Donnerstag, 12. Mai 2022

Great Women #299: Elisabeth Bergner

"Die Bergner" hieß es immer wieder in Gesprächen älterer Generationen und es klang bewundernd, anerkennend. Mehr wusste ich nicht. Jetzt im Rahmen des Angriffskrieges auf die Ukraine und der Attacken auf Lemberg/Lwiw kam irgendwann auch mal die Rede auf ihren Geburtsort ganz in der Nähe: Drohobytsch, einstens - von 1772 bis 1918 - Teil des österreichischen Kronlandes Königreich Galizien und Lodomerie, heute zur Westukraine gehörig. "Die Bergner" ist heute vor 36 Jahren in London gestorben. 

"Ich glaube, 
ich hatte ein großes Talent für Freundschaften 
und gar kein Talent für Liebschaften. 
Nur, bis man so etwas lernt über sich selbst, 
das dauert lange."

"Die Bergner" wird am 22. August 1897 als Elisabeth Ettel im erwähnten Drohobycz in Galizien ( ukrainisch Drogobych ) als Kind einer jüdische Familie geboren. Ihre Eltern, der Kaufmann Josef Ettel und seine Frau Anna Rosa Wagner, haben bereits eine Tochter, Theodora "Lola", ein Jahr nach ihrer Eheschließung 1893 in Wien geboren. Dort kommt auch zwei Jahre nach Elisabeth der Bruder Friederich "Fritz" zur Welt. Wieso kommt aber Elisabeth zu diesem Geburtsort mit dem seltsamen Namen?

"Als ich meine Mama fragte, wieso ich in Drohobycz geboren war, weil doch meine um vier Jahre ältere Schwester in Wien geboren war, da sagte sie einmal, es habe dort so eine wunderbare Hebamme gegeben. Ein anderes Mal sagte sie, sie habe einen Fluchtversuch aus der Ehe gemacht, der meinen Papa hätte zur Vernunft bringen sollen. (...) Sie hat mir auch erzählt, sie habe mich, vier Wochen alt, mitsamt einer polnischen Amme, die Hanja hieß, nach Wien gebracht, wo mein Papa mich sofort aus dem Fenster werfen wollte, weil ich kein Sohn war", wird sie später in ihren "Unordentlichen Erinnerungen" schreiben.

Die Familie Ettel lebt in Wien in der Leopoldstadt, genauer gesagt bis 1911 in der Josefinengasse  7, dann in der Nummer 2. Emil Bergner betreibt all die Jahre eine Manufakturwarenhandlung ebenfalls im Haus Nummer sieben. 

Die Eltern führen eine sehr unglückliche Ehe: "Ich kann mich an keine freundliche oder freundschaftliche Atmosphäre in meinem Elternhaus erinnern", schreibt sie später über die Beziehung ihrer Eltern. Immer ist es ums Geld gegangen. Ihr Vater habe nie an eines seiner Kinder das Wort gerichtet, es sei denn, "(...) mit sehr harter Stimme und im Befehlston: "Ruhe!" oder "Tür zumachen!" oder "Schmatz nicht so!""Über ihr Verhältnis zur Mutter lässt sie sich nicht aus.

Die Wohnung in der Leopoldstadt ist klein, zwei Zimmer nur, aber mit im Haushalt lebt eine Köchin. Elisabeth bekommt ab ihrem achten Lebensjahr Klavierunterricht, den sie hasst, sie hat eine Saisonkarte fürs Eislaufen und alle fahren jedes Jahr in die Sommerfrische - dennoch wird sie später ihre Familie als eher arm bezeichnen. Die Kinder haben sogar einen Hauslehrer, den in Bukarest geborenen, dreiundzwanzig Jahre alten Jacob Levy Moreno ( der später in die USA emigriert und dort Begründer der Gruppenpsychotherapie und Soziometrie wird ).

