Donnerstag, 7. Juli 2022

Great Women #305: Ellen Ammann

Von der heute vorgestellten Frau habe ich durch einen Artikel in der "Süddeutschen Zeitung" vor einem Jahr Kenntnis bekommen, als ihre bis heute nicht wirklich gewürdigte Rolle rund um den hitlerschen Putschversuch am 8. November 1923 in München betont wurde. Holla, dachte ich, diese Ellen Ammann muss ich unbedingt auch mal hier im Blog vorstellen!


"Nichts Außergewöhnliches, 
aber das Gewöhnliche außergewöhnlich gut 
und endlich beharrlich"

Ellen Ammann erblickt als Ellen Aurora Elisabeth Morgenröte Sundström am 1. Juli 1870 in Stockholm das Licht der Welt. Sie ist die erste Tochter von Carolina Sofia "Lilly" Häggström, einundzwanzig, Lehrerin & Journalistin, und Dr. Carl Rudolph Sundström, 29 Jahre alt, Lehrer, Assistenzprofessor für Ornithologie und Journalist, der seinen Töchtern - Ellen bekommt 1872 noch eine Schwester, Harriett, eine künftige Landschaftsmalerin - später Latein beibringen wird, damit sie einmal studieren können. Nebenbei verfasst er nachts politische Leitartikel für das "Stockholms Dagbladet", welches im Haus untergebracht ist, in dem die Sundströms wohnen. Die Eltern sind künstlerischen, kulturellen wie wissenschaftlichen Strömungen gegenüber aufgeschlossen und streben für ihre Mädchen die bestmögliche Schulbildung an, typische Bildungsbürger also. Mit dem Vater teilt Ellen die Freude am Segeln, Schwimmen und Skifahren und ein asketisches Ideal, das auch den Umgang mit Gefühlen betrifft. Später wird Ellens nordische Art immer wieder hervorgehoben.

Das Besondere an der Familie Sundström ist ihre religiöse Verfasstheit: Lilly Sundström fühlt sich vom Katholizismus angezogen, kann sich aber nicht offiziell dazu bekennen, denn in Schweden ist es schwedischen Staatsbürgern bis 1860 verboten, einer anderen Religionsgemeinschaft als der "Schwedischen Kirche" anzugehören. Die "Schwedische Kirche" ("Svenska Kyrkan", wie das Dissentergesetz sagt ) hat als Staatskirche seit 1686 ganz der Staatsgewalt unterstanden. Der Austritt aus dieser Staatskirche bleibt lange mit starken Restriktionen belegt ( die Taufe ist Voraussetzung für die schwedische Staatsbürgerschaft damals ) und erst ab 1951 wird die allgemeine Religionsfreiheit eingeführt. 

Lillys Mann teilt ihre religiösen Ansichten nicht, lehnt eine Konversion ab und verlangt die protestantische Taufe für seine Töchter, toleriert aber, dass seine Frau die Mädchen nach katholischen Prinzipien erzieht. 1881 konvertiert die Mutter heimlich in Dänemark, Ellen dann drei Jahre später. Ihre Teilnahme an der Kommunion im selben Jahr stellt einen Verstoß gegen schwedische Gesetze dar.

Als Schule wählen die Sundströms für ihre Töchter die École Française unter der Leitung der Josefsschwestern, einer französischen Glaubenskongegration, die in Schweden allerdings nur in Zivilkleidung unterrichten dürfen. Eine Freundin der Mutter, die Deutsche Wally Stockhausen, arbeitet dort. Den Unterricht ergänzen die Eltern durch zusätzliche Unterweisungen ihrerseits.

Für Ellen bietet die Schule die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit ihrem Glauben. Insbesondere beeinflusst sie nachhaltig Soeur Agnès, eine junge Nonne, die in dem Mädchen den Gedanken an einen Klostereintritt auslöst und die Ellen als Seelenschwester begreift. Die Abiturprüfung muss Ellen 1888 schließlich extern an der Wallinska Skolan ablegen, denn dazu hat die Nonnenschule keine Erlaubnis.

