Nachdem ich im Leo Tolstois "Anna Karenina" gelesen und darin seine Vorstellungen von Ehe & Familie kennengelernt hatte, stellte sich mir automatisch die Frage, wie es um seine eigene Ehe bestellt war bzw. welche Rolle seine Ehefrau darin gespielt hat. Gleichzeitig kam mir die Idee, über sie im Blog zu schreiben: Sofja Tolstoi. Was ich da erfuhr, fand ich einfach nur bedrückend bis empörend und weit entfernt vom im Roman entworfenen Ideal.
Sofja Andrejewna Tolstoi kommt am 22. August 1844 ( nach gregorianischem Kalender am 9. September ) als Sophia Andrejewna Behrs auf die Welt in Pokrowskoje-Streschnjowo, heute zu Moskau gehörend, wo sich der Landsitz der Familie befunden hat. Diese Familie - der Vater Andrei Jewstafjewitsch Behrs ( da er deutsche Vorfahren hat auch Andreas Gustav Behrs genannt, 1808 geboren ) ist Kaiserlicher Hofarzt - lebt während des restlichen Jahres in einer Dienstwohnung im Ordonnanzhaus des Kremls nicht gerade großzügig, aber von meist zehn Dienern versorgt, ohne den Luxus, wie er in St. Petersburg üblich ist. Es ist das Leben einer bescheidenen Beamtenfamilie jener Zeit.
Sofjas Mutter Ljubow Alexandrowna Islawina, 18 Jahre jünger als ihr Mann, stammt aus eher ungewöhnlichen Verhältnissen, hat doch ihre Mutter, Sofjas Großmutter, getrennt von ihrem Ehemann, einem Grafen Koslowski, mit einem Gutsbesitzer in Tula, Alexander Michailowitsch Islenew, von einem Priester heimlich getraut zusammen gelebt, mit dem sie sechs Kinder hat. Ljubow ist ihre Jüngste. Diese Kinder sind aber offiziell nicht anerkannt und tragen deshalb den Fantasienamen Islawin, was zeigt, dass sie alle Adelsprivilegien verloren haben. Die Großmutter hingegen ist einst Hoffräulein gewesen, und ihr Vater unter Katharina der Großen Chef der Geheimkanzlei, weshalb diese Geschichte am Zarenhof sehr viel Staub aufgewirbelt hat.
Da Sofja und ihre Schwestern keine hohe Mitgift in eine Ehe einbringen können, wird von ihren Eltern besonderer Wert auf eine gute Erziehung & umfassende Bildung als ihr Kapital gelegt. Französische wie deutsche Gouvernanten vermitteln Sprachkenntnisse, der Umgang mit Literatur, Zeichnen, Gesang wird gepflegt, Tanzunterricht genommen und Oper und Theater besucht. Nach dem Unterricht beteiligen sich die Mädchen schon seit früher Kindheit an der Haushaltsführung, nähen und erhalten ihre Wäsche selbst, geben der Köchin aus der Vorratskammer die Tagesration heraus, denn diese Bevorratung wird auch von ihnen organisiert. Außerdem kochen sie am frühen Morgen den Kaffee für den Vater - mit allen Schikanen, die damals dazu gehören. Die Mutter ist eine eher strenge Erzieherin, die bei schlechtem Benehmen auch vor Schlägen nicht zurückschreckt. Der Vater hingegen wird als warmherzig beschrieben.
Er schätzt ein offenes Haus und ist frei von Dünkel, politisch strikt monarchistisch eingestellt. Als Besucher ist den Kindern der Behrs der um einiges ältere Tolstoi immer sehr willkommen. Sie bewundern seine Eleganz, seinen Charme & seine Fröhlichkeit, schätzen, dass er mit ihnen Rollen einstudiert, mit ihnen singt und ihnen Rätsel aufgibt.
