Donnerstag, 23. April 2020

Great Women # 218: Christiane Floyd

In IT-Berufen sind nur 15 Prozent Frauen tätig - wahrscheinlich, weil dem Ganzen immer noch ein überwiegend technisches Flair anhaftet. Überrascht war ich eigentlich nicht, dass es eine Frau war, die diesen beschränkten Horizont maßgeblich erweitert hat: Christiane Floyd, deren 77. Geburtstag wir in drei Tagen begehen können.

"Die Einsicht: Erkenntnis ist dialogisch"

"Wir wollen nicht begehren, 
unsere Mitmenschen zu überwachen."
( aus: "Science and Ethics" )

Christiane Floyd kommt am 26. April 1943 in Wien als Christiane Riedl zur Welt. Über ihre Eltern bzw. ihre familiären Verhältnisse ist wenig bekannt. Immer wieder wird aber erwähnt, dass das Mädchen in Wien und auf einem Hof in Niederösterreich aufwächst. Und immer wieder steht in Veröffentlichungen über sie diese kleine Geschichte:
"Als Christiane Floyd vier Jahre alt war, half sie ihrer älteren Schwester bei den Hausaufgaben. Die Schwester, die damals die erste Klasse besuchte, sollte zwei und drei addieren. Die Sechsjährige grübelte, aber sie kam einfach nicht drauf. Also rief Floyd der Schwester die Lösung zu: Fünf!" ( Quelle hier )
Keiner kann sich erklären, wieso Christiane das kann. Mathematische Fähigkeiten und Interessen gehören nicht zu den Kernkompetenzen in der Familie. Also wird ihr von kleinauf ein ungeheures mathematisches Talent zugeschrieben. "Ich habe mich sehr anders gefühlt", bekennt Christiane später. "In meiner Familie war ich das Genie." Es steht wohl auch bald in der Familie fest, dass sie Mathematik studieren wird. Christiane, wohl so erzogen, wie es ein der Nachkriegszeit üblich gewesen ist, neigt nicht zum Widerspruch und fügt sich den Wünschen des Vaters. Sobald sie die Matura abgelegt hat, schreibt sie sich 1961 an der Wiener Universität ein für die Fächer Mathematik & Astronomie. Interessieren tut sie sich mindestens so sehr für Geschichte, Sprachen und Philosophie. Aber für die damalige Generation junger Frauen ist es nicht außergewöhnlich, dass man bei der Studienentscheidung nicht den eigenen Interessen nachgeht.
Sie stellt während des Studiums fest: "... trotz aller Faszination, daß Mathematik im Grunde nicht mein Lebensbedürfnis war. Eigentlich wollte ich auch abbrechen und auf Philosophie umsatteln, doch fehlten mir das Selbstbewußtsein und die wirtschaftlichen Ressourcen für diesen Schritt. So habe ich Mathematik fertig studiert, allerdings nicht glorreich." ( Quelle hier )
Für ein Jahr ihres Studiums geht sie an die Ludwig-Maximilians-Universität in München. Und weil sie im Sommer Geld verdienen muss, übernimmt sie 1965 einen Ferienjob bei Siemens als Programmiererin im Zentral-Labor. Eine Vorbildung wird nicht erwartet, das ist damals nicht üblich. Zum ersten Mal steht sie Computern gegenüber. Das sind damals große, graue Schränke, denen man nicht ansieht, was sie können. Christiane ist erst einmal ernüchtert, wird sie später erzählen. Aber sie findet sich mit den dort gestellten festen Aufgaben besser zurecht als mit den recht offenen Ansprüchen des Studiums, bei dem ihr eine echte Betreuung fehlt.

Nach ihrer Rückkehr nach Wien wird sie 1966 zum Dr. phil. promoviert. Einen Diplomabschluss gibt es seinerzeit noch nicht: Man hat entweder keinen Abschluss oder nur den mit der Promotion. In Wien wird aus diesem Anlass folgendes Gelöbnis abgelegt: 
"Ich gelobe, die edlen Wissenschaften unermüdlich zu pflegen und zu fördern, nicht um schnöden Gewinnes oder eitlen Ruhmes willen, sondern auf dass die Wahrheit weitergegeben werde und ihr Licht, worauf das Heil der Menschheit beruht, heller erstrahlt."
Und irgendwie wird den weiteren Werdegang der 23-jährigen jungen Frau tatsächlich die gelobte die Achtung vor den Menschen bestimmen und  später ihr fortlaufendes Credo sein: Der Mensch muss im Mittelpunkt der Technik und damit auch der Informatik stehen.

