Donnerstag, 5. November 2026

Great Women # 475: Florence Fuller

Auf die Künstlerin, die ich euch heute nahe bringen will, bin ich durch die Entdeckung dieses atmosphärischen Gemäldes gestoßen - von Florence Fuller, einer australischen Künstlerin, hatte ich bis dahin noch nie gehört. 
"Golden Hour"
(1905)
"…ein Meisterwerk… 
das uns einen sanften Einblick 
in die Menschen, Orte und Zeiten gewährt, 
die unsere Geschichte prägen."

Florence Ada Fuller kommt 1867 in Port Elizabeth, heute Gqeberha, in der Kapkolonie als Tochter von Louisa Vines und John Hobson Fuller zur Welt. Sie hat zwei Geschwister, einen älteren Bruder namens Arthur John (*1861) und eine Schwester Louisa Christie (*1865). Die Eltern stammen ursprünglich aus Middlesex bzw. London in England, wo sie im Frühling 1860 geheiratet haben und ihr Sohn im Mai 1861 zur Welt gekommen ist.

Florence auf einer Federzeichnung
(1897)
Als Florence ein Jahr alt ist, wandert die Familie weiter aus nach Australien und kommt im September 1868 mit dem Schiff in Melbourne an. Etwa 75 km südwestlich von dort, in der Hafenstadt Geelong im Bundesstaat Victoria, findet der Vater Arbeit als Buchhalter. 1869 wird dort auch die Schwester Amy Vardy geboren. Der Vater stirbt bereits im Februar 1878 im Alter von 49 Jahren im Melbourner Stadtteil South Yarra. Da ist Florence gerade mal elf Jahre alt. Darüber, wie die wirtschaftliche Situation der nun alleinerziehenden Mutter mit ihren vier Kindern ist, ist nirgendwo etwas in Erfahrung zu bringen. Es scheint sich aber insgesamt um eine gut situierte, weit verstreute Großfamilie zu handeln. Die Töchter der Familie zeigen außergewöhnliche künstlerische Begabungen, die offensichtlich auch gefördert werden:

So bekommt Florence ab dem zwölften Lebensjahr Unterricht bei Jane Sutherland, einer der australischen Impressionistinnen und Pionierin der Freiluftmalerei auf diesem Kontinent, die von der sog. Heidelberg School praktiziert wird. Sutherland ist zudem bekannt als eine, die sich einsetzt, um das professionelle Ansehen von Frauen in der Kunst voranzubringen. Schwester Christie geht 1886 als 21jährige nach England zwecks Ausbildung zur Altistin. Amy gibt ihr Debüt als Sängerin 1889 im Alter von 20 Jahren in Melbourne ( und wird sich später als Aquarellmalerin der australischen Flora einen Namen machen ). 

"Portrait William Barak"
(1885)
Im Alter von sechzehn Jahren besucht Florence erstmals Kurse in der Kunstschule der National Gallery of Victoria, arbeitet daneben zwei Jahre lang, von 1884 bis 1886, als Kindermädchen/Gouvernante. Beauftragt von Ann Fraser Bon, einer Philanthropin und Förderin der Aborigines in Victoria, fertigt sie ein formelles Ölgemälde des indigenen Anführers William Barak an, dem letzten Stammesführers der Wurundjeri, der Aborigines im Raum Melbourne. Nachdem sie das präsentiert hat, gilt der Teenager in Australien als Wunderkind. 

Ihr Onkel, der auf dem Kontinent renommierte Porträtmaler Robert Hawker Dowling gibt ihr währenddessen Privatunterricht. Als der 1886 nach England zurückkehrt, gibt Florence ihre Tätigkeit als Gouvernante auf und eröffnet ein eigenes Atelier in Melbourne. Dort vollendet sie das Porträt von Davinia Julia, Lady Loch, der Frau des Gouverneurs, das ihr Onkel angefangen hat. Die Lochs werden  zu Förder*innen ihrer Kunst. Das bringt Florence auch weitere Aufträge von wohlhabenden Gönnern ein. 

