Dienstag, 31. März 2026

Bücherlese März 2026

  "Ein gutes Buch wird gleich 
zusammen mit seinem Titel geboren."
Thomas Mann
 "Zwischen der Wirklichkeit und der Beschreibung 
gibt es immer eine Differenz, 
die man Erzählung nennt."
Alexander Kluge 
"Niemand kann wirklich alles erzählen."
Norbert Scheuer

Weil es auf dem Grabbeltisch des Buchhändlerfreundes der Tochter in München angeboten wurde und in der näheren Umgebung spielt, habe ich zu  Kerstin Holzers „Thomas Mann macht Ferien“ gegriffen und gleich, noch am letzten Februartag, auf dem sonnigen Balkon bei 19 Grad zu lesen begonnen. Kerstin Holzer ist bekannt für ihre Lebensgeschichten über Thomas Manns Töchter Monika und Elisabeth. In diesem Buch - als „literarisches Sachbuch“ gelabelt - beschreibt sie einen Familienurlaub der Familie Mann am Tegernsee im Jahr 1918.







Als 1914 der 1. Weltkrieg ausbrach, nahm sich der ausgemusterte Kriegsbefürworter vor, seinen Kriegsdienst literarisch zu bestreiten und verfasst die „Betrachtungen eines Unpolitischen”. Jetzt, als ein unrühmliches Kriegsende bevorsteht, liegt ihm die unmittelbare Veröffentlichung im Magen, denn seine reaktionären Betrachtungen zu germanischer Kultur versus moderner, demokratischer Zivilisation entspricht nicht mehr seinen aktuellen Erkenntnissen. Seine trotzige Haltung gegenüber Bruder Heinrich ( siehe auch dieser Post ), der auf der richtigen Seite steht, macht ihm zudem zu schaffen, ebenso wie ein abgebrochener Schneidezahn, der nur unzureichend behandelt werden kann. Freude hingegen macht ihm das „Kindchen“, seine erst jüngst geborene Tochter Elisabeth, sein Hund Bauschan, das Rudern auf dem Tegernsee, überhaupt seine Familie mit der loyalen Katja an seiner Seite. Er beginnt, das kleine Werk „Herr und Hundzu schreiben und erfährt an sich selbst, bei einer Bergbesteigung mit Katja, dass seine Sympathie mit dem Tod einer neuen Liebe zum Leben weicht und er beschließt, eine Verrücktheit zu begehen und den Zauberbergendlich zu Ende zu schreiben.

Ganz und gar neue Einsichten bietet das Buch mit seiner aus vielen Quellen gespeisten Erzählung nicht unbedingt, war aber für mich ein kleines Bonbon im Rahmen der Mann-Manie des letzten Jahres. Ich hab dann aus der Tochter- Bibliothek besagten „Herr und Hund“gefischt, erinnerte ich mich doch, dass diese in der Mittelstufe das Werk mit großem Unwillen lesen musste. Jetzt war ich neugierig und wollte mir selbst ein Bild machen. Eine interessante literarische Abweichung von dem, was mich sonst beschäftigt. Gefesselt hat mich die Sprache und vor allem die Beschreibung der Landschaft rund um die Isar in Bogenhausen, die ich mir bei einem nächsten Besuch mal anschauen will. Als Schullektüre für 14-, 15jährige finde ich die Erzählung einen absoluten Fehlgriff. Da braucht man sich über Desinteresse an der Literatur nicht zu wundern…

Von Annett Gröschner hatte ich noch „Walpurgistag“ auf dem E-Reader, das war praktisch für meine Reise per DB nach Hause. Der  Roman, der an einem einzigen Tag, dem 30. April 2002, in Berlin spielt, ist eine Art Berliner Version des Filmes "Short Cuts", ein "gewaltiges, leicht schmuddeliges Panorama einer Stadt, die nur in Imagefilmen wirklich sexy ist", wie ich bei einem Kritiker gelesen habe.

Ich fand die Idee, rund um die Uhr 24 Stunden lang die Erlebnisse diverser Personen zu schildern, die irgendwann im Laufe des Tages in den von Gentrifizierung und sozialem Abstieg gleichermaßen bedrohten Stadtteilen Wedding, Neukölln und Kreuzberg aufeinandertreffen werden, reizvoll. Die Autorin startet um 0 Uhr am Alexanderplatz, und die erste Figur, mit der der Leser bekannt wird, trägt denselben Namen wie der Ort, nämlich Alex, und ist ein Stadtstreicher mit etwas undurchsichtiger Vergangenheit. 



