Donnerstag, 2. Juli 2015

Great Women # 27: Constance Spry


Was spontan vor 8 Monaten begann, nachdem ich den ersten Beitrag bei Barbara/barbarabee gelesen hatte, gehört inzwischen ganz fest zu meinem "Programm": Posts über Frauen, die auf irgendeine Weise in mein Blickfeld geraten sind und mein Interesse geweckt haben. Fünfundzwanzig Porträts sind es inzwischen geworden, heute nun also das 27. Porträt:

Ich wollte nie, nie einen Rosengarten, vor allem, wenn er so aussah, wie es in der Nachkriegszeit üblich war: Ein Rondell voller spirreliger Pflanzengestalten, an deren einem Ende eine große, meist grellfarbige Einzelblüte in Rotorange wuchs, wohlgestaltet, aber ohne Duft. 

Als wir 1986 ein völlig brachliegendes Grundstück mit Haus erwarben, kam ich in diversen Zeitschriften in Berührung mit ganz anderen Rosengärten mit Rosen, wie ich sie mir so vorstellte: Englische Rosen von David Austin. Eine stach mir sofort ins Auge, weil sie so ganz meinem Ideal entsprach: Constance Spry.

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Leider gab es zu dieser Zeit nur einen Züchter in Deutschland, der die Rosen vertrieb, nämlich Ingwer J. Jensen in Glücksburg, und der hatte erhebliche Engpässe. So hat er statt der gewünschten "Constance Spry" der "Gertrude Jekyll" zum Rosenstart in unserem Garten ( und mir zu einer andauernden Leidenschaft ) verholfen.

Der Name aber blieb in meinem Gedächtnis. Nur: Wer steckte dahinter? Eine stilprägende Floristin, Sozialreformerin, Lehrerin und Bestseller - Autorin - genug Gründe für mich, um sie hier genauer vorzustellen.

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Constance Spry kommt als Constance Fletcher am 5. Dezember 1886 als ältestes von fünf Kindern & einzige Tochter des Eisenbahners George Fletcher und seiner Ehefrau Henrietta, Tochter eines Ladenbesitzers, in Derby/Vereinigtes Königreich zur Welt.

Die Eltern sind sehr ehrgeizig & haben den brennenden Wunsch sich zu verbessern: So erreicht der Vater durch den Besuch der Abendschule die Stellung eines Eisenbahnangestellten, was aber den Umzug der Familie nach Irland mit sich bringt.

Auch die Tochter wird ermutigt, sich um Bildung zu bemühen, und so folgt auf den Schulbesuch ein Studium der Krankenpflege inklusive Physiologie & Hygiene. Sie wird anschließend die erste voll bezahlte Dozentin der irischen "Women’s National Health Association" und bildet die Menschen in Erster Hilfe und Heimpflege weiter.

1910 heiratet sie den verwitweten Bergwerksmanager James Heppell Marr und zieht mit ihm aufs Land auf ein Anwesen in der Nähe von Castlecomer, einer Kohlebergbaustadt im Südosten Irlands. Dort entsteht ihr leidenschaftliches Interesse für die Gärtnerei, geboren aus der Notwendigkeit, in ihrem abgelegenen Heim die notwendigen Lebensmittel anzubauen.

Doch die Ehe ist eine arge Enttäuschung. Mit dem Ausbruch des 1.Weltkrieges wird "Connie" Sekretärin des Roten Kreuzes in Dublin und bekommt ihren einzigen Sohn Anthony. Zum Kummer ihrer Eltern verlässt sie ihren Ehemann 1916 und kehrt mit ihrem Sohn nach England zurück. Als Angestellte im Rüstungsministerium lernt sie den ( verheirateten ) Henry “Shav” Spry kennen, mit dem sie später zusammen leben wird, ohne mit ihm verheiratet zu sein. Sie nennt sich dann allerdings Mrs. Spry, und diese Lüge fällt nicht weiter auf.

Nach Kriegsende kehrt Constance zu ihren Ursprüngen im Sozial- & Wohlfahrtswesen zurück und übernimmt 1921 die Leitung einer Schule im armen East London. Programm der Schule ist, sehr jungen Arbeiterinnen Grundkenntnisse im Kochen und Nähen zu vermitteln. Durch die Blumensträuße, die sie mitbringt, um die trostlose Umgebung freundlicher zu gestalten, erweckt Constance Interesse bei den Mädchen, so dass sie beginnt, in ihnen die Fähigkeiten zu entwickeln, mit Blumen ihre Umwelt zu gestalten. Ihrer Meinung nach sind Blumen ein  "Gegenmittel gegen Armut und eine triste Umgebung".

