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Freitag, 5. Oktober 2018

Die Kölner Moschee - ein Trauerspiel in vielen Akten

Meine Stadt wurde vergangene Woche in Atem gehalten von den Ereignissen rund um die Eröffnung der Moschee im Stadtteil Ehrenfeld durch den türkischen Staatspräsidenten. Wer die Fakten nur im Ansatz kennt, wird leicht geneigt sein, die Schuld dem Starrsinn der Behörden zuzuschreiben, wie dies am vergangenen Samstag aus dem Munde der Anhänger des Herrn E. und seines "Sidekicks", dem mediengeilen Herrn Yeneroğlu, immer wieder zu hören war. Tatsache ist aber, dass die Türkisch Islamische Union - kurz DİTİB- , die Eröffnung an allen vorbei geplant hat, so dass zu guter Letzt nur ein Verwaltungsakt als Notwehrmaßnahme möglich war: Da waren tausende Menschen per Facebook zur Eröffnung eingeladen worden, die Bürgermeisterin hingegen erhielt die ihre erst zwei Tage vorher und die Polizei bekam ein Sicherheitskonzept zum ersten Mal am Freitagmorgen vorgelegt. Das ist alles mehr als verstörend gewesen und ein weiteres Indiz für das zerrüttete Verhältnis, das die DİTİB zur Stadtgesellschaft bzw. zur deutschen Mehrheitsgesellschaft pflegt. Dass es nie einfach war, zeigt die Historie, aber auch, wie um die Kommunikation, um ein Miteinander mit viel Einsatz gerungen wurden.  
Dazu heute ein - nicht ganz kurzer - Abriss meinerseits...

Als die DİTİB 1996 den Plan verkündete, eine neue Moschee auf dem Gelände ihrer Zentrale bauen zu wollen, die sich an der Kreuzung Innere Kanalstraße - Venloer Straße in Köln befand ( der Verband war 1984 in Köln gegründet worden ), konnte ich das gut verstehen, empfand ich die damalige Situation in dem alten Fabrikgebäude eines Gotteshauses unwürdig. Ich hatte die Verhältnisse immer wieder bei Besuchen kennengelernt, die meine türkische Kollegin - übrigens eine überzeugte Kemalistin - für die Klassen meiner Schule organisiert hatte. Selber Atheistin, finde ich den Respekt gegenüber allen Religionen und ihren Einrichtungen selbstverständlich, und die desolaten Hinterhofmoscheen, vor allem in meinem Stadtteil, empfand ich als herabwürdigend und eines wertschätzenden Miteinanders nicht angemessen.

Ab 2002 begann man dann mit der konkreten Planung. Bald wurden Gespräche bezüglich der Änderung des bestehenden Bebauungplanes zwischen der Stadtverwaltung & Politik und dem Verband, der damals von den türkischen Einwanderern geprägt war, aufgenommen. Während ein Teil der Stadtbevölkerung der Meinung war: "Wer baut, der bleibt", und darin einen Schritt der Integration sah, gingen andere so weit, das Recht der Grundstückseigentümer, auf ihrem Grund und Boden bauen zu dürfen, in Frage zu stellen.

Schließlich wurde Ende 2005 ein Wettbewerb ausgeschrieben, an dem türkische und deutsche Architekten teilnahmen. Die Jury bestand aus Mitgliedern des Verbandes, Kölner Ratsmitgliedern, Stadtplanern & Architekten. Gewinner der Ausschreibung waren die Kirchenbaumeister Gottfried und Paul Böhm aus der angesehenen Kölner Architekten - Dynastie, was als weiteres Zeichen der Integration gewertet wurde und ein Gebäude ohne falschen Orientalismus erwarten ließ. In diesem Fall ließ sich die DİTİB auf einen echten Spagat ein, sollten doch auch die Gemeindemitglieder, die den Bau durch Spenden finanzierten, nicht vor den Kopf gestoßen werden.

Bald setzte die weitere Kritik heftiger denn je ein: an der Größe des Baus, der Höhe der Minarette, vermeintlichen Muezzin-Rufen. In der Mitte des Jahres 2006 kam es zu ersten Protestveranstaltungen der rechten Bewegung "Pro Köln", zu etlichen Diskussionsveranstaltungen im Stadtteil, einer Unterschriftensammlung und einem durch die örtlichen Zeitungen moderierten Austausch der unterschiedlichen Positionen – "eine exemplarische Debatte über Einwanderung und Integration" nannte das später der ehemalige Chefredakteur des Kölner Stadtanzeigers. Unterstützung erhielt die DİTİB von der katholischen und evangelischen Kirche und den Gewerkschaften. Auch die meisten Parteien und Verbände erklärten ihre Solidarität, die Partei des damaligen Oberbürgermeisters Fritz Schramma, der den Moscheebau unterstützte, stimmte allerdings gegen eine Änderung des Bebauungsplanes.

Im Frühjahr des Jahres 2007 erfuhr die Angelegenheit eine weitere Zuspitzung, als ein Bürgerbegehren gegen den Bau für unzulässig erklärt wurde und in einer Lokalsendung der Schriftsteller Ralph Giordano, ein Überlebender des Holocausts, die Stadt aufforderte, den Bau der Moschee zu stoppen. Bekir Alboğa, damals Dialogbeauftragter der DİTİB, erklärte in dieser Auseinandersetzung: "Unsere Moschee wird offen sein für alle Menschen. Jeder der Bedenken und Fragen hat, sollte bei uns vorbei kommen." Die "Pro - Köln" - Bewegung vereinnahmte daraufhin den Juden Giordano, der sich dagegen wehrte, was weitere gerichtliche Auseinandersetzungen nach sich zog. Von radikalen Muslimen erhielt er Morddrohungen, die wiederum den damaligen Integrationsminister NRWs, Armin Laschet, auf den Plan riefen. 

Zwei Drittel der Stadtbevölkerung sprachen sich zu diesem Zeitpunkt für einen Neubau aus, den Rest wollte die DİTİB durch weitere Diskussionsveranstaltungen, Transparenz bei den Bauplänen und die erklärte Bereitschaft, die Höhe der Minarette zu überdenken, gewinnen. Eine kleinere Dimensionierung des Gebäudekomplexes forderte auch die Mehrheit der CDU, während der Oberbürgermeister sowie die übrigen Parteien im Kölner Stadtrat die böhmschen Pläne gut hieß. An Giordano wurde eine Einladung zum Dialog ausgesprochen, die der in einem Offenen Brief ablehnte, in dem er der DİTİB Aufrichtigkeit absprach.

Im August 2007 stimmte die Bezirksvertretung des Bezirks Ehrenfeld mit Ausnahme der "Pro Köln" - Vertreter für einen geänderten Bebauungsplan. Am Tag darauf stellte der Verband einen 34-köpfigen Beirat vor, der die Einbindung der Öffentlichkeit in die Planung des Moscheebaus gewährleisten und als Brücke zwischen den Anliegen der DİTİB und dem Informationsbedürfnis der Bevölkerung dienen sollte. Mitglieder sind Vertreter aus Politik, Stadtverwaltung, Synagogengemeinde, Kirchen und Gewerkschaften sowie örtliche Unternehmer und Repräsentanten des lokalen Karnevals- und Vereinsleben, darunter Kölns Oberbürgermeister, der Kölner DGB-Vorsitzende Wolfgang Uellenberg und Hannelore Bartscherer, Vorsitzende des Katholikenausschusses. Wieder einen Tag später wurde eine überarbeitete Fassung des Bauplanes vorgestellt. Doch die Zustimmung in der Kölner Bevölkerung war inzwischen weiter gesunken, während sie im betroffenen Stadtteil bei 50 Prozent verblieb ( Ehrenfeld steht mit ca. 11000 türkischstämmigen Einwohnern an fünfter Stelle aller Kölner Stadtbezirke ).


