Donnerstag, 10. November 2016

Great Women # 80: Carmen McRae


Ich liebe Jazz. Und ich liebe Jazz - Sängerinnen und stelle furchtbar gerne eigene "compilations" mit ihren so unterschiedlichen Interpretationen der Songs aus dem "Great American Songbook" zusammen. "My Funny Valentine" gehört unbedingt dazu ( und war schon in anderen Posts zu hören ). Heute habe ich dafür die Version einer Sängerin gewählt, die immer - völlig zu Unrecht - im Schatten der "Großen Drei" Sarah Vaughan, Billie Holiday und Ella Fitzgerald stand und die heute vor 22 Jahren gestorben ist: Carmen McRae:



Carmen Mercedes McRae kommt am 8. April 1920 als einzige Tochter ( sie hat noch drei Brüder ) Osmond Mc Raes, einem aus Costa Rica eingewanderten Fitnesstrainer, und seiner Frau Evadne, einer Schneiderin mit westindischen Wurzeln, in Harlem/New York zur Welt. Sie wächst auf in dem "Sugar Hill" benannten Teil Harlems, der in den 1920er Jahren eine bevorzugte Wohngegend mit Stadthäusern für die etwas wohlhabenderen Afroamerikaner ist.

Sugar Hill
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Sie wird mit der Musik der Jazz-Größen Louis Armstrong und Duke Ellington groß - kein Wunder während der Swing-Ära in diesem Stadtteil New Yorks! Carmen hat das Glück, dass ihre Familie finanziell in der Lage ist, ihr eine musikalische Ausbildung zukommen zu lassen: Mit fünf Jahren bekommt sie klassischen Klavierunterricht. Sie besucht die Julia Richman High School, die einzige öffentliche High School in der Upper East Side von New York, an der ausschließlich Mädchen unterrichtet werden. Bald schreibt Carmen eigene Musikstücke und hat damit einen ersten Erfolg bei einem Talentwettbewerb im Harlemer Apollo Theater.

Dort lernt sie 1939 Irene Kitchings kennen, die mit dem Jazz-Pianisten Teddy Wilson verheiratet ist. Wilson wiederum arbeitet mit Billie Holiday zusammen, so dass eine Bekanntschaft zwischen Carmen und der "Lady Bug" nicht ausbleibt. Billie Holiday nimmt sogar einen Song von Carmen in ihr Repertoire auf: "Dream of Life".

"If Billie Holiday had never existed, I probably wouldn't have, either", sagt Carmen später zu dieser Begegnung. Über eine Liebesbeziehung der beiden wird bis heute immer wieder mal spekuliert.

Carmen arbeitet für Irene Kitchings als sogenannte Demo-Sängerin ( auf diese Weise werden die Songs an Agenturen verkauft, so Irenes späterer Jazzstandard „Some Other Spring“ ). 

Carmens Eltern zeigen sich nicht begeistert, dass ihre Tochter im Show-Business Karriere machen will. Sie überzeugen sie, sich doch wenigstens einer Ausbildung zur Sekretärin in Washington zu unterziehen. Anschließend arbeitet Carmen als Stenotypistin in einem Büro der Regierung, kehrt 1943 allerdings nach Brooklyn zurück. Dort bleibt sie tagsüber im Büro beschäftigt, während sie nachts immer mehr in Clubs als Chorus Line Dancer auftritt.

Nach und nach nimmt die Musik aber immer größeren Raum in ihrem Leben ein, als sie beginnt, in Bands andere Sänger zu ersetzen, so bei Benny Carter, Count Basie und Earl Hines. Schließlich erhält sie von Mercer Ellington, dem Sohn des großen Duke, einen Vertrag für achtzehn Monate.
1946 erscheint ihre erste Aufnahme mit diesem Orchester als Carmen Clarke. Denn inzwischen hat sie Kenny Clarke, den charmanten Schlagzeuger der Hausband in "Minton's Playhouse" in Harlem, einem Geburtsort des Bebop,  geheiratet. Nicht unbedingt ein Glücksgriff auf Dauer, denn die Dinge werden kompliziert, als Clarke 1949 mit der 18jährigen Sängerin Annie Ross eine Affäre hat und diese einen Sohn, Kenny Clarke Jr., bekommt ( den sie später in der Obhut der Clarke - Familie lässt ).

