Mittwoch, 10. April 2013

"Wir reden unsere Kinder krank"



Diejenigen, die hier regelmäßig bei mir vorbeischauen, wissen, dass mich Fragen rund um das Thema "Kinder & Erziehung" interessieren und beschäftigen. Ich lese dazu sehr viel in anderen Blogs und auf Webseiten. Ebenso regelmäßig lese ich Zeitung. Und da ist mir am Montag, den 8. April 2013, im Magazin des "Kölner Stadt-Anzeigers" ein Beitrag von Cordula Stratmann unter die Augen gekommen, in dem sie genau das ausdrückt, was ich denke und was ich zu bedenken geben möchte. Mit Erlaubnis der Zeitungsredaktion veröffentliche ich den Beitrag nun hier in meinem Blog:


"Wir reden unsere Kinder krank"

Schauspielerin und Therapeutin Cordula Stratmann warnt davor, Unterschiedlichkeiten zu Auffälligkeiten zu dramatisieren:

    Als ich die "Magazin"-Titelgeschichte "Extrem schüchtern" vom 18. März las, wusste ich, dass ich darauf reagieren muss. In der Geschichte ging es um schüchterne Kinder und eine Therapie, die von der Uniklinik Köln für Kinder und Jugendliche mit sozialen Ängsten angeboten wird. Ich muss reagieren, weil ich die These einer solcher Behandlung für bedenklich halte. Mein Verdacht: Wir machen unsere Kinder selber krank!
    Ich glaube, wir Erwachsenen - Spezialisten wie Eltern - müssen uns dringend entscheiden, was wir in unseren Kindern sehen. Halten wir Kinder für grundsätzlich labil und gefährdet? Oder sehen wir in ihnen komplexe Wesen, die ihrem Gegenüber ganz individuelle Eigenarten zeigen? Kämen wir bei einem Erwachsenen auf die Idee, seine Vorliebe für etwas, das uns selbst nicht liegt, für behandlungsbedürftig zu erklären? Nein, wir würden wohl in uns hinein denken: "Der tickt also anders als ich." Wenn wir uns weiterhin weigern, Kindern offen zu begegnen und ihre Eigenarten erst einmal anzunehmen, wenn wir sie vorschnell auffällig nennen, erhalten wir dadurch auch auffällige, verunsicherte Kinder. Ein Kind, das in seinen Außenkontakten ein langsameres Tempo an den Tag legt als ein kontaktfreudiges, braucht keinen Arzt, keine Testung, sondern unsere Unterstützung, so sein zu dürfen, wie es ist. Sein Tempo zu finden, seine Art zu finden, in Kontakt mit anderen zu treten. Grundsätzlich kann jede Eigenart eines Menschen eine Ausprägung erlangen, die Maßnahmen wie eine Therapie erforderlich machen. Das ist bei Erwachsenen so, das kann bei Kindern eintreten. Auch dann ist es ratsam, das Kind nicht aus seinem Kontext herauszunehmen und im wahrsten Sinne des Wortes an ihm "herumzudoktern". Dann sollte sich vielmehr die ganze Familie auf die Suche machen, worin das Ungleichgewicht besteht, auf das das Kind mit seiner Auffälligkeit hinweist. Am besten bei Familientherapeuten, wenn ich hier eine Empfehlung aussprechen darf. Ein Kind, das lieber liest und Sport ablehnt, ist für sportliche Eltern sicher eine Herausforderung. Es braucht aber keine therapeutische Hilfe. Jeder Mensch ist eigenartig.
    Wenn ich aber Ihrem Artikel folge - und die abgedruckte Checkliste ernst nehme, die mir bei der Einschätzung meines Kindes helfen soll -, dann habe ich selbst einen kranken Sohn. Dann haben meine Freunde kranke Kinder, dann ist die ganze Klasse meines Sohnes - ich fürchte, die ganze Schule - erkrankt. Kinder brauchen uns als Begleiter darin, andere Menschen als jeweils eigenartige Wesen zu erkennen. Ich käme im Traum nicht auf die Idee, den Freund meines Sohnes, der mich bei jedem Besuch nur ungern anspricht und der auch die persönliche Verabschiedung nicht erfunden hat, für gestört zu halten. Ich finde ihn manchmal seltsam, weil er so anders ist als ich, aber ich erkenne, dass er gern bei uns ist, und ich gehe einfach davon aus, dass er irgendwann bereit sein wird für den direkteren Kontakt mit mir. Außerdem liebt mein Sohn diesen Freund. Dem könnte ich gar nicht vermitteln, dass dieser Junge zu einem Experten muss, weil er so ist, wie er ist. Mein Sohn sagt zu mir: "Mama, Du weißt ja, wie der ist, der grüßt halt nicht." Fertig und weiterspielen. 
    Es gäbe unter Garantie mehrere Experten, die diesem Jungen eine Kontaktstörung unterstellen, seinen Eltern zu einer Therapie für ihn raten würden. Ich möchte dringend davor warnen, Kinder wegen ihrer speziellen Persönlichkeit krank zu schreiben! Woher kommt die Idee, dass man mit einem schüchternen, einem lauten, einem bequemen, einem blonden Kind unbedingt einen Experten aufsuchen muss? Gibt es keine Eltern mehr, die in ihren Kindern deren Eigenarten erkennen und ihnen verraten, wie sie selbst sich als Kind in die Gemeinschaft hineingefummelt haben? Ich habe meinem Sohn längst erzählt, wie unsicher ich mich manchmal als Kind inmitten anderer Kinder fühlte. Dass es niemanden gibt, dem es nicht auch mal zum Heulen zumute ist. Wir müssen unsere Kinder nicht zu Tests schicken. Wir müssen ihnen erzählen, dass Verunsicherungen Aufgaben sind, die es zu lösen gilt. Dass es nicht schlimm ist, wenn ein Tag mal unrund läuft. Dass sie mit allem ausgestattet sind, um ihre eigenen Lösungen zu finden. Und dass wir ihnen dabei helfen. 
    Aber wenn wir Eltern, Lehrer, Fachleute im Angesicht dieses mal runden, mal unrunden Lebens stets selbst in Panik geraten, wenn unsere Kinder störungsfrei funktionieren müssen, damit sie uns nicht in unserem anstrengenden Leben zusätzlich verunsichern, dann sind unsere Kinder verloren mit uns. Wenn so viele Kinder auffällig sind, dann haben wir einen falschen Begriff vom Leben. Dann werden Unterschiede zu Auffälligkeiten. Dann brauchen wir Eltern Experten, die uns helfen aus der Angst vor dem Leben. Und keine, die unsere Kinder krank schreiben.


