Donnerstag, 17. Oktober 2019

Great Women # 197: Natalja Gontscharowa

Mit der russischen Avantgarde à la Malewitsch kann ich bis heute nichts anfangen. Zum Glück beherbergt das Kölner Museum Ludwig dank der Stifter Irene & Peter Ludwig eine schöne kleine Sammlung an Malereien anderer avantgardistischer Künstlerinnen & Künstler. Das "Stillleben mit Tigerfell" (1908), "Rusalka" (1908), "Die jüdische Familie" (1912), das "Porträt Michail Larionow" (1913) und die "Orangenverkäuferin" (1916) sind mir dadurch sehr vertraut und haben immer wieder als Anregung gedient, als ich noch jeden Dienstag im Museum gemalt habe. Die "Orangenverkäuferin" hat mich zur Malerei eines Engels inspiriert, die dem Kaplan, der damals an meiner Schule Religion unterrichtet hat, so gefallen hat, dass er sie mir abgequatscht hat. Die russische Avantgardistin war Natalja Gontscharowa, die ich heute näher vorstellen möchte.
Natalja Sergejewna Gontscharowa wird im Sommer 1881 in eine wohlhabende, adlige Familie in der Nähe des Städtchens Tula, 200 km südlich von Moskau, hineingeboren. So viel ist gewiss. Die Geister streiten sich, ob es auf dem Gut in Nagajewo gewesen ist, welches dem Vater gehört, oder auf einem anderen in Laditschino. Und was den Tag anbelangt, habe ich vom 4. Juni bis 3. Juli alle  möglichen Daten gefunden.

Aber dass ihr Vater Sergej Nikolajewitsch Gontscharow Architekt und als solcher Vertreter des Moskauer Jugendstils und gleichzeitig Mathematiker ( seine Mutter stammt aus der Familie des Mathematikers Pafnuti Lwowitsch Tschebyschow ) gewesen ist und ihre Mutter Ekaterina Ilinichna Beljaewa Tochter eines Professors der Theologischen Akademie in Moskau, ist amtlich, auch, dass Natalja einen jüngeren Bruder namens Afanassi hat.

"Landschaft bei Ladtschino" (1908)
Die Gontscharows führen ihren Wohlstand auf Afanassi Abranowitsch Gontscharow zurück, der unter Zar Peter I. eine für die Versorgung der ersten russischen Flotte gegründete Segeltuchfabrik in der Provinz Kaluga Anfang des 18. Jahrhunderts übernommen hat und damit zu einem der ersten Unternehmer Russlands geworden ist, weitere Fabriken in ganz Russland initiiert und sich ein palastartiges Herrenhaus in Kaluga errichtet hat. Katharina die Große hat ihn dann in den Adelsstand erhoben.

Das bekannteste Mitglied der Familie ist die gleichnamige Großtante Nataljas, die 1831 den Dichter Alexander Puschkin geheiratet hat.

Nataljas Vater hat aus den Besitztümern der Familie nur zwei (Guts-) Häuser geerbt, eines in Moskau in der Trechpudnyi Pereulok (Drei-Teiche-Gasse) und eines in der Provinz Tula.

Aufgrund der ständig wechselnden Besitzverhältnisse der Familie verbringt Natalja ihre Kindheit an verschiedenen Orten in Zentralrussland auf den großelterlichen und väterlichen Landgütern in Laditschino & Nagajewo und später in einer einfachen Holzhütte in Luschny, nachdem der Vater Nagajewo verkauft hat. Erzogen wird sie meist von ihrer Mutter und der mütterlichen Großmutter ganz in der musischen Tradition russischer Adelsfamilien. Das Leben auf dem Lande wird das Mädchen lebenslang prägen, und sie wird den Farben und Mustern der Bäuerinnen als Künstlerin und Designerin treu bleiben.

