Montag, 2. Februar 2026

Bücherlese Januar 2026

 "Das Geheimnis eines Kunstwerks geht verloren, 
sobald man es verstanden hat – 
und dieses Geheimnis brauchen wir, 
um uns mit dem Werk zu verbinden."
Víkingur Ólafsson

"Niemand kann wirklich alles erzählen, 
aber vieles, fast alles denken und in der Phantasie bewegen."
Norbert Scheuer

Natürlich habe ich die Zeit zwischen den Jahren mit Lesen ausgefüllt. Ich kann mir fast gar keine schönere Zeit dafür vorstellen als die des Winters. Da ich allerdings in der ersten Jahreswoche mit Koffer unterwegs war, habe ich diesen gewichtsmäßig entlastet und meinen E-Reader aktiviert. Stoff genug war darauf noch gespeichert.

Noch zu Hause habe ich mir Norman Ohlers "Die Gleichung des Lebens" vorgenommen, eine Art historischer Roman aus dem Preußen des Jahres 1747. Interessant für mich, dass eine der Hauptrollen der Mathematiker ( und Physiker ) Leonhard Euler spielt, der mir dank der privaten Seminare meines Mathematikers selig ein Begriff ist. Eine wichtige Rolle spielt natürlich auch König Friedrich II., später "der Große" genannt, der das Oderbruch östlich von Berlin trockenlegen lassen will, um aus dem Sumpf Ackerland für den Kartoffelanbau zu gewinnen als Nahrung für neue Untertanen, die er anzusiedeln gedenkt. Das geht nicht ohne Widrigkeiten vonstatten:

Buchhandlung "buch & töne", M-Haidhausen, Weißenburger Str. 14


Euler soll vor Ort die notwendigen Berechnungen durchführen, wird aber mit einem Todesfall, der sich als Mord entpuppt, beschäftigt. Dabei bedient sich der Täter einer sehr raffinierten Methode, deren Wirkungsweise wir erst mit unserem neuzeitlichen Wissen erklären können. Das fand ich witzig.

Der Autor entwirft ein reiches Figurentableau jenseits der historischen Klischees und mit einer ganz eigenen Sprache versehen, was zu faszinieren vermochte. Mir ist dadurch noch einmal deutlich geworden, das unser Preußenbild mit seiner ethnischen Homogenität einfach Quatsch und eine Erfindung der nachfolgenden Jahrhunderte ist. Da gab es wendische Fischer ( was Wenden sind, versucht Wikipedia zu erklären ), einen holländischen Deichbaumeister, den französischen Ingenieur Mahistre - der Mathematiker selbst ist Schweizer - und darüberhinaus einen "alten Fritz" in jung, kosmopolitisch, aufgeklärt, aber mit etlichen nachvollziehbaren, inneren Brüchen ausgestattet: Nach der Enthauptung seines Gefährten Katte empfindet er Gefühle als gefährlichen Morast und muss quasi folglich auch Sümpfe trockenlegen, weil sie ihn verstören. Und merzt dadurch ein ökologisches System aus, das wir uns heute gar nicht mehr vorstellen können. Das preußische Landschaftsbauprojekt hat aber nicht nur die Natur massiv in Richtung Kulturlandschaft verändert, sondern auch politische & gesellschaftliche Folgen evoziert, die wir heutzutage mit unseren Geschichtskenntnissen gar nicht damit in Verbindung bringen würden. Preußen ist damit erst zu einer Größe in Europa aufgestiegen. 

Zehn Jahre lang hat der Autor geforscht, was die Grundlagen des Romans anbelangt, und damit gleichzeitig ein Thema angerissen, das auch heute die Diskussionen bestimmt bzw. Ängste beschwört. Die Veränderung unserer natürlichen Lebensbedingungen ebenso wie die Furcht vor Fremden – Friedrich der Große warb Kolonisten aus Pommern, Sachsen, Schwaben, Franken, dem Vogtland, aus Polen, Böhmen und aus der gesamten Mark, um das Land zu besiedeln - sind gleichsam auch ein Spiegelbild unserer Tage.

Empfehlenswert! Hat mir besser gefallen als die  "Pfaueninsel".

