Auf die Künstlerin, die ich euch heute nahe bringen will, bin ich durch die Entdeckung dieses atmosphärischen Gemäldes gestoßen - von Florence Fuller, einer australischen Künstlerin, hatte ich bis dahin noch nie gehört.
"Golden Hour"
(1905)
Florence Ada Fuller kommt 1867 in Port Elizabeth, heute Gqeberha, in der Kapkolonie als Tochter von Louisa Vines und John Hobson Fuller zur Welt. Sie hat zwei Geschwister, einen älteren Bruder namens Arthur John (*1861) und eine Schwester Louisa Christie (*1865). Die Eltern stammen ursprünglich aus Middlesex bzw. London in England, wo sie im Frühling 1860 geheiratet haben und ihr Sohn im Mai 1861 zur Welt gekommen ist.
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| Florence auf einer Federzeichnung (1897) |
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| "Portrait William Barak" (1885) |
Quellen belegen zudem einen Preis für das beste Porträt eines Künstlers unter 25 Jahren auf der Ausstellung der "Victorian Artists' Society" in Melbourne um 1888/89. Auf einer Ausstellung im "Royal Exhibition Building" in Melbourne zeigt die junge Malerin im Dezember 1890 ihr Gemälde "Weary", das sie erstmals um 1888 in ihrem Atelier gemeinsam mit dem Werk "Desolate" präsentiert hat, letzteres heute nur noch aus zeitgenössischen Presseberichten bekannt. Beide Werke, die das Thema Kinderarmut aufgreifen, finden sofort Käufer.
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| "Weary" (1888) |
„Weary“ zeigt ein obdachloses Kind vor der Kulisse der Hafenanlagen von Melbourne und setzt damit ein eindringliches Zeichen für die Benachteiligten inmitten der florierenden Handelsstadt. Während Darstellungen der städtischen Armut in der Kunst des viktorianischen Englands durchaus verbreitet sind, nimmt das Bild innerhalb der australischen Kunst jener Zeit eine Sonderstellung ein, sowohl durch die ungeschönte Schilderung des Straßenlebens als auch durch seine politische Botschaft zur sozialen Ungerechtigkeit. Es ist auch einzigartig im Gesamtwerk der Künstlerin. Besonders auffällig ist die Darstellung der zerfetzten Werbeplakate im Hintergrund des Bildes, deren fragmentierte Schriftzüge die Werbebotschaften befremdlich und unzusammenhängend wirken lassen. Sie verleihen dem Gemälde einen urbanen Realismus, der in der australischen Kunst beispiellos ist. Auch wenn das Kind eher gut genährt wie ein Cherub als wie ein verelendeter kleiner Mensch anmutet, nutzt Florence das Motiv der Unschuld, um einen einen Kontrast zwischen der sozialen Lage eines Kindes und den entmenschlichenden Kräften des modernen Marktes zu veranschaulichen.
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| "Inseparables" (1900) |
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| "The road to Simonstown from Muizenberg (with Cecil Rhodes's cottage in the foreground)" (1893/94 ) |
"Das Werk (..) ist bis in fast jedes Detail hinein durch und durch australisch. Auf einer sonnendurchfluteten australischen Weide stehend, hält eine geschmeidige australische Blondine ihren Sommerhut fest, um ihn vor den ungestümen Liebkosungen einer australischen Brise zu schützen – ein Motiv, das einfach und doch in seiner Schlichtheit großartig ist ... Neben der Vermittlung von sonniger, luftiger Atmosphäre und der beiläufigen Darstellung schlanker Anmut besticht das Bild durch seine Farbgebung (... ) Die Details des Gemäldes zeugen von unermüdlicher Sorgfalt."
Während "Summer Breezes" ausgestellt wird, ist Florence bereits wieder nach Australien heimgekehrt – allerdings nicht an ihren früheren Wohnort in Melbourne, sondern nach Perth in Westaustralien, wo ihre Schwester, die Sängerin Amy Fuller, wohnt. Obwohl sie erst Mitte dreißig ist, gilt sie aufgrund ihres Werdegangs als "eine der erfahrensten Künstlerinnen Westaustraliens zu jener Zeit". In den folgenden vier Jahren malt sie viele Porträts – darunter eines des westaustralischen Politikers James George Lee Steere, das postum auf der Grundlage von Fotografien und den Erinnerungen von Weggefährten entstanden ist und von jener öffentlichen Galerie ( AGWA) erworben wird, der Steere vorgestanden hat. Zudem nimmt sie Schüler*innen an, darunter die französisch-australische Künstlerin Kathleen O'Connor.