Es folgen 78 Episoden, deren Helden zumeist ärmere, benachteiligte Menschen sind - insgesamt 25 an der Zahl. Und die bewegt Gröschner durch die Stadt und stellt sie eher nicht in das übliche Sightseeing-Bühnenbild, sondern entwirft teilweise sehr groteske Situationen wie die einer Frau, die mit ihrem toten Vater in der Tiefkühltruhe umzieht. Oder eine andere, die im Rahmen eines Theaterprojekts als Dramaturgin bei wildfremden, merkwürdigen Menschen nächtigt. Auch die, als das sich selbst überlassene Kind einer ewig zugedröhnten Künstlerin das Geheimnis in der Tiefkühltruhe entdeckt und davonstürmt ( und schließlich aber seine Freundin einweiht ). Und dann gibt es unter dem Romanpersonal auch noch drei alte Damen, ehemals im pädagogischen Gewerbe tätig, jetzt abgeschoben ins Betreute Wohnen, die auch Lust auf die in Berlin zu diesem Zeitpunkt üblichen Chaostage & ein Feuer haben. Selbst ein orangefarbenes DDR- Produkt der längst pleite gegangene Kaffeemaschinenfabrik in Schöneweide, das wie ein Ost-West-Symbol durch den Roman wandert, um schließlich bei einer türkischen Familie im Wedding zu landen, spielt mit.

Das und noch viel mehr ist oft schräg und unterhaltsam, vielfach sehr menschelnd, aber auch schon mal bedrückend, weil jeder „wie ein Irrer rumtrampelt und nicht sieht, was [er] kaputt latscht“,so der Stadtstreicher Alex, der durch das ganze Geschehen, immer helfend eingreifend, wandelt und zuletzt so eine Art Puppenspieler zu sein scheint. Doch das war dann selbst mir etwas zu kraus.

Auch auf dem Reader war „Die Kunst der Bestimmung“ von Christine Wunnicke abgespeichert ( mein drittes Buch dieser Autorin ).Und wieder einmal gehört die Mathematik zum Romanbestand, wie auch in dem letzten Werk, das ich von ihr gelesen habe. Die hilft nämlich dem vom Glauben abgefallenen schwedischen Pastorensohn & nun naturwissenschaftlich geprägten Dr. Simon Chrysander seine Furcht vor dem so in ihm entstandenen Chaos zu beherrschen, bis „die ganze unruhige Welt in einer einzigen Formel erfasst und gebändigt wäre“. So bietet er die besten Vorraussetzungen - so die Mitglieder der Royal Society - , ihre krause naturkundliche Sammlung in London zu sortieren. 

Vor der Kulisse der englischen Hauptstadt zu Zeiten des Barock spielend, ist das dennoch kein üblicher historischer Roman; dafür bürgt die Autorin mit ihrer kunstvollen Sprache und ihrer Gewohnheit, die recherchierten Fakten der Fiktion unterzuordnen, indem sie immer wieder zu ganz anderen literarischen Gefilden als denen des stereotypen Genreromans aufbricht. Beim Lesen hatte ich unaufhörlich Bilder im Kopf, wie ausgeschnitten aus zeitgenössischen Kupferstichen, durch die sich wie in Theaterräumen entsprechende Figuren in Schwarz-Weiß bewegten, manchmal nur durch die Farbbeschreibungen der Autorin koloriert, manchmal so verzerrt wie in den Collagen des Max Ernst, der sich ja auch dieser Stiche bedient hat. Ein echtes Verwirrspiel wie der Text! Aber faszinierend.

