Heute wieder mal eine Rheinländerin, wieder einmal eine Frau, die als Unternehmerin reüssiert hat, obwohl es nicht der ihr vorgezeichnete Lebensweg war, und die darüberhinaus kulturell interessiert und als Mäzenin aufgetreten ist wie Käte Ahlmann, die ich hier schon porträtiert habe. An ihrem Wirkungsort - der wohlhabenden Einhundertzwölftausend - Einwohner - Stadt östlich der Domstadt - sind Spuren von ihr bis heute zu finden. Mein erster beruflicher Einsatzort lag an der Strunde, der ihrer Papiermühle Wasser und Energie bot, und das Papier dieser Mühle war auch dort in Gebrauch. Heute geht es um Maria Zanders, die vor 181 Jahren geboren wurde.
![]() |
| Villa Johanny, Hückeswagen, Friedrichstraße 9 |
![]() |
| Johannes Niessen: Die Schwestern Johanny, Maria in der oberen Mitte |
Es ist der Regierungskommissar Mann, der hauptberuflich bei einer Darmstädter Bank arbeitet, der die Kontakte zum Papierfabrikanten Zanders in Bergisch - Gladbach, wenige Wagenstunden von Hückeswagen entfernt, hat und den "lieben Richard", den 32jährigen Fabrikanten, als Freund betrachtet. Und als er im März 1857 eine Geschäftsreise zu ihm unternimmt, macht er auch ein Treffen mit Maria aus - nicht ohne Hintergedanken. Es kommt, wie es kommen soll: Maria und Richard sehen sich und verlieben sich auf den ersten Blick!
Carl Richard Zanders, 1826 geboren, ältester Sohn des Johann Wilhelm Zanders, Mitbegründer der Firma Fauth & Zanders in der Gladbacher Schnabelsmühle, und seiner Frau Julie, Tochter des Papierfabrikanten Gustav Müller in der Dombacher Mühle im benachbarten Bensberg, ist schon mit fünf Jahren Halbwaise geworden. Doch seine Mutter führt die Geschäfte für ihn weiter. Auf deren Wunsch absolviert der augenkranke junge Mann nach einem Studium in Bonn auch eine Lehre in der Schnabelsmühle und reist ab 1847 durch alle bedeutenden deutschen Großstädte sowie ins benachbarte Ausland. Dort soll er bei anderen Papierfabrikanten sein Wissen erweitern & Verbindungen auffrischen bzw. neue knüpfen. 1848 tritt er in die Firma ein und setzt entscheidende Verbesserungen durch. 1857 wird Richard Zanders gleichberechtigter Gesellschafter seiner Mutter.
![]() |
| Maria als 18jährige |
Die Schwiegermutter lässt dem jungen Paar auf der Schnabelsmühle, wo es fortan einen Flügel bewohnen wird, ein Arbeitergartenfest ausrichten, mit Tanz auf dem Rasen und einem Gedicht zum Empfang, vertont vom Jugendfreund Richards, Max Bruch, einem der ersten Gäste an diesem Tag. Ein anderer Gast, der Maler Karl Christian Andreae, wird - entzückt von der jungen Frau - alsbald ihr Porträt malen.
"Gladbächelchen", wie Maria die neue Heimat nennt, gewinnt durch sie eine neue Anziehungskraft, ist der Ort doch sehr viel weltabgeschiedener als das elterliche Hückeswagen. Die junge Ehefrau stürzt sich offensichtlich mit Feuereifer in ihre Aufgaben als Hausfrau und Gastgeberin, egal ob Geschäftsbesuche, die Eltern und andere Verwandte oder Freundinnen ihre Aufwartung auf der Schnabelsmühle machen. Und zu oft führt ihr Ehrgeiz, alles besonders gut zu machen, zu Rücken- und Kopfschmerzen, die Maria seit einem Unfall als Kind plagen, und zur Bettruhe in einem Haus, "wo Waffenstillstand keine Mode ist."
Anfang Dezember 1858 stirbt der geliebte Vater auf einer Geschäftsreise in Soest an einem Herzschlag. Doch die Trauer wird alsbald von der Freude über die erste Tochter, Catharina Margaretha, im August 1859 aufgewogen. Genau ein Jahr darauf kommt schon Carl Immanuel Julius Richard zur Welt, Hans Wilhelm wiederum ein und ein Vierteljahr später und das Nesthäkchen Maria im April 1863. Im jungen Vater bringen die Kinder ganz andere Charakterzüge zum Vorschein, ist er doch sonst eher grüblerisch und schwermütig veranlagt. Und Maria malt mit ihren Beschreibungen der Erlebnisse mit ihren Kindern im Tagebuch fast richtersche Idyllen.