Weitere Diskussionsveranstaltungen, auch in den Medien, folgten u.a. auch mit Giordano, aber auch Günther Wallraff, Ehrenfelder Bürger. In der CDU eskalierten die Auseinandersetzungen und nahmen sehr merkwürdige Formen an: So hinderte der damalige stellvertretende Bürgermeister Ehrenfelds, Jörg Uckermann, 31 Mitgliedern seiner Partei, darunter mehreren türkischstämmige, am Zutritt zur einer Vorstandswahl. ( Uckermann wechselte im März des Folgejahres zu "Pro Köln". )

Anfang 2008 wurden dann Pläne mit einem reduzierten Raumprogramm und neu gestalteten Minaretten vorgestellt, im April der Bauantrag gestellt und von der Stadt eine Abbruchgenehmigung für das alte Gebäude erteilt. Die Stadtverwaltung stimmte im August dem Bauantrag zu, allerdings noch nicht rechtskräftig. Im Rat der Stadt Köln fand der Plan ebenfalls Zustimmung, allerdings nicht bei den Vertretern der Partei des Oberbürgermeisters, der trotzdem bei seiner Haltung blieb. 

Protestaktionen pro und contra begleiteten weiterhin den Entscheidungsprozess: So sollte ein "Anti-Islamisierungskongress", für den "Pro Köln" Gesinnungsgenossen und rechte Politiker aus ganz Europa nach Köln eingeladen hatte, stattfinden. Viele prominente Kölner riefen dazu auf, gegen den Kongress zu demonstrieren. Ralph Giordano betonte bei einer Podiumsdiskussion: "Nicht die Moschee ist das Problem, sondern der Islam." Der "Kongress", abgehalten auf dem Kölner Heumarkt am 20.9. 2008, machte die Mehrheitsverhältnisse in der Stadtbevölkerung deutlich. 

Im April 2009 wurden die alten Gebäude auf dem Gelände der DİTİB dann abgerissen und eine Spendenaktion bei den Gläubigen gestartet. Der damalige - und bis heute im Amt befindliche - Bürgermeister  von Ehrenfeld, Josef Wirges, sah im Bauvorhaben ein Zeichen, dass "mit dieser neuen und repräsentativen Moschee (...) die Muslime nur zum Ausdruck (bringen), dass sie in dieser Gesellschaft angekommen sind und hier bleiben." Im November 2009 wurde der Grundstein gelegt u.a. mit dem neuen Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters, Fritz Schramma und Bekir Alboğa von der DİTİB. Im Oktober 2010 wurde dann aber der komplette DİTİB -Vorstand ausgetauscht.

Bald zeigten sich Konflikte zwischen dem neuen Vorstand und dem Architekten. Die gibt es bei jedem Bau, so meine Erfahrung, aber befremdlich wirkte doch der Vorwurf, Böhm habe christliche Symbolik in seine Architektur eingebaut. Fritz Schramma vom Beirat moderierte diesen Konflikt, der zwischenzeitlich beigelegt schien, dann aber in einer Forderung des Verbandes nach kompletter Erneuerung der Betonkuppel eine neue Stufe erreichte. Deutlich wurde kommuniziert: Veränderungen am Plan führen zu einem Baustopp. Hinter den Kulissen tobte der Konflikt zwischen Architekt und Bauherrin weiter, vor allem um eine für beide Seiten akzeptable Idee für die Gestaltung des Innenraums. Schließlich wollte die Spitze des Verbandes den Architekten los werden, was für Außenstehende völlig überraschend kam. Die DİTİB über den Architekten: Der habe "als Künstler brilliert, als Baumeister aber versagt." In der bis dahin befriedeten Stadtgesellschaft regten sich wieder die Kritiker...

Im Februar 2012 wurde schließlich doch das Richtfest gefeiert. Eine erneute Verzögerung im Jahr 2013 brachte die Klage der Baufirma wegen ausgebliebener Zahlungen. Das zuständige Landgericht gab der DİTİB in dieser Angelegenheit wegen der vorhandenen zahlreichen Baumängel Recht. Eine Eröffnung der Moschee 2014 wurde aber immer noch angepeilt und für möglich befunden.

Immer deutlicher bemerkbar wurde, dass hinter all den Verzögerungen auch die politischen Veränderungen in der Türkei standen: Die Regierung in Ankara bestimmt nämlich über die Religionsbehörde Diyanet die Botschaftsräte für Religionsangelegenheiten in der Bundesrepublik Deutschland, die die DİTİB-Präsidenten stellen. Der ehemalige Leiter der DİTİB-Abteilung für Interreligiösen Dialog, Bekir Alboğa, war schon Ende März 2008 abgelöst worden. 

Schließlich entschied der Verband, seine Deutschland-Zentrale und die Moschee ganz schmucklos nach und nach zu eröffnen. Auch auf der Baustelle lief nichts mehr nach Plan: Ein neu eingesetzter Bauleiter wurde schon 2013 wieder gefeuert. Im Juni 2017 fand schließlich und endlich das erste Freitagsgebet unter der Kuppel der neuen Moschee statt. Ein Eröffnungsfest für alle Kölner war noch nicht vom Tisch, auch ein Besuch des Bundespräsidenten.

Und dann die überraschende Wendung, dass der türkische Staatspräsident im Rahmen seines Staatsbesuches in Deutschland Ende September die Moschee eröffnen soll! Keine zehn Tage Zeit blieben der Stadt für die Planung, in der während des Besuches die Sicherheitsstufe 1 verhängt werden musste. Am Mittwoch vor dem Ereignis lud die DİTİB dann per Facebook alle Türken & Deutsche ein mitzufeiern. Das seit der Loveparade - Katastrophe gesetzlich vorgesehene Sicherheitskonzept für Veranstaltungen einer solchen Größenordung - 25000 Besucher wurden erwartet - bekamen die Sicherheitsbehörden das erste Mal am Freitagmorgen zu Gesicht. 

Fritz Schramma, der sich viele Jahre seines Lebens voller Überzeugung für die Kölner Moschee eingesetzt hat, erhielt zwei Tage vor der Eröffnung eine Einladung : "Wenn Sie zwei Tage vor so einem großen Event eine Einladung bekommen, dann muss man ja den Eindruck bekommen, da ist irgendjemand noch kurzfristig abgesprungen. Zu der Party musst du jetzt nicht unbedingt gehen." 

Paul Böhm wartete vergebens auf das bei uns sonst übliche Rederecht des Architekten, Josef Wirges, der Ehrenfelder Bürgermeister, fand seine Einladung am Freitag im Rathaus-Briefkasten und die amtierende Kölner Bürgermeisterin, Henriette Rekers, wurde - nach der schriftlichen Einladung vom Donnerstag - am Freitag noch einmal aufgesucht, um sie umzustimmen. Sie blieb bei ihrer Nicht - Teilnahme, weil ihr ein eigener Redebeitrag nicht zugesichert werden konnte. Gastfreundschaft ist etwas, dass der Gastgeber sich zunächst einmal selbst schuldet. Aber dem Gast entsteht daraus auch eine Selbstverpflichtung. Stattdessen ein Affront nach dem anderen. Die Beziehungen sind nun wirklich nicht mehr schönzureden.

Besucher, die am Montag dieser Woche die 2007 verkündete Offenheit der Moschee in Anspruch nehmen wollten, machten gegenteilige Erfahrungen ( am Mittwoch beim Tag der Offenen Moschee schickte man dann als Ansprechpartnerin die Sprecherin eines anderen islamischen Verbandes vor, die Kritik glätten sollte ).

