Mein achtzigster Post zu Raif Badawi läuft wieder mal Gefahr, das eigentliche Thema zu verfehlen, denn hier in Europa interessiert man sich inzwischen die Bohne für den guten Mann, der nunmehr seit 1526 Tagen in saudischen Gefängnissen schmort, außer den österreichischen Grünen vielleicht, die zuverlässig wie immer, ihre ( diesmal 83. ) Mahnwache vor dem König-Abdullah-Zentrum am Schottenring 21 in Wien abgehalten haben, ( und ein paar Kanadiern rund um Ensaf Haidar )...
Europa kreist mal wieder um sich selbst, und in Deutschland versucht jeder, so gut er kann, politisches Kapital zu schlagen aus der Reihe von Gewalttaten, die aus den unterschiedlichsten Beweggründen begangen wurden und in den vergangenen Tagen das Land beschäftigt & aufgewühlt haben. Es werden wieder altbekannte Urteile hervorgeholt und Maßnahmen ins Blickfeld genommen, die meist durch die Ereignisse schon längst als unwirksam diskreditiert sein sollten. Ungezügelt wird Hass über Flüchtlinge, Politiker, Mitbürger, die moderat und reflektiert mit den Vorkommnissen umgehen, ausgekippt und hämisch auf Kanzlerin und Regierung ( im freundlichstem Fall nur mit dem Finger ) gezeigt oder sonst wie frohlockt. Für etliche Mitbürger sind bestimmte Reflexe, wie das Schimpfen auf die Berichterstattung im Fernsehen, auch schon habituell geworden ( aber damit nicht unbedingt wahrer ).
Eigentlich hatte ich zuerst geplant, dazu an dieser Stelle ausführlicher Stellung zu nehmen und auf etliche Widersprüche hinzuweisen. Ich bin ein gefühlvoller Mensch, aber was hier mitunter so abgeht in sozialen Netzen und Medien, grenzt für mich an Hysterie und es stößt mich sehr, sehr ab, dass die Emotionen hochkochen, wie ich es mein Lebtag noch nicht erlebt habe.
In dieser überhitzten Atmosphäre erscheint es mir opportun, sachlich zu bleiben und heute einmal von ganz hinten aufzurollen, woher eigentlich all die Probleme herrühren, mit denen wir nun seit Wochen & Monaten konfrontiert sind. Vom Himmel gefallen sind sie nämlich nicht und liegen auch nicht nur am grausamen Naturell der Araber. Eingebrockt haben sie uns erst einmal Briten und Franzosen als einstige Kolonialmächte...
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| Im Bild (datiert 1917): Ibn Saud (1), der spätere Kron-Verwalter Mesopotaniens Percy Cox (2), Gertrude Bell (3), der Sikh von Kuwait (6) und andere. |
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Schon in dieser Zeit, den Zwanziger Jahren, erlangten erste fundamentalistische Strömungen des Islam wie die der Wahhabiten Einfluss auf der arabischen Halbinsel, und in Ägypten gründete sich die Muslimbruderschaft.
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| Einwanderer im neu gegründeten Staat Israel Source |
Als Gamal Abdel Nasser 1952 die Macht in Ägypten übernahm, wurde das Land zur geistigen Heimat des arabischen Nationalismus. Der Panarabismus war eine Vision, die heterogenen Araber in einer einzigen Nation zu vereinen, die sich schon unter den Osmanen herauskristallisiert hatte. Dieser Nationalismus war aber säkular, erkannte das islamische Erbe und Kultur der arabischen Länder allerdings an. Nasser und seine syrischen Alliierten ( > Vereinigte Arabische Republik ) bekämpften allerdings die fundamentalistischen Muslimbrüder, so dass diese nach Saudi-Arabien & in die Golfstaaten auswichen.