1891, als sie zehn Jahre alt ist, zieht die Familie nach Moskau, wo der Vater in der Trechpudnyi Pereulok ein dreistöckiges Wohnaus hat erbauen lassen. Um ihr den Besuch des 4. Mädchengymansiums ab 1892 zu ermöglichen, bringt ihr die Mutter Französisch bei - welch Voraussicht! 1898 beendet Natalja diese Schule und besucht Kurse in Geschichte, Botanik, Medizin und Zoologie, bricht diese Studien jedoch ab und entscheidet sich im Herbst 1901 für ein Studium der Bildhauerei am Moskauer Institut für Malerei, Bildhauerei und Architektur.

Selbstporträt 1907
Die als charmant - respektlos beschriebene junge Frau - vor allem in ihren Briefen und Notizen erkennt man  einen häufig beißend ironischen Tonfall und ihren unangepassten Charakter - trägt die weiten bunten Gewänder aus der Gegend um Tula auch in der Stadt und betört durch ihre Offenheit - offensichtlich auch den gleichaltrigen Michail Fjodorowitsch Larionow, den sie 1900 beim Zeichnen im Zoo kennenlernt.

Natalja studiert ab 1901 bei den Bildhauern Sergei Volnukhin und Paolo Troubetzkoy, Larionow bei dem Maler Konstantin Korovin.
Es ist Larionow, der Nataljas Gespür für Farben erkennt, ihr zur Malerei rät und ihr vorwirft, sie beschäftige sich zu viel nur mit der Form. Daraufhin soll sie erst einmal eine Szene gemacht haben, sich aber dann  drei Tage in ihrem Zimmer verbarrikadiert und es mit vielen Bildern gefüllt haben: "Plötzlich verstand ich, dass etwas, was ich in der Skulptur wollte, eigentlich in der Malerei zu finden war." Larionow zeigt sich begeistert. Natalja vernachlässigt ihre Kunstschule und nimmt ab 1903 Privatunterricht bei anderen Malern. 1909 wird sie dort exmatrikuliert.

Die beiden Künstler werden auch ein Liebespaar und leben ab 1903, auf die Konventionen der Zeit pfeifend, ohne Trauschein in einem Apartment im Gontscharowschen Familienhaus zusammen und teilen sich dort auch ein Atelier.

In der sich damals bildenden  russischen Avantgarde sind solche Künstlerpaare, die für ihr ganzes Leben in intellektueller Nähe miteinander verbunden bleiben werden, gang und gäbe, wie beispielsweise auch Warwara Stepanowa & Alexander Rodtschenko.  Die Avangardisten treten für die freie Liebe ein, experimentieren mit Kokain, pflegen gleichgeschlechtliche Leidenschaften und entwickeln sich künstlerisch dermaßen weiter, dass die russische Kunst eine Hauptrolle in der Weltkunst zu spielen beginnt ( Gontscharowa ). Das vorrevolutionäre Russland und seine Avantgarde überschlagen sich geradezu ab 1910, was neue Ideen und künstlerische Ausdrucksformen anbelangt: Kubofuturismus, Konstruktivismus, Suprematismus. Das Land steht, wenn auch nur für wenige Jahre, an der Spitze der europäischen Entwicklung in der Kunst. Eine entscheidende Voraussetzung dafür ist auch der rege Austausch mit Paris, der damaligen Kunstkapitale.

1906 reist Larionow, der die Malerin immer ermutigt und auch kuratiert, das erste Mal dorthin, weil dort Sergej Djagilew die Werke seiner Gefährtin in seiner russischen Kunstausstellung erstmals im westlichen Ausland bekannt macht ( auch Venedig und Berlin kommen  in den Genuss ) und auch eigene Werke und solche von Natalja im "Salon d'Automne" gezeigt werden. In den nächsten Jahren bis zum Ersten Weltkrieg wird Natalja noch an einer ganzen Reihe von Ausstellungen im Ausland teilnehmen, u.a. 1912 beim "Blauen Reiter" in München und 1913 am "Ersten Deutschen Herbstsalon" der Galerie "Der Sturm" in Berlin.

