Montag, 23. April 2018

Ja, es geht uns alle an!


"INZUCHT" - das war ein Wort, bei dem ich mich als Kind in der deutschen Provinz der Nachkriegsjahre geschämt habe, geschämt für meine Erwachsenen um mich herum, die das immer wieder im Munde führten. Geschämt, weil es im Zusammenhang fiel mit der "depperten Edith", dem "Klumpe - Karle", der schielenden Renate, dem "Blitzeheini" oder der Epileptikerin Barbara. Die Edith, die war bei mir in der Klasse ( ebenso wie später die Barbara ), die war zwar langsamer als ich, aber ein feiner Kerl, auf den man sich verlassen konnte, nicht hinterhältig wie manch arg fromme, scheinheilige Klassenkameradin. Und der Karl, der lief zwar etwas komisch, aber das taten eine ganze Reihe Dörfler auch, krumm von der Last der Jahre oder weil sie "kriegsversehrt" oder so geboren waren. Als Kind registriert man eben alle Feinheiten, auch in der Sprache und im Tonfall der Erwachsenen. Ich habe die Gemeinheit hinter dem Wort immer empfunden ( und die Verlogenheit, gab es doch in der weiteren Familie ein Paar Cousin/Cousine, mit Ausnahmegenehmigung verehelicht, das stand nie in Frage ).

"INZUCHT" - das ist ein Wort aus dem "Wörterbuch des Unmenschen", dass auch damals in jener Zeit, nämlich 1957, herauskam und in dessen Vorwort einer der Verfasser schrieb:
"Lange hatten wir geglaubt, dieser gewalttätige Satzbau; diese verkümmerte Grammatik, dieser monströse und zugleich krüppelhafte Wortschatz seien der Ausdruck der Gewaltherrschaft – ihr Ausdruck oder ihre bleckende Maske –, und so würde dies alles auch mit ihr in Trümmer sinken. Es ist auch mit ihr in Trümmer gesunken. Aber kein reines und neues, kein bescheideneres und gelenkigeres, nein freundlicheres Sprachwesen ist erstanden. Sondern der durchschnittliche, ja, der herrschende deutsche Sprachgebrauch behilft sich mit diesen Trümmern bis auf unsern Tag. Das Wörterbuch des Unmenschen ist das Wörterbuch der geltenden deutschen Sprache geblieben."
Dass das sechzig Jahre später immer noch zutrifft, hat einmal wieder die Partei der Blauen bewiesen, und den Begriff "Heirat innerhalb der Familie" aus jenem tausendjährigen Reich in einer Anfrage im Deutschen Bundestag am 23. März 2018 verwendet, und das im Zusammenhang mit behinderten Menschen und Migration. Wie blauäugig - das Wort gewinnt da eine ganz neue Bedeutung -  muss man sein, um nicht die Absicht und die Ideologie dahinter zu sehen?





Gestern ( in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ) wie heute ist in deutschen Tageszeitungen eine von 18 Sozialverbänden unterzeichnete Anzeige erschienen folgenden Inhalts:
"Wir sind entsetzt über die Anfrage der AfD im Deutschen Bundestag zur Schwerbehinderung in Deutschland. Die Fraktion der AfD erkundigt sich vordergründig nach der Zahl behinderter Menschen in Deutschland, suggeriert dabei jedoch in bösartiger Weise einen abwegigen Zusammenhang von Inzucht, behinderten Kindern und Migrantinnen und Migranten.Es vermittelt sich darüber hinaus die Grundhaltung, Behinderung sei ein zu vermeidendes Übel. Die Anfrage der AfD-Fraktion erinnert damit an die dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte, in denen Menschen mit Behinderung das Lebensrecht aberkannt wurde und sie zu Hunderttausenden Opfer des Nationalsozialismus wurden."
Und weiter, an uns alle gerichtet:
"Wir rufen die Bevölkerung auf, wachsam zu sein und sich entschlossen gegen diese unerträgliche Menschen- und Lebensfeindlichkeit zu stellen. Wir sagen "Nein" zu jeder Abwertung von Menschen mit Behinderung und zu jeglicher Form des Rassismus. Ideologien der Ungleichwertigkeit menschlichen Lebens haben keinen Platz in diesem Land." 
Wer sich noch einmal vor Augen führen möchte, welche Auswirkung auf Individuen diese braune Ideologie gehabt hat, dem empfehle ich die Lektüre meiner Posts über Dorothea Buck oder Elfriede Lohse-Wächtler oder das Buch von Jürgen Schreiber über die Tante Marianne des berühmten Gerhard Richter: "Ein Maler aus Deutschland" - nur drei Beispiele für  die 250 000 bis 300 000 Menschen, die in den Jahren 1939-45 durch Gas, Gift oder einfach durch Verhungern getötet worden sind oder die 350 000, die in ihren Menschenrechten lebenslang durch Zwangssterilisation beschnitten worden sind.

