Mittwoch, 20. Januar 2021

Zwanzigster Januar

"It’s a republic, if you can keep it."
Benjamin Franklin 1787

"However combinations or associations of the above description 
may now and then answer popular ends, 
they are likely, in the course of time and things, 
to become potent engines, 
by which cunning, ambitious, and unprincipled men 
will be enabled to subvert the power of the people 
and to usurp for themselves the reins of government, 
destroying afterwards the very engines 
which have lifted them to unjust dominion."
George Washington 1796 in seiner Abschiedsrede


Es ist noch einmal gut gegangen, so hoffe nicht nur ich, der Versuch eines gerissenen, ehrgeizigen und prinzipienlosen Mannes, die Macht des gesamten amerikanischen Volkes zu untergraben, und heute um zwölf Uhr Mittag ( 18 Uhr MEZ ) beginnt in den Vereinigten Staaten endlich wieder eine Ära, die das mächtig angeschlagene Renommee des Landes in der Welt wieder zu reparieren vermag. Nahezu unmöglich erscheint dabei die Versöhnung der Bevölkerung im Lande, denn die Vorkommnisse vor zwei Wochen haben lange nachhallende Bilder geschaffen von Menschen und Ideologien, die im Autoritarismus, Rassismus, Antisemitismus das einzig Wahre sehen und Verschwörungsmythen verpflichtet sind, und die sich anmaßten, eine Nation von knapp 330 Millionen Einwohnern zu repräsentieren.

Washingtons Inauguration 1789
Source
So bunt und verwirrend einzelne Personen in ihrem Auftreten - außer den inzwischen sattsam bekannten Figuren waren darunter auch so unterschiedliche Personen wie der fünfmalige Medaillengewinner im Schwimmen bei Olympia, Klete Keller, der Metal-Gitarrist Jon Schaffer, dessen Band "Sons of Liberty" eine Art Propaganda-Projekt für seine ganz eigene Version der amerikanischen Geschichte und Gesellschaft ist, und der Sohn eines angesehenen jüdischen, in der orthodoxen Gemeinde führenden New Yorker Richters, Aron Mostofsky ( verkleidet als Höhlenmensch mit Schutzschild der Capitol Police ) - so zusammengewürfelt wie aus einem Baukasten ist auch das Weltbild der Kapitolsstürmer. Da werden Erzählungen aus Popkultur, rechtsextreme Weltanschauungen und uralten Verschwörungsmythen zusammengemixt und manchmal wirkt das alles wie ein riesengroßes Rollenspiel.
"Von Bedeutung ist die Bild- und Begriffssprache selbst, die Fähigkeit, kurze ideologische Brühwürfel schnell reichweitenstark aufzulösen in eine schmackhafte Suppe. Es geht nicht darum, ideologische Traktate unter die Leute zu bringen, sondern mit Kurzbotschaften, Slogans und Bildern Ressentiments zu bestätigen, Emotionen zu schüren und ein Level der aufgeregten Euphorie zu halten", so David Begrich in einem Interview an dieser Stelle.
Vermutlich waren an der Aktion am 6. Januar keine zwei Menschen mit genau der gleichen Vorstellung beteiligt. An der Wirkmächtigkeit ändert das nichts. Und weil es inzwischen etliche Überschneidungen mit der bei uns momentan auffälligsten Protestbewegung gibt, sollte man doch mehr darüber wissen, finde ich. Deshalb mein ausführlicher Post.

Der Mythos Q ist eine Mischung aus verschiedenen Verschwörungserzählungen, esoterischen Ideen und antisemitischen Gedanken. Er hat auf viele komplexe Probleme unserer Zeit "klare" Antworten und Feindbilder – Feminist*innen, Liberale, Menschen jüdischen Glaubens, Linke, Progressive, gemäßigte Konservative –, die einer satanischen Weltelite, dem "Establishment", angehören, vornehmlich Mitglieder der demokratischen Partei, und die pädophile Neigungen ausleben, in Washington Kinder zur Prostitution zwingen und satanische Rituale praktizieren ( "Pizzagate" ). Kinder eignen sich vor allem zur starken Emotionalisierung der Gläubigen. Der scheidende amerikanische Präsident spielt dabei die Rolle des Messias ( übrigens schon vor 2016 ), Q ist sein Prophet und die Jünger fiebern einem vagen "Tag der Abrechnung" entgegen und haben sich sich zunehmend radikalisiert.