Selbstbildnisse von 1907 von Natalja Gontscharowa und Michail Larionow
In der Zwischenzeit hat die junge Künstlerin mit Larionow in Russland schon einige Künstlervereinigungen gegründet, so 1910 "Karo-Bube" ( "Bubnovyj valet" ) und wird bei einer Ausstellung in der "Gesellschaft für freie Ästhetik" der Pornografie angeklagt, weil sie weibliche Akte zeigt. ( Der Unmut liegt vor allem darin begründet, dass eine Frau Akt malt. ) Nataljas Vater setzt sich in einem in einer Zeitung veröffentlichten Brief für seine Tochter ein und wirft der Justiz vor, den lebendigen Geist der Kreativität in den Werken seiner Tochter nicht zu sehen. Nachdem die Klage abgewiesen ist, beschreitet Natalja weiterhin neue Wege in der Auseinandersetzung mit Primitivismus, Kubismus und Futurismus.

1912 trennt sie sich vom "Karo - Buben", um eine neue Künstlervereinigung namens "Eselsschwanz" ( "Osliny chwost" ) aus der Taufe zu heben, der es um die Befreiung der russischen Kunst von ausländischer Beeinflussung geht. Neben Larionow gehören auch Kasimir Malewitsch, Marc Chagall und Wladimir Tatlin dazu. Bald distanziert sich die Malerin aber auch wieder von jener Gruppe, weil ihr Stil und ihre Ambitionen sich nicht mit denen der anderen Mitglieder decken. Larionow entwickelt nun die Stilrichtung des Rayonismus.

Mit futuristischem "Make-Up", einer frühen Kunstperformance des Künstlerpaares (1910)


Natalja malt nun, inspiriert von der russischen Volkskunst, farbenfrohe und leuchtende Bilder und   begibt sich auf die Suche nach der Welt ihrer Kindheit, indem sie sich von Ikonenmalerei und von Volksbilderbogen anregen lässt. Damit gibt sie nicht nur der russischen Avantgarde, sondern auch den deutschen Expressionisten wichtige Impulse. Ihre Ikonen mit stilisierten Engeln mit kantigen Flügeln oder der Gottesmuster zwischen Blumenornamenten, wie man sie aus der russischen Textilkunst kennt, gefallen dem Heiligen Synod allerdings nicht, und sie lassen sie umgehend beschlagnahmen ( und damit aus dem Bildgedächtnis in Russland entfernen). Viele Künstler der Zeit wie der berühmte Tolstoi, der Maler Dobuschinski oder der General Wrangel stellen sich immer wieder hinter die Malerin.

"Katzen" (1913)
Aus dieser Inspiration heraus entwickelt sich - wieder gemeinsam mit Larionow - die auf russischer Tradition und westlicher Moderne basierende Stilrichtung des Neoprimitivismus. Im Künstlerischen Manifest von 1913 schreibt sie dazu: "Die Welt um uns herum wahrzunehmen in all ihrer Farbigkeit und Vielgestalt."

Parallel dazu experimentiert die Malerin aber auch mit dem Rayonismus ( Bild links ), dessen Konzept sie mit Larionow weiter vorantreibt. In der Ausstellung "Zielscheibe" werden ihre Arbeiten zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert. Heute gelten sie als Ursprung der abstrakten Malerei in Russland.

1913 steht Natalja auf dem Höhepunkt ihrer Kreativität & Produktivität und sie wird zur führenden Avantgardistin:

Die gerade mal 32 Jahre alte Künstlerin erfährt ihre erste aufsehenerregende Retrospektive in Moskau mit insgesamt 768 ausgestellten Werken (!) ( 1914 sind  davon noch 249 in St. Petersburg zu sehen ), die sie richtig berühmt macht. Die Moskauer Tretjakow-Galerie - neben der St. Petersburger Eremitage eine der größten und berühmtesten Kunstsammlungen Russlands - sieht sich veranlasst, zwei Werke von ihr zu kaufen. Ihre Bilder gelten jetzt als "Meilensteine in der Geschichte avantgardistischer Ausstellungen und öffentlicher Eklats", denn vieles an ihren Werken wird auch als unmoralisch & anstössig empfunden und wegen Beleidigung des öffentlichen Geschmacks steht bei jeder Ausstellung, an der die Gontscharowa teilnimmt, die Polizei auf dem Plan.

