Donnerstag, 12. November 2020

Great Women #240: Lucia Popp

Zweihundertundvierzig Frauen habe ich inzwischen in meinem Blog porträtiert, seit ich mir diese Aufgabe Anfang Oktober 2014 selbst gestellt habe, und ich habe noch viele auf der Agenda, ja, finde fast täglich neue Frauen, die zu Unrecht im Dunkeln gehalten werden. Die heutige großartige Frau habe ich leider im tatsächlichen Leben "verpasst", denn als ich nach Köln zog, hat sie alsbald das Ensemble der Kölner Oper verlassen. Aber dank "Konserve" habe ich ihren Gesang bald schätzen, ja lieben gelernt. Die Rede ist von der unvergesslichen & unvergessenen Lucia Popp.
 "Das Geheimnis des Glücks ist - 
eine gute Gesundheit und
ein schlechtes Gedächtnis."

Lucia Popp ( slowakisch: Lucia Poppová ) kommt am 12. November 1939 zur Welt - also heute vor 81 Jahren  - in der kleinen Gemeinde Ungerreigen/Magyarfalu ( "Ungardorf", slowakisch Uhorská Ves, heute Záhorská Ves in der Slowakischen Republik ) am Ufer der March, der Grenze zu Niederösterreich, liegend. In jenen unseligen Zeiten gehört die Gemeinde ztum Slowakischen Staat ( Slovenský štát ), einer Diktatur unter der alleinregierenden Hlinka-Partei, auf Druck Nazideutschlands als Abspaltung von der Tschechoslowakischen Republik gerade mal ein halbes Jahr vor ihrer Geburt entstanden.

Lucias Familie hat slowakische, mährische, deutsch-österreichische Wurzeln, ist also eine veritable K.u.k.-Familie, wie die Sängerin später immer betonen wird: Der Vater Rudolf Popp mit deutsch- österreichischen Wurzeln in Ungarn geboren, ist ein musikbegeisterter Ingenieur, die Mutter Emilie "Milada" Štolpa aus einer tschechisch-slowakischen Verbindung stammend, aber jenseits des Flusses in Niederösterreich geboren, ist eine begabte Konzertsängerin & Volksschullehrerin. Die Eltern sind im Dorf aufgewachsen und kennen sich von Kindheit an, heiraten 1937 und gelten als das schönste Paar von Uhorská Ves. Lucia, eine echte "Monarchiemischung" also, wird ihr einziges Kind bleiben.

1941 wird Rudolf Popp zum Militärdienst in die Slowakische Armee einberufen, die mit ihren Divisionen die Reichswehr bei der Invasion in die Sowjetunion unterstützen muss. Er kommt jedoch bald in ein Militärgefängnis ( vermutlich wegen "kommunistischer Umtriebe" bzw. "Sabotage" ), wird aber wieder durch einen menschenfreundlichen General freigelassen und kann die restlichen Kriegsjahre seinem Beruf nachgehen.

Lucia verbringt in ihren ersten Jahren viel Zeit mit der slowakischen Großmutter mütterlicherseits, Pepi genannt, eine ausgebildete Hebamme, in deren Haus und mit deren Hilfe auch sie zur Welt gekommen ist. Die erzählt ihr von der alten Doppelmonarchie, von den vielen Besuchen im 50 Kilometer weit entfernten Wien, zum Einkaufen oder zum Oper- & Operettenbesuch, mit ihrer Schwester, der Tante Maltschi, und ihrer Tochter, Lucias Mutter. Oder in der slowakischen Hauptstadt Pressburg (heute Bratislava), in ihren Augen nichts anderes als ein Vorort der österreichischen Hauptstadt. Ihre Babička wird Lucia der "wertvollste Mensch" sein, der ihr je begegnet ist. ( Und was sie nach ihrem Tod über sie schreiben wird, treibt mir heute noch die Tränen in die Augen, hatte ich doch genau so eine Babička. ) 

Nachdem Lucia in Bratislava in die Schule gekommen ist, fällt 1948 der "Eiserne Vorhang": Die  wiederhergestellte Tschechoslowakei kommt unter die Herrschaft der kommunistischen Partei und wird in den von der Sowjetunion dominierten Ostblock integriert. Die Familie gibt sich in dieser Hinsicht zwar immer sehr verschwiegen, aber es ist klar, dass Vater Popp anfangs zur kommunistischen "Nomenklatura" gehört, der sein Land dann auch von 1956 an zwei Jahre lang diplomatisch als Kulturattaché an der Londoner Botschaft vertritt, wohin er auch seine Familie mitnimmt. Dort begleitet ihn die jugendliche Lucia auch zu einer Gartenparty bei der Königin. Doch Veränderungen in der politischen Ausrichtung des Regimes führen dazu, dass der Vater wohl nicht mehr als genügend "politisch zuverlässig" gilt, seine Aufgabe verliert und die Familie nach Hause zurückkehren muss. Dort, in Bratislava, legt Lucia 1958 ihre Maturaprüfung ab und beginnt Medizin zu studieren.

Als Tereza in "Jánošík"



Nach dem zweiten Semester schreibt sie sich jedoch an der Akademie der darstellenden Künste ein, wo sie zunächst Schauspiel studiert. Ein Jahr zuvor hat sie schon eine kleine Rolle im Film "Štyridsaťštyri (Forty-Four)" unter der Regie von Paľo Bielik gespielt. Die junge Lucia ist mit ihrem jugendlichen Überschwang und ihrer unschuldigen, blonden Schönheit schon eine sehr beeindruckende, auffallende Person. Der gleiche Regisseur besetzt sie dann später auch in dem zweiteiligen Film "Jánošík" (1962/63), in dem sie die weibliche Hauptrolle übernimmt. 