Bei den Vorbereitungen auf die Prüfungen lernt Ellen Lydia Wahlström kennen, die ihr lebenslang eine gute Freundin bleiben wird. Lydia beschreibt Ellen später so:
"Ein kleines, dunkles Mädchen mit hängendem Zopf und schüchternen, melancholischen Augen, welche zuweilen aufleuchten konnten, wenn ihr ein unbeschreiblich schönes Lächeln entfuhr wie ein Kräuseln über ein sonst spiegelblankes, ruhiges Äußeres. Das Lächeln, so entdeckte ich nachher, kam beinahe gegen ihren Willen. Sie war als idealer, zielstrebiger Mensch im allgemeinen schrecklich ernst."
1888

Die beiden Mädchen leisten einen Schwur auf ihre Abitursmützen, sich ihrer allzeit würdig zu zeigen und ein neues "Jung-Schweden" zu schaffen. Lydia wird Geschichte studieren und eine bekannte Autorin & Feministin werden und einen Verein für Frauenwahlrecht mitbegründen. Auch Ellen erwägt ein Geschichtsstudium, wird vom Vater aber in ein Studium der schwedischen Heilgymnastik gedrängt, was wohl zu unerfreulichen Auseinandersetzungen führt.

Um die zu entschärfen begibt sich die Mutter zusammen mit ihrer Freundin Wally Stockhausen und den Töchtern auf eine mehrmonatige Reise nach Deutschland. Die Freundin vermittelt dann eine Stellung als Haustochter bei der Familie Heereman von Zuydtwyck auf dem tecklenburgischen Schloss Surenburg, auch um die Sprachkenntnisse Ellens zu erweitern. 

Völlig begeistert ist die nicht von dieser Idee, würde sie doch lieber nach Frankreich gehen, denn den Deutschen bringt sie nicht allzu viel Sympathie entgegen. Aber sie legt ihr Schicksal in Gottes Hand. Und als Mutter und Schwester im August 1888 Deutschland verlassen, bleibt sie bis zum Juli des darauffolgenden Jahres bei den  Heeremans. Tut sie sich anfangs schwer mit der vornehm-freundlichen Distanziertheit & strengen Tagesplanung der Großfamilie, tut sie sich am Ende auch schwer mit dem Abschied. Mit im Gepäck hat sie neben den Fortschritten in der Sprache Kenntnisse in Haushaltsführung & gesellschaftlichem Umgang, aber auch eine weitere Sicherheit in ihrer Religion, die sie viel freier  & konsequenter ausüben kann als in Schweden.

Noch von Deutschland aus bewirbt sie sich um einen Ausbildungsplatz in schwedischer Heilgymnastik, obwohl sie lieber Lehrerin würde wie ihre Freundin Lydia, beugt sich aber dem Wunsch der Eltern.

Die Heimkehr wird auch überschattet durch die Tatsache, dass sie den kranken Vater - er hat sie abholen und nach Hause begleiten wollen - in Surenburg zurücklassen muss. Letztendlich stirbt er im Oktober 1889 im Hospital in Osnabrück mit 48 Jahren. Das Leben der Sundströms verändert sich dadurch grundlegend: Die Mutter übernimmt als erste Frau in Schweden den außenpolitischen Teil der "Stockholms Tidningen". Um den Lebensstandard zu halten, werden auch Zimmer im Haus der Sundströms vermietet. Im November 1889 zieht als erster Untermieter ein Orthopäde aus München, Ottmar Ammann, ein, der eine Fortbildung in schwedischer Heilgymnastik absolvieren will. Man versteht sich gut, teilt man doch die Religion. 

Doch von Verliebtheit ist auf Ellens Seite nicht die Rede, und auch Ottmar Ammann kann sich erst zu Hause seine Liebe zu Ellen eingestehen. Seinem schriftlichen Heiratsantrag im Februar 1890 entgegnet sie: "...ich bin doch noch ein halbes Kind." Außerdem ist da noch der Wunsch nach einem Leben im Kloster. Letztendlich merkt Ellen, dass sie dafür nicht geschaffen ist, kann aber dem vor Ostern erneut nach Stockholm gereisten Ammann den Wunsch nach einem "Ja" nicht erfüllen. Erst als der sich wieder nach München zurückziehen will, wird Ellen klar, was sie möchte. Karfreitag, den 4. April 1890, ist die Verlobung, ein halbes Jahr später, am 4. Oktober, die Hochzeit in der St. Eugenia Kirche in Stockholm. Zuvor ist Ellen aus der schwedischen Staatskirche ausgetreten und hat ihre Ausbildung zur Heilgymnastin aufgegeben.