Junge Frauen der Schule am Winkfield Place nach dem 2. Weltkrieg
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Blumen und Blumenarrangements finden sich zu jener Zeit nur in den Häusern der Reichen, die es sich leisten konnten, Schnittblumen zu kaufen oder einen großen Garten in der Vorstadt zu unterhalten. Constance beginnt mit allerlei "floralen" Materialien zu experimentieren. Ihre Arrangements mit ungewöhnlichen, "billigen" Pflanzen erregen Aufsehen: "Unbewusst, glaube ich, hatte ich einen Moment getroffen, in dem die Leute die üblichen Versatzstücke der professionellen Floristen leid  waren (.... ). Auf jeden Fall kamen bald und zahlreich Anfragen für Blumenarrangements , und ich beschloss, mit einem kleinen Laden zu beginnen." 

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Sie hört auf, als Lehrerin zu arbeiten und eröffnet 1929 ihren ersten Blumenladen. Das ist auch deshalb ungewöhnlich, weil bis zu diesem Zeitpunkt Floristik ausschließlich eine Domäne der Männer ist. Sie erregt damit einiges Aufsehen: Und in der Tat ist Constance eine Person, die viele gesellschaftliche Barrieren ihrer Zeit überwindet ( mit einer gewissen Würde und Dezenz ).



Besondere Aufmerksamkeit wird 1929 einer Dekoration im Schaufenster der Parfümerie Atkinsons in der Old Bond Street, einer der teuersten Einkaufsstraßen in Mayfair bis heute,  zuteil: "she literally stopped the London traffic when she created a winter window display of hops, old man’s beard, copper beech leaves and green orchids" ( Quelle hier ).

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Sie benutzt ungewöhnliche Gefäße und orientiert sich an der niederländischen Blumenmalerei des 17./18. Jahrhunderts, verwendet Samen und Gräser, Weidenkätzchen, Tomaten, Rhabarber oder Zierkohl:

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1934 kann sie ein Geschäft in Mayfair eröffnen und bereits siebzig Angestellte beschäftigen. Sie bringt ihr erstes Buch heraus und begründet die "Constance Spry Flower School".

Mit Syrie Maugham, der ersten englischen Innenarchitektin und Frau von Somerset Maugham, als Freundin wird sie bekannt mit König Edward VIII ( Herzog von Windsor ), dem Fotografen Cecil Beaton, der Modeschöpferin Elsa Schiaparelli und Gluck ( eigentlich Hannah Gluckstein ), einer Malerin von Blumenbildern:

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Mit Gluck verbindet Constance auch eine vierjährige Liebesbeziehung, deren Ende ihr fast das Herz bricht. 

1937 gestaltet sie den Blumenschmuck bei der Trauung des ehemaligen König Edwards VIII mit Wallis Simpson in Frankreich. Wallis Simpson ist eine gute Kundin. Deshalb riskiert Constance Spry die eventuelle soziale & royale Ächtung.

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Doch 1953 - den 2. Weltkrieg hat sie mit der Wiederaufnahme einer Lehrtätigkeit überstanden und 1946 erneut eine Hauswirtschaftschule ( am Winkfield Place ) begründet - hat ihr die junge Prinzessin Elizabeth alles verziehen und betraut sie mit der Dekoration der Westminster Abbey, der Prozessionsrunde sowie des Buckingham Place bei ihrer Krönung zur Königin:

Constance Spry beim Beratungsgespräch mit Eric Bedford
bezüglich der Platzierung von Blumenschmuck bei den Krönungsfeierlichkeiten
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Am Winkfield Place gibt es auch 7 Hektar Anbaufläche für frische Produkte für die Schulküche sowie für Schnittblumen für den Bedarf des Geschäftes, darunter 1200 Rosenbüsche. Constance ist so gar nicht begeistert von den neuen Hybrid-Teerosen ohne Duft.  Sie bevorzugt die alten, duftenden Rosensorten. Diese Liebe führt sie zu Freundschaften mit vielen der englischen Rosenzüchter der Epoche, darunter der aufstrebende David Austin.

