Nach dem Wachwerden haben ich am letzten Sonntag reichlich hurdle-durkling betrieben und bin dabei auf einen Kölner Blog mit ner schönen Satellitenkarte gestoßen. Da ist mir doch mal wieder aufgestoßen, in welch begrüntem Teil der Stadt ich doch lebe.
Obwohl das Thermometer nur 10°C anzeigte und die Sonne nur etwas schwach lächelte, bin ich dann in die Grünanlagen zum Spazieren gegangen, vorbei an meiner ehemaligen Wohnung.
Am Bouleplatz war einiges los. Auch im Tälchen gab es noch vereinzelte Picknicks.
Langsam setzte auch hier bei uns die Laubfärbung ein...
Vor drei Wochen war es nach meinem Aquafitness - Kurs noch hell. Nach zwei Wochen Pause musste ich diese Woche schon im Stockdunkeln mit dem Bus nach Hause fahren. Das geht jetzt alles so schnell.
Am Dienstag bin ich in meinen allerletzten Schulbezirk gefahren (grrh!🤨), um einer Freundin & Ex-Kollegin aus meiner allerersten Schule Essen & Unterhaltung vorbeizubringen. Also wieder eine Fahrt mit dem Bus (hin) und der Straßenbahn (zurück). War aber gut, weil Zeit für ein intensives, persönliches Gespräch gewesen ist.
Mitte der Woche hatte es noch einmal tagsüber 20°C, da konnte ich im T-Shirt im Garten aufräumen. Am Freitag sollte nämlich die zweimal jährlich kostenlose Laubabholung durch die hiesigen Abfallwirtschaftsbetriebe erfolgen. Ist dann aber auf die zweite Novemberwoche verschoben worden...
Das neue Datum ist dann wohl den veränderten Bedingungen unter der Klimaerwärmung angepasst worden, denn das Laub kommt nach meinen Beobachtungen mindestens zwei Wochen später als früher runter ( ich führe darüber schon lange Buch ). Heißt für mich nur: Noch mal den ganzen Sch... hin und her schleppen. Selbst ist die Frau!
Für Freude in dieser Woche sorgte auch mal wieder Nicole/niwibo, von der mir mal wieder Zuwendung in Form eines Päckchens zuteil geworden ist. Nicole versteht es, so aus dem Nichts heraus Freude zu machen. Inzwischen schmunzle ich schon, wenn ich eine Benachrichtigung von ihrem Versender bekomme, weil ich weiß: Das kann nur sie sein.
Jetzt steht auf meiner Bilderleiste in der Küche auch so ein kleiner Rahmen mit Häuschen ( die Häuschenkerze rechts ist auch von ihr, aber schon länger bei mir ). Ich danke dir ganz, ganz herzlich!
Da ich das Rotkehlchen, das mir während der Gartenarbeit zwei Tag lang "assistiert" hat, nicht aufs Bild gebannt bekommen habe, gibt es an dieser Stelle ein Foto von meinem "stillsitzenden" Exemplar samt Gartenrotschwänzchen...
Am Donnerstagabend hatte mich die nachbarschaftliche Freundin, die momentan Strohwitwe ist, zum Essen in die Pizzeria eingeladen. Dort konnte man bei 17°C bei geöffneter Tür ( und Blick auf den Olivenbaum der Floristen ) noch gut sitzen und plauschen. Wieder ne Freude!
Freitag früh habe ich auf dem Weg zu meiner Bank schnell mal beim WDR nachgeschaut, ob die entführte Maus wieder zurück ist: Leider nicht!
Hinterher, am frühen Nachmittag, gab es einen Überraschungsbesuch, von dem es keine Fotos gibt. Aber viele schöne Gefühle, deshalb halte ich das an dieser Stelle noch einmal fest:
Auf eine aufgeräumte Terrasse dürfen natürlich neue "Blümchen" ziehen...
Vor der Tür stand ein Vater aus meiner allerersten Klasse, die ich mit vierundzwanzig übernommen hatte, und der mit seiner Frau damals grandios engagiert die Aufgabe der elterlichen Klassenpflegschaft ausgeübt hat. Vor 38 Jahren dann hat er, ein perfekter Fliegenlegermeister, alle entsprechenden Arbeiten für uns in unserem Haus erledigt. Mittlerweile ist er 83 und ihn und seine Frau, auch ihren Sohn ( mein ehemaliger Schüler ), hat das Schicksal reichlich gebeutelt, aber er strahlt immer noch totale Lebensfreude aus und unser Gespräch über unsere gemeinsamen Zeiten hat nicht nur ihn aufgemöbelt...
Lektüre der Woche:
"Apropos: Nobelpreis für Dummheit gibt’s leider keinen. [...] Ja, endlich! Ein Preis für Menschen, die aus einigermaßen funktionierenden Systemen einen Sauhaufen machen. Eine Anerkennung für Destruktivitätsmeister. Die gehören doch auch einmal ausgezeichnet. Die suchen doch die Öffentlichkeit. Mit Gewalt. Die haben doch gerade Konjunktur. Nicht nur in Russland. Nein. Von dort bekommen sie nur Geld und Internettrolle. Es gibt sie weltweit. Argentinien, Brasilien, USA, Großbritannien (dort schreiben sie so gar Bücher!) und natürlich in Europa. Auch in Brandenburg, Sachsen und Thüringen. Und selbstverständlich erst recht in Österreich. Da samma daham! Da gibt es Zustimmungsraten um die 30 Prozent für diese Leute.
Denn schließlich dürfen alle mit einem anderen Pass in diesen Ländern zwar Steuern zahlen, in der Pflege arbeiten, Müll weg bringen, in Elternabenden sitzen, auf den Bus warten, Notrufe betätigen, Sozialversicherungsbeiträge bezahlen, oder „Möchten Sie noch etwas dazu?“ sagen, aber eins dürfen sie nicht: Wählen.
Weshalb sie sich auch wunderbar zum wehrlosen Sündenbock eignen."
(Severin Groebner: "Groebners Neuer Glosssenhauer #48: Nobelpreis für unangebrachte Freundlichkeit")
Und noch ein Kabarettist (weil einer in diesen Zeiten einfach zu wenig ist): Florian Schroeders "Unter Wahnsinnigen: Warum wir das Böse brauchen" ist auf meinem Ebook-Reader in der vergangenen Woche gelandet und war mir teilweise ein Blick erweiternder Lesestoff, der allerdings eher nicht satirisch, sondern "aufklärerisch" gewesen ist...
Musikalische (Wieder-) Entdeckung: Gabin: La Maison. Typische Jahrhundertwende-Melancholie, zweiundzwanzig Jahre her. So was findet frau wieder, wenn sie hinterm CD-Regal sauber macht 🤣.