Die Ausrufung der Islamischen Republik Iran ( in diesem Falle ein nicht-arabisches Land - genauere Infos hier ) am 1. April 1979, berührte in besonderem Maße die amerikanischen Interessen, die die despotische Herrschaft des Schahs in diesem Lande bis dahin gestützt hatten. Die politischen Transformation des Landes führten zum Bruch, der noch durch eine 444-tägige Besetzung der US-Botschaft mit Geiselnahme ab November des gleichen Jahres eskalierte.
Der Einfall der Sowjetunion in Afghanistan Weihnachten 1979 führte zu weiterer Instabilität in der Region, so dass die Amerikaner, unfähig zwischen den einzelnen islamistischen Richtungen zu unterscheiden, wahhabitische Dschihadisten als Kämpfer gegen die Sowjets unterstützten - mit fatalen Folgen, die durch den Umstand verschlimmert wurden, dass der Westen Afghanistan erst einmal aufgab, nachdem die Russen 1988 vertrieben worden waren.
1980 begann unter dem damaligen Präsidenten des Irak, Saddam Hussein, der Erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran, der ebenfalls 1988 endete. Ziel war, den Irak zur dominierenden Macht am Persischen Golf und zum Kontrolleur des Ölmarkts zu machen. Hussein erhielt diplomatische, militärische und wirtschaftliche Unterstützung seitens der Sowjetunion, Frankreichs sowie Aufklärungsdaten von den Vereinigten Staaten und finanzielle Hilfe von u.a. Kuwait und Saudi-Arabien.
Der Zweite Golfkrieg begann am 2. August 1990 mit der gewaltsamen Eroberung Kuwaits durch den Irak und der Annektion desselben. Ab Januar 1991 begann eine Koalition, angeführt von den Vereinigten Staaten und legitimiert durch eine UN-Resolution, mit Kampfhandlungen zur Befreiung Kuwaits. Dieser Konflikt gilt als der erste, bei dem arabische Staaten gegeneinander Krieg führten und als erster militärische Großeinsatz der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Er endete am 12. April 1991 mit einem Waffenstillstand.
Einen neuen Höhepunkt erreichte die Einmischung der Vereinigten Staaten von Amerika durch den Einmarsch und die Besetzung des Iraks 2003. Begründet mit einem aberwitzigen Lügengebäude fing die USA und ihr Verbündeter Großbritannien dem "Great War On Terror" an, als dessen Folge nicht nur die ideologischen Auseinandersetzungen um den rechten Glauben, Humanität und Menschenrechte die Welt überziehen, sondern ganze Regionen entstaatlicht, Millionen von Menschen ins Elend gestürzt oder zur Flucht gezwungen hat.
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Die Gründe für die außerordentliche euro-amerikanische Wachsamkeit und Einflussnahme in der arabischen Welt sind folgende:
Erstens sind die arabischen Länder die Quelle der größten Erdölvorkommen der Erde, die entscheidend sind für die energieintensiven Wirtschaften des Westens.
Zweitens wird Israel aus vielerlei Gründen ein derart hohes Maß hegemonialer Zuwendung durch den Westen zuteil wie keinem anderen Teil der Welt.
Ein dritter gewichtiger Grund für die derzeitige Misere in der arabischen Welt sind aber auch die Gewaltherrschaften, die die Länder seit ihrer Dekolonialisierung fest im Griff haben: Da ist zum einen die saudische Königsfamilie, der wichtigste Verbündete der Amerikaner in der Region seit dem Treffen zwischen Präsident Roosevelt & König Ibn Saud 1945, oder die kleinen Scheiche in den Golfstaaten, die haschemitischen Dynastie in Jordanien - in diesem Falle britische Hinterlassenschaften. ( Ein bedeutender Widersacher der USA blieb allein Syrien, wo Vater und Sohn Assad die Macht seit 46 Jahren halten und die einen panarabisch - sozialistischen Nationalismus vertreten. ) Diese Diktaturen – egal ob königlich oder republikanisch - sind nicht geschaffen oder aufgezwungen vom Westen, wurden & werden aber gefördert und gestützt aus taktische Gründen.
