazu. Also tue ich, was ich kann." 

Was sie tun kann, ist, durch ihre Drucke die Aufmerksamkeit auf Themen wie Hunger, Rasse, Bürgerrechte, Armut und die Gewalt der amerikanischen Militäraggression in Vietnam zu lenken.

Nach einer Flut politischer Arbeiten von 1969 bis Anfang der 1970er Jahre wird ihr Werk dann aber wieder deutlich konzilianter. Wie viele Aktivisten dieser Zeit wird sie irgendwann auch des Kämpfens  müde und meint, dass "die Zeit, Dinge physisch niederzureißen, vorbei ist."

Dass der Kunstmarkt schlecht bezahlt, spürt sie jetzt. Sie muss also Aufträge von Firmen annehmen, um über die Runden zu kommen. 1971 entsteht deshalb auch das riesige "Rainbow Swash"- Kunstwerk für die Benzintanks der Boston Gas Company. ( Als die Company 1992 den ursprünglichen Tank abreißen will, gibt es so viel Aufsehen, dass sie das Design sofort auf einem neuen Tank reproduzieren. ) 

1974 wird bei ihr erstmals Krebs diagnostiziert. Sie reagiert darauf auf ihre Art: Sie konzentriert sich auf die persönliche Selbstbeobachtung, artikuliert aber immer noch weltweite Botschaften des Friedens und der Liebe ( "Love is a hard work" z.B. ) in ihren Arbeiten, widmet sich also zunehmend einer Philosophie des Lebens und ihren persönlichen Kämpfen.  

1977 tritt der Krebs nochmals auf, sie arbeitet jedoch weiter in einem ihr nun gemäßen Tempo. Ihre Arbeit wird noch introspektiver, voller spiritueller Botschaften und von einem breiteren Spektrum an künstlerischen Techniken & Traditionen beeinflusst. Reisen zurück nach Los Angeles unternimmt sie nur, um die Galerie zu besuchen, die ihre Schwester für sie in North Hollywood, ihrer früheren Gemeinde, betreibt.

In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren ist ihr künstlerisches Schaffen hauptsächlich eine Mischung aus Siebdrucken in sanften Farbtönen und kleinen, pastellfarbenen Aquarellen, weist aber auch großformatigen öffentlichen Arbeiten auf, die dem täglichen Leben eine positive Note verleihen sollen. Sie  arbeitet nun nur noch ausschließlich mit den Hambly Studios in Santa Clara, Kalifornien, als Druckerei und korrespondiert mit diesen per Post. 

1985 entwirft sie die mittlerweile berühmte Briefmarke "Love" für die US-Postbehörde, die 700 Millionen mal verkauft wird.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, entwirft sie auch Visitenkarten und Briefbögen für lokale Immobilienmakler als auch Anzeigen für nationale Kampagnen sozial aktiver Organisationen wie Hands Across America, Amnesty International, die American Civil Liberties Union und Physicians for Social Responsibility.

1970er Jahre

Obwohl es immer wieder Phasen der Remission gibt, erliegt Corita 1986 schließlich einem erneuten Auftreten des Krebses. Sie stirbt am 18. September im Haus einer Freundin in Boston im Alter von 67 Jahren. 

Eine Trauerfeier hat sie nicht gewollt, wenn, dann höchstens eine Party. Ihre Asche wird im Vorgarten des Hauses ihrer Schwester verstreut, die ihre Galerie in L.A. betreut hat.

Ihre Urheberrechte und unverkauften Kunstwerke überlässt sie der "Immaculate Heart College Community", die daraufhin 1997 das "Corita Art Center" gründet.

Seit den frühen 2000er Jahren erfreut sich ihr Werk wieder zunehmender Anerkennung auch außerhalb der kleinen Künstlerkreise von Los Angeles und Boston. Die Ausstellungen ihrer Arbeiten nehmen von Jahr zu Jahr in den Vereinigten Staaten und in jüngerer Zeit auch im Vereinigten Königreich, in Australien, Portugal, der Schweiz, Deutschland und Frankreich zu. 