Lew Nikolajewitsch Tolstoi, geboren am 28. August 1828 auf dem Landgut Jasnaja Poljana, 220 Kilometer südlich von Moskau gelegen, entstammt einem alten russischen Adelsgeschlecht mit einer nachvollziehbaren Abstammung bis ins 14. Jahrhundert. Als er, der zweitjüngste von Fünfen, kaum zwei Jahre alt ist, stirbt die Mutter, und eine entfernte Verwandte des Vaters ersetzt den Kindern diese. Der Vater stirbt dann, als der Junge fast neun ist. Eine Schwester des Vaters übernimmt die Vormundschaft und die Kinder in ihrer Familie in Kasan auf. Eine Erziehung, die dem Jungen moralische Werte vermittelt, übernimmt sie nicht, und Tolstoi wird später schreiben, dass im Gegenteil alles andere wie Habsucht, Sinnlichkeit, Stolz, Wut usw. begrüßt wurde. 1844 nimmt er ein Studium an der Universität Kasan auf. In der Stadt gibt es alle Möglichkeiten des Amüsements für den jungen Mann ( schon mit fünfzehn hat er seine Unschuld verloren ). Auf dem Land hingegen inszeniert er sich als das ganze Gegenstück zum städtischen Stutzer. Nach einem Wechsel an die juristische Fakultät bricht er das Studium 1847 ab, um auf dem Landgut der Familie die Lage der Bevölkerung durch Reformen zu verbessern. 1851 tritt er in die zaristische Armee ein, nimmt am Kaukasus- wie Krimkrieg teil, um dann ab 1855 zwischen seinem Landgut und St. Petersburg hin und her zu pendeln. Im Kaukasus hat er zu schreiben begonnen, in Jasnaja Poljana verstärkt er seine reformpädagogischen Bestrebungen und richtet Dorfschulen nach dem Vorbild Rousseaus ein. In dieser Zeit lebt er mit der Bäuerin Aksinja Basykina zusammen, die mit einem seiner Leibeigenen verheiratet gewesen ist und mit der er einen Sohn hat, der auf dem Hof aufwächst und später zeitweilig als Stallbursche bei ihm arbeitet. 1861 schafft auch der Zar Alexander II. in Russland als einem der letzten Länder Europas die Leibeigenschaft ab. Tolstoi sucht weiterhin seinen Platz im Leben und in der Literatur. Er ist jetzt 33 Jahre alt und wild entschlossen zu heiraten.
Lew Tolstoi
(1856)
Im Jahr 1861 legt auch die siebzehnjährige Sofja an der Moskauer Universität das Examen zur Hauslehrerin ab. Mit ihrer Schwester hat sie sich auf dieses Examen zu Hause vorbereitet, denn die Universität ist Frauen noch verschlossen. Durch ihre Hauslehrer kommt sie in Kontakt mit den "neuen Ideen" der Zeit. Ihr Hauptfach ist jedoch die Russische Sprache. Bereits mit sechzehn hat sie eine Novelle geschrieben und führt regelmäßig Tagebuch.
"Mein Ich war unabhängig von Raum und Zeit frei, grenzenlos und allmächtig. Diese letzten Tage meiner Jungmädchenzeit waren von einer besonderen Lebenskraft und inneren Ergriffenheit bestimmt." ( Quelle hier )
Die äußerst traditionsverhaftete Mutter macht ihren Töchtern aber klar, dass die Bestimmung der Frau die Familie ist. Also werden sie in die Gesellschaft eingeführt und nehmen an Tanzabenden teil, um Heiratskandidaten zu finden. Bei seinem Aufenthalt in Moskau 1862 ist Tolstoi wieder häufiger Gast bei den Behrs. Die rechnen damit, dass der Graf um die Hand der ältesten Tochter anhalten wird, schließlich ist die ernst, klug und eine sachkundige Gesprächspartnerin auf seinen Interessengebieten. Auch "Lisa, die Professorin" zeigt sich verliebt. Tolstoi aber fehlt das "Gefühl".
Als das Frühjahr naht, taucht Tolstoi wieder auf und lässt sich auf dem Weg zu einer Kur in der baskirischen Steppe von Dr. Behr untersuchen ( seine beiden Brüder sind an Tuberkulose gestorben ). Der befindet ihn so gesund, dass er auch heiraten könne. Doch Tolstoi reist weiter und lässt eine verwirrt-betrübte Sofja zurück. Auf ihrem Zimmer schreibt sie an ihrer Erzählung "Natascha", die von drei Schwestern handelt und ihren Erwartungen gegenüber den zwei männlichen Protagonisten.
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| Jasnaja Poljana (1942?) |
Als Sofjas Mutter mit ihren Töchtern zu ihrem Vater auf einen Besuch reist, schauen sie für ein paar Tage auch bei Tolstoi auf dessen Gut vorbei, welches Sofja zum ersten Mal kennenlernt. Und kaum sind sie ein paar Tage fort von ihm, taucht er schon bei Sofjas Großvater auf. Bei einer Abendgesellschaft dort kommt es zum Schluss zu einer Liebeserklärung, die Leser*innen von "Anna Karenina" kennen werden: Sie hat als Szene zwischen Lewin & Kitty Eingang in die Weltliteratur gefunden. Zumindest hält es Sofja so in ihrem Tagebuch fest...
