Donnerstag, 17. Juni 2021

Great Women #263: Latife Hanım

In den fast vierzig Jahren im Schuldienst habe ich viele türkische Kolleg*innen kennen gelernt, von denen die meisten überzeugte Kemalisten waren und entsprechend viel über Atatürk und seine Errungenschaften für das Land, besonders für die Kinder, erzählt haben. Von Atatürks privaten Verhältnissen habe ich hingegen nie etwas erfahren. Umso erstaunter war ich, als ich von seiner Frau Latife Hanım las und ihrer Ehe, die eigentlich als als revolutionäre Bewegung begann. Da hab ich mich gleich daran gemacht, mehr über sie zu herauszubekommen. Der Post erscheint an ihrem 123. Geburtstag.


"Sie hat über sich selbst nie etwas bekanntgemacht.
Das hat niemand verstanden."
Süreyya Ağaoğlu, erste Anwältin in der Türkei

Latife Hanım* kommt am 17. Juni 1898 im damaligen Smyrna ( heute Izmir ) als Fatima-tüz Zehra Latife Muammer bzw. laut Bevölkerungsaufzeichnungen Latife Uşaklı oder Uşaklıgil zur Welt. Sie ist die erste Tochter des reichen, fortschrittlich eingestellten Kaufmanns Uşakizâde ( zade = Adel ) Muammer Bey* und seiner Ehefrau Adviye Hanım. 

Der Vater, einziger Sohn einer Familie, die schon in der dritten Generation im Handel tätig gewesen ist, kommt eigentlich aus dem 200 Kilometer entfernten Uşak und hat schon im Sultanat zu den wenigen türkischen Exporteuren gehört, Handelsbeziehungen zu England und zu den Vereinigten Staaten unterhalten und einen Sitz in der Tabakbörse bzw. der Baumwollbörse in New York & New Orleans inne. Er ist ständig im Ausland unterwegs, daher eher westlich orientiert und will, dass seine Kinder eine gute Ausbildung nach westlichen Standards ohne Diskriminierung der Mädchen erhalten. Schon sein Vater Sadık Bey ist ein aufgeschlossener Mensch gewesen, und er wird der jungen Latife später aus London ein Klavier zukommen lassen.

Die Mutter Adviye stammt aus einer ebenfalls wohlhabenden Izmirer Familie, ist von Privatlehrern unterrichtet worden und spricht Französisch und Arabisch. Nach Latife hat sie noch zwei Söhne - İsmail & Ömer-, dann die Töchter Vecihe & Rukiye und schließlich als Nesthäkchen Münci bekommen.

Latife wächst in einem Haushalt mit sehr vielen Bediensteten auf und bekommt schon mit vier Jahren eine englische Gouvernante, um die Sprache zu lernen. Sie orientiert sich sehr an ihren Brüdern, gilt als alles andere als schüchtern und bemüht, nicht übergangen zu werden. 

 Die 18jährige Latife hat dieses Foto
ihrer Klavierlehrerin gewidmet
(1916)

Ihr Vater lässt einen gläsernen Pavillon im Garten des Herrenhauses der Uşakizâde in der heutigen Mithatpaşa-Straße im Izmirer Quartier Çankaya errichten, in dem seine eigenen Kinder zusammen mit anderen Kindern unterrichtet werden. Jedes seiner Kind hat seine eigene Gouvernante mit einer jeweils anderen Muttersprache. So lernt Latife neben Englisch Französisch und Deutsch und schließlich noch Griechisch. 

Mit vierzehn Jahren schickt sie der Vater nach Istanbul zum Neffen des Großvaters Sadık Bey, dem damals bekanntesten Schriftsteller Halit Ziya Uşaklıgil, bei dem sie Arabischunterricht erhält. Eine weitere literarische Persönlichkeit der Zeit, Tevfik Fikret, der mit Halit eine Literaturzeitschrift herausgibt, unterrichtet Latife in Türkisch und Persisch. Auf ihre literarische und Allgemeinbildung legen diese beiden Herren sehr großen Wert. Parallel dazu besucht das junge Mädchen die Vorbereitungsklasse der amerikanischen Schule von Istanbul, um auch ein bisschen Schulluft zu schnuppern.

Zurück in Izmir bekommt die Fünfzehnjährige, wie es in der Familie üblich ist, eine eigene Bedienstete, die Griechin Kalyopi, zur Seite gestellt, die Zeit ihres Lebens an Latifes Seite bleiben wird. Latife zeigt ein besonderes Interesse an Kunst, Literatur und Musik. Klavierunterricht erhält sie von der Nichte des berühmten deutschen Dichters Rilke, Anna Grosser-Rilke.

Schon als Teenager ist sie - wie die ganze Familie - an der Welt & am Weltgeschehen interessiert. Aufgeschlossen, wie sie sind, nehmen die Familienmitglieder die Ideen jener Zeit auf, beschäftigen sich mit allen Anschauungen und schließen sich den diversen Strömungen an, sei es dem Jungtürkentum, sei es dem Sozialismus, aber auch dem Palast bleibt man treu oder gehört zur Geheimorganisation der Nationalisten, der "Union für Freiheit und Fortschritt".

Latife selbst ist 1916 mit Themen der Frauenbewegung in Berührung gekommen und fertigt Notizen zu diesem Thema an. Als sie feststellen muss, dass die Jungtürken die Versklavung der Frauen in der Gesellschaft nicht wahrnehmen wollen, fängt sie an, diese offen zu kritisieren. Die sehr lebendige und lebhafte junge Frau wird beschrieben als eine mit einer "Haltung, die ausdrückte 'Hier bin ich'" ( Quelle hier ).

Durch die politische Entwicklung in der Türkei während und nach dem 1. Weltkrieg kommt Latifes Vater unter Druck, wollen ihn die griechischen Besatzer doch auf ihre Seite ziehen und ihn zum Bürgermeister machen. 

Die Stadt Smyrna war kurz vor dem Ausbruch des Krieges zur Hälfte von Muslimen und zu 40 % von Griechen bewohnt. Die Levantiner und Armenier bildeten mit 6 % bzw. 4 % kleinere Gruppierungen. Am 15. Mai 1919 besetzten griechische Truppen nach der osmanischen Niederlage im Ersten Weltkrieg die Stadt und stießen von hier aus weiter nach Anatolien vor. Der Anteil der griechischen Bevölkerung stieg rasant an. Unmittelbar nach Beginn der Invasion wurden türkische und andere muslimische Zivilisten der Region durch die griechischen Truppen umgebracht. ( Wikipedia )

Mit Hilfe des französischen Konsuls, mit dem der Kaufmann aufgrund ihrer gemeinsamen Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge verbunden ist, erhält die Familie Pässe und Fahrscheine für ein Schiff nach Marseille.  Der ganzen Familie Uşakizâde gelingt im Herbst 1919 die Flucht, nur die alte Großmutter bleibt auf eigenen Wunsch zurück.