Vier Jahre bleibt der, und Elisabeth schreibt ihm ihre "geistige Geburt" zu. Moreno selbst vermerkt in seiner Autobiografie, dass Elisabeth ihre Mutter an den Rand der Verzweiflung gebracht habe, da nach deren Meinung diese eine "krankhafte Lügnerin und Unheilstifterin" gewesen sei. Er aber habe ihr "unglaubliches dramatisches Talent" gesehen und die Mutter zu einer entsprechenden Ausbildung ermutigt. Moreno geht mit den Kindern der Ettels in den Prater, nimmt auch welche von der Straße mit, und dort erfinden sie Geschichten & lernen Gedichte oder spielen unter seiner Anleitung Theater. Ihm verdankt Elisabeth ihre erste Rolle in Molieres "Eingebildetem Kranken".

1913 lassen sich die Eltern scheiden: Der Bruder bleibt beim Vater, die Töchter bei der Mutter, mit der sie nun in der Unteren Augartenstraße 26/22 im 2. Bezirk wohnen. Die Mutter lebt nun dafür, ihre Töchter gut unter die Haube zu bringen, was Elisabeth gar nicht passt. Sie möchte einen Beruf, keinen Ehemann, und schreibt sich schon vor der Scheidung in einer Schauspielschule ein, zum Entsetzen des Vaters. Doch sie setzt sich durch, obwohl sie zu jung für die Schauspielklasse am Konservatorium ist - wählt sie halt ein privates Institut! Das Schulgeld zahlt die Mutter und ein Onkel.

Die erste Rolle an der Schule ist die des Rautendeleins in Gerhart Hauptmanns "Die versunkene Glocke". Ihre spätere erste große Liebe Thomas Schramek und und ein weiterer Freund werden ihr als Nickelmann und Waldschrat zur Seite gestellt. Das Rautendelein verhilft ihr u.a. auch beim Vorsprechen 1912 am Wiener k.u.k. Konservatorium zu einem Platz, einem Freiplatz noch dazu, für Elly Bergner, Matrikelnummer 326, Religion: mosaisch, Schulbildung: Bürgerschule, wie es die Akte vermerkt.

"Die Unterrichtsfächer am Vormittag waren Italienisch, Französisch, Dramaturgie, Literatur, Fechten und Ballett. Der Nachmittag gehörte dem eigentlichen Schauspielunterricht. Den gab es aber nur zweimal in der Woche. Soweit ich mich erinnere, gab es drei Klassen, in drei Jahren zu absolvieren. Die erste und die zweite Klasse durften bei der Dritten zuschauen. Jeder durfte die Rollen lernen und vorbereiten, die er sich selbst gewählt hatte."

1915/16
Da hat Elisabeth in ihren drei Jahren am Konservatorium nur zwei Mal auf der Probebühne gestanden... 

Die Prüfung legt sie am 2. Juni 1915 mit der Note "Zwei" ab. Anschließend muss sie sich durch persönliches Vorsprechen bei Theaterdirektoren ein Engagement suchen. Elisabeth wird schließlich für die letzten vier Monate der Saison fürs Innsbrucker Stadttheater engagiert. Als sie aus Innsbruck zurückkehrt, will sie nicht mehr bei ihrer Mutter wohnen, sondern nimmt sich ein Zimmer in Döbling. Sie ist jetzt 19 Jahre alt.

Die Anfangszeit der Schauspielerin am Theater kommt keineswegs einem Triumphzug gleich. Sie  selbst hat Angst vor und auf der Bühne, stolpert, stürzt aus Nervosität. In Innsbruck ist es schwer für sie, sich zu beweisen, nur ein bisschen leichter in Zürich ab 1916, wohin sie letztendlich durch ein Gespräch mit  Alfred Reucker gelangt: "Freudentränen, tiefstes Glück. Und jetzt beginnt der erste Akt. Bis hierher war alles nur Vorspiel, Prolog." Zürich wird das Sprungbrett für sie wie viele andere Nachwuchstalente dank Reuckers exzellenter Ensemblezusammensetzung und seiner vielseitigen Repertoiregestaltung.