Danke, Cordula Stratmann! Besser hätte ich es nicht sagen können!
;-) Astrid


NACHTRAG: Hier  habe ich noch einen weiteren Beitrag zum Thema gefunden, der noch eine ganze Reihe weiterer Informationen enthält, die unsere Einstellung gegenüber Normabweichungen bei Kindern fragwürdig erscheinen lässt. Wie sich die Kinder selber in unserem Land fühlen, ist in dieser Unicef - Studie veröffentlicht worden. Umdenken ist angebracht...

Kommentare:

  1. Da ist soviel wahres dran!!!
    Manche Eltern machen aus jeder Mücke einen Elefanten und können mein Handeln so manches mal nicht verstehen ;o)))
    Ich glaube Du verstehst, was ich meine. Viele "Sachen" die früher ganz normal waren haben jetzt Namen und Diagnosen und müssen natürlich therapiert werden, doch meistens wird das wichtigste vergessen > es sind Kinder, die auch Kinder sein möchten.
    Damit ein Baum groß, gesund und stark wird braucht, er kräftige Wurzeln, Wasser und Sonne!!!
    Jetzt guck Dich um, was manche Eltern meinen, was ihre Kinder alles zum großwerden brauchen....
    ❥knutscha

    scharly

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  2. Danke dir für diesen tollen Artikel, dem kann ich auch nur zustimmmen. Wir haben da leider auch schon die Erfahrung machen dürfen, dass Mareen als "nicht normal" beurteilt wurde. Zwei Kita - Erzieherinnen, die diese Meinung hatten, stellten dann grad noch ihre eigene Diagnose "ADS" und haben uns dringend empfohlen, unserer Tochter Ritalin zu verabreichen. Als ich dann nachfragte, ob sie mir einen wissenschaftlichen Bericht liefern könnten, der ihre These stützt, kam nichts mehr. Unser Kinderarzt hat ihre Behauptung als genauso unsinnig erachtet wie wir, aber ca. 30% alle Kinder in dieser Kita hatten Ritalin - natürlich sehr praktisch für die Erzieherinnen, wenn die Kinder dann nur noch apathisch am Tisch sitzen...

    GLG Anja

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    1. Das ist ja schockierend, was du da berichtest! Ich habe in meiner wirklich langen Berufszeit, zwei Mal erlebt, dass Kinder Ritalin nehmen mussten, aber die hatten so krasse Verhaltensweisen, dass sie nur mit sich selber unglücklich waren. Manchmal trifft es aber auch die ganz stillen, zurückhaltenden Kinder, dass sie nicht angenommen werden, wie sie sind. Ja, wir sollen wohl alle nur noch Normen entsprechen & "funktionieren".
      Gut, dass ihr euch nicht darauf eingelassen habt!
      Ganz liebe Grüße!

