Freitag, 6. Mai 2016

Raif Badawi & die Frage nach Religionsfreiheit und Toleranz im Islam


Noch immer schaue ich täglich in den Twitter Account Raif Badawis, um neueste Informationen zu erhalten. Und öfter finde ich dort Hinweise auf Statements anderer, mir bisher unbekannter Personen aus dem vom Islam geprägten Kulturraum, die ich dann weiter verfolge. Ein Statement der vergangenen Woche  lautete so: 

"Der Islam ist keine Religion des Friedens in Gesellschaften, in denen der Glaube Gesetz ist."
Source

Das sagt Kacem El Ghazzali, 25jähriger marokkanischer Blogger & Schriftsteller, seit 2011 in der Schweiz lebend & auf Asyl hoffend, humanistischer Aktivist und Vertreter der IHEU* beim UN-Menschenrechtsrat, und er hat sich - wie wir hier im Westen immer dann, wenn uns Terrorakte in unmittelbarer Nähe aufgewühlt haben - mit der Frage nach dem friedlichen Gehalt dieser Religion schon Zeit seines jungen Lebens näher beschäftigt. 

"Um diese Frage zu beantworten, ist es notwendig, zu klären, was mit einem friedlichen Muslim gemeint ist: Ist es genug, wenn ein Muslim sich vom islamischen Staat distanziert, auch wenn er oder sie die universellen Menschenrechte wie die Freiheit der Religion und des Glaubens ablehnt?

Ich werde diese Frage nicht von einem theologischen Standpunkt diskutieren. Ein solcher Ansatz ist unproduktiv. Wir können im Koran und den Hadithen beides - friedliche und gewalttätige Verse - finden. Stattdessen habe ich mich auf die Religion in Bezug auf ihre tatsächliche soziale Praxis konzentriert und versucht, die Bedingungen in den Ländern zu analysieren, in denen Muslime die Mehrheit haben. Herrscht in Ländern mit muslimischer Mehrheit, bei denen der "Islam" im Gesetz verankert ist, Toleranz und sozialer Frieden?" ( Quelle hier

Und El Ghazzali kommt zu dem Schluss, dass dem in den meisten Ländern nicht so ist, und Atheisten, Abtrünnige und solche, die konvertieren, verfolgt werden. Die dreizehn Länder, in denen auf Atheismus die Todesstrafe steht, haben - trotz aller Unterschiede- eines gemeinsam: Immer ist der Islam Staatsreligion. 

Und er berichtet von Ereignissen in einigen islamischen Ländern, die belegen, dass die Verfolgung von Atheisten oder Andersgläubigen nicht alleine auf das Gesetz beschränkt bleibt, sondern dass dies oft der Wille "der Straße" ist, dass Bürgerwehren Abtrünnige verfolgen oder dass Massenkundgebungen stattfinden und zum Mord an ihnen auffordern. So wurden allein in  Bangladesch im Jahr 2013 fünf Blogger nach solchen Kundgebungen kaltblütig ermordet, weil sie sich für die Wissenschaft & Rationalität ausgesprochen, Minderheiten und Menschenrechte verteidigt und manchmal die Religion kritisiert hatten.

Eine Mehrheit der Muslime befürwortet in Befragungen "die Einführung des islamischen Rechts, der Scharia, in ihren jeweiligen Ländern: 84 Prozent der Muslime in Pakistan, 83 Prozent in Marokko und 74 Prozent in Ägypten. Die Umfrage erbrachte auch, dass 84 Prozent der befragten Palästinenser und 81 Prozent der befragten Ägypter mit der Todesstrafe durch Steinigung wegen Ehebruchs einverstanden sind, während "nur" 44 Prozent der Tunesier dieser Aussage zustimmen. Und für die Todesstrafe für Abtrünnige findet sich in Ägypten eine satte Mehrheit von 86 Prozent, in Tunesien eine beträchtliche Minderheit von 29 Prozent."

Source
Die Statistiken sprechen nach El Ghazzalis Meinung eine eindeutige Sprache. Die Intoleranz und Gewalt in Ansichten muslimischer Menschen, die international vereinbarten Menschenrechtsnormen widersprechen und im Westen als zutiefst mittelalterlich empfunden werden, bestimmen das Zusammenleben in islamischen Staaten, betont er und meint, dass der islamische Extremismus und Terrorismus nicht wirksam bekämpft werden könne, ohne dass in muslimischen Gesellschaften eine Toleranz gegenüber Nicht-Gläubigen etabliert wird. "Der islamische Terror in Europa ist in der Tat ein Spiegelbild der gegenwärtigen Misere in vielen Teilen der muslimischen Welt."

