Donnerstag, 15. Juli 2021

Great Women #266: Cicely Saunders

Der Wunsch, über die großartige Frau von heute zu schreiben, kam durch ein Interview mit Claudia Bausewein, Direktorin für Palliativmedizin am Klinikum Großhadern in München, das ich in der "Süddeutschen Zeitung" gelesen hatte. Bausewein war ein halbes Jahr nach ihrer Doktorarbeit in England, wo sie Cicely Saunders kennengelernt und mit ihr zusammengearbeitet hat. Sie hat mich neugierig gemacht auf die Begründerin der Hospizbewegung, die wir in unserem Veedel unterstützt haben, ohne etwas über die Frau hinter der Bewegung zu wissen.

Hospiz am Ende unserer Straße

 "Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, 
sondern den Tagen mehr Leben."

Cicely Mary Strode Saunders Lebensweg beginnt am 22. Juni 1918 in Barnet, Hertfordshire, England. Sie ist das erste von drei Kindern des Immobilienmaklers Gordon Saunders und seiner Frau Mary Christian Knight, Chrissie genannt. 

Es ist eine sehr wohlhabende Familie, denn der Vater - selbst das letzte und siebzehnte Kind eines unternehmerischen Fotografen gewesen, der gestorben ist, als Gordon ein Jahr alt war - ist nach einem Zwischenspiel im Vermessungswesen in jungen Jahren in die Position eines Senior Partners in einer Immobilienagentur gelangt. Zwei Jahre später, mit achtundzwanzig, kann er die Agentur übernehmen und sein starker Tatendrang und seine Persönlichkeit machen ihn sehr erfolgreich und das alles ohne große Ausbildung und Kapital. Seiner künftigen Familie kann er so all den Luxus bieten, der ihm als Kind gefehlt hat.

Die Mutter ist wohl sehr standesbewusst, führt sie sich doch zurück auf Sir John Strode, Ritter ( Knight ) und Parlamentsmitglied im 17. Jahrhundert. Der hat Berühmtheit erlangt, weil er König Charles I. so zur Weißglut gebracht hat, dass dieser einfach ins Parlament eingedrungen ist, um Rache zu nehmen. Seitdem darf kein englischer König mehr unangemeldet das Parlament betreten. Auf diesen Vorfahren ist der Namensbestandteil "Strode" bei Cicely und ihrem jüngsten Bruder zurückzuführen. Im 19. Jahrhundert sind Angehörige der Familie nach Südafrika ausgewandert ist, wo Chrissie Knight selbst 1889 geboren ist. Nach Zusammenbrüchen ihrer Mutter ist die Familie nach England zurück, als sie selbst noch ein Teenager gewesen ist.
 
Chrissie wird als zurückhaltend, manchmal sogar kalt & abweisend beschrieben, dem materiellen Luxus der Familie durchaus zugeneigt, aber nicht leicht zufriedenzustellen, während ihr Ehemann mit  überschwänglicher Kraft den Aufstieg in die oberen Ränge der englischen Mittelklasse weiter betreibt. Solange das Paar mit der Aufzucht seiner Kinder beschäftigt ist, bleiben ihr gestörtes Verhältnis & ihre Differenzen verdeckt, um umso stärker hervorzubrechen, als das Nest sich leert.

Im Alter von einem Jahr wird Cicely der unverheirateten Tante ihrer Mutter übergeben, die sich um das als schwierig geltende Kind kümmern und es großzuziehen soll, nur um wieder zurückgeholt zu werden, als die Mutter auf Daisys Einfluss eifersüchtig wird. Auch der Vater hält seine Frau für unzulänglich und gefühllos als Mutter, hält sich jedoch heraus. Chrissie fühlt sich ihrem zweiten Kind, dem 1920 geborenen John sehr viel wesensverwandter, der ruhiger und weniger temperamentvoll als Cicely und ihr 1927 geborener Bruder Christopher ist. Als Mutter hegt sie wenig nachweisbare Zuneigung gegenüber ihrem Nachwuchs, als es selbst in dieser Schicht üblich ist. Wichtiger ist ihr ihr Status, und sie wird geplagt von Ängsten, diesen zu verlieren, weshalb sie ihre Ehe aufrechterhält, obwohl die sie unglücklich macht.