Quellen belegen zudem einen Preis für das beste Porträt eines Künstlers unter 25 Jahren auf der Ausstellung der "Victorian Artists' Society" in Melbourne um 1888/89. Auf einer Ausstellung im "Royal Exhibition Building" in Melbourne zeigt die junge Malerin im Dezember 1890 ihr Gemälde "Weary", das sie erstmals um 1888 in ihrem Atelier gemeinsam mit dem Werk "Desolate" präsentiert hat, letzteres heute nur noch aus zeitgenössischen Presseberichten bekannt. Beide Werke, die das Thema Kinderarmut aufgreifen, finden sofort Käufer. 

"Weary"
(1888)

„Weary“ zeigt ein obdachloses Kind vor der Kulisse der Hafenanlagen von Melbourne und setzt damit ein eindringliches Zeichen für die Benachteiligten inmitten der florierenden Handelsstadt. Während Darstellungen der städtischen Armut in der Kunst des viktorianischen Englands durchaus verbreitet sind, nimmt das Bild innerhalb der australischen Kunst jener Zeit eine Sonderstellung ein, sowohl durch die ungeschönte Schilderung des Straßenlebens als auch durch seine politische Botschaft zur sozialen Ungerechtigkeit. Es ist auch einzigartig im Gesamtwerk der Künstlerin. Besonders auffällig ist die Darstellung der zerfetzten Werbeplakate im Hintergrund des Bildes, deren fragmentierte Schriftzüge die Werbebotschaften befremdlich und unzusammenhängend wirken lassen. Sie verleihen dem Gemälde  einen urbanen Realismus, der in der australischen Kunst beispiellos ist. Auch wenn das Kind eher  gut genährt wie ein Cherub als wie ein verelendeter kleiner Mensch anmutet, nutzt Florence das Motiv der Unschuld, um einen einen Kontrast zwischen der sozialen Lage eines Kindes und den entmenschlichenden Kräften des modernen Marktes zu veranschaulichen.

"Inseparables"
(1900)
Die Inspiration für dieses Gemälde ist durch das Gedicht "Weariness" von Henry Wadsworth Longfellow gewesen, welches sich mit den Auswirkungen von Kinderarbeit auseinandersetzt. Die ersten Zeilen des Gedichts – "O, little feet that such long years / must wander on through hopes and fears" – hat die Malerin auf einer Plakette am Rahmen anbringen lassen. Diese poetischen Gedanken haben maßgeblich zu seiner Entstehungszeit zur emotionalen Wirkung des Werkes auf seine Betrachter beigetragen.

Auf der zweiten Ausstellung der "Victorian Artists' Society" wird Florence's Gemälde "Gently Reproachful" ( "Sanft vorwurfsvoll" ) von einer Lady Clarke erworben. Alle ihre Werke sind im Wesentlichen Porträts, die sie vor allem berühmt machen. 

"Inseparables" ( 1900 ) hingegen zeigt ein junges Mädchen mit ihrem Buch. Das wird im Rahmen der Ausstellung "The Edwardians" in der National Gallery of Australia gezeigt. Der Kurator der Ausstellung er interpretiert die Darstellung als Ausdruck der Leselust, die  australische Kunsthistorikerin Dr. Catherine Speck hingegen sieht später in dem Werk etwas Subversives, da es eine junge Frau beim Lesen - und damit beim Wissenserwerb - darstellt, anstatt ihr die stereotype Rolle der Haus-& Familienmutter aufzudrängen...

Im Oktober 1900 ist ihre Mutter im Alter von 69 Jahren gestorben. Florence verlegt nun ihr Atelier in deren Haus in Pine Grove, Malvern, einem Vorort von Melbourne - auf dem Foto rechts sitzt sie darin an einem Bildnis ihrer Mutter malend, daneben eines von einer ihrer Schwestern. Dort veranstaltet sie im März auch eine Ausstellung. Florence Fuller ist ungemein fleißig: "Vor dem Frühstück widmete sie sich der Anatomie und löste in freien Minuten während des Tages Perspektivprobleme", schreibt ein Journalist 1891 über sie.