Siemens 4004
Source
Im Anschluss an die universitäre Ausbildung ist Christiane bald klar: In Österreich bleibe ich nicht.

Bei einem Ferienjob bei IBM in Wien erfährt sie den dort vorherrschenden "Geist.... ziemlich kleinkariert und noch dazu ausdrücklich gegen Frauen" gerichtet. Bei Siemens hat sie sich hingegen wohl gefühlt. Und tatsächlich wird sie in verantwortungsvoller Position eingestellt. Siemens ist zu dieser Zeit in Deutschland führend in der neu entstehenden Computerindustrie. Christiane arbeitet für ein Projekt auf dem Gebiet der Programmiersprachen, schreibt Befehle für den Großrechner 4004, den das Unternehmen verkauft.
"Eine Ausbildung in Programmierung oder gar in Informatik habe ich nie erhalten. Letztlich habe ich mich an die Begriffe gewöhnt und mir das Programmieren mit Herrn Ottos ( ihr Nachbar am Arbeitsplatz; Erg. durch mich ) Hilfe über praktische Aufgaben erschlossen. Gewisse Teilgebiete der Informatik sind mir aber wegen meiner mangelnden Hardware-Kenntnisse auch später nicht zugänglich geworden."
Unter all diesen Umständen ist es beeindruckend, dass der Compiler ( ALGOL-60 ), an dem sie arbeitet, fertiggestellt und sieben Jahre erfolgreich eingesetzt werden wird. Obwohl es eine anspruchsvolle Arbeit ist, macht sie Christiane großen Spaß, vor allem die dahinter stehenden Programmiersprachen und die Programmiermethodik. Computer an sich faszinieren sie nie.

Es ist weniger ihre Arbeit als die Atmosphäre in der bayrischen Hauptstadt,  die sie nach Veränderungen sehnen lässt:  Es ist das wilde Jahr 1968 mit Studentenrevolte & Hippie-Bewegung, das ihr, wie sie selbst sagt, "den Boden unter den Füßen weggezogen" hat.

Paris ist ihr Wunschziel. Doch ihr damaliger Projektleiter bei Siemens meint, in Amerika gelänge ihr eher die gewünschte Veränderung. Und so bringt sie über einen Freund bei ITT in Kalifornien ihren Lebenslauf in den Vereinigten Staaten unter die Leute. Drei Angebote erhält sie daraufhin, darunter eines von der Universität Stanford von Edward A. Feigenbaum, damals schon eine Berühmtheit und später der Guru der "Künstlichen Intelligenz" (KI). So entscheidet sie sich für eine wissenschaftliche Karriere statt einer in der Industrie.

In Stanford, das sich zur Keimzelle des Silicon Valley entwickeln wird, arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Expertensysteme und Compilerbau, Projekte, die übrigens alle scheitern und die für Christiane "Anlaß zum Negativ-Lernen über die Prinzipien der Softwaretechnik geworden (sind), die ich später mitentwickelt und vertreten habe."

Außerdem hat sie einen Lehrauftrag zur Einführung in die Programmierung, und zwar für Geistes- & Sozialwissenschaftler im Nebenfach. Beeindruckt ist sie von der Leistungsfähigkeit der Studierenden, der Freiheit und Experimentierfreude, denn das Ziel der Universität ist es nicht, produktreife Ergebnisse zu liefern. Geachtet ist der, der ein Konzept entwickelt hat, egal ob es hinterher funktioniert.