Rezept der Woche: Endlich Zeit für Rosenkohl und diesen Eintopf! Ich weiß, an diesem Gemüse scheiden sich die Geister. Ich mag ihn. Mich kann man mit Roter Beete jagen...
Ärgernis der Woche: Eigentlich geht's mich ja nichts mehr an. Aber da werden alte ungute Gefühle getriggert:
Die Berliner Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (CDU) hat angeordnet, dass ihre Lehrer*innen mindestens bis Ende November keine Reisekosten mehr für Klassenreisen erstattet bekommen. Mit dieser Maßnahme will sie "den Haushalt stabilisieren". ( Quelle u.a. hier )
Klassenfahrten sind sowieso schon ein Kraftakt für Lehrer*innen. Mich hat in meiner aktiven Zeit geärgert, wenn mir beim Antreten derselben ein schöner "Urlaub" gewünscht wurde. Wer zahlt den schon dafür, dass sie/er 24 Stunden, also rund um die Uhr, arbeiten darf? Denn die Kostenerstattung war auch damals eher ein Glücksfall.
Die richtig, richtig Leidtragenden sind aber in diesem Fall die Kinder, für die Klassenfahrten jede Menge neue Erfahrungen bieten. Aber mit ihnen kann man es ja machen. Die Berliner Lehrer können wenigstens kündigen (was besonders viele, so die Statistik, auch tun).
Wochenfreude: Weiter oben ja schon immer wieder angedeutet oder beschrieben...
"Freundlichkeit zaubert positive Vibes aus dem Nichts. Gerade in dieser Zeit, in der Orientierungslosigkeit der 2020er-Jahre, ist das die richtige Entscheidung", da stimme ich mit Tobias Hürter vollkommen überein.
Habe ich schon mal geschrieben, dass ich so viele schöne Seiten am Alter entdecke? Z. B. ergeben sich immer wieder Kontakte, die länger stillgelegen haben und jetzt wieder aufgenommen werden und die so bereichernd sind.
Auf die heute porträtierte Frau bin ich bei meinem Post über Marie-Louise von Motesiczkygestoßen, erinnerte mich dabei aber auch an den Film "Mädchen in Uniform" von 1958, einer Neuverfilmung des gleichnamigen Films aus dem Jahr 1931. Wie dieser basiert er auf dem Theaterstück "Ritter Nérestan" von Christa Winsloe, der ich den heutigen Post widme.
"Was Sie Sünde nennen,
nenne ich den großen Geist der Liebe,
der tausend Formen hat."
Am 23. Dezember 1888, also heute vor 133 Jahren, kommt Christa Winsloe um fünf Uhr nachmittags zu Hause in Bessungen bei Darmstadt zur Welt. Ihre Mutter Katharina Scherz ist Tochter eines brandenburgischen Rittergutbesitzers, ihr Vater der Rittmeister Arthur Winsloe aus einer seit dem 18. Jahrhundert urkundlich erwähnten Familie aus Schottlands Norden. Dessen Eltern - der Vater ein Theologe - sind bereits 1851 mit ihm und seinen neun Geschwistern nach Deutschland ausgewandert. Die Familie hat damals ein großes Vermögen im Hintergrund gehabt, stammte Christas Großvater doch vom Gründer der "Times" ab, und ihm ist ein Leben hauptsächlich als Angler möglich gewesen. Ihr Vater hat aber von diesem Reichtum nichts mehr abbekommen, denn er ist wie die meisten seiner Geschwister davon testamentarisch ausgeschlossen worden.
Christas Vater hat daher 1869 eine Karriere beim Militär gesucht und 1870 die Kriegsschule besucht. 1871 wird er Bahnkommandant in Mülheim und heiratet 1877 Katharina Scherz. Im Jahr darauf wird ihr erster Sohn Arthur geboren, der schon mit fünfzehn Jahren sterben wird, 1883 der zweite Sohn Ralph und schließlich Christa als Jüngste.
Christa wird später den Ort ihrer Kindheit so beschreiben:
"D. ist die Hauptstadt eines Großherzogtums. Diese Stadt hat weder mit Provinz, noch mit Grosstadt Ähnlichkeit, sondern scheint das Privateigentum eines grossen Herrn zu sein. Es gibt eine Regierung, die nichts zu regieren hat, einen Grossherzog, der keine Soldaten hat, denn die Regimenter unterstehen preussischer Oberhoheit [...] Es leben dort viele pensionierte alte Offiziere. Es leben dort auch vorübergehend berühmte Musiker, Maler und Bildhauer. [...] Es gibt einen alten kleinen Bahnhof, von dem weggefahren man in wenigen Minuten in grosse, elegante, lebendige, schöne, reiche Städte kommt. Für die meisten jedoch birgt D. Leben genug und der Bahnhof ist wenig besucht." ( Quelle hier )
Mehr habe ich nicht über Christas Zeit in Darmstadt erfahren, nur dass sie nach dem Tod ihrer geliebten Mutter im Oktober 1900 - da ist sie elf - in diese Stadt vom Vater "versetzt" worden ist, nachdem sie die Jahre zuvor auf dem Land gelebt und dort die Schule besucht hat. Der Vater ist da schon als Oberstleutnant mit gerade 50 Jahren pensioniert gewesen, aber die Aufgabe als Erziehender ist nicht sein Ding. Zu viele Freiheiten ließe er dem Mädchen, so die Kritik aus der Familie. Also steckt er Christa 1903 in ein Internat, das Kaiserin-Augusta-Stift in Potsdam, von der Frau Wilhelms II. für verwaiste Offizierstöchter nach dem Deutsch-Französischen Krieg gegründet. Christa erhält dort eine "Freistelle", denn ihr Vater hat nicht die notwendigen finanziellen Mittel für einen derartigen Schulbesuch. Bis zu ihrer Konfirmation zwei Jahre später wird sie bleiben, und man versucht dort aus ihr eine rechte preußische Soldatenmutter zu formen mit dem entsprechenden preußischen Drill. Für Christa wird diese Anstalt zum Albtraum:
"Viele [...] suchten durch ungesunde Romantik und Schwärmerei ihrem gedrosselten Freiheitsdrang Luft zu machen. Da wurden Liebesbriefe gewechselt, anonyme Geschenke gemacht - es wurde intrigiert, renommiert und sich hinaufgesteigert zu echter Leidenschaft. Je weniger sich die Gefühle mit irgendwelchen Vorstellungen von Erfüllung verbanden, je stärker quälten sie und je weniger waren sie zu unterdrücken."Und weiter: "Die Unmenge der Verbote machte aus freien, offenen Mädchen im Umsehen gerissene kleine Verbrecherinnen."
