Freitag, 29. Juli 2016

Statt Raif Badawi wieder etwas Geschichte


Mein achtzigster Post zu Raif Badawi läuft wieder mal Gefahr, das eigentliche Thema zu verfehlen, denn hier in Europa interessiert man sich inzwischen die Bohne für den guten Mann, der nunmehr seit 1526 Tagen in saudischen Gefängnissen schmort, außer den österreichischen Grünen vielleicht, die zuverlässig wie immer, ihre ( diesmal 83. ) Mahnwache vor dem König-Abdullah-Zentrum am Schottenring 21 in Wien abgehalten haben, ( und ein paar Kanadiern rund um Ensaf Haidar )...

Europa kreist mal wieder um sich selbst, und in Deutschland versucht jeder, so gut er kann, politisches Kapital zu schlagen aus der Reihe von Gewalttaten, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen begangen wurden und in den vergangenen Tagen das Land beschäftigt & aufgewühlt haben. Es werden wieder altbekannte Urteile hervorgeholt und Maßnahmen ins Blickfeld genommen, die meist durch die Ereignisse schon längst als unwirksam diskreditiert sein sollten. Ungezügelt wird Hass über Flüchtlinge, Politiker, Mitbürger, die moderat und reflektiert mit den Vorkommnissen umgehen, ausgekippt und hämisch auf Kanzlerin und Regierung ( im freundlichstem Fall nur mit dem Finger ) gezeigt oder sonst wie frohlockt. Für etliche Mitbürger sind bestimmte Reflexe, wie das Schimpfen auf die Berichterstattung im Fernsehen, auch schon habituell geworden ( aber damit nicht unbedingt wahrer ).

Eigentlich hatte ich zuerst geplant, dazu an dieser Stelle ausführlicher Stellung zu nehmen und auf etliche Widersprüche hinzuweisen. Ich bin ein gefühlvoller Mensch, aber was hier mitunter so abgeht in sozialen Netzen und Medien, grenzt für mich an Hysterie und es stößt mich sehr, sehr ab, dass die Emotionen hochkochen, wie ich es mein Lebtag noch nicht erlebt habe.

In dieser überhitzten Atmosphäre erscheint es mir opportun, sachlich zu bleiben und heute einmal von ganz hinten aufzurollen, woher eigentlich all die Probleme herrühren, mit denen wir nun seit Wochen & Monaten konfrontiert sind. Vom Himmel gefallen sind sie nämlich nicht und liegen auch nicht nur am grausamen Naturell der Araber. Eingebrockt haben sie uns erst einmal Briten und Franzosen als einstige Kolonialmächte...

Im Bild (datiert 1917): Ibn Saud (1), der spätere Kron-Verwalter Mesopotaniens Percy Cox (2), Gertrude Bell (3), der Sikh von Kuwait (6) und andere.

Ein Blick in die Geschichte scheint mir immer sinnvoll ( auch wenn es nach Ansicht bestimmter Parteigänger in diesem Lande ja gar keine Geschichte gibt ), um die Wurzeln all dieser Übel zu erkennen und die Verantwortlichkeiten herauszuarbeiten :

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieg zerfiel das Osmanische Reich endgültig. Frankreich und Großbritannien hatten den Nahen Osten als Konkursmasse dieses Reiches schon 1916 im Sykes-Picot-Abkommen unter sich aufgeteilt , bevor es so weit war. Es war ein Geheimabkommen, und die Betroffenen, die arabische Bevölkerung der Region, erfuhr nichts davon. Deren Interessen waren gleichgültig.

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Die beiden Mächte steckten ihre Einflusszonen in der Region so ab: Großbritannien erhielt das britische Mandat Mesopotamien auf dem Gebiet des heutigen Irak sowie das Völkerbundsmandat für Palästina, welches den südlichen Teil der osmanischen Provinz Syrien (Syrien, Palästina und Jordanien) umfasste. Frankreich bekam das Völkerbundmandat für Syrien und Libanon auf dem restlichen Gebiet des osmanischen Syriens ( entspricht dem modernen Syrien, dem Libanon und dem ehemaligen Hatay, einer späteren türkische Provinz ( ab 1939 ) um Antakya, dem früheren Antiochia ).