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Constance Spry ist eine bienenfleißige Arbeiterin: Neben dem Blumenladen, dem Unterricht an der Schule, Vorträgen und Aktivitäten bei der "Chelsea Flower Show" schreibt sie zwischen 1934 und 1959 elf Bücher, zehn über Blumen, und - zusammen mit Rosmarin Hume - auch ein Kochbuch: "The Constance Spry Cookery Book". Die Bücher werden in der ganzen Welt veröffentlicht, und einige sind auch weiterhin in gedruckter Form erhältlich. Im Jahr 1957 schreibt sie “Simple Flowers ‘A Millionaire for a Few Pence’”, in dem sie betont, dass Fantasie ein Schlüssel zur Verbesserung von Lebensqualität ist.

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Am 3. Januar 1960 stirbt sie in London.


Floristik unterliegt auch der Mode, und was Constance Spry 1926 geschaffen hatte, war sicher nicht wirklich neu, aber neuartig durch ihre Interpretation. Ihre Arrangements enthielten Elemente früherer Zeiten kombiniert mit zeitgenössischen Perspektiven. Ihre Fähigkeiten wurden untermauert von einem äußerst fundiertem Wissen über Pflanzen & Blumenzucht, gepaart mit der sensiblen Wahrnehmung vielfältigster Eindrücke, einer Portion Intuition und vor allem einer großen Leidenschaft für Blumen. Ihr Genialität bestand darin, das alles nahtlos zu vereinen. 

Bei einem Besuch in Australien 1959, einer ihrer letzten Vortragsreisen kurz vor ihrem Tod, sagte Constance Spry: “Beware of stylizing. Accept no rules. Let the flowers remind you of how they looked when growing. You are not human unless you have a way of expressing yourself.”

Das lasse ich mir  allzu gerne sagen, nicht nur bei meinem Umgang mit Blumen...



Kommentare:

  1. and learn and learn and learn... schöne biographie von Constance Spry ! und ihre Rose passt zu ihr !

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  2. Na wenn ich dich nicht hätte, liebe Astrid...die Rose kannte ich schon, die Biografie dahinter noch nicht...LG Lotta.

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  3. So eine schöne und ganz andere Biografie! Wiklich spannend!!! Ich mag die Fotos von Constance Spry :) Sie sieht ein wenig bieder aus, aber dennoch sehr in sich ruhend und ich meine auch zielstrebig. Danke für diese Portrait!
    Liebe Grüße,
    Veronika

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    1. Bieder - genau das habe ich bei den Fotos von ihr auch gedacht. Aber dann entdeckte ich eine ganz individuelle Persönlichkeit. Ich glaube, in ihrer Zeit musste man sich noch sehr stark verstecken ( das meine ich auch mit Dezenz ).
      Danke für deine Wertschätzung!

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  4. Wow, wie spannend. Danke, dass du dir die Mühe machst, immer wieder tolle Frauen zu portraitieren!!

    Lieber Gruß
    Steffi

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    1. Auch dir vielen Dank! es hält mein Gehirn fit. In diesem Falle musste ich mein reichlich eingestaubtes Englisch mehr denn je reaktivieren...

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  5. Ich habe schon einige Male versucht zu kommentieren. Hoffe, daß es nun klappt.
    Ganz besonders liebe ich deine Reihe der "Great Women". Ganz viel hast du mir dadurch bereits nahe gebracht. Mit Rosen hatte ich es nie sonderlich, bis ich die englischen Rosen entdeckte. Leider sind mir bereits Zwei durch harte Winter eingegangen. Aber ich gebe nicht auf. Sie sind einfach uwerfend schön und betörenden Duftes - wie sollte man sie da nicht lieben können?! Constance Spry als Rose war mir ein Begriff. Die Person dahinter ist es erst jetzt geworden.

    Danke, liebe Astrid!

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  6. das ist wieder ein ganz wunderbares portrait!! ich kannte weder die rose noch die frau dahinter. wie spannend! und ihre aussagen sind großartig! ansonsten hab ich mich sofort in das gemalte, weiße blumenbouquet verliebt! ein traum!!
    wusstest du, das tania blixen auch die herrlichstens blumenarrangements gestaltet hat? ich habe ihr haus in rungstedlund (bei kopenhagen) zweimal besichtigt und war ganz begeistert, denn dort stellen sie ihre sträuße nach und es gibt im museum auch viele fotos davon. hast du tania blixen schon auf deiner liste? sie ist eine absolut fasznierende frau und als dänin mir ganz besonders nah (auch wenn ich die dänische sprache nicht beherrsche..).
    danke, astrid und ganz liebe grüße!
    mano

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  7. Mal wieder eine ganz tolle Geschichte!
    Die Rose kenne ich, aber die Geschichte der Namensgeberin nicht. Danke dafür!