Von meiner nächsten Lektüre - Petra Pellini: "Der Bademeister ohne Himmel" - hatte ich mir zunächst wohl mehr versprochen, denn es fiel mir anfangs schwer, am Ball zu bleiben und die Entwicklung der Geschichte um die 15jährige Linda, des Lebens, der Schule & ihrer Mutter müde, und den 86jährigen dementen Hubert, einstens Bademeister im Strandbad von Bregenz, weiterzuverfolgen. 

Eine weitere Rolle in der Erzählung spielt die polnische Pflegekraft Ewa, die immer wieder Regeln aufstellt, an die Hubert sich nicht hält, die aber auch irgendwie ein Herz hat und die zu Linda mehr Zugang findet als deren Mutter. Dann gibt es noch den Freund seit Kindergartentagen, Kevin, ein Nerd, der für die Zukunft unserer Erde keine große Hoffnung hat. Das teilt er mit Linda, die auch nicht weiß, was aus ihr werden soll und die erlebt, dass sich niemand wirklich für sie interessiert.

Zur Entlastung von Ewa ist Linda drei Mal die Woche von Huberts Tochter zwecks Betreuung engagiert worden. Die begegnet dem alten Mann unvoreingenommen, ganz anders als die leibliche Verwandte. Für Linda ist Hubert eben der, der er momentan ist. Aber sie merkt auch, dass die Demenz unvermeidlich voranschreitet. Mit einer gewissen Naivität findet Linda instinktiv Mittel & Wege, um mit Hubert angemessen umzugehen. Ich selbst habe das Buch über eine gewisse Distanz als ein Coming-of-Age Werk erfahren. Und darauf hatte ich zeitweilig keine Lust.

Doch gegen Ende - was auch das Ende des kranken Bademeisters ist - hat mich die Darstellung des Sterbens, aber auch die Veränderung der Jugendlichen und der Personen um sie herum, doch noch zu packen vermocht. Die Leichtigkeit des Schreibstils der Petra Pellini, voller Schnoddrigkeit, Witz & Humor, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Buch ganz existenzielle Themen versprachlicht worden sind. Und das hat mir dann doch gefallen.

In der Bibliothek des Diözesanmuseums Freising














Das nächste Buch, noch auf dem E-Reader, war Harald Jähners "Höhenrausch: Das kurze Leben zwischen den Kriegen". Der entwirft in diesem Sachbuch ein Geschichtstableau der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert und gleichzeitig formuliert er eine Aufforderung an uns, in Krisenzeiten den klaren Kopf zu bewahren, denn der enorme Selbstverdruss, den die Deutschen ab 1930 entwickelten ( auch der tiefgreifende Verdruss an der Politik ) und die Formen des Realitätsverlustes könnten schon mal der derzeitigen Stimmungslage ähnlich sehen.

Letztendlich hat mir das Buch keinen großen Erkenntniszuwachs beschert, was wahrscheinlich gar nicht mal an ihm selbst lag, sondern an der Tatsache, dass ich mich über Gebühr mit Kunst, Literatur, Musik, Film der Weimarer Zeit - der Geschichte sowieso - im Laufe meiner Lebensjahre befasst habe. Für jemanden, der nicht so mit der Epoche vertraut ist, könnte das schon ganz anders sein.

Da die Lektüre sich etwas zäh dahinzog, hab ich zwischendurch in "Die ganze Zeit meines Lebens" von Dinah Nelken geschmökert. Die kurzen Geschichten & Berichte sowie die Gedichte in diesem Buch von 1983 machten es möglich. Auch bei dieser Autorin spielt die Zeit der Weimarer Republik eine Rolle, noch mehr aber die im Exil in Wien, Korčula, am Lago Maggiore und in Rom sowie die im Berlin der Nachkriegsjahre. Die Gedichte greifen persönliche Erfahrungen sehr nachvollziehbar ( und manchmal tröstlich ) auf.

Da ich ja immer wieder dabei bin, meine Lücken im Kanon der hundert Bücher, die man gelesen haben sollte ( die überarbeitete Liste der "ZEIT" von 2023 ), zu schließen, hab ich mir anschließend aus Gründen "Wer die Nachtigall stört" von Harper Lee vorgenommen in der Übersetzung von 2015 durch Nikolaus Stingl. Eva Menasse hat es für diese Liste ausgewählt, weil ihr Lieblingszitat aus dem Roman - "... man kenne einen anderen Menschen erst dann, wenn man in seine Haut schlüpfte und eine Weile darin herumginge" - sie dazu geführt habe zu erkennen, dass es keine verbindliche, gültige Wahrheit gibt, dass man jedem Menschen seinen eigenen Blick auf die Welt zugestehen sollte.