Mit dem Umzug nach München beginnt für die Zwanzigjährige ein völlig neues Leben. Ihr Mann eröffnet in seinem Elternhaus in der Münchner Landwehrstraße eine orthopädische Privatklinik, Ellen übernimmt die hauswirtschaftliche Leitung - übrigens über 18 Jahre! Große Schwierigkeiten bereiten ihr die bayerische Lebensart & Sprache und das Fehlen von Familie. Immerhin kommt die Schwester ein Jahr später nach München, um an der Damenakademie zu studieren. 

Auf Dauer gewöhnt sich Ellen auch an die dominanten Seiten ihres um zehn Jahre älteren Ehemannes. Sie selbst hängt theoretisch einem patriarchalisch-christlichem Eheverständnis nach, das ihr in der Praxis aber einige Schwierigkeiten bereitet, wie sie Freundin Lydia wissen lässt. Auch einer anderen Freundin, Marie von Hohenhausen, gibt sie ihr Zerrissenheit preis und kritisiert die defizitäre Gleichberechtigung. "Immer noch kann ich mich in der Forderung des Duldens nicht ganz finden." 

Am 3. März 1892 bekommt Ellen ihren ersten Sohn, Albert Maria Carl, der später als Kirchenhistoriker zu Renomée kommt, 1894 Rudolf, 1896 Hugo, 1897 Erik, dann die Tochter Maria Elisabeth 1900 und das Nesthäkchen Franz 1903. Ebenso viele Fehlgeburten hat sie auch noch ertragen. 

Familie Ammann 1904
© Archiv des Katholischen Deutschen Frauenbundes – Landesverband Bayern

Die Fülle der Aufgaben in Beruf und Familie halten Ellen Ammann nicht davon ab, die sozialen Spannungen und die schlechte Bildung bei Frauen und Mädchen in Bayern wahrzunehmen. Sie verschließt jedenfalls nicht die Augen davor, zu welch elendem Leben andere gezwungen sind. Der Verlust von Arbeitsplätzen auf dem Land treibt Arbeitssuchende in Scharen in die Stadt, wo alleinstehende Frauen als Dienstmädchen, Kellnerinnen oder im Verkäuferinnen unterkommen wollen. Bei ihrer Ankunft am Münchner Hauptbahnhof werden sie aber nicht selten von Mädchenhändlern in Empfang genommen. Sie bringen die jungen Frauen in Fabriken unter, wo sie ohne Rechte für Hungerlöhne schuften müssen oder direkt ins Bordell. Sogar nach Südamerika werden Frauen verkauft.

Das erste, was von Ellen Ammann in Münchner Polizeiakten zu lesen ist, ist deshalb ein sehr tatkräftiger Einsatz für solche allein reisenden Mädchen & Frauen am Münchner Hauptbahnhof. Am Gleis 12, so die Akte, hätten sich Damen der gehobenen Gesellschaft mit stadtbekannten Zuhältern ein Handgemenge geliefert, welches  die Polizei befrieden muss. Ellen Ammann sorgt dafür, dass es ab April 1897 einen "Empfangsdienst" für Frauen & Mädchen direkt vor Ort gibt - die erste katholische Bahnhofsmission ist damit in München geboren und sie eine Streetworkerin, bevor es den Begriff gibt. 

Dann stellen die Damen zur Berufsberatung einen Tisch und einen Stuhl auf den Bahnsteig und wickeln dort erste Vermittlungen zum Schutz der weiblichen Arbeitssuchenden ab. Diese Institution des "Mädchenschutzbundes" - heute IN VIA, der Katholische Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit - leitet Ellen mehr als zwei Jahrzehnte. 

Die Erfahrungen, die sie dabei sammelt, lassen sie mutiger und organisierter werden. Die mittlerweile 27jährige, zierlich und eher unscheinbar, scheint so gar nicht für solche Ehrenämter geeignet. In entscheidenden Augenblicken, so die Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann ( siehe auch dieser Post ), erweist sich, "wie wesentlich und ausschlaggebend ihre Initiative und Tatkraft" ist.