Carmen trennt sich von ihrem Ehemann und zieht mit dem Komiker George Kirby, einem der ersten afro-amerikanischen Stand - Up - Comedians, mit dem sie bis in die 1950er Jahre eine Liebesbeziehung unterhältnach Chicago. Sie verbringt die nächsten Jahre als Pianistin in kleinen Lokalen ( so z.B. 1952 auch im "Minton's Playhouse" ), aber auch mit anderen, nicht auf die Musik bezogenen Jobs, bis sie im Jahr 1953 endlich einen Plattenvertrag bei Decca Records ( bis 1959 ) angeboten bekommt. Endlich hat die 33jährige das Ziel erreicht, dass sie schon so lange vor Augen hatte.

Als Frau - zumal als Farbige - muss Carmen zweimal so "strong" sein wie ein Mann. Sie hat es sogar schwerer als jede andere prominente Sängerin ihrer Generation, denn ihr Aufstieg zum Gipfel ist geprägt durch Zufälle, eher chaotisch, denn gradlinig und von daher besonders anstrengend.

Auch ihre eigenwillige Art zu singen -  jede Zeile phrasierend, den Beat kunstvoll und sinnlich dehnend - ihre durchs viele Rauchen raue und dunkle Altstimme, die rätselhaft klingt, sind gewöhnungsbedürftig und kommen nicht überall gut an. "Ich wollte eigentlich nie Klavier spielen. Ich spielte gerne, wollte aber nie Pianistin werden. Das Singen hatte von Anfang an Priorität. Dann merkte ich, das Spielen war eine echte Hilfe, damit ich einen Job bekam. Zirka fünfeinhalb Jahre lang half es mir, bis ich dann aufstand, um zu singen."

In ihrem Gesang ist sie beeinflusst von Billie Holiday und Sarah Vaughan. Doch 1954 wird Carmen zum "Best New Female Singer" im "Down Beat Magazin" ernannt. Im selben Jahr erscheint ihr erstes Album "Carmen McRae" ( mit u.a. Herbie Mann & Kenny Clarke ), 1955 das erste bei Decca "By Special Request":

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Ich mag besonders gerne auf diesem Album den Titel "Just One Of Those Things", ein Standard des "American Songbook" von Cole Porter:



Die fünfjährige Zusammenarbeit mit Decca macht Carmen endlich zu einem Gesangsstar. Zwölf LPs entstehen, die zu den größten Jazzaufnahmen aller Zeiten gezählt werden dürfen. "McRae is simultaneously cool and cutting-edge sharp, relaxed and swinging, putting over all manner of material in all manner of settings", schreibt James Nadal an dieser Stelle. 

Darunter ist "After Glow" (1957) im Trio mit dem Pianisten Ray Bryant:



Oder "Mad About The Man" aus dem gleichen Jahr ( hier der Titel "Mad About The Boy" daraus ). Auch "Carmen For Cool Ones" erscheint im selben Jahr, ebenso "Blue Moon" mit dem Tadd Dameron und dem Jimmy Mundy Orchestra - welche Produktivität!

Seit Mitte der 1950er Jahre tourt Carmen ausgiebig ( und ist besonders beliebt in Japan ). In ihrer Band spielt der Bassist Charles 'Ike' Isaacs, den sie 1956 nach der Scheidung von Kenny Clarke heiratet, und der sie u. a. auch auf ihrem Newport-Auftritt 1957 begleitet. 1958 ist aber schon wieder Schluss mit der Liebe. Und 1961 feuert sie Ike auch aus ihrer Combo und stellt eine neue Gruppe zusammen. 1958 ist auch das Jahr ihrer letzten Aufnahme für Decca: "Birds of A Feather", mit quasi lauter Liedern über unsere gefiederten Freunde. 

Im Sommer 1961 entsteht dann ihr wohl bestes Album "Carmen McRae Sings Lover Man and Other Billie Holiday Classics" als Tribut an ihr großes Idol, nun bei Columbia Records:

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Meinen absoluten Lieblingstitel "God Bless The Child", gesungen von Carmen McRae kann ich leider hier nicht veröffentlichen, aber in einer Fassung anlässlich eines Tribut - To - Billie - Holiday - Konzertes von 1979:



Es singen ( in der Reihenfolge ihres Auftritts ): Esther Phillips, Carmen McRae, Morgana King, Maxine Weldon und Nina Simone .