Von links nach rechts: Robert Floyd, Peter Naur
In Stanford treffen sich damals die brillantesten Köpfe der noch jungen Disziplin der Computerwissenschaften, darunter auch der 32jährige Informatiker Robert Floyd, ein Pionier auf dem Gebiet formaler Methoden in der Informatik, der 1970 zum Professor ernannt wird. Christiane und Robert heiraten im selben Jahr, und 1971 kommt der gemeinsame Sohn Sean Patrick zu Welt.
"Ich habe nicht nur zu Hause im Gespräch vieles mitbekommen, sondern auch diverse führende Informatiker persönlich kennengelernt. Mein Leben ist in besonderer Weise dadurch gekennzeichnet, daß das Berufliche und das Private zeitweise nahtlos ineinander übergegangen sind. Das galt für meine beiden Ehen, damals mit Bob Floyd und später fast noch stärker mit Peter Naur."
Ihr Exmann habe eine sehr traditionelle Vorstellung von Familie und der Rolle der Frau gehabt, wird Christiane später sagen, und dem habe sie sich nicht fügen wollen. Die Ehe zerbricht so schnell wie sie geschlossen worden ist, und Christiane kehrt mit ihrem Kind 1973 nach Europa zurück. Dort muss sie einen Job finden, der ihren Lebensunterhalt finanziert. Wieder kommen ihr ihre Kontakte in München zugute, und sie findet einen Job bei Softlab, gegründet von ehemaligen Mitarbeitern bei Siemens. Aber es ist eher die Angst vor dem materiellen Abrutschen, die sie dorthin treibt, nicht der Wunsch nach einer Karriere - das Wort mag sie gar nicht.

Ab Ende 1973 arbeitet sie bei Softlab an einem Projekt, in dem es um die Automatisierung von Arbeitsvorgängen in Rechenzentren geht.
"Für mich war dieses Projekt unter anderem wichtig, weil ich hier anschaulich die Entfremdung zwischen Entwicklern und Anwendern erlebt habe. Als ich in dieses Projekt kam, hatte man zwar neun verschiedene Sprachen und einen eigenen Compiler-Compiler konzipiert, aber meine  schlichte Frage, was eigentlich um sieben Uhr früh passieren würde, wenn jemand das HALORD System anschalten wollte, konnte kein Projektmitglied auch nur ansatzweise beantworten."
Dazu kommt, dass Christiane kein Rechenzentrum von innen kennt, sich also alles in ihrer Fantasie ausmalen muss. Die angepeilte Zeit von einem Dreivierteljahr für die Fertigstellung diese Projekts hält sie für nicht realisierbar und kann schließlich die Firma überzeugen, von vorne anzufangen. Das Projekt kann sie dann mit einer Kollegin erfolgreich abschließen.

Christiane Floyd in den 1970er Jahren
Die Arbeitsbedingungen sind nicht nur für die  Mutter eines kleinen Kindes eine Zumutung: Um an einem Rechner arbeiten zu können, muss sie ständig von München nach Saarbrücken fahren, und zwar am Wochenende oder in der Nacht. Ihr Sohn, betreut während ihrer Abwesenheit von einem Aupairmädchen, leidet sehr darunter. Und sie entwickelt Schuldgefühle: "Mein Sohn musste viel aushalten. Eine Mutter, die so viel arbeiten muss wie ich damals, kann nicht alle Bedürfnisse ihres Kindes erfüllen." ( Quelle hier )

Aber Christiane macht im Rahmen dieses Jobs auch viele wertvolle Erfahrungen für ihre späteren Ansichten und Vorgehensweisen in der Softwaretechnik. Außerdem sammelt sie viele Erkenntnisse in der Ausbildung bzw. Schulung und Methodenentwicklung. Bald  merkt sie aber auch, dass sie viel lieber wissenschaftlich arbeiten würde.

Inzwischen hat sie ihren zweiten Mann kennengelernt, den Dänen Peter Naur,  einem Vertreter des "skandinavischen Ansatzes" in der Informatik. Auf Naur geht der Gedanke zurück, dass Software nicht nur ein formaler Code ist, der ein technisches Gerät steuert, sondern ein Kunstprodukt, mit dem Menschen das Verhalten von Menschen festlegen. Mit Peter Naur bekommt sie 1977 die Tochter Barbara. Nach Dänemark zieht sie allerdings nicht, so dass sie eine "offene Ehe" führt und die meiste Zeit mit den Kindern räumlich getrennt von ihrem Mann lebt - eine Situation, die sie als sehr schwierig beschreibt.