Nicole Höchst, die die Anfrage im Bundestag mit initiiert hatte, wehrte sich ( in bewährter blauer Manier ) vor Tagen, die Debatte um das Thema diskreditiere, diffamiere und verleumde. "Und zwar aufgrund von Dingen, die in den Köpfen politisch korrekter Leute passieren, aber nichts mit dem zu tun haben, was wir wollen." Auf eine Anfrage des "Stern" meinte sie, das Ziel ihrer Partei sei gewesen "herauszufinden, ob überhaupt Handlungsbedarf besteht. (...) Leider ließ die Antwort der Anfrage keine Beurteilung über das Vorhandensein und die eventuelle Größe des Problems zu, da keine Zahlen erhoben werden. Hier wäre zu prüfen, ob eine künftige Erhebung sinnvoll sein könnte." Handlungsbedarf? Und dann als Reaktion eine Einmischung in das Recht auf Freie Entfaltung der Persönlichkeit, Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit der Person ( Artikel 2 des Grundgesetzes )? Übrigens: Die meisten Behinderungen entstehen im Laufe des Lebens, durch Krankheit oder Unfälle, das gehört zum Menschenleben dazu. Sind das dann alles "Ballastexistenzen"?.

Wer den Blauen auf den Leim gehen oder sich das Gehirn waschen lassen möchte, dass sei doch wieder ganz falsch verstanden worden, und nein, man sei keine Nazipartei, dem sei dann noch ein anderes Beispiel gegeben:

Der saarländische A*fD- Fraktionsvorsitzende hat sich im Landtag am 18. April dahingehend geäußert, dass man in Krankenhäusern Patienten mit ansteckenden Krankheiten von denen ohne trenne, aber in deutschen Schulklassen säßen Kinder mit Down - Syndrom: Durch die Inklusion würden an Schulen „Kinder mit Downsyndrom unterrichtet (...) mit anderen Kindern, die ganz normal, gesund sind.“ ( Quelle hier )

Deutschland, erwache!







Wer jetzt noch keine Brechtüte brauchte, dem wird hier ein Einblick in die Weltsicht einer blauen WhatsApp-Gruppe gegeben. Ich habe irgendwann abgebrochen...

Kommentare:

  1. Ja, ich hab das alles wahrgenommen und es macht mich, wie vieles andere auch, ziemlich hilflos. Denn ich sehe nicht, wie ich selbst gegen solche Entwicklung dagegenhalten kann.
    Dazu bin ich als Randexistenz ja viel zu weit auszen vor.
    Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit sind inzwischen so ziemlich alles, was Politik bei mir noch auslöst. Die Illusion des irgendwie-ändern-Könnens ist längst passè. Wars eigentlich schon nach den ersten Jahren im vereinigten Deutschland. Inzwischen mag ich mich gar nicht mehr reindenken. Aus Selbstschutz oder Gleichgültigkeit oder wie immer Du das jetzt nennen magst -
    Liebe Grüsze
    Mascha

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mascha, du bist nicht alleine! Mach dich nicht schwächer als du bist! In Ostritz waren auch sehr viel mehr Gegendemonstranten als Braune! Gerade "Randexistenzen" können auf Solidarität derjenigen hoffen, die human sind und bleiben.
      LG

      Löschen
    2. Als es hier in meiner Kleinstadt noch Friedensbewegung (lang ist's her!) oder Demos gegen Hartz-IV gab... war ich immer dabei. Habe oft Plakate gestaltet, Aktionen vorbereitet, kreativ mitgedacht. Inzwischen gibt es solche organisierten wachsamen Menschen in meiner erreichbaren Nähe nicht mehr oder ich erfahre nicht von ihnen, DAS meinte ich (unter anderem)! Und ich bin auszerstande, selbst andre Menschen zu erreichen bzw. wieder zu mobilisieren.
      Mit solch diffusen Handliungsanweisungen (denn so verstehe ich es eigentlich) wie "Bürger seid wachsam" kann ich persönlich leider nicht viel anfangen.
      Auch das macht mich traurig.
      Schönen Dienstag Dir
      Mascha