Das ist erneut Wasser auf all die Mühlen derer, die schon immer gewarnt hatten, der DİTİB zu trauen. Nach den Erfahrungen, was die Bespitzelung von Kollegen anbelangte, habe auch ich eine reservierte Haltung. Ebenso wie Fritz Schramma oder der Bezirksbürgermeister und viele andere in der Stadt bin ich enttäuscht und sehe eine schwierige Zeit vor uns. Aber genauso sehe ich, dass der Dialog nicht aufgegeben werden darf, schon alleine wegen all der türkischstämmigen Mitbürger, die ich kenne, deren Köpfe und Herzen nicht von der Propaganda des Herrn E. vernebelt sind, die zu schätzen wissen, welche Möglichkeiten der Entfaltung sie bei uns haben und die mit uns Seite an Seite das Alltagsleben friedlich und freundlich gestalten. In meinem Bekanntenkreis & Umfeld ist das die übergroße Mehrheit.

Was die Beziehung zur DİTİB als Organisation anbelangt, bin ich der Meinung, dass jetzt aber der Zeitpunkt gekommen ist, die staatliche Kooperation im Bildungsbereich in sämtlichen Bundesländern endgültig einzustellen. Laut Lale Akgün sei das "eine Institution, die nur dazu da sei, Erdogans Vorstellungen in Deutschland umzusetzen", so ihre Meinung, geäußert im Radio. Der Kölner Tayfun Keltek, Vorsitzender des Landesintegrationsrates spricht davon, dass die DİTİB offenbar der Aufgabe nicht gewachsen sei, als "Integrationsbegleiter" zu wirken. Und Günther Wallraff, immer schon in die Diskussion um die Moschee als Ehrenfelder involviert, charakterisiert die DİTİB - Moschee jetzt als "Symbol für einen bedrohlichen, integrationsverweigernden politischen Islam". 






Sonntag, 7. Mai 2017

Meine 18. Kalenderwoche 2017


Schon ewig nicht mehr eine so ereignislose Woche gehabt! Zum Glück gab es auf den Blog bezogen ein paar "Aufträge", sonst wäre ich - trotz unendlich vieler Kapuziner - auf meinem Sofa fast mumifiziert. 


Die dunkelgrauen Regentage ( der Garten sagt allerdings "Danke"! ) bis Freitagabend in dieser Woche haben einen ja auch nicht gerade aufgescheucht. So habe ich mir immerhin den Stoff für drei weitere Great-Women-Posts erlesen und diese dann auch mit Vergnügen im warmen Zimmer geschrieben.

























Bei der ausgiebigen "quality couch time" kommen einem beim Lesen ja auch so Abstrusitäten unter wie die, dass der Herr E. bei einer Zeremonie "Für eine schöne Türkei" eine Notstandsverordnung unterschrieben hat, welches die Haarentfernung per Laser regelt & in gewöhnlichen Schönheitssalons zulässt. Fragt frau sich, was Epiliermethoden mit dem "Pütsch" zu tun haben. Zeigen, dass man die Macht hat?

Wer sich ein Bild davon machen will, wie es den als "Terroristen" diffamierten Menschen in der Türkei geht, sei auf diesen Artikel verwiesen. Übrigens liegen über 400 Anträge auf Asyl von türkischen Beamten aus Diplomatie, Militär usw. hier in Deutschland vor...

Mit einer gewissen Genugtuung habe ich dann erfahren, dass der Anwalt des Herrn E., Michael - Hubertus von Sprenger, sein Mandat niedergelegt hat, denn durch die ständigen Nazi - Vergleiche, auch wieder in der letzten Woche, fühle er sich persönlich betroffen: "Mein Vater saß während des Nationalsozialismus wegen seiner politischen Betätigungen im Gefängnis." Bravo!























Bestürzt hat mich als Liebhaberin von allerlei Flatterzeugs, sprich: Vögel & Insekten, wieder einmal die Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen durch die Bundesregierung - die Zahlen sollten alarmieren! Insgesamt ist demnach in der EU die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten des Kontinents zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen, das ist ein Minus von 57 Prozent. Gründe dafür: das Fehlen geeigneter Lebensräume und das Insektensterben aufgrund des hohen Einsatzes von Unkraut- und Insektengiften.

Mindestens ebenso schockiert hat mich die Nachricht in diversen Medien, dass in den Gewässern rund um Pharmafabriken in Indien eine hohe Konzentration an Arzneimittelrückständen sowie eine Vielzahl multiresistenter Keime zu finden sind. Das ergab die Analyse von Wasserproben aus dem indischen Hyderabad. Reisende schleppen diese multiresistenten Krankheitserreger in andere Länder ein. Gegen diese helfen inzwischen immer weniger Medikamente.
Die Pharmakonzerne und -produzenten wollten zu diesen Befunden nicht Stellung beziehen oder bestritten eine Verantwortung. Super! Das nenne ich Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Menschen...























So ereignis- & belanglos diese Woche in meinem tatsächlichen Leben war, um so erfreulicher war mein Leben im Netz übers Bloggen: Ihr habt mich in dieser Woche mit so vielen netten, aufbauenden, ermunternden, bestätigenden Kommentaren und so vielen Seitenaufrufen bedacht, dass es mir manchmal schon nicht mehr ganz geheuer war. Sei es mein Post am Montag zur Liebe ( zu dem ich mir allerdings noch mehr Beiträge eurerseits wünschen würde - traut euch! ), meine One-Woman- Show als modische Matrone am Mittwoch, mein Porträt der Sängerin Dalida am Donnerstag oder meine Freitagsblümchen - die Resonanz war einfach toll. Vielen, vielen Dank!




Lieb gemeint war sicher der häufig geäußerte Ratschlag, meine Schallplatten zu behalten und mir einen Plattenspieler zuzulegen. Wir besitzen - vor allem auch aufgrund der Hinterlassenschaft meines verstorbenen Bruders - bestimmt zehntausend CDs aller Stilrichtungen. Die alleine zu hören, werden wir unsern Lebtag nicht schaffen. Da fehlen die paar Schallplatten nicht wirklich. Und was die Hörqualität anbelangt: Mit dem Gehör ist es nach vierzig Berufsjahren mit lauten Kindermeuten einfach nicht mehr weit her.

"Moralische Unterstützung" anderer Art kam von ihr für die Zitterpartie am Sonntag:







Vielen, vielen Dank auch noch einmal auf diesem Wege!

Die Veröffentlichung von neun Gigabyte Datenmaterial aus einem Hackerangriff auf En marche! im April dieses Jahres nun am Freitagabend vor der Stichwahl soll noch einmal die Franzosen verunsichern & beeinflussen. ( Front-National-Vize Florian Philippot: "Werden wir durch die #Macronleaks Sachen erfahren, die der investigative Journalismus absichtlich verschwiegen hat? Gruselig, dieser Schiffbruch der Demokratie". ) Gruselig ist eher, wie bestimmte politische Kräfte mithilfe des Internet manipulieren - hier habe ich ja schon einmal darauf hingewiesen. Das kurz vor knapp diese Mittel in Frankreich wieder eingesetzt werden, lässt mich für die Wahl bei uns Ähnliches befürchten. Wir müssen uns damit auseinandersetzen.

Jetzt wäre ich froh, wenn es schon Abend wäre, und ich wüsste, wie das Herzensprojekt "l'amitié franco-allemande" weiter geht...






















Und so ist aus einer langweiligen Woche gegen Ende doch noch eine recht aufregende geworden.






Auch heute wieder verlinkt mit Lorettas & Wolfgangs Gartenglück und Andreas Samstagsplausch


Nachtrag ( in großer Erleichterung ) zum heutigen Treffen am Kölner Dom...
























... mit einer Mauer zwischen Ost und West aus lauter Kartons, die symbolisch eingerissen und in Sekundenschnelle abgebaut wurde. Jetzt geht es erst richtig los mit einer Strategie für Europa... "Vive la France, vive l‘Europe!"

Freitag, 16. Dezember 2016

Über Raif Badawi, aber besonders die Stimmungslage in diesen Tagen


Kirchheimbolanden? Kennt das hier überhaupt jemand?  Das ist ein  knapp 8000 - Einwohner - Städtchen in südlichen Rheinland - Pfalz, dass vom 29. Oktober bis 10. Dezember sogenannte Friedenstage veranstaltet hat. Und zum Abschluss derselben wurde der Friedenstagepreis verliehen, in diesem Jahr unter anderem auch an Raif Badawi ( siehe auch hier ).

