Donnerstag, 24. Oktober 2019

Great Women # 198: Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach

Weimar war unser erstes Ziel nach der "Wende" im deutschen Osten. Und wir waren begeistert. Aber richtig ins Herz geschlossen habe ich ihre Bibliothek: So unperfekt rococo und angeschrabbelt, so voller Bücherliebe und Papierduft! Und verglichen mit all den beeindruckenden Bibliotheken, die ich bis dahin besucht hatte, hatte sie etwas Persönliches, Feminines. Kein Wunder, war die herzogliche Bibliothek unter ihrer Regentschaft geplant & geschaffen worden: Die Rede ist von Anna Amalia, Herzogin von Sachsen-Weimar-Eisenach.

Anna Amalia kommt am am 24. Oktober 1739, heute vor 280 Jahren, als braunschweigische Prinzessin im Schloss Wolfenbüttel zur Welt, fünftes von dreizehn Kindern des Herzogs Carl von Braunschweig-Wolfenbüttel und der Herzogin Philippine Charlotte, einer Schwester des preußischen Königs Friedrich des Großen. Sie gehört damit dem alten, traditionsreichen Adelsgeschlecht der Welfen an, die sich u.a. auf Heinrich den Löwen, Herzog von Sachsen und von Bayern im 12. Jahrhundert, zurückführen, und für sie gilt von kleinauf: Adel verpflichtet. 

Das Fürstentum Braunschweig-Wolfenbüttel selbst ist nur 70 Quadratmeilen groß und zudem stark zersplittert, so dass sich Anna Amalias Vater außenpolitisch eng an Preußen anschließt und diese Verbindung dreifach durch entsprechende Eheschließungen absichert: Neben seiner eigenen Ehe durch die Heirat seiner Schwester Elisabeth Christine von Braunschweig mit Friedrich II. von Preußen bzw. seiner Schwester Luise Amalie mit dem Preußenprinzen August Wilhelm.

Schloss Wolfenbüttel ( Stich von Merian, 1654 )
Das Fürstentum wird in jenem Jahrhundert zum Zentrum der nordwestdeutschen Aufklärung: So lehren große Geister der Zeit, darunter der Theologie - Professor Johann Friedrich Wilhelm Jerusalemam Collegium Carolinum ( aus dem später die Technische Universität hervorgehen wird ) in Braunschweig. 
                                                                       Von Jerusalem wird Anna Amalia noch vor ihrem dritten Lebensjahr auf dem Schloss im Hauptfach Religion unterrichtet. Jerusalem ist seit 1742 allerdings hauptamtlich als Erzieher ihres Bruders, des Erbprinzen Karl Wilhelm Ferdinand, verpflichtet und zudem mit verschiedenen Aufgaben zum Predigtamt berufen worden.

Anna Amalia wird aber nicht nur in Religion unterwiesen, sie wird außerdem nach dem Vermitteln der elementaren Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen auch mit Geographie Latein, der englischen und deutschen Sprache, Geschichte, Naturwissenschaften und Mathematik vertraut gemacht und unterhält Unterricht im Zeichnen & Tanzen sowie in der Instrumenten- und Kompositionslehre. Ab 1748  wird das Mädchen zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Caroline vom Wolfenbütteler Hofkaplan Mittelstaedt unterrichtet, denn Mädchen wird kein eigens eingestellter Hauslehrer zugestanden. 

Die Erziehung der Prinzessinnen obliegt im Hause Braunschweig hingegen den dafür vorgesehenen Gouvernanten. Während der langwierigen morgendlichen Toiletten bringen sie den Prinzessinnen die Vorschriften des Hofzeremoniells bei, das in sechs dicken Bänden niedergeschrieben steht. Außerdem lehren sie Nadelarbeiten wie Filet- oder Gobelinstickerei ( Anna Amalia wird solchen Tätigkeiten auch als Erwachsene nachgehen, während sie sich vorlesen lässt ).

Der Vater verfolgt nie den Unterricht der Töchter, die Mutter immerhin den für wichtig erachteten Tanzunterricht. Außerdem nimmt sie mindestens einmal am Tag mit ihren Kindern eine gemeinsame Mahlzeit ein. Mit neun Jahren erhält Anna Amalia zudem Klavierunterricht vom Kapellisten und Kammermusikus J. Gottfried L. Schwanenberger.

Eine gute Bildung wird von den Eltern als wichtige Voraussetzung für eine vorteilhafte Heirat angesehen, auf die ein kleines Fürstentum wie Braunschweig - Wolfenbüttel in besonderem Maße angewiesen ist. Die Mutter Anna Amalias hat selbst schon eine gute Ausbildung erfahren und verfügt über eine ausgesuchte Bibliothek ( zu der die Kinder Zugang haben ), kauft zusammen mit ihrem Mann Bilder & Plastiken für ihre Kunstsammlungen und pflegt mit ihm das gesellschaftliche Leben. Das bedeutet auch, dass sie ihre Liebe zu Musik und Theater in der Hofoper mit "wohlgekleideten Personen" aus dem Bürgertum teilt. Auch fördert sie die deutsche Literatur, während in der Konversation am Hofe das Französisch noch vorherrscht ( Anna Amalia wird zeitlebens besser Französisch als Deutsch sprechen und schreiben ).