Natalja hat zu diesem Zeitpunkt für sich beschlossen, einem Stilpluralismus zu huldigen und sich auf keinen "Ismus" mehr festlegen zu lassen oder ein Markenzeichen zu entwickeln: "Ich variiere die Stile, ich habe die Freiheit – und lasse mich nicht auf etwas reduzieren", erklärt sie selbstbewusst. Sie malt also mal beinahe traditionell, dann wieder kubistisch, mixt fröhlich den italienischen Futurismus mit russischen Sagengestalten, Moskauer Christusfiguren mit Stilmitteln der deutschen Brücke-Künstler - vor allem aber malt sie so, wie es ihr gerade gefällt. "Gontscharowas Œuvre ist eine Klasse für sich", meint dazu Kia Vahland hier, und macht deutlich, dass der Künstlerin eine Sonderrolle in der russischen Avantgarde zukommt.

1914
Mit Larionow verbringt sie zwar viel gemeinsame Zeit, beide nehmen sich aber auch den Raum, um sich individuellen Erfahrungen zu widmen, und arbeiten im Sommer getrennt voneinander: Larionow in seiner Geburtsstadt Tiraspol, Natalja an der Krimküste oder auf dem Land, wo sie ihre Kindheit verbracht hat. Die Widersprüche zwischen Stadt und Land sind ihr ewiges Thema. Der Alltag der Fischer, Bauern und Landfrauen interessiert sie, auch die Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie ist bekannt dafür, dass sie gerne & lange mit den einfachen Menschen plaudert.

Im Herbst treffen die Beiden dann wieder in Moskau aufeinander, um gemeinsam in das künstlerische Leben der Stadt einzutauchen und die französische Kunst zu rezipieren, die dank  finanzstarker russischer Sammler Einzug in Moskau und St. Petersburg hält.

Außerdem pflegen sie enge Kontakte zur literarischen Szene der russischen Avantgarde: So illustriert Natalja verschiedene Bücher literarischer Futuristen und führt die Collage in die Buchkunst ein.  Im Gegenzug verfasst Ilja Sdanewitsch, das "Wunderkind aus Tiflis", eine Monografie  über sie. Natalja entwirft auch Muster für Textilien und Tapeten sowie Kleider für Nadeschda Lamanowa, schminkt sich, ihren Gefährten und Besucher eines künstlerisches Kabaretts - eine frühe Kunstperformance - und tritt im futuristischen Film "The Drama in the Futurist Cabaret No. 13" unter der Regie von Vladimir Kasyanov auf.

Schließlich engagiert sie Sergej Djagilew, den sie schon seit 1905 kennt, 1914 als Kostüm- und Bühnenbildnerin für sein berühmtes "Ballets Russes". Natalja Gontscharowa reist deshalb im April des Jahres nach Paris, um dort ihre Bühneninszenierung für Diaghilews Produktion "Le Coq d´Or" an der Oper zu begleiten. Ihre Entwürfe zeichnen sich durch einen ganz speziellen Farbenreichtum aus, da folkloristisch inspiriert, und kommen beim Pariser Publikum sehr gut an. Natalja ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie damit eine über fünf Jahrzehnte dauernde Karriere als Bühnengestalterin angestoßen hat. Im Anschluss an die Pariser Theatersaison verbringt sie mit Larionow Ferien an der Atlantikküste, als der Krieg ausbricht.

Entwürfe für Bühnenbild und Kostüm für "Le Coq d´Or"
Durch die deutsche Kriegserklärung an Russland am 1. August wird auch das Zarenreich in diese Auseinandersetzung einbezogen. Auf Umwegenüber Konstantinopel kehrt das Paar nach Odessa zurück. Larionow wird eingezogen, kämpft an der Front, bis er nach einer schweren Verletzung 1915 aus dem Kriegsdienst wieder entlassen wird.

Mit ernsthaften Versuchen der Zensur konfrontiert, bietet dem Künstlerpaar im Sommer 1915 eine Einladung von Djagilew einen Ausweg: Via Finnland, Schweden, Norwegen, England and Frankreich  fährt Natalja nach Ouchy bei Lausanne. Larionow stößt ebenfalls zur Kompanie.