      Löschen
  2. ich habe es gelesen Astrid und mir ging der Hut hoch wie man so schön sagt..
    was für eine bodenlose Frechheit und Arroganz ..

    ich kannte dieses Wort in meine Kindheit nicht ..
    doch ich kannte Behinderung wenn auch nicht viele solcher Menschen wohl übriggeblieben waren

    eine Spielgefährtin hatte eine Schwester..die Heidi
    sie konnte schlecht sprechen und war ungelenk .. und einmal hat sie mir einen Schlüssel auf den Kopf gehauen
    vielleicht habe ich sie irgendwie geärgert
    aber trotzdem habe ich weiter mit ihe gespielt
    meine Mutter besuchte eine ältere Frau mit ihrer verkrüppelten Tochter ..
    ihr Zustand war durch medizinische Versuche in der Nazzeit sehr
    verschlechtert worden.. sie war verkrümmt und verkrampft doch mit ihren verkrüppelten Händen häkelte sie z.B. Topflappen
    ich habe heute noch einen davon..
    auch konnte sie sich sehr schlecht artikulieren ..
    manchmal besuchte ich sie auch alleine ..sie freute sich immer sehr
    denn ihre eigene Mutter ging nicht gerade liebevoll mit ihr um
    sie hieß Martha
    mir werden grade die Augen feucht..
    einige Jahre betreute ich auch Heidi .. mit Enzephalitis .. ihre Mutter hatte sie da unehelich mit 14 in ein Heim abgegeben..
    sie hatte Volksschule .. konnte lesen und schreiben und war ein lieber Mensch mit einem trockenen Humor.. ich mochte sie sehr

    ich wünsche niemandem etwas Schlechtes..aber solche Leute die sowas verzapfen müssten es einmal am eigenen Leib erfahren wie es ist ein behindertes Kind zu haben

    haste noch ne Tüte übrig??

    ich wünsch dir noch eine schöne Woche

    LG
    Rosi

    AntwortenLöschen
  3. Brechtüte könnte ich auch brauchen.
    Danke an die Sozialverbände, dass sie diese Ungeheuerlichkeit öffentlich brandmarken und an Dich, dass Du das Thema hier aufnimmst.
    Einen weiteren Aspekt möchte ich dazu einbringen:
    Gerade war hier die bundesweite Messe von Behinderten-Werkstätten (sie nennt sich: Leistungsschau der Werkstätten für behinderte Menschen & Fachmesse für berufliche Teilhabe) und es war beeindruckend zu sehen, was sie alles herstellen und wie sie es präsentieren. Zurecht voll Wertschätzung für ihre eigene Arbeit.

    Ich schäme mich für diesen Antrag.
    LG Sieglinde

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Schämen sollten die sich, was sie ja - allbekannt - nicht tun, sondern sie steigern sich wieder in die Opferrolle hinein.
      Wir sollten wehrhaft sein. Eine "Ballastexistenz" kann jeder werden.
      LG

      Löschen
    2. Ja, da hast Du recht. Nicht ich sollte mich schämen.

      Wehrhaft klingt gut.
      LG Sieglinde

      Löschen
  4. vielen Dank für Deine wunderbaren Post´s ! Die immer wieder zum nachdenken anregen.


    LIEBE GRÚSSE anja

    AntwortenLöschen
  5. Ich brauche auch ne´ Tüte und zwar ne´ganz GANZ große.
    LG Sigi

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Astrid,

    endlich schreibe ich Dir nun einmal: vierenvielen Dank für Dein unermüdliches Einstehen und Schreiben für Menschlichkeit. Danke Dir sehr . Herzlichst Christiane

    AntwortenLöschen
  7. Ballastexistenz?
    Es gibt Wörter, die möchte ich weder kennen noch gebrauchen.