Schatten auf das Gladbacher Paradies werfen nur die Probleme mit der Firma: Die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der Zanderschen Papiere gegenüber denen der englischen Konkurrenz lässt Richard Zander zu Veränderungen greifen, die seiner Mutter durchaus missfallen. Statt Büttenpapier von Hand schöpfen zu lassen, werden nun ab 1860 Maschinen zur Produktion eingesetzt. Neue Methoden verlangen neue Räumlichkeiten, Maschinen, Energiequellen, und die setzt Richard gegenüber der Mutter durch und kann sich so größere Aufträge, auch aus Regierungskreisen, sichern.
![]() |
| Alexe Altenkirch: Gohrsmühle 1860 |
"Warte einmal, wenn wir zusammen im Himmel sind, studieren wir Theologie nach Herzenslust, dann brauchen wir uns nicht mehr zu fragen: was ist Wahrheit?" Und ein andermal: "Sei nur recht mutig, mein lieber Herr, hänge Deiner großväterlich angeerbten Melancholie nicht nach und bekämpfe mit Deinem Richardwillen dies urväterliche Erbstück. Ich will keinen traurigen Mann haben, will seinen Körper so pflegen, daß sein Geist sich frei und fröhlich darin umhertreiben kann."Dem "Zimpen" mag Maria einfach keine Zeit opfern: Zu vieles interessiert sie, möchte sie können und lernen. Sie ist literarisch interessiert, liest "Erdmanns psychologische Briefe" ( die sie aber nicht "tiefgehend" genug findet ), nimmt Klavierstunden ( bei der Schwester von Max Bruch, Mathilde ) und besucht Konzerte im Kölner Gürzenich. Und jedes Wochenende ist der Komponist selbst bei den Zanders zu Gast, und "zwei gleich enthusiastisch veranlagte, immer strebende Naturen mit gemeinsamer Ideenwelt genießen ekstatisch zusammen."
Bei einem Kuraufenthalt in Pyrmont, nach einer langen Erkrankung der Jüngsten erforderlich, lernt Maria den "ersten deutschen Verfassungsvater" Eduard vom Simson kennen und ist begeistert von der Möglichkeit des intensiven Gedankenaustausches trotz des erheblichen Bildungsabstandes. Mit ihren Söhnen lernt sie gemeinsam Griechisch und schart "eine stille Eliteschar von Freunden" um sich zur "Geistes- und Gemütserheiterung". Gleichzeitig begeistert sie sich für die Arbeit am durch die Gohrs- und Cederwaldmühle hinzugewonnenen Grund und Boden und schafft einen Ruheplatz unter den schattigen Bäumen in der Anlage und findet auch noch Zeit, Max Bruch, der inzwischen in Koblenz lebt, weiterhin künstlerischen Rat aus der Ferne zu geben.
![]() |
| Julie Zanders |
Zwei Jahre später, ebenfalls im November, verstirbt Julie Zanders, 65jährig.
Richard, der Sohn, wird bei ihrer Beerdigung von Halsschmerzen, eingefangen auf einer Reise in die Schweiz, geplagt, die sich nicht lindern und den sonst so Mitteilsamen verstummen lassen. Auch der Frühling und eine Kur in Wiesbaden wollen nicht helfen.
"Was soll aus uns werden? Mein Auge sieht nichts als furchtbare Nacht", schreibt Maria an eine Tante. Eine weitere Kur in Ems, im Anschluss an den dreizehnten Hochzeitstag, soll helfen. Maria begleitet Richard. Nach anfänglicher Besserung - inzwischen ist der Deutsch-Französische Krieg ausgebrochen - reisen sie zu einem Spezialisten nach Tübingen, der eine Kehlkopferkrankung diagnostiziert und eine Kur auf dem Seelisberg am Vierwaldstätter See vorschlägt. Erschöpft von der Reise, kann Richard nur noch ins Domizil getragen werden, das "über alle Beschreibung schrecklich" ist. Der 44jährige kann kaum noch sehen & sprechen und interessiert sich immer weniger für die geschäftliche Situation zu Hause in Gladbach. Sein schottischer Freund John Cowan kümmert sich derweil um die Firma.