Was das nun alles mit der wachsenden Verstärkung islamistischer Ideologien im Nahen Osten & Nordafrika zu tun hat, die wir jetzt mit allen Konsequenzen erleben, das werde ich zu einem anderen Zeitpunkt einmal ausführlicher darstellen.
Denn jetzt ist der Post viel länger geworden, als ich wollte, und ich bin müde...





Angesichts dieser geschichtlichen Tatsachen fühlt man sich auch müde und niedergedrückt. Wie sollen wir als Nachgeborene nur diesen gordischen Knoten lösen, der auch im neuen Jahrtausend noch fester geknüpft, denn gelöst wird.
AntwortenLöschenErwähnenswert finde ich auch die vom Westen (GB, USA) gestohlene Demokratie des Irans unter Mossadegh (1953)
Schlimm, dass das Schicksal Badawis immer mehr in den Hintergrund rückt, angesichts der schlimmen Ereignisse der letzten Wochen. In der Türkei gibt man sich nun ja auch alle Mühe, die Zahl der politischen Gefangenen zu erhöhen...
Liebe Grüße
Andrea
Mossadegh ist nicht vergessen, aber ich wollte mich dann doch irgendwann nur auf die arabischen Staaten beschränken, die von den Kolonialmächten künstlich gebildet worden sind. Zu Ägypten und den Maghreb - Staaten sowie Lybien habe ich auch nichts geschrieben, dann hätte ich kein Ende mehr gefunden.
LöschenJe tiefer ich ins Thema eintauche, um so hoffnungsloser werde ich. Das kann ich nicht dauernd gebrauchen, wenn ich noch andere Dinge stemmen will.
GLG
Danke für das geschichtliche Aufarbeiten - hoch interessant - wenn auch mit schrecklichen Folgen. Für mich fängt der ganze Schlamassel eigentlich schon mit den Kreuzzügen an.
AntwortenLöschenFür Herrn Badawi tut es mir leid. Ich hoffe, dass er noch einigermaßen wohlauf ist.
Viele Grüße
Astrid rechtsrheinisch
Erst vor kurzem habe ich einen Bericht genau über dieses Thema gesehen. Fernsehen ist nicht unbedingt mein Medium, aber das war mal richtig gut. Du hast es wiedermal auf den Punkt getroffen. Dieses Rumgeschimpfe wird die Ursache nicht beheben. Gutheißen werde ich diese Angriffe auf Unschuldige aber trotzdem nicht. Lösungen, habe ich aber auch nicht.
AntwortenLöschenLiebe Grüße
Andrea
Das tue ich ja damit auch nicht, Gewalt finde ich immer verwerflich und auch ein Zeichen von Dummheit.
LöschenAber es tut schon mal gut, runterzuschalten, von den einfachen Erklärungen abzukommen und in den Blick zu kriegen, was man eventuell auch dazu beigetragen hat, Waffenverkäufe in unserem Fall, ohne Sinn & Verstand z.B.
Liebe Astrid, großartig! Du hast das so gut zusammengefasst. Das ist ein Thema für Meilen von Bücherregalen. Uns holt heute die Kolonialpolitik und die arrogante Einflussnahme des Westens auch bei den "Neuordnungen" wieder ein. Am meisten hat mich der Spruch von Blair aufgeregt, seit dem Irakkrieg sei die Welt besser geworden. Da fällt mir außer Japsen nichts mehr ein. Jetzt die Türkei und die Auswüchse in unserer Gesellschaft.... Da ich auch privat nicht sorgenfrei bin, versuche ich mich bewusst auf ein paar schöne Dinge zu konzentrieren, sonst schlafe ich gar nicht mehr. Verd.... noch mal! Jedenfalls freuen mich Deine Recherchen sehr.
AntwortenLöschenTrotz allem schönes Wochenende.
Magdalena