Auf ihrem Heimweg nach Moskau begleitet Tolstoi die Damen Behrs, und Sofja gibt ihm ihre Erzählung zu lesen: "Welch eine Energie der Wahrheit und Schlichtheit", hält sein Tagebuch dazu fest. Im Hause Behrs herrscht allerdings dicke Luft, denn der Vater ist ungehalten darüber, dass sich Tolstoi nicht an die Konventionen hält und der ältesten Tochter den Hof bzw. einen Antrag macht. Auch Tolstoi bleibt Gefühlsschwankungen unterworfen, wobei er nach eigener Aussage die ältere Schwester zu hassen beginnt. Drei Wochen gelingt es ihm nicht, sich zu offenbaren. Immer wieder ist er irritiert, worin ein Zeichen für seine ambivalenten Einstellung zu Frauen und der eigenen Sexualität zu lesen sein dürfte. Der Traum von reiner Liebe und harmonischem Familienleben, den er in jener Zeit seiner Ausschweifungen in seiner Erzählung "Familienglück" ausgemalt hat, ist ein Versuch, den quälenden Zwiespalt zu überwinden und die eigene Sinnlichkeit in eine gesellschaftlich und moralisch akzeptierte Form zu kanalisieren. Von all dem ahnt die achtzehnjährige Sofja nichts.
"Die Lektüre dieser Tagebücher, die er mir aus allzu großer Gewissenhaftigkeit vor der Eheschließung zu lesen gab, erschütterte mich. Hätte er es lieber nicht getan! Ich habe viele Tränen vergossen bei der Enthüllung seiner Vergangenheit."
Für die romantisch-gefühlige Sofja ist die Ehe wiederum die Vereinigung zweier Seelen, die gemeinsam durchs Leben gehen und alles teilen. Ihre Naivität wird alsbald mit der Impulsivität des "Genies" kollidieren. Ob sie ihn liebt? Sie empfindet zumindest tiefe Bewunderung für den Mann, der die menschliche Seele, auch die einer Frau, zu durchdringen und all ihre Feinheiten meisterhaft literarisch zu verarbeiten vermag. Ihr Bild vom besonders sensiblen und vergeistigten Gefährten ist jetzt allerdings perdü. Stattdessen ist der verehrte Zukünftige spiel-, sex- und alkoholsüchtig, dazu geschlechtskrank. "Seine Vergangenheit [...] verschwand niemals aus meinem Herzen..."
Das Ideal gilt also nur für den Schriftsteller. Im realen Leben ist Lew Tolstoi ein schroffer Kerl mit einem teuflischen, unberechenbaren und jähzornigen Temperament, der zwischen unbändiger sexueller Lust und dem Schwur ewiger Keuschheit immer wieder schwanken wird. Welch ein Start also ins viel beschworene "Eheglück"! Sofja fürchtet sich vor Tolstoi und fühlt sich von der körperlichen Seite der Liebe angeekelt. Bereits am 9. Oktober 1862 notiert sie: "Wie abstoßend ist die körperliche Liebe!" Auch Tolstoi scheint von der Ehe auf sexuellem Gebiet enttäuscht gewesen zu sein. Er wirft seiner Frau Frigidität vor:
"Ich berührte sie - sie war am ganzen Körper glatt, angenehm anzufassen und halt, aus Porzellan ... Alles nur zum Ansehen bestimmt" - so seine Tagebuchaufzeichnung.
Sie, das Stadtkind, ist mit ihm nach Jasnaja Poljana gezogen, was keineswegs ein herrschaftliches Anwesen ist, denn Tolstoi hat Teile davon verkaufen müssen, um Spielschulden auszulösen. Es ist allerdings ihre eigene Entscheidung gewesen wie bei Kitty in der "Karenina". Dass sie die Trennung von ihrer Familie dennoch sehr schmerzt, versteht Tolstoi nicht. Doch sie will auch ihr Glück. Und das versucht sie, indem sie den vorgezeichneten Weg einer traditionellen Ehe anstrebt, was ihr Mann ja nie vorgelebt bekommen hat. Einem Hauswesen vorzustehen hat sie gelernt und sie führt jetzt die Alltagsregeln auf dem Gut ein, die sie aus ihrer Familie kennt.
