Freitag, 16. Dezember 2016

Über Raif Badawi, aber besonders die Stimmungslage in diesen Tagen


Kirchheimbolanden? Kennt das hier überhaupt jemand?  Das ist ein  knapp 8000 - Einwohner - Städtchen in südlichen Rheinland - Pfalz, dass vom 29. Oktober bis 10. Dezember sogenannte Friedenstage veranstaltet hat. Und zum Abschluss derselben wurde der Friedenstagepreis verliehen, in diesem Jahr unter anderem auch an Raif Badawi ( siehe auch hier ).

Es gibt also immer noch und überall in diesem unserem Lande Menschen, die Empathie empfinden für Menschen in anderen Ländern, denen ein Leben wie unseres verwehrt ist. Und die nach wie vor einen Sinn darin sehen, sich dafür einzusetzen, mit den Möglichkeiten, die wir als ganz normale Bürger in unserer Gesellschaft haben.


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Gestern Abend, nachdem ich nur einmal kurz die neuesten Neuigkeiten zu Syrien gecheckt hatte, habe ich diesen Sinn, diese Zuversicht, diese Überzeugung fast verloren - das erste Mal in den fünfzig Jahren meines Lebens, die ich nunmehr aktiv an Politik & Gesellschaft Anteil genommen habe. Unerträglich scheint mir, dass alle Mittel & Wege, auf Weltgeschehen Einfluss zu nehmen, die ich im Laufe meines Lebens erprobt habe, auch mit Erfolg, nicht mehr zu funktionieren scheinen:

Angesichts der Inhumanität, die sich in diesem kleinen Land Syrien, an diesem kleinen Volk einige egoistische, machtgierige Männer  ( ja, ich wähle diese Beschränkung ganz bewusst ) leisten, die nicht in der Lage sind in ihren eigenen Ländern, ihren eigenen Völkern ein gutes Leben im menschlichen Sinne zu ermöglichen und deshalb zwecks Ablenkung nach "Ruhm, Ehre und Sieg" auf dem Rücken der geschundenen Menschen im Nahen Osten erringen wollen, fühle ich mich hilflos, weiß ich keinen für mich gangbaren Weg mehr.

Und dann gibt es auch hierzulande - je nach politischer Positionierung - Menschengruppen, die einige dieser vermeintlichen "Führer" anhimmeln und verehren und unsere eigenen politischen Kräfte damit vergleichen und in jeglicher Form niedermachen, die es uns allen doch seit nunmehr 72 Jahren möglich gemacht haben, in Frieden die eigenen Kinder groß zu ziehen.

Meine beiden Eltern, die nach dem 2. Weltkrieg nichts übrig behalten hatten als ihre nackte Existenz, hatten keinen größeren Wunsch, als dass ihre Kinder in Frieden aufwachsen. Ich und mein Mann - der nur aufgrund außerordentlich glücklicher Zufälle diesen Krieg überlebt hat - wollten für unsere Kinder das Gleiche. Und unsere Kinder wünschen sich das - mehr als Gut & Geld - für ihre Kinder. Und was kann eine Regierung, die der Humanität verpflichtet ist, dem Menschen selbst in seinen menschlichsten Bedürfnissen, besser machen, als sich eben um diesen Frieden zu bemühen? Natürlich kann ich mir unsere Gesellschaft besser, gerechter vorstellen in vielen kleinen Dingen. Aber das Allerbeste haben sie alle in den vergangenen sieben Jahrzehnten, gleich welcher politischer Couleur, geschafft.

Für mich ist es unfassbar, dass das nicht gesehen wird, nicht geschätzt wird und angesichts des unfassbaren Elends ( das ich übrigens nicht auf Bildern sehen muss, um es mir vorstellen zu können, denn dazu bin ich unter Menschen aufgewachsen, die das alles am eigenen Leib erfahren haben ) die eigene Lebenslage beklagt wird. Ich weiß, zu meinen Lesern zählen solche Mitmenschen in der Regel nicht. Ich schreibe dies auch nicht, um sie zu erreichen.

Ich schreibe es, um mich mit jenen zu verbinden, die in all diesem Weihnachtstralala ( ich will dieses Jahr aber lieber alles in schwarz-weiß-natur statt Glitzer oder Gold usw. ) in der Lage sind innezuhalten und an das zu denken, was für ein menschliches Leben wirklich zählt, nämlich leben in Freiheit & Frieden ohne ständige Todesdrohung. Und dass es dies für die Menschen im Nahen Osten nicht gibt. Hier oder hier habe ich schon andere Stimmen dazu gefunden. Per Mail haben mich andere erreicht.