Sie beschreibt Erfahrungen, die ich auch so noch aus meiner Zeit in der Nonnenschule kenne ( "Schweigen wenn andere reden, ist christliche Tugend." ), die einhergehenden Minderwertigkeitsgefühle, das Gefühl von Sünde, wenn frau sich schön gemacht hat. Christa erlebt sich außerdem nach dem Verlassen der Schule als unfähig, weltfremd und von ihrem Unwert erdrückt. Ihre Erlebnisse wird sie später im Theaterstück "Ritter Nérestan", der Vorlage für den Film verarbeiten.
Heinrich Jobst: Christa Winsloe (1906-1908)
Die nach dem Internatsbesuch anstehende Konfirmation erlebt die 16jährige bei aller Nichtreligiosität als wichtigen Einschnitt in ihrem Leben, als Möglichkeit der Selbstreflexion und der Absicht, ein guter Mensch zu sein und in eine Gemeinschaft aufgenommen zu werden. Anschließend verbringt sie, wie für Mädchen ihres Standes damals üblich, eine gewisse Zeit in einer "Finishing School" in Lausanne. Dort erlebt sie die Atmosphäre so anders als in Potsdam, dass sie mehr lernt und arbeitet, als von ihr erwartet wird. "Alles war Spiel, alles war Sport. Nichts ernst. Alles leicht."
Zurück in Darmstadt steht die für ihr Alter übliche Aufnahme in die Gesellschaft an und sie knüpft durchaus Kontakte in die gehobenen Kreise. So wählt sie der Großherzog am Rande eines Tennisplatzes zu seiner Gesprächspartnerin. Christa empfindet sich allerdings als unreif, geistig von großer Naivität und vor allem einsam und verlassen.
Damals entsteht auch eine Büste von ihr aus weißem Marmor, geschaffen von Heinrich Jobst, einem Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie und Fachlehrer der Bildhauerklasse der Städtischen Kunstgewerbeschule. Ob er ihr Interesse an der Bildhauerei geweckt hat oder dieses schon in der Schweiz aufgekommen ist, wissen wir nicht. Vermutlich hat sie Jobst aber angeregt, im September 1909 nach München an die Königliche Kunstgewerbeschule zu gehen, um Bildhauerei zu studieren, als eine von vier Frauen.
Die Familie ist gar nicht begeistert von der Bildhauerei, denn "so verpfuschte ich meine Karriere, einen reichen Junker zu heiraten und auf ner Klitsche zu krepieren." Christa ist eine, die den Erwartungen von Familie & Gesellschaft einfach nicht entsprechen mag.
Bildhauernden Frauen werden ohnehin sehr kritisch wahrgenommen, da diese Kunst als unweiblich gilt, setzt sie doch körperliche Kräfte voraus und ein - für Frauen eigentlich verpöntes - Studium der Anatomie. Außerdem sind Bildhauerinnen mobil & selbständig, suchen sie doch viele in- & ausländische Ausbildungsstätten und Museen zur Inspiration auf. Auch Christa reist 1913 nach Italien, im Jahr darauf ist es Paris.
Das Leben in München mit Fasching & Flirts gefällt Christa. Auch für die Bildhauerei begeistert sie sich laut Eigenaussage "irrsinnig". Sie scheint von einem gewissen Lebenshunger getrieben zu sein und darunter zu leiden, dass sie nicht einfach Mensch sein kann, sondern immer "Frau Frau Frau bleiben zu müssen", so ihr Freund Rudolf Borchardt. Der, ein Schriftsteller, schmachtet sie 1912/13 an und widmet ihr einen Gedichtzyklus. Ob Christa, der "liebe süße Kerl", der "Ranunkelstengel", der "Augentrost" die Liebe des verheirateten, elf Jahre Älteren erwidert hat, bleibt unklar.
Christa Winsloe mit ihrem Marmorschwein (1908)
In München verkehrt sie vor allem in literarischen Kreisen rund um den "Insel" - Herausgeber Alfred Walter Heymel. Später wird sie kund tun, dass die Bildhauerei ohnehin nur ein "Vorwand einer Existenz" gewesen sei, dass sie Talent mit Fleiß ersetzt, aber gelernt habe, ihre Augen aufzumachen. Erst nach diversen Krisen wird sie sich dem Schreiben zuwenden.
Noch schafft Christa Tierplastiken wie das sehr realistische, lebensgroße Schwein, das sich nicht wirklich als Hauszierrat eignet ( es ist leider nicht mehr erhalten ).
Während der Episode mit Borchardt lernt Christa den 33jährigen ungarischen Baron Lajos Hatvany kennen, den sie dann am 4. Dezember 1913 in Budapest überraschend heiratet, womit sie nun doch noch den Wünschen der Familie nachkommt.
Lajos Hatvany (1908)
Lajos Hatvany, im Oktober 1880 als Ludwig Deutsch in Budapest in eine jüdisch-ungarische Familie geboren, ist Sohn des Zuckerindustriellen Alexander Deutsch, der 1908 zum Baron geadelt worden ist und sich standesgemäß nach seinem Gut und Schloss in Hatvan den Familiennamen Hatvany-Deutsch ( später nur Hatvany ) zugelegt hat. Lajos konvertiert 1908 zum Katholizismus, studiert in Berlin & Freiburg/Breisgau Philologie, promoviert in Budapest, arbeitet dann als Journalist, Schriftsteller, Literaturkritiker und Literaturwissenschaftler. In Ungarn gilt Hatvany als Unterstützer der Moderne, in Deutschland ist er einer der wichtigsten zeitgenössischen Essayisten und Kritiker. Seine privaten Verhältnisse sind ebenso unkonventionell: Als 21jähriger nimmt er ein Verhältnis zu einer 16jährigen Bauerntochter auf, was dem Vater nicht gefällt und weshalb der mit Enterbung droht, sollte es zu einer Ehe kommen. So bleibt es beim offenen Liebesverhältnis, in dessen Rahmen zwei Kinder zur Welt kommen. Während eines Aufenthaltes in München, wo sein erstes Theaterstück erstaufgeführt werden soll und seine Geliebte mit den Kindern lebt, um Malerei zu studieren, lernt er Christa kennen.
Christa scheint bewusstzu sein, dass sie sich einlässt in eine "Welt mit nur einer Person neben mir, einem Fremden, einem Ausländer aus einem mir unbekannten Land". Durch die Heirat erhält sie die ungarische Staatsangehörigkeit, den Titel einer Baronin, lebt in Hatvan, 60 Kilometer von Budapest entfernt, aber auch in Budapest. Sie erhält ein eigenes Atelier und muss sich keine Gedanken mehr um ihren Lebensstandard machen.