Der gemeinsame Unterricht mit der großen Schwester führt bei der jüngeren Anna Amalia zu einem Gefühl der eigenen Minderwertigkeit: Diese Schwester, gewitzter, klüger und zudem schöner, tritt viel selbstsicherer auf und steht immer im Vordergrund! In ihrer späteren kleinen Autobiographie von 1774 wird Anna Amalia aufschreiben, wie ungeliebt sie sich gefühlt hat, dass sie sogar als "Ausschuß der Natur" von der Mutter und von ihrer Großmutter "unansehnlich" bezeichnet worden ist: 
"Ein feines Gefühl, welches ich von der Natur bekommen hatte, machte, daß ich sehr empfindlich die harten Begegnungen fühlte. Es brachte mich öfters zur Verzweiflung sogar, daß ich einmal mir das Leben nehmen wollte. Durch diese harte Unterdrückung zog ich mich ganz in mich selbst, ich wurde zurückhaltend: ich bekam eine gewisse Standhaftigkeit, die bis zum Starrsinn ausbrach. Ich ließ mich mit Geduld schimpfen und schlagen, und tat doch so viel wie möglich nach meinem Sinn."  ( Quelle hier)
In seinem Bericht an die fürstlichen Eltern schreibt Jerusalem über die damals fünfzehnjährige Anna Amalia: ^
"Glauben Sie aber jetzt nicht, dass ich Ihnen dieserwegen Recht gebe, Ihre Schwester Amélie ihr nachzusetzen. Sie müssen wissen, dass diese von ihrem 2en Jahre an meine heroine gewesen ist. Sie sollen auch Ihren caracter kennen. Sie hat die brillante Lebhaftigkeit nicht, aber eben den soliden Verstand, die feine Empfindung, das edele Hertz. (...) Sie wird daher vielleicht nie von allen gekannt werden, den sie wird auch ihre Wolthaten verbergen, aber denen, die das Glück haben ihr nahe zu seyn, wird sie allemal unendlich schätzbar seyn.(...)"
Das mag positiv erscheinen, doch vergleicht man das mit dem "Zeugnis" für die Schwester, schneidet Anna Amalia wieder schlechter ab. Eine andere Quelle aus den Kindertagen zeigt das Dilemma der kleinen Prinzessin, die sich wohl immer angesichts mangelhafter Lernerfolge meint rechtfertigen zu müssen und  die sich doch nichts sehnlicher wünscht als die Liebe ihrer Eltern, in diesem Fall des Vaters, dem sie im August 1748 folgendes Glückwunschschreiben zum Geburtstag überreicht: 
"Mon très chèr Papa. Je ne puis vous présenter les prémices de ma plume dans un tems plus favorable, qu’en vous rendant les justes devoirs digne de l’honneur que j’ai d’être un très profond respect, Mon très chèr Papa, (…).".
Mit der Konfirmation gilt im 18. Jahrhundert eine protestantische Fürstentochter als erwachsen und somit heiratsfähig. Wenige Monate nach Anna Amalias Konfirmation am 28. Dezember 1754 in der Schlosskirche zu Wolfenbüttel nimmt der Direktor des Obervormundschaftskollegiums des Hauses Sachsen - Weimar - Eisenach im Namen des unmündigen Prinzen Ernst August Constantin von Weimar mit Anna Amalias Vater Kontakt zwecks einer Eheschließung auf. 
Herzog Ernst August II.
von Sachsen-Weimar-Eisenach
Als am 19. Januar 1748 der Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar gestorben ist, hat er seinen damals elfjährigen Sohn Ernst August II. Constantin als Waise zurückgelassen ( und dazu ein stark verschuldetes Fürstentum ). Der Junge wächst unter seinem Vormund Graf Heinrich von Bünau in Gotha auf. Da der Prinz häufig krank ist und man seinen baldigen Tod befürchtet, er selbst aber auch bald einen Nachkommen zeugen will, um sein Duodezfürstentum nicht der Verwandtschaft in Sachsen-Coburg-Gotha & Sachsen-Coburg-Saalfeld anheim fallen zu lassen, die schon darauf lauern. Von Weimar aus bemüht man sich alsbald, die vorzeitige Volljährigkeitserklärung durch den Kaiser in Wien für Ernst - August zu erhalten und ihm dadurch auch eine Heirat zu ermöglichen. Nachdem Ernst - August 1755 die Regierung im Fürstentum Sachsen-Weimar übernommen hat, begibt er sich auf Freiersfüße...
Im Februar 1756 zu Lichtmess reist der 18jährige Herzog mit dem Grafen Bünau & weiteren 40 Personen unter einem Vorwand nach Braunschweig. Am 20. Februar macht er seinen Heiratsantrag und am 16. März soll schon die Trauung sein. Es löst durchaus Erstaunen aus, dass ein kaisertreuer Fürst um eine Prinzessin aus einem dem preußischen König verpflichteten Hause anhält, doch es scheint tatsächlich ein strategischer Schachzug zu sein. Und Anna Amalia? Die kommentiert später die dreiwöchige Verlobungszeit plus Vermählung so: 
"In meinem 16ten Jahre wurde ich aus denen harten Banden erlöset. Man verheirathete mich so wie gewöhniglich man Fürstinen vermählt. Sie werden glauben, da ich nun aus denen Feßeln befreiet war, müße ich gewesen seyn wie ein junges Füllen, welches seine Freyheit bekomt; nichts weniger: ich fühlte mich vielmehr wie eine Person, die nach einer großen ausgestandenen Kranckheit in ihrer Gefesung (= Genesung ) sich noch kraftloß fühlet.
Weimar im 17. Jahrhundert
Bevor drei Tage lang im Grauen Hof in Braunschweig gefeiert wird, wird in einem Ehevertrag ausgehandelt, welche Mitgift Anna Amalia mitbringt ( 18 000 Taler, die von der Bevölkerung als Prinzessinnensteuer aufgebracht werden muss ), wie hoch ihre jährlichen Einkünfte sein werden ( 6000 Taler ), welche Morgengabe sie vom Bräutigam bekommt ( 5000 Taler ) und wo sie später als Witwe leben soll. Auch verzichtet sie in dem Vertrag auf Erbansprüche  ihrer künftigen Söhne in Braunschweig - Wolfenbüttel, und man legt fest, welchen Hofstaat sie in ihr neues Zuhause mitnehmen darf. Dann reist das Paar am 20. März gen Weimar.

Welch ein provinzielles Nest zu jener Zeit! Schmutzig, mittelalterlich! Ein verwahrlostes und verschuldetes, räumlich zerklüftetes 36 Quadratmeilen großes Fürstentum mit ungefähr 100 000 Einwohnern, wirtschaftlich wenig gesegnet! Diese fremden Menschen, die Anforderungen der neuen Aufgabe als Herzogin, die Hofintrigen! Glücklicherweise erfüllt sie nach über einem Jahr ihre vornehmste Aufgabe, als sie am 3. September 1757 einem Knaben, Carl August, das Leben schenkt.

Weil Anna Amalia aber nicht gewillt ist, sich am Weimarer Hof zum Narren halten oder impertinent behandeln zu lassen, sucht sie den Rat des Vaters. Besonders der Graf von Bünau, nun Premierminister im Herzogtum, hält das junge Paar in "Sclaverey", und Anna Amalia fühlt sich ständig manipuliert.