Im letzten Jahrzehnt hat sie eine Wertschätzung erfahren als eine der originellsten und bedeutendsten Pop-Künstlerinnen ihrer Zeit. Donna Steele, Kuratorin ihres Werks, meint sogar, es sei 

"so wichtig wie das von Warhol […] Es steht auf Augenhöhe mit den Werken der Pop-Art-Größen – Menschen wie Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Richard Hamilton und Peter Blake. Es ist groß und mutig und es ist aktuell."

"It certainly is time for a female artist of her caliber to be recognized with a facility of note." 

Dem ist nichts hinzuzufügen.


 



Mittwoch, 26. April 2023

Wie geht es eigentlich Raif Badawi?

"Wir bauen unsere eigenen Handschellen, 
die uns fangen und verletzen. 
Wir erschaffen den Mythos, und wir ehren ihn. 
Wir erzählen die Lüge, und wir glauben es.." 


Wer erinnert sich noch? Sieben Jahre habe ich Freitag abends über den saudischen Blogger gepostet, der in Saudi - Arabien zehn Jahre lang wegen seiner religions- & regimkritischen Aussagen eingesperrt war und im Januar 2015 öffentlich ausgepeitscht worden ist. Damals ging ein Aufschrei durch die ( westliche ) Welt und unzählige Organisationen & Initiativen haben sich für ihn eingesetzt. Am 22. März letzten Jahres wurde er dann aus der Haft entlassen...

... und  durfte leider nicht zu seiner in Kanada lebenden Familie ausreisen, denn zu seiner Strafe gehört auch ein Reiseverbot über weitere zehn Jahre. Raif ist inzwischen 39, seine Kinder 19, 18 und 15 Jahre alt. Selbst nach Saudi Arabien zu reisen, um ihn zu sehen, können sie und Raifs Frau Ensaf Haidar nicht. Sie telefonieren miteinander. Die einzige Möglichkeit der Kommunikation, denn Facebook, Twitter oder andere soziale Medien, in denen er seine Meinung öffentlich äußern könnte, darf er weiterhin nicht nutzen. Auch auf der Straße ist es ihm verboten, seine Meinung zu äußern, ansonsten darf er sich aber frei bewegen, ob überwacht oder nicht, wissen wir nicht. 

Laut Ensaf Haidar fühlt er sich unter all den Beeinträchtigungen als freier Mensch. Sie hofft auch weiterhin, dass die Veränderungen in Saudi Arabien eine Lockerung seiner Einschränkungen mit sich bringen wird. Das Land betrachtet sie allerdings nicht mehr als ihre Heimat, denn sie fühlt sich wie ihre Kinder in Québec wohl, wo sie als verantwortungsbewusste, eigenständige Frau leben kann. So lange sie in SA lebte, dachte sie, Freiheit bestünde darin, sich nicht mehr verschleiern zu müssen, Auto fahren oder sich unbegleitet bewegen zu dürfen. Inzwischen, so ihre Aussage, weiß sie das Recht auf Meinungsfreiheit viel höher zu schätzen. Und dafür zu kämpfen, auch für Menschen in Ländern, in denen andere Traditionen gelten und zu denen solche angeblich westlichen Werte nicht passen.

Ich fand, es war mal an der Zeit, an dieses Einzelschicksal zu erinnern. Es ist inzwischen so viel passiert, weltweit wie im ganz Kleinen, Privaten, dass frau/man so vieles aus den Augen verliert, was einen mal sehr beschäftigt hat und einem wichtig war.