Schon 1974 hat sie Kontakte zur TU Berlin knüpfen können aufgrund einer Tagung, an der sie über die Grundausbildung in Programmierung referiert. Schon damals ist ihre nahegelegt worden, sich auf ein C3-Professur zu bewerben. Sie entscheidet sich aber dagegen, weil sie ihrem Sohn nicht schon wieder einen Wechsel zumuten will. Auf Dauer erscheint ihr aber eine Laufbahn in der Wissenschaft im Gegensatz zu einer in der Wirtschaft vergleichsweise familienfreundlich, und sie lässt sich für eine Bewerbung um eine Professur für Softwaretechnik im Fachbereich Informatik gewinnen. Allerdings fehlen ihr dafür die formalen Voraussetzungen, denn sie ist nicht habilitiert.
"Tatsächlich gab es nur eine weitere Bewerbung, und es war völlig klar, dass der Betreffende, der eine große Professur in Karlsruhe innehatte, gar nicht nach Berlin wollte, sondern sich vor Ort verbessern wollte. Für mich war es großes Glück, diese Stelle zu kriegen. " ( Quelle hier
Üblicherweise bekommen solche Stellen zum damaligen Zeitpunkt nur Mathematiker oder Naturwissenschaftler ( das Fach Informatik ist erst wenige Jahre alt ). Doch eine Klausel erlaubt auch die Berufung eines Quereinsteigers aus der Industrie.

So wird Christiane Floyd 1978 die erste Informatik-Professorin Deutschlands. Gleichzeitig ist sie Mutter eines Siebenjährigen und einer Einjährigen, ohne familiären Rückhalt in Berlin und de facto und später auch de jure alleinerziehend. Die Professur ermöglicht ihr und ihren Kindern eine Existenz, ist aber auch "der Grund für viele Entbehrungen, die ich ihnen zumuten musste – oder glaubte, ihnen zumuten zu müssen, weil ich mich in vielfältiger Weise engagiert habe und die Unterscheidung zwischen Müssen und Wollen nicht scharf ziehen konnte," wird sie am Schluss des Kolloquiums zu ihrer Emeritierung in Hamburg im September 2008  sagen. ( Quelle hier ) Die Überforderung bringt sie manches Mal an ihre Grenzen, doch bekennt sie, dass sie diese schwierigen Jahre der "Beziehung zu meinen Kindern als tiefe Liebe und Freude erlebt" hat.

Einerseits ist Christiane froh, an der TU jetzt endlich wieder lehren zu können, was sie seit ihrer Kindheit leidenschaftlich gern gemacht hat, andererseits muss sie eine Gruppe mit vielen Projekten übernehmen, die zwei Jahre führungslos gewesen ist. Die Lehrbelastung ist sehr hoch, denn zu ihrem Team gehören viele sehr junge Wissenschaftler*innen, die viel Betreuung brauchen.

Viel Zeit für Absprachen, Papiere, Auseinandersetzungen  etc. hat sie aufgrund ihrer Lebenssituation nicht, erinnern sich ihre Studenten. Das meiste muss zwischendurch überlegt und gleich in die Tat umgesetzt werden. Und doch, so meinen diese, wirkt im Rückblick alles wohl bedacht und wohl gesetzt.

Eigentlich kommt es unter diesen Umständen einer Notlösung gleich, dass sie sich erst einmal auf die Lehre konzentriert und das Forschen auf ein Minimum reduziert. Doch wieder hat sie Glück: Ihre Forschungsthemen kann sie letztendlich direkt aus der Lehre entwickeln. Der Vorwurf, das sei nicht wissenschaftlich genug, lässt nicht lange auf sich warten. Als wahre Theorie gilt in der Informatik ja allein die formale. Christiane kann nur mit ihrer Erfahrung dagegen argumentieren, denn sie verfügt nicht über die theoretischen Grundlagen. Wieder ein Glücksfall für sie, dass sie sich "auf den damals wahrscheinlich einzigen hochrangigen Kritiker der formalen Richtung, Peter Naur, stützen konnte".