Ich konnte mich sofort mit der Hauptfigur, dem zu Beginn des Romans sechsjährigen Mädchen Scout, identifizieren, ihrer aufgeweckten & direkten Art und der Neigung, bei anderen damit auch schon mal ins Fettnäpfchen zu treten oder in ihrer Intention missverstanden zu werden.

Den ersten Teil hatte ich innerhalb eines Tages gelesen, so hat mich die Darstellung der Kindheit der beiden Hauptfiguren hineingezogen, ist es doch eine Kindheit, wie ich sie auch noch erlebt habe, so verschieden von der, die meiner Tochter oder gar meinen Enkelkindern widerfahren ist. Diese Nachbarn hinter verschlossenen Türen, so unheimlich, da geheimnisvoll! Diese bösartigen Tratschen ( "dieser Ärmelkanal des Klatsches" ) und Scharteken, an deren Haus man ungern vorbeiging! Und dann auch wieder solche, die Kindern wohl gesonnen waren und mit klitzekleinen Freundlichkeiten Zeichen setzten - das alles ist in meinem Gedächtnis offensichtlich gut verwahrt und von Harper Lee wieder an die Oberfläche hochgeholt worden. Schön war das!

Der zweite Teil wird dann historisch-politisch und damit spannend und aufregender. Als das Buch erschien - 1960 - war in den Vereinigten Staaten die Rassentrennung, die auch im Buch beschrieben wird, noch Gesetz. Harper Lee hat  die Handlung in die Jahre 1933-35 versetzt, da muss man keinem erklären, wie das bei uns im Land damals aussah. Gerade diese Sachverhalte finde ich aktuell aufrüttelnd, wo in den Staaten behördlicherseits willkürlich auf Menschen geschossen und bei uns munter "Remigration" gefordert wird. Offensichtlich sind wir mit der Mitmenschlichkeit nicht weit voran gekommen.

Spannend geschildert, ja geradezu filmreif, das Kreuzverhör im  Prozess gegen einen Afroamerikaner wegen Vergewaltigung einer weißen Frau, bei der Scouts Vater Atticus als Pflichtverteidiger mit Überzeugungen auftritt ( das kenne ich tatsächlich nur aus diversen Filmen, ist ja in Europa nicht üblich ). Und auch die Szene mit den ehrpusseligen Ladies bei der Zusammenkunft der Missionsdamen im Haus der Finches ist nicht ohne - diesmal Ironie! Und erst das Finale! Und schließlich die tiefe Menschlichkeit, die aus den letzten Seiten des Buches spricht, geschrieben von einer 34-jährigen. Etwas, das wir alle momentan gebrauchen könnten, wage ich zu behaupten...

Zu was sollte ich anschließend greifen? Einer Empfehlung meines Arztes? Oder einer von Thoralf Czichon? Oder ein weiteres Buch von Norbert Scheuer? Meine Gefühlsverfasstheit riet mir zu letzterem.



Also dann "Überm Rauschen", denn ich arbeite mich in umgekehrter Richtung durch Norbert Scheuers Romanschaffen. Wieder hat er mich mit seiner schnörkellosen, wehmütigen Art des Erzählens sofort in die Geschichte des Leo Arimonds und seiner Familie hineingezogen. "Erinnerungen und Träume treiben vorbei, es gibt keinen Unterschied zwischen unseren Vorstellungen und der Wirklichkeit, alles sinkt irgendwann auf den Grund des Flusses, in stille Erinnerung", konstatiert der Protagonist, während er mit Wathose und Angel im Wasser der Urft steht. 

Das Angeln, das Wasser und der Gasthof der Arimonds am ( titelgebenden ) Rauschen bilden den Hintergrund für Scheuers mitleidloses Familiendrama. Das ist vielleicht ein Manko des Buch für manche(n) Leser*in, dass sehr viel übers Fliegenfischangeln geschrieben wird. Mir hat das durchaus gefallen, hat mich mein Vater als Jugendliche zu dem von ihm gepachteten Fluss in der Voreifel zum Angeln mitgenommen. Das Angeln hat mich jetzt nicht so interessiert, aber diese Ruhe und Sanftheit in der Natur - die war einfach geeignet zum Nachsinnen über das eigene Dasein, über Gott & die Welt, dem Buch nicht unähnlich.

