Donnerstag, 4. Oktober 2018

Great Women # 156: Dorothea Viehmann


Mit Märchen bin ich aufgewachsen, und Märchenbücher gehörten zu den ersten in meiner Bibliothek. Und wie selbstverständlich waren das die "Deutschen Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm. Später habe ich Märchen aus aller Welt gesammelt und gestaunt, wie ähnlich sich doch viele waren: Die Märchenmotive schienen gemeinsames abendländisches, ja gar menschliches Kulturgut zu sein und keine rein deutsch - nationale Angelegenheit, wie es landläufig immer so gerne betont wurde. Bestätigt fühlte ich mich in meiner Beobachtung durch die Tatsache, dass einige der "Märchenfrauen", die den Grimms ihre Geschichten überlieferten, einen französisch - hugenottischen Hintergrund hatten. Meine heutige großartige Frau gehörte dazu...

Die "Knallhütte" heute
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Dorothea Viehmann kommt am 8. November 1755 als Katharina Dorothea Pierson in Rengershausen ( heute zu Baunatal gehörig ) zur Welt. 

Ihr Vater Johann Isaac Pierson ist "Gasthalter" der "Knallhütte", einer Gastwirtschaft mit angeschlossener Brauerei, die er von seinem Vater Jean Frédéric Piercon übernommen hat ( und die bis heute besteht ). Dieser Großvater Dorotheas zählt zur ersten Generation von Nachkommen in Frankreich verfolgter Hugenotten, der in Hessen-Kassel, genauer in Schöneberg bei Hofgeismar, geboren ist. Durch Heirat mit der Witwe des einstigen Besitzers der "Knallhütte" ist er in Besitz der Braukonzession gekommen.

Dorotheas Mutter ist Martha Gerdrauth Spangenberg, die in Kirchbauna ebenfalls in einem Gasthaus ( "Baune", wie die "Knallhütte" an der Frankfurter Straße gelegen, der wichtigsten Verkehrsverbindung der Landgrafschaft ) das Licht der Welt erblickt hat.
"Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es Gebiete solch konzentrierter hugenottischer Ansiedlung wie nördlich von Kassel, rund um das Dorf Schöneberg (...) Hier und in den "Kolonien" der Hugenotten haben sich französische Kultur und Sprache sehr lang erhalten (...) In der Landgrafschaft Hessen - Kassel wurden 21 Orte für französische Glaubensflüchtlinge neu gegründet, darunter zwei Städte, Karlshafen und Kassel - Oberneustadt. Neunzehn Dörfer und Städte hatten eine beachtliche Zuwanderung. Von allen deutschen Staaten hat Hessen - Kassel gemessen an der eigenen Territoriumsgröße und Bevölkerungszahl ( ca. 180.000 Einwohner) den größten Teil an Hugenotten aufgenommen, insgesamt ungefähr 4.000 französische Einwanderer." ( Quelle hier )
Dorothea ist die älteste von dreizehn Geschwistern, noch im Jahr der Eheschließung ihrer Eltern geboren. Aus Erzählungen ihrer Enkelinnen weiß man, dass sie das französisch gesprochen hat. Auch ihre Taufpatin Catharina Dorothée Pierson, geborene Graff, dritte Frau ihres Großvaters, kommt aus der hugenottischen Kolonie Schöneberg, in der weit bis ins 19. Jahrhundert in französischer Sprache gepredigt und unterrichtet werden wird und wo die Familien ihre alte Muttersprache über die Jahrhunderte pflegen. 

Als Kind erlebt Dorothea die Wirren des Siebenjährigen Krieges, bei dem Hessen auf Seiten der Preußen steht. Die Gegend um die Knallhütte ist dabei mehrfach Schauplatz von Truppenbewegungen und Ort für soldatische Lager.

Dorothea besucht die Schule in Rengershausen sieben Jahre lang, wie es in Hessen seit 1726 für alle Kinder ab sieben Jahren Pflicht ist. Jedes Kind soll bis zu seiner Konfirmation lesen und rechnen können, so das Ziel. Sie wird Ostern 1769 als jugendliche Christin in die Gemeinde aufgenommen. Das Mädchen gilt als begabte, ja beste Schülerin ihrer Schule, die Deutsch in Wort und Schrift beherrscht.