Danke, liebe Sieglinde, für das hübsche Lesezeichen!
Je mehr es dem Protagonisten gelingt, eine Struktur er in das obskure Durcheinander der königlichen Sammlung zu bringen, desto mehr Chaos tritt in sein persönliches Dasein, ausgelöst durch den jungen, flamboyanten Lord Fearnall, der durch die Paläste und Lasterhöhlen Londons driftet: Chrysander, der knallharte Rationalist, begegnet ihm ganz am Anfang der Geschichte in einem Hurenhaus als "Lucy", die vor ihm in die Knie geht und ihn bittet, ihr Haar zu halten, "bis die Pumpe Wasser gibt". Chrysanders Pumpe will aber nicht so recht, weil irgendetwas an Lucy ihn besorgniserregend fasziniert. Anschließend muss er wahrhaben, dass er in einen schmerzhaften Hinterhalt geraten ist. Aber dann taucht diese irrlichternde Persönlichkeit auch noch an seinem Arbeitsplatz auf! Als Chrysander erkennt, dass Fearnalls Unberechenbarkeit seine Existenz gefährden könnte, ist es zu spät. Sie duellieren sich, Fearnell lässt sich in Chrysanders offene Klinge fallen, der pflegt den fast tödlich Verletzten hingebungsvoll, nicht ohne akribisch jeden medizinisch notwendigen Schritt festzuhalten. Das, was nachts passiert, entzieht sich seiner Beschreibungskunst allerdings.

Was für eine Liebesgeschichte! In der dann auch so ganz nebenbei von Queerness im Subtext erzählt und Beziehungskonventionen auf den Kopf gestellt werden.

In der zweiten Hälfte kommt der Roman etwas zur Ruhe: Lord Fearnell flieht mit Chrysanders Diener nach Skandinavien, Chrysander folgt mit Abstand. Die Landschaft in Richtung hoher Norden, wie gespachtelt in  Grisaille, gibt treffend den melancholischen - Resonanzraum für das Gefühlschaos der Hauptpersonen ab, fern der flirrenden Londoner Atmosphäre. Man/frau als Leser*in muss schon Freude daran haben, dass Genregrenzen unbeachtet bleiben, historische Anspielungen, schrille Travestien, wissenschaftliche Begriffe & Betrachtungsweisen und vieles mehr durcheinander gehen. Für mich war diese wunderbar erzählte, opulente Geschichte in Dur & Moll genau das Richtige! Die Lust auf mehr Wunnicke ist nach wie vor da.

Traurig, aber wahr: mein letztes Buch von Norbert Scheuer! Damit hatte ich alles, was er je veröffentlicht hat, gelesen. "Flussabwärts" ist 2002 herausgekommen. Es steckt viel Unglück in der Geschichte, die er diesmal erzählt. Der Ich-Erzähler, Leo, ist etwa Mitte vierzig und fährt samstags gelegentlich mit dem Zug in seinen Heimatort -  Kall in der Eifel natürlich! - wo er aufgewachsen ist und wo seine Mutter in einem Altenheim lebt. Eine Reise in die Vergangenheit der 1960er Jahre also. 

Wer in der Provinz jener Tage aufgewachsen ist, der kennt die Atmosphäre. Vielleicht ist es das, was mich an Scheuers Büchern so fasziniert. Jeder kennt jeden, die Bräuche und Festivitäten, an denen jeder teilnimmt, enden vorhersehbar im Chaos handgreiflicher wie emotionaler Art. Die Arbeit ist hart, kräftezehrend, und wer mehr will, geht fort. Diese überschaubare Welt ist alles, nur nicht intakt. Die Protagonisten sind seelisch verletzt, einsam, verloren.
"Aber alle Wahrnehmungen, die beschrieben werden, sind natürlich von mir. Also ich kann keine Eindrücke erfinden, ich denke mir, das kann überhaupt kein Schriftsteller", äußert sich Scheuer mal in einem Interview.
Leos Geschichte beginnt mit der Gastwirtschaft seiner Eltern, die sie aufgeben müssen, da unrentabel. Die Mutter arbeitet nun in der Großküche und kellnert abends noch bei ihrem Nachfolger im Wirtshaus. Der Vater geht auf Montage, Leo verlässt die Schule, arbeitet im Zementwerk und fängt eine Liebschaft mit einer verheirateten Frau an, fühlt sich aber einer anderen, fast Gleichaltrigen verbunden, die immer wieder durch ein unstetes Leben schlittert und der ein tragisches Schicksal beschieden sein wird. 