Nur ein älteres Beispiel
für Mythen - Kreiererei
Die ersten Geschichten, die bei uns auftauchten, trugen noch gar nicht den Begriff QAnon und klangen extrem absurd. Her kamen die Vorstellungen vom Imageboard 4chan. Imageboards sind Foren, in denen vor allem in Bildern und anonym kommuniziert wird. Man lädt dort ein Bild mit einem kurzen Text hoch, oft einer Frage, die gar nichts mit dem Bild zu tun hat, und andere Forenteilnehmer antworten, entweder selbst mit Bildern oder nur mit Text. 

Solche Imageboards haben über die Jahre eine starke Kultur entwickelt, die nach dem Prinzip funktionieren a) stelle eine Frage und b) ziehe Verbindungen zwischen Dingen. Ein Beispiel dafür habe ich im Netz gefunden: Warum steht in vielen großen Redaktionen die gleiche Kaffeemaschine einer ganz bestimmten Firma? Aus dieser Frage lässt sich dann ein Geschichte über die Gleichschaltung der Medienwelt oder die Beeinflussung durch die Kaffeeindustrie erfinden.

An den Q -Erzählungen basteln also viele Menschen mit und bedienen sich dabei uralter Mythen und Legenden, weshalb auch vieles so plausibel wirkt. "Das dahinter verwendete System ist im Grunde immer gleich: Errichte Feindbilder, werfe den Feindbildern etwas Schlimmes vor, entmenschliche sie dadurch und sorge dafür, dass diese Feindbilder angegriffen werden," so Mimikama®.

Neu ist das nicht, dass sich Menschen einen heilsbringenden Krieg wünschen, um aus einer schwierigen Lage oder unerklärlicher & unerträglicher Bedrückung zu kommen. Das war 1914 so, das war 1939 so. Man erinnere sich nur an das Hurrageschrei oder die Reaktion auf die Frage nach dem "Totalen Krieg". Verdrängt wird nur immer wieder, dass Krieg Leid für jede beteiligte Seite bringt.

Unter den Jüngern dieser ganzen Mythen fand & findet in den social media ein reger Austausch statt, man verknüpft sich mit anderen Szenen und entdeckt Schnittpunkte. Und so kam es auch zum Kontakt mit rechten Endzeitapologeten. Für die ist die gewaltsame Absetzung einer Regierung ein langgehegter Traum.  Beschrieben wird das in einem Roman, der als Bibel des modernen Rechtsextremismus betrachtet wird und der in Deutschland indiziert ist: "The Turner Diaries" von William L. Pierce, der ab 1978 in der US-Zeitschrift "Attack!" publiziert worden ist. Im Zentrum steht der "Rassenkampf". Die Rechten beweisen ja auch bei uns ein Gespür dafür, unter welchen Strömungen sie ihre Ziele verfolgen können und dabei von der Menge toleriert werden...

In diesem Buch findet sich auch ein Hinweis zum Galgen, der ja nicht nur vor dem Kapitol gestanden hat. Hierzulande kennen wir ihn ja von anderen Kundgebungen. In den "Diaries" heißt der Tag der gewaltsamen rechten Machtergreifung  "The day of the rope" ( "Der Tag des Stricks" ).

Wenn Rassismus im Denken & Handeln gepflegt wird, muss man auch mit Antisemitismus rechnen. In den USA zeigt sich der auch an einer Buchstaben-Zahlenfolge, gedruckt auf T-Shirts u.ä., deren Geheimnis schnell entschlüsselt ist: 6MWE. Es steht für "6 Million weren’t enough", was nichts anderes bedeutet als "6 Millionen ( während des Holocausts ermordeter Jüdi*innen ) waren noch nicht genug". Das ist der Slogan der sogenannten "Stolzen Jungs", einer rechtsextremen Männergruppe in den USA. Auf die hat der abgewählte Präsident ja ausdrücklich gezählt. Und da hätten wir sie schon wieder, diese Verbindung zwischen Rechten, QAnon und Trumpismus. 

Auf der Kleidung oder Plakaten der Kapitolstürmer ist auch eine weitere Buchstaben - Kombination zu sehen gewesen: WWG1WGA. Das steht wiederum für "Where we go one, we go all", sozusagen der Treueschwur der Trumpisten. 