1905 gibt es in Perth eine Einzelausstellung mit 41 Werken von Florence Fuller, und der Zeitungsverleger Winthrop Hackett beschreibt eines ihrer Gemälde, "Golden Hour" von 1905, das später als ihr Meisterwerk gilt und für die AGWA erworben wird:
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| "Portrait Deborah Vernon Hackett" (1908) |
"... es ist wahrscheinlich der größte Erfolg im Bereich des reinen Impressionismus (... ) aufgrund seines reinen Tons, seiner bewundernswerten Perspektive und seiner stark lebendigen Wiedergabe jener geheimnisvollen und flüchtigen, aber immer brillanten Farben, die der Sonnenaufgang für einen Augenblick verleiht."
John Winthrop Hackett hat 1905 die achtzehnjährige Deborah Vernon Drake-Brockman zum Entsetzen ihrer Familie geheiratet. ( er ist vierzig Jahre älter ). Und die auf diesem beeindruckenden Gemälde festgehaltenen Personen werden bis heute als Hackett und seine Ehefrau Deborah gelesen.
Deborah Vernon Hackett taucht aber nicht nur als kleine Frauenfigur in "Golden Hour" auf, sondern ist auch die Dame auf einem Porträt, das um 1908, ebenfalls während der Zeit in Perth, entstanden ist. Das Bild fängt die Anmut und den Charme der jungen Frau ein, gleichzeitig die Komplexität ihres Charakters durch den Kontrast zwischen dem mädchenhaft-zarten, hellblauen Kleid und dem markanten schwarzen Hut. Der direkte, durchdringende Blick scheint zu sagen: Warum starrt ihr mich an?
Ein einschneidendes Erlebnis in Florences Leben ergibt sich aus dem Besuch eines Vortrags des rätselhaften & umstrittenen Theosophen Charles Webster Leadbeater, der sich in Australien niedergelassen hat, im Mai 1905 bei der örtlichen theosophischen Gesellschaft in Perth. Sie wird am 29. Mai 1905 offiziell Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt sind ihr wahrscheinlich die Gerüchte über Kindesmissbrauch durch Leadbeater in verschiedenen Ländern nicht bekannt, die ihn im folgenden Jahr 1906 zum Austritt aus der Theosophischen Gesellschaft veranlassen werden ( 1908 wird er wieder aufgenommen ).
Die Künstlerin engagiert sich fortan in der örtlichen Zweigstelle und bekleidet dort verschiedene Ämter, darunter das der Sekretärin, Schatzmeisterin und Bibliothekarin. Damit ist sie in bester Gesellschaft in australischen Künstlerkreisen, denn die Theosophische Gesellschaft wird unter deren Mitgliedern sowohl ein mystisches als auch ein politisches Projekt, weil viele Künstler die bestehenden Weltanschauungen hinterfragen und für unzureichend befinden. Die Anschauung bildet das Fundament für eine alternative, spirituell geprägte Moderne in Australien, die die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren radikal neu zu verhandeln beginnt ( vergleiche dazu die Entwicklung in Europa mit Hilma af Klint! ).
Die Theosophie bietet eine neue visuelle und philosophische Sprache; Farben werden beispielsweise nicht mehr deskriptiv, sondern rein emotional und spirituell eingesetzt. Außerdem ist sie besonders anziehend für weibliche Künstlerinnen, denn sie bietet ihnen in einer patriarchalischen Kunstwelt eine privilegierte Führungsrolle als spirituelle "Seherinnen" und vermittelt ihnen intellektuelle Unabhängigkeit.
Diese Epoche in der australischen Kunst wird exakt durch zwei Meilensteine begrenzt: Sie beginnt in den 1890er-Jahren, als die charismatische Vortragsreise von Annie Besant in Australien einen Boom der Bewegung auslöst, und endet 1934 mit dem Tod von Leadbeater. Der läutet den Niedergang des institutionalisierten Okkultismus in der australischen Kunstszene ein.
Trotz ihrer großen Reichweite wird die Verbindung zwischen Esoterik und australischer Moderne jahrzehntelang von Museen und Historikern totgeschwiegen. Kritiker attackieren die moderne abstrakte Kunst wegen ihrer okkulten Wurzeln, was dazu führt, dass die Künstlergemeinschaft und spätere Chronisten diese Einflüsse bewusst herunterspielen, um die Anerkennung als "ernsthafte" Kunstschaffende nicht zu gefährden. Später wird die Kunstwissenschaftlerin Jenny McFarlane darauf hinweisen, dass Florence Fuller durch die Anwendung theosophisch inspirierter spiritueller Praktiken wie der Visualisierung sowie durch die Auseinandersetzung mit indischer Kunst und ihren Techniken in der Lage gewesen ist, ein einzigartiges Werk zu schaffen.