Aber die beiden Staaten merkten alsbald nach dem Ende des Krieges ( und der Ausschaltung anderer interessierter Mächte wie Russland oder Deutschland ), dass sie das Gebiet auf Dauer nicht halten konnten. Sie mussten eine Übergangslösung finden, die ihnen aber so viel Einfluss wie möglich sichern sollte. Damit betrauten sie unter anderem eine Frau: Gertrude Bell, der eine Schlüsselrolle in der Neuordnung des gesamten Nahen Ostens zufiel und sie zu einer der mächtigsten Frauen ihrer Zeit machte, denn ihre Aufgabe war es, die politische und geografische Ordnung der neu geschaffenen Staaten umzusetzen.

Auf der Konferenz von Kairo im Frühjahr 1921 gelang es Bell, den damaligen Kolonialminister Winston Churchill davon zu überzeugen, zunächst dem Irak und später auch einem Teil Jordaniens weitgehende Autonomie zuzugestehen. Erster König des Irak wurde auf ihre Empfehlung Faisal I. Eine weitere Fehleinschätzung ( und Quelle vieler späterer Probleme ) geht auch auf sie und den berühmten Lawrence von Arabien zurück, den sie favorisierten nur den Pakt mit Sunniten und Wahabiten und ließen die Schiiten außen vor. Bell blendete also wichtige Realitäten aus, als sie die Grenzen zwischen Irak, Jordanien, Palästina, Syrien und Saudi-Arabien zog. Viele der heutigen Konflikte waren so vorprogrammiert.

Schon in dieser Zeit, den Zwanziger Jahren, erlangten erste fundamentalistische Strömungen des Islam wie die der Wahhabiten Einfluss auf der arabischen Halbinsel, und in Ägypten gründete sich die Muslimbruderschaft.

Die willkürlichen Grenzziehungen führten dazu, dass die Legitimität der neugeschaffenen Staaten immer wieder in Frage gestellt wurde. Wohl die augenfälligsten, aber nicht die einzigen Beispiele sind der Konflikt Israel - Palästina sowie die ungelöste Frage kurdischer Selbstbestimmung ( bzw. staatlicher Verfasstheit ) im Grenzgebiet der Staaten Syrien, Türkei, Iran und Irak.

1946 versuchte Großbritannien möglichst ohne Verlust seines Ansehens das Problemgebiet Palästina los zu werden: Sie gaben ihr Mandat für Palästina erst an die USA, dann an den Völkerbund ab. Im April 1947 schlug die UNO in einem Teilungsplan die Gründung eines jüdischen und eines arabischen Staates auf diesem Gebiet vor - die langfristigen Folgen dürften bekannt sein ( Interessierte finden hier eine ausführliche Darstellung  und hier eine etwas anschaulichere Zeitleiste ).

Einwanderer im neu gegründeten Staat Israel
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Als Gamal Abdel Nasser 1952 die Macht in Ägypten übernahm, wurde das Land zur geistigen Heimat des arabischen Nationalismus. Der Panarabismus war eine Vision, die heterogenen Araber in einer einzigen Nation zu vereinen, die sich schon unter den Osmanen herauskristallisiert hatte. Dieser Nationalismus war aber säkular, erkannte das islamische Erbe und Kultur der arabischen Länder allerdings an. Nasser und seine syrischen Alliierten ( > Vereinigte Arabische Republik ) bekämpften allerdings die fundamentalistischen Muslimbrüder, so dass diese nach Saudi-Arabien & in die Golfstaaten auswichen.

Die panarabische Idee selbst erbrachte nicht die Freiheit, Entwicklung und Demokratie, die sich viele Araber davon versprochen hatten und geriet mit der arabischen Niederlage von 1967 im Krieg gegen Israel unter der Führung Ägyptens in eine Krise. Teilweise entwickelte sich die Idee sogar zu einem Unterdrückungsinstrument gegen nationale Minderheiten in den arabischen Ländern.

Nach dem 2. Weltkrieg waren an die Stelle von Briten und Franzosen immer mehr die USA als Verursacher regionaler Aggressionen, als höchste Gewalt über die arabische Welt, getreten. Vor allem an sie ist die Erfahrung der Araber gekoppelt, von westlichen Mächten trotz gegenteiliger Versicherungen letztlich nach rein machtpolitischen Gesichtspunkten behandelt zu werden ohne Berücksichtigung ihrer eigenen Interessen. Das bedingt das tiefe Misstrauen gegenüber europäischer und US-amerikanischer Politik in der Region.