In Europa verstreuen sich die Familienmitglieder in alle Himmelsrichtungen: Die Eltern ziehen mit dem Jüngsten, Münci, der an den Folgen der Kinderlähmung leidet, nach Biarritz, Latife wird auf die Tudor Hall School in der Nähe von London geschickt, die sich der vielfältigen Förderung von Mädchen verschrieben hat, ohne auf diese Druck auszuüben. Eine Spezialität ist die Förderung der Debattenkultur. Nach dem Schulabschluss geht sie nach Paris, wo ihre Familie ebenfalls eine Wohnung besitzt. Obwohl  sie in das avantgardistische kulturelle Leben der Stadt eintaucht, studiert sie überraschenderweise an der Sorbonne Rechtswissenschaften, nicht Literatur.

Neuigkeiten aus der Türkei geben Grund zur Hoffnung, und als die Großmutter ernsthaft erkrankt, entschließt sich Latife als Erste zurückzukehren. An ihrem 24. Geburtstag kommt sie über Istanbul in ihrer Heimatstadt an. Doch alles ist nicht so einfach, wie  sie es sich vorgestellt hat: Die griechischen Besatzer misstrauen der jungen Frau im türkischen Çarşaf, aber mit französischem Pass. Die selbstbewusste Latife weist die Versuche nach Leibesvisitation zurück und wird darauf erst einmal eingesperrt. Nachdem die Nachricht von den Umständen ihrer Rückkehr in der Stadt für Unruhe gesorgt hat, kommt sie nach drei Tagen frei. Doch Latife hält nicht still und schreibt einen scharfzüngigen Brief an einen wichtigen Beamten der Stadt, was ihr anschließend Hausarrest einbringt. Zwei griechische Wächter stehen nun vor ihrer Haustür und kontrollieren sie stündlich im Innern des Hauses. 

Das Herrenhaus  der Uşakizâde ist 1860 als Sommerhaus der Familie erbaut worden. Es wird erzählt, dass die Familie es in einer kühlen Ecke von İzmir errichten wollten. Dazu sei nach einer alten Tradition in verschiedenen Bezirken Fleisch aufgehängt worden. Der Ort, an dem das Fleisch als letztes verdorben gewesen sei, der kühlste, frischeste also, ist dann als Bauplatz für die Villa erwählt worden. 1951 wird das Haus von der Hochschule Izmir gemietet, 1979 gekauft und 2001 als Museum eröffnet werden.

Am 26. August 1922 werden die Griechen von dem Befreiungsheer unter Mustafa Kemal Pascha besiegt und ziehen sich nach Izmir zurück. Am 7. September sind die Bewacher vor Latifes Haustür verschwunden. Drei Tage später erreicht der Oberbefehlshaber Mustafa Kemal mit seinen Leuten Izmir. 

Als Latife am Tag darauf, nachdem sie in der Stadt gewesen ist und Geschenke an die türkischen Soldaten verteilt hat, ihr Zuhause wieder betreten will, wird sie nun von heruntergekommenen Männern mit Gewehren am Zutritt gehindert. Im Haus befindet sich Mustafa Kemal. Da sie diesen schon lange bewundert hat, empfindet Latife es als Ehre, dass er die Sommervilla der Uşakizâde in sein Hauptquartier umfunktionieren will, um von dort aus den weiteren Befreiungskampf zu leiten.

Mustafa Kemal Pascha, wie er bis 1934 heißen wird, wird 1881 in Selânik, dem heutigen griechischen Thessaloniki, damals Teil des Osmanischen Reiches, geboren. Nach einem kurzen Besuch einer Koranschule wechselt er auf eine Privatschule nach westlichem Vorbild. Früh Halbwaise - sein Vater stirbt, als er 7 Jahre alt ist - muss er den Schulbesuch abbrechen, weil die Mutter mit ihren Kindern zu ihrem Bruder aufs Land zieht und dort keine Schule existiert. Doch er kann nach Thessaloniki zu einer Tante zurückkehren und wieder den Schulunterricht besuchen. Nichtsdestoweniger lässt die Brutalität der Lehrer ihn immer wieder die Schule unterbrechen, er wird schließlich relegiert und bewirbt sich als Zwölfjähriger erfolgreich an der militärischen Mittelschule der Stadt. Dort erhält er von seinem Mathematiklehrer den Namen Kemal. 1895 schließt er die Schule als Viertbester ab und besucht eine Kadettenschule im heute mazedonischen Bitola, wo er sich den Jungtürken anschließt.

1922
1899 kommt Mustafa Kemal als Offiziersanwärter an die Militärakademie in Istanbul. Doch immer wieder gibt es Ärger bis zu Gefängnisstrafen ( letztere wegen seines liederlichen Lebenswandels ), aber er hat einflussreiche Fürsprecher, so dass er sechs Jahre später als Hauptmann (Yüzbaşı) die Akademie abschließen kann. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges versucht er immer wieder in eine staatliche Führungsposition zu gelangen. Doch erst nach seiner "militärischen Glanztat" im Abwehrkampf gegen die Alliierten auf der Halbinsel Gallipoli, erreicht er die erwünschte Anerkennung, indem er zum General mit dem Ehrentitel 'Pascha' befördert wird. Nach dem endgültigen Zusammenbruch des Osmanischen Reiches bringt er die demobilisierten Truppen dazu, sich zu Guerillaverbänden im Inneren Anatoliens zu formieren und sich für einen künftigen Befreiungskampf bereitzuhalten. Er organisiert den Widerstand gegen die Besatzungsmächte, nachdem griechische Truppen mit Unterstützung der Briten im Land eingefallen sind. Im Januar und im März 1921 erringen die Truppen der Befreiungsarmee unter seiner Führung Siege über die Griechen, und Mustafa Kemal wird von der Nationalversammlung zum Oberbefehlshaber ernannt. Mit seinem Überraschungsangriff bei Dumlupınar am 26. August 1922 schlägt er die  griechischen Truppen endgültig in die Flucht.

 

Am 13. September bricht um die Mittagszeit das große Feuer aus, das die schöne alte Stadt Smyrna in Schutt und Asche legt. Mustafa Kemal sucht sein Hauptquartier wieder auf und beobachtet am Abend von der Terrasse aus mit der Hausherrin das Wüten der Flammen. Auf seine Frage hin, ob auch Häuser der Familie zerstört worden seien, soll Latife geantwortet haben: "Pascha, es soll ruhig verbrennen. Es reicht schon, dass Sie bei guter Gesundheit sind. Welchen Wert kann Besitz an diesen Tagen großen Glücks für die Menschen schon haben? Unser Land ist frei. Wir werden später all diese Gebäude neu bauen lassen und sie werden noch schöner sein." ( Quelle hier )

Solchen Bekundungen kann auch ein Vierzigjähriger wohl nicht widerstehen...