Dort lässt man sie also größere Rollen spielen und sie kann es. Dass sich Alexander Moissi - zwischen 1910 und 1930 der berühmteste Schauspieler im deutschsprachigen Raum -, in sie verliebt, kommt ihr schließlich gelegen: Der Star am Theater macht zur Bedingung seiner Zürcher Auftritte, dass sie an seiner Seite spielt ( im Übrigen wäre ihm das auch auch im Privatleben sehr recht, doch umsonst: die allseits begehrte Jungschauspielerin weist ihn zurück ). An seiner Seite  feiert sie ihren ersten kleinen Erfolge als Ophelia in "Hamlet". Mit der führenden Schweizer Bühne geht sie trotz des Krieges auf Tournee, gastiert in deutschen Städten und auch Wien. Sie spielt die Rosalinde in "Wie es euch gefällt" und freut sich, Familie & Freunde wiederzusehen. Anfang Mai 1917 finden zwei Aufführungen in Wien statt. Alfred Polgar endet seine Kritik mit dem Satz: "Es wetterleuchtet von Zukunft um diese Elisabeth."

Von links nach rechts: Alexander Moissi, Albert Ehrenstein, Wilhelm Lehmbruck

Noch in Zürich engagiert bekommt sie eine Anfrage aus Wien von der Neuen Wiener Bühne, ob sie die Lulu in "Die Büchse der Pandora" spielen würde. Fast euphorisch reist sie sofort ab. Die Stimmung ist mit einem Schlag vorbei, als sie ihr Hotelzimmer in unmittelbarer Nähe des Theaters bezogen hat. Da erreicht sie nämlich die Nachricht vom Selbstmord des in sie verliebten Bildhauers Wilhelm Lehmbruck, mit dem sie in Zürich bekannt geworden und dem sie Modell gesessen hat ( sie ist seine "Marja" gewesen ). Eines Tages hat er ihr mal gestanden, er habe sich bei einer Prostituierten infiziert, und sie angefleht: "Du bist der einzige Mensch, der mich retten kann." Auf der Fahrt mit dem Zug hat er ihr schon ein Telegramm übermitteln lassen: "Marja, wenn du mich retten willst, komm zurück!". Zuvor hat er sie auch immer wieder mal gefragt, warum sie nicht die Rolle der Ottegebe in Gerhart Hauptmanns Stück "Der arme Heinrich" spiele. ( Das ist die Jungfrau, die den kranken Ritter mit ihrer Liebe von seiner Krankheit erlöst. ) Elisabeth reagiert nicht. Umso betroffener ist sie von der Nachricht vom Suizid Lehmbrucks. 
Wilhelm Lehmbruck: Elisabeth Bergner

Thomas Schramek und der Dichter Albert Ehrenstein, ein weiterer glückloser Verehrer - "ein lieber, lieber Mensch" und "Tolpatsch", der "einfach immer dort war, wo ich gerade engagiert war" - sind so besorgt um Elisabeth, dass sie ihre Freundin, die sie beide vergöttern, zu Alfred Adler zwecks Therapie schleppen. 

Der reagiert ihr gegenüber so: "Und jetzt glauben Sie, Sie sind schuld? Das könnte Ihnen so passen." Und zu Ehrenstein: "Sie ist ein romantisches Kind, eitel ist sie sicher auch, wenn ihr alle hinter ihr her seid wie die Narren."

Ab dem 1. September 1919 wird sie festes Mitglied des Ensembles der Neuen Wiener Bühne für die Spielzeit 1919/20. In der Rolle der Lulu scheitert Elisabeth im Wien aufgeführten Zyklus, ihr wird aber Anmut & Reiz in der Kritik bescheinigt. Aber in ihrem zweiten Stück als Ensemblemitglied - "Die Sendung Semaels (Ritualmord in Ungarn)" von Arnold Zweig - übernimmt sie die Rolle des vierzehnjährigen Knaben Moritz Scharf. "Dieses Knaben Gestalt ist die zarteste und innigste Partie dieses grausamen Wirklichkeitsdramas", heißt es anschließend im "Neuen Wiener Journal" und Alfred Polgar lobt Elisabeth in den höchsten Tönen. Auch im nächsten Stück - "Einen Jux will er sich machen" von Nestroy - übernimmt sie wieder eine Hosenrolle. "Das talentierte Frl. Bergner ist selbstverständlich auch talentiert, wenn sie etwas nicht spielen kann", meint die "Wiener Allgemeine Zeitung" zu ihrem Auftritt.