    Entsetzte Grüße
    Astrid rechtsrheinisch

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich hätte auf die Bekanntschaft mit solchen Wörtern auch gerne verzichtet, aber unendlich viel lieber auf diesen Teil der deutschen Geschichte...
      LG

      Löschen
  8. Liebe Astrid, ich habe heute Abend dreimal unsere Tageszeitung (WAZ) durchgelesen und keine Anzeige zu diesem wichtigen Thema gefunden. Danke, dass ich mich auf dich verlassen kann und du immerwieder auf die Problematiken aufmerksam machst. Es ist eine Schande, wie sich die Blauen und Braunen äußern und noch von ihrer Richtigkeit überzeugt sind!! Da kann auch kein Satz wie< denn sie wissen nicht was sie tun< entschuldigen!!!
    Ich bin entsetzt das so etwas heute noch als Gedanken existiert.
    Die dürfen nicht weiter machen.
    Hoffentlich kapiert das unsere aktuelle Politik !!! Und wir, die wir nur demonstrieren können.
    Danke und einen guten Abend
    heiDE

    AntwortenLöschen
  9. Inzucht, das ist und war ein Wort, das gibt es heute noch.Ich kenne es bis weit auch hierher, als ich noch mit der S-Bahn zur Arbeit gefahren bin, ist immer eine junge Frau mitgefahren, die in der Conterganzeit geboren wurde. Dieses Anstarren war für sie schon deprimierend und da sind schon so Worte gefallen. Dabei weiß man ja heute, dass die Sache mit dem Contergan gar nichts mit Inzucht zu tun hat.
    Ich war in Auschwitz-Birkenau und ich habe viel gesehen und ich habe gelesen, wie man mit dem Thema Inzucht umgegangen ist. Vielleicht sollten aber auch die Eltern hier etwas dagegen tun und ihre Kinder auch aufklären.

    Ich schreibe morgen bei Emma "fremdes" einen Post über Auschwitz, tja und auch das Publikum, das dort war, das war ja auch nicht gerade so, dass sie über manches nachgedacht haben.


    Danke für den Post lieben Gruß Eva

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Astrid, ich habe dank deinem Link den Artikel über die WhatsApp-Gruppe gelesen. Ich bin schockiert, sprachlos und fassungslos. Erstens, dass es eine derartige Gesinnung überhaupt gibt, dann dass sie so unverfroren formuliert wird, welche Bildsprache verwendet wird, welch hässlicher Humor, welch hässliche Fratze sich hinter Menschen verbirgt, wie frauenverächtlich kommuniziert wird (was zum Teufel denken sich die Frauen in dieser Partei?!?), wie erbärmlich und unmenschlich ... ach, ich kann mich gerade gar nicht beruhigen. Ich muss ehrlich gestehen, ich bin etwas weiter weg von der Deutschen Politik, lese da auch nicht jeden Tag Presse, aber dieser Artikel setzt allem, was ich bisher gelesen habe, die hässlichste aller Kronen auf! Und trotzdem bin ich froh, dass ich ihn gelesen habe. Weil es alle angeht. Auch ausserhalb Deutschland. Danke für deine Stimme.
    Herzlichst, Sibylle

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke! Ja, diese Mysogenie ist so abstoßend, das ich mir nur sehr schwer vorstellen kann, dass andere Frauen dahinter stehen.
      LG

      Löschen
  11. Die AfD findet ja, die politische Korrektheit gehöre auf den Müllhaufen der Geschichte. Man bekommt gleich eine Ahnung, wenn man gewisse Ansichten von AfD-Politikern oder deren Anhängern zu hören oder zu lesen kriegt. Danke für diesen ausgezeichneten Artikel!

    AntwortenLöschen
  12. liebe astrid, ich hatte schon vor tagen diesen beitrag von dir gelesen und war wirklich so schockiert, dass ich gar nichts dazu schreiben konnte. diese brechtütenwhatsapp hab ich auch abgebrochen, sie war für mich nicht zu ertragen. ich erinnerte mich beim lesen deines artikels auch an meine kindheit, wo es im dorf menschen mit behinderungen gab, denen übel mitgespielt wurde. ich schäme mich noch heute dafür, denn als kinder haben wir uns auch oft über sie lustig gemacht, bzw. hatten angst vor ihnen, weil viele erwachsene sie immer als böse und irre darstellten. schrecklich!
    danke, dass du wieder auf so etwas hinweist. ich habe es einigen leuten zur info weitergeschickt.
    liebe grüße mano

    AntwortenLöschen

Der Kommentar beim Bloggen ist wie der Applaus im Theater: Immer willkommen!
Beachte diesen Hinweis:
Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass der von dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Im Übrigen: Nur Kommentare mit Namensnennung werden von mir veröffentlicht.