Im Mai 1914 reisen die jungen Eheleute nach Paris - die Hochzeitsreise, aber auch als Weiterbildung der Bildhauerin in einer französischen Kunstschule geplant. Lajos, gut informiert, weiß bald, dass es Krieg geben wird. Christa versucht sich mit den Kriegserinnerungen ihres Vaters aus dem Deutsch-Französischen Krieg zu beruhigen, der in seinen Erzählungen wie eine Schnitzeljagd geklungen hat. Nach etlichen Warnungen brechen sie aber doch mit ihrem eigenen Auto auf, alles zurücklassend, denn sie hoffen, bald zurückzukommen. Mit Hilfe eines Briefes vom Konsulat passieren sie am 2. August die Grenze. In Tübingen erreicht sie die Nachricht von der Kriegserklärung.
Auch in der ungarischen Provinz geht der Krieg nicht spurlos an der jungen Frau vorbei. Einer Reise nach Berlin macht ihr deutlich, was eine Kriegswirtschaft für Auswirkungen für die Bevölkerung hat, und sie unterlässt ab da das Reisen nach Deutschland.
Als Bildhauerin nimmt sie dennoch an der VI. Deutschen Kunstausstellung in Baden-Baden teil. 1918 stellt sie gemeinsam mit ihrem Schwager, einem Maler, in Budapest aus, wo ihre Arbeiten als vielversprechend kritisiert werden ( nur das Schwein in Marmor gefällt nicht ).
Ihr erster literarischer Versuch - "Das schwarze Schaf" - stammt ebenfalls aus den frühen Jahren ihrer Ehe. Der unveröffentlichte Roman porträtiert ein Mädchen, das sowohl in der Schule als auch in ihrer künstlerischen Karriere eine soziale Außenseiterin ist. Akzeptanz findet sie nur durch die Heirat mit dem richtigen Mann.
Nach dem Krieg wird Christas Mann nach der bürgerlich-demokratischen Revolution 1918 Mitglied der ungarischen Nationalversammlung und nimmt als Dolmetscher an den Belgrader Waffenstillstandsverhandlungen teil. Mit dem Präsidenten Mihály Károlyi verlässt er im Juli 1919 Ungarn, als eine Räteregierung die Macht übernimmt. Als diese vom autoritären Miklós Horthy gestürzt wird, muss er mit Christa im März 1920 endgültig ins Exil gehen, erst nach Berlin, dann nach Wien. Dort zerbricht ihre Beziehung endgültig.
Aufgrund zahlreicher Affären ihres Mannes - eine spätere Wiener Affäre mit der Malerin Marie - Louise von Motesiczky habe ich ja schon eingangs erwähnt -ist das Verhältnis schwierig. Als Lajos eine 18 Jahre jüngere Frau heiraten will, willigt Christa in eine Trennung ein, obwohl es ihr nach eigenen Aussagen weh tut. Anschließend geht sie im Frühjahr 1922 nach Berlin.
Dort plant sie eine Ausstellung, lebt im Hotel und hat ein kleines Atelier. Doch die Inflation macht ihre wirtschaftliche Lage immer diffiziler. Sie fertigt Zeichnungen für eine Illustrierte an und haust schließlich in ihrem Atelier, verkauft ihre Kleider und lebt von Würstchen. Erst nach Einführung der Rentenmark 1923 und der Scheidung von Hatvany 1924, der ihr einen sehr komfortablen Unterhalt gewährt und ihr damit finanzielle Unabhängigkeit verschafft, geht es ihr wieder besser.
Sie übersiedelt schließlich nach München, wo sie sich in Schwabing in der Nähe des Englischen Gartens in der Kunigundenstraße 28 ein recht ansehnliches Haus kaufen kann, es aufwändig renoviert und für viele Gäste öffnet. Die obere Etage bleibt allerdings allein ihren Tieren vorbehalten, fünfzig an der Zahl, darunter Buschbabies, Agutis, Rossettenmeerschweinchen, Meerkatzen u.a. Sie wendet sich folglich auch wieder der Tier-Bildhauerei zu.
"Ich geniere mich nicht: Ich sammle Tiere, weil sie 'schön' sind - unendlich schön. Daß ich sie hie und da zeichne oder modelliere, ist ein armer Versuch, sie der Vergänglichkeit zu entreißen," bekennt sie in einem Interview damals.
In München ist sie befreundet mit Erika und Klaus Mann, und eines der Mann-Kinder tauft sie "Meisterin des Meerschweinchens". Joachim Ringelnatz, ein weiterer Freund, veröffentlicht 1928 ein Gedicht über sein Meerschweinchen -Erlebnis in Christas Haus.
Überhaupt ist sie ein umtriebiges Mitglied der Münchner Bohème. Neben den Manns & Ringelnatz gehört der Verleger Kurt Wolff, der Schriftsteller Karl Wolfskehl, der Autor und Publizist Erich Mühsam und seine Frau Zenzl ( siehe dieser Post ), die Schauspielerinnen Kerstin Strindberg und Therese Giehse ( siehe dieser Post ) zu ihrem Kreis. Letztere soll in ihrem Haus die Bekanntschaft von Erika Mann gemacht haben, die sich zu einer Liebesbeziehung entwickeln wird. Christa liebt die Stadt und ihre Menschen und ist gerne deren Gastgeberin.
Die inzwischen bald 40jährige beginnt aber auch, immer öfter beruflich zu schreiben. Zunächst werden in der Zeitschrift "Querschnitt" Zeichnungen von ihr veröffentlicht, dann Texte zum Bildhauern, dann anderen Themen wie den Sinti & Roma in Ungarn, dem Flieger Ernst Udet oder Italien, wohin sie oft reist. Ab 1926 kommen andere Zeitschriften dazu wie die "Vossische Zeitung", das "Berliner Tageblatt" oder "Tempo", einer Tageszeitung des Ullstein Verlags. Glossen oder Kolumnen schreiben - das ist zu jener Zeit DIE Chance für Frauen, in der Berliner Medienlandschaft Fuß zu fassen.
Noch bildhauert Christa, aber das Schreiben wird ihr zweites Standbein. Doch bald wendet sie sich auch anderen Kunstformen zu wie beispielsweise dem Theater. Eines Tages verkündet sie den Mann - Geschwistern, sie wolle jetzt ein Stück schreiben. Ausgangsmaterial sollen ihre Erfahrungen im Kaiserin-Augusta-Stift sein. Hat sie dort ihre Anziehungskraft auf junge Mädchen wie ihre Heldin Manuela von Meinhardis entdeckt? Hat sie sich wie sie in ihre Lehrerin verliebt, der sie abends vor dem Einschlafen geküsst hat? Doch es ist keinesfalls ihre eigene Liebesgeschichte, die "Ritter Nérestan" zugrunde liegt, sondern die einer Mitschülerin. Der Fall Manuela sei authentisch, aber nicht dokumentarisch in der gegebenen Form, so Christa.