Nach Kindergarten und Vorschule besuchen die Brüder später Schulen in der Nähe ihrer Familie, Cicely kommt mit dreizehn Jahren auf die Roedean-Internatsschule, ein Top Institut für Mädchen in Südengland bei Brighton, wo sie bis 1937 bleiben wird. 

Cicely, sehr groß und schüchtern und mit einer Skoliose geschlagen, fühlt sich dort nicht am richtigen Ort und nimmt die Rolle einer Außenseiterin ein. Das wird dadurch verstärkt, dass sie jeden Tag fast eine Stunde lang flach auf dem Boden liegen muss, um etwas gegen die Krümmung ihrer Wirbelsäule zu tun.

1936 bezieht die Familie den wunderschönen Landsitz Hadley Hurst aus dem frühen 18. Jahrhundert. 

So emotional eingeschränkt das Leben der Saunders Kinder ist, ihr materielles ist genau das Gegenteil. Die Saunders leben "high on the hog."  Lieblingsferienziel ist die Kanalinsel Jersey, Kreuzfahrten nach Madeira & Gibraltar, eine Reise nach Ägypten werden unternommen und ab 1933 ist die Künstlerkolonie St. Yves ( siehe auch dieser Post ) das favorisierte Ziel. Vermutlich entwickelt sich dort Cicelys Vorliebe für Kunst, besonders Malerei.

Gordon Saunders liebt es, Mittelpunkt einer größeren Gruppe von Menschen zu sein, ihr Anstifter für alle möglichen Aktivitäten. Die offensichtlich unüberwindliche Abneigung gegen seine Frau führt dazu, dass er seine Ferien lieber ohne sie und oft mit einem Dutzend und mehr Freunden verbringt. Auch das schottische Hochland ist dabei ein beliebtes Ziel, und Cicely scheint sich in dieser Atmosphäre aus Zigarrenrauch, Whiskey und Fisch wohl zu fühlen. Später lädt der Vater zu diesen Unternehmungen auch mögliche Heiratskandidaten für seine Tochter ein.

Hadley Hurst
Die Beziehung zum Vater scheint Cicely wichtig gewesen zu sein, obwohl der die meiste freie Zeit mit seinen Kumpeln verbringt, wahrscheinlich nie ein Buch gelesen hat, weder zur Unterhaltung noch zur Wissensbildung, und eine eher  konservative Weltsicht an den Tag legt, während ihre Mutter ihre Fähnchen nach dem jeweiligen Wind richtet bzw. sie weitgehend frei von Ansichten und Überzeugungen ist, die außerhalb ihres  häuslichen Wirkungskreises liegen. Umso mehr saugt Cicely in der Schule alles in sich auf, was ihr Wissen und eine soziale bzw. politische Haltung zu bieten verspricht. Konflikte am heimatlichen Tisch sind da vorprogrammiert. Auch sind beide Eltern sehr säkulare Menschen und können auf die spirituellen Bedürfnisse der Tochter nicht eingehen. Einen festen Standpunkt hat Cicely damals noch nicht, sie revoltiert auch nicht gegen ihr privilegiertes Leben, sondern schätzt die Möglichkeiten von Hadley Hurst, die Autos, die Parties & Tanzvergnügen, und die Welt hinter den großen Zedern des Anwesens ignoriert sie damals noch.

Für ihre jüngeren Brüder ist es so selbstverständlich wie der Tag auf die Nacht folgt, dass sie nach Oxford und Cambridge gehen werden, Cicely hingegen plagen Zweifel. Ihr Vater zieht sie damit auf, dass sie doch nur einen Mann bräuchte. Liebeleien gibt es, aber sie wird den Eindruck nicht los, dass sie interessierter ist, als es die jungen Männer je gewesen sind. Als sie neunzehn wird, wird ihr klar, das Romanzen ihre Zeit nicht auszufüllen vermögen. Aber welchen Weg wählen? In Vaters Firma einsteigen? Schließlich beginnt sie 1939 in Oxford Philosophie, Politik und Ökonomie zu studieren. Doch das frustriert sie wieder, sie möchte etwas Sinnvolles tun. So entscheidet sie sich gegen den Willen der Familie zu einem Krankenschwester -Kurs an der "Nightingale School" des St. Thomas’s Hospitals in London im Jahr 1940.