Doch alles nimmt bald eine andere Richtung...

Klassische Musik hat im Hause Popp immer eine große Rolle gespielt: Die Mutter ist eine begabte lyrische Sopranistin gewesen, die auch einige Konzerte gegeben hat und im Rundfunk zu hören, aber nie in einer Oper aufgetreten ist. Lucia begleitet sie zu Hause am Klavier und macht ihr den Tenorpartner bei Opernduetten aus "Tosca", "La Bohème" oder der "Madame Butterfly".

Im Rahmen einer Aufführung von Molières "Der Bürger als Edelmann" der Akademie präsentiert sie eine "Pastorale" und ihre Sangesbegabung fällt auf und man rät ihr zum Wechsel in die Abteilung der Hochschule für Musik. Doch dort ist man weniger von ihrem Talent überzeugt, und sie muss ein Vorbereitungsjahr absolvieren. Das macht sie in der Klasse von Anna Hrušovská, einst Koloratursopran an der Wiener Volksoper, mit der auch Lucias Mutter schon gearbeitet hat.

Die wird Lucias lebenslange Lehrerin bleiben ( und Lucia ihre berühmteste Schülerin werden ). Anna Hrušovská ist begeistert von Lucias musikalischer Intelligenz, aber nicht von ihrem Gesangstalent: Sie findet die Stimme zu klein. Aber gemeinsam arbeiten sie unermüdlich daran. Erst im fortgeschrittenen Stimmbildungsprozess entwickelt sich das Höhenregister ihrer Stimme in ungeahntem Maße und ein Koloratursopran erster Güte kommt zum Vorschein. Zwischen beiden Frauen entwickelt sich eine tiefe Bindung, Hrušovská wird zu Lucias zweite Mutter. 

Als erste vollständige Gesangsrolle übernimmt sie die Philine in "Mignon" von Ambroise Thomas in einer Akademie-Aufführung. Anschließend macht Lucia erste Erfahrungen in kleinen Rollen in der Oper. In ihrem vierten Jahr an der Akademie singt Lucia dann am 17. April 1963 erfolgreich die Rolle der Königin der Nacht in Mozarts "Zauberflöte" am Slowakischen Nationaltheater. Aber trotz ihres unbestreitbaren Talents zögert die Leitung des Nationaltheaters, ihr nach ihrem Studienabschluss einen Vertrag als Solistin anzubieten. Deshalb entschließt sich Lucia Popp, nach Wien zu reisen: Sie will in die Welt, raus aus der Provinz.

Zehn Tage nach ihrem Debüt begleitet sie ihre Mutter nach Wien: "Jeder echte Prešporák hat eine Tante in Wien. Zu diesem Zeitpunkt musste nachgewiesen werden, dass Sie Verwandte besuchen würden, um überhaupt die Erlaubnis zu erhalten", wird sie später erzählen, und in ihrem Falle ist das die Schwester ihrer Großmutter.

Die Wahrheit ist, dass Lucias Zukunft in herzzerreißenden Gesprächen in der Familie diskutiert worden ist. Die ganze Familie hat ja die Freiheit gekannt, sich an die großartigen Wiener Tage erinnert, hat in London einen Hauch westlichen Lebens gekostet. Die ganze Familie weiß, wo die größeren Chancen für das Talent ihrer Tochter zu finden sind. Aber die Familie kennt auch die Konsequenzen: Verlust sämtlicher Privilegien, wenn Lucia überläuft. Trotzdem opfert man das eigene Glück. Der Vater bleibt zu Hause, weil ganze Familien keine Erlaubnis bekommen, ein kommunistisches Land zu verlassen. 

Mit nimmt Lucia ein Empfehlungsschreiben ihrer Lehrerin, zwei Röcke, eine Zahnbürste und eine  Mozart-Partitur. Mit Glück kann sie eine Möglichkeit zum Vorsingen an der Wiener Oper für diesen Tag bekommen. Ihre auf Tschechoslowakisch gesungenen Arien der Königin der Nacht faszinieren die Kommission so, dass sie nach einer telefonischen Absprache mit Herbert von Karajan in Berlin Lucia einen Dreijahresvertrag als Elevin anbieten können. Die Mutter wiederum berät sich telefonisch mit ihrem Ehemann in  Bratislava - unter Verwendung von vereinbarten Codes. Und weil dieser einverstanden ist, kehrt Milada Popp alleine in die Tschechoslowakei zurück, wissend, dass ihre Tochter bei der Großtante erst einmal gut untergebracht ist.

Lucia ist nun offiziell eine Überläuferin, der Strafe droht, sollte sie zurückkehren. Die Tore nach Wien bleiben auch für die Eltern bis zum "Prager Frühling" 1968 geschlossen. Bis dahin können sie die beispiellose Karriere ihrer Tochter nur über viele Briefe und Telefonanrufe verfolgen. Einzig die geliebte Babička, da alt und für den Staat "nutzlos", bekommt zweimal vor ihrem Tod 1965 die Erlaubnis, ihre Enkelin im Westen zu sehen.

1965
Die unvermeidliche Einsamkeit in der neuen Umgebung, die die knapp 24jährige empfinden musste, wird bald durch ein hektisches Leben übertüncht: Lucia lernt und übt intensiv Deutsch, so dass sie Sprache in wenigen Monaten beherrscht ( die Korrespondenz mit ihrem Vater führt sie nun in dieser Sprache ). Sie belegt Kurse in Italienisch, Englisch und Französisch.