Dazu kommen die komplizierten politischen Verhältnisse beim Siebenjährigen Krieg zwischen Preußen und der kaiserlichen Habsburgermonarchie. Schließlich wird Ernst August II. Anfang 1758 auch noch so krank, dass man seinen baldigen Tod befürchten muss. Graf von Bünau entwirft daraufhin ein Testament, welches beinhaltet, dass Anna Amalia als Regentin der König von Dänemark zur Seite gestellt werden und der Graf selbst eine mächtige Schlüsselstellung übernehmen soll. Darüber informiert sie ihren Vater, und der schickt seinen besten Mann, den Vizekanzler Georg Septimius Andreas von Praun, nach Weimar ( fünfzehn Monate wird er dort als guter Geist wirken ). Der erarbeitet mit einem Gegner Bünaus einen neuen "Letzten Willen" des jungen Herzogs. Zwei Monate vor seinem Tod unterzeichnet der diese Fassung des Testaments. Am 28. Mai 1758 stirbt er, gerade mal zwanzig Jahre alt. Die junge Herzogin ist da wieder schwanger.

Anna Amalia scheint aber bald ihre Fassung wiedergefunden zu haben. Ihr Vater steht als vorläufiger Landesadministrator an ihrer Seite, ihre Mutter später bei der Geburt des zweiten Sohnes Constantin im September. Schon vorher, im Juni, hat die Achtzehnjährige vom Kaiser die Volljährigkeitserklärung erhalten und die Konflikte mit der "Verwandtschaft", die das Testament anficht, geht die junge Frau mit einem regem Briefwechsel an. Später wird sie schreiben: 
"In meinem 18ten Jahre fing die größte Epoche meines Lebens an. Ich wurde zum zweitenmal Mutter, wurde Witib, Obervormünderin und Regentin. Die schnellen Veränderungen, welche Schlag auf Schlag kamen, machten mir einen solchen Tumult in meiner Seele, daß ich nicht zu mir selber kommen konnte. (...) kein Freund, vor den ich mich aufschließen konnte. Ich fühlte meine Untüchtigkeit, und dennoch mußte ich alles in mir selber finden."
Zuflucht sucht sie im Gebet - damals ist sie noch recht religiös - und in ihrer Familie in Wolfenbüttel, von der sie jegliche Unterstützung erhält.

Am 9. Juli 1759 übernimmt sie im Alter von 19 Jahren dann von Graf Bünau, der vor Ort stellvertretend für ihren Vater die Regierungsgeschäfte wahrgenommen hat, die Regentschaft. In ihrer Regierungserklärung, im Wesentlichen von von Praun verfasst, heißt es:
"Die Regentin will nach dem Exempel Ihres hochverehrten Vaters Gnaden sich die Mühe nicht verdrießen lassen, alles mit eigenen Augen zu sehen, Ohren zu hören, und einem jeden aufmerksames Gehör geben.
Schloss Ettersburg
Ihre Regierungstätigkeit muss die junge Herzogin gleich mit Einsparungsmaßnahmen beginnen, um die Folgen früherer Misswirtschaft zu beheben. Gleichzeitig rät ihr von Praun in Absprache mit ihrem Vater aber den Hofetat zu erhöhen, da dem recht kleinen Hof mehr Ausstrahlung gut täte ( Anna Amalia wird auch immer wieder aus ihrer eigenen Schatulle Geld dafür zuschießen, weil der Etat oft nicht reicht ). Als von Praun aus Weimar abreist, lässt er der Unerfahrenen seine Aufzeichnungen über die Bedingungen einer guten Regierung zukommen.

Anna Amalia beginnt auch, den Kreis der Menschen um sie herum, zu beeinflussen und zu verändern. So kommt die spätere Charlotte von Stein als Hofdame zu ihr, und sie verbündet sich mit den Gegnern von Bünaus, den sie auf Dauer wegen seiner eigenmächtigen Entscheidungen ausschalten will. Einer der Ratgeber des Geheimen Consiliums, Johann Poppo Greiner, erhält später gar den seltenen Ehrentitel "Freund" von ihr. Tatsächlich gelingt es ihr noch im ersten Jahr ihrer Regentschaft Bünau als Ersten Minister zu entlassen, was sie als einen ersten Erfolg ansieht. Den Grundwiderspruch zwischen den Repräsentationsbedürfnissen ihres Hofes und der Notwendigkeit der Sanierung der Staatsfinanzen kann sie indes nicht lösen.

Erfolgreicher ist sie auf anderem Gebiet: In einem persönlichen Gespräch mit ihrem Onkel, dem großen Friedrich, gelingt es ihr immerhin 1762 die von ihm geforderte Zahl der Soldaten ihres Ländchens für den Siebenjährigen Krieg zu reduzieren. Und mit dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen im Jahr darauf kann sie sich wieder von der Außenpolitik ab- und mehr der Innenpolitik zuwenden. Reformpolitisch tritt die junge Regentin eher wenig in Erscheinung: Sie kümmert sich allerdings um eine Verbesserung des Schulwesens, versucht mit der Einrichtung einer Freischule die Lebensumstände der ärmeren Bevölkerung zu verbessern, fördert die Universität in Jena, die der Kleinstaat zusammen mit Coburg, Gotha und Meiningen unterhält, und zeigt mehr Toleranz gegenüber den Katholiken in ihrem Fürstentum.

Schloss Belvedere
Als Regentin und zugleich alleinerziehende Mutter muss sie auch Entscheidungen bezüglich der Ausbildung ihrer eigenen Söhne treffen. Wesentliche "Grundpfeiler" sind allerdings schon durch das Testament ihres Mannes vorgegeben: Obwohl sie die Geburt ihres ersten Sohnes als "die erste und reinste Freude, die ich in meinem Leben hatte" bezeichnet, ist es klar, dass die Kinder zwar zunächst von Kammerfrauen umsorgt in ihrer Nähe bleiben, aber ab dem vierten Lebensjahr durch einen Hofmeister erzogen werden, in diesem Falle Graf von Schlitz, genannt Görtz, einem gerade 24jährigen Adeligen, den sie noch in Braunschweig kennengelernt hat, und räumlich von ihr getrennt wohnen werden: Die Prinzen leben mit ihrem Erzieher auf Schloss Belvedere. Obwohl Görtz ihre erste Wahl gewesen ist, gestaltet sich ihre Beziehung zu ihm schwierig ( und sie wird ihn sofort  nach der Volljährigkeit ihrer Söhne entlassen ). Vor allem die späteren Abnabelungsprozesse ihres ältesten Sohnes werden ihr als Mutter sehr zusetzen.