Die Beiden sind nicht davon ausgegangen, lange von Moskau fort zu sein, denn in ihrer Wohnung lassen sie Entwürfe für große Malereien zurück. Doch es wird eine Reise ohne Wiederkehr.

Wie durch ein Wunder überstehen sie alle Gefahren, die im kriegführenden Europa lauern, und begleiten nach einem Abstecher nach Paris die Ballett - Kompanie anschließend ins neutrale Spanien, sammeln dort jede Menge Eindrücke in Museen und im Alltagsleben. Besonders faszinieren Natalja die Frauen in ihren prächtigen Kleidern und Gewändern ( und werden eine zeitlang ihr favorisiertes Thema bleiben, so groß ist der Kreativitätsschub in der ersten Phase des Exils ). Larionow hingegen scheint ein Gespür für Choreografie zu entwickeln ( und eine Schwäche für die Tänzerinnen ), so dass Djagilew ihm einige Ballettproduktionen anvertraut. Ihre persönliche & künstlerische Gemeinschaft hat trotz aller Versuchungen Bestand.

Bühnenbildentwurf zu "Les Noces"  (um 1916)
Nach Aufenthalten in Rom, Florenz, Venedig und Turin wollen sie Ende 1917 eigentlich nach Hause zurück. Doch trotz großer Sehnsucht wagen sie es wegen der Oktoberrevolution nicht. Sie müssen finanzielle Schwierigkeiten befürchten und tatsächlich hinnehmen, dass das Wohnhaus der Gontscharows verstaatlicht und ihre frühen Bilder in einem staatlichen Depot verschwunden sind ( erst in den späten 1920er Jahren bekommen sie sie peu à peu zurück ).

1919 mietet das Paar sich schließlich eine eigene Wohnung mit zwei Räumen in der Rue Jacques Callot Nr. 43 im Quartier Latin von Paris, die sie bis an ihr Lebensende bewohnen werden. Sie werden fester Bestandteil der lokalen Bohème, aber auch Anlaufpunkt für andere russische Exilanten wie die berühmte Marina Zwetajewa, die ab 1928 Nataljas Freundin werden wird. Die ganze Zeit über hört Natalja nicht auf zu arbeiten und Dutzende Ballettaufführungen werden von ihr dekoriert und Ausstellungen bestückt.

1917 hat Natalja auch Orest Ivanovich Rosenfeld kennengelernt, der als erster Militärattaché nach der Februarrevolution nach Paris gekommen ist, nach dem Frieden von Brest - Litowsk aber mit der bolschewistischen Regierung bricht und Führer der Exilgruppe der Menschewiki in Paris wird. "Orya" - ein "herzensguter Mensch" - bleibt über Jahre ihr neuer "Seelenverwandter" ( und bleibt auch in späteren schweren Zeiten ein treuer Unterstützer ).

In den 1920er Jahren 
Auch Larionows Herz trifft Amors Pfeil: Die zwanzig Jahre jüngere Kunsthistorikerin Alexandra ( "Sashenka" ) Tomilina wird seine Sekretärin, Modell und Lebensgefährtin für den Rest seines Lebens. Nach einiger Zeit zieht diese in die Wohnung unter der des Künstlerpaares. Larionow verbringt dort viel Zeit, kehrt nachts aber immer in die Wohnung mit Natalja zurück. Die Malerin, die Hausarbeit hasst, vor allem, wenn sie tief in ihre Arbeit versunken ist, überlässt diesen Bereich gerne Alexandra und scherzt: "Wenn es mehr als eine Frau im Haus gibt, kann es sich die Ältere leisten, nichts zu tun." Manchmal unternehmen sie ihre alljährlichen Sommerreisen nach Südfrankreich zu viert - eine solche Form des Zusammenlebens ist damals für Paris nichts Außergewöhnliches.

In der Emigration gelingen der Malerin aber nicht mehr solch kreative bis explosive Kunstwerke wie in ihrer Zeit der russischen Avantgarde. Eine echte Berufung findet sie nun in der Theaterarbeit. Ihre Ausstattung für Igor Strawinskys Ballett "Der Feuervogel" 1926 ist ein Riesenerfolg: Die Tänzer tragen russisch inspirierte Kostüme wie auch schon in "Foire russe" (1920) und "Contes des Fées" (1922). Bis 1929, dem Todesjahr Djagilews, schafft Natalja sehr erfolgreich Bühnenbilder & Ausstattungen für die "Ballets Russes" und kann anschließend ihre Fähigkeiten weltweit bei Produktionen u.a. in New York, Litauen, Lateinamerika, London und Russland einbringen.