Vielleicht hilft uns das, wieder zu Kräften & Mut zu kommen, wenn wir uns als Gemeinschaft fühlen können...



Kommentare:

  1. Ja, es macht einen fassungslos.
    Allerdings bringt es nichts, das eigen Leben nur noch schwarz-grau zu gestalten. Aber wenigstens innehalten, sich das alles bewußt machen und auch mit den Kindern darüber reden, halte ich für essentiell.
    Liebe Grüße
    Jutta

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  2. Da gibt es nichts zuzufügen.
    Hoffen wir weiter.
    Sagen wir weiter, was wir denken.
    Daß Menschlichkeit unteilbar ist.
    Und wer anderes behauptet, wie Astrid Lindgren sagt, kein Mensch ist.
    Punkt.
    Umarmung zu Dir und
    lieben Lisagruß!

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  3. Sich bewusst zu sein, wie es uns hier geht, ist sehr wichtig. Und warum das so ist. Mitgefühl zu haben mit denen, denen es leider nicht so gut geht, ist auch wichtig. Leider haben wir es nicht in der Hand, die Welt so zu gestalten, dass es allen gut geht. Da mischen zu viele mit, auch viele, denen man keine Macht anvertrauen sollte. Gut finde ich, dass unsere Kanzlerin nicht aufgibt und immer wieder Gespräche sucht. - Und wenn Dir nicht nach Gold und Glitzer ist, dann wirst du schon etwas anderes finden, womit du dich wohlfühlst. Vielleicht auch "nur" Begegnungen. Hier ist auch alles sehr reduziert. Das wirkliche Weihnachten, das sind für mich schon länger die kleinen Zeichen der Verbundenheit. Liebe Grüße, Astrid, Sabine

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  4. Besonders einer dieser "Führer" macht mir richtig Angst, ich hege für ihn sehr unchristliche Gedanken. Bin ich doch mit Unwohlsein vor seinen Vorgängern aufgewachsen und habe diese Art von Führung hautnah erlebt. Es werden auch für Europa vielleicht noch unfriedliche Zeiten anbrechen, ich denke mit Sorge ans Baltikum. Und genau wie du schreibst, nur 50 km vor den Toren "seiner" Hauptstadt leben Menschen ohne Strom und Wasser, darum sollte er sich kümmern, anstatt dieses furchtbare Leiden in Syrien ganz kaltschnäuzig zu forcieren.
    Schönen Abend

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  5. Es macht mich ebenso fassungslos und gleichzeitig sehr sehr besorgt, wenn ich in die Zukunft blicke. Wie wichtig wäre es gerade jetzt in Europa zusammenzustehen, geläutert durch die Geschichte des letzten (und vorheriger) Jahrhunderts und ein Gegengewicht zu diesen Drohgestalten der Großmächte darzustellen.
    Leider sind wir weit davon entfernt.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  6. Miteinander die Gedanken und die Hoffnung teilen, weitersagen und nicht entmutigen lassen, mehr weiß ich im Moment nicht zu sagen, bei allem Missgunst in der Welt!!!
    Gerade deswegen: einen guten und besinnlichen 4. Advent wünscht
    heiDE

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  7. Ja, wir sollten endlich sehen, wie schön wir es haben und schnellstens darauf achten, dass es so bleibt und nicht das zerbricht, was jahrzehntelang aufgebaut wurde! Schutzbedürftigen helfen und uns vehement gegen Zerstörer wehren - nicht blind vor Wut, sondern mit planvoll, mit Bedacht und - auch wenn es schwierig ist - gerecht. Und hoffen, dass alles gutgeht - und anderswo gut wird.