Zum Jahreswechsel verlässt Elisabeth die Wiener Bühne aufgrund einer Empfehlung von Alfred Adler und wird Patientin in einer psychiatrischen Klinik, dem Sanatorium "Am Steinhof". Die Gründe dafür bleiben im Dunkeln, auch ihre Autobiografie gibt da nicht wirklich Aufschluss. Schon 1918 hat sie im bei Zürich gelegene Sanatorium Kilchberg Zuflucht gesucht. In einem Brief berichtet sie, dass sie dort die Elisabeth Bergner wie eine Glanzrolle spiele.

Am 19. Juni 1920 steht sie dann schon wieder auf den Brettern, die die Welt bedeuten, auf denen der Münchner Kammerspiele in Shakespeares "Ein Sommernachtstraum". Ein paar Tage vorher hat sie in einem Brief an Thomas Schramek geschrieben, dass sie es nie "für möglich gehalten (hätte), daß ich mich einmal so nach Steinhof sehnen werde."

Mit Paul Hartmann in "Der Evangelimann"
Dann folgt Berlin, wo sie ab 1922 die Theaterszene der folgenden zehn Jahre prägen wird, und der Film. Ihr erster ist der "Der Evangelimann", wo sie die bucklige Schneiderstochter spielt, und ab da wird sie fast jedes Jahr bis 1941 einen Film drehen. Glücklich scheint sie dabei nicht zu sein. Sie schreibt Thomas Schramek:

"Ich bin wie versteinert. Die ganze Nacht muss ich weinen und weiß mir garnicht zu helfen. Wenn ich nicht meinen Scheißfilm habe, gehe ich nicht aus dem Haus."
Ihr Durchbruch auf der Bühne wird markiert vom Shakespeare-Stück "Wie es euch gefällt" am Lessing-Theater in Berlin 1923 unter Victor Barnowsky.

"Wie sie als Junge sprach und als Mädchen kopierender Knabe und wieder als Frau -- und wie rein sie alle Töne brachte![...] Bergner! Bergner! rief die Galerie. Und wir, die wir dabei waren, nuckelten mit dem Kopf und segneten sie und wünschten ihr alles Gute. Betend, daß Gott sie erhalte, so jung, so schön, so hold. Und daß der Film ihr fernbleibe...", schreibt Kurt Tucholsky darüber in der "Weltbühne".

"Sexlos", schreibt der Kritiker George Salmony, "beherrschte sie das Hexeneinmaleins der Verführung." Mit 566 aufeinanderfolgenden Auftritten in dieser Rolle stellt sie einen Rekord auf. 


In Wien kann sie diesen Erfolg wiederholen, ja, das  Feuilleton überschlägt sich geradezu: "Sie ist aus Wien, sie ist aus Wien!" Prag & Budapest folgen. Auch bei weiteren Gastspielen in ihrer Heimatstadt  begeistert die "kindliche Süße der Bergner, ihr wissentliches Unwissend sein", und man ist irritiert davon, dass "diese zauberhafte Theaterelfe" nicht in Wien,  sondern erst in Berlin zum Star geworden ist.