Latife weicht aber erst einmal mit ihrer Großmutter in ein anderes Haus der Familie in Karşıyaka am gegenüberliegenden Ufer aus und versucht von dort aus, alles Nötige im Haushalt des Herrenhauses zu organisieren. Als aber alles nur im Chaos versinkt, schreitet sie ein, bringt alles wieder in Schuss und wohnt ab da in einem Nebengebäude im Garten. Besonders rührend kümmert sie sich um das Wohlergehen Mustafa Kemals, auch, als bei diesem ein Herzleiden festgestellt wird. Sie ist es, die auf die Einhaltung der ärztlichen Anordnungen bezüglich desAlkohol- & Zigarettenkonsums des Kommandanten achtet, was er nicht gewohnt ist - Beschwerden gehen aber immer nur an seine Mitstreiter. Inzwischen haben sich nämlich der Premierminister, der Außenminister und der Präsident der patriotischen "Gesellschaft zur Verteidigung der Rechte", Ali Fuat Cebesoy, in Latifes elterlichem Anwesen einquartiert. Letzterer äußert sich in seinen Erinnerungen so über sie:

"In der Villa, die Gazi Pascha als sein Hauptquartier gewählt hatte, diente Uşakizâde Muammer Beys Tochter Latife Hanım persönlich. Latife Hanım war eine junge und schöne Türkin, die eine sehr gute Ausbildung hatte und die Sprachen beherrschte. Sie war auch mit der türkischen Literatur vertraut. Obwohl es in der Villa ziemlich geschäftig zuging, wie in einem echten Commander-in-Chief-Hauptquartier, war die Aufteilung klar. Sie behandelte jeden mit Mitgefühl und Freundlichkeit und wurde von allen respektiert. Alles, was sie sagte, wurde als Befehl des Kommandanten des Hauptquartiers akzeptiert. Auch Gazi Pascha nahm diese Vorgehensweise gerne an. Lachend sagte der Kommandant dazu: 'Das ist der Befehl der Dame.' "

1922
Am 18. September veranstaltet Latife in ihrem Elternhaus eine Feier zur Befreiung von den griechischen Eroberern. Die Veranda ist mit Girlanden aus Efeu, Jasmin, Glyzinen und Rosen geschmückt und die Hausherrin bereitet den Gästen einen unvergesslichen Abend. Manchen Beobachtern fällt eher die Veränderung in der Stimme des Paschas auf. Er sei völlig von Latife in den Bann geschlagen gewesen, und auch sie habe verliebt gewirkt. "Die starke Anziehung zwischen diesen beiden bezaubernden Menschen war die größte Attraktion jenes Abends."

In seiner Biografie des Gründers der modernen Türkei schreibt Patrick Kinross über diese Zeit:

"... ihre Gedanken, Ratschläge und kluge Reden regten Mustafa Kemals Geist an. Sie war eben eine Frau, die sich besser auszudrücken verstand als die meisten Männer in ihrer Umgebung. Ein aufgeweckter Männerkopf und ein attraktiver Frauenkörper hatten sich in ihr vereinigt."

Der bereits vierzigjährige Mustafa Kemal kommt zu dem Schluss, dass sein Weg zu einer reformierten Gesellschaft in der Türkei mit einer Frau wie Latife wesentlich leichter sein würde. Es gibt nur ein paar Probleme: Seine Gefährtin Fikriye in Ankara, die Abwesenheit von Latifes Vater und die junge Frau selber, die seinen Heiratsantrag ablehnt - ihre Zuneigung zeigt sie alleredings weiterhin: Jeden Morgen legt sie eine Rose ans Kopfende seines Bettes. Laut Schwester Vecihe versucht es der General noch mindesten zweimal. Schließlich und endlich stimmt sie einem schriftlichen Antrag auf der Rückseite seines Bildes zu.

16 Tage dauert der Aufenthalt Mustafa Kemals Herrenhaus der Uşakizâde. Während dieser Zeit ist die Villa auch Schauplatz der Vorbereitung des Waffenstillstandes von Mudanya. "Als die Zeit der Diplomatie begann", schreibt Ipek Çalislar in ihrem Buch "Mrs. Atatürk Latife Hanım", "brauchte Mustafa Kemal einen Übersetzer. Latife fungierte mit ihren hervorragenden Sprachkenntnissen als Dolmetscherin zwischen ihm und den ausländischen Journalisten... Sie machte Notizen für ihn und unterstützte ihn mit ihrer Bildung und ihrem Verstand."

Fikriye Hanım 
Am 30. September 1922 ist es Zeit, nach Ankara zurückzukehren. Die Ursache, dass Mustafa Kemal Latife nach Ankara nicht mitnimmt, ist in seiner privaten Situation vor Ort zu finden: Dort lebt Fikriye, die Tochter des Bruders seines Stiefvaters, als Dame des Herrenhauses in Çankaya. Ein Skandal muss vermieden werden.

Unterdessen sind auch Latifes Mutter samt Schwestern wieder in Izmir. Sie treffen auf eine ungewohnt verunsicherte Latife, denn Mustafa Kemal hüllt sich nun lange in Schweigen ihr gegenüber ( seinen Freunden und seiner Mutter gegenüber hingegen nicht: Die Mutter erkennt schnell seinen unbedingten Wunsch zu heiraten.) Eine geräuschlose Lösung seines Problems bietet sich Mustafa Kemal an, weil Fikriye an Tuberkulose erkrankt ist, und er sie nach München in ein Sanatorium schicken kann. Latife wiederum lässt er sein Lieblingspferd als Geschenk zukommen. 

Vater Muammar Bey, noch in Frankreich, hat wiederum Zweifel, dass seine Tochter mit einem Kriegsherrn glücklich werden könne. Doch die kann ihn von ihrer Liebe überzeugen. Er kommt heim nach Izmir am gleichen Tag, als Latife die im Rollstuhl sitzende Mutter Kemals, Zübeyde Hanım, am Zug in Empfang nimmt. Sie hat alles wohl organisiert für die pflegebedürftige alte Frau und sorgt nun dafür, dass Behandlungen unternommen werden, um ihre Schmerzen zu lindern. Im fernen Ankara verkündet derweil ihr Sohn, dass er heiraten werde: "Ich habe eine gebildete Frau aus meinem eigenen Volk gewählt, eine Frau, die in allem, was ich unternehme, meine echte Partnerin sein wird. [... ] Ich habe die Seite der Demokratie gewählt."

Am 15. Januar 1923 stirbt die Mutter. Latife sorgt für eine würdige Bestattung. Und nach einem Dankestelegram kommt auch Mustafa Kemal am 27. Januar persönlich in die Stadt, um sich von der Mutter zu verabschieden. Anschließend fährt er unter dem Jubel der Izmirer zum Haus von Latifes Familie. Dort überrumpelt er seine Verlobte abrupt mit seinem Wunsch, sofort zu heiraten.