Intensive musikalische Vorbereitungen - obwohl sie bereits gut ausgebildet und eine Expertin im Lesen von Partituren ist - ermöglichen ihr alsbald einen Auftritt als Barbarina in einer Aufführung von "Le nozze di Figaro" im Redoutensaal.  Im selben Sommer erhält sie auch kleine Rollen in der "Zauberflöte" und in " Iphigenie in Aulis" in Salzburg bei den Festspielen. Dort im "Opernhimmel" trifft sie auf die berühmtesten Künstler*innen ihrer Zeit. Aber es plagt sie auch das Heimweh nach der hohen Tatra...

Ein halbes Jahr nach Lucias Coup applaudiert Wien dann in einer Aufführung der Staatsoper im Theater an der Wien seiner neuen Königin der Nacht.
"Endlich hat die Staatsoper die wahre Königin der Nacht!", schreibt der gefürchtete Kritiker Karl Löbl begeistert. "Die junge, hübsche Dame bewies Talent, Courage, Können und gute Nerven, sie setzte ihre große, sehr persönlich timbrierte Stimme mit technischer Exaktheit ein und sie war im Ausdruck ebenso variabel wie prägnant."
Der raketenartige Aufstieg der slowakischen Sopranistin kann eigentlich beginnen...

Auch der sagenhafte Walter Legge vom EMI ist von Lucia begeistert: Unter der Leitung Otto Klemperers, der eigentlich eine berühmtere Sängerin für die Rolle gewünscht hat, entsteht in London eine Studiofassung von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper. "Sie sind ein Wundertier!", adelt die legendäre Elisabeth Schwarzkopf, Legges Frau, die junge Sopranistin, ob ihrer stimmlichen Leistung. Hier ist aus dieser Aufnahme "O zitt're nicht" zu hören.

Doch auch Rückschläge bleiben nicht aus, und die Anfängerin wird von Ängsten geplagt: 
"Ich habe wirklich alles was zu diesem Beruf gehört, es fehlt mir nur das Wichtigste: Die Nerven! [... ] ich bin einfach nicht reif genug für diese Art von Leben, und wenn das so weiter geht, dann lande ich noch im Irrenhaus oder nehme meine Zuflucht zu Alkohol und Drogen", schreibt sie an den Vater.
Das Lampenfieber wird oft zurückkehren, und nach ihrem Tod wird ihr letzter Ehemann Peter Seiffert berichten, dass Lucia sich nie wirklich entspannt hat, dass es nie stille Momente oder ein ruhiges Wochenende gegeben hat.

Doch zurück zu den Anfängen, als ihre Karriere in Wien einen weiteren Gang zulegt: Endlich ein Debüt an der Staatsoper, nämlich als Karolka in "Jenufa" und "Capriccio" von Richard Strauß neben Fritz Wunderlich! Elisabeth Schwarzkopf bescheinigt ihr wieder, dass sie die Zukunft sei. Doch wie jeder Neuling in diesem Bereich kann sie sich eigentlich keine Rosinen herauspicken... 

Als Herbert von Karajan 1965 beschließt, sie als Xenia für seine Salzburger Inszenierung von "Boris Godounov" zu besetzen, erfährt Lucia das erst durch die Zeitung. Die Rolle ist ihr zu unwichtig, denn als "der kommenden Stimme", wie es immer heißt, steht ihrer Ansicht die Rolle des Blondchens oder der Despina zu. Doch in Salzburg zählen nur die etablierten Sänger*innen. Da heiratet Lucia Popp lieber am 19. Juli den Exil-Ungarn Georg "Györgi" Fischer, der sie schon bei ihrem ersten Vorsingen in Wien am Klavier begleitet hat, reist mit ihm zu seiner Mutter in London und dann in die Flitterwochen nach Italien. ( Später würde Karajan es noch zweimal versuchen, sie zu engagieren - ohne Erfolg! )

Um sich ein breiteres Rollenrepertoire erarbeiten und ihr Talent weiterentwickeln zu können und dabei nicht ständig im Fokus zu stehen, entschließt sich die Sängerin bald, Österreich zu verlassen: "Wien ist nicht der Platz, um Partien auszuprobieren. Studieren schon, aber nicht ausprobieren.

So geht sie zusammen mit ihrem Mann, der dort als Erster Kapellmeister & stellvertretender  Opernchef vorgesehen ist, 1966 als festes Ensemblemitglied an die Kölner Oper. Köln unter dem Musikdirektor István Kertész bietet ihr maximale Möglichkeiten. Zusammen mit Jean Pierre Ponnelle, einem der bedeutendsten Regisseure des Musiktheaters seiner Zeit und ein innovativer Bühnen- und Kostümbildner, wird ein sieben Opern umfassender legendärer Mozart - Zyklus entstehen, in dem Lucia Popp eine wichtige Rolle spielen wird. Den Eltern erklärt sie ihre Entscheidung so:
"Entweder du teilst dir deine Kräfte ein, oder in fünf Jahren wird sich nicht einmal der Portier mehr an dich erinnern. Diese ungeheure Sänger-Konjunktur mit ihrem ekelhaften Menschenhandel und ihrer unsinnigen Jagd betrifft uns alle, aber ich will kein Sänger-Püppchen sein, das statt Vernunft nur die Höhe der Gage im Kopf hat und statt einem Herzen nur Zeitungsausschnitte.[...] Ich liebe meinen Beruf und werde die Welt erobern, aber ich werde mich nicht von der Welt erobern lassen",.

In Köln absolviert sie quasi ihre Gesellenjahre, genießt das "Nervensanatorium", das ihr ein festes Ensemble bietet, und die Zeit mit ihrem Ehemann auf ihrem sonnigen Balkon statt ständig auf  Reisen zu sein, hat aber auch immer im Hinterkopf, in Wien einmal ihre Meisterprüfung abzulegen. Doch ihre "künstlerische Heimat" wird sich lange verschnupft zeigen.  