Manchen kommt sie als fordernde, unbequeme, manchmal wohl auch wider Willen streitsame Wissenschaftlerin vor, die immer wieder Neues initiiert, was wirklich beeindruckt. Sie wird auch als Mensch beschrieben, der selbst nicht stehen bleibt, auch im Privaten. Aus heutiger Sicht, so eine Mitstreiterin, hat sie eine im wörtlichen Sinne radikale Umwälzung des über Jahrhunderte tradierten Wissenschaftsverständnisses gewollt.

Ein weiteres Feld der Auseinandersetzung bietet die Politik: 1979 führt der Nato-Doppelbeschluss zum Bruch unter den Informatikern. Christiane gründet mit anderen 1984 das "Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung", das sich von jenen Kollegen distanziert, die sich zu politischen Fragen nicht positionieren wollen und wird dessen erste Vorsitzende. Sie fordert, dass sich ihre Kollegen mit Ethik genauso beschäftigen sollten wie mit Mathematik.

Das ist jetzt ihr Thema:  Missbrauch von Technologien wie künstlicher Intelligenz. Und damit ist sie auch ihrer Zeit voraus. "Wir können uns nicht von der Verantwortung für das, was unsere Programme auslösen, distanzieren", sagt sie.

In den 1990er Jahren
"Partizipative Systemgestaltung" nennt sich ihr Ansatz. Eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitsorganisation und der Technikanwendung verlangt nach Mitbestimmung bei der Entwicklung und Einführung neuer Technologien. Christiane Floyd fordert & fördert also den Dialog zwischen der Entwickler- und der Anwenderseite sowie die Einbeziehung von Grundlagen aus den Sozial- und Geisteswissenschaften in die Informatik.

Ihre Hoffnungen, dass sich ihre Anschauungen an der Berliner TU durchsetzen, erfüllen sich nicht: Nach einer Gastprofessur in Wien 1987 und einem Forschungssemester 1987/88 in Palo Alto, gefördert von der Stiftung Volkswagenwerk, nimmt sie, da sie sich in Berlin unter der Dominanz der formal-technischen Sicht in der Informatik nicht mehr wohl fühlt, 1991 einen Ruf an die Universität Hamburg an.

Auch Hamburg erlebt sie als weiteren Glücksfall in ihrem Leben, auch wenn ihre großen Hoffnungen sich erst einmal nicht erfüllen, erlebt sie doch die Stadt und ihre Menschen zunächst als kühl und zurückweisend, ihr fehlen ihre "Gesprächsnetze", der Informatik-Campus ist ihr zu abgeschieden.
"Im Laufe der Zeit vermittelte jedoch die Ruhe mir immer mehr Geborgenheit. Die Stadt wurde mir vertraut und wohnlich. Neue Verbindungen wurden geknüpft, tiefgehende und verlässliche Freundschaften entstanden. Ich fand mich erheblich besser ins Kollegium und in die gesamte Universität eingebunden. Jahrelange Reformbemühungen verdichteten sich und begannen Frucht zu tragen. Und ich hatte zunehmend die Chance, an universitären Modellvorhaben konstruktiv mitzuwirken." ( Quelle hier )
Nach Christianes  Richtlinien entstehen Programme, die sich im Alltagsleben bewähren wie ihr "STEPS-Projekthandbuch", ein Drehbuch für Software-Engineering. Sie schreibt über Ethik in der Informatik und baut ein Software-Zentrum auf, das der hanseatischen Wirtschaft helfen soll, sie betreut philosophische Forschungen und die Entwicklung von Software für Banken in Baden-Württemberg.