Die Familie Uşakizâde hat für den 29. Januar 1923 einen Empfang anlässlich der Befreiung Izmirs vorgesehen, zu dem Mustafa Kemal militärische Würdenträger mitbringt. Andere Honoratioren warten schon in Muammer Beys Herrenhaus. Völlig überraschend findet dann im Esszimmer die Trauung statt. Die ( religiöse ) Eheschließung entspricht so gar nicht den Gepflogenheiten der Zeit, sie ist gar ein Tabubruch ohnegleichen: Entgegen der Tradition sitzt Latife selbst und nicht ein Vormund am Tisch, und Mustafa Kemal zahlt als Brautpreis den verschwindend geringen Betrag von zehn Dirhem, was die Gleichstellung von Mann und Frau symbolisieren soll. Die westliche Presse bringt Fotos der Hochzeit und misst dem privaten Ereignis auch politisch eine große Bedeutung bei, sind doch die Verhandlungen zum Friedensvertrag in Lausanne gerade ins Stocken geraten.

Dem jungen Paar bleibt wenig Zeit für Flitterwochen. Ein Wirtschaftskongress wartet in Izmir auf den Kommandanten, in Ankara das Parlament. Am 20. Februar erreicht Latife mit ihrem Mann die Hauptstadt und ihr neues Zuhause bei klirrender Kälte. Der Köşk Mustafa Kemals strahlt zum Glück mit seinen roten Fensterläden in der steppenartigen Landschaft, nur von Weingärten geprägt, unglaubliche Ruhe aus, der frischgebackene Ehemann selbst ist jedoch von großer Unruhe getrieben. Latife ist verletzt, dass er die ersten Tage in der neuen Umgebung nicht mehr mit ihr verbringt. So schlägt sie ihre Zeit tot, indem sie wieder mal ein männlich dominiertes Anwesen auf Vordermann bringt und  es - dank einer Kamelkarawane ihrer Eltern mit Ladungen an Einrichtungs- & Haushaltsgegenständen - nach ihrem Geschmack einrichtet. 

Ende Februar steht die Eröffnung der vierte Parlamentssession an, und Latife unterstützt ihren Mann beim Schreiben seiner Rede. Ihren Vorschlag, am nächsten Tag dabeizusein, stimmt er begeistert zu.

"Als Latife Ussaki im Februar 1923 die Loge des Diplomatischen Korps des türkischen Parlaments in Ankara betritt, drehen sich weiße Turbane, rote Fese und dunkle Pelzkalpaks zu ihr herum, eine tiefe Stille legt sich über die Versammlung. Der französische und der sowjetische Botschafter erheben sich von ihren Plätzen. Die Ehefrau von Mustafa Kemal ist gekommen, um der Rede zuzuhören, die sie am Abend zuvor gemeinsam mit ihrem Mann geschrieben hat. Bis dahin war es undenkbar gewesen, dass eine Frau das Parlament betritt.Nach der Rede sagt einer der Abgeordneten zu Latife: 'In Ihrer Person hat die türkische Frau heute eine Revolution erlebt!'", beschreibt Nimet Şeker die Szenerie an dieser Stelle.

Von links nach rechts: Latife, Mustafa Kemal, Galibe, ihre Freundin, und Ali Fethi Okyar, türkischer Ministerpräsident
(1923)












Die ausländischen Pressevertreter, die das Paar anschließend zahlreich in ihrem Haus empfängt, sind beeindruckt von Latifes souveränen Auftreten, ihrer Stellungnahmen zu Frauenfragen und der Weltpolitik und der Synthese aus Ost & West, die sie in ihr verkörpert sehen. Anschließend bricht das Paar zu einer dreizehntägigen Reise durch die Türkei auf. Adana, Konya, Mersin, Taurus stehen auf dem Programm. Latife tritt in einem langen Kostüm und mit einem Kopftuch auf, dass ihr Gesicht frei lässt. Der Mufti von Adana verkündet ausdrücklich, dass das durchaus der Scharia angemessen sei. Bei den Treffen mit den Repräsentanten der einzelnen Städte prahlt Mustafa Kemal gerne mit seiner Frau, lässt sie Gedichte europäischer Autoren rezitieren, wortgewandt zu Frauenfragen und zur westlichen Philosophien Stellung beziehen. Es ist auch durch die Bekundungen der Leute auf der Straße eine wohlwollende, fröhliche Reise, und die schelmische Art Latifes, mit ihrem Mann umzugehen, fällt angenehm auf. 

Das türkische Parlament in Ankara
(1924)
Doch nicht alle sind in jenen Tagen von Mustafa Kemal begeistert: 

Der Bruch mit den Strukturen und Institutionen des Osmanischen Reiches ruft Widerstand hervor. Er entgeht einem Versuch, ihn in seinem Haus gefangen zu nehmen durch eine trickreiche Volte seiner Ehefrau. In der Folgezeit wird das Parlament aufgelöst und Neuwahlen angesetzt. 

Latife übt nun Druck auf ihren Mann aus, das politische Mitspracherecht für Frauen endlich für die anstehende Wahl einzuführen. Zur gleichen Zeit mobilisiert Nezihe Muhiddin ebenfalls die Frauen im Land. Sie gilt als die erste Frauenrechtlerin in der Türkei, in der westlichen Welt spricht die Presse nur von Latife Hanım als Frauenrechtlerin & Suffragette. Muhiddin gründet sogar eine "Frauenvolkspartei", doch das Wahlrecht wird den Frauen nicht gewährt. Dennoch werden in einigen türkischen Städten Frauen gewählt, darunter auch Latife, die gar nicht auf den Wahlzetteln stehen.

Nach den Neuwahlen und der Unterzeichnung des Vertrags von Lausanne wird Latife von ihrem Mann in seine Überlegungen einbezogen, endlich die Republik auszurufen. Sie selbst eruiert, wie das bei den Menschen ankommt und äußert sich auch gegenüber der ausländischen Presse dazu. Im Oktober 1923 nimmt das Vorhaben weiter Form an und am 29. Oktober ist es so weit. Am gleichen Tag wird Mustafa Kemal Pascha von der Mehrheit der Abgeordneten zum Präsidenten gewählt. Doch die großen Anforderungen an ihn führen zu zwei Herzinfarkten in kurzem Abstand in der zweiten Novemberwoche. Latife zeigt wieder ihre Fähigkeiten als stringente Pflegerin. Die "New York Times" traut ihr mehr zu und platziert am 23. Dezember die Schlagzeile: "Die Witwe Kemals könnte die Türkei regieren".