Abendmantel (1925)
Daneben unterrichtet sie im eigenen Studio, illustriert Bücher, liefert Beiträge für die "Russian Arts and Crafts Exhibition" in der Whitechapel Gallery in London, dekoriert Wohltätigkeitsbälle für einkommenslose russische Künstler im Exil. Ab 1922 arbeitet sie mit dem Maison Myrbor der Marie Cuttoli zusammen und entwirft bestickte und applizierte Kleider für das Modehaus. Obwohl Nataljas Entwürfe als geschmackvoll, exotisch & aufregend gelten und begehrt sind, leidet auch sie in jenen Tagen immer wieder unter finanzieller Not.

Auch an weiteren Kunstausstellungen ist sie beteiligt. Ihrer Malerei jener Tage fehlt allerdings ihre frühere Energie, und sie investiert jetzt viel Zeit in Entwurf, Vorzeichnung  und Ausführung, geht also so akademisch vor, wie sie es früher vehement abgelehnt hat.

Zwischen 1932 und 1935 wirkt sie an der sozialistischen Zeitung "Le Populaire" ihres Freundes Rosenfeld und Léon Blums mit. Über die politischen Einstellungen der Avantgarde - Künstlerin ist allerdings wenig bekannt.

Es ist auch Rosenfeld, der nach der Annexion Österreichs 1938 dem Künstlerpaar rät, über eine Einbürgerung nach Frankreich nachzudenken. Die französische Staatsbürgerschaft erhalten sie noch im gleichen Jahr.

Als Frankreich von den Nazis besetzt wird, ändert sich ihr Lebensstil erst einmal kaum, denn Natalja erhält weiterhin Aufträge: Sie gestaltet Theaterproduktionen, malt Blumenbilder für den Verkauf und nimmt am "Salon des Independents" teil. Als Rosenfeld als Jude 1940 in ein Konzentrationslager gebracht wird, setzt sie sich für ihn ein, indem sie bezeugt, dass sein Vater ein zaristischer General gewesen sei, was Juden grundsätzlich versagt gewesen wäre ( Rosenfeld überlebt tatsächlich in einem Lager bei Lübeck ).

Erst nach Kriegsende und der Errichtung des Eisernen Vorhangs versinken die Beiden in Dunkelheit - Natalja wird immer wieder von Depressionen geplagt - und Armut. Nur dank Alexandra Tomilina überstehen sie diese Jahre, der es gelingt, Nahrungsmittel zu beschaffen und alle mit Mahlzeiten zu versorgen. Die Gesundheit der nun über Sechzigjährigen leidet darunter sehr.

Anfang der 1950er Jahre
1950 trifft Larionow schließlich in London der Schlag. Die Notwendigkeit, ihn dort und in Paris mit großem Aufwand in Sanatorien & Pflegeheimen unterzubringen, führt fast zum Bankrott, dem Natalja durch Buchillustrationen und Museumsverkäufe entgegen arbeitet. Die Sorgen um den Gefährten und seine Pflege führen auch bei ihr zu gesundheitlichen Problemen, und Natalja weiß den Einsatz und die Unterstützung durch Alexandra durchaus zu würdigen.

Am 2. Juni 1955 legalisieren die beiden Künstler nach 55 Jahren ihre Beziehung und heiraten im Rathaus des 6. Arrondissements, um ihr künstlerisches Erbe im Falle ihres Todes zu schützen. Im Jahr darauf kauft das New Yorker Guggenheim Museum das rayonistische Katzenbild von 1913.