Ellen ist überzeugt, dass sich die Frauen zusammenschließen müssen, um ihre Interessen & Rechte durchzusetzen. 1903 ist sie in Köln bei der Gründung des Katholischen deutschen Frauenbundes (KDFB) dabei, dessen erklärtes Ziel ist, Bildung und Gemeinschaft der Frauen zu fördern. In Bayern ist das besonders notwendig, denn hier gilt hier noch das Versammlungsverbot für "Weibspersonen", es gibt weder weiterführende Schulen wie Studienmöglichkeiten an Universitäten für die Mädchen, obwohl München eine Hochburg der modernen Frauenbewegung ist.  

Adel und Klerus lassen sich überraschenderweise schnell ins Boot holen und mit deren Unterstützung verbreitet sich die Idee des Katholischen Frauenbundes in Stadt und Land. Zur Stärkung der sozialen Kompetenzen von Frauen gründet Ellen 1906 die erste Frauenfachschule, die älteste in Deutschland. Ihre Begründung: "Soziale Arbeit darf nicht im Dilettantentum stecken bleiben, denn sie ist die verantwortungsvollste Arbeit am Menschen; mehr wie jede andere." 1911 gründet sie dann den Bayerischen Landesverband im KDFB ( ein Münchner Zweigverein ist schon 1904 mit ihr als Vorsitzender zustande gekommen  ).

1917
Die Schule, Lieblingskind der Ellen Ammann, ist, so Tanja Praske an dieser Stelle, "Eine bahnbrechende Innovation in einer Zeit, in der Frauen abgesehen vom Lehrerinnenberuf kaum qualifizierende Berufsausbildungen angeboten werden." Ellen unterrichtet dort selbst das Fach "Frauenfrage und Frauenbewegung".

Während des Ersten Weltkrieges leitet Ellen  gemeinsam mit Luise Kiesselbach die soziale Kriegshilfe. Mit dem evangelischen und jüdischen Frauenverband organisieren sie eine Reihe von Aktionen zur Linderung der wirtschaftlichen und sozialen Not, u.a. vermitteln sie billige Mittagstische und Wohnungen, übernehmen Kriegspatenschaften für Schwangere und Säuglinge, beschaffen Geld für bedürftige Familien und betreuen deutsche Flüchtlinge. Sie sorgt auch dafür, dass die Frauen für ihre Kriegshilfe angemessen entlohnt werden. In ihrem Haus in der Theresienstraße richtet sie eine Nähstube ein, wo an fünfzig Nähmaschinen gearbeitet werden kann. Viele Heimarbeiterinnen erhalten so eine Verdienstmöglichkeit.

Das Ende der Monarchie nach dem verlorenen Krieg bedeutet für alle eine Zeitenwende: Hat sich Ellen bisher reserviert gezeigt bezüglich des Frauenwahlrechts, auch gegenüber Lida Gustava Heymann, ist nun auch für sie der richtige Moment gekommen und sie zieht von Versammlung zu Versammlung und schult die Frauen ihrer vielen Zweigvereine in Stadt und Land selbst – sehr zum Ärger der Zentrumspartei. 

Bei der Landtagswahl am 12. Januar 1919 wird Ellen Ammann für die Bayerische Volkspartei als eine von acht Frauen in den Bayerischen Landtag gewählt, dem sie bis 1932 angehören wird. Ihr Bekanntheitsgrad ist einfach enorm. All die ihr früher nachgesagten Mängel - zierliche Gestalt, schwache Stimme, unsichere Rede – spielen nun keine Rolle mehr.

Im Bayerischen Landtag ist sie prädestiniert für die Tätigkeitsbereiche Jugendfürsorge, Gesundheitswesen, öffentliche Fürsorge und Wohlfahrtspflege. Die Sache der Frauen, der Familien und der unteren Schichten werden mit ihr nun auch Thema im Parlament. Sie regt eine Familienberatung angesichts der Traumatisierung mancher aus dem Weltkrieg zurückgekehrter Väter an, sie initiiert eine katholische Polizeiseelsorge, damit Polizisten ihre Überforderung nicht immer zu Lasten ihrer Klientel ausleben.