Erholungsurlaub am Meer in Izmir ist schließlich angesagt, wo die nunmehrige Präsidentengattin einem Anschlag entgeht, der aber nur der ausländischen Presse eine Erwähnung wert ist.  52 Tage bleibt man vor Ort, und Latife wirkt auf den exzessiven Alkohol- und Nikotingenuss ihres Ehemannes mäßigend ein und sorgt für eine gesunde Ernährung. Obwohl auch seine weiteren politischen Entscheidungen Gesprächsstoff sind, scheint diese Zeit ein zweiter Honeymoon gewesen zu sein.

Mustafa Kemal trägt sich nämlich schon wieder mit neuen Reformplänen: die strikte Trennung zwischen Religion und Staat, die Absetzung des letzten Kalifen in Istanbul. Diese weiteren Schritte zur Säkularisierung der türkischen Republik rufen erneut Widerstand hervor, und die Rückkehr nach Ankara wird überschattet von weiteren bekannt gewordenen Attentatsplänen.

Das Auftreten der Präsidentengattin in ihrem Zuhause, ihre Gewohnheit, den Ehemann mit Kemal anzusprechen ( üblich ist damals noch für Frauen das "mein Herr" für den Ehemann ), ihre elegante französische Kleidung ohne Gesichtsschleier, ihre Art, auch bei Tisch sich nicht im Hintergrund zu halten, kommt bei manchen Zeitgenossen ebenfalls nicht gut an und wird ihr als Verwöhntheit und Respektlosigkeit angekreidet. In den Augen der Welt ist Latife hingegen die Repräsentantin der neuen Türkei.

Unter all seinen Assistenten ist Latife Mustafa Kemal die Wichtigste. Sie steht vor ihm auf, sondiert Nachrichten & Meldungen, liest Zeitungen und Bücher und referiert sie beim Frühstück. Er diskutiert mit ihr gerne alle Gesetzesentwürfe, die die Befreiung der Frauen zum Thema haben. Er fördert auch, dass sie vor Frauenversammlungen spricht. Das neue Zivilgesetz, das am 20. Dezember 1925 von der Nationalversammlung beraten wird und im Oktober des folgenden Jahres in Kraft tritt,  ist eine leicht veränderte Fassung des gleichnamigen Schweizer Gesetzes. Auch hier wieder erwähnen nur westliche Medien, dass Latifes Einfluss zu bemerken ist. Die türkische Geschichtsschreibung wird sie außen vor lassen.

Warum es in dieser so produktiven Partnerschaft zur Krise gekommen ist, ist aus heutiger Sicht schwer zu klären: 

Eine Erschütterung erfährt die Beziehung, als im Mai 1924 Fikriye vor dem Haus des Präsidenten vorfährt und sich, nachdem sie vom Adjutanten abgewiesen wird, dort erschießt. Latife bezieht ein eigenes Schlafzimmer, lässt ihre Eltern rufen, denen sie darlegt, sich scheiden zu lassen. Die überreden sie zum Bleiben, und Ende August des Jahres bricht das Paar zu einer Reise durch die Türkei auf, auch zu einer Feier des Sieges in Dumlupınar, der sich eine schöne Fahrt mit einem Kriegsschiff auf dem Marmarameer anschließt, die schließlich nach Trabzon führen soll. Doch vorher erschüttert ein Erdbeben Erzurum in Ostanatolien. Dort finden sie sich Ende September ein, und bei einem Abendessen zu Ehren Mustafa Kemals bei einem Armeekommandanten kommt es bei Tisch zu einer Bemerkung Latifes aus Eifersucht, weil ihr Mann ständig mit der Frau des Kommandanten flirtet. Der Streit im Nebenzimmer wird von den Tischgästen neugierig belauscht, und angeblich soll Latife die Scheidung vorgeschlagen haben. Am darauffolgenden Tag kehrt man getrennt in zwei Autos zum Ausgangsdomizil zurück, Mustafa Kemal in Begleitung der Dame, die er so angehimmelt hat. Sein oberster Adjutant verkündet nach einer durchwachten Nacht mit dem Präsidenten, dass dieser sich um eine offizielle Trennung bemühen werde. Latife wird nach Ankara zurückgeschickt. Ein Entschuldigungsbrief ihrerseits bewirkt eine Versöhnung.

Die politische Lage ist zu diesem Zeitpunkt äußerst knifflig. Eine zweite Partei, die "Progressive Republikanische Partei", wird gegründet, um oppositionelle Stimmen zu binden. Latife wird Mitglied, denn ihr Ehemann sieht in ihr einmal mehr die Fähigkeit, politischen Spannungen im Land zu neutralisieren. Doch die Verhängung eines Ausnahmezustandes nach einem Aufstand der kurdischen Minderheit zusammen mit islamistischen Widerständlern bekommt die Regierung weitreichende diktatoriale Befugnisse, Zeitungen werden verboten, 33 Sozialisten & Kommunisten vor Gericht gestellt, Mitglieder der "Progressiven Republikanischen Partei" verhaftet, die am 3. Juni 1925 schließlich wieder verboten wird. Ipek Çalislar vermutet, dass diese Geschehnisse auch einen Wendepunkt im Leben der Latife Hanım markieren: "Latife legte Mustafa Kemal gegenüber weder absoluten Widerspruch noch absoluten Gehorsam an den Tag. Bei den Spannungen, die häufig zwischen Latife und Mustafa Kemal auftraten, spielten sicher auch die politischen Erschütterungen in der Türkei eine Rolle."

Çankaya Köşkü

"Der Streit zwischen Latife und Mustafa Kemal, der die beiden bis zu ihrem Tod trennen würde, brach schließlich eines Nachts in Çankaya aus, nachdem sich die Tischgesellschaft schon aufgelöst hatte. Es war am 20. oder 21. Juli 1925. Was genau in dieser Nacht passierte, ist nicht bekannt."

Latife hat wohl ihre Beherrschung verloren und ihrer Wut vor allen Wachsoldaten und Bediensteten freien Lauf gelassen. Ihr Mann lässt sich zu seinem Weggefährten İsmet İnönü bringen, dem er von seinen Scheidungsabsichten erzählt, und zieht sich dann in die Ministerialkanzelei zurück, wo er Latife einen Brief schreibt, den sie bis an ihr Lebensende aufbewahren wird. Sie selbst telegrafiert ihrer Familie und verlässt Çankaya am 22. Juli in Richtung Izmir, Mustafa Kemal nimmt einen Zug nach Sivas, eine Strecke, die gerade fertig gestellt worden ist. Latife nimmt nicht an, dass sie nicht mehr zurückkommen wird, und nimmt nur einen kleinen Koffer mit.