In Köln gibt sie ihren Einstand natürlich wieder mit der Königin der Nacht, sie singt aber dann auch die Zerlina in "Don Giovanni" (1971), die Despina in "Così fan tutte" (1972), die Pamina in "Die Zauberflöte"(1972), die Konstanze in der "Entführung aus dem Serail" (1974), die Ilia in "Idomeneo" (1974), die Susanna in "Le nozze di Figaro" (1975) und schon 1969 die Servilia "La clemenza di Tito". Daraus zusammen mit Frederica von Stade "Ah perdona al primo affetto":


Die Aufführung der Titus - Oper im September 1969 kommt einer Rehabilitation des lange vernachlässigten Spätwerks Mozarts gleich. Und es entsteht dadurch in Köln ein Solistenensemble von großer  künstlerischer Konstanz & Komplexität. Diese Arbeit erfährt allerdings eine jähe Zäsur und trübt auch Lucias Befindlichkeit sehr, als bei einer gemeinsamen Tournee in Israel der gerade mal 43jährige Kertész  beim Baden im Meer einen Herzinfarkt erleidet und vor den Augen der anderen stirbt.

Königin der Nacht
in einem von Chagall
entworfenen Kostüm
in New York (1967)
Ihr Wirkungskreis in Köln beschränkt sich nicht auf Mozart, immer wieder macht sie Ausflüge in die italienische Oper - die Gilda in Verdis "Rigoletto" oder die Norina in "Don Pasquale" von Donizetti -, singt Haydns  Eurydike oder in Aubers Räuberoper "Fra Diavolo".

In Köln vollzieht sich auch allmählich der Fachwechsel der Lucia Popp vom Koloratursopran zum lyrischen und jugendlich-dramatischen Sopran. Als sie 1971 noch einmal die Partie der Königin der Nacht an der New Yorker Metropolitan Opera singt, merkt Lucia, dass sie diese inzwischen zu viel Anstrengung und zu viel Nerven kostet.

In dieser Rolle hat sie sich bereits 1967 an der Met in New York vorgestellt. Schon seit 1966 tritt sie auch regelmäßig am Royal Opera House in London auf. Dort hat sie 1968 unter George Solti die Despina gesungen - unter den Augen ihrer Eltern, die damals zum ersten Mal aus der Tschechoslowakei ausreisen durften. Auch Hamburg gehört zu den Orten, an denen Lucia Popp regelmäßig zu Gast sein wird, beginnend mit einer Händel - Inszenierung von "Julius Cesar" durch Rolf Liebermann 1969.

Ein einschneidendes Erlebnis ist ihr Auftritt als Sophie im Straußschen "Rosenkavalier" 1972 in München mit Otto Schenk als Regisseur und dem "schwierigen" Carlos Kleiber am Dirigentenpult. Die Inszenierung gilt fortan als Jahrhundertaufführung, Lucia wird immer wieder vom "das Nonplusultra, was Oper angeht" sprechen. "An so etwas Perfektem teilzunehmen war eine unvergleichliche Freude." Hier das Duett mit Brigitte Fassbender: "Ist ein Traum". - "Hat man Lucia Popp gehört, ist man für alle anderen Sophies verdorben, diese Charmeoffensive ist einfach zum Küssen, da geht einem das Herz auf", schreibt Michael Blümke an dieser Stelle.

Als Sophie in München
(1972)
Für Lucia hat diese Inszenierung auch persönliche Konsequenzen: Mit dem Dirigenten verbindet sie alsbald eine Affäre. Aber: "... wer kann es schon mit einem Genie auf die Dauer aushalten?"

"Auch wenn die Wiener Staatsoper meinte, auf Lucia Popp verzichten zu können - die Liedsängerin war nach wie vor gefragt", schreibt Ursula Tamussino in ihrem Erinnerungsbesuch. Schon im Herbst 1971 begeistert sie erstmals bei einem Auftritt unter George Solti in Mahlers VIII. Symphonie, ihr eigentliches Wiener Debüt als Liedsängerin findet dann im April 1973 statt. Am Klavier begleitet sie ihr Ehemann. 

Als Kontrastprogramm übernimmt sie anschließend eine Operettenrolle in der Volksoper: Die Hanna Glawari in der "Lustigen Witwe" von Franz Lehár. Lucia spielt diesen Part hinreißend voller Mutterwitz, Selbstsicherheit & Unbekümmertheit- ein Riesenspaß, so die, die es miterlebt haben. Obwohl die Sängerin Operette liebt, wird sie nur ein weiteres Mal einen Ausflug in dieses Genre unternehmen: 1979/80 als Rosalinde in "Die Fledermaus" in der Wiener Staatsoper ( hier "Klänge der Heimat" in ihrer Version ). Die Rolle findet sie übrigens mindestens so schwer wie die Traviata.

"Carmina burana" (1975)
1975 hat sie einen Auftritt im Fernsehen, in einer Produktion des ZDF zum 80. Geburtstag von Carl Orff. Pierre Ponnelle gestaltet aus der "Carmina burana" eine optisch opulente Mittelalter -Show, die auch Lucia mehrere Anlässe bietet, fantasievoll kostümiert und eindrucksvoll schauspielernd, sich z. B. als "Virgo gloriosa" in Szene zu setzen. (Musikbeispiele sind hier zu finden. ) 

Schon 1973 hat Lucia Peter Jonas, zunächst künstlerischer Leiter des Chicago Symphony Orchestra, später der English National Opera und der München Opera, kennengelernt, mit dem sie eine Beziehung anfängt. Ende 1977 trennen sich Lucia und ihr Mann endgültig und die Folgen sind weitreichend: Sie verlässt Köln ( während György Fischer bis zu seinem Tod am 24. Oktober dieses Jahres in der Stadt bleiben wird ) und beginnt nun ihre Wanderjahre.