Als eine der wenigen Politikerinnen der damaligen Zeit betrachtet sie mit besonderer Sorge die zunehmende Erstarkung des Nationalsozialismus. Sie sieht die Gefahr von Anfang an, schätzt sie richtig ein und beginnt frühzeitig zu warnen. Zusammen mit anderen Frauenrechtlerinnen fordert sie die Ausweisung des Österreichers Hitler, was abgelehnt wird, obwohl seine Anhänger gegen die "Women’s International League for Peace and Freedom"(WILPF) massiv vorgegangen sind. Im März 1923 führt sie mit acht weiteren Frauen, darunter Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, ein Gespräch mit dem damaligen bayerischen Innenminister Schweyer, indem sie diesen über Ausschreitungen und widerrechtliche Auftritte Hitlers und seiner Anhänger berichten. Das Gespräch hat keine Konsequenzen. 

Am Abend bevor Hitler sich an die Macht putschen will, handelt sie, nachdem sie von dem Vorhaben erfahren hat. Ihren Jüngsten schickt sie mit dem Fahrrad los, alle nicht involvierten  Minister & Parteimitglieder in ihre Schule zu bitten. Zusammen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Kultusminister Franz Matt wird in dieser Nacht in einer Resolution an das bayerische Volk der Putsch von Hitler und Ludendorff als Staatsverbrechen verurteilt. Die Gruppe verlegt außerdem den Regierungssitz von München nach Regensburg, von wo aus dann die Niederschlagung des Aufstands organisiert wird. 

Der unter dem Begriff "Marsch auf die Feldherrnhalle" bekannte Aufstand endet im Kugelhagel: Um 12.45 Uhr fallen unter ungeklärten Umständen Schüsse, 4 Polizisten und 16 Demonstranten kommen an diesem Tag ums Leben, Hitler entkommt leicht verletzt, wird aber am 11. November 1923 festgenommen und im Jahr darauf zu fünf Jahren Festungshaft wegen "Verbrechens des Hochverrats" verurteilt, wird aber am Jahresende vorzeitig entlassen.

Matt zollt später Ellen seinen Respekt: "Die Kollegin Ammann hatte damals mehr Mut bewiesen als manche Herren in Männerhosen." In die Geschichtsbücher hat Ellen Ammanns Eingreifen allerdings lange keinen Eingang gefunden. Erst in den letzten Jahren wird dieser historische Sachverhalt exakt dargestellt.

1930

Neun Jahre später, am 22. November 1932, hält  Ellen Ammann eine Landtagsrede zu notwendigen Hilfsmaßnahmen für kinderreiche Familien. Sie fordert darin Unterstützung bei der Wohnungssuche, eine Bevorzugung bei der Arbeitsvergebung, Schulgeldermäßigung usw. Ihre Rede endet mit: "Möge die kinderreiche Familie im Volksbewusstsein wieder zu Ehren kommen." Das sind ihre letzten dokumentierten Worte. Kurz nach Mitternacht stirbt sie an den Folgen eines Schlaganfalls, 62jährig.

"In den Mitgliederkreis dieses Hauses hat der Tod in dieser Nacht eine außerordentlich schmerzliche Lücke gerissen. Das Leben unserer verehrten Kollegin, der Frau Abgeordneten Ellen Ammann, Hofrats- und Arztensgattin, dieses Leben, das köstlich war, weil sein Inhalt Mühe und Arbeit gewesen ist, ist heute nacht um einhalb ein Uhr erloschen. ... 14 Jahre lang hat Frau Ellen Ammann diesem Haus angehört und mit einer vorbildlichen Pflichttreue und einem hingebenden Eifer die Aufgabe einer Abgeordneten erfüllt, für welche sie ein in vielen wissenschaftlichen Studien volkswirtschaftlicher und staatswirtschaftlicher Art gewonnenes und in der großen praktischen Schule sozial-caritativer Arbeit vertieftes und bereichertes Wissen mitgebracht hat", heißt es in der Gedenkstunde des Landtages.

Aufgebahrt trägt sie eine Ordenstracht, selbst zur Überraschung ihres Mannes: Der hat keine Kenntnis davon gehabt, dass Ellen 1919 einen säkularen Orden, eine Vereinigung Katholischer Diakoninnen, mitbegegründet hat ( heute Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae ). Ihre letzte Ruhe findet Ellen Ammann auf dem Münchner Alten Südlichen Friedhof.