Freitag, 13. Mai 2022

Raif

Sieben Jahre lang habe ich an fast jedem Freitag spätnachmittags einen Post zum saudischen Blogger Raif Badawi und anderen Kämpfern für die Menschenrechte abgesetzt. Seit Raif Mitte März dieses Jahres aus dem Gefängnis entlassen worden ist, habe ich mir diese selbst gestellte Aufgabe erlassen. Es gibt ja genug andere, mehr als bedrückende Geschehnisse in dieser Welt. Vielleicht hat aber die eine oder andere unter euch, liebe Leser*innen, Interesse zu erfahren, wie es dem Blogger geht.

Gleich vorneweg: Er quält sich, seinen Alltag zu bewältigen, so seine Ehefrau Ensaf Haidar in einem Interview mit Amnesty International.  

"Es lässt sich nicht in Worte fassen, in welchem Zustand sich Raif befindet, nachdem er während seiner langen Haftzeit so vielen Tragödien und psychischem wie physischem Leid ausgesetzt war. Nur so viel: Er versucht, sich jetzt von all dem zu erholen."

Über die Umstände bzw. den Ort, an dem er lebt, kann sie sich aus Sicherheitsgründen nicht äußern. Er hat wohl auch Zusagen unterschreiben müssen, die eine solche Auskunft untersagen. Seine Familie in Kanada hat allerdings immerhin jetzt die Möglichkeit, täglich mit ihm per Video zu kommunizieren. Alles in allem empfindet das seine Frau aber als halbe Lösung, und sie leiden alle unter dieser weiteren Trennung.

Nach der zehnjährigen Haft bleibt ja noch die hohe Geldstrafe und ein zehnjähriges Reiseverbot für Raif, und für Ensaf gibt es noch viel zu tun, damit er mit seiner Familie wiedervereint sein kann. 

"Es ist eine Katastrophe und an erster Stelle eine eklatante Fortsetzung von Raifs Leid. Aber auch mein Leiden, das unseres Sohnes und unserer beiden Töchter geht weiter. Es ist schrecklich."

In Saudi-Arabien ist die Aufhebung einer Reisebeschränkung nicht gerichtlich zu erreichen, sondern es obliegt alleine der Gnade des Königshauses, eine solche Aufhebung zu veranlassen. Hierzulande sind die Voraussetzungen geklärt, Raif würde ein Forschungsstipendium der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) erhalten und damit die Voraussetzungen für ein Visum in Deutschland erfüllen. Doch von Seiten der saudischen Behörden ist keine Bewegung festzustellen. Diplomatische Bemühungen laufen weiter...





 

Freitag, 18. März 2022

Raif Badawi ist frei, aber...

... business as usual in Saudi Arabia: 

Einen Tag nach der erfreulichen Nachricht, dass der Blogger Raif Badawi immerhin das Gefängnis verlassen durfte, wurden insgesamt 81 Menschen, darunter 7 Jemeniten & ein Syrer, hingerichtet. Das ist ein barbarischer Rekord! 1980, nach dem Sturm auf die Große Moschee in Mekka, wurden 63 mutmaßliche Teilnehmer an einem Tag geköpft.

Das Land "glänzt" ohnehin mit Rekorden auf diesem Gebiet: 2016 haben allein im Januar 47 Personen, im Gesamtjahr 2019 184 Menschen durch staatliche Gewalt ihr Leben verloren. Im folgenden Jahr 2020, als die Saudis den G20-Vorsitz übernommen hatten, gab es eine "kurze Atempause der Repression",  2021 gab es im ersten Halbjahr dann wieder 40 Exekutionen. Innerhalb von zweieinhalb Monaten in diesem Jahr sind schon 100 Personen getötet worden.