Schließlich soll Richard ins Hospital in Zürich. Weil dort kein Bett frei ist, reist Maria mit dem Kranken und Friedrich Westphal, einem Mitarbeiter Richards, der ihnen entgegen gereist ist, weiter in Richtung Heimat. Doch schon in Badenweiler stirbt Richard Zanders am 23. August in Marias Armen.
Wieder zuhause in Gladbach wischt diese jede Trauerbekundung mit einer Handbewegung zur Seite, zieht sich in den Wohntrakt der verstorbenen Schwiegermutter zurück und lässt die Kinder nur einmal am Tag zu sich kommen. Sie versucht zu trauern, aber auf Dauer bleiben die Forderungen des Unternehmens unausbleiblich und schaffen alsbald schwere Konflikte mit der Familie, die der jungen Witwe ans Herz legt, die Firma zu liquidieren.
Es wird erzählt, dass Maria Zanders dann eines Tages in der Frühe eines der Fabrikmädchen zu ihrer Arbeit in der Lumpenkammer begleitet und dort mit den anderen Frauen Lumpen sortiert ( lange Zeit sind alte Textilien der wichtigste Rohstoff für die Papierherstellung ). Da weiß sie, was sie tun will. Sie zieht wieder zurück in ihre alten Wohnräume und entscheidet sich, ihren Söhnen Richard und Hans, zehn und neun Jahre alt, das Erbe zu erhalten.
![]() |
| Arbeiterinnen in der Lumpenkammer |
Das zweite Leben der Maria Zanders beginnt...
Mehrere glückliche Umstände begünstigen den Start der jungen Frau als Unternehmerin: Der Fabrikbetrieb ist durch Richard Zanders auf dem neuesten Stand der Technologie gebracht gewesen, die Herren August Lenssen als technischer und Friedrich Westphal als kaufmännischer Leiter sind bewährte und loyale Führungskräfte und vor allem die durch das Ende des Deutsch-Französischen-Krieges bedingten Gründerjahre mit ihrem Aufschwung kurbeln die Papierfabrikation an.
![]() |
| In den 1870er Jahren |
Das zeigt sich zum Beispiel an ihrem Auftreten auf ihrer Reise zu den Cowans in Schottland, zusammen mit ihren Kindern, als sie nach einer kurzen Begrüßung sich an den Tisch setzt und den verdutzten Freunden das einstmals Richard geliehene Kapital auf den Tisch legt...
Als klassische Patriarchin des 19. Jahrhunderts führt sie eine Kranken- und Sozialversicherung für ihre Arbeiter ein. Kein Wunder, dass die sich einer Art Familie zugehörig fühlen, weit bis ins 20. Jahrhundert hinein...
Ausdruck großen Selbstbewusstseins ist meines Erachtens auch, dass sie sich schon 1873 daran macht, anstelle der altmodischen & renovierungsbedürftigen Wohngebäude der Schnabelsmühle ein neues Wohnhaus erbauen zu lassen, das nicht nur ihrer Familie, sondern auch ihrem geselligen, kulturell geprägtem Treiben den nötigen Rahmen geben soll.
![]() |
| Die Villa Zanders, dahinter die Fabrikgebäude (um 1880) |
Die neue Villa, 1874 dann fertig, signalisiert unmißverständlich die wirtschaftliche Potenz, die herausragende gesellschaftliche Stellung und das Selbstverständnis der Unternehmerin Maria Zanders mit ihren Räumen von aristokratischen Ausmaßen, der großen Treppe, der Hauskapelle, geschmückt mit Büsten vieler Geistesgrößen sowie der verstorbenen Familienmitglieder, mit Malereien und natürlich einem angemessenen Musikzimmer. Es wird Schauplatz vieler Feste, regelmäßiger Tanzabende und Aufführungen Bruchscher Werke.
![]() |
| Dombach |
1876 erwirbt Maria die Papiermühle Dombach, in Bensberg am oberen Verlauf der Strunde gelegen, einstmals der Familie der verstorbenen Schwiegermutter gehörend, zum bestehenden Firmenkomplex hinzu - "ein Akt hohen Selbstvertrauens und merkwürdig intuitiver Voraussicht".