Für mich ist der Autor ein Meister darin, Trauer und Schönheit des Lebens sprachlich zu fassen, also die Realitäten der menschlichen Existenz zu ästhetisieren. Deshalb bleibe ich nach Lektüre seiner Bücher  so versöhnt mit dem Leben zurück, wohl auch, weil er einen Teil meiner inneren Welt einzufangen vermag.

Dann kam Thoralf Czichons Vorschlag zum Zuge, und ich habe zum ersten Mal einen Roman von Christine Wunnicke - "Wachs" - gelesen. Eine ihrer Heldinnen im Buch ist Madeleine Basseporte, Hauptzeichnerin des Jardin du Roi, die ich bei meinem Porträt zu Anne Vallayer-Coster "kennengelernt" habe. Da war ich neugierig. Über Marie Bihéron habe ich erst aufgrund dieses Roman genauere Kenntnis genommen.

Das Buch ist schon sprachlich ein Knüller, bedient sich die Autorin doch der Gepflogenheiten einer Kommunikation im 18. Jahrhundert mit viel Witz und Raffinesse. Dazu erweckt sie eindrückliche, filmreife Bilder zum Leben, geradezu ideenüberschäumend, dass ich meine helle Freude daran hatte. In ihrer verhaltenen Farbigkeit erinnern die Szenen an Gemälde von Jean Siméon Chardin, sind schon mal grotesk bis hin zum Ekligen, vor allem wenn es im Roman um die Zeit nach der Französischen Revolution geht, als die sogenannte Schreckensherrschaft mit der Hinrichtung des Königspaares ausbricht und Paris einfach nur in Blut & Schmutz & Destruktion versinkt. Komisch verzerrte Episoden ergeben sich auch, wenn Religiöses der Inhalt ist. Die Protagonistinnen hängen nämlich der jansenistischen Variante des französischen Katholizismus an, die in krasser Feindseligkeit gegenüber jesuitischen Geflogenheiten steht.

Wer eine chronologisch angelegte Erzählung erwartet, wird enttäuscht: Die Autorin springt nach der verblüffenden Eingangsepisode durch die Zeiten in willkürlicher Reihenfolge, bringt andere, historisch belegte Persönlichkeiten ins Spiel wie Denis Diderot oder den damaligen Erfolgsautor von "Paul und Virginie", Jacques Henri Bernardin de Saint-Pierre, und den Naturforscher Carl von Linné, dem Madeleine Briefe schreibt, die anschließend aber wieder im Feuer landen. Auch die Mätresse des Königs, Madame d'Étiolles, bekannter als "die Pompadour", kommt vor, und der Leser "besucht" bis heute berühmte Gebäude & Einrichtungen in Paris und mäandert zwischen der Schönheit von Blumen & anatomischen Wachsmodellen und dem Schrecken der Guillotine. Dazwischen immer wieder Stippvisiten zu Themen der Aufklärung, Natur- und Medizingeschichte. 




Das Ende ist fast eine Idylle mit einer uralten Marie Bihéron, einem schönen Hinterhofgarten mit vielen Kindern und einem (männlichen) Äffchen namens Virginie, der ihre letzten Wachsfiguren aufgefressen hat. So sollen historische Romane sein. Ein ganz besonderes Buch also, großes Kino auf nur 185 Seiten, und auch noch in einer sorgfältigen Aufmachung, die mir haptisch Freude bereitet hat. Leider gibt der herausgebende Verlag Berenberg in diesem Jahr seine Tätigkeit auf.

