Freitag, 26. Januar 2018

Statt Raif Badawi heute Rana Ahmad

"Rana Ahmad Hamd ist nach Deutschland geflohen - nicht vor Krieg oder aus Armut, sondern weil sie nicht mehr an Gott glaubt. Darauf steht in Saudi-Arabien die Todesstrafe." So leitete die "Frankfurter Allgemeine" im letzten Sommer einen Artikel über Rana Ahmad ein, eine in Riad geborene junge Frau syrischer Herkunft, der nach Stationen in der Türkei über Griechenland 2015 die Flucht nach Deutschland gelungen ist.
© Rana Ahmad


"Die spannendsten Geschichten schreibt das Leben selbst", bewirbt denn auch der Verlag ihre Biografie "Frauen dürfen hier nicht träumen: Mein Ausbruch aus Saudi-Arabien, mein Weg in die Freiheit", die im letzten Jahr herausgekommen ist. 

Ja, diese Lebensgeschichte ist spannend, vor allem als Rana, inzwischen 26 Jahre alt und nach Schul- und Berufsschulausbildung als Rezeptionistin und Bürokraft tätig, in ihrem Twitter Account einen Tweet entdeckt, von einem ihrer Kontakte geteilt, von jemandem, der sich "Arab Atheist" nennt. 

Da sie das Wort "Atheist" nicht kennt, googelt sie es. Und es wird für sie zum Schlüssel zu einem "Schatzhaus" voller Gedanken aus Philosophie & Wissenschaft, die das ihr bis dahin vermittelte religiöse Weltbild immer mehr in Frage stellen. Schließlich muss sie - durchaus mit einem gewissen Entsetzen - feststellen, dass sie nicht mehr glauben kann.

Als ihre Familie ihre Veränderung wahrnimmt, kommt es zu gewalttätigen Übergriffen durch den Bruder, einem Selbstmordversuch ihrerseits und einer erneuten, allerdings nur äußerlichen Anpassung an die Religiosität ihrer Familie, einem neuen Studium und einer Tätigkeit als Sekretärin an einer Schule.

Doch ihre Glaubenszweifel lassen sie immer mehr eintauchen in die verbotenen Werke von Darwin, Rousseau, Voltaire, Nietzsche und Dawkins. Ihre frömmlerische Mutter kommt dahinter, und die Tochter wird gezwungen, an der Hadsch nach Mekka teilzunehmen - für mich der erschütterndste Moment im Leben der Rana Ahmad: Zu religiösen Handlungen gezwungen zu werden, deren Sinn man nicht mehr teilt, an einem Ort, den zu betreten Nichtgläubigen verboten ist und auf das bei Entlarvung die Todesstrafe steht...
"In Mekka, nahe der Kaaba, macht sie heimlich ein Foto von ihrer Hand, die einen Zettel hält mit der Aufschrift „Atheist Republic“ und stellt es ins Internet. „Ich wollte damit sagen: Ich bin Atheistin und ich bin hier! Ich kann mich nicht wehren, ich kann nicht sagen, dass ich Atheistin bin, sonst wird man mich umbringen! Und ich wollte allen Atheisten in Saudi-Arabien sagen: Ihr seid nicht allein. Ich weiß, wie ihr euch fühlt. Eines Tages werdet ihr hier rauskommen.“ ( Quelle hier )
Ranas seelische Not wird immer größer. Schließlich nutzt sie die einzige kleine Nische, die ihr zur Flucht aus Saudi-Arabien bleibt: Eigentlich darf keine Frau das Land ohne Erlaubnis ihres Vormunds verlassen. Das gilt aber nicht für sie als syrische Ausländerin, die zudem berufstätig ist. In diesem Falle darf der Arbeitgeber das Formular unterschreiben, mit dem sie ein Ausreisevisum in die Türkei erhält.

Ihre weitere Flucht gelingt nur, weil die Online-Community "Atheist Republic" ein tragfähiges Netz ist und sie auch finanziell unterstützt. Die Flüchtlingsunterkunft in Köln ist aber keineswegs ein sicherer Ort für eine vom Glauben Abgefallene. Schließlich wendet sie sich an den Zentralrat der Nicht-Muslime, über den sie Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung kennenlernt, die ihr eine Wohnung vermitteln.