Im Wirtshaus ihrer Eltern kommt sie in Kontakt mit den durchreisenden Kaufleuten, Handwerksburschen und Fuhrleuten, die viele Geschichten und Sagen von sich geben. Sie bewahrt diese in ihrer Erinnerung auf. Besonders hervorgetan haben soll sich da ein katholisches Ehepaar, das öfter auf der Knallhütte übernachtet hat. Verbrieft ist, dass die achtzehnjährige Dorothea die Patenschaft für eine ihrer Töchter, die dort geboren wird, übernommen hat.

Am 9. März 1777 heiratet Dorothea auf der Knallhütte den Schneider Nicolaus Viehmann aus Niederzwehren und bleibt dort mit ihm wohnen, denn ihr Mann hat seinen von den Eltern übernommenen, mit Hypotheken belasteten Hof nicht mehr halten können. Sechs Monate nach der Eheschließung, 22jährig, schenkt sie ihrer ersten Tochter Anna Margaretha das Leben. Diese stirbt aber schon ein Vierteljahr später. Vierzehn Monate später folgt die Geburt von Anna Catharina, ebenfalls auf der Knallhütte.

Neun Jahre bleibt die Ehe dann kinderlos. Erst nach einem Umzug nach Niederzwehren, über deren Ursachen nur spekuliert werden kann, wird dort als dritte Tochter Martha Elisabeth geboren. Es folgen Marie Christine (1790), Johann Christoph (1795), der alsbald stirbt, ebenso wie die 1797 geborene Anna Katharina. Als 43jährige bekommt Dorothea eine letzte Tochter, Anna Sabine.

Erstes Wohnhaus in Niederzwehren
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In den ersten Jahren in Niederzwehren wohnen die Viehmanns zur Miete beim Landwirt Georg Gück, der sie aus einer "Bedrängnis" gerettet hat.

Es gibt Indizien, dass es Familienzwistigkeiten bei den Piersons gegeben hat, denn die jüngere Schwester Anna Sabine heiratet 1785 den Brauer Otto Keim, der den Betrieb 1794 übernimmt. Möglich ist auch, dass Nicolaus Viehmann als Soldat länger abwesend gewesen ist. Und auch prekäre Vermögensverhältnisse scheinen wahrscheinlich - das legt die Tatsache nahe, dass Dorothea Viehmann bei keinem aus ihrer großen Familie als Taufpatin in den Kirchenbüchern auftaucht.

Zweites Wohnhaus
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1798 erwirbt Nicolaus Viehmann, wahrscheinlich durch eine Erbschaft seiner Frau ermöglicht, zusammen mit einem Tagelöhner namens Jakob Reißmann ein zweistöckiges strohgedecktes Haus, welches in zwei Hälften geteilt wird. Diese zweite Haushälfte kauft alsbald aber der Schwiegersohn Johannes Strohberg, Ehemann der ältesten lebenden Viehmann - Tochter Anna Catharina. Die Lebensverhältnisse der Viehmanns gelten als sehr bescheiden und verlangen den beiden Eheleuten, beide aus vermögenden Familien stammend, Einiges ab. Dorothea trägt zum Lebensunterhalt auch bei, indem sie ihre landwirtschaftlichen Produkte - Gemüse und Kräuter aus ihrem kleinen Garten - in der Nähe des Frankfurter Tores in Kassel verkauft.