Es gibt also immer noch und überall in diesem unserem Lande Menschen, die Empathie empfinden für Menschen in anderen Ländern, denen ein Leben wie unseres verwehrt ist. Und die nach wie vor einen Sinn darin sehen, sich dafür einzusetzen, mit den Möglichkeiten, die wir als ganz normale Bürger in unserer Gesellschaft haben.


Source

Gestern Abend, nachdem ich nur einmal kurz die neuesten Neuigkeiten zu Syrien gecheckt hatte, habe ich diesen Sinn, diese Zuversicht, diese Überzeugung fast verloren - das erste Mal in den fünfzig Jahren meines Lebens, die ich nunmehr aktiv an Politik & Gesellschaft Anteil genommen habe. Unerträglich scheint mir, dass alle Mittel & Wege, auf Weltgeschehen Einfluss zu nehmen, die ich im Laufe meines Lebens erprobt habe, auch mit Erfolg, nicht mehr zu funktionieren scheinen:

Angesichts der Inhumanität, die sich in diesem kleinen Land Syrien, an diesem kleinen Volk einige egoistische, machtgierige Männer  ( ja, ich wähle diese Beschränkung ganz bewusst ) leisten, die nicht in der Lage sind in ihren eigenen Ländern, ihren eigenen Völkern ein gutes Leben im menschlichen Sinne zu ermöglichen und deshalb zwecks Ablenkung nach "Ruhm, Ehre und Sieg" auf dem Rücken der geschundenen Menschen im Nahen Osten erringen wollen, fühle ich mich hilflos, weiß ich keinen für mich gangbaren Weg mehr.

Und dann gibt es auch hierzulande - je nach politischer Positionierung - Menschengruppen, die einige dieser vermeintlichen "Führer" anhimmeln und verehren und unsere eigenen politischen Kräfte damit vergleichen und in jeglicher Form niedermachen, die es uns allen doch seit nunmehr 72 Jahren möglich gemacht haben, in Frieden die eigenen Kinder groß zu ziehen.

Meine beiden Eltern, die nach dem 2. Weltkrieg nichts übrig behalten hatten als ihre nackte Existenz, hatten keinen größeren Wunsch, als dass ihre Kinder in Frieden aufwachsen. Ich und mein Mann - der nur aufgrund außerordentlich glücklicher Zufälle diesen Krieg überlebt hat - wollten für unsere Kinder das Gleiche. Und unsere Kinder wünschen sich das - mehr als Gut & Geld - für ihre Kinder. Und was kann eine Regierung, die der Humanität verpflichtet ist, dem Menschen selbst in seinen menschlichsten Bedürfnissen, besser machen, als sich eben um diesen Frieden zu bemühen? Natürlich kann ich mir unsere Gesellschaft besser, gerechter vorstellen in vielen kleinen Dingen. Aber das Allerbeste haben sie alle in den vergangenen sieben Jahrzehnten, gleich welcher politischer Couleur, geschafft.

Für mich ist es unfassbar, dass das nicht gesehen wird, nicht geschätzt wird und angesichts des unfassbaren Elends ( das ich übrigens nicht auf Bildern sehen muss, um es mir vorstellen zu können, denn dazu bin ich unter Menschen aufgewachsen, die das alles am eigenen Leib erfahren haben ) die eigene Lebenslage beklagt wird. Ich weiß, zu meinen Lesern zählen solche Mitmenschen in der Regel nicht. Ich schreibe dies auch nicht, um sie zu erreichen.

Ich schreibe es, um mich mit jenen zu verbinden, die in all diesem Weihnachtstralala ( ich will dieses Jahr aber lieber alles in schwarz-weiß-natur statt Glitzer oder Gold usw. ) in der Lage sind innezuhalten und an das zu denken, was für ein menschliches Leben wirklich zählt, nämlich leben in Freiheit & Frieden ohne ständige Todesdrohung. Und dass es dies für die Menschen im Nahen Osten nicht gibt. Hier oder hier habe ich schon andere Stimmen dazu gefunden. Per Mail haben mich andere erreicht.

Vielleicht hilft uns das, wieder zu Kräften & Mut zu kommen, wenn wir uns als Gemeinschaft fühlen können...



Sonntag, 20. November 2016

Meine 46. Kalenderwoche 2016













Am Dienstag bei übelsten Novemberwetter: Ausflug ins Gartencenter!

























Weihnachtsstimmung allerorten! Selbst wollte ich nur Ersatz für die Geranien in meinen Blumenkästen vor den Fenstern, denn in diesem Jahr komme ich dem Frost zuvor ( bin tatsächlich standhaft geblieben ).

























Jetzt schmücken viele Gräser - die Haare der Erdmutter, wie die geschätzten Indianer sagen - neben Ziest und kleinen Alpenveilchen die Kästen -  Lichtblicke in diesen regnerischen Tagen!





Herr K. hat nun nach lautstarken Protesten von Familie & Freunden doch gebacken  ( und ich endlich mal meine Nähliste ein bisschen abgearbeitet ). Rezepte hier & hier

Statt am elften Elften feierte mein Stammdesch die Eröffnung der Karnevalssession an diesem Freitag...























... mit der Inthronisation des neuen Präsidenten. Der gab sich gleich trumpish mit entsprechender Rede auf Englisch.





















Am Samstagmorgen beim Aufziehen der Winterreifen dann eine peinliche Entdeckung gemacht. Aber was soll's. Dafür wurde der Himmel wieder nach und nach über dem Rheinland blau...


In dieser Woche habe ich einfach zu viel meinem Kopf den Vortritt gelassen, was teilweise sehr anstrengend war. Aber in die Gedanken- & Lebenswelt jener zu reisen, die Trump gewählt haben oder die ihn hierzulande bewundern, war wie eine anthropologische Exkursion in ein mir doch recht fremdes Land. Und demzufolge auch irgendwie reizvoll...

Ich musste einfach mal die bürgerliche "Blase" all jener verlassen, die nicht auf der Verliererseite des gesellschaftlichen Wandels stehen, bedingt durch große wirtschaftliche Veränderungen, Globalisierung und so fort. Immerhin machte Anfang der Woche die Veröffentlichung des "Social Justice Index" der Bertelsmann - Stiftung darauf aufmerksam, dass 118 Millionen EU-Bürgern die Armut droht, obwohl sich Europas Wirtschaft erholt hat. Laut dieser Studie ist der Anteil der Menschen, die trotz eines Vollzeitjobs arm sind, deutlich gewachsen.

Wir empören uns zu schnell über Menschen, nicht über die Zustände.

Es gibt in unseren westlichen Gesellschaften eben auch eine abgehängte Gruppe von Menschen, die zahlenmäßig mit denen, die nicht mehr wahrnehmen können, wie gut es uns hierzulande geht, stark genug sind, um noch mal jenen zur Macht zu verhelfen, die mit der Wiederherstellung der "guten alten Zeiten" locken. Und wir, die wir uns Gedanken über Frauenrechte machen, über Hass gegen Flüchtlinge, über Klimawandel und Umweltschutz, die wir uns nicht überfordert fühlen von Emanzipation, Homo-Ehe und neuen Familienmodellen, von Menschen unterschiedlicher Hautfarbe, von Digitalisierung und Energiewende haben offensichtlich nicht genug Phantasie, uns den Frust vorzustellen, den Wähler populistischer Propagandisten in sich tragen, ihr Gefühl von Ohnmacht, von Abwertung durch die Veränderungen in unserem gesellschaftlichen Zusammenleben, ihre Verunsicherung, weil sie in ihrer ganzen Lebensführung in Frage gestellt worden sind. Die Reaktion jener: Wenn ich in Frage gestellt werde, stelle ich die Gesellschaft selbst in Frage. Aus Überforderung wird Kontrollverlust, letztendlich Wut. Und die schlägt sich nieder in den Wahlergebnissen.


