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| Danke, liebe Sieglinde, für das hübsche Lesezeichen! |
"Aber alle Wahrnehmungen, die beschrieben werden, sind natürlich von mir. Also ich kann keine Eindrücke erfinden, ich denke mir, das kann überhaupt kein Schriftsteller", äußert sich Scheuer mal in einem Interview.
"Als erster (und letzter) eines Geschlechts, das jahrhundertelang nicht imstande gewesen war, seine eigenen Ausgaben zusammenzurechnen und die Schulden davon abzuziehen, besaß er eine starke und tiefe Neigung zur Mathematik; er hatte sie auf die Astronomie angewandt, und das hatte ihm nicht nur genügend öffentliche Ehrungen, sondern auch große private Freuden eingebracht. Man könnte fast sagen, Stolz und mathematische Analyse hatten sich in ihm so eng verbunden, dass er sich der Illusion hingab, die Himmelskörper gehorchten seinen Berechnungen..."
Eine solche Aussage lässt doch eine durchaus selbst kritische Sichtweise auf die eigene Person & ihre Lebensart durch Don Fabrizio, Fürst von Salina, Hauptperson des Romans und inspiriert von Lampedusas eigenem Urgroßvater, vermuten, der fürstlich lebt, wie er immer gelebt hat und doch mit feinen Sensoren aufnimmt, das etwas ganz anders wird. Das gibt dem in Italien so lieb gewordenen Zitat aus dem Buch - "Se vogliamo che tutto rimanga come è, bisogna che tutto cambi"*- diese nostalgische Melancholie, die mir so menschlich, überlegt und lebenserfahren vorkommt. Dieser Glaubenssatz des Konservatismus ist allerdings mit Vorsicht zu genießen, wenn man die Entwicklung für alle Menschen im Roman verfolgt. Ein ganzer Lebensstil, der den aristokratischen Protagonisten so, so selbstverständlich erschienen ist, verschwindet allmählich, und am Ende muss man das Ende von allem wahrhaben. Vergänglichkeit ist ein ewiges Thema in der Kunst. Und Tomasi di Lampedusa ist mit diesem Roman das besonders schön geglückt.
Das Buch hat mich auch genötigt, mich intensiver mit der Geschichte des Landes im 19. Jahrhundert zu beschäftigen, mit dem Risorgimento, jener am klassischen Liberalismus orientierten Epoche & Zeit des Umbruchs, in der die italienische Nationalstaatsgründung eingeleitet und vollendet wurde. Diese Lektüre war also in vielerlei Hinsicht ein Gewinn für mich und nie langweilig.
Vorneweg: Für eine gelungene Darstellung der Veränderung im Leben einer umtriebigen Beraterin und Analystin für den britischen Außen- und Sicherheitspolitikbereich, wie es Chloe Dalton beruflich ist, fehlte mir allerdings eine etwas ausgiebigere Beschreibung des "Vorher", um die Wandlungen in ihrer Lebenseinstellung greifbarer ( für mich zumindest ) zu machen.
Ansonsten ist es eine klug beobachtete, behutsam erzählte Annäherung zweier sehr unterschiedlicher Lebewesen, ohne in Kitsch zu verfallen oder zu verklären. Das ist schon mal ein Pluspunkt gewesen. Bei Helen Macdonald, der Meisterin des britischen Nature Writing, ist mir eine solche Darstellung allerdings schneller unter die Haut gegangen. Die ist aber auch eine professionelle Schreiberin und weiß um dramaturgische Kniffe. Die kamen dann erst im zweiten Teil des Buches zum Tragen, als Dalton die Geburt & das Aufwachsen der Hasenkinder beschreibt. Den habe ich an einem Abend vor lauter Spannung ganz gelesen. Der Lektüre ist es letztendlich gelungen, mich meditativ einzulassen auf Selbstgenügsamkeit und Unaufgeregtheit, aber auch auf die - eigentlich hinlänglich bekannte -Tatsache des übergroßen Missverhältnisses zwischen Menschen & Natur durch unsere Ausbeutung derselben. Gefallen haben mir übrigens auch die zarten Zeichnungen im Buch.
Das neueste Buch von Takis Würger "Für Polina" ist ein Geburtstagsgeschenk der Schwägerin gewesen. In der "Süddeutschen" hatte ich in einer Rezension gelesen, es sei eine "'kleine Flucht' in der Flut negativer Nachrichten". Da mache ich erst mal gerne mit.
In diesem Artikel bin ich auch darüber aufgeklärt worden, was ein "Manic Pixie Dream Girl" (MPDG) ist, nämlich das Fantasiebild einer Frau, die als Projektionsfläche für den männlichen Protagonisten herhalten muss, um ihm zu helfen, das Leben zu leben. Das fand ich bei meiner Lektüre doch etwas weit hergeholt, um die Titelfigur zu charakterisieren. Ich fand Polina durchaus menschlich real und keine, die den hochmusikalischen Hannes Prager nur spiegelt. Sie ist halt nicht die Hauptfigur.
Ich habe den ersten Teil des Romans an einem Abend gelesen und besonders Spaß gehabt an der "Entstehungsgeschichte" des Helden sowie den anderen "Typen", denen er & seine Mutter in den nächsten Lebensjahren begegnen, an der kuriosen Szenerie ( abgeranztes hochherrschaftliches Haus im Moor ). Das ist alles nicht neu erfunden und originell, auch sprachlich nicht, hatte für mich streckenweise märchenhafte Züge, war auch mal verschroben und/oder überzeichnet, und öfter fast satirisch-parodistisch, vor allem, wenn es um das Hamburger Bürgertum und seine Klaviere ging. Die Passagen, die sich um dieses Instrument drehen, fand ich sogar informativ. Klar ist der Autor auf der Höhe der Zeit und flicht entsprechende Zeichen wiederholt ein ( "Molecule 01", dieses Parfümphänomen von vor zwanzig Jahren ), was mich nicht gestört hat. Hannes Prager als verlorene Seele und die paar menschenfreundlich gesinnten Figuren im Buch-Ensemble konnten mich interessieren, so dass ich es am zweiten Abend bis um zwei Uhr zu Ende gelesen habe. So schlecht wie die Literaturkritiker unisono fand ich es dann nicht.
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| Zur "Buchhandlung der Exilanten": hier ist mein Post über Sylvia Beach zu finden |
Ich mag japanische Autor*innen, ich mag Buchinhalte rund um die Mathematik bzw. Mathematiker. Da konnte ich Yoko Ogawa mit ihrem "Geheimnis der Eulerschen Formel" nicht ignorieren. Dieser Roman fand in Japan mehr als zwei Millionen Leser und wurde mit Preisen überhäuft.
Auf elf Bücher habe ich es in diesem Monat gebracht, eins mehr als im kurzen Vormonat, aber weniger als im Wintermonat Januar. Ich bin's zufrieden, denn neben der Lektüre rein aus Lust & Laune habe ich auch in diesem Monat aus Recherchegründen gelesen für meine "Great-Women"-Posts, auch wieder auf Englisch, was mir weniger Vergnügen bereitet. Besonders gefallen hat mir da dann Sarah Kirschs "Kuckuckslichtnelken". Demnächst dann dazu mehr...










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