"The road to Simonstown from Muizenberg
(with Cecil Rhodes's cottage in the foreground)"
(1893/94 )
1892 verläßt sie, zusammen mit ihrer Schwester und deren südafrikanischem Ehemann Charles Carey Lance Australien, um dort in Südafrika Erholung nach einer Krankheit zu finden, über die nicht mehr bekannt ist. Sie sind Gäste ihres Onkels Sir Thomas Ekins Fuller, einem Parlamentsmitglied der Kapkolonie, Herausgeber des "Cape Argus" und Bruder des verstorbenen Vaters. 

Durch ihn lernt Florence auch Cecil Rhodes kennen, den britischen Imperialisten, Geschäftsmann, Minenmagnaten und südafrikanischen Politiker, der von 1890 bis 1896 Premierminister der Kapkolonie ist. Florence verlässt Südafrika 1894 in Richtung Europa, hat aber zuvor noch ein Gemälde von Cecil Rhodes’ Haus fertiggestellt. 1899 wird sie noch einmal nach Südafrika zurückkehren, um ein Porträt des Politikers anzufertigen ( einer Quelle zufolge sollen es gar fünf  des Gründers von Rhodesien gewesen sein ).

Florence wird eine ganze Dekade in Europa verbringen. Zunächst studiert sie in Paris an der bei weiblichen Künstlerinnen so gefragten "Académie Julian" bei William-Adolphe Bouguereau, einem anerkannten Vertreter des Akademischen Klassizismus, und bei seinem Assistenten Raphaël Collin, dessen Atelier sie auch eine Zeit lang organisieren wird. Anderswo können die jungen Frauen ja auch damals nicht studieren und sie bezahlen es mit schlechten Bedingungen, als da sind überfüllte Räume sowie  geringschätzende männliche Lehrer. Trotzdem kann Florence ihre Fertig- & Fähigkeiten weiter vervollständigen, und zeitgenössische Kritiker äußern sich positiv über den Einfluss der  Ausbildung in Frankreich. 

"La Glaneuse"
(1897)
Sie kann sich geradezu etablieren und ihre Werke zweimal im Pariser Salon ausstellen, darunter ein Selbstporträt in Pastelltechnik und "La Glaneuse" 1897, welches auch von der "Royal Academy" in London zur Präsentation ausgewählt wird. Sie stellt an zahlreichen weiteren Orten aus, so beim "Royal Institute of Oil Painters" und in der "Manchester Art Gallery" in England wie in ihrem Heimatland bei der "Victorian Artists Society" und der "New South Wales Society of Artists". Ein späterer Zeitungsbericht erwähnt zudem, dass die junge Malerin auch nach Wales, Irland und Italien gereist und dort Skizzen angefertigt hat. Noch mehr Berühmtheit erlangt sie, als 1904 ihr Gemälde "Summer Breezes" in der "Royal Academy" dargeboten wird. Sie ist die einzige weibliche australische Künstlerin in der Ausstellung.

Ein Kritiker in der australischen  "The West Australian" schreibt dazu:
"Das Werk (..) ist bis in fast jedes Detail hinein durch und durch australisch. Auf einer sonnendurchfluteten australischen Weide stehend, hält eine geschmeidige australische Blondine ihren Sommerhut fest, um ihn vor den ungestümen Liebkosungen einer australischen Brise zu schützen – ein Motiv, das einfach und doch in seiner Schlichtheit großartig ist ... Neben der Vermittlung von sonniger, luftiger Atmosphäre und der beiläufigen Darstellung schlanker Anmut besticht das Bild durch seine Farbgebung (... ) Die Details des Gemäldes zeugen von unermüdlicher Sorgfalt."
( Die verfügbaren Quellen dokumentieren Florences Ausbildung und ihre Ausstellungen in Europa während dieser Zeit allerdings nicht einheitlich. )