Viele dieser Menschen wünschen sich Zugehörigkeit, Einfluss, möchten die Welt verstehen, sich selbst als wertvoll erleben und Vertrauen* haben ( das auch bei mir auf vielen Gebieten vergangen ist ). Den Populisten allerorten scheint es zu gelingen, diese Bedürfnisse zu befriedigen, indem sie den Menschen einfache Lösungsmöglichkeiten anbieten. Dazu gehört auch der Versuch, die Leute wieder in ein "Wir" einzubinden, Appelle an Gefühle und Leidenschaft und Versprechungen, Kränkungen ungeschehen zu machen, Arbeitsplätze zu schaffen und Kontrolle zurückzugewinnen. Aus der Angst davor, nicht mehr mithalten zu können, aber Rassismus, Sexismus, Nationalismus oder Homophobie werden zu lassen - das müssen wir nicht hinnehmen.

Doch Politik ist nicht das, was gesprochen, sondern das was getan wird.

Kennst du die Broken-Windows-Regel? Sie meint: Wer sich heute nicht um zerbrochene Fenster in der Nachbarschaft kümmert, wird bald in einem verwahrlosten Viertel leben. Dies auf die gesellschaftlich - politische Entwicklung angewendet, heißt:
"Wir müssen klarmachen: Die Grundwerte der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft — Toleranz, Humanismus und soziales Einstehen füreinander — sind kein Problem für unsere Gesellschaft, sondern ihre Grundlage und die Grundlage jeder Lösung sozialer Probleme. Wenn Menschen heute Abstiegsängste haben, wie viele Trump-Protestwähler in den USA, dann müssen wir benennen, was das Problem wirklich ist: Dass die verängstigten Menschen zum Beispiel lange zerstörerischen Kräften des Marktes überlassen wurden, so dass zu viele kaum noch ein tragfähiges Auskommen mit Arbeit erwirtschaften können. Die Ungleichheit gerade in den USA ist obszön, der amerikanische Traum für viele eine ferne Phantasie geworden. Das Problem ist da, dass der Liberalismus westlicher Prägung gerade zu viele Verlierer hervorbringt und eine neue Klassengesellschaft", schreibt Sebastian Gierke hier.
 Bingo! Was aber bedeutet das für die Politik?

Mit dem einen Satz, dass nun einmal alles sehr komplex sei, überzeugt man schwerlich kritische Wähler, die gegen "das System" sind. Dazu braucht man Leidenschaft und eine viel emotionalere Herangehensweise und die Bereitschaft, dass man die einfachen Wünsche der meisten Menschen nicht als "standortgefährdend" abtut: Dazu gehört der Wunsch nach einer unbefristeten Arbeit in einem ordentlichen Beruf, um eine Familie gründen zu können, für sie eine bezahlbare Wohnung zu finden und genug Zeit und Geld für die Familie und Kinder zu haben. Dazu ist Sicherheit gefragt.



Wenn der Mensch & seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Politik gerückt würde, dürften die Ausgrenzungs- & Verfeindungsstrategien der Populisten auch sehr viel weniger verfangen und "die praktische Nützlichkeit der rechtsstaatlichen Demokratie und ihrer Werte auch für diejenigen, die sich immer mehr unnütz fühlen" wäre wieder sichtbar.

Die soziale Frage muss wieder aufs Tapet.

Unsere derzeitige "rabiate Wettbewerbsgesellschaft" ( Andreas Zick/ Uni Bielefeld ) bedarf des Umbaus, muss neue, einfache Formen von Demokratie entwickeln, Alternativen zur derzeitigen Vorherrschaft der Ökonomie, die den Menschen vorschreibt, wie sie zu leben haben.
"Es geht (...) um die Humanität oder Inhumanität des Menschen, also etwas, von dem sich Ökonomen und Finanzexperten gar keine Vorstellung machen. Wenn wir sie auf ihren wirtschaftlichen Aspekt reduzieren, laufen wir Gefahr, das Wesentliche zu verpassen", sagt der italienisch Philosoph Giorgio Agamben in einem Interview, auf das mich Lisa aufmerksam gemacht hat.
Der Philosoph sieht durchaus die Nützlichkeit der Ökonomie, betrachtet sie aber nur als Werkzeug des Menschen, das weder weiß noch entscheiden kann, wozu es dienen kann. Ökonomie ist nicht in der Lage, dem Leben einen Sinn zu geben, einen Inhalt. Und er geht noch weiter und benennt "die derzeit herrschende Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstums" als Ursache für die "Zerstörung des Lebens, dessen sie sich angenommen hat." 
Der griechisch- amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides spricht gar vom "jüngste(n) Schock in der andauernden Krise des Kapitalismus", was das amerikanische Wahlergebnis anbelangt. „Dieser Schock verlangt eine Reaktion, die nicht die arbeitenden Menschen diffamiert, von deren Verzweiflung er lebt. (…) Nur eine Partei, die es schafft, die großen wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten in Angriff zu nehmen, kann auch die Kraft aufbringen, die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten zu beheben.“ ( Quelle hier )  
Und noch etwas:
"Bedingungsloses Grundeinkommen wäre die weitreichendste Maßnahme einer Würde sichernden Gesellschaft, die auch das leere Gerede, um nicht zu sagen, das verzweifelte Betteln von politischen Eliten um sozialen Zusammenhalt als Scheinlösung eines 'gesellschaftlichen Allesklebers' überflüssig machen würde", meint übrigens Wilhelm Heitmeyer Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld.

Eine Idee, die ich auch wert finde, verfolgt zu werden.




Ich weiß, dass ist jetzt schon fast ein Philosophie - Oberseminar statt eines üblichen Blogposts und ich hoffe, ich verprelle euch nicht damit. Doch je mehr ich mich intensiv mit diesem Thema auseinandersetze, merke ich, das ich nicht akzeptieren kann, was da in unserer Welt als neue, fortschrittliche Normalität abgeht, nämlich Fakten zu leugnen und nur den eigenen Gefühlen nachzugeben, und dass ich Fortschritt anders definiere als jene...






* Wie das mit dem Vertrauen der ganz Jungen von 18-34 aussieht, kann man hier nachlesen.



Verlinkt mit dem Samstagsplausch/Karminrot und In Heaven/Die Raumfee

Dienstag, 15. November 2016

Medikamentenversuche an Demenzkranken


Wer hier schon länger mitliest, weiß, dass ich in den vergangenen Jahren viel mit meinen alten Eltern & meiner sehr alten Schwiegermutter erlebt habe. Demenz war dabei ein ganz großes Thema, und ich habe seit Anfang des Jahres 2014 regelmäßig viel Zeit nicht nur mit meinem dadurch stark eingeschränkten, wesensveränderten Vater, sondern auch seinen Mitbewohnern in den beiden Heimen verbracht. Dabei habe ich vielfältigste Beobachtungen machen und Erfahrungen sammeln können.























Als ich vergangene Woche, mehr so beiläufig, im Radio davon gehört habe, dass ein Gesetz zu Medikamentenversuchen an Demenzkranken geplant sei, war ich entsetzt und wollte darüber hier im Blog schreiben. 

Aber wie das Leben so spielt: Andere Themen und Ereignisse wussten mehr zu fesseln. Doch dann musste ich feststellen, dass der Bundestag am vergangenen Freitag in namentlicher Abstimmung mit 357 gegen 164 Stimmen bei 22 Enthaltungen den „Entwurf eines Vierten Gesetzes zur Änderung arzneirechtlicher Bestimmung und anderer Vorschriften“ (Drucksache 18/18034) in Dritter Lesung beschlossen hat, in dem es auch um die "Fremdnützige Forschung an nicht mehr einwilligungsfähigen Personen" geht. (Die Drucksache habe bisher hier noch nicht gefunden.)