Anna Rosina de Gasc:
Anna Amalia von Wolfenbüttel - Braunschweig und ihre beiden Söhne
(1773)
Wichtig ist Anna Amalia - trotz der finanziellen Misere ihres Herzogtums - die Förderung von Kunst und Wissenschaft, und ab 1761 betreibt sie das Projekt einer Auslagerung der fürstlichen Bibliothek mit immerhin 30 000 Büchern aus der Wilhelmsburg und die Umgestaltung des "Grünen Schlößchens", ein fürstliches Wohnhaus der Renaissance, zum Bibliotheksgebäude. Ihr Interesse an den Umbauplänen und den Kostenvoranschlägen trifft zumindest auf Erstaunen, traut man einer Frau kein Verständnis für Architektur zu. Nicht nur das Raumkonzept und die klassizistische Ausgestaltung ist ihr Ding, auch zeigt sie keine Berührungsängste mit dem Bürgertum, schmückt den Bibliothekssaal mit Bildnissen bürgerlicher Zeitgenossen und öffnet die Einrichtung auch für die Allgemeinheit. Nach dem Ende ihrer Regentschaft wird sie ihre eigene, schätzungsweise 5000 Bücher umfassende Bücherei in dieser Bibliothek unterbringen.

Johann Ernst Heinsius:
Anna Amalia von Sachsen
(1773)
Sicherlich hat die junge Regentin während ihrer "obervormundschaftlichen Regierung" von 1759 bis 1775 damit zu kämpfen gehabt, dass man sie als Frau nicht für voll nimmt:

So findet die sonst zu Beginn einer Herrschaft übliche Erbhuldigung der Landstände nicht statt, womit zum Ausdruck gebracht wird, dass man sie als Ersatz ansieht und von ihr kein eigenes politisches Profil erwartet. Schließlich beschränkt sie sich auch selbst und nimmt nicht mehr am Geheimen Consilium teil, sondern begnügt sich mit der Einsicht in Bittschriften, fürstliche Kanzeleischreiben und Briefe der auswärtigen Gesandten.

Eine zutage tretende Misogynie der Freimaurerloge, der ihr Minister von Fritsch angehört, dürfte auch Grund für ihr dauerhaftes Mißtrauen ihm gegenüber sein, ist ihr jegliche Männerbündelei doch suspekt. Sie selbst hegt Sympathien für einen geschlechtsübergreifenden, die Freimaurer parodierenden "Mopsorden" und lässt sich öfter mit deren Abzeichen, dem Mops, abbilden ( siehe links unten in der Ecke ):

Wie sie auf die Ablehnung der Bevölkerung einer Maßnahme, die Frauen zugute kommen sollte, reagiert hat, habe ich nicht herausgefunden:

Die Wilhelmsburg nach dem Brand
1769 soll in Jena eine Hebammenschule mit angeschlossenem Entbindungsheim, besonders für "ledige Mütter", eingerichtet werden. Die dafür von der Bevölkerung erhobene Abgabe, der Hebammengroschen, führt zu reichlich Unmut,  auch weil das Vorhaben als unschicklich gilt.

Es wird abgeblasen, 1774 aber wieder im Rahmen umfassender Maßnahmen wie der unentgeltlichen ärztlichen Versorgung armer Menschen aus der Schublade gezogen. Diese "Beglückungsmaßnahme" wird aber von den Untertanen nicht als solche verstanden. Als selbst die Viertelsmeister, die das Geld eintreiben müssen, sich weigern und festgenommen werden, kommt es zu einem bürgerkriegsähnlichen Tumult. Ausgerechnet am Tag danach brennt das Weimarer Schloss. Der Nord- und der Westflügel mit Schlosskirche, Hoftheater und Bilderkammer wird zerstört. An Brandstiftung will man in Weimarer Regierungskreisen dennoch nicht glauben.

Als Anna Amalia am 3. September 1775 ihrem Erstgeborenen die Regierungsgeschäfte übergibt - 16 Jahre, nachdem sie sie selbst übernommen hat - ist sie knapp 36 Jahre alt. Sie hinterlässt ihm ein relativ schuldenfreies und gut verwaltetes Herzogtum und hat mit ihren wesentlichen kulturellen Akzenten während ihrer Regentschaft und den Modernisierungen der mittelalterlichen Stadt die Grundlagen gelegt für das Weimar, dessen Ruhm als geistiges und kulturelles Zentrum bis in unsere Tage reicht. Nun kann sie, von ihren Pflichten entbunden, ein Eigenleben führen und sich ganz auf ihre vielfältigen Interessen konzentrieren.


Tiefurt
Tuschezeichnung von 1793
Vom Sohn gebeten, nicht den im Testament vorgeschriebenen Altersruhesitz auf Gut Allstedt einzunehmen, sondern das von ihm von Minister von Fritsch erworbene Palais ( das künftige "Wittumspalais" ) neben dem Franziskanerkloster zu beziehen, macht sie sich daran, Haus und Garten nach ihren Bedürfnissen gestalten zu lassen. Darauf verwendet sie viel Zeit, Ideen und Geld. Ihr Einrichtungsstil wird vor allem in der klassizistischen Epoche weit über Weimar hinaus richtungsweisend ( später wird er im "Journal des Luxus und der Moden" des Friedrich Justin Bertuch veröffentlicht ).

An ihrem Sommersitz in Ettersburg lässt sie einen englischen Landschaftsgarten anlegen. Und ab 1781 konzentriert sie sich ganz auf das eher bescheidene Pächterhaus in Tiefurt.


Diese Häuser bieten den passenden Rahmen für die unterschiedlichen Geselligkeitsformen, die die Herzogin so schätzt. Neben ihrem Witwenhofstaat von ca. vierzig Personen umgibt sie sich mit vielen, bis heute berühmten Zeitgenossen:


Anna Amalia ( rechts ) und Luise von Göchhausen
Getuschte Silhouette ( um 1780 )
1974 ist als neuer Prinzenerzieher für den jüngeren Sohn neben Görtz und Wieland ein dreißigjähriger Schöngeist und einstiger Soldat nach Weimar gekommen, Carl Ludwig von Knebel, der Anna Amalia, aber auch der sog. Partei "der aufgehenden Sonne" um ihren Sohn Carl August, gut gefällt. Zwar begründet er zunächst nur eine offene, eher liberal gesinnte Tafel um den Prinzen Constantin, doch bald wirkt er ebenso in Anna Amalias Kreis. Dem gehört der Schauspiele, Lieder, Singspiele & Geschichten verfassende Oberhofmeister Friedrich Hildebrand von Einsiedel wie der Laienkomponist Karl Siegmund von Seckendorff, eigentlich Kammerherr, sowie als neue Hofdame die äußerst witzige & scharfzüngige junge Luise von Göchhausen an. Dieser Kreis vergnügt sich auf Festen, aber auch bei volkstümlichen Geselligkeiten wie den Karnevalsumzügen, die um der repräsentativen höfischen Selbstinszenierung mehr zu entsprechen später in Maskenumzüge umgewandelt werden, Schlittenfahrten, Expeditionen aufs Land und ist besonders an lebhaften Auseinandersetzungen über Kunst und Wissenschaft interessiert.