Sein Fazit: " Der Islam heute, wie er in den meisten muslimischen Ländern und in den Köpfen viel zu vieler Muslime verankert ist - eine klare Mehrheit in vielen Ländern - ist nicht eine Religion des Friedens, sondern eine Religion der Unterdrückung und Intoleranz." 

( Wer Kacem El Ghazzali & seine Geschichte näher kennen lernen will, dem sei dieser Artikel der Neuen Zürcher Zeitung empfohlen... )

Religion als Wurzel von Ungerechtigkeit und Unfreiheit zu sehen, ist bei uns inzwischen oft nur noch ein Thema bezüglich islamischer Länder. Meiner Meinung nach ist es generell eine schlechte Prämisse für ein gedeihliches gesellschaftliches Zusammenleben, wenn ein Staat Personen nicht aufgrund ihres Menschseins als Bürger definiert, sondern aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer religiösen Gruppe. Damit wird eine grundlegende Quelle für allgemeine Vorurteile in einer Gesellschaft geschaffen, und die Diskriminierung bestimmter religiöser Gruppen begünstigt.

Eine solche Polarisierung bzw. Spaltung der Gemeinschaft wird auch bei uns betrieben, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen, wenn eine politische Partei wie die A*fD den Programmpunkt "Der Islam gehört nicht zu Deutschland" aufstellt & damit Wähler anzuziehen versucht. Meines Erachtens kann nur eine säkulare oder laizitäre Organisation eines Staatswesens - also die weltanschauliche Neutralität des Staates -  das gleichberechtigte Miteinander von Menschen gewährleisten und niemals die Ausgrenzung oder das Ausspielen einer Weltanschauung gegen die andere. Tausende von Negativbespielen gibt es dafür in der Menschheitsgeschichte.

Glaube muss, ja kann nur eine private Angelegenheit zwischen einem Menschen und seinem Gott sein. Und damit wären wir wieder bei einer der Kernaussagen Raif Badawis, die er auf seinem Blog veröffentlicht hat, und wegen der er nun 1441 Tage eingekerkert ist....




Die IHEU setzt sich für Religions- und Weltanschauungsfreiheit sowie die Trennung von Religion und Staat ein

Kommentare:

  1. Ich danke Dir für diese klare Schilderung. Die Probleme sind enorm und ich glaube, viele davon liegen in einem riesigen Bildungsmangel, nicht nur bei Muslimen, auch bei uns.
    LG
    Magdalena

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    1. Bildung ist sicher EINE Lösung! Mir wurde noch als Kind in den Fünfzigern erklärt, dass das Gewitter nur im Nachbardorf Schaden anrichtet, "weil die dort nicht an die Muttergottes glauben" - dää! Eigentümlicherweise haben mir zu einer humanistischen Grundeinstellung ausgerechnet ein Pfarrer - mein Religions- & Philosophielehrer in der Klosterschule - und ein Dominikaner bei Exerzitien im Kloster verholfen...
      LG

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  2. Denke für deinen Link zur NZZ, die Geschichte von Kacem El Ghazzali ist sehr interessant. Leider hat er wohl in seinem Fazit nur zu recht...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  3. Die Trennung von Staat und Religion haben wir in der Schule "gelernt", erst heute kapiere ich, wie wichtig die wirklich ist, wäre... Kalkül und Instrumentalisierung zur Machtausübung, grässlich. Ich habe während meiner Dozententätigkeit in Berlin so viele Muslime und Musliminnen kennen gelernt. Sie wollten nur eins: ihre Religion frei ausüben können, friedlich unter Menschen leben dürfen, einen sinnvollen Beruf haben und ihre Familien ernähren können. Bedingt durch mein Unterrichtsfach haben wir uns bei der Verantwortung für die Schöpfung immer gut treffen können, unabhängig vom jeweiligen Glauben. Danke durch dich die Geschichte von Kacem El Ghazzali kennenzulernen! Lieben Morgengruß Ghislana

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  4. Ich kannte den Schriftsteller noch gar nicht. Mit deinem Zusatz "auf Asyl hoffend" wird noch mal richtig klar, wie mutig seine Äußerungen sind. Überall da, wo versucht wird, Religion zum Gesetz zu erklären, wird es finster. Ich brauche da auch nur an den Bible-Belt in den USA zu denken. Und überall da geht es primär darum, die männliche Vorherrschaft zu manifestieren. Ich habe eine große Toleranz gegenüber Religionen, aber überhaupt keine gegenüber daraus abgeleiteter Machtansprüche und Frauenunterdrückung... (Und immer wieder fällt mir dieses Jahr der Spruch des alten Karls ein: Religion ist Opium fürs Volk.) Ich wünsche dir ein sonniges, schönes Wochenende, liebe Astrid... LG mila