    Liebe Grüße,
    Veronika

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  8. Hallo Astrid,
    ähnliche Gedanken sind mir in den letzten Tagen auch durch den Kopf gegangen.
    Heute habe ich mich mit einer Flüchtlingsfamilie getroffen und durfte dabei sein, als die ihren 1. Wohnungsschlüssel für eine Wohnung in Deutschland bekommen haben. Diese Freude in den Gesichtern entschädigt für die Mühen die es manchmal auch kostet. Und da ich die Weltpolitik nicht, auch wenn ich es gerne würde, ändern kann, kann ich im Kleinen etwas tun.
    Und bin dafür dankbar.
    Liebe Grüße, Kerstin

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  9. ich habe mittlerweile auch gemerkt, dass es nichts bringt, den Fernseher anzuschreien.
    Was ich dieses Jahr mehr als einmal gemacht habe. Aber irgendwie muss man den Frust, die Wut und die Hilflosigkeit ja rauslassen.
    Am Mittwoch habe ich dann erst mal Geld gespendet, für die white helmets und Ärzte ohne Grenzen, immerhin eine kleine Möglichkeit für mich, irgendwas zu tun. Die Hilfsbereitschaft für syrische Menschen soll erschreckend gering sein. Zu weit weg, zu moslemisch, zu abgestumpft? man weiß es nicht.
    Ungefähr die Hälfte meines Lebens liegt hinter mir (43), und bei den Ausssichten für die zweite Hälfte läuft mir immer öfter ein Schauer über den Rücken.
    Nach dem, was in Syrien passiert und nicht passiert ist, was wird andere selbstverliebte Despoten noch von Gräueltaten abhalten? Hier wurde ein Beispiel der Toleranz für Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesetzt, dass uns noch lange folgen wird, dessen bin ich mir sicher.
    Und ich hoffe so sehr, nicht recht zu haben.

    Herzliche Grüße
    Tina
    demnächst unter der Regierung des Orangefarbenen. Schauder.

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  10. ich finde es gut, dass du mit einer positiven nachricht beginnst, wir brauchen das so dringend!! deshalb sauge ich auch ghislanas "spur des gelingens" immer in mich auf. aber manchmal erscheint einem (mir) die welt gänzlich schwarz dass es viel licht braucht, um wieder nach außen zu kommen. im moment könnt ich mich einigeln...
    nein, lass uns das tun, was wir mit unseren mitteln machen können - mit solchen artikeln, mit spendendaktionen, gesprächen, schreiben an politikerInnen, blogbeiträgen... danke für den deinen!
    liebe grüße, mano

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  11. Liebe Astrid,
    danke, dass Du die Lage in Syrien zum Thema auf Deinem Blog machst. Zu viele Menschen leben in ihrem eigenen Kosmos und sind blind für die Nöte der anderen.
    Von Kirchheimbolanden habe ich in der Tat noch nie etwas gehört. Bewundernswert, dass Ensaf Haidar gekommen ist um den Preis für ihren Mann entgegenzunehmen.
    liebe Grüße
    Margot

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  12. die menschen werden,' sind' verrückt...auf einer seite krieg und armut...auf der anderen überfluss von sachen, gegenständen, die man nicht braucht aber haben muss um glücklich zu sein.... wie geht es weiter?

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  13. In meinen vielen Gedankenkreisen der letzten Wochen, der Aufregung über die Empathielosigkeit und menschliche Blindheit, die Oberflächlichkeit und den Narzissmus, die sich allesamt wie eine Krake über die Welt auszubreiten scheinen, bin ich immer wieder zu dem Gedanken zurückgekehrt, dass es womöglich daran liegen könnte, dass in Deutschland nur noch sehr wenige Menschen, die den Krieg in all seinem Horror live miterlebt haben, am Leben sind.
    Meine Eltern haben beide ihre Kindheit im Krieg verbracht. Sie haben all den Horror mitgemacht - Hunger, Vertreibung, Bomben, Tote überall, Not und ständig diese Angst um das eigene Leben und das der Menschen, die sie liebten. Sie wussten wie das ist und hätten alles dafür getan, dass das nie wieder passiert, dass ihre Kinder das nie erleben müssen und sie haben uns oft und eindrücklich darüber erzählt. Ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob man Krieg und Bürgerkrieg nur aus distanzierten Geschichtsbüchern über das alte Rom oder die französische Revolution kennt oder ob man ihn selbst erlebt hat oder auch Menschen der eigenen Familie, die darüber glaubhaft anhand eigener Erlebnisse erzählen können. Womöglich liegt es also daran, dass Krieg für viele seinen Schrecken so sehr verloren hat, dass leichtsinnig an allen Enden gezündelt wird und der Tod und die Verzweiflung so vieler Menschen keine Bedeutung mehr zu haben scheint - weil das menschliche Interesse, das Vorstellungs- und das Einfühlungsvermögen fehlt. Was daraus erwachsen könnte, weltweit, macht mir Angst.

    LG, Katja

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