Nachdem ich mir noch einmal die Verfilmung durch Stephen Daldry eines meiner Lieblingsbücher ( Michael Cunningham, "Die Stunden" ) angeschaut hatte, hatte ich Lust, nach zwanzig Jahren noch einmal Virginia Woolfes "Mrs. Dalloway"  zu lesen. Ich glaube, die inzwischen weiter gewachsene Leseerfahrung machte es mir leichter, den Roman mit seinen permanent sich wandelnden Empfindungen, Visionen und Assoziationen von ca. zwanzig Personen über einen einzigen Tag verteilt zu verfolgen. Der Text fließt quasi durch die Köpfe der Figuren und ist nur durch nur sehr wenige Abschnitte und keinerlei Kapiteltrennungen strukturiert. Mit dieser derart komplexen Literatur gelingt ein Panorama der Londoner Gesellschaft von vor hundert Jahren, in der Clarissa Dalloway, so idyllisch sie ihr Leben auch zu gestalten versucht, keine Idylle wie in ihrer Jugend in Bourton-on-the-Water finden kann. Viele ungeweinte Tränen scheinen mir in der Erzählung verborgen zu sein, haben doch einige der Hauptfiguren sich gegen ihre Liebe entschieden. Keiner scheint auch so ganz ehrlich mit sich selbst zu sein.

Den Gegenpol zu Clarissa Dalloway bildet der kriegstraumatisierte Septimus Warren Smith mit seiner Frau, der sich an besagtem Tag das Leben nimmt. Am Ende des Romans trifft diese Realität mit der Welt der Mrs. Dalloway auf ihrer Abendgesellschaft zusammen, und Virginia Woolf übt auch auf diese Weise Gesellschaftskritik. All das ist insgesamt sehr spannend komponiert, so dass man letzten Endes ein ganz anderes Buch gelesen hat, als es einem zunächst erscheint.

Sodann habe ich den Tipp meines Arztes aufgegriffen und mir eine Erzählung von Herman Melville vorgeknöpft: "Bartleby der Schreiber". Es ist das erste Werk, das dieser nach dem im 20. Jahrhundert hoch geschätzten & berühmten "Moby Dick" verfasst hat. Was für eine seltsame Geschichte auf knapp siebzig Seiten! Eine, die viel Interpretationsspielraum lässt, zum Philosophieren oder gar Politisieren einlädt! Und dazu so lakonisch und klar geschrieben: "Ich will lieber nicht", lautet der Satz ohne Objekt, den der Notariats-Schreiber seinem Arbeitgeber in der Wall Street immer wieder entgegensetzt, wenn der etwas von ihm verlangt, und hält die Kanzeleiräume besetzt, konsequent keinen Finger rührend - eine stumme, stille, stoische Sabotage. Wie viele Denker*innen unserer Tage regte die Erzählung auch mich zum Nachdenken an, ja, auch zum Rätseln wie bei manchen Werken Kafkas. Aber mit seiner Widerständigkeit hindert diese Geschichte auch den sich aufdrängenden Impuls, auch dieses Rätsel lösen zu wollen, das Geheimnis zu entschlüsseln. Und meines bleibt: Ist nicht vielleicht der Notar die Person, auf die sich das Augenmerk richten sollte?



Anschließend musste etwas unterhaltsamere, leichtere (Lese-) Kost her ( und eine Autorin - in diesem Monat herrscht Proporz ): Elena Ferrantes "Die Geschichte eines neuen Namens", der zweite Teil der neapolitanischen "Saga" ( der Begriff ist eine Erfindung des deutschen Buchwesens ). Dieser zweite Band ist nicht wirklich schlecht, aber eben auch nicht wirklich gut, eine solide erzählte Geschichte ohne große Höhepunkte, die sich auch aufgrund des einfachen Sprachstils leicht "herunterlesen" lässt.

Von den Figuren wie den oft lautstarken Streitigkeiten und handgreiflichen Auseinandersetzungen her ist alles vorhanden, was einen guten Roman ausmachen könnte. Aber bei mir ist der Funke nicht übergesprungen. Die beiden Mädchen sind nicht wirklich sympathisch, das On-Off in ihrer Beziehung nicht immer nachvollziehbar, und ihre ewigen Rivalitäten ließen bei mir sehr ungute Gefühle hochkommen, da erinnernd an solche Phasen in meinem Leben mit siebzehn. Mir ist auch noch mal klar geworden, warum ich keine Freundin aus dieser Zeit in mein Erwachsenenleben "mitgenommen" habe. Manipulative Freundschaft wie die zwischen Lila und Lenù hat es in meiner Schulzeit auch gegeben, und ich habe es zum Glück noch in dieser Zeit geschafft, mich gegen die negativen Einflüsse auf meine Persönlichkeit zu wehren.