Die inzwischen 38jährige hat kein Bedürfnis nach einem dauerhaften Zuhause, in das sie sich zurückziehen und wohl fühlen kann, stattdessen mietet sie möblierte Wohnungen an ihren Auftrittsorten. Sie ist jetzt ein Star in der Opernwelt, nicht mehr an ein Theater gebunden und ihre Karriere völlig international, weswegen Lucia nun zu den Sängerinnen mit eng getaktetem Zeitplan gehört, und es für sie ganz normal ist, dass sie nach einer Aufführung einen Nachtflug nimmt, um rechtzeitig zu einer Probe in einem anderen Theater oder Aufnahmestudio zu erscheinen. Darüberhinaus wissen Geschäftsführer und Casting-Direktoren großer Operntheater, dass man Lucia im Notfall immer anrufen kann und sie oft zur Rettung einfliegt, sollte eine Kollegin ausfallen. Die Treffen mit ihrem Geliebten in Chicago bleiben demzufolge eher selten. Es ist ein kleines Wunder, dass ihre Stimme nicht unter diesem Lebensstil leidet und geringe "Abnutzungen" leicht dem Altern zuzuschreiben sind. 

So ein Beispiel für die Flexibilität, die Lucia Popp von sich selbst verlangt, sind ihr Auftritt als Marzelline in Beethovens "Fidelio" am 24. Januar 1978 in Wien. Am Tag nach der Wiener Premiere erreicht sie ein Hilferuf aus München, wo die Kollegin Helen Donath erkrankt ist, die ebenfalls in dieser Rolle in der Münchner Premiere auftreten soll. Lucia Popp springt in letzter Stunde in die völlig anders geartete Inszenierung unter Götz Friedrich & Karl Böhm ein - mit positivem Effekt auf die Leistung der Sängerin und die Spannungskurve der Aufführung. Nach einer kurzen Auszeit bei Peter Jonas in Chicago, wo sie immerhin eine Meisterklasse unterrichtet, pendelt sie im März und April zwischen Paris (Sophie), Köln (Pamina) und London, wo sie im "Freischütz" das Ännchen singt, hin und her. ( Hier ist "Kommt ein schlanker Bursch gegangen" zu hören. ) Im Sommer ist sie wieder in Salzburg als Sophie beschäftigt, eine Rolle, die sie noch drei Jahre im Repertoire behalten wird. 

1978 ist auch das Jahr, in dem ihr der Titel "Kammersängerin" in Wien verliehen wird ( in München erhält sie ihn fünf Jahre später ).

Ein großer Erfolg ist für Lucia Popp ihr Auftritt mit dem Ensemble der Zürcher Oper bei den Wiener Festwochen 1981 in Mozarts "Idomeneo". Es ist ihre erste Begegnung mit dem Erneuerer Nikolaus Harnoncourt. Die Kritik lobt die Aufführung. "Sie alle aber werden von Lucia Popps makelloser Ilia übertroffen - himmlischer ist Mozart nie gesungen worden", so die österreichische "Presse". Hier ist "Se il padre perdei" in einer Fassung mit dem Münchner Rundfunkorchester zu hören.

Ihr Auftritt als Pamina an der New Yorker Metropolitan Opera bringt ihr als Einzige der an der Aufführung Beteiligten Lob ein: "She showed the others something about Mozart style in 'Ach, ich fühl's', which was elegantly spun out and full of tenderness."


1982 ist das entscheidende Jahr, in dem Lucia sich auf die schwereren Lyrikrollen einlässt. Die Künstlerin begibt sich mit ihrer nunmehr gefestigten Stimme, die ohne Mühe trägt, auch in der "machtvollsten Forte - Entladung".
 
Ihre Eva in Richard Wagners "Meistersingern" im Londoner Covent Garden ist ein Erfolg, und diese wird bald zu ihrer Lieblingsrolle. Sie fügt ihrem neuen Repertoire weitere Rollen hinzu, für die ihre Stimme nun besonders geeignet ist, wie die Marie in der "Verkauften Braut" von Smetana ( hier ist "Kdybych se co takového" zu hören ), ist erfolgreich in München mit der "Arabella" von Richard Strauß oder der Margiana in "Der Barbier von Bagdad" von Peter Cornelius.

Mit Peter Jerusalem in "Die verkaufte Braut"
(1982)
Letztgenannte Oper bedingt 1984 auch einen neuen Umbruch in Lucia Popps Leben: Sie verliebt sich in den Barbier, den jungen Tenor Peter Seiffert. Sie macht selbst gegenüber Freunden ein Geheimnis aus dieser Liebe, da der Altersunterschied als Problem hochgejazzt wird: Seiffert ist fünfzehn Jahre jünger, ein gefundenes Fressen für Münchner Lästerzungen und die Boulevardpresse! 