Die Ausrufung der Islamischen Republik Iran ( in diesem Falle ein nicht-arabisches Land - genauere Infos hier ) am 1. April 1979, berührte in besonderem Maße die amerikanischen Interessen, die die despotische Herrschaft des Schahs in diesem Lande bis dahin gestützt hatten. Die politischen Transformation des Landes führten zum Bruch, der noch durch eine 444-tägige Besetzung der US-Botschaft mit Geiselnahme ab November des gleichen Jahres eskalierte.

Der Einfall der Sowjetunion in Afghanistan Weihnachten 1979 führte zu weiterer Instabilität in der Region, so dass die Amerikaner, unfähig zwischen den einzelnen islamistischen Richtungen zu unterscheiden, wahhabitische Dschihadisten als Kämpfer gegen die Sowjets unterstützten -  mit fatalen Folgen, die durch den Umstand verschlimmert wurden, dass der Westen Afghanistan erst einmal aufgab, nachdem die Russen 1988 vertrieben worden waren.

1980 begann unter dem damaligen Präsidenten des Irak, Saddam Hussein, der Erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran, der ebenfalls 1988 endete. Ziel war, den Irak zur dominierenden Macht am Persischen Golf und zum Kontrolleur des Ölmarkts zu machen. Hussein erhielt diplomatische, militärische und wirtschaftliche Unterstützung seitens der Sowjetunion, Frankreichs sowie Aufklärungsdaten von den Vereinigten Staaten und finanzielle Hilfe von u.a. Kuwait und Saudi-Arabien.

Der Zweite Golfkrieg begann am 2. August 1990 mit der gewaltsamen Eroberung Kuwaits durch den Irak und der Annektion desselben. Ab Januar 1991 begann eine Koalition, angeführt von den Vereinigten Staaten und legitimiert durch eine UN-Resolution, mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits. Dieser Konflikt gilt als der erste, bei dem arabische Staaten gegeneinander Krieg führten und als erster militärische Großeinsatz der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er endete am 12. April 1991 mit einem Waffenstillstand.

Einen neuen Höhepunkt erreichte die Einmischung der Vereinigten Staaten von Amerika durch den Einmarsch und die Besetzung des Iraks 2003. Begründet mit einem aberwitzigen Lügengebäude fing die USA und ihr Verbündeter Großbritannien dem "Great War On Terror" an, als dessen Folge nicht nur die ideologischen Auseinandersetzungen um den rechten Glauben, Humanität und Menschenrechte die Welt überziehen, sondern ganze Regionen entstaatlicht, Millionen von Menschen ins Elend gestürzt oder zur Flucht gezwungen hat.

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Die Gründe für die außerordentliche euro-amerikanische Wachsamkeit und Einflussnahme in der arabischen Welt sind folgende:

Erstens sind die arabischen Länder die Quelle der größten Erdölvorkommen der Erde, die entscheidend sind für die energieintensiven Wirtschaften des Westens.
Zweitens wird Israel aus vielerlei Gründen ein derart hohes Maß hegemonialer Zuwendung durch den Westen zuteil wie keinem anderen Teil der Welt.
Ein dritter gewichtiger Grund für die derzeitige Misere in der arabischen Welt sind aber auch die Gewaltherrschaften, die die Länder seit ihrer Dekolonialisierung fest im Griff haben: Da ist zum einen die saudische Königsfamilie, der wichtigste Verbündete der Amerikaner in der Region seit dem Treffen zwischen Präsident Roosevelt & König Ibn Saud 1945, oder die kleinen Scheiche in den Golfstaaten, die haschemitischen Dynastie in Jordanien - in diesem Falle britische Hinterlassenschaften. ( Ein bedeutender Widersacher der USA blieb allein Syrien, wo Vater und Sohn Assad die Macht seit 46 Jahren halten und die einen panarabisch - sozialistischen Nationalismus vertreten. )  Diese Diktaturen – egal ob königlich oder republikanisch - sind nicht geschaffen oder aufgezwungen vom Westen, wurden & werden aber gefördert und gestützt aus taktische Gründen.