Als Krankenschwester
( ca. 1944 )
Dort stellt sie fest, dass ihr die Krankenpflege Spaß macht und sie ihre Kollegen schätzt, mit denen sie während der Bombardierung Londons hervorragende Arbeit leistet. Doch gegen Ende ihrer Krankenpflege-Ausbildung Anfang 1944 macht ihr ihr Rücken einen Strich durch die Rechnung: Als sie sich als SRN ( State Registered Nurse) qualifiziert hat, wird ihr von ärztlicher Seite  geraten, den Beruf nicht weiter auszuüben, sonst würde sie ihren Rücken auf Dauer schädigen. 

Sehr widerstrebend lässt Cicely dieses berufliche Feld hinter sich. Für ein Jahr kehrt sie nach Oxford zurück, erwirbt dort ein "War Degree" und qualifiziert sich 1947 als "Lady Almoner", wie seinerzeit die medizinische Sozialarbeiterinnen genannt worden sind. 

Kaum hat sie diese Ausbildung abgeschlossen, belastet ihr Vater sie mit seinen Trennungsabsichten und drängt sie in die Rolle der Vermittlerin, weil die Eheleute selbst nicht mehr miteinander reden. Sie ist es, die der Mutter eröffnet, dass der Vater die Scheidung will. Sie hilft auch der Mutter, ein neues Zuhause zu finden und bringt sie, weil sie Suizidgedanken äußert, schließlich bei einer Freundin in St. Albans unter. Dann gewinnt sie eine frühere Hausangestellte der Eltern dafür, Chrissie zu betreuen. Die Mutter wird bis an ihr Lebensende nicht in die Scheidung einwilligen. 

In dieser belastenden Situation gibt der inzwischen dreißigjährigen Cicely ihre religiöse Sinnsuche Halt. Sie schließt sich christlichen Kreisen an und findet Erfüllung durch Tätigkeiten in einer Londoner Gemeinde der Evangelicals. Zur gleichen Zeit lernt sie David Tasma kennen, einen polnischen Juden, geflohen aus dem Warschauer Ghetto. Er ist ohne jegliche Familie in London, hat sich als Kellner durchgeschlagen und liegt nun, an unheilbarem Krebs erkrankt, auf der Station im St. Thomas Hospital, die Cicely als Sozialarbeiterin betreut. Aus der Betreuung wird alsbald eine tiefe Freundschaft zwischen dem nach eigenen Aussagen jüdischen Agnostiker und der noch frischen Christin. Spirituelle Fragen stehen im Mittelpunkt ihrer regelmäßigen Treffen. Bevor Tasma nach zwei Monaten Bekanntschaft stirbt, vermacht er Cicely 500 Pfund für ein Fenster in ihrem "home", dem Hospiz ihrer Visionen. Für Cicely ist dieses Vermächtnis ein zusätzlicher Ansporn, ihre  Lebensaufgabe ins Auge zu fassen.

Bald nach dem Tod von David Tasma meldet sie sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Heim für Schwerkranke in ihrer Nachbarschaft. Dort, im St. Luke's Hospital, macht sie die Erfahrung, dass durch rechtzeitige, regelmäßige Schmerzmittelgabe den Kranken so geholfen werden kann, dass sie sich wohlfühlen und nicht komatös vor sich hindämmern. Diese Tätigkeit erfüllt sie bald mehr als ihr eigentlicher Beruf, und sie nimmt schließlich einen Job als Sekretärin bei einem Chirurgen, Norman Barrett, an. Der scheint einen guten Blick für die Fähigkeiten & Bedürfnisse seiner Sekretärin gehabt zu haben, denn er rät ihr, Medizin zu studieren: "Es sind die Doktoren, die die Sterbenden im Stich lassen", so sein Standpunkt.

Cicely zögert erst einmal und verbirgt auch beim Aufnahmegespräch an der St. Thomas Medical School, was sie eigentlich im Blick hat. Während ihres Studiums sammelt sie nicht nur Wissen, sondern engagiert sich vielfältig. So bringt sie die Patienten im Hospital dazu, in einem Chor mitzumachen, auch wenn die keine Noten lesen können. Da spielt sie ihnen halt so lange die Melodien vor, bis der Chor mehrstimmig singen kann. Mit fast 39 Jahren legt sie im April 1957 mit Auszeichnung ihre Prüfungen in Chirurgie und Gynäkologie ab.