Künstlerisch bedeutend ist für die Sängerin im gleichen Jahr ihr Rollenwechsel im "Rosenkavalier" von der Sophie zur Marschallin - vom Publikum bejubelt, von der Kritik zwiespältig aufgenommen, noch sieht man sie nicht auf der vollen Höhe des lyrisch- dramatischen Faches. Das ist in München so. Dort, wo man es nicht erwartet hat, nämlich in Wien, wächst ihr im Jahr darauf die einhellige Begeisterung zu, als sie dort in einer alten Schenk-Inszenierung auftritt: 
"Lucia Popp, bezaubernde Sophie von gestern, triumphiert jetzt als nicht weniger bezaubernde Marie Thérèse. Eine Marschallin, die durch Wärme, strahlende Schönheit und den diskreten Zauber ihres jugendliches Timbres wie durch Verletzlichkeit als Frau berührt. Und in Bann zieht", so Wilhelm Sinkovicz in "Die Presse" im Juni 1985.
Wien wird auch der Schauplatz für ein nächstes Rollendebüt: Im Oktober 1985 singt sie die Gräfin im "Figaro" - jetzt stimmlich perfekt für sie. Auch in München wird ihr im Januar darauf in dieser Rolle bei der Arie "Porgi Amor" zugejubelt: 


Wenige Tage zuvor hat sie am 4. Januar 1986 im Schloss Mirabell in Salzburg Peter Seiffert geheiratet. Auch ihre Eltern sind verblüfft und kommen nicht zur Hochzeit. Auf Einwände des Vaters soll Lucia gesagt haben: "Schau Vater, und wenn's noch zehn schöne Jahre sind, gönn sie mir." Peter Seiffert selbst reklamiert für sich, dass er es gewesen ist, der eine Ehe durchgesetzt hat, um nämlich alle Spekulationen zu beenden. Später wird er sich darüber beschweren, dass er eine Zeit lang zu viel Herr Popp gewesen sei ( wohl vergessend, dass er aufgrund seiner Ehe einige gute Rollen und einen schnellen Durchbruch als Sänger geschafft hat ).

Nach der geglückten Rollenübernahme im "Figaro" entscheidet sich die Sängerin, sich nun auch an die Fiordiligi in "Così fan tutte" zu wagen, und zwar an der Züricher Oper unter Nikolaus Harnoncourt, einen halben Monat später dann auch in Wien. Hier mit der von mir so geliebten sogenannten "Felsenarie":


1986 kehrt Lucia Popp auch wieder nach London an die Covent Garden Opera zurück - als Arabella in der gleichnamigen Strauß - Oper, aber auch um bei einer Gala anlässlich ihres 60. Geburtstags für die Queen zu singen, bei der sie dreißig Jahre zuvor auf einer Gardenparty geladen gewesen ist... 

Den Sommer verbringt sie dann in der Toskana und bei den Salzburger Festspielen, wo sie beeindruckend die Gräfin im "Figaro"gibt. Auch im Sommer darauf ist sie wieder dabei, diesmal mit der Gräfin in Richard Strauß "Capriccio". Die Kritiker bescheinigen ihrer Stimme "Seele" und es könnte ihr gut gehen, wären da nicht ihre Beschwerden, ausgelöst durch ihre Hüftluxation. Auf längere Sicht muss sie alle Verpflichtungen absagen, damit der operative Eingriff an beiden Hüften vorgenommen werden kann.

Lucia Popp( zweite), Peter Seiffert (dritter von rechts )
bei einem Benefizkonzert der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung
(1986)
Erst im Oktober 1988 wird sie sich wieder auf der Bühne zurückmelden, diesmal in Buenos Aires und im November mit einem Gastspiel mit der Bayerischen Staatsoper in Japan. Auch in Wien lässt sie sich wieder zu Beginn des nächsten Jahres blicken, zusammen mit ihrem Ehemann in der "Verkauften Braut". Sie wird vom Publikum & Kritik freudig begrüßt, ihrem Mann wird "ein plumpes, eintöniges Spiel" bescheinigt. Der fühlt sich als "Kofferträger der Primadonna" abqualifiziert und missachtet, weil er es doch gewagt habe, die Wiener Kammersängerin zu heiraten.

Im Sommer steht wieder ein gemeinsamer Auftritt in München, im "Lohengrin", auf dem Plan, Lucia in der  Rolle der Elsa, einer Bühnenfigur, der sie zunächst viele Vorurteile entgegenbringt. Aber überm Studium der Rolle fängt sie an, diese Frauenfigur anders zu beurteilen. Als bekannt wird, dass sie die Rolle singen wird, wird in München die Konzertkasse geradezu gestürmt. Doch nicht alle Opernbesucher nehmen ihr ihre Elsa ab, man spricht sogar von Fehlbesetzung. Andere finden wiederum, dass noch nie jemand die Elsa so traumhaft schön gesungen habe.

In diesem Jahr hat sie natürlich mehr als nur Musik im Kopf: Einige Tage vor ihrem Geburtstag fällt die Berliner Mauer. Sie selbst feiert den politischen Umbruch mit ihren Eltern in der Tschechoslowakei. Eineinhalb Monate später wird Vaclav Havel ( siehe auch dieser Post ) Präsident. Und endlich kann Bratislava seinen Weltstar im Konzert original hören.

Ihr letztes großes Rollendebüt gibt sie 1991 mit der "Daphne" von Richard Strauß in Zürich. Sie wird so begeistert gefeiert und die Angebote der Zürcher Oper sind so großzügig, dass sie sich entscheidet, sich dort niederzulassen, wie sie es damals in Köln getan hat. Die Wiener Staatsoper unter ihrem neuen Direktor, dem ehemalige Bariton Eberhard Wächter, hat ihr zuvor zu verstehen gegeben, sie nicht mehr engagieren zu wollen, weil sie zu alt und fett sei, so erzählt sie es Freunden. In Zürich verspricht man ihr neue spannende Rollen wie die der Sieglinde und Leonore.