Ihre Rolle während des Putsches vergessen ihr die Nazis nicht: Nach der Machtübernahme wird die frisch gedruckte Biographie, verfasst von Marie Amelie von Godin, umgehend verbrannt. Die "Soziale und Caritative Frauenschule", seit 1929 von Ellens Tochter Maria geleitet, existiert unter großem Druck weiter, wird dann aber 1941 aufgehoben und die Seminaristinnen auf andere staatliche Institute verteilt. 1946 wird der Betrieb wieder aufgenommen. In München erinnern einige Stätten an die Pionierin im sozialen Sektor.

Seit 2013 vergibt der KDFB Landesverband Bayern alle zwei Jahre den Ellen-Ammann-Preis. Damit werden Frauen geehrt, die wie ihre Namensgeberin Grenzen überwunden und sich mutig und unerschrocken für die Gleichberechtigung von Frauen einsetzen. Ellen Ammanns Tatkraft wirkt bis in die Gegenwart, sind doch alle von ihr angestoßenen Einrichtungen und Organisationen bis heute äußerst lebendig. Und in gewissem Maße gilt ihre Aussage immer noch:

"Es ist einem deutschen Mann theoretisch sehr schwer zu beweisen, daß die Frauen gleich viel wert sind wie die Männer. Darum arbeiten wir praktisch und überzeugen die Männer von unserer Kapazität. Dann geben sie Schritt für Schritt nach."

Also, nicht nachlassen! 


7 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,

    was du dir immer eine Mühe machst, bedeutende Frauen vorzustellen, die lange Zeit nicht erwähnt wurden.

    Ich finde es immer sehr interessant, diese Beiträge zu lesen.
    Auch Ellen Ammann sagte mir nichts.
    Danke für's Vorstellen!

    Viele Grüße,
    Claudia

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  2. Danke für diese feine Portrait einer Frau, die nur langsam aus ihrer Zeit heraustrat, aber dann Dinge tat, die sonst kaum Frauen taten. Immer auch mit den Ziel tat-sächlich etwas zu bewegen und tat-kräftig Hilfe zu leisten. Und erfolgreich politisiert hat sie sich auch, das war wirklich etwas Besonderes.
    Wie schwierig diese Zeit für Frauen war, hast Du ja sehr gut beschrieben (sofort fühlte ich mich aber auch an die Frauen erinnert, die als Flüchtlinge in der Ukraine kürzlich hier ankamen und auch Angst haben mussten, Menschenhändlern in die Hände zu fallen - das gibt es ja heute immer noch).
    Ich habe in meiner Berufstätigkeit in der evangelischen Frauenarbeit in Deutschland - EFiD - auch immer wieder mit dem KDFB zusammengearbeitet. Die Frauen dort sind auch heute noch viel weiter als die patriarchale kath. Kirche bis heute ist.
    Gut, dass Du an Ellen Ammann erinnert hast. Sie darf nicht vergessen werden.
    Herzlichst, Sieglinde


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  3. Schön, dass wenigstens die Einrichtungen bzw die Nachfolgeeinrichtungen noch weiter Ihr Werk fortführen.
    Ein beeindruckendes Leben und besonders Ihre Rolle zur Zeit des Putsches. Kein Wunder, dass man Angst vor ihren Worten hatte und auch das Buch über sie verbrannte.
    Danke Dir und liebe Grüße
    Nina

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  4. wieder so eine starke Persönlichkeit
    beeindruckend was sie alles geleistet hat
    vielleicht war es gut dass sie die NS Zeit nicht mehr erleben musste..denn sie wäre sicher in ein KZ gekommen
    ja.. immer daran erinnern was Frauen zu leisten imstande sind
    dankeschön

    liebe Grüße
    Rosi

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  5. Was für eine tolle Frau! Danke für dieses Frauenportrait.
    Liebe Grüße,
    Karin

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  6. Was wäre wenn... Sie länger gelebt hätte? Sie noch mehr Möglichkeiten gehabt hätte...
    Eine tolle Frau
    Danke für deine Recherche
    Andrea

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  7. Wieder so eine tatkräftige und mutige Frau, deren Werk wieder mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt werden sollte.
    Liebe Grüße
    Andrea

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