Norbert Scheuer ist ein Erzähler, der eng bei seinen Figuren bleibt, der nicht psychologisiert oder allzu viel erklärt, geradezu barmherzig ist er mit ihnen. Sein Stil ist knapp, treffend und schmucklos, ohne Pathos, ohne Ironie. Und dennoch vermag er mich hineinzuziehen in diese Welt, auch aufgrund seiner eingeflochtenen Beschreibungen der Gegend, seiner Sicht über Rüben- und Maisfelder rundherum, Bahndamm, Böschung am Fluss, das große Möbelgeschäft und den Parkplatz vor dem Supermarkt. Immer sehr poetisch, immer an die Breiten erinnernd, in denen ich die ersten Jahre meines Lebens verbracht habe. Scheuers Bücher verhelfen mir dazu, dass diese Stimmungen für mich nicht verloren gehen, auch die nicht, die tragische Vorkommnisse in der Dorfgemeinschaft hervorgerufen haben. Die Beklemmungen sind literarisch evoziert wie real erlebt.

Noch einen Effekt hatte diese, meine Lektüre: Ich konnte nachvollziehen, welch großartige Entwicklung als Schriftsteller Norbert Scheuer genommen hat, und warum ich ihn heutzutage für einen der Großen in der deutschen Literaturszene halte.


Dann war wieder die "ZEIT"- Liste dran und endlich Giuseppe Tomasi di Lampedusas "Der Leopard", dessen Verfilmung durch Visconti von 1963 einen unauslöschlichen Eindruck bei mir als Teenager hinterlassen hatte ( und auch heute in meinen Augen noch eine mustergültige Buchverfilmung ist. ) In der Bibliothek warteten mehrere Ausgaben, darunter auch eine auf Italienisch ( wohl Hinterlassenschaft der Tochter, die die Sprache studiert hat ). Ich wählte die Übersetzung von 2002 ( wahrscheinlich wegen des schönen filmstills auf dem Einband ), die, die unter dem Titel „Der Gattopardo“in den Buchhandel gebracht worden ist.

Über den Inhalt des Buches schreibe ich jetzt an dieser Stelle nichts, das kann man bei Wikipedia & Co nachlesen, sondern nur über mein Lesevergnügen, welches vor allem durch den eher ungewöhnlichen Stil ( eine so großartige, ordentliche Portion von Ironie & solch subtilen Humor hatte ich nicht erwartet ), die herrlichen, ungewöhnlichen Formulierungen und vor allem die vielen sinnlichen Tableaus an Eindrücken aus Landschaft, Interieurs, Tätigkeiten wie Menschen, farbenprächtig und oft delikat, befördert wurde.

"Als erster (und letzter) eines Geschlechts, das jahrhundertelang nicht imstande gewesen war, seine eigenen Ausgaben zusammenzurechnen und die Schulden davon abzuziehen, besaß er eine starke und tiefe Neigung zur Mathematik; er hatte sie auf die Astronomie angewandt, und das hatte ihm nicht nur genügend öffentliche Ehrungen, sondern auch große private Freuden eingebracht. Man könnte fast sagen, Stolz und mathematische Analyse hatten sich in ihm so eng verbunden, dass er sich der Illusion hingab, die Himmelskörper gehorchten seinen Berechnungen..." 

Eine solche Aussage lässt doch eine durchaus selbst kritische Sichtweise auf die eigene Person & ihre Lebensart durch Don Fabrizio, Fürst von Salina, Hauptperson des Romans und inspiriert von Lampedusas eigenem Urgroßvater, vermuten, der fürstlich lebt, wie er immer gelebt hat und doch mit feinen Sensoren aufnimmt, das etwas ganz anders wird. Das gibt dem in Italien so lieb gewordenen Zitat aus dem Buch - "Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi"*- diese nostalgische Melancholie, die mir so menschlich, überlegt und lebenserfahren vorkommt. Dieser Glaubenssatz des Konservatismus ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, wenn man die Entwicklung für alle Menschen im Roman verfolgt. Ein ganzer Lebensstil, der den aristokratischen Protagonisten so, so selbstverständlich erschienen ist, verschwindet allmählich, und am Ende muss man das Ende von allem wahrhaben. Vergänglichkeit ist ein ewiges Thema in der Kunst. Und Tomasi di Lampedusa ist mit diesem Roman das besonders schön geglückt.