Dort wohnt die Familie des zweiten Predigers der französischen Gemeinde der Kasseler Oberneustadt, Charles François Ramus. Dessen Töchter Julia und Charlotte, die selbst Beiträge zur Grimmschen Märchensammlung geliefert haben, machen die Brüder Grimm auf die 57jährige Dorothea aufmerksam.
Der 29jährige Jacob und der 28jährige Wilhelm Grimm haben 1812 den ersten Band ihrer "Kinder- und Hausmärchen" veröffentlicht, nachdem sie sechs Jahre lang an die achtzig Märchen zusammengetragen haben. Ihre Intention ist, Zeugnis abzulegen vom "Reichthum deutscher Dichtung in frühen Zeiten". Die Märchen stammen aus Hessen und dem Main - Kinzig - Gebiet und sind ausschließlich mündlich überliefert worden. Ein zweiter Band mit fremden Erzählungen ist in Planung. Doch bald fließt ihnen aus anderer Quelle reichlich Material zu: von Dorothea Viehmann.
Wilhelm Grimm schreibt 1813:
"Einer jener guten Zufälle aber war die Bekanntschaft mit einer Bäuerin aus dem nah bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn, durch welche wir einen ansehnlichen Theil der hier mitgetheilten, darum ächt hessischen Märchen (...) haben. Diese Frau, noch rüstig und nicht viel über fünfzig Jahr alt, heißt Viehmännin (...) und ist wahrscheinlich in ihrer Jugend schön gewesen. Sie bewahrt diese alten Sagen fest in dem Gedächtniß (...), dabei erzählt sie bedächtig, sicher und ungemein lebendig mit eigenem Wohlgefallen daran, erst ganz frei, dann, wenn man will, noch einmal langsamer, so daß man ihr mit einiger Uebung nachschreiben kann. Manches ist auf diese Weise wörtlich beibehalten."
Dorothea steuert im Laufe der nächsten Jahre 37 Märchen ganz oder teilweise, besonders für den Band II der "Kinder- und Hausmärchen", bei. Die Gebrüder Grimm sind von ihrem Gedächtnis und ihrem Erzähltalent dermaßen beeindruckt, auch, weil sie ihre Erzählungen unverändert übernehmen können, da sie hervorragend aufgebaut sind. Typisch für Dorothea sind auch Einleitungen wie "Es trug sich aber zu..." oder das völlige Fehlen von Hexen und Zauberinnen. Stattdessen gibt es mehr männliche Märchenhelden und noch mehr Tiere in den ihr zuzuordnenden Märchen wie bei "Hans mein Igel",  "Der arme Müllersbursch und das Kätzchen" ( hier zu hören ) und die "Drei Federn", die alle drei auf französische Vorbilder zurückgeführt werden können. Und sind einmal Frauen ihre Protagonistinnen wie "Die kluge Bauerntochter" ( hier zu hören ), fällt denen das Glück nicht in den Schoß, sondern ist hart erarbeitet - eine Parallele zu ihrer eigenen Lebenserfahrung?

Wahrscheinlich erwähnen die Gebrüder die "Viehmännin" aus diesen Gründen als einzige ihrer fast ausschließlich weiblichen "Quellen" und setzen ihr Bild in der zweiten Auflage des zweiten Bandes als Frontispiz ein, nennen sie aber nicht beim Namen, sondern verpassen ihr das Etikett "Märchenfrau" ( üblich sind sonst Hinweise wie "aus Hessen" oder "aus Cassel" ):
Dorothea kommt den Vorstellungen der Brüder von der einfachen Frau aus dem Volke entgegen, zudem gehört sie einer sehr viel älteren Generation an und ihre Erzählungen entsprechen voll und ganz ihrem romantischen Ideal der Volkspoesie. Sie glauben fest, dass ihre Märchen ursprünglicher, älter und "rein deutsch und nirgends erborgt" sind - eine Behauptung, die die Grimms schon in der zweiten Auflage dann wieder stillschweigend aus ihrer Einleitung streichen werden. Denn langsam dämmert ihnen, welch hugenottischer Einfluss im Repertoire dieser "ächt hessischen Bäurin" zu finden ist, nachdem sie einem konkurrierenden anderen Märchensammler - Johann Gustav Büsching - den französischen Ursprung einer seiner veröffentlichten Sagen vorgeworfen und als "fremdartig"  abgekanzelt haben...