Während "Summer Breezes" ausgestellt wird, ist Florence bereits wieder nach Australien heimgekehrt – allerdings nicht an ihren früheren Wohnort in Melbourne, sondern nach Perth in Westaustralien, wo ihre Schwester, die Sängerin Amy Fuller, wohnt. Obwohl sie erst Mitte dreißig ist, gilt sie aufgrund ihres Werdegangs als "eine der erfahrensten Künstlerinnen Westaustraliens zu jener Zeit". In den folgenden vier Jahren malt sie viele Porträts – darunter eines des westaustralischen Politikers James George Lee Steere, das postum auf der Grundlage von Fotografien und den Erinnerungen von Weggefährten entstanden ist und von jener öffentlichen Galerie ( AGWA) erworben wird, der Steere vorgestanden hat. Zudem nimmt sie Schüler*innen an, darunter die französisch-australische Künstlerin Kathleen O'Connor.

1905 gibt es in Perth eine Einzelausstellung mit 41 Werken von Florence Fuller, und der Zeitungsverleger Winthrop Hackett beschreibt eines ihrer Gemälde, "Golden Hour" von 1905, das später als ihr Meisterwerk gilt und für die AGWA erworben wird:

"Portrait Deborah Vernon Hackett"
(1908)

"... es ist wahrscheinlich der größte Erfolg im Bereich des reinen Impressionismus (... ) aufgrund seines reinen Tons, seiner bewundernswerten Perspektive und seiner stark lebendigen Wiedergabe jener geheimnisvollen und flüchtigen, aber immer brillanten Farben, die der Sonnenaufgang für einen Augenblick verleiht."

John Winthrop Hackett hat 1905 die achtzehnjährige Deborah Vernon Drake-Brockman zum Entsetzen ihrer Familie geheiratet. ( er ist vierzig Jahre älter ). Und die auf diesem beeindruckenden Gemälde festgehaltenen Personen werden bis heute als Hackett und seine Ehefrau Deborah gelesen. 

Deborah Vernon Hackett taucht aber nicht nur als kleine Frauenfigur in "Golden Hour" auf, sondern ist auch die Dame auf einem Porträt, das um 1908, ebenfalls während der Zeit in Perth, entstanden ist. Das Bild fängt die Anmut und den Charme der jungen Frau ein, gleichzeitig die Komplexität ihres Charakters durch den Kontrast zwischen dem mädchenhaft-zarten, hellblauen Kleid und dem markanten schwarzen Hut. Der direkte, durchdringende Blick scheint zu sagen: Warum starrt ihr mich an?

Ein einschneidendes Erlebnis in Florences Leben ergibt sich aus dem Besuch eines Vortrags des rätselhaften & umstrittenen Theosophen Charles Webster Leadbeater, der sich in Australien niedergelassen hat,  im Mai 1905 bei der örtlichen theosophischen Gesellschaft in Perth. Sie wird am 29. Mai 1905 offiziell Mitglied der Theosophischen Gesellschaft. Zu diesem Zeitpunkt sind ihr wahrscheinlich die Gerüchte über Kindesmissbrauch durch Leadbeater in verschiedenen Ländern nicht bekannt, die ihn im folgenden Jahr 1906 zum Austritt aus der Theosophischen Gesellschaft veranlassen werden ( 1908 wird er wieder aufgenommen ).

Die Künstlerin engagiert sich fortan in der örtlichen Zweigstelle und bekleidet dort verschiedene Ämter, darunter das der Sekretärin, Schatzmeisterin und Bibliothekarin. Damit ist sie in bester Gesellschaft in australischen Künstlerkreisen, denn die Theosophische Gesellschaft wird unter deren Mitgliedern sowohl ein mystisches als auch ein politisches Projekt, weil viele Künstler die bestehenden Weltanschauungen hinterfragen und für unzureichend befinden. Die Anschauung bildet das Fundament für eine alternative, spirituell geprägte Moderne in Australien, die die Grenzen zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren radikal neu zu verhandeln beginnt ( vergleiche dazu die Entwicklung in Europa mit Hilma af Klint! ). 