Andererseits spiegelt der Roman damit die gesellschaftliche Entwicklung der letzten Jahrzehnte hin zu der Bedeutungshaftigkeit von Geld in unserem Zusammenleben auf Kosten der guten zwischenmenschlichen Relation. Damit gelangt der Roman dann doch auf eine politische Ebene: Es sind die kulturellen Gewässer, in denen wir schwimmen, die im Grunde antisozial sind. Gemein sein wird belohnt. Das sieht man ja am amerikanischen Präsidenten.

Dass allein 200 der 625 Seiten dem Sommerurlaub auf Ischia gewidmet sind, fand ich nervig bis ärgerlich, und die haben, so ausgewalzt, auch nicht zum Verständnis der Handlungsweisen der Charaktere beigetragen. Ich werde dem dritten Band irgendwann aber noch mal eine Chance geben ( das Werk hat schon den Sog einer Soap Opera ).

Auf ein ganz anderes Gebiet hab ich mich mit der Lektüre von "Schön Deutsch" von Dirk Kaesler und Stefanie von Wietersheim begeben: Er Soziologe, sie Kulturjournalistin verständigen sich seit mehreren Jahren in einem Podcast über deutsche Identität, über Personen, Rituale, Objekte, Orte und wunderliche Alltäglichkeiten, die ihrer Meinung dazu gehören. Dieses Buch enthält nun achtzehn Kapitel, solche u.a. über die deutsche Männermode, Siezen und Duzen, das deutsche Essen, der deutsche Duft,  Johann Sebastian Bach, Helene Fischer oder Beate Uhse. 

Da geht es sehr subjektiv zu und ist amüsant zu lesen, was eine Fünfzigjährige und ein Achtzigjähriger so zu den diversen Dingen zu sagen haben. Frau findet sich wieder, mal nicht, mal schweift man ab, mal setzt man nen Fokus, der zum Weiternachdenken reizt. Gute Unterhaltung und für mich persönlich, die Podcasts nicht besonders mag, eine Alternative.

Über J.L.Carr habe ich hier & hier schon mal geschrieben. Nun war ein drittes Werk von ihm dran: "Die Lehren des Schuldirektors George Harpole" - naheliegend, da mein Milieu. In England herausgekommen ist es just in dem Jahr, in dem ich entschied, Lehrerin zu werden. Carr hat selbst in diesem Beruf gearbeitet und widmet sich in diesem Buch einem halben Jahr im Leben und Arbeiten eines kommissarischen Grundschuldirektors von dreißig Jahren, George Harpole. 

In seinem Heimatland soll es ein Kultbuch sein, was ich mir eher vorstellen kann für Lehrerkreise, vor allem auch meiner Generation, die idealistisch an die Sache heranging, sich aber an abblockenden Aufsichtsbehörden, der Bürokratie & der Macht der Hausmeister im Besonderen sowie an exzentrischen Kollegen alter Schule eine blutende Nase holten. Der Autor hat seine Geschichte formal ambitioniert aus Korrespondenzen und Vermerken der Beteiligten zusammengebaut, was für mich sehr lustig zu lesen gewesen ist. Ob dieser mitunter sehr schräge Kosmos was für Außenstehende ist, kann ich nicht beurteilen.

In diesen zurückliegenden Tagen des erratischen bis höchst beunruhigenden Weltgeschehens brauchte ich mehr als eine Prise des japanischen iyashi, jenen literarischen bodenständigen Glücksvisionen, die das Land immer wieder hervorbringt und den Weg in unsere Buchhandlungen findet. Romane aus dem asiatischen Raum haben einen eigenen Sound, der mir oft zusagt. "Die Bibliothek meines Großvaters" von Masateru Konishi hat mich zunächst mal aufgrund seiner hübschen Aufmachung und dem Stichwort "Bibliothek"zum Kauf verführt.

Wieder spielt eine Lehrerin die Hauptrolle: Kaede, jung & schüchtern & mutterseelenallein, die sich hingebungsvoll um ihren an der Lewy-Körperchen-Demenz erkrankten Großvater, ehemaliger Grundschulrektor, kümmert. Eine innige Beziehung, die von Respekt getragen wird, auch wenn die Umstände schwierig sind.



Um Bücher geht es dann weniger, und die Bibliothek spielt insofern eine Rolle, als in ihr sitzend die Protagonisten Kriminalfälle und andere Rätsel & Geheimnisse aufdröseln. Die Geschichte geht also in eine ganz andere Richtung, als von mir erwartet.

