Dienstag, 27. Februar 2018

Was steckt hinter dem Google Doodle von heute? III




Natürlich wieder eine bemerkenswerte Frau: May Ayim.


Als Sylvia Brigitte Gertrud Opitz, Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers 1960 in Hamburg geboren, wuchs sie hauptsächlich im Münsterland in einer Pflegefamilie auf. Ausgebildet als Krankenschwesterhelferin studierte sie anschließend Pädagogik und wollte dieses Studium mit einer Arbeit über die Geschichte der Afrodeutschen abschließen. Die Arbeit wurde von ihrem Professor mit der Begründung abgelehnt, in Deutschland gäbe es keinen Rassismus. Dass der Professor keine Ahnung hatte, wovon er sprach, wusste May Ayim nur zu gut. 1986 hat sie diese Arbeit dann als Buch unter dem Tiel "Farbe bekennen" veröffentlicht.

1985 gründete sie mit anderen die Initiative "Schwarze Menschen in Deutschland". In ihrem Buch schrieb sie:
"Ich wuchs mit dem Gefühl auf, das in ihnen steckte: beweisen zu müssen, dass ein 'Mischling', ein 'Neger', ein 'Heimkind' ein vollwertiger Mensch ist." 
"Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ich zwar hier lebe, aber eines Tages hier weggehen muss," sagte sie einmal in einem Interview. "Denn die erste Frage ist immer: woher kommen sie, und die zweite: wann gehen sie zurück."  
In  ihrem Buch benutzt sie statt der diskriminierenden Bezeichnungen, die bei uns üblich waren ( und noch sind ) das Wort "Afrodeutsch" als Selbstbezeichnung. Dieses Loslösen von Fremdbenennungen markiert auch den Beginn einer politischen Bewegung, eines gesellschaftlichen Wandels, als deren Gesicht May Ayim heute gilt. 

Ihr Gefühle und Gedanken drückte sie in zahlreichen Gedichten aus, hielt Vorträge, mit denen Sie gegen die täglichen rassistischen Diskriminierungen und Ungerechtigkeit kämpfte. In ihrer Lyrik verarbeitete sie die erfahrenen Beleidigungen, griff sie das ganze Repertoire des deutschen Alltagsrassismus auf:
nachdem sie mich erst anschwärzten
zogen sie mich dann durch den kakao
um mir schließlich weiß machen zu wollen
es sei vollkommen unangebracht
schwarz zu sehen. *

May Ayim litt an Depressionen und Multipler Sklerose. Sie musste Psychopharmaka nehmen und fürchtete sich vor der Veränderung, die diese in ihr auslösten. So stürzte sie sich am 9. August 1996 in Berlin aus dem 13. Stock eines Hochhauses...

Und warum gerade heute diese Erinnerung? An diesem Dienstag vor acht Jahren wurde in Berlin Friedrichshain-Kreuzberg das ehemalige Gröbenufer offiziell in May-Ayim-Ufer umbenannt. Gut, dass mich Google auf diese Frau aufmerksam gemacht hat...





* Weitere Gedichte habe ich noch hier gefunden...

Kommentare:

  1. Als ich das Doodle heute bei der Suchmaschine gesehen habe, wußte ich: das macht die Astrid zum Thema!!! Danke, denn ich habe auch über diese Frau gelesen und es passt in mein Frauenthema was ich zur Zeit mit vielen Büchern intensiviere: und alle Frauen hatten ein ähnliches Schicksal- woher kommen sie und wann gehen sie zurück- so wie May Ayim es sagte, erleben es auch viele arabische Flüchtlingsfrauen ihr oft unverständliches Gegenüber der Mitmenschen
    Danke und Gruß
    heiDE

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  2. Du bist Spitze! Es ist wunderbar, dass deine Stimme immer erklingt... 36 Jahre alt nur... Und doch hat sie Bleibendes aufgeschrieben, immer noch so Wichtiges. Danke dir sehr! Lieben Gruß Ghislana (Ich komme gerade kaum zum Bloglesen,da ich das Notebook zu Hause lasse, wenn ich unterwegs bin ... Und auf dem Handy scheitere ich immer am Kommentieren...

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  3. Gut, dass du so ein „kleines Trüffelschwein“ bist und das ist ganz, ganz lieb gemeint.
    Ich bin in Berlin schon an diesem Ufer entlanggelaufen und habe nur gedacht: Komischer Name.