Was das nun alles mit der wachsenden Verstärkung islamistischer Ideologien im Nahen Osten & Nordafrika zu tun hat, die wir jetzt mit allen Konsequenzen erleben, das werde ich zu einem anderen Zeitpunkt einmal ausführlicher darstellen.

Denn jetzt ist der Post viel länger geworden, als ich wollte, und ich bin müde...





Kommentare:

  1. Angesichts dieser geschichtlichen Tatsachen fühlt man sich auch müde und niedergedrückt. Wie sollen wir als Nachgeborene nur diesen gordischen Knoten lösen, der auch im neuen Jahrtausend noch fester geknüpft, denn gelöst wird.
    Erwähnenswert finde ich auch die vom Westen (GB, USA) gestohlene Demokratie des Irans unter Mossadegh (1953)
    Schlimm, dass das Schicksal Badawis immer mehr in den Hintergrund rückt, angesichts der schlimmen Ereignisse der letzten Wochen. In der Türkei gibt man sich nun ja auch alle Mühe, die Zahl der politischen Gefangenen zu erhöhen...
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Mossadegh ist nicht vergessen, aber ich wollte mich dann doch irgendwann nur auf die arabischen Staaten beschränken, die von den Kolonialmächten künstlich gebildet worden sind. Zu Ägypten und den Maghreb - Staaten sowie Lybien habe ich auch nichts geschrieben, dann hätte ich kein Ende mehr gefunden.
      Je tiefer ich ins Thema eintauche, um so hoffnungsloser werde ich. Das kann ich nicht dauernd gebrauchen, wenn ich noch andere Dinge stemmen will.
      GLG

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  2. Danke für das geschichtliche Aufarbeiten - hoch interessant - wenn auch mit schrecklichen Folgen. Für mich fängt der ganze Schlamassel eigentlich schon mit den Kreuzzügen an.

    Für Herrn Badawi tut es mir leid. Ich hoffe, dass er noch einigermaßen wohlauf ist.

    Viele Grüße
    Astrid rechtsrheinisch

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  3. Erst vor kurzem habe ich einen Bericht genau über dieses Thema gesehen. Fernsehen ist nicht unbedingt mein Medium, aber das war mal richtig gut. Du hast es wiedermal auf den Punkt getroffen. Dieses Rumgeschimpfe wird die Ursache nicht beheben. Gutheißen werde ich diese Angriffe auf Unschuldige aber trotzdem nicht. Lösungen, habe ich aber auch nicht.
    Liebe Grüße
    Andrea

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    1. Das tue ich ja damit auch nicht, Gewalt finde ich immer verwerflich und auch ein Zeichen von Dummheit.
      Aber es tut schon mal gut, runterzuschalten, von den einfachen Erklärungen abzukommen und in den Blick zu kriegen, was man eventuell auch dazu beigetragen hat, Waffenverkäufe in unserem Fall, ohne Sinn & Verstand z.B.

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  4. Liebe Astrid, großartig! Du hast das so gut zusammengefasst. Das ist ein Thema für Meilen von Bücherregalen. Uns holt heute die Kolonialpolitik und die arrogante Einflussnahme des Westens auch bei den "Neuordnungen" wieder ein. Am meisten hat mich der Spruch von Blair aufgeregt, seit dem Irakkrieg sei die Welt besser geworden. Da fällt mir außer Japsen nichts mehr ein. Jetzt die Türkei und die Auswüchse in unserer Gesellschaft.... Da ich auch privat nicht sorgenfrei bin, versuche ich mich bewusst auf ein paar schöne Dinge zu konzentrieren, sonst schlafe ich gar nicht mehr. Verd.... noch mal! Jedenfalls freuen mich Deine Recherchen sehr.
    Trotz allem schönes Wochenende.
    Magdalena

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  5. Du hast recht und auch wieder nicht, liebe Astrid. Die Geschichte sollte man kennen - es gab vor ein paar Tagen eine sehr gute Dokumentation dazu im Fernsehn - aber sie hilft uns ja nicht weiter. Das ganze Wissen über das, was einst die Kolonialmächte verbockt haben, nutzt uns heute nichts, gar nichts. Wir schreiben gerade wieder Geschichte, nur kann keiner wissen, was dabei herauskommt.
    Lieben Gruß
    Elke

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