Die jetzt Hingerichteten seien wegen unterschiedlicher Verbrechen verurteilt worden, hat das saudische Innenministerium über die staatliche saudische Nachrichtenagentur SPA verlautbaren lassen. Wie die Männer diesmal getötet wurden, wurde nicht mitgeteilt.  Das saudische Innenministerium veröffentlichte eine Erklärung mit völlig allgemeinen Anschuldigungen gegen die Getöteten: 

"Sie haben sich mit ihren fehlgeleiteten Gedanken, abweichenden Methoden und Überzeugungen mit externen Loyalitäten und feindlichen Parteien verbunden, und ihnen Treue aufgrund von Korruption und Irreführung versprochen, so dass sie terroristische Handlungen begangen haben, wie Töten, Verletzen von Heiligkeiten und Angriffe  auf Gotteshäuser und Regierungshauptquartiere."

Die Einsicht in die Dokumentation mehrerer Fälle durch Menschenrechtsorganisationen bestätigte, dass die Anklagen keine schwerwiegenden Vergehen enthielten und einigen nur die Teilnahme an Demonstrationen für Gerechtigkeit und Menschenrechte vorgeworfen wurde. ESOHR hat eklatante Verstöße gegen die Standards für faire Gerichtsverfahren aufdecken können, einschließlich der Verweigerung des Zugangs zu einem Anwalt, Anwendung von Folter und der Verweigerung der Kommunikation mit der Außenwelt.

In den letzten 3 Jahren hatder Kronprinz, kurz MBS, versprochen, dass er die Todesstrafe noch abschaffen wird. Jetzt verübten er und sein Vater King Salman das größte Hinrichtungsmassaker in der saudischen Geschichte - das Vertrauen in offizielle Versprechungen des Regimes sollte auch unsere Regierenden endlich dahinfahren lassen. 

Die Freude von Raifs Frau Ensaf Haidar ist nur zu verständlich. Doch nun, eine Woche später, dominieren wieder andere Aspekte:

Da wäre zum einen die Summe von 250 000 Euro ( umgerechnet ), die der Blogger noch zu zahlen hat. Das wäre wohl das geringste Problem. Da ist aber zum anderen noch der dritte Teil der Strafe: Das zehnjährige Ausreiseverbot aus Saudi-Arabien. Vor Ablauf der zehn Jahre könne Badawi das Land nur im Falle einer Begnadigung durch den König verlassen. "Das gegen Raif verhängte Urteil war zehn Jahre Haft, gefolgt von einem Reiseverbot derselben Dauer", sagte der Ministeriumsvertreter. Das sei endgültig. Und wie man das Regime kennt, ist es an Hartherzigkeit kaum zu überbieten.

Die Provinz Québec, wo Ensaf mit den Kindern lebt, hat Raif auf eine Prioritätenliste für Einwanderer aus humanitären Gründen gesetzt. Da ist aber noch viel mehr zu tun auf höchster kanadischer Regierungsebene. Ich hoffe, dort hat man im Kopf auch noch ein Plätzchen für dieses Problem frei...





Freitag, 11. März 2022

Raif ist frei!

Traude/Rostrose hat mich darauf aufmerksam gemacht: Der saudische Blogger  Raif Badawi ist endlich aus dem Gefängnis entlassen worden:


Ich kann nicht beschreiben, welch Schauer da über meinen Rücken gelaufen ist! Und ein Aufschrei der Freude folgte....



 

Mittwoch, 2. März 2022

Raif Badawi - immer noch in Haft

... im Zentralgefängnis von Dahaban nördlich von Dschidda, obwohl der saudische Blogger mit Ablauf des Monats Februar seine zehnjährige Haftstrafe verbüßt hat. Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) hat die saudischen Behörden aufgefordert, Badawi unverzüglich freizulassen. ROG hat aber bisher keine Antwort erhalten.

Leider hat Amnesty Schweiz eine Nachricht über die Freilassung von Raif Badawi in ihrem Facebook-Feed in die Welt gesetzt. Ensaf Haidar, Raifs Ehefrau, hat diese Information dementiert und bestätigt, dass ihr Mann immer noch im Gefängnis ist. Wer wünschte nichts sehnlicher, als dass diese Nachrichten wahr wäre! Sohn Terad veröffentlichte vor drei Tagen dieses Foto mit seinem Vater von 2005:

Es macht deutlich, dass der junge Mann fast sein ganzes Leben ohne ihn verbracht hat...

