Freitag, 8. Juni 2018

"Was da gerade passiert, ist unvorhersehbar..."


Mit diesen Worten hat die saudische Dichterin Hissa Hilal  abgelehnt, zum Start des Filmes über sie nach Deutschland zu kommen.

Hissa Hilal war 2010 als erste Frau in Abu Dhabi in die Endrunde des Poesie-Wettstreits "Million's Poet", einem glamourösen Reality-TV-Format mit 75 Millionen Zuschauern in der arabischen Welt, gekommen und versetzte für ein paar Tage arabische wie internationale Medien in Aufruhr. Denn in ihren Gedichten hatte sie das Patriarchat in ihrer Heimat verbal angegriffen und die Fatwa eines religiösen Führers zur Geschlechtertrennung kritisiert:

"Ich habe das Böse aus den Augen 
der subversiven Fatwas gesehen. 
In einer Zeit, in der das, was erlaubt 
ist, mit dem Verbotenen verwechselt wird."
Hissa Hilal, "Das Chaos von Fatwas", 2010

Überhaupt sind ihrer Meinung nach Formalitäten in der Religion heute viel zu dominant. "Wir sollten uns mehr auf das Spirituelle konzentrieren", so die Dichterin, die sich als leidenschaftliche Muslimin sieht. "Die Religion ist aber eine Privatsache zwischen Gott und mir."

Damit weckte sie das Interesse der deutschen Filmemacher Stefanie Brockhaus und Andreas Wolff, die damals spontan ins nächste Flugzeug stiegen und einen Dokumentarfilm über die Poetin, die keine politische Aktivistin sein will, gedreht haben. Jetzt ist "The Poetess"  am 31. Mai 2018 bei uns in die Kinos gekommen.



Hissa Hilal stammt aus einer Beduinenfamilie, die 1975 die traditionelle Lebensweise aufgeben musste und nach Riad zog. Das ist er Hintergrund, der erklärt, dass Hissa Hilal bis heute der Ansicht ist: "Frauen sind die Seele der Gesellschaft." Und diese Kultur - bis weit in die 1960er Jahre gültig - ist sehr viel älter als die vom religiösen Extremismus geprägte der saudischen Jetztzeit. "Die Wüste kannte keine Grenzen, weder territorial, noch in der Kultur. Und natürlich waren Frauen immer frei."

Weshalb ich heute allerdings im Freitagspost zu Raif Badawi auf die Dichterin bzw. den Film zu sprechen komme, ist die Analyse, die die Filmerin Stefanie Brockhaus in diesem Interview in Bezug auf die jüngsten Verhaftungen von Frauenrechtlerinnen in Saudi - Arabien gegeben hat:
"Ich sehe die Verhaftungen als Zeichen vom Königshaus an die Bevölkerung. Sie sollen den Leuten sagen: Wir geben euch zwar mehr Freiheiten und das Land wird liberaler. Aber das bestimmt nicht ihr und das schreibt ihr euch auch nicht auf die Fahnen. Das entscheidet das Königshaus allein. Die Bevölkerung soll nicht politisch aktiv werden."
Und Ihr Kollege Andreas Wolff beschreibt die Gewichtung der beiden Lager im Land, die die Vorgehensweisen und die Politik im Land bestimmen: zum einen das Königshaus, zum anderen das religiöse Lager. Das Königshaus verhaftet nur, wenn es selbst direkt kritisiert wird, nicht aber wenn eine religiöse Fatwa in Frage gestellt wird. Und das hat Hissa Hilal ja auch unterlassen. Den religiösen Extremisten blieben da nur Morddrohungen gegenüber die Dichterin, da sie keine andere Handhabe haben.
"Die Regierung hält sich von solchen Dingen fern, weil sie stark mit dem Westen alliiert ist und nach außen hin den Eindruck wahren will, dass es ein echtes Rechtssystem gibt. Hissas Familie wurde nicht körperlich angegriffen, aber im religiösen Lager gibt es viele, die zu Gewalttaten bereit sind. Und Regime und religiöse Führung in Saudi-Arabien haben starke Fühler für die westlichen Medien."
Diese Sichtweisen helfen mir zu verstehen, was da momentan im Land vor sich geht, nämlich die Anpassung an bestimmte Wünsche der Bevölkerung zur gleichzeitigen Sicherung der weiteren uneingeschränkten Herrschaft des Hauses Saud. Da ist die Einschränkung der Religionspolizei im letzten Jahr auch nur ein Mittel zum Zweck gewesen so wie jetzt die Einführung des Rechtes für Frauen, Auto zu fahren - eine wirkliche demokratische Veränderung ist das nicht.

Dem saudische Blogger Raif Badawi wird das auch nichts bringen und er wird am 17. Juni sein sechstes Jahre als Gefangener vollenden. Wir können ihm nur signalisieren, dass wir ihn nicht vergessen haben, mit einem Twittersturm unter dem Hashtag #IstandwithRaif...





Kommentare:

  1. es geht um Macht. Die Macht Freiheiten zu gewähren und zu entziehen. Willkür. Das macht Angst. Wer Angst hat kuscht. Ich bewundere alle Frauen, die in SA wagen, den Mund aufzumachen. Raif Badawi. Wenn man ihn nur rausholen könnte. Ihn und all die anderen. Wie lange hält ein Mensch durch.

    AntwortenLöschen
  2. Religion und Politik sind menschengemachte Dinge, die manchen Macht und Recht verleihen und alle anderen ausschließen.

    Religion ist reines menschengemachtes Unrecht.

    Herzliche Grüße
    Astrid rechtsrheinisch

    AntwortenLöschen
  3. ein sehr beeindruckender Beitrag über die Welt und das machtvolle, religiöse und staatliche Handeln. Das was zu Tage kommt ist immer von angeblichen Freiheiten geprägt, was aber nicht ehrlich ist.Die Kontrolle über die Menschen in Saudi Arabien zu behalten, immer Druck auszuüben, besonders in der Frauenwelt in S-Arabien, das ist nicht zu akzeptiern. Da bewundere ich viele Frauen, die in ihrem Land die Stimme erheben und auf ihre Weise dagegen kämpfen, wie Hissa Hilal.
    Oder wie mutige Frauen, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie nicht mehr konnten. Wie Rana Ahma und Kholoud Bariedah.--
    Ganz zu Schweigen von der Fußball WM, und die Welt reist nach Saudi Arabien!!!!!
    Gruß zu dir
    heiDE

    AntwortenLöschen
  4. ach, liebe astrid! ich weiss auch nicht... der titel deines posts bringt es auf den punkt! im moment geht mir gerade die zuversicht ab!
    danke, dass du immer wieder den finger auf all das unrecht hältst!
    ♥ monika

    AntwortenLöschen

Der Kommentar beim Bloggen ist wie der Applaus im Theater: Immer willkommen!
Beachte diesen Hinweis:
Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass der von dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Aus gegebenem Anlass betone ich nochmals ausdrücklich: Nur Kommentare mit Namensnennung werden von mir veröffentlicht. Verlinkungen im Kommentafeld, ohne dass erkennbar ist, wer sie gesetzt hat, werde ich nicht veröffentlichen. (27.11.2018)