Ab 1957 macht der Künstlerin ihre Arthritis sehr zu schaffen: Sie kann ihren Arm kaum noch heben, bemalt in jener Zeit aber dennoch ungefähr fünfzig Leinwände. Besonders der Start des Sputniks, des ersten künstlichen Satelliten der Erde, am 4. Oktober 1957 beflügelt sie, kosmische Bilder zu malen, die sie im Jahr darauf ausstellt. Wie ihr das mit ihren Beeinträchtigungen gelungen ist, bleibt rätselhaft. Ihr letztes Bild ist auf 1960 datiert.

Am 17. Oktober 1962, also heute vor 57 Jahren, erliegt die 81jährige Natalja Gontscharowa einem Krebsleiden in einer Pariser Klinik und wird nach russisch - orthodoxem Ritus in  Ivry-sur-Seine bestattet. Ihr Gefährte heiratet im Mai darauf seine langjährige Geliebte, stirbt aber schon ein Jahr später.

Alexandra Tomilina- Larionow verfügt anschließend über den Nachlass der beiden Künstler, den sie ab 1967 über eine Galerie am Place de Furstenberg zu vermarkten beginnt. Ein Jahr vor ihrem Tod 1987 in Lausanne übergibt sie die noch bestehende Sammlung, darunter Gontscharowas wohl bedeutendstes Werk "Die Evangelisten" von 1911, an den Sowjetstaat als Gegenleistung für eine Leibrente. Nur 16 Ölbilder der Gontscharowa und 43 ihrer Papierarbeiten bleiben in Frankreich ( als Erbschaftssteuer quasi ). Das Œuvre der eigenwilligen Künstlerin findet aber bis heute im eigenen Land kaum angemessene Beachtung ( eine erste Ausstellung war 2013 ), während sich im Westen ihre Bilder zu den höchst gehandelten Kunstwerken des 20. Jahrhunderts aufschwingen: 2008 zum Breispiel versteigert das Londoner Auktionshaus Christie's ihre Gemälde "Bäuerinnen bei der Apfelernte" zu einem Rekordpreis von fast 10 Millionen Dollar!

Wie viele Frauen der Moderne legte Natalja Gontscharowa in jungen Jahren einen fulminanten Start hin, um dann in der späteren Rezeption übersehen zu werden. Dies hat nicht nur, aber auch mit dem Schicksal ihrer frühen Bilder zu tun und mit den Auswirkungen der Emigration.
"Bei der Gontscharowa sehe ich die russische Avantgardistin und ich sehe die Emigrantin. Und die Emigrantin sehe ich auch in verschiedenen Facetten. Also: einmal die Avantgarde hinter sich zu lassen, wieder neu zu versuchen zu starten, aber auch die Depression bis hin zu dem kreativen Neuschaffungsprozess der Sputnik-Bilder", so Beate Kemfert an dieser Stelle.
Wer - wie ich - von der rein vergeistigten Abstraktion der russischen Avantgarde weniger angesprochen wird, dem empfehle ich, im Netz die farbenfrohen Werke der Gontscharowa zu suchen,  die die Kunstgeschichte so viel bunter und reicher gemacht haben. Es wird Zeit, sie aus dem Schattenreich derselben heraustreten zu lassen.





Kommentare:

  1. Liebe Astrid, was für ein tolles Portrait ist dir da wieder gelungen! Ich wusste vieles nicht und freue mich immer, in deinen ausführlichen Darlegungen Neues zu erfahren. Herzlich, Sunni

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  2. Liebe Astrid,
    ich freue mich wieder über dein interessantes Frauenporträt, das mir neuen Input gibt. Vielen Dank dafür, zu dem Namen konnte ich so gar nichts zuordnen.
    Lieben Gruß, Marita

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  3. Danke für das Aufstossen eines weiteren neuen Fensters!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Liebe Astrid,

    ich freue mich auch immer wenn ich hier so eine "Great Women" entdecke. Deine Post`s sind wirklich für mich wie so eine Weiterbildung und dafür sage ich danke♥

    Herzliche Grüße
    Kerstin

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  5. ich hab schon mal kurz geschaut und komme wieder mit mehr zeit!! weißt du, dass die finnische bloggerin riitta k. auch gerade einen beitrag über natalia gontscharova gebracht hat. hier zu sehen: https://kirjaviekoon.blogspot.com/2019/10/natalia-goncharova-palazzo-strozzi.html
    lieben gruß
    mano