Die Theosophie bietet eine neue visuelle und philosophische Sprache; Farben werden beispielsweise nicht mehr deskriptiv, sondern rein emotional und spirituell eingesetzt. Außerdem ist sie besonders anziehend für weibliche Künstlerinnen, denn sie bietet ihnen in einer patriarchalischen Kunstwelt eine privilegierte Führungsrolle als spirituelle "Seherinnen" und vermittelt ihnen intellektuelle Unabhängigkeit.

Diese Epoche in der australischen Kunst wird exakt durch zwei Meilensteine begrenzt: Sie beginnt in den 1890er-Jahren, als die charismatische Vortragsreise von Annie Besant in Australien einen Boom der Bewegung auslöst, und endet 1934 mit dem Tod von Leadbeater. Der läutet den Niedergang des institutionalisierten Okkultismus in der australischen Kunstszene ein.

Trotz ihrer großen Reichweite wird die Verbindung zwischen Esoterik und australischer Moderne jahrzehntelang von Museen und Historikern totgeschwiegen. Kritiker attackieren die moderne abstrakte Kunst wegen ihrer okkulten Wurzeln, was dazu führt, dass die Künstlergemeinschaft und spätere Chronisten diese Einflüsse bewusst herunterspielen, um die Anerkennung als "ernsthafte" Kunstschaffende nicht zu gefährden. Später wird die Kunstwissenschaftlerin Jenny McFarlane darauf hinweisen, dass Florence Fuller durch die Anwendung theosophisch inspirierter spiritueller Praktiken wie der Visualisierung sowie durch die Auseinandersetzung mit indischer Kunst und ihren Techniken in der Lage gewesen ist, ein einzigartiges Werk zu schaffen.
Von links nach rechts:
"Sand Pies" (1893), "Portrait Annie Besant", "Portrait Mme Blavatsky" (1908) 

 

Florence stellt der Gesellschaft auch ihr Atelier für deren Treffen zur Verfügung. 1908 bereist die damalige Präsidentin der Gesellschaft, Annie Besant, Australien und besucht dieses Atelier und lädt die Malerin ein, in der theosophischen Anlage in Adyar, Indien, zu leben. 1909 bricht die für zwei Jahre dorthin auf. Sie erklärt im Nachhinein, sie sei dorthin gegangen, um "Schönheit, Licht, Farbe und das Pittoreske im Allgemeinen zu suchen, die das Auge und die Gefühle aller Künstler erfreuen".

"Master Buddah"
Sie malt in Adyar Porträts der theosophischen Führer, darunter Leadbetter und Besant, sowie ein höchst ungewöhnliches Buddha-Porträt, das sich mit seinen modernistischen, flächigen Farben und dem geringen Schattenwurf radikal von ihren anderen Porträts unterscheidet. Ihre späteren Werke setzen diesen radikalen Stilbruch nicht fort, sondern werden nur gemalt "um einen Markt zu befriedigen, der mit konventioneller Porträtmalerei vertraut war". 

Die meisten Porträts aus Adyar sind bis heute geheim.

Ihre Zeit in Adyar ist ereignisreich: Leadbeater kommt etwa zur gleichen Zeit wie sie dort an und entdeckt kurz darauf Jiddu Krishnamurti, damals noch ein Teenager, den er für einen bedeutenden Lehrer und Redner, einen  "Lord Maitreya" hält und entsprechend unterrichtet.  Florence erteilt dem Jugendlichen Kunstunterricht und bringt ihm möglicherweise das Fotografieren bei. Leadbeater "sieht" aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten, dass die Künstlerin und der junge Inder, der schließlich 1922 öffentlich auf seine Rolle als Messias verzichten wird, sich bereits in früheren Leben gekannt hätten.