Das Schauspiel in drei Akten und zwölf Bildern wird am 30. November 1930 in Leipzig uraufgeführt. Nach zwanzig Vorhängen und viel Applaus äußern sich die Kritiker in den Medien sowohl lobend wie kritisch ( das einzig Originelle an dem Stück sei, dass es nur Frauenrollen gäbe z.B. ). Die Schauspielerin Hertha Thiele spielt die Hauptrolle, mag das Stück aber eigentlich nicht.
Dorothea Wieck und Hertha Thiele in "Mädchen in Uniform" (1931)
Zu Beginn des nächsten Jahres wird es unter dem neuen Titel "Gestern und heute" in Berlin mit Gina Falkenberg aufgeführt und ist ein unerwartet großer Erfolg, was Christa für ein Missverständnis hält: "Macht um Gottes Willen keinen Helden aus mir, das habe ich nicht gelernt." Regie führt Leontine Sagan, die das lesbische Moment eindeutig herausarbeitet. 1931 wird das Stück von Sagan mit Dorothea Wieck und Hertha Thiele in den Titelrollen unter dem Titel "Mädchen in Uniform" für die Leinwand adaptiert.
Es ist das erste Mal, dass ein Film nur weibliche Rollen enthält. Die lesbische Dimension des Films wird von der breiten Öffentlichkeit allerdings nicht wahrgenommen, obwohl die Regisseurin des Films lesbisch ist und lesbische Schauspielerinnen mit von der Partie sind, wie zum Beispiel Erika Mann. Christa selbst will nicht von den Berliner Lesbenkreisen vereinnahmt werden und betont, sie liebe Männer wie Frauen und habe das Stück nicht nur für diese geschrieben.
Stück & Film machen Christa Winsloe für kurze Zeit weltweit berühmt. Der Film wird eine Art Blockbuster der Weimarer Republik, gewinnt ein Jahr später beim Festival von Venedig den Publikumspreis und läuft sogar in Japan und den USA ( dort um Szenen gekürzt ). International wird "Mädchen in Uniform" wegen seiner künstlerischen Qualität und als Plädoyer der Menschlichkeit in vielen Ländern überschwänglich gefeiert. Vom internationalen Preisgericht in Rom wird er als bester Film der gesamten Weltproduktion von 1931 ausgezeichnet.
Bald darauf beginnt Christa Winsloe das "Buch zum Film" zu schreiben, in dem sie das gemäßigte Happy-End des Films korrigiert. Im Herbst 1933 kommt es in der neu gegründeten Abteilung für Exilliteratur des Amsterdamer Verlags Allert de Lange heraus. Über einen Strohmann, den Wiener Tal Verlag, kann Allert de Lange wenige Exemplare des Buches bis Anfang 1936 auch noch in Deutschland vertreiben. Es wird, in viele Sprachen übersetzt, zum Bestseller. In Deutschland veröffentlicht Christa nichts mehr, denn die vom Propagandaminister Goebbels diktierten Bedingungen ( "Ariernachweis" u.a. ) will Christa nicht akzeptieren. Publikationsverbot erhält sie nicht, erst nachdem ihr Buch in einem Exil-Verlag mit lauter den Nazis missliebigen Autoren erschienen ist.
Zuvor aber, 1932, wird im September Christas zweites Bühnenstück "Schicksal nach Wunsch", eine Gesellschaftskomödie, in Berlin uraufgeführt. Damit erntet sie wieder sich sehr widersprechende Kritiken, u.a. von Erich Kästner, der es als eine "geradezu bodenlose Enttäuschung" nach ihrem ersten Stückbezeichnet.
Privat ist sie unterdessen mit der amerikanischen Journalistin und Ehefrau des Nobelpreisträgers Sinclair LewisDorothy Thompson liiert, die sie auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes im Dezember 1932 bei einer Weihnachtsfeier in der Nähe von Wien wiedergetroffen hat. Dorothy hat diese Feier für ihren Ehemann veranstaltet, mit dem sie auf Europareise ist. Die beiden Frauen sind schon in Ungarn miteinander bekannt gewesen, doch damals ist Christas Mann der wichtigere Freund der nun 39 jährigen gewesen. Diesmal ist sie von der Begegnung mit Christa tief berührt.
Dorothy Thompson (1934)
Dorothy, in Lancaster New York geboren, studierte in Chicago, New York und Wien und wurde eine leidenschaftliche Verfechterin des Frauenwahlrechts. Nach einigen Jahren in New York City wird Dorothy freiberufliche Korrespondentin für die Zeitungen "Philadelphia Public Ledger" und "The New York Evening Post" zuerst in Wien, ab 1924 in Berlin. 1923-27 ist sie mit dem ungarischen Journalisten Joseph Bard verheiratet gewesen und hat in dieser Zeit die Bekanntschaft mit den Hatvanys gemacht. 1928 heiratet sie Sinclair Lewis, mit dem sie 1930 einen gemeinsamen Sohn bekommt. In Europa macht sie die Bekanntschaft mit Ödön von Horváth, Thomas Mann, Bertolt Brecht, Stefan Zweig, Fritz Kortner sowie Carl Zuckmayer. Dort in Berlin erlebt sie den Aufstieg der Nationalsozialisten hautnah mit. Im Frühjahr 1932 interviewt sie Adolf Hitler im Hotel Kaiserhof in Berlin. Diese Begegnung beschreibt sie in Zeitungsartikeln und ihrem Buch „I saw Hitler“. Sie kann sich zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, dass eine zivilisierte Gesellschaft die Bedrohung durch diesen "Prototyp des kleinen Mannes" ( Thompson ) nicht als Bedrohung wahrnimmt. "Er ist ... ein kompletter Bruch mit der Vernunft, mit dem Humanismus, mit der christlichen Ethik, die die Basis des Liberalismus und der Demokratie sind", schreibt sie.
Christa verströmt nach Dorothys Dafürhalten den Charme der mitteleuropäischen Kultur. Während Christa den Zenit ihres Erfolges erklommen hat, wird die Amerikanerin noch ihren Stil und ihre Bedeutung entwickeln. Sie liest Christas Buch "Das Mädchen Manuela" und identifiziert sich völlig mit der Protagonistin und fühlt sich verliebt wie ein Backfisch. Das Frühjahr 1933 verbringen die beiden Frauen dann gemeinsam in Christas Haus in Portofino, zusammen mit Dorothys Sohn und dem Kindermädchen. Dorthin gelangen auch die ersten prominenten Flüchtlinge nach der Machtübernahme durch Hitler. Für die beiden Frauen sind diese sechs Wochen die glücklichste Zeit miteinander.