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| Nicolai Ge: "Porträt von Gräfin Sofia Andrejewna Tolstaja mit Tochter Alexandra" (1886) |
"Dieser Zustand ermöglicht mir einen großen intellektuellen Spielraum. Nie zuvor habe ich meine intellektuellen und sogar meine moralischen Kräfte so frei und wirksam gespürt … Jetzt bin ich Schriftsteller mit der ganzen Kraft meiner Seele und schreibe und denke wie nie zuvor."
Unmittelbar danach widmet er sich auch schon seinem nächsten Roman "Krieg und Frieden", dessen Manuskript, so heißt es, Sofja insgesamt sieben Mal in Reinschrift übertragen wird und bei dessen Konzeptualisierung sie beteiligt ist. Sie stellt nun alles, was sie kann, in den Dienst seines "Genies" und sieht ihre Berufung darin. Es ist das Momentum, das endlich etwas Ruhe, Frieden und Gemeinsamkeit in die von Konflikten, besonders aus Eifersucht ( auf beiden Seiten ), geprägte Beziehung bringt. In der Figur der Natascha Rostowa legt der Schriftsteller seine patriarchale Auffassung von der Rolle der Frau nieder, die in der Liebe & Fürsorge für Ehemann und Kinder die einzig mögliche Erfüllung findet.
Sofja ist parallel zu diesem Projekt dauernd schwanger. In den sechs Jahren der Arbeit an diesem Werk der Weltliteratur bringt sie drei Kinder zur Welt und erleidet zwei Fehlgeburten. Und dann besteht ihr Mann auch noch darauf, dass sie diese Kinder, anders als in ihren Gesellschaftskreisen üblich, selbst stillt. Nach dem dritten Kind, dem Sohn Ilja, wird 1866 immerhin eine englische Gouvernante ins Haus aufgenommen, die all die Neuerungen durchsetzt, die Tolstoi Sofja versagt hat, u.a. die Hygiene betreffend und die Kleidung der Kinder. Nun unterscheidet sich die Lebensführung der Tolstois kaum noch von der anderer Gutsbesitzer, denn auch die Buchführung - Sofjas Obliegenheit bis dahin - übernimmt ein neu eingestellter Verwalter.
Insgesamt wird Sofja in ihrer Ehe sechzehnmal in anderen Umständen sein, darunter drei Fehlgeburten. Von den dreizehn lebend geborenen Kindern werden nur acht das Erwachsenenalter erreichen ( die Liste der Kinder ist bei Wikipedia zu finden ). Das geht so weiter bis zu Sofjas 44. Geburtstag 1888, als sie den kleinen Iwan bekommt, der nur sieben Jahre alt werden wird.
"Ich liebe meine Kinder innig, mit Schmerz: Jedes Leid, so gering es auch sein mag, treibt mich zur Verzweiflung; ein Lächeln, ein Blick, lässt mich vor Freude weinen. [...] Stillen ist sehr anstrengend, und ich fühle mich oft schwach. Wenn ich die Kinder nicht so sehr lieben würde, wäre alles leichter."
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| Ohne Jahr |
"... dies war meiner gesamten Idee des Familienlebens derart entgegengesetzt, daß ich lange nicht entscheiden konnte, wie dieses Leben fortgesetzt werden könne. Ich habe sogar an Scheidung gedacht."
Er selbst interessiert sich für seine Kinder erst, als sie größer sind. Sohn Ilja wird einmal aussagen, dass er in seinem ganzen Leben keine Zärtlichkeit von seinem Vater empfangen habe, ist aber überzeugt, dass er von ihm geliebt worden ist. Die Kinder werden ihn auf jeden Fall lebenslang respektieren, ja verehren.