Unter der Regie von Max Reinhardt feiert sie in Berlin nämlich Triumphe auf der Bühne. Sie spielt am "Deutschen Theater" die Jeanne d'Arc in "Die heilige Johanna" von George Bernard Shaw ( Premiere: 14.10.1924 ) - eine Rolle, die der Bergner auf den Leib geschneidert zu sein scheint, besteht doch auch der Autor darauf, die Rolle mit ihr zu besetzen. Dann die schöne Hai-tang in dem Märchenspiel "Der Kreidekreis" von Klabund im Oktober 1925 oder die weibliche Titelrolle in der Shakespeare-Tragödie "Romeo und Julia" 1928. Wie sie zu ihrer Rollenauffassung kommt, hat sie später in einem Interview so erklärt:
Paul Czinner
"Ich bin zu meinen Charakterisierungen ohne jedes Konzept gekommen. Ich habe nie ein Konzept gehabt und auf Proben nie viel gewonnen. Ich war nie eine Probenschauspielerin. Ich habe immer erst mit dem Publikum angefangen, eine Rolle zu formen, und dann war es da."( Quelle hier )

1924 bietet Paul Czinner, ein österreichisch-ungarischer Filmschaffender mit jüdischen Wurzeln in Berlin, Elisabeth die Hauptrolle in seinem Film "Nju" an. Ab da dreht sie nur noch Filme mit ihm als Regisseur. Alsbald wird aus der Arbeitspartnerschaft auch eine private, denn sie erlebt Czinner als "verkleideten Engel". Sie drehen gemeinsam noch vier Stummfilme, deren letzter 1929 auf Arthur Schnitzlers Novelle "Fräulein Else" basiert und dem recht widerstreitende Kritiken zuteil werden. Schnitzler ist übrigens ein guter Freund der Schauspielerin.

Der Übergang zum Tonfilm gelingt der theatererprobten Elisabeth ohne Mühen: In der Literaturadaption "Ariane" (1930/31) ist ihre Rolle die der russischen Studentin Ariane Kusnetzowa, die sich in einen älteren Lebemann, dargestellt von Rudolf Forster, verliebt, - ein großer Erfolg: 
„Man merkte den Intellekt. Man merkt ihn Anfangs besonders stark. Nicht anzuzweifeln, dass er der erste, der wuchtigste Motor dieser Schauspielerin war, die schon vor Jahren Theater zu spielen begann, da, dort, auch in Wien, ohne daß es unbedingt glückt. Da war eine Schauspielerin für das Fach der „Naiven“, sie erfüllte ihren Kontrakt, doch, wie die Juristen sagen würden, mit Mentalreservation. Sie radierte vorerst alles himmelblau weg. Sie erstickte die Konvention im Keim. Sie kurierte das Ach, das sie nicht sagt, das Oh das sie parodierte, aus einem Punkt: beim Gehirn." So steht es in der Kritik des Filmes in der "Neuen Freien Presse" 1926.

Elsa Lasker-Schüler stellt über die Bergner fest: "Sie dringt ins Herz – aber sie geht auch in den Kopf.

So sehr sie bewundert und geliebt wird, auf der Bühne wie im alltäglichen Leben, entzieht sich "die Bergner" jeder interpretierenden Festlegung. Ihre Lebensintensität lockt zwar Männer wie Frauen, Kollegen und Theater- wie Filmpublikum an - sie hingegen lässt jedoch keine einengende Nähe zu, ist schwer zu erreichen. Elisabeth wird als zugänglich wie ein "Banksafe" charakterisiert. Jedem Versuch, sie zum Sprechen über sich selbst & ihre Darstellungskunst zu bewegen, setzt sie stärkste Abwehr entgegen, zumindest beklagt sich die Presse darüber und attestiert ihr eine "unverhältnismäßige Unliebenswürdigkeit". Sie wird oft gemalt, Berühmtheiten widmen ihr Gedichte, Literaten und Kritiker lassen sich zu emphatischen Umschreibungen ihrer Kunst, ihres Wesens hinreißen, Zeitungen veröffentlichten intensive Porträtstudien. Privataufnahme gibt es hingegen so gut wie gar nicht von ihr. 

Porträts der Bergner von Bruno Krauskopf (links) und Emil Orlik
Der letzte gemeinsame Film des Gespanns Bergner/Czinner in Deutschland ist "Der träumende Mund",  eine deutsch-französische Koproduktion nach dem Stück "Mélo" von Henri Bernstein.

