"Zu viel Empathie
kann einen Menschen nutzlos machen!
Auf diesem Drahtseil zu laufen ist nicht immer leicht.
Aber es ist der wahre Wert der Liebe."
Siri Hustvedt
Auch an diesem Samstag wie an dem der letzten Woche gab es nur ein sehr begrenztes Zeitfenster zwischen den Regengüssen, welches ich genutzt habe, um mich mit Vitaminen zu versorgen. Wie sehr frau sich darüber freuen kann, vor allem wenn man nur einen Umhängebeutel füllen & nach Hause tragen kann!
Sonntagfrüh beim Aufstehen: Ich sehe wieder, dass ich Nachbarn gegenüber habe. Noch ist einiges Blätterwerk am Baum, aber als es tagsüber Böen gegeben hat, konnte man ihrem Fallen zuschauen ( was ich mag ).
Abgelenkt davon hat mich ein Besuch der Schwägerin am Nachmittag, die mit Kuchen vorbeigekommen war:
Am Montag war ein Kontrollbesuch beim Operateur meiner neuen Hüftendoprothese angesagt. Von dort, im 5. Stock, schaut man über die dichte Innenstadtbebauung am Ring in Richtung Colonius.
Anschließend bin ich mit der Straßenbahn zum Neumarkt gefahren, wo die Herrnhuter Sterne des Weihnachtsmarktes in den Platanen aufgehangen wurden. Bei einem Tee hab ich eine Pause vom Schaufensterbummel eingelegt. Auch das wieder ein Zeichen der Normalisierung!
In der siebten Woche nach der OP ist mein Alltag doch noch sehr geprägt von den Folgen des Eingriffs. Jedenfalls muss ich viel dafür tun, damit ich an Kraft & Ausdauer zurückgewinne und die diversen unangenehmen Gefühle in einigen Teilen des Beines bzw. des unteren Rumpfes in Grenzen halte.
Noch immer nehme ich die Stützen, wenn ich mich draußen bewege: Zu viele Menschen, zu rutschige Untergründe dank Laubfall, zu viele Hindernisse auf dem Weg. Nur im Haus und in der unmittelbaren Nachbarschaft laufe ich seit der Rückkehr aus der Reha ohne. Mit zunehmendem Alter bin ich vorsichtiger bzw. ängstlicher geworden, merke ich. Und mir fehlt mein Gefährte: Sich jeden Tag immer wieder alleine zu Unternehmungen zu bewegen, ist auch anstrengend. Sonnenschein ist da ein hilfreicher Motivator und lässt die Laune steigen.
Fünf Monate ist es her, dass ich an der Stickmaschine gesessen habe. Die Dame war denn auch schwer beleidigt, und für Arbeiten, die höchstens eine Stunde in Anspruch hätten nehmen dürfen, brauchte ich nen halben Tag, örks! Aber es wird noch rechtzeitig zum Geburtstag des Großneffen ankommen, das ist die Hauptsache. Und der Nebeneffekt: Von meinen Malästigkeiten habe ich in der Zeit nichts gemerkt.
Von denen befreien mich immer auch immer zuverlässig meine Physiotherapeuten. Auf die könnte ich immer wieder das Hohelied singen. Im Anschluss an die Behandlung gehe ich dann auch gerne durch die Gegend und lande auch schon mal bei "Törtchen, Törtchen".
Am Donnerstagabend dann ein langer Martinszug vor meiner Haustür. Die schönen Laternen, vor allem auch die mit den Klassentieren, haben mir die Tränen in die Augen getrieben, denn ich habe an die tolle Zeit in der Schule in Riehl mit meiner Freundin, der Lieblings-Ex-Kollegin, vor 15 Jahren gedacht. Herzliche Grüße auf die Schääl Sick!
Und an dich, liebe Frau Frieda, auch herzliche Grüße und ein Dankeschön für die witzige Gänsekarte, die auf dem Foto rechts unscharf im Hintergrund zu ahnen ist!
Der Freitag war ein echter Hausfrauentag, allerdings erst, nachdem der Paketbote mich um zehn aus dem Bett geklingelt hatte. Da ging es los mit Betten beziehen, Sommerkleidung verräumen, Blumen dekorieren, Wäsche waschen & falten. Zwischendurch gab es allerdings ein nettes Schwätzchen mit einer Nachbarin über Gott & alle Welt, unsere Enkelkinder & Ehemänner, unsere gemeinsame Krankheit und überhaupt. Das hat gut getan, liebe Marie - Anne!
Am Nachmittag bin ich dann erstmals eine längere Strecke ohne Stützen zum Arzt gelaufen. Als ich mir zu Hause einen Espresso und drei Stückchen Spekulatius ( das ist für mich das, was für Nicole/Frau Frieda der Weckmannn ist: Martinstradition) gegönnt habe, regnete es auch schon wieder.
Die Erinnerungstage zuletzt - hundertster Jahrestag des Hitlerputsches in München am Mittwoch, am Donnerstag dann die Erinnerung an die Pogromnacht vor 85 Jahren - lassen mich in diesem Jahr mehr als beklommen zurück, beschäftigen mich natürlich auch die Ereignisse von vor einem Monat bzw. der letzten Wochen & Tage. Besonders die Reaktionen darauf hierzulande bzw. auch international in diversen Organisationen & Einrichtungen. Wieder einmal muss ich wie in den letzten Jahren konstatieren, dass mir Positionen & Anschauungen, denen ich auch mal zugeneigt war, im Alter gar nicht mehr passen. Ich habe zwar nicht wie (zu) viele Menschen mein physisches Zuhause verloren, aber meine geistige Heimat. Plötzlich fällt es mir schwer, die sich stets für das Existenzrecht beider Nationen eingesetzt hat, den israelischen Militäreinsatz zu kritisieren ( da steh ich wohl nicht alleine da ).
"Dass Juden nicht toleriert werden, selbst wenn sie sich mit Palästinensern solidarisieren, ist das Gegenteil von Menschlichkeit, nämlich Antisemitismus in seiner radikalsten Form",- da stimme ich mit Navid Kermani vollkommen überein. Und "gut versorgt im sicheren Deutschland, sollte jedem das Mitgefühl für die Opfer gleich welcher Seite möglich sein." Dass ich eine Pause gemacht habe, mich zu diesem Thema zu äußern, hat nicht nur mit meiner akuten persönlichen Situation zu tun, sondern die Empathie für die tausendvierhundert ermordeten Menschen ließen mir die Worte versagen. Für die Reaktionen der eher links verorteten Israelkritiker schäme ich mich. Da bestätigt sich wieder die Beobachtung, die ich schon bei Butscha machen musste: "Mitgefühl mit den Opfern ist offenbar nur möglich, solange die Täter dem Westen zugeordnet werden können", um nochmals Navid Kermani zu zitieren.
Das ist nicht mehr meine politische Gedanken - Welt. Das sind nicht mehr meine Ideen und Werte, die mir jahrzehntelang den Weg gewiesen haben, nämlich Humanismus, Feminismus und Liberalismus. "Die Linke ist zu einer Eisdiele geworden, in der man sich aussuchen kann, auf welche Geschmacksrichtung von Menschenrechten man gerade Lust hat", sagt die israelische PEN-Gründerin Julia Fermentto-Tzaisler. Sehe ich auch so. Schlimmer noch...
Natürlich setze ich mich auch heute wieder zu Andrea Karminrot an den Tisch zum Samstagsplausch, verlinke mich mit der Gartenwonne, mit "Niwibo sucht... Schöne Dinge" ( auch diese Woche hab ich wieder einiges gefunden ) und Heidruns "Mosaic Monday".





















