Doch 1991 ist aus einem anderen Grund einschneidender: Wir wissen nicht, wann Lucia von ihrer  ernsthaften Erkrankung erfahren hat, wahrscheinlich weiß es nur ihr Ehemann. Die sonst so ausgesprochen spontan- mitteilsame Lucia schweigt, als sie weiß, was mit ihrer Gesundheit nicht stimmt. Sie erzählt es weder den Kollegen, noch den Freunden und sie lässt auch ihre Eltern außen vor. Stattdessen erzählt sie die verschiedensten Geschichten, wenn es ihr nicht gut geht. Nur ihr damaliger Liedbegleiter Irwin Gage ist im Bilde, der selbst gesundheitliche Probleme hat und als Begleitpianist der gleichaltrigen Sangeskollegin Arleen Auger, die ebenfalls von einem Gehirntumor (Glioblastom) befallen ist,  hält er Lucia über deren Krankheitsverlauf auf dem Laufenden. Doch Lucia setzt - scheinbar unbeeindruckt - ihre Karriere vor Ort und im Tonstudio fort. 

Sie hat nun auch ein richtiges Zuhause in Zürich, aber mit lauter unausgepackten Kisten, weil sie immer noch die meiste Zeit unterwegs ist. Im Sommer 1992 ist sie dabei, als in München mit einer "Meistersinger" - Aufführung die "Ära Wolfgang Sawallisch" glanzvoll zu Ende geht. Es folgen die Festspiele in Salzburg und Studioaufnahmen in London für eine Schubert - Edition, dann steht Anfang September ein Besuch der Eltern zum 80. Geburtstag des Vaters in Wien auf dem Plan.

Dazu kommt es nicht: Lucias Mutter Milada erleidet einen Herzinfarkt, dem sie alsbald erliegt. Doch bald ruft die Sängerin auch schon wieder der Terminkalender. Lucia - "Solange ich singe, solange lebe ich"- geht wieder mit der Bayerischen Staatsoper auf Japan - Tournee, singt dort die Gräfin im "Figaro" und zweimal das Solo in Brahms "Deutschem Requiem":


In Zürich brilliert sie wieder in "La clemenza di Tito" unter Harnoncourt, diesmal als Vitellia, sie singt die Fioridiligi, gibt einen Liederabend in Hamburg, muss aber einen Kurs am Salzburger Mozarteum absagen. Ihr letzter Auftritt auf eine Operbühne ist am 13. März 1993 im "Rosenkavalier"...

Nach Salzburg hat sie ihren Vater eingeladen. Der spürt, dass etwas nicht stimmt, als er nicht bei ihr in der Wohnung wohnen darf, sondern ein Hotel nehmen muss. Als er sie fragt, warum sie eine Perücke trage, antwortet sie, dass es im Sommer bequemer sei. Sie muss sich nun immer mehr Behandlungen unterziehen und Auftritte absagen. Doch noch immer hat niemand in der Opernwelt eine Ahnung, was ihr fehlt.

Als Marschallin im "Rosenkavalier"
Am 29. September 1993 plant sie ein Liederkonzert in Wien. Auch ihr Vater kommt dazu in die Stadt,  muss aber vor dem Konzert wieder abreisen. Als sie sich verabschieden, bricht Lucia schließlich in Tränen aus und bestätigt, dass seine Vermutungen richtig seien: Sie habe Krebs und werde nicht mehr lange zu leben haben. Es mache es ihr leichter, dass ihre Mutter das nicht erfahren habe. Dann gibt sie ihr Konzert. 

Das Publikum ist in Scharen gekommen. Am Ende gibt es nur Jubel, denn ihre Stimme ist wie immer. Nur  das enge, steile Treppchen zum Podium bereitet ihr Schwierigkeiten. Hinterher bespricht sie noch Konzertpläne für die nächste Saison. 
"Im September hatte sie noch ein Konzert in Dresden. Sie hatte bereits Hirnmetastasen und verlor zu diesem Zeitpunkt das Bewegungsvertrauen. Eine meiner Pianistinnen erzählte mir, dass Lucia damals in Dresden gut gesungen hatte, aber sie musste ihr die Treppe zur Bühne hinauf helfen. Ihre Stimme war von der Krankheit nicht betroffen, aber sie verlor das Gleichgewicht, nicht stabil", erinnert sich ihre Freundin Eva Blahová.
Wieder in München, muss sie dort in eine Klinik. An ihrem 54. Geburtstag unterhält sie sich am Telefon mit den Freunden, die sie zum Gratulieren anrufen, und erzählt, sie sei wegen einer "dummen Geschichte" im Krankenhaus. Vier Tage später ist sie tot, am 16. November 1993, im Alter von 54 Jahren. Ihre "letzte Ruhe" findet sie auf dem Friedhof Slávičie údolie in Bratislava.

Welche Stille, wenn eine solche Stimme erlischt! 

Wen die Götter lieben, lassen sie jung sterben: "And you are an angel, as you and I know", so Leonard Bernstein einstens beim Heurigen zu Lucia Popp. Sie "war wie ein Gruß vom Himmel", so die Münchner TZ zu ihrem Tod, "kein Seufzer zaubert sie zurück/Und keine Sehnsuchtsträne", so die "Neue Zürcher Zeitung". Ich beglückwünsche mich immer, dass ich diese "Seelenstimme" immerhin auf Tonträgern kennenlernen konnte und bis heute hören kann:
"Diejenigen, die sie noch live erlebt haben, bekommen oft feuchte Augen, wenn von ihr die Rede ist, und selbst hartnäckige Nörgler geraten ins Schwärmen. Das Klischee vom 'Stern am Opernhimmel' erhielt bei ihr eine konkrete, wahrhafte Bedeutung, denn von ihrer Stimme und ihrem Vortrag ging ein stilles Leuchten aus, das innere Ruhe und Glücksgefühle hervorrufen konnte", so die "Opernwelt" in einer Erinnerung an Lucias 70. Geburtstag.
Am 27. November 1993 findet zu Ehren von Lucia Popp in der Bayrischen Staatsoper eine Trauerfeier statt, im Februar 1994 im Slowakischen Nationaltheater, der Bühne ihres ersten Auftritts als Königin der Nacht. Diesmal ist sie nur vom Tonband zu hören. Im Foyer des Theaters wird auch ihre Büste aufgestellt.
 