Im Netz gibt es schon unter Angehörigen der IT-Branche Diskussionen so à la "Wir sind doch gerade so vereint gegen Tyrannen, da könnte man denen doch auch etwas von der russischen Medizin verpassen. So bekommt man vielleicht wenigstens Raif Badawi frei." Seufz! 



Freitag, 7. Januar 2022

Einen Monat ist es her...

 ... dass ich in der causa Badawi einen Post abgesetzt habe. Tatsache ist, dass ich nichts Neues zu berichten weiß, zumindest nicht zu ihm, während weltweit, in Russland, auf den Philippinen, in Mexiko und anderswo gegen Journalisten dasselbe autoritäre Drehbuch umgesetzt wird: Gewalt, Einschüchterung, rechtliche Drohungen, Rufmord. Laut dem jüngsten Bericht des "Committee to Protect Journalists" der hat die Zahl von weltweit inhaftierten Journalisten einen Rekord erreicht, und es gibt Anzeichen, dass alles noch schlimmer wird.

Eine von ihnen ist Zhang Zhan, eine Bloggerin und Bürgerjournalistin, die im Mai 2020 wegen ihrer  Berichterstattung über den ersten Ausbruch von Covid-19 in Wuhan festgenommen und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden ist. Inzwischen ist sie im Hungerstreik, ihre Familie sieht sie in ernsthafter gesundheitlicher Gefahr.


Auch bei uns werden Journalisten immer wieder im Zusammenhang mit Corona bedroht & handgreiflich attackiert, allerdings nicht von der Regierung, sondern von denjenigen, die aufgrund der Coronamaßnahmen meinen, in einer Diktatur zu leben und ihre lauthals verkündeten Losungen "Friede, Freiheit, Liebe" geradezu ad absurdum führen, indem sie Gewalt in vielfältiger Form ausüben und Einschüchterung schon der Normalfall im Umgang mit Andersdenkenden ist.

Aber zurück nach Saudi-Arabien, zu Raif: In 52 Tagen, am 28. Februar 2022, soll er seine Strafe abgesessen haben und sich die Gefängnistore für ihn öffnen. Ensaf Haidar: "Wir haben die Jahre, die Monate, die Wochen und jetzt die Tage gezählt. Der Countdown läuft." Auch ich befinde mich in nervöser Anspannung...


Freitag, 3. Dezember 2021

Ein neuer Fall

... von Repression gegen einen in Saudi Arabien lebenden jemenitischen Journalisten, Ali Mohsen Aboluhom, dem wegen seiner Tweets der Tatbestand des Abfalls vom Glauben vorgeworfen wurde und nun zu 15 Jahren Haft verurteilt worden ist.

Ali Mohsen Aboluhom

Zunächst war er im August dieses Jahres verhaftet worden, weil er seinem Arbeitgeber, dem Fernsehsender "Alwadi TV", deren Geschäftsführer er gewesen ist, "Arbeit schulde". "Reporter ohne Grenzen" hatte damals versucht, ihn zu kontaktieren - erfolglos. Seine Frau erfuhr schließlich, dass gegen Ali Aboluhom eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet worden sei. Die ersten Verhöre wurden ohne Anwalt durchgeführt.

Am 26. Okrober 2021 wurde er verurteilt wegen - so die Urteilsschrift - "Ideen der Apostasie, des Atheismus und der Blasphemie", die er über seinen Twitter-Account verbreitet habe. Die Behörden identifizierten ihn über das verknüpfte Emailkonto als Betreiber des Accounts.