Was sie nicht tut: als Forscherin Einfluss nehmen, um populär zu werden, und eine Denkschule gründen. Sie will nicht indoktrinieren und erzieht ihre Promotionsstudenten nicht zu "Floydianern", sondern sie ermutigt sie zum Widerspruch. Das habe ihre eigene Strahlkraft geschmälert, so ihr ehemaliger Mitarbeiter Reinhard Keil. In über 30 Jahren betreut sie fast 50 Doktoranden, ein Drittel davon Frauen - ungewöhnlich für ein Fach, in dem der Anteil der Absolventinnen auch heute erst bei knapp 20 Prozent liegt.
"Ich konnte beobachten, dass sich die meisten dieser Frauen stark für Kommunikation, Austausch und Kontext von Technik interessiert haben. Sie wollten Technik nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel zum Zweck behandeln. Sogenannte Brückenthemen aus Bereichen wie Medieninformatik, aber auch medizinischer oder Wirtschaftsinformatik kommen ihnen also entgegen." ( Quelle hier )
Für die Internationale Frauenuniversität im Rahmen der EXPO 2000, an der 900 Nachwuchswissenschaftlerinnen und 230 Dozentinnen aus aller Welt  über drei Monate an unterschiedlichen Orten in ganz Deutschland teilnehmen, organisiert Christiane Floyd den Projektbereich "Information" zusammen mit Silvie Klein-Franke, Dorit Heinsohn, zwei Naturwissenschaftlerinnen, die auch interdisziplinär arbeiten. Von der interkulturellen Auseinandersetzung sind die Teilnehmerinnen der Frauenuni hinterher ganz begeistert. Christiane setzt sich seitdem in Äthiopien für die Verbesserung der Situation in ländlichen Räumen ein.

Sie erhält zwarAuszeichnungen, aber nie den "Turing Award", die höchste Auszeichnung in der Informatik, vergleichbar mit dem Nobelpreis, wie ihre beiden ehemaligen Ehemänner. Sie meint dazu, dass ihren Exmännern die Forschung über alles gegangen sei, ihr nicht. "Das Leben ist rund. Es besteht aus Beziehungen, Freundschaften, Familie. Der Beruf ist wichtig, aber er ist eben nur ein Teil."

Nach 42 Jahren in der Informatik widmet sie sich nach ihrer Emeritierung 2008 "neuen Herausforderungen". Sie engagiert sich weiterhin in Äthiopien, wo sie seit der Internationalen Frauenuniversität u.a. hilft, das Informatikstudium aufzubauen. Außerdem bringt sie den Menschen Technik bei und vermittelt auch andere Erfahrungen, die letztendlich zur Weiterentwicklung des Landes und zur Reduzierung der Armut beitragen können.

2018
"Ich bin zur Zeit sehr engagiert in Addis Abeba und habe auch sonst Lust zu reisen. In dieser Situation ist es für mich in Ordnung, dass der Großteil meiner Besitztümer eingelagert ist. So fühle ich mich leicht und schwebend. 'You should follow your heart' wurde mir kürzlich in Äthiopien geraten, und so will ich es auch halten." ( Quelle hier )
2011 wird der Wissenschaftlerin in Aarhus/Dänemark der "EUSSET-IISI Lifetime Achievement Award" verliehen. Diese Auszeichnung wird für herausragende Beiträge zur Neuorientierung der Informatik in Bezug auf die Gestaltung sozial eingebetteter Systeme verliehen.

2017 dann wird Christiane Floyd zur "Doktorin der Naturwissenschaften ehrenhalber" (Dr. rer. nat. h. c.) von der Universität Paderborn ernannt. Im "Antragstext der Ehrenwürde" heißt es:
"Sie hat mit ihren vielfältigen Pionierleistungen die Informatik entscheidend beeinflusst und bereichert. Aufgrund dieser herausragenden Leistungen als Wissenschaftlerin und als Hochschullehrerin sowie aufgrund ihrer hohen Verdienste um die Entwicklung einer menschenzentrierten Technikgestaltung in der Informatik erhält sie den Grad..." ( Quelle hier )
Im gleichen Jahr wird sie von der Universität ihrer Heimatstadt mit dem Goldenen Doktordiplom geehrt. Inzwischen hat sie in Wien auch wieder eine Wohnung, ist aber auch in Berlin seßhaft, wo ihre Tochter wohnt.

Durch die Beschäftigung mit dieser einmaligen Frau hat sich auch mein Horizont nicht unerheblich erweitert. Eine echte Lebenskünstlerin, eine gute Mischung aus Lebensfreude und Lebensernst, Wissenschaftlichkeit und Humanität, die der Informatik ein menschliches Antlitz gegeben hat.

Ich wünsche ihr noch eine ganze Reihe von Lebensjahren bei bester Gesundheit!