Passfoto 1933
Doch Dorothy möchte zurück in die Staaten, auch weil sie als Patriotin ihr Land auf die richtige Seite angesichts der sich zuspitzenden Situation in Europa bringen will. Es gelingt ihr, Christa zu überreden mitzukommen. Nach Hatvan oder München mag diese in Anbetracht der Lage eh nicht zurück, und sie sieht für sich eine Möglichkeit, mit ihren Theaterstücken am Broadway zu reüssieren. Auf jeden Fall sieht sie sich nicht als Emigrantin, sondern als Gast ( aber auch nicht als Führerin des Kampfes gegen das Hiltler-Regime, wie sie ihre Freundin bei ihrer Ankunft in New York gegenüber Journalisten vorstellt ).
Doch dann geht sie bald - und die nächsten acht Monate auch - mit Dorothy als Expertinnen für das faschistische Deutschland auf Lesereise durch die Staaten. Daneben bemüht sich Christa um Veröffentlichungsmöglichkeiten, die sie - gut bezahlt übrigens - bei diversen Zeitungen, für die auch Dorothy Thompson schreibt, erhält. Ihr Bemühen, sich die englische Sprache anzueignen, führt schlechterdings dazu, dass sie sich weniger gut auf Deutsch auszudrücken vermag.
Ihre Liebesbeziehung zu Dorothy stellt Christa trotz gelegentlicher Affären mit Männern nicht in Frage. Auch die Tatsache, dass Dorothys Ehemann sie aus dem Eheheim wirft, nicht. Aber sie hat Heimweh und entbehrt ihre Muttersprache und ihr Zuhause in München mit allem Drum & Dran und sie hat diverse körperliche Leiden. Ist sie ohne die Gesellschaft der Geliebten - und das ist sie oft, da diese wie besessen an der Aufklärung über den Faschismus arbeitet -, verfällt Christa immer wieder in diese Stimmungen. Anfang Januar 1934 macht sie sich dann mit dem Schiff auf nach Europa.
Ihr ist es schrecklich, sich von Dorothy zu trennen, ebenso nicht zu wissen, was sie als nächstes tun soll. Der "Unrat", den ihre Mitreisenden bei ihr abladen, wird sie in ihrem dritten Roman "Passagera" verarbeiten.
In Nizza holt sie Kurt Wolff am Schiff ab und bringt sie in seinem Hotel dort unter. Christa arbeitet dort weiter an Veröffentlichungen, die sie für Amerika geplant hat. Und weil ihr die Arbeit wieder Freude macht, denkt sie vorerst nicht daran, nach Deutschland zurückzukehren.
Schließlich fährt sie doch noch nach München und freut sich über den herzlichen Empfang durch ihre Freunde dort. Sie entwickelt sie Pläne, wie sie die Geliebte bei sich unterbringen könne. Die kommt im Juni wieder nach Europa, knüpft wieder an ihre beruflichen Kontakte an, reist aber auch mit Christa nach Salzburg. Die fängt dort ein Techtelmechtel mit dem Sänger Ezio Pinza an. Sechs Wochen nach der gemeinsamen Rückkehr aus Salzburg wird Dorothy Thompson auf Hitlers persönliche Anweisung aufgefordert, Deutschland binnen 24 Stunden zu verlassen - eine erstmals über einen US-Bürger verhängte Maßnahme. Sie verlässt das Land mit dem Zug nach Paris.
Christa reist Anfang September 1934 per Schiff hinter ihr her. Doch wegen der vielen deutschen Flüchtlinge ist es für sie viel schwieriger, Aufträge zu bekommen. Mit dem Zug fährt sie nach Los Angeles. Unterwegs sammelt sie Material für einen Artikel, der im folgenden Jahr erscheinen und der ihre Begeisterung für die amerikanische Lebensart widerspiegeln wird. Einige Male trifft sie sich mit Pinza, doch vermissen tut sie Dorothy.
Die hat inzwischen einen Höhepunkt ihrer Karriere nach dem Rauswurf durch Hitler erklommen. Eine ihrer Kolumnen wird in 150 Zeitungen veröffentlicht, und die Arbeit bei NBC Radio ersetzt ihre Lesereisen. Zu dieser Zeit gehört sie zu den einflussreichsten Frauen Amerikas. Christa knüpft während ihres Aufenthaltes viele Kontakte, die ihr aber nichts einbringen, sie lebt gesellig, fühlt sich ohne Dorothy aber einsam. Wie oft sie sich in dieser Zeit gesehen haben, bleibt vage. Bei einem Treffen in San Francisco bricht ein Konflikt aus, über den nichts weiter bekannt ist, nur über dessen Auswirkung: Christa notiert: "Das Leben ist sinnlos. Ich bin stumm und taub. Wir müssen irgendwie über dies Stadium rüberkommen."
Ihren Plan, nach Mexiko zu reisen, setzt Christa noch um. Als ihre Lobeshymne über das Land ihrer Geliebten im November 1935 im "Ladies Home Journal" erscheint, hat sie es längst verlassen.
In Europa reist sie rastlos umher. Den Jahreswechsel 1935/36 verbringt sie in Florenz, dann ist sie in Ancona, dann in einem Sanatorium in Meran. Auf der Suche nach einem Verlag für ihren dritten Roman erfährt sie von ihrem Publikationsverbot in Deutschland. Den Sommer verbringt sie dann wieder in München. Sie hat sich ein Auto gekauft, nachdem sie das Fahren in den USA gelernt hat, und macht damit Ausflüge mit der Tochter einer Freundin. Dann geht es wieder nach Italien, die Schweiz, Hatvan, Budapest - eine Art von innerer Emigration ist im Haus ihres Ex-Mannes möglich.
Im Januar 1938 schreibt sie einer Freundin aus Arosa, dass sie so schrecklich einsam sei. Ob jemand schon mal aus Langeweile Selbstmord begangen habe? Trotz Langeweile sucht sie weiter nach Veröffentlichungsmöglichkeiten für ihre Artikel. Von Dorothy hört sie nichts mehr.Im Spätsommer 1938 macht sie ihr Testament und fährt mit ihrem Auto nach Paris, wo man ihr ein Angebot gemacht hat, bei einem Film mitzuarbeiten. G.W. Pabst möchte, dass sie das Drehbuch für seinen geplanten Film "Jeunes filles en détresse" schreibt. Der Film gewinnt 1939 die Bronzemedaille beim Filmfestival in Venedig, ein Erfolg wird er nicht.