Über ihren Vater bekommt sie Kontakt zum Pharmakologen Harold Stewart, dessen Spezialgebiet die  Schmerzforschung ist. Cicely beginnt dank eines großzügigen Stipendiums auf diesem Gebiet zu forschen. Schon vorher hat sie Artikel veröffentlicht, in dem sie sich zur Schmerzversorgung Sterbender äußert. Parallel zu ihrer Forschung arbeitet sie im katholischen Hospital St. Joseph's, in einer Abteilung mit 150 Betten für Krebskranke bzw. chronisch kranke alte Menschen, die hauptsächlich von Hilfsschwestern, aber nicht von einer eigenen Ärztin betreut werden. Cicely ist nun die erste, die an drei Tagen in der Woche sich um die kranken Menschen kümmert. Ihre Vorschläge zur Linderung ihrer Schmerzen werden von den Ordensschwestern begrüßt und umgesetzt, aber auch ihr Postulat, den sozialen Konnex der Sterbenskranken miteinzubeziehen, wird beachtet.

Bei Fachleuten löst Cicelys Einsatz von Morphium und Heroin zunächst große Bedenken aus. Doch mit ihren Forschungsergebnissen kann sie diese bald ausräumen. Auch bezieht sie in den großen öffentlichen Debatten Stellung zur Sterbehilfe und beeinflusst damit parlamentarische Gesetzesentscheidungen.

Zu Cicelys Erkenntnissen im Umgang mit schwer kranken Menschen tragen ihre intensiven Freundschaften bei: Da ist einmal Mrs. G., eine zu Beginn ihrer Freundschaft 33jährige, die an fortschreitender, unerklärlicher Paralyse leidet und erblindet. Mrs. G, wird später Gründerpatientin und Namensgeberin für Cicelys eigenes Hospiz werden. Durch Mrs. G. lernt Cicely auch, was Spiritual Care bedeutet: "sich selbst einbringen, sich verwundbar zeigen, sich selbst auf einen Prozess einlassen." Das heißt auch Akzeptanz von Unterschiedlichkeit, Freiheit und Selbstbestimmung. Auch die Erfahrung, dass nicht nur medizinische Behandlung und Pflege, sondern Emotionen und soziale Einflüsse entscheidend für einen Krankheitsverlauf sind, verdankt Cicely dem Umgang mit der Freundin. 

Louie ist eine weitere Freundin dieser Zeit der Erfahrungen & Erkenntnisse, die Cicely prägt, ebenso Antoni Michniewicz, den sie 1960, schon sehr krank, in St. Joseph's kennenlernt. Michniewicz, ein 60jähriger verwitweter Pole, wird ihr am Ende ihrer gemeinsamen Zeit seine Liebe gestehen. Als er im Sommer 1960 stirbt, merkt Cicely, wie viel Kraft sie dieses Erlebnis gekostet hat, obwohl - wie sie ihrem Tagebuch anvertraut - sie alles auch als wertvolles Geschenk ansieht. Michniewicz' Tod ist ein neuer Anstoß,  ihr Ziel intensiver zu verfolgen.

Um ihre Trauer weiter zu verarbeiten, sucht sie auch 1961 die Schweizer Communauté de Grandchamp, eine evangelische Schwesterngemeinschaft, auf. Doch kaum ist sie dort angekommen, erreicht sie die Nachricht vom Tod ihres Vaters und sie muss nach England zurück. 

In dieser Zeit arbeitet Cicely schon an ihrem Konzept für das von ihr avisierte Hospiz. Ihr ist klar, dass es ein Ort der Forschung & Lehre werden soll, aber auch eine Kommunität, eine Gemeinschaft der Leidenden. Noch 1961 wird St. Christopher's als Stiftung begründet. Mutig ist, dass ihre Visionen eine Kritik am bestehenden englischen Gesundheitssystem und beim Umgang mit Sterbenden einschließen. Erst nach mehrjähriger Überzeugungsarbeit werden staatliche Stellen ihr Palliativkonzept unterstützen.