Noch zu ihren Regierungszeiten hat die Fürstin bedeutende Bildende Künstler an den Hof binden können. Unter der Regentschaft ihres Sohnes kommen nun - neben dem bereits seit 1773 in Weimar lebenden Christoph Martin Wieland - 1775 Johann Wolfgang Goethe ( im Jahr darauf dann schon Geheimer Legationsrat), Johann Gottfried Herder, ab 1776 Generalsuperintendent der Stadt, und später Friedrich Schiller, ab 1789 Professor in Jena, dazu und spielen auch in Anna Amalias "Tafelrunde" eine bedeutende Rolle, ebenso die Kammersängerin und Schauspielerin Corona Schröter ab 1776. Es wird diskutiert, Theater gespielt und in Tiefurt eine Zeitung, das "Tiefurter Journal" verfasst, herausgegeben als Reaktion auf ein Pamphlet ihres Onkel Friedrich des Großen über die deutsche Literatur, das die Gedichte Goethes jener Tage enthält.

Carl Ludwig von Knebel, Friedrich Schiller, Corona Schröter, Johann Gottfried Herder, Christoph Martin Wieland
Anna Amalias "Musenhof" beschreibt Wieland so: "... eine Anstalt zur Beförderung der Fröhlichkeit und guten Laune, wo geklimpert, gegeigt, geblasen und gepfiffen wurde, dass die Engel im Himmel ihren Spaß daran hatten." ( Quelle hier )

So ganz anders klingt es bei ihrem Kammerdiener von Lynker: "Zur Mittwochstafel der Herzogin wurden nur einer oder zwei von Adel, jederzeit aber mehrere schöne Geister eingeladen. Goethe, Wieland und Herder gerieten regelmäßig in lebhaften Streit; von Knebel und Einsiedel nahmen dann Partei. So entstand ein zwar an sich interessantes, aber oft solch lautes Gespräch, dass die Herzogin, Mäßigung gebietend, zuweilen die Tafel früher aufheben musste." ( Quelle hier )

Ihr Sohn, der junge Herzog, eher literaturfremd, steht währenddessen dem Treiben seiner Mutter mit distanziertem Wohlwollen gegenüber.

Jeden Mittwochabend - später wird es der Montag sein - trifft man sich im sog. Tafelrundenzimmer im Wittumspalais zu gemeinsamer Lektüre, zum Vorlesen und Rezitieren, zu Musik, Vorträgen und anschließender Diskussion. Der Maler am Weimarer Hof, Georg Melchior Kraus, hat es in diesem Bild festgehalten, Anna Amalia stickend im Zentrum:





Annette Seemann bescheinigt der Herzogin in ihrem Buch:
"Anna Amalias Gesellschaftsbegriff war durchlässig. Es war nicht nötig, mit Adelsprädikat auf der Brust bei ihr zu erscheinen. Man musste sich allerdings für Künste und/oder Wissenschaften interessieren, wenn man bei ihr reüssieren wollte."
Wichtig ist ihr bei ihren Beziehungen zu Menschen, auch die eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten erweitern zu können, zu üben und mit anderen zu teilen. Sie praktiziert die bereits erlernten Sprachen, nimmt zusätzlich Italienisch-, Latein- und Griechischunterricht, lässt sich im Zeichnen unterrichten und perfektioniert ihr Klavier- und Cembalospiel, schreibt eigene Kompositionen und beschäftigt sich leidenschaftlich mit Büchern, die sie nicht nur liest, sondern auch exerpiert und übersetzt.

Mit dem jungen Goethe - er ist 26 Jahre alt, als er an den Weimarer Hof kommt - hat die Herzoginmutter alsbald ein enges Verhältnis, bedingt durch die gemeinsame Liebe zu Literatur und Theater. In  ihrem "Lieberhabertheater", einer Bühne ohne festen Sitz, oft auch an der freien Luft, nachdem die Bühne im Schloss ja schon 1774 durch den Brand zerstört gewesen ist - werden Stücke von Goethe, Lessing, Schiller aufgeführt, ergänzt durch Leseabende, an denen auch Stücke von Shakespeare rezitiert werden.

Ob mehr hinter dieser Beziehung gesteckt hat, ist seit über zwanzig Jahren wieder Gegenstand von Spekulationen. Seit der Veröffentlichung von Goethes Briefen an Charlotte von Stein, der Hofdame Anna Amalias, im Jahre 1848 vertreten die Biographen die Ansicht, dass dieser in seinen ersten zehn Jahren in Weimar die für ihn unerreichbare Hofdame geliebt habe, und halten seitdem an der "mysteriösesten Liebesgeschichte der Weltliteratur" fest.


1995 stellt der Publizist Manfred Dimde in seinem wenig beachteten Buch "Goethes geheimes Vermächtnis" die These auf, dass hingegen Goethe und Anna Amalia ein Paar gewesen seien und Charlotte von Stein nur ihr "postillon d’amour". Aber erst der Italiener Ettore Ghibellino vermarktet 2003 diese These medial geschickt mit seinem Buch "J. W. Goethe und Anna Amalia - eine verbotene Liebe?" und bringt die germanistische Fachwelt, aber auch die Vertreter der "Klassik Stiftung Weimar", gegen sich auf. Weitere Veröffentlichungen anderer Autoren treiben die Geschichte weiter auf die Spitze.

Die Tatsache, dass der Briefwechsel zwischen Goethe und Anna Amalia vernichtet worden ist, lässt viel Raum für solche Überlegungen, ebenso die von der Stiftung buchstabengetreu herausgegebenen Tagebuch-Einträge Goethes von 1776 - 82 - eine historisch - kritische Ausgabe sieht normalerweise anders aus, finde ich! Aber so wie diese Auseinandersetzung geführt wird, werden wir so bald nicht erfahren, was an der "l'amour secret"  dran ist...

Goethe entweicht den diffizilen Verhältnissen in Weimar schließlich 1786 nach drei vergeblichen Anläufen und lebt für fast zwei Jahre in Italien. Anna Amalia tut es ihm später gleich und verbringt die Jahre 1788 bis 1790 in Rom und Neapel. Animiert ist sie sicher auch durch die Schwärmereien ihres Bruders Maximilian Leopold und ihres Onkels Ferdinand von Braunschweig, bestärkt aber vor allem durch die Erkenntnis, dass ihre musikalischen Interessen, besonders das fürs Musiktheater, in Weimar zu kurz kommen. Und eine Modeerscheinung ist eine solche Reise unter Gebildeten & Wohlhabenden jener Tage auch...