Den Sommer 1939 verbringt sie in Deutschland. Von Juli bis Ende September tourt sie dann wieder mit ihrem Auto von Berlin über München, Nancy und Reims. Dann beschließt sie, dass sie nicht nach Paris gehört, sondern nach Südfrankreich, wo sich mittlerweile die deutsche kulturelle Elite aufhält. Aber Christa zieht nicht nach Sanary-sur-Mer, zu diesem Zeitpunkt "Hauptstadt der deutschen Literatur", sondern nach Cagnes-sur-Mer und bezieht dort eine kleine Wohnung.
In Cagnes lernt sie die Schweizerin Simone Gentet kennen, mit der sie sich schnell anfreundet. In Cagnes hört ihre Schreibblockade auf und sie kann ihrer neuen Agentur regelmäßig Kurzgeschichten zuschicken. Sie macht immer wieder deutlich, dass sie auf das Veröffentlichen angewiesen ist, als Ansporn, um weiter schreiben zu können, aber auch wegen des Geldes. Inzwischen lebt sie vom Erlös zweier kostbarer Ringe sowie von Vorschüssen und gemeinsam mit Simone, genannt Tommy:
"Sie ist dick und komisch, gescheit und verfressen, sie spielt wahnsinnig begabt Klavier, ist Pianistin, und ich muss immerzu Bach anhören." Und ein anderes Mal: "Sie sieht im guten Schneiderkostüm unter Umständen sehr anständig aus, und wenn sie gut geschlafen hat, was selten vorkommt, und nicht neurasthenisch ist, was auch selten vorkommt, so hat sie einen sehr schönen Gesichtsausdruck. Sie hat trotz ihrer komischen Figur eine natürliche Eleganz und Höflichkeit im Umgang, das geht so weit, dass sie zu ihrem Hund 'Sie' sagt und Schweigen Sie bitte', wenn er zu viel bellt."
Simone übersetzt nun ihre Novellen, exzellent, nach Meinung der Agentin, erträgt Christas Launenhaftigkeit, und die wiederum kümmert sich um die gemeinsame Ernährung, indem sie im Garten Gemüse anbaut, weil es eine Notwendigkeit geworden ist. Auch um das Kochen kümmert sie sich.
Im März 1941 hört sie mit dem Schreiben auf - "… es lohnt sich nicht, noch mehr in die Schublade zu produzieren." Sie ist ständig gefordert von der Lebensmittelbeschaffung. Das Essen ist auch auf den seltenen Wanderungen der beiden Frauen das einzige Thema. Dorothy Thompson wird um Pakete mit Nahrungsmitteln gebeten. Dennoch hilft Christa: "…wer das Glück hat, in Sicherheit zu sein, hat die Pflicht, alles zu tun für diejenigen, die sich diese angenehme Situation hat versagen müssen, ohne Ansehen von Politik und Religion, ja sogar Staatsangehörigkeit", schreibt sie in einem Brief an Dorothy.
Die schickt ihr Geld, so lange es noch möglich ist vor der Besetzung des französischen Südens. 1942 zieht Christa in das Haus Simones, um Kosten für Heizung und Bedienung zu sparen. Im Sommer fängt sie sogar wieder mit einem Theaterstück an. Im Dezember erkundigt sie sich, ob und wie es aussieht, nach Deutschland heimzukehren. Aber das ist nach neuen Bestimmungen unmöglich.
Dass sie im Oktober 1943 keinen Durchreisevermerk für Deutschland bekommt, um nach Ungarn zu gelangen, ist ein Schlag für die knapp 55jährige. Solange diese Zone Frankreichs noch nicht mit Nazis besetzt ist, bleibt sie, auch Simone zuliebe, die eine geheizte Wohnung dem Leben auf der Flucht sozusagen vorzieht. Im Januar 1944 fällt dann die Entscheidung, Cagnes-sur-Mer zu verlassen, wohin ist ungewiss.
Entschieden wird sich letztendlich für Cluny in Burgund, wo sie nach einer "grausamen Reise" während eines Schneesturms im Februar ankommen. Christa wird krank. Und kaum genesen, muss sie Simone, mit Röteln infiziert, pflegen. Im Frühjahr stellt sich dann aber eine Art Alltag ein, und Christa arbeitet an einem neuen historischen Theaterstück. Am 1. Juni 1944 schreibt sie an ihre Freundin Hertha von Gebhardt - ihr letztes Lebenszeichen:
Erst Am 7. Dezember 1946 erhält Dorothy Thompson vom französischen Botschafter, mit dem diese befreundet ist, folgende Nachricht:
"Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihre Befürchtungen leider zu recht waren. Miss Christa Winsloe ist tot. Sie wurde nicht vom Maquis gefangen genommen, sondern von einem Mann namens Lambert ermordet, der fälschlicherweise angegeben hat, einen Befehl der Untergrundbewegung auszuführen. Offen gesagt war er nur ein gewöhnlicher Krimineller. Er ist in Mâcon ( Sâone-et-Loire) im Gefängnis, wo er wegen vorsätzlichen Mordes vor Gericht gestellt werden wird. Die Verhandlung wird in Kürze stattfinden. Miss Christa Winsloe starb am 10. Juni 1944."
Die vier Männer werden letztendlich für unschuldig erklärt und unter dem Applaus des Publikums freigesprochen, mit der Begründung, dass das Verhalten der Frauen Argwohn geweckt habe.
Wie soll frau eine solche Geschichte jetzt noch abschließen?
Die Bezeichnung i-Dötzchen stammt aus dem Rheinland. Ein kleines Kind wird im rheinischen Dialekt als Dotz oder Dötzken (Dötzchen) bezeichnet. Die Erstklässler werden i-Dötzchen genannt, da früher bei der Vermittlung der deutschen Schreibschrift in der Schule zumeist der Buchstabe „I“ als erster gelehrt wurde. Das Wort Dotz bezeichnet einen Punkt, also i-Dotz den i-Punkt. ( Wikipedia )
Als ich im Rheinland in der Grundschule zu unterrichten startete - immerhin 32 Jahre her - hießen sie noch so. Ob das jetzt noch der Fall ist - keine Ahnung. So viele echte Rheinländer gibt es in manchen Vierteln der Städte nicht mehr. Der Großneffe kommt morgen in einem Viertel des eigentlich urrheinischen Beuels zur Schule, aber dort gibt es auch große Neubaugebiete, da gibt es eine recht gemischte Bevölkerung.