1967
Unglaublich, wie viel Energie Cicely in die Öffentlichkeitsarbeit im In- & Ausland steckt! 1963, 1964 und 1966 unternimmt sie ausgedehnte Vortragsreisen durch die USA und Kanada und bringt ihr Hospiz-Konzept mit Unterstützung vieler williger Mitarbeiter, darunter Elisabeth Kübler Ross, die schließlich 1969 das bahnbrechende Werk "On Death and Dying" ( deutsch: "Interviews mit Sterbenden" ) veröffentlichen wird, unter die Leute. Sie erkennt, dass sie die großartigen Fähigkeiten ihres Vaters als Verkäufer hat, nutzt dieses Talent nun aber weniger eigennützig, sondern für das Sammeln von Spenden: 
"Als wir einen Plan hatten, plünderte ich die Wohltätigkeitsorganisationen der Stadt, um das Grundstück zu kaufen und mit dem Bau zu beginnen.
Am 24. Juli 1967 wird es so weit sein, dass Cicelys Vision endlich wahr wird und St. Christopher's seinen ersten Patienten aufnehmen kann. Vorher - 1965 - ist sie noch zum Officer of the Order of the British Empire ernannt worden. Diese Auszeichnung wird nicht die einzige bleiben: Zwischen 1960 und 1993 wird sie beispielsweise mehr als fünfzehnmal mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet. Weitere Ehrungen sind hier zu finden.

Es ist vielleicht als Glück zu betrachten, auch wenn sie damals traurig gewesen ist, dass sie in ihren jungen Jahren nicht geheiratet und keine familiären Verpflichtungen zu berücksichtigen hat. All ihre Energie hat sie auf ihr Ziel fokussieren können. 

1963 lernt sie den Exil- Polen, Kunst - Professor, Maler & Mathematiker Marian Bohusz-Szysko in London kennen, nachdem sie seine Bilder in der Drian Gallery gesehen hat. Sein Stil ist einzigartig: Dicke Schichten mit Tausenden von Farbtupfern beschweren die Leinwand und lassen die Bilder "unordentlich" wirken. Geht man auf Abstand, werden die Motive klarer. Und Marian ist ein begabter Colorist. Doch mit seiner Art zu malen eckt er in Polen an, sowohl bei den Kommunisten wie den Katholiken, die mit seinen christlichen Motiven nichts anzufangen wissen, weshalb er nach Großbritannien ins Exil geht. 

Das Fenster des David Tasma in St. Christopher's
"It took me nineteen years to build the home round the window."

Bald treffen sie sich regelmäßig und werden ein Paar, werden aber erst 1980 heiraten. Der siebzehn Jahre ältere Marian hat in Polen noch eine Ehefrau und Kinder. Sie haben sich zwar voneinander entfremdet, aber der strenge Katholik kann eine Scheidung nicht gutheißen. Dennoch geht er eine Beziehung mit Cicely ein und wird "Artist in Residence" im Hospiz, wo er religiös inspirierte Bilder schafft, die den unheilbar Kranken Trost spenden. 

In den 1970er Jahren engagiert das Hospiz Robert Twycross, der systematisch die Schmerztherapie erforscht. Er untermauert Cicely Saunders Arbeiten wissenschaftlich und belegt, dass kontinuierliche Morphingaben zur Schmerzlinderung nicht zu Abhängigkeit führen oder in der Wirkung stetig nachlassen. Cicely entwickelt das Konzept des "Total Pain", das besagt, dass schwerkranke Menschen Schmerzen empfinden, die über das rein körperliche Leiden hinausgehen. Deren Behandlung muss deshalb multidimensional erfolgen, also die physische, psychische, soziale und spirituelle Dimension berücksichtigen. 

Ihre Ideen finden in den späten 1970er Jahren unter dem Begriff "Hospice care" bzw. "Palliative Care" in Europa und Nordamerika Verbreitung. Ihre Prinzipien der Sterbebegleitung, Palliativmedizin und Palliativpflege werden nach dem Vorbild St. Christopher's bis 2005 in insgesamt 220 in England und weltweit über 8.000 stationäre Hospizen verwirklicht. Damit hat Cicely Saunders Pionierarbeit geleistet. St. Christopher's ist auch der erste Ort, an dem Lehre und klinische Forschung, Schmerz- und Symptomkontrolle und einfühlsame Pflege unter einem Dach gemeinsam zu Hause sind.