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  5. Zitat: "Der Islam heute, wie er in den meisten muslimischen Ländern und in den Köpfen viel zu vieler Muslime verankert ist - eine klare Mehrheit in vielen Ländern - ist nicht eine Religion des Friedens, sondern eine Religion der Unterdrückung und Intoleranz." Bei aller Diskussion zum Islam kommt man genau um diesen Fakt nicht drumherum...da gibt es rein gar nichts zu beschönigen...Ich glaube, es ist sehr viel leichter, über die Toleranz gegenüber verschiedener Weltanschauungen zu sprechen als sie wirklich in der Realität zu leben...denn dann geht man automatisch davon aus, dass verschiedene Weltanschauungen in einer Gesellschaft miteinander kompatibel sind...Sind sie es wirklich? Ich denke, manche durchaus...es kommt auf die einzelne Weltanschauung an...Wenn man z. B. den Islam als Weltanschuung betrachtet, habe ich da so meine Zweifel...Danke für den wichtigen Beitrag. Liebe Grüße, Lotta.

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  6. Liebe Astrid,
    danke, dass du mir immer wieder neue Menschen näherbringst und mir gerade mit den posts um Raif Baldawi klarmachst, auf welcher Insel der Glückseligen wir hier leben.

    LG, Monika

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  7. Sehr spannende Informationen und Beiträge, Astrid!

    Religion und Kultur oder kulturelles Erbe sind of so schwer voneinander zu trennen....
    Wieviele Deutsche sind schon noch wirklich religiös, gläubig, aber wie sehr ist doch unsere Kultur (Weihnachten, Ostern, Himmelfahrt....) von Religion geprägt...
    Leider merkt man oft gar nicht, wie sehr Religion und öffentliches Leben verschränkt sind, wenn es sich um die eigene Kultur / Religion oder religiöse Prägung handelt.
    Auch Deutschland ist ja nicht wirklich 100% säkular - ihr müsstet die ungläubigen (<----Wortusrpung!?) Blicke der Amerikaner sehen, wenn man ihnen erzählt, dass der deutsche Staat die Kirchensteuer eintreibt. In den USA undenkbar.
    Was hat ein Staat mit einer religiösen Abgabe zu tun?
    In so vielen Orten sind Einschulungsgottesdienste Gang und Gebe,
    und z.T. wird sogar noch nach Konfession getrennter Religionsunterricht in der Schule (!) erteilt - mein in Hamburg (ein Religionsunterricht für alle) aufgewachsener Neffe wusste leider gar nicht, ob er katholisch oder evangelisch ist und ist daher prompt erst mal im falschen Unterricht einsortiert worden.

    Der Islam ist knapp 600 Jahre jünger als das Christentum, und wo steckte das Abendland im ausgehenden 15. Jahrhundert? Richtig ,am Ende des Mittelalters, Ablasshandel, Hexenverbrennungen usw. usw.
    Und so richtig genau mit der Gleichberechtigung von Frau und Mann, oder mit den Rechten von Schwulen und Lesben, nimmt es die katholische Kirche ja bis heute auch nicht wirklich.


    Ja, Religion und Staat sollten unbedingt getrennt sein. Möglichst konsequent. Aber das sollte dann auch konsequent für ALLE Religionen gelten. Nicht nur für die der anderen.

    Das soll die Bedenken, Befürchtungen und Ängste gegenüber den Islam nicht herunterspielen - die sind berechtigt, insbesondere da, wo es zu einer Vermischung von Staat und Religion kommt, und vielleicht haben wir da insbesondere aus der eigenen Geschichte gelernt - aber eben auch darüber nachzudenken, ob man sich wirklich immer und jederzeit unreflektiert auf ein hohes Ross setzen kann

    herzliche Grüße aus Kalifornien, wo meine kleine Tochter neulich ernsthaft Ärger in ihrer staatlichen Schule bekommen hat, weil sie "hell" (Hölle) gesagt hat, und ich erst mal googeln musste was zum Teufel denn das Problem daran ist - profaner Gebrauch religiöser Begriffe, ist die Antwort (und ich musste erst mal die Augen rollen). Himmel noch mal!

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