1932, auf der Höhe ihres Ruhms, sieht Elisabeth einem Filmvertrag in London entgegen: Ab August desselben Jahres soll sie dort unter der Regie von Paul Czinner für den Produzenten Alexander Korda in einem zweisprachigen Film auftreten. Zwischendurch kehrt sie im Rahmen eines Festivals im November für sieben Vorstellungen in Gerhart Hauptmanns "Gabriel Schillings Flucht" auf die Berliner Bühne zurück. Einer Verlängerung des Engagements stehen bereits die veränderten politischen Bedingungen entgegen, die Elisabeth zwar mitbekommen, jedoch nicht ernst genommen hat: Sie geht davon aus, dass der "Spuk" nach wenigen Wochen vorbei sein würde. Von der Leitung des Staatlichen Schauspielhauses wird ihr nahegelegt, an einem jüdischen Theater zu spielen.

Zur Zeit der "Machtergreifung" Hitlers hält sich das jüdisch-stämmige Paar wegen Besprechung neuer Projekte also in London auf, wo sie am 9. Januar 1933 heiraten. Zunächst kehren sie nach Wien zurück,  die Schauspielerin löst von dort aus ihre Verträge, dann geht es wieder nach London, wo Elisabeth schon im November des Jahres in Manchester in dem Schauspiel "Escape me never" von Margaret Kennedy auf der Bühne steht. Anders als die meisten Emigrantenkollegen, kann die Bergner sofort an ihre Berliner Theatererfolge anschließen und die nunmehr 36jährige entwickelt sich alsbald zum Liebling der Londoner Upper Class.

"Dreaming Lips"
(1939)
Im Jahr 1934 spielt sie Katharina die Große, eine Rolle, in der sie brilliert, im gleichnamigen Film ( engl. "The Rise of Catherine the Great" ) unter der Regie ihres Mannes. Ihr Partner ist Douglas Fairbanks jr. als Peter III. Der Film wird in Deutschland verboten. Das dortige Regime  macht  Elisabeth besonders wütend, weil sie andere berühmte Schauspieler ermutigt, Deutschland zu verlassen, ja,  ihnen sogar Geld schickt, um ihnen die Flucht zu ermöglichen.

Im nachfolgenden Film unter der Regie Czinners, der Bühnenadaption von "Verlass mich niemals wieder" ( "Escape me never", 1935 ), kommt sie nicht nur beim Publikum gut an. Sie wird sogar für den "Oscar" nominiert als "Beste Hauptdarstellerin" ( letztendlich gewinnt jedoch Bette Davis ). 1936 dann ist sie mit Laurence Olivier in der Shakespeare-Verfilmung "As You Like It" mit ihrer Paraderolle der Rosalind zu sehen, ein Jahr später in einem Remake von "Der träumende Mund" ( jetzt "Dreaming Lips" ).

Aus Deutschland ausgebürgert, nimmt Elisabeth 1938 die britische Staatsbürgerschaft an. Im folgenden Jahr können auch Elisabeths Mutter und ihre Schwester nach London emigrieren. 1940 übersiedelt das Paar in die Vereinigten Staaten, wo es 1942 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält.

In den USA muss Bergner ihre Karriere neu beginnen, während Czinner keine Schwierigkeiten hat, in Hollywood Arbeit zu finden. 1941 dreht sie nur einen Film, den Anti-Nazi-Streifen "Paris Calling", ansonsten ist die Theaterarbeit ihr Schwerpunkt, besonders auch im Tourneebetrieb. Unter anderem arbeitet sie mit Bertolt Brecht und W. H. Auden zusammen. Einen Broadway-Triumph erzielt sie schließlich in "The Two Mrs. Carrolls", das 1943/44 mehr als dreihundert Mal aufgeführt wird und ihr die "Delia Austrian Medal" der "Drama League of New York" einbringt.

Darüberhinaus engagiert sie sich für Flüchtlinge und unterzeichnet die Erklärung des "Council for a Democratic Germany".