Nach der Veröffentlichung von "Krieg und Frieden" wechseln sich bei Sofjas Mann Attacken von Depression & Selbstzweifeln ab mit Phasen der Unbeschwertheit. Er hat alle literarischen Beschäftigungen aufgegeben und dafür in ihren Augen sinnlose Tätigkeiten aufgenommen. Sie selbst hat nach der Geburt ihres letzten Kindes, Leo, abgestillt, als sie sich wieder schwanger fühlt. Die Schwangerschaft ist mehr als beschwerlich, doch Tolstoi ist mit seinen Depressionen beschäftigt. Als das Mädchen Maria vorzeitig geboren wird, erkrankt Sofja am Kindbettfieber und schwebt zwischen Leben und Tod, so dass er aufrichtig um sie bangt, um sich wieder innerlich zurückzuziehen, als sie sich erholt. Er verkriecht sich alsdann auch wieder zu einer Kur in die baskirische Wüste. Dort merkt er, wie sehr er sie braucht und bittet um ausführliche Briefe über ihren Alltag. In Jasnaja Poljana lässt Sofja unterdessen das Haus renovieren. Alltägliche Begebenheiten, die sie ihm mitteilt, finden später Eingang in literarische Szenen in seinem nächsten Werk. Rückblickend hält sie in ihrem Tagebuch allerdings fest, dass in jenem Winter, in dem sie so krank gewesen ist, sich ein Schatten über ihr Eheverhältnis gelegt hat:
"Ich weiß, daß in mir der feste Glaube an das Glück und an das Leben zerbrochen ist, den ich besaß", hält sie fest. "Ich habe meine Festigkeit verloren und habe nun die ständige Angst, etwas könne geschehen."
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| ca. 1874 |
"Der Winter war glücklich," wird Sofja festhalten, auch, weil seine Gesundheit "nicht schlecht" ist und er auch wieder zu schreiben beginnt - an einer ABC-Fibel! Die ganze Familie macht da mit. Sie übersetzt dafür Geschichten aus dem Deutschen & Französischen, versieht die Buchstaben mit Zeichnungen. Überhaupt entstehen unter ihrer Hand zahlreiche Bilderbücher, für die eigenen wie für fremde Kinder. Vormittags unterrichtet sie die eigenen Kinder, nachmittags die Dorfkinder, letzteres gibt sie auf, als sie wieder schwanger geworden ist. Ihre Kinder erleben diese Mama als keine, die etwas für sich selbst fordert, dafür alles für ihren Nachwuchs gibt: "... ein anderes Leben konnte und durfte sie nicht haben", so Sohn Ilja später. Wie sie das alles schafft? Mehr als fünf Stunden Schlaf gönnt sie sich fast nie...
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| Illustration von Sofja Tolstoi |
Er unterbricht aber nicht deswegen seine Arbeit, immer wieder, sondern weil er sich erneut der Volksbildung verschreibt und unzufrieden mit sich selbst & dem Roman ist. Sofja missfällt das, denn sie zieht aus der gemeinsamen Verschriftlichung eines literarischen Werkes auch ihre ganz eigene Kraft & Freude. Ihre Gesundheit und ihr Lebensmut erschöpfen sich so immer weiter. Es ist zwar nicht die gefürchtete Tuberkulose, doch ihr Arzt macht ihrem Ehemann Vorwürfe, sie nicht geschont zu haben. Es fällt ihm schwer, angesichts der erneuten Schwangerschaft - der zehnten - versucht er es. Wegen einer Bauchfellentzündung Sofjas kommt das Kind zu früh und lebt kaum eine Stunde. Zudem stirbt eine weitere Tante auf dem Landgut - all dieses Unglück setzt seiner Frau gesundheitlich zu, aber Tolstoi beklagt nur sich selbst:
"Es gibt nichts Schlimmeres für einen gesunden Mann als die Krankheit seiner Ehefrau. Ich habe diesen Zustand im vergangenen Jahr durchlitten und leide noch immer darunter."
Viel mehr beschäftigen ihn die Themen Religion und Tod. Während er den Sommer auf seinem Gut Samara verbringt, verfasst seine Frau eine kurze Biografie des Schriftstellers. Aus der Ferne liebt er seine Frau dann wieder innig und sieht sich, wieder heimgekehrt, in der Lage, am Roman gemeinsam mit ihr zu arbeiten. In der Erinnerung ihrer Kinder ist sie weit mehr und länger mit dieser Arbeit beschäftigt als ihr "Papa". Als die letzten Kapitel von "Anna Karenina" publiziert werden, steht Russland & Europa unter dem Eindruck der Balkankrise und die Tolstaja erwartet ihr elftes Kind. Sie hat große Angst, aber Andrej bleibt am Leben.