Für eine verwitwete protestantische Fürstin jener Zeit ist eine solche Reise ungewöhnlich, und Anna Amalia muss ab der ersten geäußerten Idee zwölf Jahre lang die ganzen Vorurteile ( sittliche Gefährdung und unkontrollierte Freizügigkeit!!! ) ausräumen, auch die Befürchtungen der Untertanen, dass das ein zu kostspieliges Unternehmen werden wird. Sprachlich vorbereitet wird sie von ihrem Bibliothekar Christian Joseph Jagemann. Und seit 1780 hat sie sich im Privatstudium auch in punkto Literatur vorbereitet.

Kopie des Anna-Amalia-Porträts
von Angelica Kauffmann
(1928)
49 Jahre ist sie inzwischen alt, und sie erlebt diese Reise als eine weitere Wiedergeburt, nun unter südlichem Himmel. Mit eigenem Bettgestell und Bettzeug, aber auch einem eigenen Leibarzt sowie weiteren acht Personen, macht sie sich mit zwei Reisewagen und einer Chaise auf den Weg, mit dem ersten Ziel Rom, wo ihr Goethe als Quartiermeister eine Wohnung verschafft hat.

Dort kommt sie am 4. Oktober 1788 an und stürzt sich alsbald in das detailliert geplante Besichtigungsprogramm. Und die deutschrömische Künstlergemeinde findet sich ebenso schnell in ihrem Salon ein. ( Die berühmte Angelica Kauffmann - hier mein Post über sie - sucht die Fürstin selbst  schon vier Tage nach ihrer Ankunft auf.  Leider ist das originale Porträt der Künstlerin von Anna Amalia verschollen. )

Selbst einer Audienz beim Papst entgeht die Protestantin nicht, hat der doch darauf bestanden: "Es war ein komischer und theatralischer Aufzug. Es war mir nicht anders zumute , als wenn ich zum Heimlichen Gericht sollte geführt werden." Auch wird sie zum Mitglied der "Arkadischen Akademie" gemacht. Viel lieber würde sie sich aber der Etikette entziehen, die sie in Rom als besonders steif & langweilig empfindet.

Kein Wunder, dass, nachdem sie am 5. Januar 1789 in Neapel angekommen ist, "die reinste Luft den Lebensgenuss anwehet". Sechs Wochen verbringt sie unter den musikbegeisterten Neapolitanern, genießt die Freiheit von höfischen Normen unter lokalen Berühmtheiten. Die wichtigste Bekanntschaft ist ihr aber die des Erzbischofs von Tarent, Giuseppe Capecelatro, den sie fast täglich trifft: "Dieser verehrungswürdige Mann besitzt die seltene Gabe, Verstand und Herz in gehörigem Gleichgewicht zu erhalten, u. ist mit allen den Eigenschaften begabt, welche das gesellige Leben u. den Umgang angenehm u. lehrreich machen..." Auch ihm verleiht sie den bei ihr seltenen Ehrentitel "Freund".

Anna-Amalia-Porträt Tischbeins (1789)
Ostern verbringt sie wegen der speziellen Feierlichkeiten in Rom, entscheidet dann aber, nach vier Monaten  wieder nach Neapel zurückzukehren. Den Freund Capecelatro trifft sie hingegen dort nicht mehr an, dem  Vernachlässigung seines Bistums vorgeworfen worden ist und der daher wieder in Tarent weilt. In dieser Zeit entsteht das so ganz anders geartete Porträt der Herzogin von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein.

In Neapel führt sie eine musikalische Académie und erfreut sich an der Natur, was sie auch veranlasst, vom klassischen Weg der damaligen Italienreisenden abzuweichen und sich nach Apulien zu begeben, wo sie auch für ein paar Tage den Erzbischof wiedersehen kann.

Die restliche Zeit in Italien bis zum Mai 1790 vertraut sie nicht mehr ihrem Tagebuch an. Bekannt ist aber, dass sie Familienangehörige trifft, Kunst, Bücher, Musikalien und Andenkenfächer kauft und das südliche Lebensgefühl Tag für Tag genießt, denn der einmalige Freiraum in ihrem Leben wird sich bald wieder schließen: Am 18. Juni 1790 ist sie wieder zurück in Weimar...

Dort verteilt sie ihre erworbenen Schätze, um Weimar zu "italianisieren" , ergänzt auch, wie von  Goethe gewünscht die Herzogliche Bibliothek und andere Sammlungen, entzieht sich aber seinem Wunsch, auf ihre Kosten eine Kunstakademie in Weimar zu begründen, für die die deutschitalienschen Künstler geholt werden sollen. Für Anna Amalia ist der persönliche Nutzen im Umgang mit Kunst & Wissenschaft auch mit geringerem finanziellen Engagement erreichbar.

Die Zeiten des unbeschwerten Umgangs mit dem Dichterfürsten scheinen vorbei, auch, weil ihr Sohn die Intendanz des Hoftheaters Goethe überträgt und nicht ihr, wie es ursprünglich vorgesehen gewesen ist. Damit sind auch die "Zeiten des charmanten Liebhabertheaters" Vergangenheit. Sie selbst verlegt sich nun auf die theoretische Beschäftigung mit den ihr wichtigen Wissensgebieten wie der Musiktheorie und Harmonielehre und auf Übersetzungen aus dem Lateinischen. Und sie führt einen ausführlich Briefwechsel mit den in Italien gewonnen Freunden wie Angelica Kauffmann und Erzbischof Capecelatro und hält damit die ihr teure Erinnerung wach.

Im Jahr nach ihrer Rückkehr fügt sie, von Goethe animiert, ihren bisherigen abendlichen Kreisen einen neuen hinzu: die "Freitagsgesellschaft". Bei der halten vor allem Jenaer Professoren Vorträge zu ihrem Arbeitsgebiet. Nach einem halben Jahr wechselt diese Runde in Goethes Haus am Frauenplan. Nach und nach scheint Anna Amalia bewusst zu werden, dass sie im Weimar der klassischen Periode keine wichtige Rolle mehr spielt.