Carmen zieht in den Sechziger Jahre nach Los Angeles, macht eine Reihe von Aufnahmen für die verschiedensten Labels und findet auch wieder eine neue, kurze Liebe in dem französischen Gitarristen François Vaz, der in ihrer Band spielt und am Album "Sounds of Silence" (1968) beteiligt ist. Sie bleibt ihrem Gesangsstil treu, integriert aber neueres Songmaterial von Billy Joel, Lennon/McCartney, Stevie Wonder oder Michel Legrand. Auch in ihren Auftrittsorten ist sie vielseitig: Nachtclubs wie Konzerte und Festivals, so das Monterey Jazz Festival, das World Jazz Festival in Japan (1964) und das Berkeley Jazz Festival (1968) gehören dazu. Sie tritt auch in mehreren Filmen auf, so 1967 in "Hotel".

Links mit Sarah Vaughan, rechts mit Ella Fitzgerald

Carmen McRae ist und bleibt aber vor allem ein "Singer's Singer": Kolleginnen wissen ihre Kunst oft mehr zu schätzen denn der Laie: Sie gilt als Expertin für Rhythmus, Phrasierung und einwandfreie Stimmkontrolle. Sie kann witzig sein und einen Text manchmal auf recht herbe Art und Weise vermitteln. Beim Singen bittersüßer Balladen genießt sie jede Note und Silbe, ohne die Aufmerksamkeit des Publikums zu verlieren. Da ist sie eine Klasse für sich.

"Ginge es nur nach Talent, so müssten ihr tausend wunderschöne Dinge widerfahren sein", meint die grosse Ella Fitzgerald einmal über ihre Kollegin, die ihr eigentlich in nichts nachsteht, denn auch sie ist expressiv, virtuos und dennoch zu Herzen gehend, wie Ella selbst.

1971 bringt Atlantic einen Live Auftritt der Sängerin als LP heraus mit dem "Great American Songbook: Live At Donte's":



Beim Konzert, welches Carmen 1976 in der "Great American Music Hall" in San Francisco gibt, stimmt dann einfach alles: Die Sängerin in Höchstform, ein hervorragendes Repertoire, wieder quer durch das "Great American Songbook", mit dem Trio Marshall Otwell ( Klavier ), Ed Bennett ( Bass ) und dem jungen Joey Baron kongeniale Mitstreiter. Und zu allem Überfluss für ein paar Titel die Begleitung durch Übervater Dizzy Gillespie. Eine Sternstunde der Carmen McRae!

Reizvoll ist ihr nächstes Album "Heat Wave" (1982) mit dem Vibraphonisten Cal Tjader. Daraus ein alter Santana - Titel: "Evil ways":



Im Laufe der Jahre wird Carem McRaes Stimme immer rauer, und eine zunehmend weltmüde Haltung bestimmt ihren Gesang, ganz im Kontrast zur Frische und Vitalität ihrer frühesten Aufnahmen. Jazzgesang ist in ihren Augen eine aussterbende Kunst geworden, bestehend aus echtem Feeling, präzisem Timing und Freiheit im Ausdruck.  

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1987 tritt sie gemeinsam mit Betty Carter auf ( Album "The Carmen McRae–Betty Carter Duets").  Carter hält sie für „die einzige Jazzsängerin, die einzig wirklich improvisierende“. 1988 noch zwei weitere Alben: "Fine & Mellow - Live at Birdland West" und "Carmen Sings Monk". Und dann das letzte 1990, ihrer großen Sangeskollegin gewidmet: "Sarah, Dedicated to You".

Lebenslang eine starke Raucherin mit diagnostiziertem Lungenemphysem & chronischer Bronchitis, kündigt sie 1991 schließlich ihren Rückzug an, nachdem sie nach einem Auftritt im "Blue Note Jazz Club" in New York zusammengebrochen ist.

Eine Bronchitis nach einem Schlaganfall bedingt 1994 den Aufenthalt auf der Intensivstation einer Klinik in Beverly Hills, wo sie nach vier Tagen im Koma am 10. November 1994 stirbt.

Bis dahin hat Carmen McRae mit ihren Konzerten die ganze Welt beglückt, mehr als 60 Alben veröffentlicht und etliche Preise und Ehrungen eingeheimst. Neben "God Bless The Child" ist vor allem ihre Version von Dave Brubecks "Take Five" in ihrer internationalen Fangemeinde Kult - hier in einer Version vom Montreux Jazz Festival 1982:



Miles Davis soll, nachdem er auf einer Plakatwand in San Francisco ein Konzert mit Ella Fitzgerald angekündigt sah, auf dem diese "The Queen of Jazz" tituliert wurde, brummelig, wie es seine Art war, gesagt haben: "Wenn Ella Fitzgerald die Königin des Jazz ist, was zum Teufel ist Carmen?" Ja, was ist Carmen McRae? Ralph J. Gleason findet 1995 seine Antwort: "Carmen McRae singt den Text eines Liedes wie Sir Laurence Olivier eine Shakespeare - Monolog hält." Wenn das keine ganz besondere Form von Ritterschlag ist...