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| Von links nach rechts: "Sand Pies" (1893), "Portrait Annie Besant", "Portrait Mme Blavatsky" (1908) |
Florence stellt der Gesellschaft auch ihr Atelier für deren Treffen zur Verfügung. 1908 bereist die damalige Präsidentin der Gesellschaft, Annie Besant, Australien und besucht dieses Atelier und lädt die Malerin ein, in der theosophischen Anlage in Adyar, Indien, zu leben. 1909 bricht die für zwei Jahre dorthin auf. Sie erklärt im Nachhinein, sie sei dorthin gegangen, um "Schönheit, Licht, Farbe und das Pittoreske im Allgemeinen zu suchen, die das Auge und die Gefühle aller Künstler erfreuen".
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| "Master Buddah" |
Die meisten Porträts aus Adyar sind bis heute geheim.
Ihre Zeit in Adyar ist ereignisreich: Leadbeater kommt etwa zur gleichen Zeit wie sie dort an und entdeckt kurz darauf Jiddu Krishnamurti, damals noch ein Teenager, den er für einen bedeutenden Lehrer und Redner, einen "Lord Maitreya" hält und entsprechend unterrichtet. Florence erteilt dem Jugendlichen Kunstunterricht und bringt ihm möglicherweise das Fotografieren bei. Leadbeater "sieht" aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten, dass die Künstlerin und der junge Inder, der schließlich 1922 öffentlich auf seine Rolle als Messias verzichten wird, sich bereits in früheren Leben gekannt hätten.
Florence Fuller beschreibt später ihre persönliche Begegnung mit den Meistern als schockierend und erholt sich nie vollständig von den starken Emotionen jener Jahre. 1911 verlässt sie erst einmal Indien und geht nach England, wo sie zunächst gemeinsam mit Besant an den Suffragettenprotesten im Zusammenhang mit der Krönung von Georg V. teilnimmt. In England ist sie der Realität des Broterwerbs mittels Porträtmalens ausgeliefert. Sie muss nur das Abbild einer Person festhalten, wünscht sich aber, zwischen dem physischen Körper und dem spirituellen Selbst Verbindung herzustellen, was für ihre theosophische Anschauung zentral ist. 1913 schreibt sie:
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| "Girl with a doll" (1890) |
"Ich habe seit meiner Ankunft in England viele Porträts gemalt und war, wie ich annehme, recht erfolgreich – obwohl ich nichts Bemerkenswertes geschaffen habe. Das verborgene Innenleben hat es noch nicht geschafft, sich auf der Leinwand auszudrücken, und ich kann mich nur als jemand beschreiben, der nach einer höheren Kunst strebt, sie aber noch nicht erreicht hat."
Es gelingt ihr jedoch nicht mehr an ihre große Beliebtheit des vorangegangenen Jahrzehnts anzuknüpfen. Die nun öffentlich gewordenen Pädophilievorwürfe gegen Leadbeater und die Affäre um Krishnamurti tragen ein Übriges zu ihrem Ausschluss aus angesehenen Künstlerkreisen bei und führen letztendlich auch dazu, dass man sie für geisteskrank hält. Sie bleibt der theosophischen Gemeinschaft verbunden, obwohl ihr Gesundheitszustand und ihre wirtschaftliche Lage darunter leiden.
In den letzten 20 Jahren ihres Lebens, als sich ihre psychische Verfassung zunehmend verschlechtert, kann Florence nicht mehr malen. Im Alter von 60 Jahren wird sie ins Gladesville Mental Hospital in einem Vorort von Sydney eingewiesen, wo sie am 17. Juli 1946 unter ärmlichen Verhältnissen mit neunundsiebzig Jahren stirbt. Sie wird auf dem Friedhof Rookwood, Sydney, beigesetzt. Ihre Geschwister sind da alle schon tot.
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| Einziges Foto von Florence Fuller ( ohne Jahr); Gladesville Mental Hospital |
Es dauert fast achtzig Jahre, bis ihr Name in der australischen Kunstgeschichte wieder auftaucht, was sie der australischen Kunsthistorikerin Joan Kerr verdankt, die ihr ihren wohlverdienten Status als eine der bedeutendsten australischen Malerinnen erneut verschafft.












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