Die Krankheit und ihre Symptome wirken sich auf die Tagesform des Großvaters aus: Anfangs wechseln sich Momente der geistigen Umnachtung mit überraschend klaren Phasen ab. Dann ist er in der Lage, mit akribischer Sorgfalt, Lebenserfahrung und Intuition unter Einhaltung eines festen Rituals knifflige, mysteriöse (Kriminal-)Fälle zu lösen. Nach dem zweiten war ich sogar richtig neugierig geworden. Doch die Spannung konnte nicht aufrechterhalten werden. Spätestens beim dritten Fall fand ich das Lesen etwas ermüdend. Unterm Strich ging es im weiteren um ein lange zurückliegendes Familiendrama, welches die beiden Hauptpersonen in Gefahr bringt und für meinen Geschmack zu unvorstellbar aufgelöst wird, denn der Großvater erscheint zuletzt so gar nicht mehr durch seine Erkrankung beeinträchtigt.

Das wird alles sehr ruhig erzählt, und die japanische Lebensart wird immer wieder deutlich, auch, indem typische Begriffe eingestreut werden. Die haben allerdings meinen Lesefluss doch etwas gehemmt ( ein Glossar am Ende des Buches fehlt ). Auch der Streifzug durch die klassische Kriminalliteratur hat mich eher ausgebremst, ist das noch nie mein Sujet gewesen. Meine üblichen Erwartungen an japanische Werke wurden mit diesem Roman-Debüt nicht erfüllt.

Der Besuch einer Ausstellung in Düsseldorf in der 4. Kalenderwoche weckte mein Interesse an Robert Müller-Grünows "Die geheime Macht der Düfte", ein Sachbuch, welches deutlich macht, wie wir die Leistung unserer Nase zu abschätzig behandeln. ( Kant findet sogar, dass der Geruchssinn unsere Freiheit unterlaufe, findet ihn "undankbar" und  "entbehrlich". ) Das Buch ist angenehm zu lesen und vermittelt gewissermaßen im Plauderton grundlegendes Wissen zum Thema. Klappern gehört allerdings zum Handwerk, denn der Autor verdient mit Duftkonzepten und Dufttechnologien seine Brötchen. Wenn jemand wie ich, die sich auch - seit sie von dem Beruf weiß - vorstellen konnte, eine "Nase" zu werden, Interesse am Thema hat, bringt es genug neue Informationen. Nur der - informative - Duft fehlt halt bei der Lektüre. Aber ich habe immerhin den Anstoß bekommen, mich wieder auf Düfte zu konzentrieren. Und das macht Spaß.


Zum Schluss noch zwei eher bibliophile Werke: Da ist einmal der besondere Briefroman, den ich schon hier im Porträt der Dinah Nelken beschrieben habe und den ich in einer tadellosen Ausgabe bei Ebay ergattern konnte. Zum anderen ein Buch über Anni Albers, welches sich an Kinder wendet und das ich von Thea geschenkt bekommen habe. Das liebevoll illustrierte Kinderbuch verbindet Kunstgeschichte, Handwerk und Fantasie und führt heran ans Bauhaus und die dort tätige Meisterin der Webkunst. Ich werde es demnächst meiner jüngsten Enkelin übereignen, die inzwischen großes Interesse an der Welt der bildenden Kunst zeigt. Thea gilt noch einmal an dieser Stelle mein Dankeschön.

Mit meiner "Buchernte" in diesem ersten Wintermonat bin ich sehr zufrieden und fühle mich bereichert.

                                                                      

1 Kommentar:

  1. Liebe Astrid,

    wieder einmal eine bereichernde Buchvorstellung, die du uns präsentierst.
    Danke dafür!

    Leider nur auf die Schnelle:
    "Wer die Nachtigall stört", ein so wichtiges Buch!! Wurde auch verfilmt mit Gregory Peck als Pflichtverteidiger. Sehenswert.

    "Die Stunden", ohja. Den Film im Kino vor vielen Jahren gesehen. Ich war hin und weg. Meryl Streep, Julianne Moore, Nicole Kidman. Ich habe mir damals dann den Film auf Video gekauft, das Buch auch. Und Mrs. Dalloway daraufhin gelesen.

    Danke für die hervorgerufene Erinnerung. :-)

    Liebe Grüße,
    Claudia

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