"Ruhm" - das ist das, was der dreißigjährige Lew damals für sich gewünscht hat. Nun hat er ihn und mit seiner großen Anerkennung beginnt für ihn eine Phase der Orientierungslosigkeit. Sofja lässt die Verzweiflung ihres Mannes nicht ungerührt, doch hat sie bei all den Bürden, die sie übernommen hat, um ihn freizustellen, nicht das Bedürfnis, "sich ausgedehnten Überlegungen über den Sinn des Lebens hinzugeben", so ihre Biografin Ursula Keller. Sie ist nicht übermäßig religiös und daran gewöhnt, dass er alles bis zum Äußersten betreibt. Und während sie ihm noch Folge leistet und ein orthodoxes Leben in ihrem Hause aufrecht erhält, ist er schon wieder bei seinen Zweifeln an der Richtigkeit der Religion. Während die Familie z.B. noch fastet, verkündet er, dass er das nicht mehr tut.
"Aber ich konnte mich mit meinen neun Kindern doch nicht wie eine Wetterfahne dorthin drehen, wohin mein Mann, immerfort seine Anschauungen ändernd, sich begab", schreibt sie in ihrer kurzen Autobiographie.
Im Dezember 1879 schenkt Sofja Michail das Leben. Da ist für ihren Mann schon ein Schlussstrich unter seine Beziehung zu seiner Frau und dem Familienleben im Allgemeinen gezogen, denn er erlebt seine "geistige Geburt". Er beginnt ausnahmslos alle zu missionieren, und auch Sofja, nun Mitte dreißig, stellt ihr Leben in Frage:
"Wie ich all dies hasse, mich selbst und mein Leben und mein sogenanntes Glück. Alles ödet mich an, alles ist mir zuwider."
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| Die Familie (1882) |
Die Geburt von Alexeij im Oktober 1881 lässt ihn unberührt. Er wird nur gelegentlich bei der Familie in Moskau weilen. Sie schreibt ihm: "Was brauchst Du denn dann?Wenn ich es nur wüßte!"
Was SIE braucht, erlebt sie in Moskau, wo sie mittlerweile ein Haus gekauft haben. Sie begleitet ihre Tochter Tatjana auf Bälle und holt die in der Jugend entgangenen Freuden nach, setzt sich selbstbewusst über die Ansichten ihres Ehemannes hinweg. Als junge Frau hat sie sich seiner Autorität gebeugt - das will sie mit fast vierzig nicht mehr. Seine physische Kraft, auch seine Manneskraft & übergroße Leidenschaft und seine Erfahrung hat sie physisch erdrückt, weiß sie jetzt. Sie beginnt sich zu emanzipieren. Dennoch lässt sie sich wieder von ihm schwängern und ist verzweifelt. Die Atmosphäre in der Familie ist angespannt, und er beschwert sich, dass man ihm die Rolle des "griesgrämigen Alten" zugewiesen hab, dass er in einem Irrenhaus leben müsse, "das von Verrückten geleitet wird." "Sie ist schwer geistig krank", notiert er in seinem Tagebuch. "Und der Punkt ist die Schwangerschaft. Große Sünde und Schande."
In der Nacht vor Alexandras "Saschas" Geburt will er nach einer Auseinandersetzung die Familie für immer verlassen, kann aber zum Bleiben bewegt werden. Doch damit ist Sofjas Martyrium noch nicht zu Ende: "Sie beginnt, mich sinnlich zu reizen...", notiert er drei Wochen nach der Geburt. "Bis zu meinem Tode bleibt sie ein Mühlstein an meinem Hals und dem der Kinder." Und er besteht auf seinem ehelichen Recht. Als es zu gesundheitlichen Komplikationen kommt, verordnet der Arzt absolute Ruhe und Enthaltsamkeit. Sofja hat nichts Besseres zu tun, als ihm seine Schuldgefühle zu nehmen...