Und als ich gestern - eigentlich beschäftigt mit anderen Problemen -  mitbekam, dass sich das Tagesgespräch mittags bei WDR5 um dieses Thema drehen sollte, habe ich mir ein Herz gefasst, unter der Servicenummer angerufen, um meine Meinung kund zu tun. Und schon wenige Minuten später wurde ich vom Sender angerufen...


Nicht, weil ich es jetzt so großartig finde, dass man mich im Radio hören kann, aber die Meinungsvielfalt, die unterschiedlichen Positionen der anderen Teilnehmer, die das Gespräch widerspiegelt  - und dazu die Ausführungen des Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, Prof. Peter Dabrock - sind nach meiner Betrachtung im Nachhinein für jeden einzelnen meiner Leser & Leserinnen wahrscheinlich hilfreicher beim Fällen einer eigenen Entscheidung für sich selbst oder einen Angehörigen, als es mein Post es sein könnte. Deshalb verlinke ich hier zum Podcast der Sendung.

Ich möchte gern glauben, dass verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten des Gesetzes umgegangen wird, habe aber aus diversen Gründen Sorge, basiert auf meinen Erfahrungen und Kenntnissen: 

Die personelle Situation in den Pflegeheimen lässt vielfach zu Wünschen übrig ( und wird nicht besser werden, so lange unsere Gesellschaft Heime nur als Renditeobjekte für Anlagenfonds betrachtet ). 

Und die Einflussnahme der pharmazeutischen Industrie auf Ärzte lässt doch manchen Mediziner einknicken & nicht verantwortungsvoll handeln ( anders als der, der sich in der Sendung auch gemeldet hat ). Leider ist auf meinen Einwand in der Sendung, dass man Demenz auch als ganz natürliche Erscheinung des Alterungsprozesses betrachten könne, die keiner medikamentösen Behandlung bedarf, nicht eingegangen worden. Jener Arzt, der angerufen hat, hat auch deutlich gemacht, dass "Krankheiten" geschaffen werden, um Profite zu generieren, die dem Behandelten hingegen nur ein, zwei Lebensjahre mehr einbringen. Alter & Pflegebedürftigkeit ist ja mittlerweile ein Wahnsinnsgeschäft.

Ein drittes Problem ist für mich die Kompetenz & das Engagement des Betreuers, der von Demenz Betroffenen an die Seite gestellt wird. Wir hatten das Glück, dass mein Bruder, selber Hausarzt, als Betreuer ( sog. "befreiter Betreuer" ) eingesetzt war, wie eine Gesprächsteilnehmerin für ihre Schwester. In vielen Fällen sind es jedoch Berufsbetreuer, amtlich bestellt, die für eine Vielzahl von Personen, die sie gar nicht wirklich persönlich und gut kennen können ( Informationen dazu gibt es hier ), Entscheidungen treffen müssen. Dazu wird diese Tätigkeit sehr gering bezahlt, so dass auf diesen Personen durchaus der Druck lastet, möglichst viele "Fälle" zu haben, um davon leben zu können.

Auf das Verantwortungsbewusstsein dieser Beteiligten ist die richtige Umsetzung des Gesetzes in seiner jetzt verabschiedeten Fassung, die Wahrung der Würde eines dementen Menschen, angewiesen. Ich bin von Natur aus ein Mensch, der seinem Gegenüber immer erst einen Vertrauensvorschuss gibt ( und hofft, dass das gerechtfertigt ist ), und erwarte, dass ein systematischer Missbrauch ausgeschlossen ist, wie es das Gesetz verlangt. Ich bin allerdings alt genug, um zu wissen, wie viel kriminelle Energie freigesetzt wird, wenn es ums Geld scheffeln geht. Da fehlt es mir dann an Vertrauen.


Ich hoffe, das dieser Post inkl. Radiobeitrag allerdings etwas dazu beitragen kann, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen und selbstbestimmt für sich persönlich eine Entscheidung zu treffen.





Sonntag, 23. Oktober 2016

Meine 42. Kalenderwoche 2016





















Und wieder starte ich mit dem vergangenen Sonntag und der Suche nach dem Goldenen Oktober!





















Gefunden haben wir ihn im Kölner Stadtwald.






















Gefällt mir immer wieder sehr gut, und es werden Erinnerungen wach an viele schöne Stunden in den vergangenen vierzig Jahren meines Lebens...





















Ansonsten war die Woche der Pflege sozialer Kontakte gewidmet:





















Montagabend mit dem Wahlverwandten






















Dienstagnachmittag an prominenter Stelle...





















...ein Treffen mit einer "Stillen Leserin", die uns mit Schätzen aus ihrer Küche versorgt hat.






















Mittwochnachmittag mit der Lieblings - Ex - Kollegin
























Donnerstagnachmittag: gleiche Zeit, gleicher Ort wie am Dienstag, aber diesmal zwei unterhaltsame Stunden mit IHR*...
























... dann eine erhellende Führung durch diese Ausstellung...
























... und abschließend  Austausch von Familienneuigkeiten mit dem Freundespaar

Der Freitag gehörte ganz mir, dem Gefährten und der stillen Freude über so viele gemeinsame Jahre. Für all eure Glückwünsche zu diesem Anlass sage ich euch vielen Dank! Ein Maler ist leider noch nicht gefunden.


Die zahlreichen Unterhaltungen in dieser Woche zu den unterschiedlichsten Themen habe ich als tolle Bereicherung erlebt. Nichtsdestotrotz habe ich mich auch umgetan in den Medien, sei es Radio, Internet, Zeitungen. Das ist mir einfach ein Bedürfnis, weil ich immer wissen will, wie die Welt tickt.

Das ist allerdings halt zur Zeit eher unerfreulich bis beunruhigend:

Die AfD plant im Bundestagswahlkampf 2017 Social Bots, also eine Propagandasoftware, einzusetzen, wie sie im amerikanischen Wahlkampf von beiden Seiten verwendet wurde. Solche Programme verbreiten Beiträge in sozialen Netzwerken, ohne dass zu erkennen ist, wer dahinter steckt, und nehmen so Einfluss auf die öffentliche Meinung oder versuchen Abstimmungsergebnisse zu manipulieren. Wie das funktioniert ( und wie man solche Tweets oder Facebook - Eintragungen erkennen kann ) wurde am Freitag in der Wissenschaftssendung von WDR5 erklärt ( hier zu hören ).

Verstörend finde ich auch, wie dieser unsägliche Präsidentschaftskandidat der Amerikaner ein Grundprinzip der 240 Jahre alten US-Demokratie mit seinem Statement beim letzten Rededuell beschädigt hat, welches besagt, dass der Unterlegene der Wahl den Wahlsieger - und damit den Wählerwillen - anerkennt. Einen solchen Tabubruch gab es bislang nicht und scheint nun doch ein paar mehr Amerikaner aufzubringen als bisher. Meinem Demokratieverständnis entspricht das jedenfalls auch nicht.



Bildung, Respekt, die Vermittlung humanistischer Werte - all das könnte verhindern, dass jemand wie der Baulöwe in ein Führungsamt kommt, glaubt der Kommentator meiner örtlichen Tageszeitung, Frank Nägele, und hofft: Trump wird haarscharf an uns vorbeifliegen wie ein Komet, dessen Feuerschweif uns aber die Augenbrauen versengt. Und eine Ursache für die um sich greifende Teilnahmslosigkeit, Ignoranz, Dummheit ( oder alles zusammen ) beschreibt er so:

"Die privilegierte Form der Geisteserziehung ist eine Disziplin, an der die großen Demokratien offenbar das Interesse verloren haben. Alles, auch ihre wichtigsten staatlichen Aufgaben, unterstellen sie dem Prinzip der Ökonomie. Entweder der Ökonomie des Geldverdienens oder, wie bei uns, zumindest des strikten Sparens, wovon sich jeder beim Besuch der nächsten staatlichen Schule, eines Klassenzimmers und einer Schultoilette selbst überzeugen kann."