    Greetings & Love
    Ines
    Blog: www.eclectichamilton.de
    Shop: www.eclectic-kleinod.de

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  8. Sehr emanzipiert und engagiert die Dame!

    (... und ich nun gut informiert!)
    :-)

    ♥ Franka

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  9. Was für eine tatkräftige und vielseitige Frau! Wie schön, dass so eine Rose sie immer wieder ins Gedächtnis ruft.
    Da werde ich demnächst mal schauen, ob ich diese Rose auch finden kann. ;-)
    Liebe Grüße
    Andrea

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  10. Was für eine tolle Rose - und interessante Frau. Wie großartig, dass du dem Namen der Rose nachgeforscht und auf diese Lebensgeschichte gestoßen bist. LG mila

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  11. Vielen Dank, liebe Astrid, dass du mich auf diesen Post hingewiesen hast, was für eine wunderbare und interessante Frau !!! Wie schön, dass du sie für uns portraitiert hast !!!
    Ganz herzliche Grüsse und ein herrliches Sommerwochenende, helga

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  12. Liebe Astrid,
    Deine Frauenportraits schätze ich sehr. Diese Frau beeindruckt mich, was sie alles geschaffen hat.
    herzlich Judika

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  13. Was für eine tolle Frau!
    Wie oft habe ich das schon bei Deinen Porträts gedacht!
    Und immer lerne ich wieder, mir neue Great Woman kennen und staune, wie emanzipiert sie waren, wie modern, selbstbewusst. Gerade bei Constance Spry dachte ich auch wieder, wie erstaunlich Ihre Biographie doch ist.
    Vielen Dank für das Bekanntmachen mit Frauen, die mir zum größten Teil nur vom Namen, oder gar nicht bekannt waren!!
    LG, Monika

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  14. Das habe ich mit Genuss gelesen. Vor allem deine Einleitung hat mir gut gefallen. -
    Ihre Blumenarrangements sehen tatsächlich aus wie alte Gemäldestillleben, zwar nicht mein Geschmack, aber dennoch wunderschön.
    LG, Ingrid

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  15. Also dieses Donnerstags-Frauenjournal muss ich einfach (nach)lesen, sonst verpasse ich wirklich was. Toll!!! Besonders rührend die Blumenbinderei mit den Mädchen in der Hauswirtschaftsschule... So schön, wenn Mädchen natürliche Schönheit entdecken und damit gestalten..., manchmal funktioniert es auch heute noch ;-). Lieben Gruß Ghislana

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  16. Liebe Astrid,
    viiielen Dank für Deinen Tipp!!!
    Was für eine ungewöhnliche, mutige und intelligente Persönlichkeit! Beeindruckend, insbesondere, wenn man die damalige Zeit im Blick hat.
    Und wie nett: in meinem Garten klettert die "Constance Spry" an einem Rosenbogen und die "Gertrude Jeckyll" ist eine meiner liebesten Gartenrosen für die Küche. Hast Du auch schon einen Post über Gertrude Jeckyll gemacht?
    Auf jeden Fall werde Deine Great-Women-Reihe weiter verfolgen. Gefällt mir seeehr!!! Ich werde noch ein wenig Deine anderen Posts durchstöbern.
    Viele Grüße von
    Regina

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  17. Oh Astrid,

    Danke für den Tipp!
    Ich habe den Post jetzt 2x verschlungen!
    Und habe fast Tränen in den Augen...
    Ich weiß gar nicht, warum, aber das spricht mich so dermaßen an...
    Auch die florale Ausdruckskraft...
    Dieses Spiel mit den Blumen ist echt zu einer kleinen Herzenangelegenheit geworden.
    Ein so beeindruckende Frau. Da werde ich mal gleich weiter bei
    Google suchen.

    1000 Dank für den aufmerksamen Tipp <3
    Julia

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  18. Liebe Astrid!
    Wow! Was für eine Frau! Die gleichnamige Rose steht schon seit Jahren in meinem Garten und gehört undschlagbar zu meinen Lieblingen! Dass so eine starke Frau dahinter steckt habe ich nicht gewusst! Ich bin begeistert von deinem Post und sag herzlich
    Dankeschön!
    Viele liebe Grüsse,
    Sandra

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Aber bitte nicht vollkommen anonym - ein Name ist erwünscht! Und ein gewisses Maß an Herzensbildung auch - ansonsten schalte ich den Kommentar nicht mehr frei. Das kann auch schon mal dauern - dann bin ich vom Schreiben neuer Posts gefesselt!

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