Beim "Internationalen Festival für Musikfilme und Videoprogramme Amfion´94" in ihrem Heimatland  gibt es eine spezielle Abteilung mit Filmen mit Lucia Popp. Für ihren Beitrag zur Musik- und Filmkunst wird sie posthum mit dem "Prix Amfion" ausgezeichnet. Ab 1995 gibt es jährlich Gedächtniskonzerte und 1997 nimmt Lucias Vater die Urkunde über die Ehrenbürgerschaft der Stadt Bratislava seiner Tochter entgegen. Auch ein Sängerwettbewerb, der ihren Namen trägt, findet seit 1996 statt. Die Stadt Wien hat vor zwei Jahren eine Büste der Sängerin im Park der Amadeus International School Vienna im 18. Bezirk aufstellen lassen, die Stadt München wiederum hat in Erinnerung an ihren "Sopranleuchtstern" in Pasing-Obermenzing eine Straße benannt, den Lucia-Popp-Bogen. 

Einen diskografischen Überblick über ihr Schaffen findet man bei Wikipedia.





Kommentare:

  1. Ich bin mir ziemlich sicher, dass im Schallplattenregal meiner Eltern auch Aufnahmen stehen, bei denen Sie mitgesungen hat.
    Danke für ein wieder sehr informatives Künstlerinnen Portrait
    Liebe Grüße
    Nina

    AntwortenLöschen
  2. Eine wunderbare Mozart-Sängerin. Das KuK-Erbe fließt da voll mit ein.
    Ihr Leben war ja auch fast wie ein Opern-Stoff.
    Und so jung gestorben, das habe ich irgendwie gar nicht mitbekommen damals, dass sie so jung war.
    Danke für dieses Portrait einer emanzipierten Frau.
    Wer schlägt schon Anfragen von Herbert von Karajan aus, das hat wirklich eine ganz eigene Note!
    Herzlich grüßt Sieglinde

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Astrid,
    ich muss mich so nach und nach mal allen anderen deiner Frauenporträts widmen, denke ich. Danke für das, was du hier zusammenträgst. Lucia Popp war mir zumindest vom Namen her ein Begriff. Aber mit der Oper habe ich es nicht so wirklich, was in meiner Kindheit mal ganz anders war. Mein sehr viel älterer Bruder besaß viel Opernplatten und mit denen bin ich groß geworden. Vielleicht war's zu viel des Guten.
    Herzliche Grüße - Elke

    AntwortenLöschen
  4. eine großartige Sängerin
    und ein Leben für die Kunst
    schade dass sie so früh sterben musste
    aber schön dass sie nicht vergessen ist

    danke für das Portait

    liebe Grüße
    Rosi

    AntwortenLöschen
  5. von Helga:

    Liebe Astrid,

    mein Kaffee ist zwar wieder kalt geworden aber ich habe es trotzdem geschafft mir den Überblick über Lucia Popp zu gönnen. Sie ist ja genau im Jahr 1939 geboren wie ich, doch ist leider aus mir nix geworden.
    Sie hatte wohl ein gutes Leben, denn Schicksale sind ihr außer ihrer Krankheit zum Ende hin, erspart geblieben. Diese tolle Stimme hatte mein Vater sicherlich auf seinen Schellackplatten im Schrank stehen.
    Danke für die 240te, und es gibt noch mehr! Welch bildhafte Karriere.

    Liebe Grüße von Helga und Kerstin, sie liest erst heute Abend(ja mach ich♥)

    AntwortenLöschen
  6. Mit größter Begeisterung gelesen... und mit geschlossenen Augen gehört. Ein Genuss, liebe Astrid! Ich plädiere für einen gedruckten Band. 240 Geschichten, die berühren.

    Danke, für diese wieder imponierende Lebensgeschichte - eine Perle. Im Übrigen gebe ich diesen Post gerne an meine opernbegeisterte Freundin weiter und weiß, dass sie ebenfalls dahinschmelzen wird.

    ...herbstbunte Grüße von Heidrun

    AntwortenLöschen
  7. Oh, was für eine rastlose Lebensreise... In unserer Familie ein mit Respekt genannter Name dieser großen Sängerin.Danke für diese Erinnerung, ich kannte sie wahrscheinlich nur aus Radio und Fernsehen und hatte sie inzwischen fast vergessen. Danke, dass du meiner Erinnerung wieder aufgeholfen hast. Liebe Grüße Ghislana

    AntwortenLöschen
  8. Was für eine erfolgreiche, musikalische Reise durch das Leben. Wie traurig, dass sie so jung gehen musste.
    Danke für das interessante Portrait. Du fügst so viele unterschiedliche Frauenbiographien zusammen!
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  9. ich bin ja nicht so der opernfan, fand es aber äußerst spannend, dein portrait zu lesen und in eine mir gänzlich unbekannte welt einzutauchen. ich schätze es an deinen frauenbeiträgen auch sehr, dass du uns immer wieder in so unterschiedliche bereiche führst. 240 - unglaublich!!
    liebe grüße
    mano

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. In Oper kann man raus- und wieder reinwachsen: Meine Mutter ( übrigens aus dem Kulturkreis wie die Sängerin ) war opernfanatisch, ich davon eher genervt. Mit dem Herrn K. hab ich mich langsam wieder darauf eingelassen. Und heute gibt es für mich Opern, die auf meinen jeweiligen Gemütszustand eine passende musikalische Antwort haben.
      LG

      Löschen

Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, wenn der Ton daneben ist...

Und noch was: Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass der von dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.