So sehe ich das auch.







Dass die Gegenkandidatin des Herrn T. die bessere Wahl ist, wage ich allerdings auch zu bezweifeln. Denn auch sie scheint keinen Blick dafür ( oder kein Interesse? ) zu haben, was die Ursachen der Unzufriedenheit so vieler anbelangt.

Noam Chomsky hat sich in diesem Interview dazu ( und vielen anderen Erscheinungen der Gegenwart ) meines Erachtens erhellend geäußert. Er wirft auch einen Blick auf die wirtschaftlichen Verhältnisse, die unser Zusammenleben in den letzten Jahrzehnten prägen, und damit auf die tatsächlichen Grundlagen der Verunsicherung bzw. Ängste bei sehr vielen Menschen in den westlichen Gesellschaften. Aber etliche Menschen sind darunter, die es vorziehen, ihre Sorgen auf das Fremde in jeglicher Erscheinungsform zu projizieren, bezweifeln Realitäten ( wie die der Bundesrepublik Deutschlands z.B. und fantasieren sich in ihnen genehmere, rechtsfreie "Staatswesen" ), legen einen Hass an den Tag, den sie nicht mehr hinterfragen und der alles, aber auch alles in ihren Augen legitimiert.

Carolin Emcke, die heute den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche entgegen genommen hat, hat sich in einem Essay "Gegen den Hass" mit dieser Emotion auseinander gesetzt ( die in den Sozialen Netzwerken, wie wir jetzt wissen, auch eine technisch gesteuerte Eskalationsdynamik hat - siehe oben ):

"Im Hass lässt sich ein Mensch gehen. Sein ganzes Verhalten wirkt roh und vulgär. Er missachtet jede soziale Konvention, die auf prinzipiellem Respekt und auf Achtung beruht und ohne die jede Supermarktkasse oder jede U-Bahn-Tür im Feierabendverkehr zum Kriegsschauplatz werden würde." ( Quelle hier )

Und an anderer Stelle:
"Gefühle lassen sich auch befragen: wie zutreffend sie sind, wie verhältnismäßig, wie angemessen. Das lernt jedes Kind. Wir dagegen erleben einen Diskurs, der Affekte unkritisch aufgewertet sehen will. Das hat auch etwas leicht Infantiles. "

Ihre Rede in der Frankfurter Paulskirche, die mich sehr beeindruckt hat, ist hier nachzulesen.

Ein interessantes "Tischgespräch" mit ihr habe ich auch im Radio verfolgt. Es ist hier nachzuhören. Ich kann mir ihr Motto nur zu eigen machen:

"Lieber politisch korrekt als moralisch infantil." Oder mit Michelle Obama: "When they go low, we go high."

In diesem Sinne einen schönen Sonntag!








* Das Foto von ihrem schönen, gestrickten Tuch habe ich mit Andreas Erlaubnis hier entliehen und verlinke diesen Post mit ihrem Samstagsplausch und mit Joanas nicelittlethingsaround

Freitag, 29. Juli 2016

Statt Raif Badawi wieder etwas Geschichte


Mein achtzigster Post zu Raif Badawi läuft wieder mal Gefahr, das eigentliche Thema zu verfehlen, denn hier in Europa interessiert man sich inzwischen die Bohne für den guten Mann, der nunmehr seit 1526 Tagen in saudischen Gefängnissen schmort, außer den österreichischen Grünen vielleicht, die zuverlässig wie immer, ihre ( diesmal 83. ) Mahnwache vor dem König-Abdullah-Zentrum am Schottenring 21 in Wien abgehalten haben, ( und ein paar Kanadiern rund um Ensaf Haidar )...

Europa kreist mal wieder um sich selbst, und in Deutschland versucht jeder, so gut er kann, politisches Kapital zu schlagen aus der Reihe von Gewalttaten, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen begangen wurden und in den vergangenen Tagen das Land beschäftigt & aufgewühlt haben. Es werden wieder altbekannte Urteile hervorgeholt und Maßnahmen ins Blickfeld genommen, die meist durch die Ereignisse schon längst als unwirksam diskreditiert sein sollten. Ungezügelt wird Hass über Flüchtlinge, Politiker, Mitbürger, die moderat und reflektiert mit den Vorkommnissen umgehen, ausgekippt und hämisch auf Kanzlerin und Regierung ( im freundlichstem Fall nur mit dem Finger ) gezeigt oder sonst wie frohlockt. Für etliche Mitbürger sind bestimmte Reflexe, wie das Schimpfen auf die Berichterstattung im Fernsehen, auch schon habituell geworden ( aber damit nicht unbedingt wahrer ).

Eigentlich hatte ich zuerst geplant, dazu an dieser Stelle ausführlicher Stellung zu nehmen und auf etliche Widersprüche hinzuweisen. Ich bin ein gefühlvoller Mensch, aber was hier mitunter so abgeht in sozialen Netzen und Medien, grenzt für mich an Hysterie und es stößt mich sehr, sehr ab, dass die Emotionen hochkochen, wie ich es mein Lebtag noch nicht erlebt habe.

In dieser überhitzten Atmosphäre erscheint es mir opportun, sachlich zu bleiben und heute einmal von ganz hinten aufzurollen, woher eigentlich all die Probleme herrühren, mit denen wir nun seit Wochen & Monaten konfrontiert sind. Vom Himmel gefallen sind sie nämlich nicht und liegen auch nicht nur am grausamen Naturell der Araber. Eingebrockt haben sie uns erst einmal Briten und Franzosen als einstige Kolonialmächte...

Im Bild (datiert 1917): Ibn Saud (1), der spätere Kron-Verwalter Mesopotaniens Percy Cox (2), Gertrude Bell (3), der Sikh von Kuwait (6) und andere.

Ein Blick in die Geschichte scheint mir immer sinnvoll ( auch wenn es nach Ansicht bestimmter Parteigänger in diesem Lande ja gar keine Geschichte gibt ), um die Wurzeln all dieser Übel zu erkennen und die Verantwortlichkeiten herauszuarbeiten :

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich endgültig. Frankreich und Großbritannien hatten den Nahen Osten als Konkursmasse dieses Reiches schon 1916 im Sykes-Picot-Abkommen unter sich aufgeteilt , bevor es so weit war. Es war ein Geheimabkommen, und die Betroffenen, die arabische Bevölkerung der Region, erfuhr nichts davon. Deren Interessen waren gleichgültig.

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Die beiden Mächte steckten ihre Einflusszonen in der Region so ab: Großbritannien erhielt das britische Mandat Mesopotamien auf dem Gebiet des heutigen Irak sowie das Völkerbundsmandat für Palästina, welches den südlichen Teil der osmanischen Provinz Syrien (Syrien, Palästina und Jordanien) umfasste. Frankreich bekam das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon auf dem restlichen Gebiet des osmanischen Syriens ( entspricht dem modernen Syrien, dem Libanon und dem ehemaligen Hatay, einer späteren türkische Provinz ( ab 1939 ) um Antakya, dem früheren Antiochia ).

Aber die beiden Staaten merkten alsbald nach dem Ende des Krieges ( und der Ausschaltung anderer interessierter Mächte wie Russland oder Deutschland ), dass sie das Gebiet auf Dauer nicht halten konnten. Sie mussten eine Übergangslösung finden, die ihnen aber so viel Einfluss wie möglich sichern sollte. Damit betrauten sie unter anderem eine Frau: Gertrude Bell, der eine Schlüsselrolle in der Neuordnung des gesamten Nahen Ostens zufiel und sie zu einer der mächtigsten Frauen ihrer Zeit machte, denn ihre Aufgabe war es, die politische und geografische Ordnung der neu geschaffenen Staaten umzusetzen.