  

Kommentare:

  1. Wirklich sehr beeindruckend diese mir bis dato unbekannte Wissenschaftlerin. Und schön, dass sie noch lebt und wir sie hiermit wirklich hoch"leben" lassen können zu Ihrem baldigen Geburtstag!
    Ja, wie Du schon schreibst, kann Informatik auch ein menschliches Antlitz haben und das ist wichtiger denn je. Ist ja IT in Zeiten von Corona ein Lebenselexir für uns alle geworden. Big Data ist allerdings auch damit verbunden...
    Danke für das Vorstellen von Christiane Floyd.
    GlG Sieglinde

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  2. Liebe Astrid,
    danke für die Vorstellung von Christiane Floyd.
    viele Grüße Margot

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  3. Nach wie vor ist der Anteil in diesen Berufsgebieten stark in Männerhand, aber es ändert sich langsam. Computer sind nicht mehr alleine Jungssache.
    Eine beeindruckende Laufbahn einer mir leider unbekannten Frau (wieder mal), Danke dass Du dem wieder abgeholfen hast.
    Liebe Grüsse
    Nina

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  4. toll diese Recherche über das Leben einer wirklich sehr beeindruckenden Frau und Persönlichkeit, die auch mir bislang unbekannt war.
    Viele Frauen dieser Art hast du uns mittlerweile nahe - gebracht, uns damit bereichert und gezeigt wozu Frauen fähig sind, mit - wenig - Chancen zu Persönlichkeiten einer Zeit und Ära zu werden die uns alle verändert und dies immer tut und hat.
    Dein Bericht war ungeheuer interessant zu lesen, jetzt wo wir so viel freiie Zeit haben,war es mir ein Bedürfnis..
    ....herzlichen Dank
    mit liebem Gruß angelface

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  5. Sehr erfrischend, von einer weiblichen Wissenschaftlerin zu lesen, die einen ganz anderen Ansatz hineinbringt. Ich erinnerte mich daran, dass mindestens zwei meiner Mitschülerinnen nach dem Abi (an einem reinen Mädchengymnasium) auch gleich in die Informatik eingestiegen sind.
    Liebe Grüße
    andrea

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  6. das war ja gerade eine sehr spannende lektüre!! ich bin so gar nicht naturwissenschaftlich geprägt - eher im gegenteil, denn zu zeiten meiner ausbildung hatten mädels da noch nicht viel zu suchen. umso interessanter dein beitrag über christiane freud, von der ich bisher noch nie gehört hatte. deine abschluss-einschätzung von dir über sie hat mir auch sehr gut gefallen!
    liebe grüße
    mano

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  7. dein Beitrag hat mich gerade etwsa traurig gemacht ..
    erinnert er mich doch an meine Tochter die damals auch bei Simens anfing .. sich dort aber nicht wohlfühlte und die "Ellenbogenmentalität " in der Firma bemängelte .. sie bekam dadurch auch psychische Probleme.. danach ging sie mit Erfolg in die Wirtschaft..arbeitetete bei großen Firmen (extern) bei dem Aufbau (Programmierung)von Fertigungsstraßen .. siehatte auch Kontakt zur Uni in Tübingen und gab dort Kurse für Studenten .. ihr wurde sogar eine Gastprofessur angeboten ..sie war auf dem Sprung in diese Richtung ..
    es sollte nicht sein :(
    ja.. Frauen in der Informatik .. die waren fast so etwas wie Exoten
    danke für das Portrait

    liebe Grüße
    Rosi

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  8. Ich habe an meine Zeit in der Informatikbranche (immerhin 20 Jahre) gute Erinnerungen. Ich gehörte ja auch mal einige Zeit zur Siemens-Familie - aber wir Nixdorfer haben uns da ja nie so heimisch gefühlt ;-) Aus der Zeit weiß ich auch wie wohltuend es sein kann als einzige Frau in einem Männerteam zu arbeiten.
    Für mich ist Big Data nie nur ein Problem der IT oder Software. Es kommt immer auf die Menschen dahinter an, was sie mit den Daten machen. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.

    Danke für das interessante Porträt.

    Viele liebe Grüße
    Astrid rechtsrheinisch

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