"Reporter ohne Grenzen" erinnert in diesem Zusammenhang, dass auch weitere Journalisten wegen Twitterns in Haft sind, so Turki Al-Jasser seit März 2018, nachdem er als Inhaber eines anonymen Twitter-Accounts namens "Kashkol" identifiziert worden war. Dieser Account war einer der wenigen Orte, an denen sich Saudis frei äußern konnten. Ein weiterer jemenitischer Journalist, Marwan Al-Muraisy, ist seit Juni 2018  inhaftiert, ohne dass bisher eine offizielle Anklage erhoben worden ist.

Die "Internationale Gesellschaft für Menschenrechte" ( siehe dieser Post ) hat auf ihrem Instagram - Account einen Adventskalender eingerichtet und den 1. Dezember Raif Badawi gewidmet und noch einmal aufgefordert, ihm zu schreiben:

Mr. Raif Badawi
Dhahban Central Prison
Al Riyadh
Dahaban 23851
Saudi-Arabia

"Wichtig ist eigentlich nur, dass es in den Briefen darum geht, den Gefangenen Mut zuzusprechen und ihnen zu zeigen, dass ihr an sie denkt. Gerne könnt ihr auch etwas über euch selbst erzählen. Es ist für die Gefangenen oft schon sehr tröstlich, zumindest gedanklich für kurze Zeit ihrer Zelle entkommen zu können. Es sollte allerdings keine Kritik an der Regierung oder den Behörden geäußert werden, um die Gefangenen durch den Brief nicht zu gefährden und um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass euer Brief auch wirklich ankommt", so die Erläuterung des IGFM zum Zweck der Briefaktion.

Vielleicht ja ein Anlass, um über den Tellerrand des bundesrepublikanischen Corona-Eintopfes zu gucken und der Weihnachtspost noch eine andere Richtung zu geben...



 


 

Freitag, 19. November 2021

Auch ich werde erst dann aufhören...

... über diesen mutigen Blogger zu posten, wenn seine Strafe ausgesetzt ist.

Das habe ich am 30. Januar 2015 in diesem Post geschrieben. Inzwischen sind sechs Jahre und fast zehn Monate ins Land gegangen und nichts hat sich an der Tatsache geändert, dass Raif Badawi in einem saudischen Gefängnis sitzt. Und das, weil er Meinungs- und Religionsfreiheit gefordert hat.
Mir geht inzwischen die Puste aus bzw. die Nachrichtenlage ist so mau, dass ich oft krampfhaft suchen muss, worüber ich schreiben könnte. Inzwischen bin ich ja sogar schon auf einen Vierzehn-Tage-Rhythmus umgestiegen. Dass dieser Einsatz einen derart langen Atem benötigt, habe ich mir nie vorstellen können. 

Am 28. Februar 2022 soll Raifs Strafe abgesessen sein. Für danach hat das saudische Gericht ein mehrjähriges Ausreiseverbot verhängt, so dass eine Familienzusammenführung weiter in den Sternen steht und die Familie Badawi - Haidar weiterhin Fürsprecher benötigen wird. Max Steinacher, ein 74jähriger Tübinger, ist so einer der immer noch jeden Samstagmorgen auf die Straße geht.
"Jeden Samstagmorgen überlege ich mir, wie Raif Badawi wohl diese Woche überstanden hat, eingesperrt in seiner Zelle", sagt Stei­nacher. Er selbst könne jederzeit spazieren gehen, verreisen, ­Familie und Freunde treffen.

In Wien fand heute um 10 Uhr die 360. Mahnwache für Raif Badawi, Waleed Abulkhair und die anderen Gewissensgefangenen statt. Auch in Sherbrooke in Kanada werden sich wieder zu entsprechender Zeit Menschen zur 360. Vigil versammeln. 

Solche Menschen, aber auch solche Tweets, wie der von Raifs ältestem Sohn, berühren mich und lassen mich weiter posten und erinnern:

Freitag, 5. November 2021

Mal 'ne gute Nachricht aus SA

 

Ein von seiner Familie nach der Freilassung gepostetes Foto:
Ali Mohammed al-Nimr

Die Pausen zwischen meinen freitäglichen Posts zur Raif Badawi werden immer länger, weil ich nichts zu berichten habe. Doch heute kann ich mal was Erfreuliches weitergeben.