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    1. Danke für den Hinweis! Diesen Blog von Riita kannte ich noch nicht.
      LG

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  6. von Helga:

    Liebe Astrid,

    die große Kunstsachverständige bin ich eigentlich nicht obwohl doch unser Sohn dieses Lehramt inne hat. Aber durchaus habe ich mich für das Leben dieser Künstlerin in Deinem sehr interessanten und intensiven Post, interessiert. So hätte ich niemals von ihr erfahren und wir sehen daß Frauen sich durchzusetzen verstanden. Es hat Dich wieder sehr viel Zeit gekostet diesen Lebenslauf zusammenzutragen. Danke sehr dafür.

    Herzliche Grüße von der Helga

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  7. Good morning Astrid,

    I read your long story of Natalia Goncharova's life. What a life she had! I did not realise that there were over 700 works in her Moscow exhibition! An inmense amount. Thank you so much for your link, wishing you a lovely day!

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  8. Danke für ein wieder sehr (jetzt suche ich nach einem Wort ausser schön, bewegend,...soll mehr vereinen) bewegendes (ist es jetzt doch geworden) Portrait, was für ein Leben. Ich muss unbedingt mehr Bilder ansehen! Wieder viel Mühe! So viele Verweise alleine. Muss ich noch Mal lesen.
    Ein schönes Wochenende und liebe Grüße
    Nina

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  9. Nun bin ich wieder online und gleich kommt so ein tolles Malerinnen-Portrait von Dir. Ein Gang durch die jüngere Geschichte der Malerei wird gleich dazu geliefert. Ganz toll hast Du diesen Post gemacht.
    Die Malerin in ihrer Vielfalt ist etwas ganz Besonderes. Auch Ihr Rückgriff auf bäuerliche Farben und in ihre Jugend, lassen mich natürlich gleich an Gabriele Münter denken, die ich ja so sehr schätze.
    Russland war mal echte Avantgarde, das kann man kaum glauben bei den derzeitigen politischen Verhältnissen dort.
    Herzlichen Dank für das tolle Portrait,
    sagt Sieglinde

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  10. Liebe Astrid,
    mit dem Namen Gontscharow verband ich bisher nur den Oblomov oder auch Eine alltägliche Geschichte, beides großartige Werke, wobei mir Letzteres noch besser gefallen hat als Oblomov.
    Und jetzt habe ich wieder sehr viel gelernt. Bloggen bildet.
    Ich wünsche Dir ein wunderschönes Wochenende.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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  11. wow
    was hatte diese Frau eine übersprudelnde Schaffenskraft
    so viele Werke und so vielseitig begabt
    wieder eine Frau die ich nicht kannte..
    jaa hieer lernt man dazu ;)
    mit Moderne kann ich ja auch nicht viel anfangen
    aber sie hat einige Bilder gemalt die mir auch gefallen würden
    so farbenprächtig

    danke für das ausführliche Portrait

    liebe grüße
    Rosi

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  12. da hast du ja wieder mal unglaubliche recherchearbeit geleistet. ich lese hier seit zwei stunden, weil ich vielen links gefolgt bin und sehr angetan auch von den anderen russischen künstlerinnen, dichterinnen etc. bin, über die ich vorher noch nie etwas gelesen habe.
    den namen natalja gontscharowa habe ich wohl schon mal gehört, aber mich nie näher mit ihr beschäftigt, weil ich nicht mal bilder von ihr kannte. vielen dank, dass du mir einblick in ihr unglaublich spannendes leben gewährt hast. ihre werke würde ich zu gern einmal in einer ausstellung sehen. aber leider werde ich wohl weder nach florenz noch nach helsinki kommen.
    liebe grüße
    mano

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  13. Doch noch - dank deines heutigen Wochenposts - hergefunden..., eine Arbeit von Gontscharova ist auch im Besitz der Alten Nationalgalerie in Berlin, wo ich neulich mit einer Freundin die sehenswerte Ausstellung "Kampf um Sichtbarkeit" besuchte. Immer wieder hab ich da auch an dich gedacht... Liebe Grüße Ghislana

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Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

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