Auf der Konferenz von Kairo im Frühjahr 1921 gelang es Bell, den damaligen Kolonialminister Winston Churchill davon zu überzeugen, zunächst dem Irak und später auch einem Teil Jordaniens weitgehende Autonomie zuzugestehen. Erster König des Irak wurde auf ihre Empfehlung Faisal I. Eine weitere Fehleinschätzung ( und Quelle vieler späterer Probleme ) geht auch auf sie und den berühmten Lawrence von Arabien zurück, den sie favorisierten nur den Pakt mit Sunniten und Wahabiten und ließen die Schiiten außen vor. Bell blendete also wichtige Realitäten aus, als sie die Grenzen zwischen Irak, Jordanien, Palästina, Syrien und Saudi-Arabien zog. Viele der heutigen Konflikte waren so vorprogrammiert.

Schon in dieser Zeit, den Zwanziger Jahren, erlangten erste fundamentalistische Strömungen des Islam wie die der Wahhabiten Einfluss auf der arabischen Halbinsel, und in Ägypten gründete sich die Muslimbruderschaft.

Die willkürlichen Grenzziehungen führten dazu, dass die Legitimität der neugeschaffenen Staaten immer wieder in Frage gestellt wurde. Wohl die augenfälligsten, aber nicht die einzigen Beispiele sind der Konflikt Israel - Palästina sowie die ungelöste Frage kurdischer Selbstbestimmung ( bzw. staatlicher Verfasstheit ) im Grenzgebiet der Staaten Syrien, Türkei, Iran und Irak.

1946 versuchte Großbritannien möglichst ohne Verlust seines Ansehens das Problemgebiet Palästina los zu werden: Sie gaben ihr Mandat für Palästina erst an die USA, dann an den Völkerbund ab. Im April 1947 schlug die UNO in einem Teilungsplan die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates auf diesem Gebiet vor - die langfristigen Folgen dürften bekannt sein ( Interessierte finden hier eine ausführliche Darstellung  und hier eine etwas anschaulichere Zeitleiste ).

Einwanderer im neu gegründeten Staat Israel
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Als Gamal Abdel Nasser 1952 die Macht in Ägypten übernahm, wurde das Land zur geistigen Heimat des arabischen Nationalismus. Der Panarabismus war eine Vision, die heterogenen Araber in einer einzigen Nation zu vereinen, die sich schon unter den Osmanen herauskristallisiert hatte. Dieser Nationalismus war aber säkular, erkannte das islamische Erbe und Kultur der arabischen Länder allerdings an. Nasser und seine syrischen Alliierten ( > Vereinigte Arabische Republik ) bekämpften allerdings die fundamentalistischen Muslimbrüder, so dass diese nach Saudi-Arabien & in die Golfstaaten auswichen.

Die panarabische Idee selbst erbrachte nicht die Freiheit, Entwicklung und Demokratie, die sich viele Araber davon versprochen hatten und geriet mit der arabischen Niederlage von 1967 im Krieg gegen Israel unter der Führung Ägyptens in eine Krise. Teilweise entwickelte sich die Idee sogar zu einem Unterdrückungsinstrument gegen nationale Minderheiten in den arabischen Ländern.

Nach dem 2. Weltkrieg waren an die Stelle von Briten und Franzosen immer mehr die USA als Verursacher regionaler Aggressionen, als höchste Gewalt über die arabische Welt, getreten. Vor allem an sie ist die Erfahrung der Araber gekoppelt, von westlichen Mächten trotz gegenteiliger Versicherungen letztlich nach rein machtpolitischen Gesichtspunkten behandelt zu werden ohne Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen. Das bedingt das tiefe Misstrauen gegenüber europäischer und US-amerikanischer Politik in der Region.

Die Ausrufung der Islamischen Republik Iran ( in diesem Falle ein nicht-arabisches Land - genauere Infos hier ) am 1. April 1979, berührte in besonderem Maße die amerikanischen Interessen, die die despotische Herrschaft des Schahs in diesem Lande bis dahin gestützt hatten. Die politischen Transformation des Landes führten zum Bruch, der noch durch eine 444-tägige Besetzung der US-Botschaft mit Geiselnahme ab November des gleichen Jahres eskalierte.

Der Einfall der Sowjetunion in Afghanistan Weihnachten 1979 führte zu weiterer Instabilität in der Region, so dass die Amerikaner, unfähig zwischen den einzelnen islamistischen Richtungen zu unterscheiden, wahhabitische Dschihadisten als Kämpfer gegen die Sowjets unterstützten -  mit fatalen Folgen, die durch den Umstand verschlimmert wurden, dass der Westen Afghanistan erst einmal aufgab, nachdem die Russen 1988 vertrieben worden waren.

1980 begann unter dem damaligen Präsidenten des Irak, Saddam Hussein, der Erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran, der ebenfalls 1988 endete. Ziel war, den Irak zur dominierenden Macht am Persischen Golf und zum Kontrolleur des Ölmarkts zu machen. Hussein erhielt diplomatische, militärische und wirtschaftliche Unterstützung seitens der Sowjetunion, Frankreichs sowie Aufklärungsdaten von den Vereinigten Staaten und finanzielle Hilfe von u.a. Kuwait und Saudi-Arabien.

Der Zweite Golfkrieg begann am 2. August 1990 mit der gewaltsamen Eroberung Kuwaits durch den Irak und der Annektion desselben. Ab Januar 1991 begann eine Koalition, angeführt von den Vereinigten Staaten und legitimiert durch eine UN-Resolution, mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits. Dieser Konflikt gilt als der erste, bei dem arabische Staaten gegeneinander Krieg führten und als erster militärische Großeinsatz der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er endete am 12. April 1991 mit einem Waffenstillstand.

Einen neuen Höhepunkt erreichte die Einmischung der Vereinigten Staaten von Amerika durch den Einmarsch und die Besetzung des Iraks 2003. Begründet mit einem aberwitzigen Lügengebäude fing die USA und ihr Verbündeter Großbritannien dem "Great War On Terror" an, als dessen Folge nicht nur die ideologischen Auseinandersetzungen um den rechten Glauben, Humanität und Menschenrechte die Welt überziehen, sondern ganze Regionen entstaatlicht, Millionen von Menschen ins Elend gestürzt oder zur Flucht gezwungen hat.

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Die Gründe für die außerordentliche euro-amerikanische Wachsamkeit und Einflussnahme in der arabischen Welt sind folgende:

Erstens sind die arabischen Länder die Quelle der größten Erdölvorkommen der Erde, die entscheidend sind für die energieintensiven Wirtschaften des Westens.
Zweitens wird Israel aus vielerlei Gründen ein derart hohes Maß hegemonialer Zuwendung durch den Westen zuteil wie keinem anderen Teil der Welt.
Ein dritter gewichtiger Grund für die derzeitige Misere in der arabischen Welt sind aber auch die Gewaltherrschaften, die die Länder seit ihrer Dekolonialisierung fest im Griff haben: Da ist zum einen die saudische Königsfamilie, der wichtigste Verbündete der Amerikaner in der Region seit dem Treffen zwischen Präsident Roosevelt & König Ibn Saud 1945, oder die kleinen Scheiche in den Golfstaaten, die haschemitischen Dynastie in Jordanien - in diesem Falle britische Hinterlassenschaften. ( Ein bedeutender Widersacher der USA blieb allein Syrien, wo Vater und Sohn Assad die Macht seit 46 Jahren halten und die einen panarabisch - sozialistischen Nationalismus vertreten. )  Diese Diktaturen – egal ob königlich oder republikanisch - sind nicht geschaffen oder aufgezwungen vom Westen, wurden & werden aber gefördert und gestützt aus taktische Gründen.


Was das nun alles mit der wachsenden Verstärkung islamistischer Ideologien im Nahen Osten & Nordafrika zu tun hat, die wir jetzt mit allen Konsequenzen erleben, das werde ich zu einem anderen Zeitpunkt einmal ausführlicher darstellen.

Denn jetzt ist der Post viel länger geworden, als ich wollte, und ich bin müde...