Und dann: ein Nervenzusammenbruch! Die vergangenen sieben Jahre fordern offensichtlich ihren Tribut. Und ebenso plötzlich ein Entschluss: Eine Reise nach Italien soll es richten, soll Abstand bringen, um sich zu kurieren! Das gelingt Maria auch teilweise:
"Seit ich die Geschäftsgedanken täglich mehr auskehre, die mein Hirn wie ein gefräßiges Schlinggewächs überwuchert hatten, bin ich ruhiger geworden... Der alte Adam des Lebensmutes ist doch noch nicht ganz erstorben."Die Zweifel an ihren Fähigkeiten, an ihrem Können, weil sie doch nur eine Frau ist, bleiben aber für lange bestehen. Maria verweilt ein Dreivierteljahr im Sehnsuchtsland der Deutschen ihrer Tage und kehrt erst im Mai 1878 nach Gladbach zurück. "Ich weiß jetzt, dass ich zur Mühe geboren" - die Goethe - Erkenntnis nach dessen Italienreise ist auch ihre.
Zurück in Gladbach bietet ihr die Dombach ein neues, reiches Betätigungsfeld: Wie in der Schnabels- und Gohrsmühle sollen dort neben den vorhandenen Wohnmöglichkeiten mit Gartenutzung für die Arbeiter soziale Einrichtungen wie eine Suppenküche und eine Nähschule für die überwiegend weibliche Belegschaft geschaffen werden. Zunächst wird das Essen aber in Kesseln hingebracht. Da Maria immer auch von großem Bildungseifer beseelt ist, wird beim Essen vorgelesen, was aber gerne bekrittelt wird.
Mit Zustimmung ihrer leitenden Mitarbeiter nimmt sich Maria eine Wohnung am Kölner Neumarkt, um ihren Söhnen näher zu sein, die auf das Abitur an einer öffentlichen Schule, dem angesehenen Kölner Friedrich-Wilhelm-Gymnasium, zusteuern. Für sich gewinnt sie Zeit, ihre Malstunden, die sie schon seit längerem einmal wöchentlich bei dem Maler ihrer Kindheit, Johannes Niessen, genommen hat, mit Kopieren im Museum zu ergänzen. Sie nimmt auch wieder Gesangsunterricht und mit ihrer Tochter teil am Kölner Gesellschaftsleben.
![]() |
| Max Bruch ( 1838 -1920) |
Mit dem Abitur des Sohnes Richard und seinem Eintritt als Lehrling in die Firma 1880 kommt Maria dem Tag näher, an dem sie sich aus den Geschäften zurückziehen kann. Bis zur endgültigen Übergabe an Richard und seinen Bruder Hans, die 1886 den kaufmännischen bzw. den technischen Part des Unternehmens übernehmen, sichert und vergrößert sie die Firma noch, erweitert die Absatzstrukturen und intensiviert den Kontakt zu den Kunden. Agenturen in Ägypten, Südamerika, Spanien und den USA entstehen. Noch 1881 initiiert sie die Erweiterung der Strohzellstoff-Fabrik, die die Rohstoffnot lindern soll, mit der fast alle Papiermacher in Deutschland kämpfen.
![]() |
| ca. 1890 |
"Man verträgt mit verhaltenem Atem das Leben, wenn man sein Liebstes verloren hat... All mein rastloses Tun, mein Tatendurst muß als Mittel gebraucht werden, ein liebes, liebes Grab zu bedecken... mein einzig Heil liegt in steter Beschäftigung. Ich kann nicht plaudern."Dem Gefühl der Einsamkeit - die Tochter Margarete ist durch Eheschließung 1881 nach Berlin verzogen - setzt sie regelmäßiges Klavierspielen, regelmäßige Lektüre ( über ihre 1361 Bände umfassende Bibliothek ist hier bei Interesse mehr zu erfahren ) , Malen und Gärtnern entgegen. Beim Düsseldorfer Landschaftsmaler Carl Ludwig Fahrbach verschafft sie sich neue Motivation und arbeitet wochenlang von morgens bis abends an ihren Bildern - es scheint, dass sich Maria immer wieder verausgaben muss. Eine "gärende Feuerseele" nennt sie Anna Caspary einmal in ihrem Buch.
In ihrem Salon versammelt sie immer wieder illustre Zeitgenossen, vor allem Musiker und bildende Künstler um sich. Neben den erwähnten Max Bruch, Johannes Niessen und Carl Ludwig Fahrbach sind die Dichterin Fanny Lewald, der Bildhauer August Wittig, der Archäologe Ernst Curtius und andere prominente Zeitgenossen darunter. Auch die überrascht sie immer wieder, besonders den Freund Bruch, als sie einen Chor begründet. Aber: "Diese Frau konnte alles, was sie wollte."