Über die lang wirkenden Verstimmungen mit Goethe kann man nur Vermutungen anstellen. Zwei Texte aus den Jahren 1795 und 98, die sie nur Wieland zu lesen gibt, können als Kritik am Kunstideal Goethe und Schillers gelesen werden. Offensichtlich stört sie sich an dem Duo "als ästhetische Überwachungsinstanz" in Weimar. Auch Goethes Napoleon - Verehrung sieht sie kritisch, da unpolitisch. Sie zieht sich mehr und mehr in Tiefurt zurück. Zwar gibt es noch eine mittägliche Tafelrunde. Aber an der nimmt von den früheren Mitgliedern nur noch Wieland regelmäßig teil.

Porträt von Tischbein
(1795)
Dann ein Schicksalsschlag: Am 6. September 1793 stirbt ihr jüngster Sohn während der kriegerischen Auseinandersetzung Preußens mit der französischen Revolutionsarmee. Ihm lässt sie ein Erinnerungsdenkmal errichten. Auch für Herder, der Ende 1802 stirbt, lässt sie in Tiefurt eine Erinnerungstafel errichten.

Noch kommen immer wieder jüngere Künstler auch zu ihr nach Tiefurt, so die damals viel diskutierte Madame de Staël, von Napoleon aus Frankreich vertrieben. Aber das Gefühl des Zurückgesetztseins, des Überflüssigseins, des Vereinsamens scheint sie immer mehr zu beschleichen.

Eine Freude ist ihr die junge Ehefrau ihres Enkels & Erbprinzen, die russische Zarentochter Maria Pawlowna, die sie "mit kindlicher Zärtlichkeit liebt und auf einem zwanglosen, vertraulichen Fuße mit ihr lebt", so ihre Hofdame von Göchhausen.

Das letzte Lebensjahr Anna Amalias wird durch den Krieg zwischen Napoleon und Preußen geprägt, der sie auf Anraten ihrer Schwiegertochter mit der Enkelin Caroline in Richtung Braunschweig aufbrechen lässt, was sie jedoch nicht erreicht - ein Ereignis mit fast symbolischen Wert, ist sie doch zeitlebens durch eine unsichtbare Nabelschnur mit dem dortigen Hof verbunden gewesen!

Bei ihrer Rückkehr findet sie Weimar zerstört. Aber was schlimmer ist: Das mächtige Preußen ist geschlagen, das Herzogtum Braunschweig gibt es nicht mehr, der Bruder, das Familienoberhaupt, an einer Kopfverletzung bei Hamburg gestorben. Ihr Sohn verdankt nur dem beherzten Eintreten seiner Frau Louise gegenüber Napoleon, dass er sein Herzogtum überhaupt behalten hat. Aber er muss aus der preußischen Armee ausscheiden und tritt dem Rheinbund bei. Nichts ist mehr, wie es war...

Anfang April 1807 erkrankt Anna Amalia an einer fiebrigen Erkältung und am 10. April  trifft sie ein Schlag. Nach damaliger Sitte wird sie am 13. April in einem Paradebett im 1. Stock des Wittumspalais, selbst weiß gekleidet, in einem schwarz ausgeschlagenen Saal aufgebahrt und am Tag darauf in einer Gruft in der Stadtkirche beigesetzt. Goethe verfasst den Nachruf und die Grabinschrift.

Ihr Testament enthält keine Überraschungen. Ihre Nachkommen versuchen, allerdings nie mit diesem Engagement, den Ruf Weimars als Stadt des Geistes aufrechtzuerhalten. Doch nichts wirkt bis heute so nach wie das einzigartige Kenotaph der "Herzogin der Bücher": Die faszinierende "Herzogin Anna Amalia Bibliothek"!










Die Zitate sind, wenn nicht anders vermerkt, dem Buch von Annette Seemann "Anna Amalia. Herzogin von Weimar" (2007) entnommen.

Kommentare:

  1. anna amalia ist natürlich in wolfenbüttel überall präsent und keine stadtführung ohne nennung ihres namens und ihrer biographie. interessanterweise liegt hier auf dem tisch ein zettel mit dem hinweis zu einer ausstellung im schloss wf, die ich besuchen möchte: "eine tafel für anna amalia" - eine keramikünstlerin inszeniert ein mahl ohne speisen für sie.
    da bin ich ja nun dank deiner ausführlichen rezension bestens darauf vorbereitet!!
    interessieren würde mich ja noch, ob anna amalia auch kontakt zu lessing hatte, der ja von 1770 bis 1781 als hofbibliothekar an der herzoglichen bibliothek in wf gewirkt und sie wesentlich beeinflusst hat (heute lessingbibliothek - auch eine ganz wunderbar bibliothek!). dort hat er u.a. auch "nathan der weise" geschrieben.
    liebe grüße
    mano

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    1. Auf diese Ausstellung bin ich auch immer gestoßen bei den Recherchen. Was ich gesehen habe, hat mir gefallen.- Auf jeden Fall kannst und besuchte sie die Bibliothek, von Lessing eingerichtet. Ich musste mich nur einschränken, wollte ja keinen Roman schreiben...
      Schön, dass es dir etwas bringt! Bin nun auch neugierig auf Braunschweig/Wolfenbüttel.
      Einen schönen Tag!

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  2. Das muss ich dann noch einmal lesen. So viel Informatives wieder... Das im Hintergrund muss ich auf meine nächste Weimarreise mitnehmen, ein bisschen ja immer Heimkehr, dort wohnten wir 1957/58, und mein Mann studierte dort, und ich kehre immer irgendwie mit heimatlichen Gefühlen dorthin zurück. Und nun zieht diese Frau noch mal ganz anders dahin... und Maria Pawlowna hat einen Felsen in Eisenach, von dem ein großes M herunterblickt in Erinnerung an sie... Liebsten Dank und innige Grüße Ghislana

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    1. Ah, also auch eine persönliche Beziehung! Bei der Pawlowna muss ich immer an den Belvedere-Garten denken...
      Auch dir einen guten Tag!