Zudem steht der bescheidene Wohlstand der Tolstois auf dem Spiel, weil seit "Anna Karenina" keine Honorare eingenommen werden. Auch hat Tolstoi die Anwandlung, sein Vermögen aus den Anwesen Samara & Nikolskoje auf die Armen zu verteilen. Sofja wehrt sich, denn das würde die Zukunft ihrer Kinder stark beeinträchtigen. Wegen solcher Ansichten gilt sie fortan als geizig, und man wird ausdauernd behaupten, sie habe ihn nie verstanden. Das Paar findet schließlich einen Kompromiss, und er bevollmächtigt seine Frau, seine Vermögensangelegenheiten und die Drucklegung seiner Werke eigenverantwortlich zu führen, sie übernimmt allerdings nicht sein Eigentum. Er ist nun zwar von der Last des Besitzes befreit, aber diese Frage wird ein ewiger Streitpunkt bleiben. Sofja setzt sich mit der Witwe Dostojewskis ins Benehmen, um von ihren verlegerischen Erfahrungen zu profitieren, sie steigt also ins Verlagsgeschäft ein. Immer mehr leben die Ehepartner in zwei verschiedenen Welten und Tolstoi begibt sich immer mehr in die Hände der "Tolstojaner"
Den Rest gibt Lew Tolstoi seiner Ehe mit einem literarischen Femizid an seiner Frau - so Simone Meier an dieser Stelle -, als er die Novelle "Die Kreutzersonate" verfasst. Sie entsteht in der Zeit von 1887- 89. Die Erstveröffentlichung erfolgt 1890 in deutscher Übersetzung, denn in Russland darf die Novelle erst 1891 erscheinen. In diese Zeit fällt auch die Geburt des letzten Kindes der Tolstois, des kleinen Iwan.
In der "Kreutzersonate" ist von einem Mann namens Posdnyschew die Rede, der durch die Lasterhaftigkeit und Lüsternheit seiner Frau bis zum Mord an ihr getrieben wird. Was für ein vom Haß erfülltes Pamphlet gegen das weibliche Geschlecht! Die Frau bezeichnet Tolstoi als "räudige Hündin", als "Ratte". Seine Phantasien sind gewalttätig und mordlüstern, und er offenbart auf diese Weise, dass zwischen den Ehepartnern wirklich die "Hölle" herrscht und nicht nur in der Einbildung von Sofja. In seinem Tagebuch schreibt er, es geht es um einen "Kampf auf Leben oder Tod".
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| Walentin Serow: "Sofja Tolsaya in Jasnaja Poljana" (1892) |
"Die fehlende Harmonie auf sexuellem Gebiet war jedoch nur eines von vielen Problemen, das Sofja Tolstoya belastete und aus ihr schließlich jene frustrierte Frau machte, als die sie von Zeitgenossen und der Nachwelt wahrgenommen wurde. Die Lieblosigkeit ihres Mannes, seine Abkehr von der Literatur, sein politischer Fanatismus und sein moralischer Rigorismus, der Tod von sechs Kindern, darunter ihres Lieblingssohnes Wanitschka, die Enttäuschung über die Entwicklung der sieben überlebenden Kinder - das alles belastete sie und stürzte sie immer wieder in schwere Depressionen. Ihre Tagebücher zeigen sehr gut den Desillusionierungs- und Verschleißprozeß, der aus einem lebenslustigen, liebenswürdigen und begeisterungsfähigen jungen Mädchen eine verbitterte und zänkische alte Frau machte." ( Quelle hier )
Sie schreibt die "Kreutzersonate" noch einmal neu, jetzt erzählt sie die Geschichte der Frau unter dem Titel: "Wessen Fehl? Die Erzählung einer Frau. ( anläßlich der "Kreutzersonate" Lew Tolstois. Niedergeschrieben von der Gattin Lew Tolstois in den Jahren 1892/1893 ), aber es kommt zu keiner Veröffentlichung. Erst mit einhundert Jahren Verspätung wird das Werk in Russland publiziert, 2008 dann bei uns unter dem Titel "Eine Frage der Schuld".
1891 initiiert Sofja von Moskau aus eine Unterstützungsaktion für das russische Volk während einer Hungersnot an Wolga, im Ural und der Ukraine, ausgelöst durch eine extreme Dürre, indem sie in den Zeitungen Spendenaufrufe veröffentlicht, und so anschließend Waggonladungen an Brot & Gemüse für die Garküchen auf den Dörfern organisieren kann.