    Aber du bist der Sache natürlich auf den Grund gegangen.
    Danke dir dafür und herzliche Grüße
    Monika

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    1. Mich finden solche Themen einfach beim Internet aufrufen oder Radio hören. Und da ich ja so neugierig bin...
      LG

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  4. Als in den 60ern ein afrodeutsches Mädchen aus einem Kinderheim die Ferien bei Freundinnen meiner Mutter verbrachte, war sie mein täglicher Spielkamerad. Meiner besten Freundin wurde von ihren Eltern verboten, mit uns zu spielen. Verstanden hab ich das nicht. Die Eltern nicht und nicht meine Freundin, die sich sonst bei weitem nicht immer an elterliche Verbote hielt. Ich bin froh, dass meine Kinder in einem Stadtteil aufgewachsen sind der vielen Kulturen Platz bietet. Hautfarbe und Herkunft waren nie ein Thema bei der Wahl der Freunde.
    Liebe Grüße
    Sabine

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  5. Danke Astrid für diese Informationen, ich kannte diese Frau bisher gar nicht.
    LG Ulrike

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  6. .....und gut dass du diese geschichte mit uns teilst!!
    danke! xxxx

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  7. Auch mir war ihr Name kein Begriff. Es ist gut, dass Google heute an sie erinnert hat und toll, dass Du das gleich zum Anlass genommen hast, noch tiefer einzusteigen und uns zu berichten.
    Danke!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Ist dieser doodle schon wieder weg? Oder seh' ich länderspezifische doodles? Wie auch immer, wieder eine interessante Frau. Was für ein Gedicht, was für ein raffinierter Einsatz von Sprache. So traurig es auch ist. Herzliche Grüsse, Sibylle

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    1. Tatsächlich gibt es allgemeine und auch länderspezifische Doodles, gerade was Frauen anbelangt. Hier kann man nachschauen:
      http://doodle123.info/
      LG

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  9. ich schäme mich fast, dass ich noch nie von ihr und ihrem schicksal gehört habe. danke, dass du näheres über sie berichtest. manchmal sollte man sich wirklich diese g-doodles genauer ansehen. erstaunlich für mich, dass g. an sie erinnert!
    liebe grüße
    mano

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    1. Das hat durchaus einen Beigeschmack, wie ich gestern dann in Deutschlandradio Kultur mitbekommen habe: Google schafft gerade einen sogenannten Google Campus in Kreuzberg, wo dann sozusagen mit Google-Geld Start-Ups gefördert werden. Die Sorge: Das wird zur Verdrängung beitragen. Es ist klar, wer da besonders betroffen ist. Eine rassistische Komponente hat das Ganze, meint der Menschenrechtsaktivist Joshua Kwesi Aikins...
      LG

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  10. Komisch, ich sehe solche Bildchen nie! Habs jetzt -zigmal extra versucht, aber kommt nix und ich kann mich auch an keines erinnern.
    Ich wage mal zu behaupten, dasz es in der DDR, wo es offiziell keinen Rassismus gab... farbige Kinder auch nicht ganz leicht hatten. Mehr inoffiziell -
    Danke für die Weiterbildung und liebe Grüsze
    Mascha

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  11. Genau das hab ich mich gestern auch gefragt, liebe Astrid - klasse, dass du darüber berichtest. Mir ist der Name gar kein Begriff, obwohl ich hier im Münsterland lebe. Danke für die Anregung, mich näher mit der Geschichte dieser doch zu jung aus dem Leben geschiedenen Frau zu beschäftigen.
    Lieben Gruß, Marita

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    1. Obwohl eine Zeitung aus dem Münsterland darüber auch berichtet hat. Den Namen "Opitz" verdankt sie der Pflegefamilie dort...
      LG

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  12. Liebe Astrid, ich danke Dir für diesen Post! Mir war May Ayim nicht bekannt. Ich bin sehr beeindruckt von ihrer Haltung. Hier kann man es gut sehen https://www.bing.com/videos/search?q=may+ayim&&view=detail&mid=0EC2AEEA57D1837F35920EC2AEEA57D1837F3592&&FORM=VRDGAR
    und betroffen über die frühe große Last des Lebens, die dann doch zu schwer für sie war...
    Liebe Grüße, Taija

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    1. Danke für den Hinweis! Ich hatte das Video auch gefunden gestern abend.
      LG

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  13. Ich habe einiges von ihr gelesen und bin beeindruckt und begeistert.
    Mit sonnigen Grüßen, Heidrun

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