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  3. Liebe Astrid! Ich denke, gerade der Trend zu Einzelkindern birgt die Gefahr, dass Kinder als einsame Projektionsfläche der Elternwünsche gesehen werden. Befeuert von allgegenwärtigen Idealbildern in den Medien, finden sich an jeder Ecke neue Maßstäbe, an denen Kinder emporranken sollen. Möglichst frisch geschlüpft sollen sie in Kitas normgerecht sozialisiert werden. Läuft da nicht irgendwas gehörig falsch?! Wo gibt es noch Räume in denen sich Kinder geschützt entfalten können? Wo bleibt das Bauchgefühl für Bedürfnisse von Kindern UND Eltern? Ich weiß mein Glück wirklich sehr zu schätzen, dass ich meinen 4 Kindern Raum und Zeit zum Wachsen geben kann. Ich habe meine Freude daran, zu erkennen, dass eben jedes Kind seine ganz eigenen "Macken" hat. Um so mehr macht mich dieses Dilemma, das du beschreibst traurig, wenn nicht sogar wütend. An den Kindern herumzudoktern und deren "Fehlfunktionen" mit Namen zu dekorieren, ist natürlich die leichteste Übung - es trifft damit die Schwachen, die sich nicht wehren können. Dem Großen und Ganzen jedoch ins Auge zu blicken, und vielleicht einmal die Welt der Erwachsenen, kritisch zu beäugen, wird tunlichst vermieden.... Liebe Grüße von Nicole

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  4. Liebe Astrid, danke für diesen Artikel. Du weißt, wie sehr mich unser Kitaproblem während der letzten Zeit "umgetrieben" hat. Auf den Gedanken, dass mein Kind deswegen nicht richtig wäre, bin ich glücklicherweise trotzdem nie gekommen. Statt Therapien bräuchten viele Kinder einfach nur Geborgenheit. Und genügend Freiraum, um sich - unter diesem Schutz - zu entfalten. Ihrem Tempo und ihrem Wesen entsprechend. Das wäre meine ideale Vorstellung, die es umzusetzen auch mir nicht immer nur leicht von der Hand geht. Aber Fehler dürfen auch die Mamas machen. Erst recht die Kinder. Und das ist nichts, was einer Therapie oder gar Medikamenten bedarf... Herzliche Grüße, Marja

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    1. Liebe Marja, an euch Beide habe ich in diesem Zusammenhang auch gedacht. Dass man in einer solchen Situation leicht als therapiebedürftig abgestempelt wird. Gut, dass du stark bist ( auch wenn starke Bäume manchmal sehr vom Wind hin- und hergerüttelt werden. Aber das auszuhalten macht ja Stärke aus. ) Ja, Kinder brauchen Geborgenheit, Beziehungen und Freiraum! Und Mamas können nur Fehler machen, denn sie machen so, so viel für die Kinder, immer noch mehr als alle anderen, da ist auch immer "Ausschuss" dabei. Wer nichts macht, kann auch nichts falsch machen ;-)
      Herzlichst A.

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  5. Da schreibt auch mir Frau Stratmann aus der Seele und du ebenfalls im Kommentar (den Normen entsprechen und funktionieren ...) Das ist wohl in einer Gesellschaft wie der unseren sehr erwünscht und passt einigen so richtig gut 'in den Kram'.
    Es ist schrecklich, wenn Kinder in Formen gepresst werden und den manchmal fragwürdigen Normen der Gesellschaft angepasst werden sollen. Was sie wirklich brauchen, geht dann wohl leider unter.
    Im Grunde ist es nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Bei aller Freiheit und Freizügigkeit soll doch jeder den NORMen entsprechen und wer das nicht tut, ist nicht NORMal. Wer nicht dem Mainstream entspricht, ist komisch. Individualität ist so gar nicht gefragt.
    Liebe, nachdenkliche Grüße,
    Franka

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    1. Ja, so ist es! Ich habe damals, als ich jung war, gedacht, dass wir die materiellen Grundlagen hätten, allen ein Leben nach eigener Fasson zu ermöglichen. Und jetzt läuft es in SO eine Richtung. Gestern war ein Science-Fiction-Krimi auf WDR 5 zu hören, spielte im Jahre 2068, und so unwahrscheinlich fand ich das alles gar nicht in Anbetracht der Normiererei, die hier um sich greift.
      Herzlichst A.

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  6. Danke für diesen "Einwurf" in die mehr und mehr normierte und funktionalisierte Beeinflussung "marktgerechter" kindlicher Entwicklung... - ein dringliches Thema. https://www.youtube.com/watch?v=z0LQJcS3KFg Lieben Gruß Ghislana

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  7. Liebe Astridka,
    danke für diesesn sehr interessanten Post. Ich habe mir in letzter Zeit einiges von Robert Betz zu diesem Thema angehört und finde das Thema sehr spannend. Ich finde wir Eltern stehen gerade vor der Herausforderung unseren Kindern das nötige Rückrad mitzugeben, nicht zum funktionieren gesellschaftskonformen Mensch zu werden.
    Herzliche Grüße
    Sabine

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