Die Nachkriegsjahre gestalten sich dann für die Bergner wie für ihren Mann zunächst schwierig. Sie wird selten gecastet, und die Spannungen des Kalten Krieges und der McCarthyismus Ende der 1940er Jahre veranlassen sie schließlich, die Vereinigten Staaten zu verlassen. Mit Lesungen von Schnitzlers "Fräulein Else" und aus der Bibel besucht sie 1949 Deutschland und steht zum ersten Mal – sehr bezeichnend in "Die Frau ohne Alter" - wieder auf einer Berliner Bühne. Sie wird so stürmisch umjubelt, als ob der Krieg, die Vertreibung nie stattgefunden hätte. Dass sie in der Nazizeit nicht in Deutschland gewesen ist, weil sie Jüdin ist, wird nirgends erwähnt.

Da könnte man sie glatt mit der Garbo verwechseln
Im Winter des Jahres reist sie auf Einladung des Ohel-Theaters in den entstehenden jüdischen Staat. Sie  will zwei Wochen bleiben und sieben Lesungen geben, am Ende bleibt sie drei Monate und gibt 70 Vorstellungen. In seinem Roman "Lovely Malcolmia" erinnert sich S. Yizhar an seine Jugend & den Auftritt der Bergner und nennt sie in einem Atemzug mit der "göttlichen" Greta Garbo. ( Tatsächlich ist die Bergner der Garbo in Hollywood begegnet, bei einem Abendessen zusammen mit Erich Maria Remarque, bei dem ihr der Hollywood-Star tatsächlich Avancen gemacht hat.) 

In ihrer Autobiographie von 1978 schreibt sie, dass ihr religiöses Bewusstsein beim Lesen der Geschichten von Abraham, Jakob und Moses entstanden ist: "Ich wurde eine begeisterte Jüdin, was ich weiß Gott vorher nicht war." Über Albert Einstein hat sie Zugang zur Christian Science der Mary Baker Eddy gefunden, deren Interpretation der Bibel von traditionellen christlichen Kirchen abgelehnt wird.

Im Oktober 1950 kehrt das Paar Bergner/ Czinner nach London zurück, wo Elisabeth sich wohl fühlt. Aber als Schauspielerin benötigt sie einige Zeit, um sich wieder zu etablieren.

Ab März 1954 begibt sie sich dann mit dem Hamburger Tourneetheater "Der Grüne Wagen" und einer Inszenierung von Terence Rattigans "Tiefe blaue See" ( "The Deep Blue Sea" ) auf Tournee durch Deutschland, kehrt also auf die deutsche Bühne zurück. Im Theater am Kurfürstendamm ist am 26. 3. 1954  Premiere. Vom 29. bis 31. Oktober 1954 macht das Theater auch in ihrer Heimatstadt Wien in der Josefstadt halt. Elisabeth Bergner sei eine der wenigen Schauspielerinnen, der es beschieden sei, aus "Rattigans Schaufensterattrappe" eine beseelte Figur zu machen, heißt es da in zum Beispiel im "Neuen Österreich". 

1959 kommt es zur berühmten Bühnen-Uraufführung des Zweipersonen-Stückes "Geliebter Lügner" ("Dear Liar") nach dem Briefwechsel zwischen George Bernard Shaw und Mrs. Patrick Campbell mit O. E. Hasse als Partner in einer Inszenierung des Berliner "Renaissance-Theaters" ( auch als Hörspielfassung auf Schallplatte veröffentlicht ).

Einen ähnlichen Erfolg hat sie 1964 in Jean Giraudoux' "Die Irre von Chaillot" unter der Regie von Karl Heinz Stroux in Düsseldorf. Aus der Kinderfrau ist nun eine charmante, wenn auch manchmal unergründliche alte Dame geworden. 

1972 stirbt ihr Mann, mit dem sie nach eigener Aussage "die schönste Freundschaft ihres Lebens" verbunden hat.

1973 hat Elisabeth dann auch ihren letzten Bühnenauftritt in London in einer Produktion der Tragikkomödie  "Catsplay" von Istvan Örkeny. Beim Film/Fernsehen bleibt die nunmehr 76jährige aber noch fast zehn Jahre länger. 