Zwei Wochen, nachdem sie nach Izmir aufgebrochen ist, wird Latife durch einen Boten das Scheidungsdokument übergeben: Der Mann, der auf westliche Art geheiratet hat, lässt sich nun auf türkische Art scheiden. Am 12. August wird die Erklärung an die Presse weitergeleitet und hervorgehoben, dass die Scheidung in beider Einvernehmen erfolgt sei. "Ausgerechnet Latife Hanım, die sich für das neue Zivilrecht einsetzte war auf eine vollkommen unerwartete Art 'verstoßen worden'", so Ipek Çalislar.

Haben sich vorher schon die Geister an der nun 27jährigen geschieden, tun sie es jetzt erst recht: 

Um diese Scheidung plausibel erscheinen zu lassen, wird ein wenig schmeichelhaftes Bild von ihr entworfen und publiziert, ja sie wird geradezu verleumdet. Die junge Ehefrau hat während ihrer Ehe tiefe Einblicke in die politischen Ränkespiele des Landes gewonnen und ist in den Augen vieler deshalb eine Gefahr. Typisch ist die immer wieder erzählte Legende, dass  Latife, wenn sie ärgerlich gewesen sei, ins Obergeschoss gegangen, dort laut mit ihren Absätzen aufgestampft und mit Gegenständen um sich geworfen habe. Alljährlich zum 10. November, Atatürks Todestag, lässt man die Geschichte in der türkischen Presse wiederaufleben, bis weit in die 1970er Jahre hinein. 

Ihr wird vorgeworfen, dass sie sich vor ihren Mann drängen wollte, ihre Kinderlosigkeit ( die auf ihren Mann zurückzuführen ist ), ihre Eifersucht ( die tatsächlich Ursache bekannter Auseinandersetzungen gewesen ist ), ihre Sorge um Mäßigung seines Alkoholkonsums ( er wird schließlich an Leberzirrhose sterben ), ihre fehlende Opferbereitschaft, die von einer Frau zu erwarten sei ( und die der unglücklichen, duldsamen und anpassungsbereiteren Fikriye eher zugeschrieben worden ist, weshalb sie in der Türkei mehr verehrt wird). Und manchmal sogar Geldgier, und das bei einer Frau, die nach ihrem Tode zwei Wohnungen, das Haus in Izmir, einen Han, Grundstücke und Anteile an Grundstücken & Häusern hinterlässt.

Ganz anders die Stimmen aus dem Ausland, die in Latife ein Opfer des aktuellen Widerstandes konservativer Kreise sehen, und man unterstellt Mustafa Kemal, nicht aufrichtig zu sein, was die Gleichberechtigung der Frauen betrifft. Es gibt eine Karikatur, die deutlich macht, dass man im Westen in Mustafa Kemal, der sich als Verfechter von Verwestlichung & Frauenrechten in der Türkei gibt, nichts als ein patriarchalisches Oberhaupt zu sehen hat. In der Türkei werden solche - im übrigen recht zahlreichen - Publikationen nicht wahrgenommen.

Die Wertschätzung und das Interesse, dass man außerhalb der Türkei Latife Hanım entgegenbringt, führt dazu, dass sie nach Paris und New York für Vorträge eingeladen wird, ihr Angebote unterbreitet werden, ihre Memoiren zu schreiben. Sie nimmt nicht an, obwohl ihr große Summen geboten werden. Auch von Kemal nimmt sie keine finanzielle Unterstützung an, bittet ihn aber um einen Posten in einer Botschaft, Schule oder Behörde. Eine Antwort bleibt aus. Neun Monate nach der Scheidung erbittet sie für sich einen Pass, der ihr nicht gewährt wird, was einen Sturm der Entrüstung im Westen auslöst. 

Haus der Usakizade in Istanbul,
in dem Latife bis 1970 gelebt hat

Die Familie wird in Izmir gemieden, sie selbst ist auf der Straße Beschimpfungen ausgesetzt. Nachdem nach einem Attentatsversuch auf den Präsidenten in Izmir Mitte Juni 1924 dreizehn Personen, darunter auch ehemalige Weggefährten wie der oben erwähnte Ali Fuat Cebesoy, zum Tode verurteilt und in den Morgenstunden auf den Plätzen und Straßen der Stadt aufgehängt werden, ist es der Anlass für Latife, die Stadt zu verlassen und zu ihrer Familie nach Istanbul zu ziehen. Doch auch dort steht sie noch im Blickpunkt. Zu sehr ist die Öffentlichkeit in In- und Ausland an den Gründen für die Scheidung interessiert. Auch ein paar Politiker suchen sie auf, um sie zu erinnern zu schweigen.

Die Familie kauft eine vierstöckige Holzvilla in Ayaspaşa mit Bosporusblick, damals eines der schönsten, alten Häuser Istanbuls. Dort bezieht Latife den obersten Stock und ist damit beschäftigt, ihre Trauer und Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen. "Der Kummer ist ein großer Lehrmeister.... Wenn Sie wüssten, was er mir alles beibringt...", schreibt sie an einen Freund. Sie ist physisch - sie leidet an Tuberkulose - und psychisch krank und entscheidet sich zum Ende des Jahres 1926, ein Sanatorium in der Hohen Tatra in der Tschechoslowakei aufzusuchen. Dafür erhält sie endlich einen Pass auf den Namen Fatma Sadık, ein Wunsch ihres Mannes, denn sie soll unerkannt bleiben.

Emil Ludwig

Der Aufenthalt in der Hohen Tatra ist nicht gerade angenehm, trifft sie doch kaum auf Gleichgesinnte. Sie schreibt an einem Kinderbuch und plant, im September über Wien und Meran in die Türkei zurückzureisen. Doch daraus wird erst einmal nichts, weil sie einen Rückfall erleidet. 

Im Sanatorium macht sie die Bekanntschaft von Emil Ludwig, einem Schriftsteller, der während des 1. Weltkrieges als Journalist in Istanbul gearbeitet hat. Als dessen Gefühle ihr gegenüber intensiver werden, stürzt das Latife in Verwirrung. Auf geistiger Ebene verstehen sie sich prächtig, doch Latife Hanım fühlt sich erschöpft und hat keine Kraft für eine neue Beziehung. Sie verrät ihm aber ihre wahre Identität.

Im August 1930 kehrt sie in eine Türkei zurück, die noch immer keine gefestigte Demokratie ist. Es folgen politisch bewegte Tage, in denen Mustafa Kemal sich im Dolmahbaçe-Palast in Istanbul aufhält, vom Haus der Uşakizâde zu sehen. Besucher bei ihm kommen auch bei ihr vorbei, und es ist recht wahrscheinlich, dass Neuigkeiten über den jeweiligen anderen ausgetauscht werden. Latifes Freundin Galibe Fethi Okyar äußert sogar die Hoffnung, die Beiden würden wieder zusammenfinden.
1930er Jahre
"Nachdem ich vier Jahre lang geweint habe, beginne ich die Schönheit der Welt mit anderen Augen zu sehen. Sollte eine Heirat unumgänglich sein, und dieser Meinung bin ich nicht, würde ich doch ein neues Leben vorziehen", soll sie erwidert haben.