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  3. Danke für die Erinnerung. Da meine letzte Reise nach Weimar schon einige Jahre zurückliegt, hat sich sicherlich sehr viel geändert. Wir waren damals (Eltern, Schwester und ich) in all den Häusern fast immer allein und dementsprechend viel konnte man sehen bzw. wir haben uns auch immer mit den Aufsichtspersonen unterhalten, die einige Anekdoten beisteuerten.
    Tiefurt hat mir damals am Besten gefallen, von all den Fürstensitzen, Schlössern etc., es hatte so etwas persönliches, man spürte den Geist der Hausherrin.
    Die Ettersburg hat uns alle verstört, sie war noch ziemlich marode, durch Eisenanker gesichert, wir konnten nur einige ziemlich kaputte Räume besichtigen, und natürlich spürten wir alle die Nähe des KZ Buchenwald. Ich hatte ein sehr bedrückendes Gefühl.
    Die Bibliothek konnten wir noch durchschreiten und bestaunen, wunderbar.
    Wir folgten damals den Interessen meiner Mutter, die sich für Franz Liszt begeisterte, aber mich hat eher Anna Amalia interessiert, so ähnlich wie in Bayreuth die Markgräfin Wilhelmine.
    Ich glaube, ich muß da bald mal wieder hin, nach Weimar und nach Bamberg/Bayreuth.
    Beste Grüße aus dem Münsterland - Brigitte

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  4. Ach ja, in der Fürstengruft waren wir natürlich auch mehrere Male, genau wie auf dem sehenswertem historischen Friedhof.
    Der Wärter der Gruft - da war ich ganz alleine unten- hat mir erzählt, dass Maria Pawlowna mit den Füssen in der Gruft, mit dem Kopf unter der Russisch-Orthodoxen Kapelle liegt, auf eigens für sie herangeschaffter russischer Erde.

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  5. Anna Amalia hat mich auf meiner Hochzeitsreise vor 19 Jahren geleitet. Wir hatten unser Hotel in der Nähe von Tiefurt und sind dort gern spazieren gegangen. Seit dieser Zeit war ich oft in Weimar und immer gab es eine gewisse Faszination mit unterschiedlichsten Themen: Pawlowna, Goethe und Frau Goethe, Schiller, Lizst, Bauhaus ... Es ist ja unglaublich welch Samen aufgegangen ist in diesem kleinen Ort, den Anna Amalia gesät hat, davon bin ich überzeugt.
    Danke für diese wunderbare und ausführliche Biografie dieser großen Frau.
    Herzlichst, Sieglinde

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  6. Was für ein Geburtstagspost! Vor wenigen Tagen erst waren wir mit unserem 9-jährigen Enkel in Weimar, der begierig alle Geschichten hörte und vieles ansah, vom Schillerhaus (Wunderbare Ausstellung Abenteuer der Vernunft im Moment) über die Herderkirche mit dem berühmten Altar, das Kirms-Krackow-Haus mit seinem herbstlich schönen Garten, das Goethehaus (Zitat: Oh, der hatte aber viele Zimmer!) und den Garten der Christiane mit anschließendem Ausruhen im berühmten RESI. Für einen 2. Besuch haben wir uns ganz der Geschichte Anna Amalias verschrieben, und er ist schon sehr gespannt, was diese "Dame" mit all dem zu tun hatte. Viel, kann ich nur sagen, sehr viel. Tolle Zusammenfassung eines so großartigen Lebens, liebe Astrid, welches heute sogar in unserer Tageszeitung gefeiert wurde.Herzlich, Sunni

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  7. von Helga:

    Liebe Astrid,

    viel geschichtliches kann ich leider nicht beitragen zu Anna Amalia, dazu hatte ich doch zu wenig Schulbildung. Lag in der Natur der Sache, 1945, Lehrermangel und Trümmerbeseitigung hatten Vorrang. Mit dem DDR Getönse war auch keine Gelegenheit mal die Autobahn zu verlaßen, als wir des öfteren nach Berlin fuhren. Man mußte die Zeit einhalten, außer einer Toilettenpause durfte man nicht halten und mußte zu vorgeschriebener Zeit am Grenzkontrollpunkt sein. So war es uns nicht gelungen Weimar, Leipzig oder Dresden zu besuchen. Später wenn man mit den Beschwernissen des Alters zu kämpfen hat, ist die Reiselust zu Ende.
    Deshalb hab ich heute wieder mit totalem Interesse den Lebenslauf von Anna Amalia gelesen und ich muß gestehen, es verfolgt mich den ganzen Tag. Was für ein trauriges Leben diese adligen Menschen führen mußten. Nie und nimmer möchte ich eine Prinzessin sein, keine richtige Kindheit, keine geschlechtliche Anerkennung, eine frühe Bestimmung des Ehepartners und dann Söhne gebären, jedes Jahr einen ( mindestens)!
    Welch trauriges Dasein. Das vergißt man gerne vor lauter Prunk und Pomp. Die Enkelin wollte gerne eine Prinzessin sein. Auch Barbie gibt es als Prinzessin. Was dahinter steht, hast Du heute liebe Astrid in mühevoller, stundenlanger, tagelanger Arbeit für uns zusammengetragen. Dafür gebührt Dir meine Anerkennung und Achtung und ein ganz besonderes Dankeschön. Gottseidank gibt es das in diesem Ausmaß heute nicht mehr, denn die modernen Royals aus dem Buckinghampalace wissen sich zu wehren und verstehen mit ihren Kindern so normal wie möglich zu leben. Amerika sei da mal Dank.

    Herzliche Abendgrüße von Helga und Kerstin (wir unterhielten uns heute schon drüber telef.)

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  8. Was für eine Fülle spannender und interessanter Informationen einer so klugen Frau. Wieder alle möglichen Punkte, an denen ich ansetzen und weiterforschen möchte. Danke!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  9. wir waren in Weimar und konnten die Bibliothek nach dem greuseligem Brand nicht besichtigen. Auch die weiteren Sehenswürdigkeiten konnten wir nicht sehen, es wurde überall um- und verbaut ::((
    DAs müssen wir unbedingt nachholen- danke für deinen Post, ich habe somit schon ein gutes Wissen über Anna Amalia und Weimar.
    Gruß zu dir
    heiDE

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    1. Ich hätte sie 2007 nach der Neueröffnung anschauen können, als ich wieder in Weimar war. Aber ich wollte den wundervollen Eindruck bei meinem ersten Besuch nicht durch eine perfekte Neuinszenierung zerstören lassen.
      LG

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  10. Wieder eine wirklich interessante Frau. Und wieder eine, die an der Dickköpfigkeit der Männer zu knabbern hatte. Aber was wären wir ohne diese Frauen?
    Wieder toll geschrieben
    Andrea

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  11. sehr interessant
    was muss das für eine starke Frau gewesen sein ..
    trotz ihrer besch.. eidenen Kindheit und der frühen "Vermarktung" als Ehefrau und Mutter wusste sie sich durch zu setzen
    und hat in späteren Jahren ihr Leben durchaus genossen und sich mit schönen Dingen und interessanten Menschen umgeben
    sehr schön wie du es uns nahe bringst
    dankeschön

    liebe Grüße
    Rosi

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