Ihre Aktivitäten in sozialen Medien und als gefragte Interview-Partnerin haben ihr Hassbekundungen und Todesdrohungen eingebracht ( aufgrund mancher Äußerung in der Religionskritik allerdings oft auch Applaus von der falschen Seite ). Was IHR wichtig ist: Autokratie und Männerherrschaft, die Unterdrückung von Frauen und religiösen Fundamentalismus aus ihrem eigenen Erleben zu beschreiben und zu kritisieren und andere Zweifler zu ermutigen, sich offen zu distanzieren von einer Religion, die ihnen nur aufgezwungen ist. Und: "Weltweit setzen Frauen ihr Leben aufs Spiel, wenn sie sich dafür entscheiden, ihre Verhüllung abzulegen. Mit welcher Logik lässt sich dann eben diese Verhüllung verteidigen?", fragt sie sich - und nicht nur sie, sondern auch andere, die sich vom Islam gelöst und in Europa, dessen aufklärerische Tradition sie als Wert bewundern, Zuflucht gefunden haben.

Im Frühling wird Rana Ahmad im CERN in Genf ein Praktikum machen, denn sie will Physik studieren. Physik sei für sie die Sprache des Universums. Versteht man sie, versteht man, wie alles die Welt im Innersten zusammen hält, so ihre Vorstellung. Damit stellt sie sich in eine Reihe mit großartigen Frauen in der Naturwissenschaft, die ich bisher porträtiert habe, und denen auch immer ein eisiger Wind ins Gesicht geblasen hat. Was unser saturiertes Leben in Europa hingegen derzeit oft bestimmt, ist die Flaute, das Laue...








Nachtrag: Am Mittwoch habe ich von einem Buch einer weiteren saudischen Atheistin erfahren - "Keine Tränen für Allah" von Kholoud Bariedah - das am 1. Februar in die Buchhandlungen kommt. Auch wenn das einen Beigeschmack hat, nämlich den, dass das derzeit offensichtlich ein gut zu vermarktendes Thema ist, ist es mir persönlich wichtig, dass vermehrt auch all diejenigen zu Wort kommen, die sich von der Religion mit ihrem Anspruch auf die allein selig machende Wahrheit frei gemacht haben. Kholoud Bariedah hat dies sogar öffentlich auf Facebook und auf ihrem eigenen Youtube - Kanal getan und sich damit in Gefahr gebracht, so dass sie 2014 über Istanbul nach Deutschland geflüchtet ist.

Kommentare:

  1. Es ist schlimm, wenn man zu einem Glauben gezwungen wird den man nicht teilt, jeder Mensch sollte frei entscheiden können. Glaubensfreiheit ist für uns eine Selbstversändlichkeit ein Grundrecht. Ein Recht, das es auch heutzutage, in manchen Ländern immer noch nicht gibt, wie Deine Geschichte erzählt, schon gar nicht für eine Frau.
    LG Heidi

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  2. ensaf haidars worten "Möge ihr Eintreten für ein selbstbestimmtes Leben der Frauen insbesondere in muslimischen Ländern viele Nachahmerinnen finden" schließe ich mich aus vollem herzen an.
    danke für den buchtipp!
    liebe grüße
    mano

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  3. Nicht nur die Gläubigen werden von Andersgläubigen verfolgt, sondern natürlich auch die Ungläubigen.
    Wie armselig und unselig solche Glauben sind.
    Rana Ahmad hat sich dem mühsam und gefährlich entzogen.
    Dass sie nun im CERN ein Praktikum macht, finde ich besonders spannend. Ein von mir sehr geachteter Künstler hat dort auch einige Zeit verbracht. Schau mal bei Gerhard-Mayer.com, wenn Du Lust hast.
    GLG Sieglinde



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  4. Jedes Mal komme ich neugierig her, und immer wieder hast du berührende Geschichten gefunden... Ja, weit ist der Weg noch. Liebe Grüße Ghislana

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  5. Glauben kann man nie erzwingen, ob im Islam oder Christentum- leider sind die schrecklichen Zeiten der Missionierung nicht vorbei- ich habe einige Bücher zu diesen Themen, auch in " Afganisthen kommt Gott nur zu weinen", ein ähnliches Schicksal.
    Danke für deinen Post und den Buchtipp- ich habe das Buch bestellt!!
    Ein schönes Wochenende sagt
    heiDE

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    1. Ich kann bis heute nicht verstehen, dass überzeugte Gläubige meinen, sie können mit Druck & Gewalt in anderen menschlichen Herzen & Hirnen das Gleiche erzeugen. Und was hat man gewonnen, wenn man es erzwungen hat? -
      Leider habe ich das selbst erlebt...
      LG

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  6. Danke für die Buchtipps. Liebe Grüsse, Sibylle

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  7. es ist schon erschütternd
    der Glaube der aus dem Herzen kommt macht frei
    Erzwungenes zeugt nie etwas Gutes
    wann begreift die Menschheit das endlich
    liebe Grüße
    Rosi

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