Das Buch hat mich auch genötigt, mich intensiver mit der Geschichte des Landes im 19. Jahrhundert zu beschäftigen, mit dem Risorgimento, jener am klassischen Liberalismus orientierten Epoche & Zeit des Umbruchs, in der die italienische Nationalstaatsgründung eingeleitet und vollendet wurde. Diese Lektüre war also in vielerlei Hinsicht ein Gewinn für mich und nie langweilig.


Und weil Ostern nahte, kam schließlich "Hase und Ich" von Chloe Dalton, eine Empfehlung der Zitronenfalterin im März letzten Jahres auf den Nachttisch. Seit nunmehr 65 Jahren lebe ich in der Großstadt, der Natur also reichlich entfremdet. Die Begegnungen mit Feldhasen in meiner Kindheit sind allerdings immer noch recht plastisch in meinem Kopf abgespeichert und eine Liebeserklärung an diese wunderbaren Tiere gebe ich auch gerne ab.  Neugierig war ich auch darauf, wie aus Tierbeobachtung Selbstbeobachtung wird. 


Vorneweg: Für eine gelungene Darstellung der Veränderung im Leben einer umtriebigen Beraterin und Analystin für den britischen Außen- und Sicherheitspolitikbereich, wie es Chloe Dalton beruflich ist, fehlte mir allerdings eine etwas ausgiebigere Beschreibung des "Vorher", um die Wandlungen in ihrer Lebenseinstellung greifbarer ( für mich zumindest ) zu machen. 


Ansonsten ist es eine klug beobachtete, behutsam erzählte Annäherung zweier sehr unterschiedlicher Lebewesen, ohne in Kitsch zu verfallen oder zu verklären. Das ist schon mal ein Pluspunkt gewesen. Bei Helen Macdonald, der Meisterin des britischen Nature Writing, ist mir eine solche Darstellung allerdings schneller unter die Haut gegangen. Die ist aber auch eine professionelle Schreiberin und weiß um dramaturgische Kniffe. Die kamen dann erst im zweiten Teil des Buches zum Tragen, als Dalton die Geburt & das Aufwachsen der Hasenkinder beschreibt. Den habe ich an einem Abend vor lauter Spannung ganz gelesen. Der Lektüre ist es letztendlich gelungen, mich meditativ einzulassen auf Selbstgenügsamkeit und Unaufgeregtheit, aber auch auf die - eigentlich hinlänglich bekannte -Tatsache des übergroßen Missverhältnisses zwischen Menschen & Natur durch unsere Ausbeutung derselben. Gefallen haben mir übrigens auch die zarten Zeichnungen im Buch.

 

Dann was ganz anderes: Katharina Hagena hatte ich durch die Lektüre von „Flusslinien“ ( siehe dieser Post ) schätzen gelernt und auf der Suche nach anderen ihrer Werke bin ich auf „Herzkraft. Ein Buch über das Singen“ gestoßen. Obwohl meine persönliche Stimme quasi eingegangen ist durch Alter & mangelnde Pflege, ist das Singen immer noch so etwas wie eine Labsal, denn - das legt ja der Buchtitel nahe - es stärkt das Herz, die Widerstandskräfte, den persönlichen Mut und sorgt immer wieder für Glücksmomente. Katharina Hagena hat die mir auch zusätzlich verschafft, indem sie jedem Kapitel ein Gedicht voranstellt und mich mit den ersten zweien ( von der Günderode und Rose Ausländer ) gleich mitten ins Herz getroffen hat.

Ansonsten geht es quer durch die Kulturgeschichte: Hagena verlässt immer wieder die gewohnte, liebgewordene, aber auch beschränkte Perspektive auf bekannte Motive in klassischen Sagen oder Märchen. Das ist anregend & inspirierend. Sie erzählt persönlich erfahrene Strategien der Lebensbewältigung ( Singen gegen Übelkeit beim Fahren im Auto! ), vermeidet aber auch nicht nützliche Sachinformationen ( weißt du, was SATP ist?  Und kennst du die Atem-Körper-Therapie Terlusollogie? Auch da gibt es familiäre Bezüge der Autorin ). Überhaupt erfährt man viel über ihre Ursprungsfamilien und deren Hintergrund, was mich zusammen mit der ausgewählten Lyrik am meisten angesprochen hat


Das neueste Buch von Takis Würger "Für Polina" ist ein Geburtstagsgeschenk der Schwägerin gewesen. In der "Süddeutschen" hatte ich in einer Rezension gelesen, es sei eine "'kleine Flucht' in der Flut negativer Nachrichten". Da mache ich erst mal gerne mit. 