Der inzwischen 27jährige Ali Mohammed al-Nimr ist am 27.Oktober 2021 von den saudischen Behörden freigelassen worden und zu seiner Familie zurückgekehrt.

Über den jungen Mann hatte ich bereits im Oktober 2015 an dieser Stelle gepostet. Ali al-Nimr war 17 Jahre alt, als er 2012 bei Protesten der schiitischen muslimischen Minderheit des Königreichs gegen die Regierung festgenommen wurde. Zwei Jahre später verurteilte ihn ein Gericht zum Tod durch "Kreuzigung" – i.e. in Saudi- Arabien eine Enthauptung, gefolgt von einer öffentlichen Zurschaustellung seiner Leiche mit wieder angenähtem Kopf. Al-Nimr hatte die Anklage immer in Frage gestellt und das Gericht darauf hingewiesen, dass Sicherheitsbeamte sein "Geständnis" durch Folter erzwungen hätten.

Sein Onkel, der schiitische Kleriker und Menschenrechtler Nimr an-Nimr, ein sehr populärer Prediger im Rang eines Ajatollah, ist bereits 2016 hingerichtetet worden. 

Der Scheich war ein lautstarker Unterstützer der vom Arabischen Frühling inspirierten Proteste, die 2011 in der Ostprovinz ausbrachen. Sie wurden von lokalen Schiiten angeführt, die sich seit langem darüber beschwerten, von der sunnitischen Monarchie Saudi-Arabiens an den Rand gedrängt worden zu sein. In der Ostprovinz befinden sich die größten Erdölvorkommen des Landes.

Einem Gnadengesuch des Vaters von Ali al-Nimr an den König im Jahre 2015 wurde nicht stattgegeben. Die französische Regierung setzte sich ebenfalls für ihn ein, und das Kollektiv "Anonymous" legte im September 2015 aus Protest gegen den Umgang mit al-Nimr mehrere Websites der saudischen Regierung lahm. Auch die Vereinten Nationen erinnerten das Regime daran, dass es sich verpflichtet hatte, Todesstrafen bei denjenigen nicht mehr zu vollstrecken, die zur Tatzeit Kinder waren. 

Das Urteil gegen al-Nimr wurde im Februar dieses Jahres in eine zehnjährige Haftstrafe umgewandelt, nachdem der König die Todesstrafe für einige von Minderjährigen begangene Verbrechen aufgehoben hatte. 

Getrübt wird die Freude über die Freilassung des jungen Mannes durch die Tatsache, dass zwei weitere junge Schiiten, die wegen ähnlicher Protestvorwürfe vier Monate später vom selben Gericht zum Tode verurteilt wurden - Abdullah al-Zaher und Dawood al-Marhoun -  und die bei ihrer Festnahme 15 bzw. 17 Jahre alt waren, immer noch in Haft gehalten werden.

Ein greifbares Zeichen des Fortschritts darf man nur bedingt in diesem Ereignis sehen, wurde doch gerade vor einem halben Jahr Mustafa al-Darwish, der ebenfalls 17 Jahre alt war, als er 2015 festgenommen wurde und nach Folter ein Geständnis abgelegt hat.

Es gibt Mutmaßungen, dass die Freilassung von al-Nimr zusammenhängt mit den auf diplomatischer Ebene seit einiger Zeit geführten Gesprächen zwischen Iran und Saudi-Arabien, die zu einer Normalisierung der Beziehungen beitragen sollen, was auf etliche Konflikte in der Region positive Auswirkungen haben würde. Vor allem Teheran spricht von Fortschritt. Es gibt aber auch andere, widersprechende Zeichen von der saudischen Seite...