Ab Mai 1813 besucht also "die Viehmännin" die Gebrüder in Kassel und erzählt und erzählt:
"Sie kommt fast alle Woche einmal und lädet ab, da schreiben wir an 3-4 Stunden abwechselnd ihr nach", notiert Wilhelm im Juli 1813. "Die Frau kriegt jedesmal ihren Kaffee, ein Glas Wein und Geld obendrein."
"Die faule Spinnerin" ist ihr erster Beitrag zum Märchenbuch ( hier kann man sich das Märchen vorlesen lassen ), dann im Juni "Doktor Allwissend" und "Des Teufels rußiger Bruder" und sieben weitere, im Juli unter anderem "Die klare Sonne bringt's an den Tag" oder "Die Gänsemagd" mit dem Spruch, der mir nicht aus dem Kopf geht:

"Falada, da du hangest."Da antwortet der Kopf: "O du Königsjungfer, da du
gangest, wenn das deine Mutter wüsste, das Herz tät ihr zerspringen.“

Im September des Jahres 1814 erzählt sie den Gebrüdern ihr letztes Märchen: "Der Teufel und seine Großmutter" ( nicht identisch mit "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren", das 1819 von den Brüdern Grimm veröffentlicht wird und ebenfalls auf Dorothea Viehmann zurückgeht  ).

Groß ist der materielle Gewinn für die Erzählerin aber nicht - im Gegenteil, bringen ihr die Exkursionen in die Stadt einen schlechten Ruf bei ihren Mitbewohnern im Dorf ein, die die vielen Besuche misstrauisch machen und sie schneiden. Dabei wird sie bei ihren Ausflügen meist von einem ihrer Kinder begleitet!

Stich aus der "Gartenlaube" nach L. Katzenstein: Die Brüder Grimm 
zu Besuch bei der Märchenerzählerin Dorothea Viehmann ( 1892)
© dpa
Der Stich gibt übrigens eine völlig falsche Idylle wieder: Nur einmal, so wird es von Wilhelm selbst aufgeschrieben, sind die "wackren Brüder" zu einer ihrer "Quellen" gegangen, echte Feldforschung in unserem Sinne haben sie nie betrieben. Die Erzählerinnen sind von alleine gekommen oder zu ihnen geschickt worden. Es ist ein Kreis aus rund 40 Personen gewesen, die ihnen den Stoff  für ihre Märchenbücher zugetragen haben.
Dorothea Viehmann ist nicht gerade typisch für die Märchenerzählerinnen der Grimms: Die meisten sind literarisch gebildete Damen, oft mit französisch-hugenottischem Hintergrund und so jung wie Jacob und Wilhelm gewesen: Marie Hassenpflug zum Beispiel, aus einer Hanauer hugenottischen Emigrantenfamilie stammend: Deren Urgroßmutter Marie Madeleine Debély kam aus dem Jura, ihr Urgroßvater war der aus dem Dauphiné nach Hessen geflohene Pfarrer Etienne Droume und ihre früh verwaiste Mutter wuchs in deren rein französischem Haushalt auf. Marie ist die Tochter des späteren Regierungspräsidenten von Kassel und 20 Jahre alt, als sie 1808 in der Stadt die Bekanntschaft der Gebrüder macht und von da an deren literarischen Gesprächskreis mit ihren Schwestern Jeanette und Amalie besucht. Von ihr stammen mindestens 20 Märchen, darunter "Dornröschen", "Schneewittchen" und "Rotkäppchen". Die Schwestern Hassenpflug sind mit französischen Märchen aufgewachsen und in ihren Erzählungen sind viele Passagen aus der Märchensammlung "Contes de Fées" des Charles Perrault zu finden. Eine andere "Quelle", Friederike Mannel aus der Nähe von Schwalm, ist über ihren Vater, der als Pfarrer und Lehrer Hugenottenkinder unterrichtete, über diese mit deren Märchen vertraut gewesen und hat perfekt Französisch gesprochen. Weitere adelige "Zuträgerinnen" sind Annette und Jenny von Droste-Hülshoff gewesen oder Ludowine von Haxthausen, die aus Westfalen Märchen beisteuerten.
Doch zurück zu Dorothea: Im Dezember 1914 setzt ihr der Tod ihres Schwiegersohnes Johann Strohberg, der an Typhus gestorben ist, physisch wie psychisch sehr zu,  denn ihre Tochter Anna Catharina ist mit ihren fünf Kindern in ihrer Existenz bedroht. Sie sind nun bei ihr untergekommen, und Wilhelm Grimm wird ins Vertrauen gezogen und überlegt, wie er ihr helfen kann.