Das Ganze wird immer garniert mit vielen Symbolen, gern auf die eigene Haut tätowiert, und geht unter in einem Meer von Flaggen, auf deren Bedeutung ich hier eingehen möchte:

Da findet sich der Thorshammer oder Mjölnir und der Valknut-Knoten, ein germanisches Symbol, bestehend aus entweder drei ineinander verschlungenen Dreiecken oder einem in sich verknoteten Polygon mit sechs Ecken, auf weißer Haut eingebrannt, immer ein Zeichen dafür, dass man an die Überlegenheit einer weißen "Rasse" glaubt ( "White Supremacy" ). Alles nicht neu, dieser Missbrauch kultureller Symbole der Vergangenheit: Das haben schon die Nazis gerne gemacht. Aber warum müssen sich heute so viele Menschen mithilfe magischer Rituale und Tätowierung auf ihrer Haut dämonischer Mächte erwehren? 

Die am häufigsten gezeigte Flagge beim Sturm aufs Kapitol in Washington war die Kriegsflagge der Hauptarmee der Konföderierten von 1861 unter General Robert E. Lee. In den USA ist sie das Symbol für Sklaverei und Rassismus und wurde im Zuge der Black-Lives-Matter-Bewegung an vielen Orten entfernt. Sie beweist, dass sich viele der Fahnenträger als Gegner der Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen in den USA verstehen und in den Zustand vor dem Bürgerkrieg zurückwollen.

Eine andere Flagge ist die "Gadsden" genannte, die den Spruch "Don't tread on me" ( "Tritt nicht auf mich" ) und  eine angriffsbereite Klapperschlage zeigt. Diese ist noch älter und war ursprünglich eine der drei Flaggen, unter denen die amerikanischen Kolonien im 18. Jahrhundert gegen die britische Herrschaft zogen. Inzwischen wird sie im Kontext mit der rechtskonservativen "Tea Party" verwendet und steht jetzt für eine generelle Anti-Regierungsbewegung.


Mit Flaggen wird immer sehr gerne Patriotismus betont und über diese Symbole auch die Überzeugung kundgetan, man stehe in einer Kontinuität mit der Geschichte und auf der moralisch richtigen Seite. So ein Flaggenmeer ist zudem eine unübersehbare Botschaft, ein einprägsames Bild, das hängen bleibt und damit wirkmächtig ist. Man denke da nur an die schwarz-weiß-roten oder die Reichskriegsflaggen hierzulande, die vor ein paar Jahrzehnten kaum einer kannte, und von der inzwischen jeder weiß, dass sie für einen autoritären Machtstaat, ein Kolonialreich und nicht für Demokratie stehen, und die derzeitigen Fahnenträger etwa die "BRD-GmbH" abschaffen wollen und alle unsere Institutionen infrage stellen.

Das sind alles Dinge, die mich in den letzten zwei Wochen beschäftigt haben, auch in den Gesprächen mit unserem Entlastungspfleger "zwischen Tür und Angel" ( oder besser: er im überdachten Hauseingang, ich tief im Flur ), mit dem mich Kindheitserfahrungen mit fundamentalistischen Religionsvorstellungen verbinden, er in evangelikalen Kreisen, ich in einschlägigen Schulen. Auf diesem Hintergrund ist unser gemeinsames Interesse an Mythenbildung zu erklären.

Ich befürchte zum Beispiel, dass das Narrativ vom Wahlbetrug auch bei uns in diesem Jahr eine Rolle spielen könnte und entsprechende politische Kräfte versuchen werden, rund um die Bundestagswahl mit Theorien von Wahlbetrug, Stimmenklau und Korruption in der Bevölkerung weiter Fuß zu fassen. Mit den Mitteln der Delegitimierung von Institutionen, permanente Lügen, Verachtung für Opposition und Medien und die dauerhafte Missachtung von verfassungsmäßig gesetzten Grenzen wird ja nun schon seit längerem an unserer Manipulation gearbeitet.

Doch jetzt heißt es erst einmal den Tag in Washington überstehen. Die Sorge wird mich am Spätnachmittag zwecks Information ausdauernd am Bildschirm halten...








Nachtrag ( noch ne Q- Geschichte, heute gefunden ) Beeindruckend, wie charmant der Herr T. als Biden jetzt lachen kann!