Florence Fuller beschreibt später ihre persönliche Begegnung mit den Meistern als schockierend und erholt sich nie vollständig von den starken Emotionen jener Jahre. 1911 verlässt sie erst einmal Indien und geht nach England, wo sie zunächst gemeinsam mit Besant an den Suffragettenprotesten im Zusammenhang mit der Krönung von Georg V. teilnimmt. In England ist sie der Realität des Broterwerbs mittels Porträtmalens ausgeliefert. Sie muss nur das Abbild einer Person festhalten, wünscht sich aber, zwischen dem physischen Körper und dem spirituellen Selbst Verbindung herzustellen, was für ihre theosophische Anschauung zentral ist. 1913 schreibt sie: 

"Girl with a doll"
(1890)

"Ich habe seit meiner Ankunft in England viele Porträts gemalt und war, wie ich annehme, recht erfolgreich – obwohl ich nichts Bemerkenswertes geschaffen habe. Das verborgene Innenleben hat es noch nicht geschafft, sich auf der Leinwand auszudrücken, und ich kann mich nur als jemand beschreiben, der nach einer höheren Kunst strebt, sie aber noch nicht erreicht hat."
1914 reist sie noch mal nach Indien. Es folgen weitere Reisen mit Leadbeater, über die Unklarheit herrscht. Nach ihrer endgültigen Rückkehr nach Australien im Jahr 1919 lässt sich Florence in  einem Vorort von Sydney nieder. Sie bekleidet zahlreiche Lehrpositionen, stellt mit der "Society of Artists" aus und beginnt, Miniaturen zu malen. 1920 gründet die Gesellschaft der Malerinnen in New South Wales eine Schule für Bildende und Angewandte Kunst, an der Florence als erste Lehrerin für Aktzeichenkurse eingesetzt wird.

Es gelingt ihr jedoch nicht mehr an ihre große Beliebtheit des vorangegangenen Jahrzehnts anzuknüpfen. Die nun öffentlich gewordenen Pädophilievorwürfe gegen Leadbeater und die Affäre um Krishnamurti tragen ein Übriges zu ihrem Ausschluss aus angesehenen Künstlerkreisen bei und führen letztendlich auch dazu, dass man sie für geisteskrank hält. Sie bleibt der theosophischen Gemeinschaft verbunden, obwohl ihr Gesundheitszustand und ihre wirtschaftliche Lage darunter leiden.

In den letzten 20 Jahren ihres Lebens, als sich ihre psychische Verfassung zunehmend verschlechtert, kann Florence nicht mehr malen. Im Alter von 60 Jahren wird sie ins Gladesville Mental Hospital in einem Vorort von Sydney eingewiesen, wo sie am 17. Juli 1946 unter ärmlichen Verhältnissen mit neunundsiebzig Jahren stirbt. Sie wird auf dem Friedhof Rookwood, Sydney, beigesetzt. Ihre Geschwister sind da alle schon tot.

Einziges Foto von Florence Fuller ( ohne Jahr); Gladesville Mental Hospital

Es dauert fast achtzig Jahre, bis ihr Name in der australischen Kunstgeschichte wieder auftaucht, was sie der australischen Kunsthistorikerin Joan Kerr verdankt, die ihr ihren wohlverdienten Status als eine der bedeutendsten australischen Malerinnen erneut verschafft.

                                                                 


Über weitere 474 weitere Frauen, 
die viel und oft auch kaum beachtet etwas geleistet haben, 
habe ich in den zwölf zurückliegenden Jahren geschrieben. 
Hier ein paar Links für Interessierte: 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Danke, dass du dir für ein paar liebe Worte Zeit nimmst - bitte mit Namensnennung!

Kommentare, in denen Menschen nach Herkunft, Religion, Liebe oder Behinderung zur Zielscheibe erklärt werden - da sind MIR Artikel 1 und Artikel 3 des Grundgesetzes Richtschnur. Auch beleidigende Kommentare bzw. vom Thema abweichende oder unsachliche Kritik veröffentliche ich nicht. Belästigung, Mobbing und Drohungen sind auch nach den neuen Richtlinien von Blogger nicht mehr erlaubt.

Der Blog ist MEINE Spielwiese mit MEINEN Spielregeln.

Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass dieser und die personenbezogenen Daten, die mit ihm verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.