Im Verlaufe des Jahres 1815 verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Märchenerzählerin und sie wird über das letzte halbe Jahr ihres Lebens bettlägerig. Eine Zeichnung von Ludwig Emil Grimm beweist, dass die Brüder den Kontakt nicht abreißen lassen. Wenige Tage nach ihrem 60. Geburtstag stirbt Dorothea Viehmann am 19. November 1815 und wird auf dem Matthäuskirchhof in Niederzwehren beerdigt. Ihr Mann Nicolaus überlebt sie um zehn Jahre.

Letztes Bildnis der Dorothea Viehmann von Ludwig Emil Grimm


Erst der hundertste Geburtstag von Jacob Grimm bringt die "Märchenfrau" ins Gedächtnis ihrer Mitmenschen zurück: In Kassel wird am ehemaligen Wohnhaus der Gebrüder eine Gedenktafel mit ihrem Porträt angebracht und die von einem Redakteur der "Hessischen Blätter" angeregten Erinnerungen des Niederzwehrener Pfarrers an Dorothea werden publiziert.

Heute weiß man also durch die Grimm - Forschung, dass es mit der deutschen oder hessischen Herkunft der Märchen nicht weit her ist - im 19. Jahrhundert wollte man das nicht wahr haben und hat aus den Kinder- und Hausmärchen ein nationalistisches Anliegen gemacht.

Ludwig Richters "Winter"
mit einer der Dorothea Viehmann
sehr ähnlichen Figur
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Viele Märchen sind den Gebrüdern Grimm zwar in Hessen zugetragen worden, enthalten aber auch Motive, die in den Märchen aus anderen mittel-, süd- und westeuropäischen Ländern, insbesondere Frankreich, vorkommen.

Bei Dorothea Viehmann haben die Märchen, die sie aus ihrer hugenottischen Familie kannte, Ergänzungen erfahren durch die Schwänke und eher derberen Geschichten, die die Fuhrleute in der Knallhütte erzählt haben. Und da sie über ein sehr gutes Gedächtnis verfügt hat, konnte sie die Märchen wortgetreu immer wieder nacherzählen und verlieh ihnen damit eine Authentizität, die die beiden Grimms beeindruckt und überzeugt hat:
"Die Anhänglichkeit an das Ueberlieferte ist bei Menschen, die in gleicher Lebensart unabänderlich fortfahren, stärker, als wir, zur Veränderung geneigt, begreifen. Eben darum hat es auch, so vielfach erprobt, eine gewisse eindringliche Nähe und innere Tüchtigkeit, zu der anderes nicht so leicht gelangt, das äußerlich viel glänzender erscheinen kann", interpretieren sie dieses Phänomen.
Damit geben die Grimms auch der zeittypischen Sehnsucht ihrer deutschen Landsleute nach dem "unverfälscht Ursprünglichen" nach.

Erwähnenswert ist an dieser Stelle, dass die Grimms die Erzählungen ihrer Zuträgerinnen in der Regel nicht unverändert übernommen haben, sondern in die Texte eingegriffen haben, denn in ihrer "Urform" wären die Bücher für Kinder nicht geeignet gewesen. Erst so wurden sie zum Verkaufserfolg.

Was soll's, sagt man sich da als überzeugte Europäerin, die sich der vielfältigen Wurzeln der eigenen Kultur bewusst ist, woher die Märchen kommen?  Sind sie nicht ein Zeichen für die gelungene Integration einstiger Glaubensflüchtlinge? Spiegeln sie nicht universelle menschliche Erfahrungen wieder, die den Fundus der Welt- und Märchenliteratur ausmachen? Und Dorothea Viehmann ist eine von denen, die ihren ganz besonderen, eigenen Beitrag zur Weltliteratur geleistet hat.