Die schauspielerischen Fähigkeiten der Bergner werden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet: U.a. wird ihr 1962 als erster Schauspielerin der Schillerpreis der Stadt Mannheim verliehen, 1979 der Ernst-Lubitsch-Preis. 1980 verleiht ihr Österreich das Bundesverdienstkreuz für Wissenschaft und Kunst. 1982 bekommt sie den Eleonora-Duse-Preis in Asolo/Venetien. Im Berliner Stadtteil Steglitz an der Schildhornstraße wird ein Stadtpark nach ihr benannt. 

Mit Martin Held in "Der Pfingstausflug" ( 1978, links ), in "Der Garten" ( 1983 )











1985, bereits vom Krebs gezeichnet, reist sie nach Ost-Berlin, wo sie zum Ehrenmitglied des Deutschen Theaters ernannt worden ist und sie die nach einem ihrer guten Freunde benannte Hans-Otto-Medaille der Deutschen Demokratischen Republik in Empfang nimmt. Im April 1985 sendet der Österreichische Rundfunk einen bewegenden Lebensbericht. Ihre Memoiren sind bereits 1978 erschienen.

Elisabeth Bergner stirbt am 12. Mai 1986 88jährig in ihrem Haus am Eaton Square in London. Ihre Grabstätte befindet sich im Londoner "Golders Green Crematorium and Mausoleum".
"Der Rang Elisabeth Bergners als Filmstar wurde übertroffen von ihrer Bedeutung als eine der legendären deutschsprachigen Theaterschauspielerinnen des letzten Jahrhunderts. Von knabenhafter Gestalt, die Schultern etwas hochgezogen, spielte sie oft zarte, nervlich angespannte Frauen; ihr quirliges Wesen, der intellektuelle Nuancenreichtum ihres Spiels ließen jedoch nie vergessen, dass nicht der Film, sondern die Bühne ihr ureigenstes Medium war. Nach Zeiten fülliger Weiblichkeit schuf Elisabeth Bergner ein androgynes Schönheitsideal; ihr Repertoire reichte von kessen, koboldhaften bis hin zu anmutig-melancholischen Frauen und am meisten lagen ihr zerbrechliche Wesen, die Ehebruch, Unglück oder Tod heraufbeschworen", heißt es im "Lexikon der deutschen Film- und TV-Stars".

Leider ist die Vielgerühmte auf Bühne wie im Film/Fernsehen völlig an mir vorübergegangen. Hier kann man ihr ein wenig zuschauen bzw. zuhören und einen Eindruck von ihrer Stimme, Mimik & Gestik gewinnen.



 


 

 

3 Kommentare:

  1. sie kommt mir bekannt vor .. auf dem Ausschnitt im Interwiev..
    aber ich habe ja eh ein grottenchlechtes Namensgedächtnis ;)
    dass sie so berühmt war wußte ich allerdings nicht
    ein sehr interessantes Leben
    danke für die Biographie
    liebe Grüße
    Rosi

    AntwortenLöschen
  2. Ich kannte sie nur vom Namen. Ein tolle Karriere hatte sie und dass sie auch ziemlich früh wieder in Deutschland spielte, ist schon bemerkenswert.
    Auch wie sie später eine echte Jüdin wurde über die biblischen Texte, die sie beruflich las, finde ich spannend.
    Danke für dieses Portrait sagt
    Sieglinde

    AntwortenLöschen
  3. Der Name kam mir gleich bekannt vor, da ihn meine Mutter öfter mal erwähnt hatte. Ein spannendes und sehr bewegtes Künstlerinnenleben!
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen

Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass dieser und die personenbezogenen Daten, die mit ihm verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.

Auch wenn Google es nun begünstigt, anonym zu kommentieren, wünsche ich persönlich mir nach wie vor, dass ein Name am Ende des Kommentars steht. Eine Kommentarmoderation behalte ich mir, auch aus diesen Gründen, vor.