Den startet sie mit den Töchtern des Meisters an der Satiniermaschine der Gohrsmühle und ein paar anderen getreuen Mitarbeiterinnen nach Feierabend. "Der Gesangsunterricht ist ein rein naturalistischer", denn keine der Sängerinnen kann Noten lesen. Also singt Maria ihnen vor und weiß zu begeistern, denn immer mehr Mädchen aus den anderen Papiermühlen wollen mitmachen. Im Herbst 1886 hat dieser Frauenchor seinen ersten Auftritt in der großen Halle der Villa und besteht in den Ohren eines handverlesenen, sachkundigen Publikums. Im nächsten Schritt wird er mit dem bereits bestehenden Männerchor des örtlichen Lehrers zum Cäcilienchor vereint. Zwei Jahre später singt der Chor bereits aus dem Bruchschen Oratorium "Odysseus" und den "Waldpsalm", vom Meister selbst dirigiert.
"Schonen Sie sich, zersplittern Sie sich nicht im Kleinen", schreibt ihr Fanny Lewald in jenen Tagen. Aber da ist Maria Zanders schon auf zu neuen Ufern:
![]() |
| Altenberger Dom Ruine (1834) |
![]() |
| CC BY-SA 3.0 |
Auch wenn sie inzwischen manches Mal kalt gestellt wird, entwickelt Maria immer wieder neue Ideen für die Stadtgemeinschaft: So finanziert sie der Gladbacher Fortbildungsschule für Mädchen den Zeichenunterricht durch Künstlerinnen wie Alexe Altenkirch, die ab 1906 als Werbegrafikerin und "Reklame-Leiterin" in der Zanderschen Papierfabrik das Erscheinungsbild der Firma bis 1932 prägen wird.
Sie betreibt die Organisation von "Volksunterhaltungsabenden" der Stadt, ergänzend zu den Konzerten in ihrem Haus. Sie veranstaltet wöchentliche literarische Damenkränzchen und sie initiiert eine Aufführung des "Freischütz" 1898 in Gladbach.
Doch immer mehr leidet sie unter Schmerzen, es wird "Zucker" diagnostiziert, Diät und ständige ärztliche Kontrolle verordnet. Tagsüber wird die Pein wie immer mit Aktivität bekämpft, nachts mit Briefeschreiberei. Und dann kommt auch immer wieder die gefürchtete "Seeleninfluenza" - die völlige Unlust, irgendetwas zu tun.
Ein Stimmungsaufheller für die knapp Sechzigjährige ist die Geburt eines künftigen Erben der Firma, als ihr zweiter Sohn Hans und seine Frau Olga 1899 endlich einen Sohn, Johann Wilhelm, bekommen.
Den trotzdem immer wieder aufkommenden seelischen "Tiefständen" begegnet Maria Zanders mit Kuraufenthalten, so in Wiesbaden, wo ihre inzwischen über achtzigjährige Mutter lebt, oder in Nauheim.
![]() |
| Carl Flamm: Maria Zanders (1902) |
"Ich habe die Empfindung, als ob ich immer tiefer in ein Nichts versänke, allerlei Vorstellungen beherrschen mich, ich kann nicht Herr über sie werden. Die Nächte sind grauenvoll... die Tage sehr öde, da ich mich nicht beschäftigen kann."Im Frühjahr 1901 hört sie endlich auf ihre Kinder und unterzieht sich einem strengen sechswöchigen Sanatoriumsaufenthalt in Baden - Baden, ordnet sich wirklich unter, was ihr schwer fällt. Aber: "... ich bin besser als mein Ruf."
"In den drei Jahren, die Maria Zanders noch zu leben vergönnt waren, steigern sich Arbeit und Erfolg, Prüfungen, Kämpfe, Siege in ununterbrochener Folge", schreibt Anna Caspary in ihrem Buch.Am 5. Dezember 1904 - sie hat vorher noch eine Gesangsstunde gegeben, einen Brief an die Tochter geschrieben und sich bei Tisch aus einer Goethe - Biografie vorlesen lassen - ereilt sie in der Nacht des 6. Dezember ein Herzschlag.
Ihr Begräbnis wird beeindruckend, folgen ihr doch unzählige schwarz gewandete "Zanderianer". Ihre Villa wird von Sohn Hans mit seiner sechsköpfigen Kinderschar bezogen. Schon zwei Jahre später stirbt Marias erster Sohn Richard. Und wieder einmal muss eine Frau, nun in der dritten Generation, den Staffelstab in die Hand nehmen: Diesmal ist es Anna Siemens.