1980 wird Cicely von Königin Elisabeth II. als Dame Commander of the Order of the British Empire in den persönlichen Adelsstand erhoben, heiratet Marian Bohusz-Szysko, nachdem dessen Frau gestorben ist, und arbeitet noch fünf Jahre weiter als medizinische Direktorin in St. Christopher's, dann zieht sie sich, nunmehr 67 Jahre alt, auf den Posten der Vorsitzenden der Stiftung zurück.

Sie reist weiter und hält Vorträge und Präsentationen, insbesondere nach dem Tod ihres Mannes mit 94 Jahren 1995 in St. Christopher's. 

Schon länger fällt Cicely auf, dass St. Christopher’s nicht alle Forschungskapazitäten bieten kann, die gebraucht würden. Sie sinnt nach, wie diese Lücke zu füllen sei und erinnert sich, dass es große Wohltätigkeitsorganisationen und Spender gibt, die lieber für die Forschung spenden statt Gelder für die laufende Pflege bereitzustellen. 

Im Jahr 2000 kann sie in der Downing Street 10 dank des Kabinettssekretärs die Cicely Saunders Foundation ins Leben rufen ( jetzt Cicely Saunders International (CSI)), um die Forschung im Bereich der Hospizpflege voranzutreiben. 2001 wird das von ihr gegründete Hospiz mit dem Conrad N. Hilton Humanitarian Prize ausgezeichnet, der mit 1,5 Mio US-Dollar dotiert ist.

2010 kann dann die Saunders Foundation das weltweit erste zweckgebundene Institut für Palliativmedizin – das Cicely Saunders Institute – schaffen, mit dem Ziel, Forschungen zur Verbesserung des Managements von Symptomen wie Atemnot voranzubringen, aber auch Maßnahmen zur engeren Auswahl von Patienten und Familien in der Palliativversorgung und bessere Unterstützung für pflegebedürftige ältere Menschen zu entwickeln.

Da ist Cicely Saunders schon längst ihrem Brustkrebsleiden erlegen. Am 14. Juli 2005 endet ihr Lebensweg in dem von ihr geschaffenen Hospiz nach 87 Jahren. Als sie Claudia Bausewein kurz vorher noch einmal in London besucht, lässt sich Cicely um fünf Uhr nachmittags einen Whisky bringen und kommentiert trocken: "It’s still the best painkiller." Klar ist ihr Geist bis zum letzten Augenblick gewesen, interessiert an anderen, wie ihre letzten Besucher zwei Tage vor ihrem Tod feststellen konnten. 

Welch ungewöhnliche, inspirierende, engagierte Frau! Am meisten beeindruckt hat mich, dass sie sich aus ihrer eher kühlen Upper-Class-Welt zu so einer zugewandten Person entwickeln konnte, intuitiv, voller Herzenswärme und großer Beobachtungsgabe, deren Sorge nicht nur den Sterbenden gegolten hat, sondern auch deren Familien und anderen nahestehenden Personen. Die schüchterne Cicely ihrer Internatszeit hat eine imposante Präsenz entwickelt ( die manche Menschen sogar eingeschüchtert hat ). Beeindruckt sind die Menschen von ihrer tief verwurzelten Menschlichkeit. Ich auch!












9 Kommentare:

  1. Eine bewunderswerte Frau, die das Wohl des Menschen in seiner letzten Lebensphase im Blick hatte . Alle Achtung. Lg Rela

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  2. eine wirklich bemerkenswerte Frau
    dieser Lebensweg war nicht vorprogrammiert
    sie hat eine erstaunlich Entwicklung gemacht
    und etwas Großartiges ins Leben gerufen
    sehr viele Menschen haben davon profitiert und ein sterben in Würde erfahren
    danke für das Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  3. von Helga:

    Liebe Astrid,

    ein wahrer Segen für die Menschheit was diese Frau hier geschaffen hat, denn sterben gehört nun mal zum Leben. Wenn sie heute wüßte was daraus geworden ist, ich weiß es nicht wie sie darüber denken würde und was sie ändern könnte. Erlebe gerade selbst welche Überzeugungsarbeit man leisten muß um für den Sterbenden das Bestmöglichste zu erreichen. Jeder schiebt es auf den anderen, keiner wills gewesen sein, den wirklichen Grund den es anzustreben gilt, den gibt es garnicht, Geld, Macht und Gier sehe ich allenortens, die Dummen sind die Pflegekräfte die man nicht ordentlich bezahlt und die dann überall fehlen. Wenn man sich darauf verläßt daß einem und dem Sterbenden geholfen wird, ist man verlaßen. Wir sind entsetzt, unter pflegen von Hilflosen verstehe ich was anderes. Corona sei Dank, man kann es stets und überall einsetzen wo es gebraucht wird. Die Idee dazu und wie alles entstanden ist, ist wunderbar, nur leider die Gesellschaft von heute paßt nicht dazu.

    Liebe Grüße von Helga

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  4. Danke liebe Astrid, für eine wieder so besondere große Frau. Ich finde sie hat wahrlich richtig gesehen und gehandelt und so eine Institution erschaffen die den Menschen das Bestmöglichste am Ende des Lebens zukommen lässt, ein Sterben in Würde und ohne Schmerzen. Wir bräuchten sie so dringend diese Menschlichkeit.

    Liebe Grüße
    Kerstin

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  5. Wow, liebe Astrid,
    Danke für den Artikel. Letzten Monat habe ich auf der Station Saunders in der Uniklinik Bonn teilhaben dürfen, an den wunderbaren Behandlungen, die auf diese ungewöhnliche Dame zurück zu führen sind. Meine Mutter dürfte dort die letzten drei Wochen ihres Lebens verbringen und wurde großartig versorgt. Aber nicht nur sie, sondern auch wir, die Angehörigen, wurden in voller Gänze umsorgt. Ich hätte nie gedacht, wie "schön" Sterben sein kann. Auch meine Mutter war bis zum letzten Moment klar im Denken und Reden. Sie hatte ihren Weg so selber gewählt und darauf vertraut, dass ihr auf der Station geholfen wird. Und das wurde es. Die Schwestern waren rührend. Ich kann nur bestätigen, dass sie mit Würde gehen dürfte, ohne Angst, ohne Schmerzen. Sie wurde mit Hingabe gewaschen und mit gut riechenden Ölen gepflegt, umgebettet, Duftlampen und schöne Musik wurden gespielt... das ganze Programm. Ja, wenn es schon dauert, das Sterben, dann möchte ich das bitte genau so.
    Nun aber genießen wir lieber jeden Tag und machen am Ende eines jeden einen Haken dran. Alles gut abschließen zu können, scheint mir ein sinnvolles Tun für jedermann, um am Ende rückblickend sagen zu können: So war es und es ist gut so! (und so war es, liebe Mutter!)
    LG
    Henrike

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  6. Was für ein beeindruckender Lebensweg. Wie viel Liebe sie trotz der lieblosen Kindheit in sich trug. Beeindruckend!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  7. Liebe Astrid,
    Cicely Saunders ist also die Gründerin der Hospizbewegung. Herzlichen Dank für dieses interessante Portrait. Vielleicht habe ich früher nur nicht darauf geachtet, aber ich habe den Eindruck, diese Bewegung wächst in den letzten Jahren auf vielfältige Weise rasant. Im entfernten Bekanntenkreis habe ich die segensreiche Arbeit des Kinderhospizes Bärenherz erleben und zumindest finanziell unterstützen können. Vor der Lektüre deines Posts habe ich in der heutigen FAZ zufällig einen Artikel über einen Hospizhelfer, der auf einer Wanderung gerade auf die Hospize aufmerksam macht.

    https://www.hessenschau.de/gesellschaft/hospiz-helfer-laeuft-800-kilometer-durch-ganz-hessen,hospiz-spendentour-100.html

    Ganz lieben Dank für deine Arbeit und herzliche Grüße aus Hessen,
    Margit P.

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  8. Liebe Astrid,
    vielen Dank für deinen Artikel. Es hat mich sehr berührt, ihn zu lesen. Vielen Dank dafür.
    Katrin

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  9. da können wir hoffen, dass wir dank dieser bewunderswerten frau einmal nicht in der gerätemedizin, sondern in liebevollen händen unseren abschied haben dürfen - wenn es denn einmal nötig sein sollte.
    danke für dieses aufschlussreiche portrait!
    liebe grüße
    mano

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