Bei den Wahlen im Oktober 1930 können Frauen endlich an die Urne gehen. Aber schon bald wird die Opposition unterdrückt, und die Türkei wird wieder ein Einparteienstaat. Latife kommt letztendlich zu dem Schluss, dass es richtig gewesen sei, im Hintergrund zu bleiben, statt politisch aktiv zu werden. 

Ende 1932 stirbt ihr "kleiner Bruder" Münci unter ungeklärten Umständen nach einer unglücklichen Liebesgeschichte. Das lässt Latife erneut in ein schwarzes Loch fallen. 

Als im Jahr 1934 ein Gesetz erlassen wird, dass in der Türkei Familiennamen zur Pflicht macht, müsste Latife den Namen ihres Vaters annehmen. Der Erzählung nach verleiht ihr ehemaliger Mann ihr aber den Namen şaki, was so viel bedeutet wie "sie waren unter den Liebenden". Er selbst bekommt nun den Nachnamen Atatürk, "Vater der Türken". Ob sie sich jemals wieder begegnet sind? Es gibt eine kleine Geschichte, dass das auf dem Wasser geschehen sei, jeder in seinem Boot. Ansonsten weiß man, dass sie Neuigkeiten übereinander eingeholt haben und Latifes Vater mit seinem ehemaligen Schwiegersohn Poker gespielt hat. Auch soll Atatürk ihr Rosen oder ein Auto mit Adjutanten geschickt haben. Latife lebt nun das mondäne Leben einer Frau mit Vermögen, geht auf Reisen, kleidet sich elegant und liebt Vergnügungen.

Als Mustafa Kemal Atatürk im Laufe des Jahres 1938 schwer erkrankt und im September im Dolmahbaçe-Palast ein Testament verfasst, weiß Latife nichts davon, denn sie befindet sich in ärztlicher Behandlung in Bern. Dort im Krankenhaus liest sie am 11. November vom Tod ihres ehemaligen Mannes. Es hat sich niemand getraut, ihr die Nachricht persönlich zu überbringen. Sie schreibt einen Brief an den neuen Präsidenten der Republik, İsmet İnönü. Viel, viel später, als sie wieder Zuhause in Ayaspaşa und Atatürk 1953 in seinem Mausoleum in Ankara umgebettet worden ist, bittet sie eine junge Frau, die bei ihr zu Besuch ist, in Ankara eine einzelne rote Rose an seinem Grab niederzulegen.

1954
1951 ist ihr Vater schon einem Herzinfarkt erlegen, 1956 ihre Mutter. Sie lebt weiterhin das Leben einer unsichtbaren Frau. Beharrlich hält sie ihr Versprechen, gegenüber der Öffentlichkeit kein einziges Wort über die Auflösung ihrer Ehe und ihre Ehe im Allgemeinen fallen zu lassen und respektiert so Atatürks Andenken. 

Dennoch startet in den 1950er Jahren erneut eine regelrechte Schmutzkampagne gegen sie. Dieselben Zermürbungstechniken, die bei politischen Oppositionellen angewandt werden, kommen auch bei ihr zum Zuge. Die Gründe dafür sind meines Erachtens in ihrer Kenntnis politischer Zusammenhänge aus der Anfangszeit der Türkei zu suchen. Denn Latife ist die Vertraute Atatürks und seine politische Mitstreiterin gewesen. Mit ihren Sprachkenntnissen hat sie ihm die Tür zum westlichen Ausland geöffnet und die Kontakte zu ausländischen Journalisten gepflegt. Ihr hat Atatürk wichtige Dokumente anvertraut und mit gezielten Indiskretionen hätte sie die türkische Politik durcheinander wirbeln können. Die Kampagnen erreichen, was ja bis heute ihre Absichten sind, dass nun all ihre Äußerungen, egal welcher Art, abgewertet werden. Es kommt im Land regelrecht in Mode, schlecht über sie zu reden. Als einige der damals wichtigen Persönlichkeiten beginnen, ihre Memoiren zu schreiben, werden die Verleumdungen auch noch schriftlich festgehalten. Doch es melden sich auch Stimmen zu Wort, die sie wertschätzen. Aber im lauten Gebrüll der anderen, das kennt ja frau auch heutzutage zur Genüge, gehen diese unter.

Eine zweite Ehe kommt für sie nicht in Frage. Als Jacqueline Kennedy 1968 nach dem Tod ihres Mannes den Reeder Onassis heiratet, sagt Latife zu ihrer Nichte: "Hatte sie denn Geld und Mann so dringend nötig?Steigt man von einem Pferd, um einen Esel zu reiten?"

Lange lebt sie noch im großen Haus am Bosporus, bis es ihr zu groß, zu leer und zu schwer zu beheizen ist. Ende der 1960er Jahre zieht sie deshalb in die oberste Etage des "Safir Apartmani". Ihr Klavier lässt sie zurück, auch die Hälfte ihrer großen Bibliothek. Dafür hat sie jetzt einen Blick auf die Statue von Atatürk, die die ihm ihrer Meinung nach am meisten gerecht wird. Sie pflegt den guten Kontakt zum Nachwuchs ihrer Familie, aber auch zu İsmet İnönü, mit sie im Dolmahbaçe-Palast zu Mittag speist, so lange er noch türkischer Präsident ist.

1970er Jahre

Man nimmt an, dass schon 1969 ihre Krebserkrankung ausgebrochen ist. Nachdem das in der Schweiz festgestellt worden ist, geht sie in der Türkei nicht mehr zum Arzt und erzählt nichts ihrer Familie, nur ihrer Vertrauten Kaliopy, die schweigt wie ein Grab. 

Der Mann ihrer Nichte, ein Arzt, entdeckt trotzdem das Geheimnis bei einem Überraschungsbesuch. Sie bittet um eine Drei-Tage-Frist, um es allen erklären zu können. In dieser Zeit verbrennt sie in der Wohnung Dokumente. 

Sie will in ihrem Zuhause bleiben, kommt aber doch noch in eine Klinik, wo sie am 12. Juli 1975 gegen sechs Uhr morgens stirbt, 77 Jahre alt. Am nächsten Tag findet nach dem Mittagsgebet in der Teşvikiye-Moschee auf dem Friedhof in Edirnekapı ihre Beerdigung statt, kein Staatsbegräbnis, kein offizielles Zermoniell. Während es in der Türkei üblich ist, die Verstorbenen in höchsten Tönen zu preisen, wird das Latife Hanım vorenthalten.