In diesem Artikel bin ich auch darüber aufgeklärt worden, was ein "Manic Pixie Dream Girl" (MPDG) ist, nämlich das Fantasiebild einer Frau, die als Projektionsfläche für den männlichen Protagonisten herhalten muss, um ihm zu helfen, das Leben zu leben. Das fand ich bei meiner Lektüre doch etwas weit hergeholt, um die Titelfigur zu charakterisieren. Ich fand Polina durchaus menschlich real und keine, die den hochmusikalischen Hannes Prager nur spiegelt. Sie ist halt nicht die Hauptfigur.


Ich habe den ersten Teil des Romans an einem Abend gelesen und besonders Spaß gehabt an der "Entstehungsgeschichte" des Helden sowie den anderen "Typen", denen er & seine Mutter in den nächsten Lebensjahren begegnen, an der kuriosen Szenerie ( abgeranztes hochherrschaftliches Haus im Moor ). Das ist alles nicht neu erfunden und originell, auch sprachlich nicht, hatte für mich streckenweise märchenhafte Züge, war auch mal verschroben und/oder überzeichnet, und öfter fast satirisch-parodistisch, vor allem, wenn es um das Hamburger Bürgertum und seine Klaviere ging. Die Passagen, die sich um dieses Instrument drehen, fand ich sogar informativ. Klar ist der Autor auf der Höhe der Zeit und flicht entsprechende Zeichen wiederholt ein ( "Molecule 01", dieses Parfümphänomen von vor zwanzig Jahren ), was mich nicht gestört hat. Hannes Prager als verlorene Seele und die paar menschenfreundlich gesinnten Figuren im Buch-Ensemble konnten mich interessieren, so dass ich es am zweiten Abend bis um zwei Uhr zu Ende gelesen habe. So schlecht wie die Literaturkritiker unisono fand ich es dann nicht. 


Auch das nächste Buch war ein Geburtstagsgeschenk, diesmal von der Nachbarin gegenüber: Judith Schalanskys "Verzeichnis einiger Verluste". Das war dann mal ein ganz anderes Kaliber als das von Takis Würger, schon einmal sprachlich: Schalansky pflegt einen eher altmodischen Erzählton - Thomas Mann ist nicht weit -, wechselt gerne den Stil, der melancholisch, deskriptiv bis wissenschaftlich sein kann und schafft damit gleichsam Wunderkammern des Verlustes. Indem sie ein kleines Fitzelchen einer Sache, eines Lebewesens aufnimmt, erfindet sie diese "Dinge" quasi neu, die in Spuren noch in Archiven, in Fantasien oder Erzählungen oder in Konstruktionen da sind, und macht eine große Geschichte daraus, manchmal eher wissenschaftlich anmutend, manchmal poetisch, gerne ganz frei darüber improvisierend. In einem Interview von 2018 erklärt sie ihre Motivation einmal so:"Mich hat interessiert, was von den verschwundenen Dingen übrig bleibt, welche Geschichten sich über sie erzählen lassen."  Und an anderer Stelle: "Wir wissen immer erst, was uns die Dinge wirklich bedeuten, wenn sie weg sind. Das Paradies kommt nicht erst nach dem Tod." Sie schreibe auch lieber ein Buch "über Esel als über Pferde, Kröten statt Frösche", denn ihr Herz schlägt "für die Zukurzgekommenen."