Kommentare:

  1. Ganz wunderbar hast Du das heute wieder geschrieben, Astrid. Als Kind habe ich gern Märchen gehört und gelesen, aber als Erwachsene haben sie sich mir noch viel mehr erschlossen.
    In der Erwachsenenbildung mit Frauen habe ich beruflich sehr viel mit Märchen gearbeitet und es waren oft Sternstunden dabei, weil es so intensiv und erhellend war für die Teilnehmerinnen und auch für mich.
    Dorothea Viehmann ist eine großartige Erzählerin und dass die jungen Grimms sich von der "alten" Frau faszinieren ließen, spricht für beide.
    Ohne die Grimms und ohne Dorothea Viehmann wäre mein Leben viel ärmer gewesen - und weniger europäisch. Genau wie Du schreibst.
    Herzlichst, Sieglinde

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  2. Klasse Beitrag. Auch bei mir standen und stehen jetzt bei meiner Tochter viele Märchenbücher. Sie gehören einfach dazu. Von Dorothea Viehmann hatte ich bisher noch nichts gehört. Richtig toll, dass du sie jetzt in den Blickpunkt setzt. Die Gänsemagd gehört übrigens zu unserer absoluten Lieblingsmärchen. Eine Verfilmung haben wir uns gerade gestern angesehen.
    Liebe Grüße

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  3. Ein so schöner Beitrag über das Schon-immer-Zusammenwachsen unser aller Erinnerungen, auch für mich als Märchenliebhaberin.Eine große Sammlung schön illustrierter Bücher aus viele Teilen Europas steht hier.
    An dem Stile der von den Grimms aufgeschriebenen Märchen, war immer zu spüren wie vielfältigen Ursprungs sie sein mußten und man könnte sicher ein paar zusammenstellen, die aus der gleichen Quelle stammen.
    Schön, dass an dem Haus in Kassel ihr Porträt hängt.
    Märchenhafte Grüße, Karen

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  4. Was für ein spannender Blick auf das Leben der Dorothea Viehmann und ihrer Bedeutung für unsere Märchenliteratur! Sie muss wirklich über ein hervorragendes Gedächtnis und Erzählbegabung verfügt haben. Da reiste sie ein paar Mal in die große Stadt und wurde gleich als "loser Vogel" gemieden, tssss..
    Wir sammeln auch internationale Märchen. Die wiederkehrende Motive zeigen auf, wie verwoben diese europäische Märchenkultur war.
    Danke für das tolle Portrait.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  5. Liebe Astrid,
    das war wieder sehr interessant. Märchen habe ich immer gerne gelesen und tue das auch heute noch.
    Danke für diesen sehr schönen Post.
    Ich wünsche Dir noch eine wunderschöne Restwoche.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  6. Ein interessanter Post. Ich hatte von dieser Frau bisher noch nie gehört.
    Lieben Gruß und ein wunderschönes Wochenende
    Katala

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  7. mit diesem artikel hast du mir aber eine große freude gemacht, liebe astrid! als waschechte kasselänerin und hugenotten-nachfahrin ist mir einiges aus deinem beitrag sehr bekannt. aber ganz vieles auch nicht und ich hab es mit großem interesse gelesen. natürlich kennt jeder in kassel die berühmte "knallhütte", aber leider war ich dort nie selbst zu gast. sollte ich das mal nachholen, werde ich genaustens schauen, welche erinnerungen an dorothea viehmann zu finden sind.
    liebe grüße
    mano

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    1. Habe beim Schreiben auch oft an dich gedacht, wie jetzt bei der Lektüre über Marie Hassenpflug. Habe viel über deine besondere Gegend erfahren und gestaunt.
      Alles Liebe!

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  8. ja..
    die Grimms Märchen
    ich hatte ein dickes Buch von ihnen mit schönen Bildern und liebte es innig
    die Märchen waren so ganz meine Welt
    von der Erzählerin wusste ich allerdings nichts
    schön dsas sie diese Geschichten alle in ihrem Herzen aufbewahrt hat und sie so weiter geben konnte
    LIebe Grüße
    Rosi

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