In zwei Istanbuler Bankschließfächern hat sie wichtige Dokumente hinterlegt, die 1976 der Türkischen Historischen Gesellschaft übergeben werden. In einem der Fächer findet sich der Ehering zusammen mit den zehn Silbermünzen des Brautgeldes. Die Dokumente sind nicht voll zugänglich.

Befragt man türkische Geschichtsbücher, dann findet man, wenn überhaupt, nur wenige Sätze, die der Gattin von Atatürk gewidmet sind. Die türkische Journalistin Ipek Çalislar will es schließlich mit Latifes schlechtem Ruf nicht auf sich beruhen lassen: Sie selbst erfährt denn aber auch, nachdem sie 2006 ihre Biografie herausgebracht hat, den Widerstand gewisser politischer Kräfte. Weil sie in dem Buch die Szene geschildert hat, in der Atatürk bei einem bewaffneten Überfall auf sein Haus in einem Kleidungsstück seiner Frau geflohen ist, während Latife im Haus mit Fellhut und auf einer Kiste stehend, sich als ihr Mann ausgibt, wird die Autorin wegen "Beleidigung  Atatürks" Paragraf 5816 des türkischen Rechts )  vor Gericht gestellt. 300 Uniformierte schickt die Istanbuler Polizei vor das Gebäude, um Ipek Çalislar vor nationalistischen Demonstranten zu schützen. Von dem Vorwurf wird sie frei gesprochen. Auch die Moderatorin und Schauspielerin Seray Sever hat die gefürchtete türkische Staatsanwaltschaft auf den Plan, gerufen, nachdem sie sich in einer Sendung über ein von Dilruba Saatci geschriebene Theaterstück "Fikriye und Latife" geäußert hat. Offensichtlich kratzt frau am Denkmal Atatürk, wenn die Rolle seiner Ehefrau angemessen beleuchtet wird.

Im Westen "leuchtet" hingegen Latife Hanım nach wie vor. Als zum 650-jährigen Jubiläum der Universität Wien im Innenhof der Universität eine Ausstellung mit Büsten von 33 bedeutenden Frauen aufgestellt werden, ist ihre Büste von Marianne Maderna darunter...






* Unter Türken spricht man die Mitmenschen, wenn man höflich ist, gewöhnlich mit dem Vornamen und dem nachgestellten Zusatz "Bey" (Herr) oder "Hanim" (Frau) an

11 Kommentare:

  1. Liebe Astrid,
    das Portrait ist druckreif! Keine Ahnung hatte ich von diesen Vorgängen. Danke dir für die tolle Recherche. Was für eine interessante Frau und welch ein Lebenslauf! Lieben Gruß, Sunni

    AntwortenLöschen
  2. Danke für dieses aufschlussreiche und spannende Portrait dieser bemerkenswerten Frau. Es hat sich ja leider nicht viel in ihrem Heimatland zum Positiven gewendet. Im Gegenteil.
    Gut, dass ihr Name im Westen noch gut bekannt ist.
    Liebe Grüße
    Andrea

    AntwortenLöschen
  3. Hallo Astrid,
    danke für das Porträt dieser faszinierenden und auch bei uns eher vergessenen Frau. Dass sie in der heutigen Türkei totgeschwiegen wird, wundert natürlich nicht. Es ist erschreckend, wie viel modernes Denken in etlichen Ländern der Diktatur des Islam wieder zum Opfer gefallen ist. Wobei es im 19. Jahrhundert oftmals nur die Superreichen waren, denen die Macht gehörte und die sich nach westlichen Standards ausrichteten.
    Herzliche Grüße - Elke

    AntwortenLöschen
  4. Vielen Dank, liebe Astrid, dass du uns diese bemerkenswerte Frau so beeindruckend näher gebracht und beschrieben hast.
    Was haben Frauen alles unternommen, um Skandale zu vermeiden und ihr Schicksal akzeptiert. Auch heute hätte sie nichts zu lachen in der Türkei.

    Nun weiß ich auch, von wem das besagte Zitat stammt. Das hätte ich nie und nimmer gewusst.

    Liebe Grüße und ich hoffe, es ist einigermaßen erträglich von den Temperaturen her in Köln
    Christa

    AntwortenLöschen
  5. von Helga:

    Liebe Astrid,

    da hast Du mir jetzt eine schwergewichtige Türkin auferlegt. Ich kann das heute nicht mehr alles erfassen, die Hitze läßt meinen Verstand jetzt auch noch verdampfen. Dieser Womens Post ist sehr anstrengend mit den vielen mir nicht so geläufigen Namen. Ich werde längere Zeit brauchen und mit Abstand immer mal wieder weiterlesen,auch wenn es da sehr viel und oft kalten Kaffee geben wird. Danke für soviel Arbeit und mit lieben Grüßen, Helga

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Astrid,
    welch ein spannendes Porträt über das Leben einer bemerkenswerten Frau, die "entscheidend" in der Öffentlichkeit stand und nach der Scheidung ihr Schicksal angenommen und sich trotz Verleumdungen immer zurückgenommen hat. Meinen Respekt dafür und auch für deine ausführliche Vorstellung.
    Lieben Gruß, Marita

    AntwortenLöschen
  7. Sehr interessant! Und der Kampf der Frauen in der Türkei muss einen Tiefschlag nach dem anderen einstecken.
    LG
    Magdalena

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Astrid,
    danke dir für diesen spannenden und interessanten Post. Ich bin dieser Frau tatsächlich noch nie "begegnet". Umso mehr freut es mich, sie hier bei dir kennengelernt zu haben. Du hast die Lust auf mehr geschürt. Jetzt geh ich einmal recherchieren.
    Danke und habe einen wundervollen Sommerbeginn
    Elisabeth

    AntwortenLöschen
  9. Was ein Leben - und was eine Verleumdung. Ach je. Und heute stehts auch nicht besonders um die Frauenrechte in der Türkei. Eine interessante kluge gebildete starke Frau. Danke für dieses so ausführliche Portrait! Lieben Abendgruß, Eva

    AntwortenLöschen
  10. das war eine reise in eine für mich völlig unbekannte welt!
    liebe grüße
    mano

    AntwortenLöschen
  11. Lesenswert! Was für eine Lebensgeschichte einer Frau, im Hintergrund gehalten und dabei doch immer noch ein Vorbild. Danke.
    Liebe Grüße,
    Karin

    AntwortenLöschen

Ich freue mich eigentlich über Kommentare. Doch es gilt auch die uralte Spruchweisheit: "Wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es heraus." Da wird dann schon mal der Freischaltknopf nicht gedrückt, auch, wenn im Kommentar das Thema verfehlt wird...

Und noch was: Mit dem Abschicken deines Kommentars akzeptierst du, dass der von dir geschriebene Kommentar und die personenbezogenen Daten, die damit verbunden sind (z.B. User- oder Klarname, verknüpftes Profil auf Google/ Wordpress) an Google-Server übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhältst du in meiner Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google.