Da muss frau sich beim Lesen erst einmal einlassen und sich von der Sprache hineinziehen und dann treiben lassen. Das mäandert dann ganz schön aufgrund von Assoziationen & Fantasien, lexikalischem & literarischem Wissen. Ein gutes Beispiel dafür ist ein Spaziergang im Wallis, beschrieben im 3. Kapitel, zu dem eigentlich Otto von Guerickes Einhorn den Impuls gegeben hat, und der unternommen wird, weil menschlicher Kontakt gebraucht wird. Zuletzt landet man nach vielen Schlenkern überraschenderweise wieder im Chalet. Die literarische Technik des Bewusstseinstromes kommt im 5. Kapitel zum Tragen - Ausgangspunkt der verschollene erste Film von Friedrich Wilhelm Murnau "Der Knabe in Blau" - als Greta Garbo einen ihrer ausufernden Spaziergänge durch New York unternimmt und Gedanken und Empfindungen ungeordnet fließen lässt. Vor allem die dabei immer zur Sprache kommende Sache mit dem Badeanzug hat mich sogar nach dem Modell googeln lassen. Als Naturbeschreibung fand ich das 9. Kapitel gut, in dem die Autorin dem Fluss Ryck, Teil des Greifswalder Hafens, ihrer Heimatstadt nachgespürt hat.


Gegen Judith Schalansky ist Christine Wunnicke, was die Sprache anbelangt, ein Waisenkind. Ich war jedenfalls nach dem Lesen eines Abschnittes öfter schon mal schachmatt. Und manche Episoden sind mir trotz wunderschöner, antiquierter Formulierungen auch zugegebenermaßen mal uninteressant gewesen.

Zur "Buchhandlung der Exilanten": hier ist mein Post über Sylvia Beach zu finden

Ich mag japanische Autor*innen, ich mag Buchinhalte rund um die Mathematik bzw. Mathematiker. Da konnte ich Yoko Ogawa mit ihrem "Geheimnis der Eulerschen Formel" nicht ignorieren. Dieser Roman fand in Japan mehr als zwei Millionen Leser und wurde mit Preisen überhäuft.

Wer wie ich mit einem Mathematiker & Physiker verheiratet gewesen ist, der sich so begeistern konnte für sein Wissensgebiet wie der Professor des Buches, entdeckt viele Parallelen und musste oft schmunzeln, z.B. über solche Aussagen wie: Wichtiger als die Lösung ist die Schönheit des Beweises. Ach, Herr K., ich hör dir trapsen! 

Die Ich-Erzählerin des Buches, gänzlich ohne Namen, hingegen ist angestellt bei einer Agentur, die sie als Haushälterin bei Bedarf einsetzt. Und so ist sie irgendwann im Haushalt des Professors gelandet, bei dem es keine ihrer neun Kolleginnen zuvor ausgehalten haben. Der haust, verlottert & mehr gealtert als an tatsächlichen Jahren zählend in einem mindestens so verlotterten primitiven Pavillon im hinteren Teil des Gartens am Haus seiner Schwägerin. Durch einen gräßlichen Unfall hat er das Kurzzeitgedächtnis eingebüßt und kann nichts über 80 Minuten hinaus behalten. Unzählige Notizzettel haften an seinem Anzug, mit deren Hilfe er sich etwas merken will. Nur auf dem Gebiet der Mathematik bewegt er sich beeindruckend souverän.

Nur so viel: Die Haushälterin, eine alleinerziehende Mutter eines zehnjährigen Jungen, bringt eine Unvoreingenommenheit und Wärme mit, die der Professor nicht mehr kannte. Und damit zeigt sich nicht nur die Schönheit der Ordnung der Zahlen, sondern auch die Schönheit des intuitiven zwischenmenschlichen Umgangs. Auf diese Weise treffen drei Menschen, die scheinbar nicht zusammenpassen, aufeinander und finden im jeweils anderen etwas, das ihnen selbst fehlt. Die Autorin schreibt das so ansprechend & verständlich, und - so der "Spiegel" - "... so liebevoll, dass Primzahlen so schön erscheinen, wie ein Sonnentag im Park."

Auf elf Bücher habe ich es in diesem Monat gebracht, eins mehr als im kurzen Vormonat, aber weniger als im Wintermonat Januar. Ich bin's zufrieden, denn neben der Lektüre rein aus Lust & Laune habe ich auch in diesem Monat aus Recherchegründen gelesen für meine "Great-Women"-Posts, auch wieder auf Englisch, was mir weniger Vergnügen bereitet. Besonders gefallen hat mir da dann Sarah Kirschs "Kuckuckslichtnelken". Demnächst dann dazu mehr...


                                                                                    
"Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann muss sich alles ändern."

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