Als zwölf Jahre später auch Hans Zanders stirbt, ist der Enkel Marias, Johann Wilhelm, mit 17 Jahren noch nicht in der Lage, die Firmengeschäfte zu übernehmen. Schon wieder springt eine Frau ein: Seine Mutter Olga Peltzer wird ab da die Firma dreizehn Jahre leiten, unterstützt auch von Alex Altenkirch. Jede der Zanders - Frauen schreibt die Firmengeschichte weiter und setzt beachtenswerte Akzente - und das, obwohl keine von ihnen freiwillig in diese Männerwelt eingetreten ist! Jede hat aber - den vielleicht leichteren - Weg der Wiederverheiratung oder der Liquidation des Unternehmens ausgeschlagen und so ihren Nachkommen erhalten und bis heute Spuren in der Stadt Bergisch Gladbach hinterlassen. Heute ist Zanders längst in fremden Händen, und Marias Villa seit 1986 ein städtisches Kunstmuseum.



















Das Wappen kenn` ich noch von Büttenpapier, welches Daheim in einer extra Schublade stand. Als Kind fand ich es sehr interessant und fragte mich natürlich, wie es hinein geradten war.
AntwortenLöschenDas da so eine starke Frauengeschichte hinter steckte, wusste ich bis heute wieder einmal nicht, Danke Dir für ein weiteres Frauenportrai. manchmal denke ich, die sollten als Buch heraus kommen.
liebe Grüsse,
Nina
Wieder mal eine großartige Frau, die noch dazu ebensolch unternehmerische Schwägerinnen hatte. Die Zanders-Frauen waren schon etwas besonderes!
AntwortenLöschenGohrsmühle mit dem feinen Wasserzeichen, war mir als Papierliebhaberin natürlich bekannt. Aber Schreiben auf Briefpapier ist selten geworden. Auch bei mir.
Im beeindruckenden Kloster Altenberge war ich mal und bin begeistert, dass Maria Zanders hier Mäzenin war.
Danke für dieses feine Frauen-Portrait sagt Sieglinde.
Und wieder eine starke Frau, von der ich noch nie gehört hatte!
AntwortenLöschenWie sehr wir doch alle von der rein männlichen Geschichtsschreibung geprägt sind.
Danke, liebe Astrid, für ein erneut wunderbares Porträt. Ich wünschte, über diese sich gegen Konventionen durchsetzende Frauen wüßten wir alle viel mehr, auch wenn es sich nicht um die großen Heroinen der Weltgeschichte wie Frida Kahlo oder Madame Curie handelt.
Viele Grüße aus dem Münsterland - Brigitte
Es ist interessant zu lesen, wie Frauen, die plötzlich vor der Verantwortung stehen, die ihnen eigentlich gar nicht zugestanden wird, und ihre Tatkraft und Fähigkeiten unter Beweis stellen. Dabei bringt auch hier Maria Zanders soziale Aspekte in ihre geschäftliche Arbeit ein, die den Männern nicht in den Sinn gekommen ist.
AntwortenLöschenDanke für das spannende Portrait!
Liebe Grüße
Andrea
Liebe Astrid,
AntwortenLöschenein spannendes Porträt einer außergewöhnlichen Frau, die enorme Kraftanstrengung und Energie als Unternehmerin und auch als Initiatorin vieler sozialer und kultureller Projekte bewiesen hat.
Ich kannte sie bislang nicht - danke dir, dass du sie und ihr Lebenswerk vorgestellt und weiter bekannt gemacht hast.
Einen schönen Abend wünsche ich dir, Marita
Aber sie setzen sich immer noch für die Musik ein. Sehr, sehr interessant! Was wäre die Welt ohne solche Frauen?
AntwortenLöschenLG
Magdalena
Danke für ein spannendes Portrait einer Frau die soziale Unternehmenskultur geprägt hat. Hachz, ich hab noch Gohrsmühlepapier mit dem Wasserzeichen aus dem Fundus meiner Mutter. Grins. Über Maria Zanders wusste ich nichts - eine starke Frau mit Weitsicht, nicht nur für das Unternehmen, sondern für die Menschen, die es trägt. Ein Geist, der dem auf Aktienkurse ausgerichteten Raubtierunternehmertum so vollkommen abgeht. Soifz. Liebe Grüße, Eva
AntwortenLöschenEin sehr spannendes und anstrengendes Leben.
AntwortenLöschenUnd so wie man sich eigentliches Unternehmertum vorstellt.
Für die eigenen Leute sorgen. Eine tolle Frau!
LG Urte