Und als kleines Extra für Taija noch eine Version Von "Just a Little Lovin'" ( das ich schon in der Fassung von Dusty Springfield so gemocht habe ): 




Kommentare:

  1. Take Five von Dave Brubeck, das mag ich sehr und habe ich schon als Kind gehört, weil meine Schwester das so mochte.

    Ein früherer Freund von mir spielte Saxophon, ein tolles Instrument und hat mir das immer vorgespielt. Saxophon ist ein sehr erotisches Instrument. :-)))))))))))))))))))))))))))))))))))))))!!!!
    Lieben Gruß Eva

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    1. Was glaubst du, warum der Herr K. das spielt?
      😄
      LG

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  2. was für eine entdeckung für mich - kannte sie nicht und liiieeebe ihre stimme jetzt schon! und ihre art zu singen - wunderbar! total meins :-)
    danke liebe astrid! werde im musik-antiquariat die augen nach carmen mcRae offenhalten....
    xxxxx

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  3. Schöööön! "Just a little lovin`, early in the morning" ist ein Lied von ihr das ich auch sehr liebe :-).Liebe Grüße!

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  4. Tolle Stimme, beeindruckende Frau. Nicht immer so ganz meine Musik.
    Du hast wieder ein tolles Frauenportrait geschrieben und diese Frau damit aufleuchten lassen in den Randgebieten meines musikalischen Bewusstseins :-)
    Danke dafür und
    lieben Lisagruß!

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  5. Ich muss gestehen, über diese Frau wusste ich eigentlich so gut wie gar nichts. Nur ihre Stimme kannte ich. Du hast das jetzt geändert, Astrid :D

    Liebe Grüße,
    Veronika

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  6. Immer wieder schön zu lesen, wie du Frauen hier in den Vordergrund rückst. :-)

    Liebe Grüße
    Christa

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  7. Immer wieder schön, wie aus einer mir auch, aber eher beiläufig bekannten Sängerin durch deine Arbeit ein Bild wächst, von einem Frauenleben. Dankeschön und liebe Grüße Ghislana

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  8. Wieder einmal ein sehr spannender Türöffner für mich! Danke.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  9. Das waren schon tolle Musiker. Obwohl Jazz gar nicht so mein Ding ist, bin ich immer wieder fasziniert, vor allem, wenn man sie mal live erleben kann. Jedenfalls wieder eine Lebensgeschichte ohne Langeweile, nicht wahr?
    LG
    Magdalena

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  10. ich bin immer wieder erstaunt, wie gut du dich nicht nur im bereich der bildenden kunst, sondern auch in der musik, besonders im jazz auskennst. da bin ich die totale niete, freue mich aber sehr, für mich neues zu entdecken. ihre reibeisenstimme hat es mir sehr angetan!!
    liebe grüße
    mano

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  11. Ein feiner Beitrag wieder und diese Stimme ist wunderbar. Das kommt auf die Wunschliste.Hier gibt es etliche Jazzplatten, auch mein Opa hörte schon Jazz, aber meist Männer.Von einer Frau erzählte er öfter, die so eine enorme Oktavenbreite hatte.Er kannte sie nur aus dem Radio. Da war ich noch sehr jung und habe mir diesen Namen nicht gemerkt.Vielleicht kennst du sie mit deinem enormem Jazzwissen?
    viele Grüße Karen

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  12. Heute Abend bin ich in der richtigen Stimmung für diese Musik, die eigentlich nicht so meine ist. Aber ich habe mir alles angehört.... wie großartig, da kann man schon abtauchen. Eine ganz tolle Frau, so sympathisch mit einer ganz grandiosen Stimme - besonders ihr Lachen bei Just a little lovin gefällt mir total!!
    Astrid, danke dir für diese Begegnung mit Carmen MCRae.
    Schönes Wochenende von Ulrike

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  13. Liebe Astrid,
    Kontrastprogramm, gerade habe ich Suzanne, Halleluja, So long Marianne, Bird on wire etc. gehört und nun Jazz. Mein dritter und vierter Sohn sind Alt-Saxophonisten und spielten Schul-Bigband viele Jazz-Songs, seit der jüngste Sohn nun bei mir wohnt ist damit leider Schluss, die Bigband hier reizt ihn nicht.
    herzlich Margot

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