1895 stirbt ihr jüngster Sohn Iwan, genannt Wanetschka, der Liebling aller, ein besonders kluges & empfindsames Kind. Die älteren Kinder heiraten nach und nach. Folge ist eine große Leere mit Niedergeschlagenheit & Teilnahmslosigkeit. Aus diesem Zustand befreit sie die Musik. In diesem Sommer - und dem im Jahr darauf - , als Sofia bereits über fünfzig Jahre alt ist, Tolstoi sich weiter von ihr und den Familienangelegenheiten distanziert und sich in seinem anarchischen christlichen Pazifismus verliert, besucht sie der Pianist und Komponist Sergei Tanejew in Jasnaja Poljana. Sofia beschreibt seine Anwesenheit als "angenehm und erfreulich". In Tolstoi ruft das Eifersucht hervor und er droht mit Suizid. Auch Sofja versucht mehrmals in jenen Jahren, Hand an sich zu legen. 1901 erkrankt Tolstoi schwer, und seine Ehefrau sitzt fast zehn Monate, unterstützt von ihren Töchtern, Nacht für Nacht an seinem Bett. Anschließend ziehen sie sich ganz aufs Land zurück.Sie besinnt sich aber auch aufs Schreiben wie in ihrer Jugend und und verfasst eine Anzahl von Texten, die zum großen Teil jedoch unveröffentlicht bleiben und noch heute für die Öffentlichkeit unzugänglich im Tolstoi-Museum liegen. Sie malt, sie fotografiert. Sie beginnt darüber nachzudenken, warum Frauen nicht schöpferisch sind. Als sie als Tolstois Mitarbeiterin ausgedient hat, die Kinder sie nicht mehr brauchen und ihre eigenen Wege gehen, verbittert Sofja zusehends: "Ich bin sehr einsam. Meine Kinder sind noch despotischer und herrischer als ihr Vater." 1903 klagt sie:
"Mir ist bewusst geworden, dass ich kein Wort des Trostes oder der Zuneigung mehr von ihm höre. Was ich vorausgesagt habe, ist eingetroffen: Mein leidenschaftlicher Mann ist tot, und wenn er nie mein Freund war, wie könnte er es jetzt sein? Dieses Leben ist nichts für mich. Ich weiß nicht, wohin ich meine Energie und meine Lebensfreude lenken soll; ich habe keinen Kontakt zu Menschen, Kunst oder Arbeit – nichts als vollkommene Einsamkeit den ganzen Tag lang.“
( um 1900 )
"Ihre eigenen Aufzeichnungen sind ein verzweifeltes Gegenanschreiben gegen das Bild der hysterischen und zänkischen Alten, als die sie Mann und Kindern am Ende erschien. Es gelingt ihr nicht: Sie verzehrt sich vor Haß und ihre Handlungen nehmen hysterische Züge an."
Sie nimmt Zuflucht in Bosheiten, Verleumdungen und Unwahrheiten, so dass am Ende ihr Mann als das bedauernswerte Opfer erscheint, zumindest unter seinen eingefleischten Anhängern.
Ein letzter Streit ereignet sich Ende Oktober 1910, nachdem er hinter ihrem Rücken in seinem Testament seine Werke der "Allgemeinheit" vermacht und den Tolstojaner Wladimir Tschertkow als Nachlassverwalter eingesetzt hat. Am 28. Oktober um fünf Uhr morgens verlässt Leo Tolstoi sie endgültig nach fast einem halben Jahrhundert gemeinsamer Zeit. Die Nachricht von der "Flucht" des Dichters geht um die Welt. Zehn Tage später stirbt er im Alter von 82 Jahren an einer Lungenentzündung in dem Bahnhof von Astopovo, umringt von Hunderten seiner Anhänger, Kameraleuten und Journalisten. Die Jünger verweigern Sofja den Zugang zu dem Sterbenden. Zuvor hat sie noch versucht, sich selbst in einem Teich zu ertränken. Die Meinung der Öffentlichkeit ist klar: Sie hat ihn in den Tod getrieben und sein Genie vernichtet. Dabei hat sie ihm ihr ganzes Leben gewidmet...
Ihre Memoiren "Mein Leben", die sie in ihren Witwenjahren verfasst hat, werden erstmals 2010 veröffentlicht, ihre Tagebücher schon 2009 mit einer Einleitung von Doris Lessing. Ihr Kurzroman "Lied ohne Worte", den sie in den Jahren 1897–1900 niedergeschrieben hat, ist 2010 als Weltpremiere in deutscher Übersetzung erschienen. In Russland ist er bis heute unveröffentlicht.
"Ein jedes Leben ist interessant und vielleicht wird auch meines irgendwann einmal jemanden interessieren, der wissen möchte, was diese Frau für ein Mensch war, die im Leben an die Seite des genialen und hochkomplizierten Grafen Lew Nikolajewitsch Tolstoi zu stellen Gott und dem Schicksal gefiel."
Oh ja, mich hat es sehr interessiert, aufgeregt, wütend gemacht und wieder einmal dazu verholfen, ein "Genie" auf Menschenmaß zu bringen.















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