Mit dem "i" wird er sicher auch nicht sein Schreib-Lese-Abenteuer starten ( aber ich werde nachfragen ), denn seit Jahrzehnten wurde in NRW nach der Methode "Lesen durch Schreiben" im Sprachanfangsunterricht gearbeitet statt des früher üblichen Einführens einzelner Buchstaben oder der Ganzheitsmethode. Und da bekommt jedes Kind eine Anlauttabelle, mit deren Hilfe es dann vorgesprochene & abgehörte Wörter aufschreibt.
Zu der Methode will ich mich jetzt gar nicht äußern. Im Rückblick sehe auch ich Vor-, aber auch Nachteile, je nach sozio-kulturellem Umfeld des i-Dötzchens ( in meinem Bundesland ist die Methode in Reinkultur inzwischen auch nicht mehr erlaubt ). Ich hab nach drei verschiedenen Methoden in meinen 32 Jahren diese wichtigen Kulturtechniken vermittelt und ich kann sagen: Alle Kinder lernen lesen ( und schreiben auch ). Man muss ihnen nur Anreiz bieten, sie wohlwollend begleiten und auch in den nächsten Jahren unterstützen, damit sie sozusagen am Ball zu bleiben.
Jetzt aber zum Hemd ( auf dem dieses "i" übrigens fehlt ):
Schnittmuster: von Stoff & Stil, hier schon erwähnt, selbst bezahlt
Stoff: Gütermann, hier gefunden & gekauft, natürlich selbst bezahlt, gewaschen & gebügelt
Nun bin ich gespannt, was das i-Dötzchen morgen zur Einschulung aussucht...
Ich muss, wie alle hier, nun das Erlebte verarbeiten.
Und das geht vor allem, wenn man etwas macht."
GregorDegen, Bäckermeister in Ahrweiler.
"Es geht eben längst nicht mehr alles,
was Mensch meint."
.....
"Fakt ist aber vor allem:
Die Menschheit war schon immer machtlos
gegenüber bodenloser Dummheit
und wird es auch immer bleiben."
Netzfunde
Dort, wo am Mittwoch letzter Woche im Garten alles unter Wasser stand, schaute es am Samstagnachmittag aus, als wäre nichts gewesen. Nur auf meinem Terrassentisch lagen die Hauswurzen alle noch umgekippt, damit das Wasser aus ihren Töpfchen auslaufen konnte, und der Schlauch, der zur Pumpe im Keller führt, lag noch einsatzbereit. Ich blieb skeptisch, ob das Rheinhochwasser nicht doch noch Grundwasser in den Keller drückt. War aber nichts mehr.
Womit kann man den großen Enkeln bei ihren zuletzt so seltenen Besuchen in Köln eine Freude machen?Mit solchen "Spezereien" von "Törtchen, Törtchen"! Sonst gab es viel zu erzählen ( und deshalb so gut wie keine Fotos ), und Oma hat wieder an der Wand im Flur die jetzige Größe markiert. Unglaublich, wie sie mir über den Kopf wachsen!
Nach einem Tag mit Aufräumarbeiten im Keller und an der Nähmaschine gab es in der Mitte der Woche wieder Besuch, diesmal meine Schwester mit Tochter & Enkel. Die brachten Torte vom Geburtstag am Tag zuvor, Obst und andere Geschenke mit und holten Genähtes für den Großneffen ab.
Da auch wir uns lange nicht gesehen hatten, gab es in den zwei Stunden viel zu erzählen, derweil der Großneffe im Baum herumturnte.
In unserer "grünen Hölle" ( Suchbild! ) blühen übrigens immer noch etliche Rosen, auch für die Vase.
Die Temperaturen der meisten Tage und Nächte zuletzt reichten mir persönlich völlig, um mich sommerlich zu fühlen. Frau kann dann ohne Schatten in der Sonne auf der Terrasse sitzen und das intensive Summen im Wilden Wein, der gerade blüht, wahrnehmen. Und wenn das am Abend verstummt ist, bleibt noch ( leider nur noch für zwei Wochen ) das Sri-sri der vielen Mauersegler am Himmel. Bei einer solchen Stimmung schmeckt das Abendbrot draußen besonders gut...
Highligths des Freitags: Noch einmal ein Großeinkauf an Tatjanas Gemüsestand ( auch sie macht Pause ) und der Kurzbesuch der ältesten Enkelin am späten Nachmittag...
Ich hoffe auf eine weniger turbulente neue Woche. Schön, wenn frau wieder viele Familienmitglieder sieht und/oder mit ihnen am Telefon sprechen kann. Aber wenn zusätzlich noch einige Handwerker und anderen Dienstleister dazwischen im Haus herumturnen und ich selbst noch versprochene "Aufträge" zu erfüllen habe, dann fühle ich mich schon mal sehr hin- und hergerissen.
Vor allem aber hoffe ich auf weniger üblen Starkregen, der für die nächsten vier Tage angesagt ist. Deshalb am Freitagabend noch einmal die Gelegenheit genutzt, einen AperolSpritz auf der abendlichen Terrasse zu probieren.
Nach dieser Katastrophe in der Vorwoche geht einem vieles durch den Kopf, und frau wird wieder ein Stückchen demütiger & dankbarer, ist aber auch verblüfft, wie schnell sich auf einmal Empfindungen wandeln können. Der Schriftsteller Norbert Scheuer aus Kall in der Eifel hat da für die Süddeutsche einen Beitrag verfasst, in dem ich mich in manchem wiedergefunden habe, zum Beispiel in seinem Tun & Fühlen bei Regen, in Erinnerung an einstige schöne Erlebnisse mit warmen Sommergüssen:
"Seither liebe ich diese Regenstimmung, ich gehe damit gern zu Bett. Wenn ich mitten in der Nacht aufwache, und es immer noch regnet, gehe ich ans offene Fenster, atme tief durch und schlafe danach beruhigt wieder ein. Aber diesmal hört es nicht auf zu regnen, es regnet wie verrückt, irgendwann dringt Wasser durch die am Hang gelegene Hausmauer, wir müssen den Heizungskeller trockenlegen und den See, der auf der Terrasse vor dem Haus entstanden ist, mit Eimern leerschöpfen."
Die Folgen waren bei uns ähnlich, der Heizungskeller ebenfalls überflutet vom Wasser, das durch die Wände trat, die beiden übrigen Keller ebenso. Das war es dann aber auch schon, zu unserem Glück.In Kall und andernorts ist der Regen völlig unbarmherzig gewesen und hat Orte hinterlassen, zerstört wie in den letzten Kriegstagen. Ab jetzt werde ich den Regentropfen, wenn sie wieder aufs Dach trommeln, nur noch misstrauisch lauschen und der Blick aus dem Fenster voller Anspannung sein. Der Regen ist auf einmal nicht mehr mein Freund.